Moldanazar

Strengere Regulierungen für Playback-Konzerte in Kasachstan

In Kasachstan wurde vor kurzem ein Gesetz verabschiedet, das neue Regulationen im kulturellen Bereich einführt. Dabei erregten vor allem Einschränkungen bezüglich Playback-Konzerten Aufsehen. Laut Kulturministerium und Parlamentariern soll so das kulturelle Niveau im Land angehoben werden.       

Konzertbesucher in Kasachstan sollen vorgewarnt werden, wenn keine Livemusik gespielt wird. Wie die Presseabteilung des Májilis, des Unterhaus des Kasachstanischen Parlaments, am 16. September ankündigte, haben die Abgeordneten eine Gesetzesänderung zu kulturellen Fragen verabschiedet. Neben der Erstellung einer landesweiten Onlinebibliothek und staatlicher Honorare für „gesellschaftlich bedeutsame Literatur“, geht es dort vor allem um die Regulierung von musikalischen Massenveranstaltungen.

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Demzufolge sollen Konzertveranstalter in Zukunft dazu verpflichtet werden, über den Gebrauch von Playback zu informieren. Wie genau, wird in einem späteren Rechtsakt erläutert. „Dort wird die obligatorische Benachrichtigung über die Nutzung von Tonträgern in allen Werbeprodukten und in den Kassenbereichen vorgesehen. Das gibt dem Publikum die Wahl, ein kostenpflichtiges Playback-Konzert zu besuchen oder nicht, und wird sich sicherlich auch auf die Ticketpreise auswirken“, erklärt die Kulturministerin Aqtoty Raıymqýlova, zitiert von der kasachstanischen Onlinezeitung vlast.kz.   

Mehr Livemusik und mehr Anstand

Musiker ihrerseits sollen für Playback ebenfalls geringere Honorare erhalten: „Nicht umsonst sagen die Leute, ‚für Playback-Gesang soll man nicht mit Geld, sondern mit Geldkopien zahlen“, kommentiert der Májilis-Vorsitzende Nurlan Nyǵmatýlin und fügt hinzu, das Gesetz sei ein erster Schritt zu einem vollständigen Verbot von Playback-Auftritten. „Heute, im 21. Jahrhundert, wenn viele Menschen etwas von Kultur verstehen, sollten sie auch eine respektvolle Haltung der Künstler gegenüber ihrem Publikum erleben“, fügt er hinzu.

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Das neue Gesetz soll dazu beitragen, das Niveau von Sängern und die Qualität der Konzertrepertoire zu verbessern. Neben der Form des Auftritts, sollen dabei auch Inhalte reguliert werden: „Inhalte, die allgemein anerkannten, universell menschlichen Normen widersprechen, sollen nicht genutzt werden. Es ist auch wichtig, ein ordnungsgemäßes Verhalten des Künstlers zu garantieren, insbesondere die Vermeidung von amoralischem, unserer Moral fremden Verhalten“, zitiert informburo.kz die Kulturministerin Raıymqýlova. Ihr zufolge sollen Verträge zwischen Veranstaltern und Künstlern solche Regeln enthalten und Verwaltungsstrafen im Falle von unangebrachtem Verhalten auf der Bühne vorsehen. 

Was genau mit „ordnungsgemäßem Verhalten“ gemeint ist, bleibt offen. Raıymqýlova erwähnt Fälle, in denen Musiker Zuschauer beschimpft haben, betrunken aufgetreten sind oder Texte mit obszönen Begriffen vorgetragen haben. Andererseits beteuern aber auch Gegner alternativer Musikgenres wie Q-Pop, die lokale Variante des Koreanischen K-Pop, die Musik stehe „im Widerspruch zu unseren Traditionen“. Bei manchen kasachstanischen Rap-Musikern, wie dem jungen, recht erfolgreichen Duo Kislo-Sladkii & Bonah oder dem Rap-Superstar Skriptonit, sind die Texte von Kraftbegriffen durchsetzt.

Ein Schritt gegen die Toj-Musik

Was die Regulierung von Playback-Konzerten angeht, scheinen sich aber alle einig: „Das hätte man schon vor langer Zeit machen sollen. Sonst stehen da Clowns und tun so, als würden sie zum Playback singen“, kommentiert der Twitter-Nutzer „Red“ die entsprechende Meldung. Auch die Indie-Musikerin und Forscherin Merey Otan, auch bekannt unter ihrem Bühnennamen Mercury Cachalot, ist der ansicht, Playback zeige einen Mangel an Respekt vor dem Publikum. „Ich denke ältere Performer, die an Playback gewohnt sind, werden einen Weg finden das Gesetz nicht einzuhalten. Aber generell wird die Lage mit der Musik besser werden, wenn Neuankömmlinge sich daranhalten”, schreibt sie auf Anfrage von Novastan.

Tatsächlich war ein ähnliches Gesetz bereits 2009 im Gespräch, als Parlamentsabgeordnete erstmals ein Playback-Verbot forderten. Damals kommentierte die Kulturministerin noch, ein Playback-Verbot würde zum „Zusammenbruch der nationalen Estrada (Äquivalent von Schlager oder Popmusik, Anm. d. Red.)“, führen. Estrada wird dabei oft mit Tojs in Verbindung gebracht, also private Festveranstaltungen, die für viele Musiker die Haupteinnahmequelle darstellen. Toj-Musik wird oft mit minderwertiger Qualität in Zusammenhang gebracht, wie auch mit einer verbreiteten Nutzung von Playback.

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Ich denke, das größte Problem [der Musikindustrie in Kasachstan] ist das Toj-Business. Ich habe nichts dagegen, aber Leute sind daran gewohnt, Toj-Musiker zu bezahlen und Musiker anderer alternativer Genres finden es schwer, von ihrer Musik zu leben“, meint auch Otan. „Die Lage ändert sich langsam, aber ich denke das Problem besteht noch.“ Gerade alternative Genres erleben in den letzten Jahren einen deutlichen Aufschwung, rund um Genres wie Q-Pop und erfolgreiche Musiker wie Moldanazar und Dimash Qudaıbergen.  

Halbe Maßnahmen

Kasachstan ist nicht das einzige Land in Zentralasien, in dem Playback-Konzerte reguliert sind, wie die Onlinezeitung Factcheck.kz erläutert. In Turkmenistan wurde der Gebrauch von Tonträgern bei Live-Auftritten bereits 2005 verboten. In Usbekistan müssen Sänger mindestens 60 Prozent ihrer Konzerte Live vortragen, um eine Lizenz für ihre Tätigkeit zu erhalten. Seit Ende 2018 ist Playback bei staatlichen Konzerten dort ganz verboten.        

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Manche Musiker bezweifeln jedoch, dass ein solches Verbot tatsächlich der Verbesserung der Musikszene dienen wird. „Ich denke, das ist so eine Halbmaßnahme, ehrlich gesagt. […] Ich vermute aber, dass das eine weitere Lücke für Korruption sein wird, wie es in unserem Land so oft vorkommt“, zitiert das US-Amerikanische Medium Nastojaschee Wremja den Sänger und Kompositor Aıdos Saǵat. „Aber ich stimme zu, dass Live-Auftritte teurer sein sollten, weil sie rein wirtschaftlich teurer sind“.

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So hat die Nutzung von Playback auch oft mit einer unzureichenden Ausstattung der Veranstaltungsorte zu tun, die die gewünschte Live-Tonqualität nicht leisten können. Der Musiker und Produzent Oljas Baıkanov erklärt gegenüber Nastojaschee Wremja, die Mehrheit der Konzerthäuser in Kasachstan sei zu klein, um hochwertige Konzerte zu einem bezahlbaren Preis anzubieten: „Bei uns fassen die Räume 700-800 Leute. Das heißt, damit dort ein Künstler mit Live-Band auftreten kann, muss der Eintritt 100-200 Dollar kosten. Das ist nicht real!“   

Ich denke, das Gesamtziel sollte nicht die Verbesserung von Liveauftritten, sondern die Verbesserung der Musikkunst im Land sein“, meint auch Otan. „Daher sollte der Staat offene, kostenfreie Musik und Gesangskurse eröffnen und auf dem Weg wird das musikkulturelle Level der Bevölkerung ansteigen.“ Ein ähnlicher Ansatz erkläre ihr zufolge auch den internationalen Erfolg Schwedischer Musik. So könnte eine strengere öffentliche Nachfrage ein gesetzliches Playback-Verbot letztendlich auch überflüssig machen.

Florian Coppenrath
Novastan.org

  

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