Kasachstan: Baikonur bleibt bis 2050 russisch

Kasachstans Senat hat am 10. Juni Änderungen am Pachtvertrag für das Kosmodrom Baikonur ratifiziert. Dieses bleibt somit bis 2050 russisch.

Baikonur bleibt weiterhin russisch. Am 10. Juni hat der Senat, das Oberhaus des kasachstanischen Parlaments, eine Verlängerung des mit Russland bestehenden Pachtvertrages bis 2050 beschlossen. Wie aus einer Pressemitteilung des Senats hervorgeht, hoffen die SenatorInnen, die technische und kulturelle Infrastruktur des Ortes auszubauen. Darüber hinaus ist die Vereinbarung für Kasachstan finanziell äußerst profitabel.

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Das Programm sieht die Entwicklung von Tourismus und Unternehmertum sowie die Modernisierung von Infrastruktur und bezahlbaren Wohnraum für die Bevölkerung vor. Schon zuvor hatte die Vereinbarung ermöglicht, Wohngebäude mit einem weit niedrigeren Gaspreis als dem kasachstanischen Durchschnitt zu versorgen.

Zuletzt waren im Jahr 2019 fünf Wohngebäude mit je 50 Wohnungen errichtet worden. Neben der Vereinbarung wurden rund 70 Rechtsakte zur Regelung verschiedener Fragen rund um den Standort Baikonur unterzeichnet.

Eine Partnerschaft seit 1994

Die Stadt und das Kosmodrom Baikonur werden seit 1994 von Russland verwaltet. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 verfügte Moskau über keinen Raketenstartplatz mehr und beschloss daher, Baikonur von Kasachstan zu pachten. Beide Länder einigten sich auf eine Fläche von mehr als 6.700 Quadratkilometern rund um die Weltraumbasis.

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Diese Situation stellt für Kasachstan einen erheblichen wirtschaftlichen Vorteil dar, da Russland 115 Millionen US-Dollar (94 Millionen Euro) pro Jahr zu zahlen hat. „In den 27 Jahren der Anmietung des Standorts Baikonur hat das Staatsbudget rund 3,1 Milliarden Dollar (2,55 Milliarden Euro, Anm. d. Red.) erhalten”, sagte Baģdat Musin, Kasachstans Minister für digitale Entwicklung, Innovation und Raumfahrt, laut Angaben des kasachstanischen Nachrichtenportals Vlast.

Trägerraketen für Kommunikationssatelliten

Darüber hinaus genehmigte der Senat den Start von Trägerraketen des Typs Sojus-2. Russland zahlt jährlich weitere 460.000 US-Dollar (379.000 Euro), um die Landezone der Trägerraketen zu nutzen. Durch den Start dieser Raketen in nördlicher Richtung sollen Telekommunikationssatelliten in ihre polaren Umlaufbahnen gebracht werden.

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Die Vereinbarung setzt ein Kooperationsprojekt zwischen Kasachstan und OneWeb fort, das darauf abzielt, eine Konstellation von Satelliten zu bilden, um bisher nicht versorgte Regionen mit High-Speed-Internet zu versorgen. Wie Vlast berichtet, werden die von den Sojus-2-Raketen getragenen Satelliten zur Umsetzung dieses internationalen Programms verwendet. Laut Raumfahrtminister Musin benötigt OneWeb für sein Projekt rund 600 Satelliten, von denen sich 146 bereits im Orbit befinden.

Umwelt- und Sicherheitsbedenken

Ein besonderes Augenmerk lag während der Senatssitzung auf Sicherheit und Umwelt, da diesbezüglich zunehmend Bedenken auftreten. Wie das kasachstanische Nachrichtenportal Kazinform berichtete, sprach Minister Musin bei der Vorlage seines Gesetzentwurfs darüber, in welches Gebiet die abnehmbaren Teile der Trägerraketen fallen werden und wie die Sicherheit der BewohnerInnen gewährleistet werden soll. So wird innerhalb von drei bis sechs Tagen nach dem Start die Landezone gesperrt, um die Sicherheit der AnwohnerInnen zu gewährleisten. In der restlichen Zeit wird es keine Bewegungseinschränkungen innerhalb dieser Zone geben und außerhalb ihrer Grenzen bestehe laut Musin keine Gefahr.

Darüber hinaus werden die russische und die kasachstanische Seite aufgefordert, die Umwelt in dem betroffenen Gebiet vor Gefahren zu schützen. Laut Angaben von Kazinform sagte Musin, dass Raketenstarts von Baikonur zu jener Zeit eingeschränkt werden sollen, in der Saiga-Antilopen ihre Jungen bekommen. Flora und Fauna in der Landezone würden überwacht werden und zwischen April und Juni werde es gemäß den Forderungen von Umweltorganisationen keine Starts geben.

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Dennoch besteht Grund zur Sorge. Senator Aqylbek Kúrishbaev schlägt laut Kazinform vor, wissenschaftliche Untersuchungen über die Folgen der Raketenstarts von Baikonur durchzuführen. Er betont zwar den wirtschaftlichen Nutzen dieses Abkommens für Kasachstan, ist jedoch der Ansicht, dass dies nicht ohne ökologische Folgen bleibe. „Viele wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen eindeutig, dass Raketen und Weltraumtechnologie im Normalbetrieb, aber insbesondere in Notsituationen negative Auswirkungen auf die Umwelt haben – Boden, Wasser, Luft, Fauna und Flora“, erklärte der Senator.

Gefahr durch Unfälle und Dimethylhydrazin

Kúrishbaev verwies des Weiteren darauf, dass Dimethylhydrazin, einst weit verbreitet als Raketentreibstoff, zu den gefährlichsten Chemikalien gehöre und bereits viele Böden verseucht habe. Das Produkt sei sehr giftig und habe krebserregende Eigenschaften.

Das insbesondere von Proton-Raketen verwendete Dimethylhydrazin wird in Kasachstan seit vielen Jahren von UmweltaktivistInnen als Problem benannt. Kasachstans Behörden sagen jedoch laut Angaben von Radio Azattyq, dem kasachstanischen Dienst von Radio Free Europe, dass Kommissionen das Gelände von Baikonur regelmäßig inspizieren und dass der Boden systematisch saniert und gereinigt werde.

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In den letzten Jahren gab es jedoch eine Reihe von Unfällen mit Proton-Raketen. Im Jahr 2013 stürzte eine Proton-M-Rakete 32 Sekunden nach dem Start etwa ein bis zwei Kilometer von der Startrampe entfernt ab, wie das kasachstanische Nachrichtenportal Tengrinews damals berichtete. Radio Free Europe behauptet, dass in etwas mehr als 50 Jahren 404 Protonenraketen gestartet wurden, von denen 49 in Unfällen endeten.

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Inzwischen ist man sich der potentiellen Gefahr dieser Raketen und ihrer giftigen Trümmer bewusst. Laut Vlast kündigte Baģdat Musin bereits im Mai an, dass Russland plane, die Starts von Proton-Raketen zu reduzieren. „2016 ist bereits vereinbart worden, dass Proton-Raketen nicht mehr als fünfmal im Jahr eingesetzt werden“, sagte er gegenüber dem Parlament. Im Jahr 2020 habe Russland nur eine Proton-Rakete von Baikonur aus gestartet. Ein vollständiger Stopp sei für 2026 geplant.

Romane Haquette, Redakteurin für Novastan

Aus dem Französischen von Robin Roth

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