Satellitenaufnahme des Balqash

Ein Atomkraftwerk im Wüstensand?

Ende Dezember 2021 wurde bekannt gegeben, dass Kasachstans Behörden entschieden haben, wo das geplante Atomkraftwerk gebaut werden soll. Die Wahl fiel auf die Siedlung Úlken am Ufer des Balqash-Sees. Viele offene Fragen bleiben aber bestehen. Der folgende Artikel erschien am 26. Januar 2022 auf Living Asia. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Die Gründe für die Entscheidung sind hinreichend bekannt. Es sind die Nähe des Atomkraftwerks (AKW) zur demografisch und wirtschaftlich gesättigten Region des Landes, das heißt zu zahlreichen Stromverbraucher:innen, sowie die Verfügbarkeit von Wasserressourcen, die für den Betrieb des Kernkraftwerks und dessen Kühlsystems erforderlich sind. Die Öffentlichkeit befürchtete sofort, dass das Atomkraftwerk eine Verschmutzung des einzigartigen Sees verursachen könnte.

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Eine Reihe von Expert:innen versuchte unmittelbar diese Befürchtungen zu zerstreuen und argumentierte, dass moderne Technologien zur Wasserkühlung von AKWs geschlossener Natur seien. Das Austreten radioaktiver Elemente außerhalb des Anlagenkreislaufs sei ausgeschlossen. Fairerweise sei darauf hingewiesen, dass dies bei einem stabilen Betriebszustand die wahrscheinlichste Option ist, obwohl das Problem natürlich zu ernst ist und einer weiteren Diskussion bedarf. Aber die Idee, am Balqash-See ein AKW zu bauen, hat noch andere Aspekte. Einer davon ist der künftige Betrieb des Kraftwerks angesichts eines möglichen Absinkens des Wasserspiegels im See.

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Das Regime für die Nutzung der Wasserressourcen grenzüberschreitender Flüsse war schon immer ein schwieriges Thema in den Beziehungen zwischen Kasachstan und China. Kasachstanische Ökolog:innen haben dieses Problem seit Mitte der 1990er Jahre angesprochen, aber bis heute ist es nicht gelöst. Bereits 1998 schrieb die unabhängige Nachrichtenagentur Asia Press: „Auf Seite des Nachbarn werden die Flüsse, die in China entspringen und dann nach Kasachstan fließen, mit chinesischer Rationalität und Größenordnung angegangen. Dies gilt vor allem für den Ili, der in den immer seichter werdenden Balqash-See mündet.“

Kaum Wasser aus China

Der Fluss Ili entspringt in China und fließt dann von Süden her in den westlichen Teil des Balqash-Sees. Er macht etwa 80 Prozent des Zuflussmenge in den See aus. Etwa 44 Prozent des Einzugsgebiets liegen auf chinesischer Seite. Die Versandung des Balqash ist ein bekanntes Problem, über das viel geredet wird. Es muss aber betont werden, dass dies nicht erst gestern begonnen hat: Die Versandung begann mit der Errichtung des Qapchaģaı-Stausees im Jahr 1970, um dort den Betrieb eines Wasserkraftwerks sicherzustellen. Seitdem ist das Volumen des Sees um etwa zwei Kubikkilometer geschrumpft. Seit den 2000er Jahren hat China jedoch zunehmend begonnen, den Rückgang der Wassermengen zu beeinflussen.

Für China ist die Entwicklung der Region Xinjiang eine der Prioritäten der staatlichen Politik. Dies schließt auch das demografische Wachstum von Xinjiang ein und impliziert somit auch zwangsläufig die Schaffung neuer Arbeitsplätze und die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion. Die Entwicklung des Agrarsektors unter den natürlichen und klimatischen Bedingungen der Region erfordert viel Wasser. Dieses wird den Flüssen entnommen, die weiter nach Kasachstan fließen, insbesondere dem Ili und dem Irtysch. Gleiches gilt für eine andere führende Industrie in der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang – die Ölförderung. Dadurch gelangt immer weniger Wasser in den Balqash-See. Pekings Aktivitäten und Pläne, die indirekt, aber stark auf die Zukunft des Balqash einwirken, bleiben weiterhin bestehen.

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Eine weitere Herausforderung für den Balqash ist der Klimawandel. „Das gesamte Wasser, das in den See gelangt, verdunstet. In dieser Hinsicht kann die erwartete weitere Erwärmung des Klimas zu einer anschließenden Abflachung führen“, heißt es in dem von mehreren russischen Experten veröffentlichten Artikel Grenzüberschreitende Flüsse Kasachstans und Chinas. Die Autoren stellen auch fest, dass angesichts der Probleme mit dem Wasservolumen des Sees Kasachstan bereits 2007 China das Angebot unterbreitete, einen zehnjährigen Vorzugsvertrag für die Lieferung von Nahrungsmitteln im Austausch für die Aufrechterhaltung des Zuflussmenge in den Balqash-See abzuschließen. Peking stimmte aber nicht zu – eine charakteristische Reaktion.

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Alles in allem lässt sich nicht leugnen, dass über den Balqash ökologische Bedrohungen schweben, die zu einer ernsthaften Abnahme des Wasservolumens und zur Änderung der Uferlinie führen können. Ist es möglich, die Situation zu ändern? Wirkliche Chancen sind noch nicht sichtbar. Dies führt zur zweiten Frage: Wieso plant man den Bau eines Atomkraftwerks unter solchen Bedingungen, wenn eines der Hauptargumente dafür mit dem Wasser des Sees zusammenhängt, das zum Kühlen der Reaktoren notwendig ist? Kein Wasser – kein Atomkraftwerk?

Living Asia

Aus dem Russischen von Robin Roth

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Hat Politologie und Slavistik in Göttingen und Torun studiert. Von 2015 bis 2017 war er Sprachassistent des Goethe-Instituts Kasachstan mit dem Einsatzort Qaragandy und hat während dieser Zeit Zentralasien kennen und lieben gelernt.

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