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Wer entscheidet in Zentralasien, wie Frauen auszusehen haben?

Für „Schönheitsspritzen“ müsse man im Jenseits Rechenschaft ablegen, erklärte kürzlich ein tadschikischer Geistlicher. Im benachbarten Turkmenistan droht für Schönheitsoperationen keine himmlische Strafe, sondern eine ganz irdische: Passagierinnen mit vergrößerten Lippen und verlängerten Wimpern werden Berichten zufolge nicht auf internationale Flüge zugelassen. Warum versuchen Geistliche und weltliche Machthaber in den Ländern Zentralasiens, das Aussehen von Frauen zu kontrollieren?

Tadschikische Frauen mit Kopftuch. Foto: Steve Evans, Wikimedia Commons.

Für „Schönheitsspritzen“ müsse man im Jenseits Rechenschaft ablegen, erklärte kürzlich ein tadschikischer Geistlicher. Im benachbarten Turkmenistan droht für Schönheitsoperationen keine himmlische Strafe, sondern eine ganz irdische: Passagierinnen mit vergrößerten Lippen und verlängerten Wimpern werden Berichten zufolge nicht auf internationale Flüge zugelassen. Warum versuchen Geistliche und weltliche Machthaber in den Ländern Zentralasiens, das Aussehen von Frauen zu kontrollieren?

Nein zu Botox und eng anliegender Kleidung, Ja zu Kleid mit weiten Hosen

Der Vorsitzende des Rates der Ulemas [muslimischer Rat, Anm. d. Übers.], Mufti Sajdmukarram Abdulqodirsoda von Tadschikistan, äußerte sich während seiner jüngsten Freitagspredigt scharf über die „Mode“ von Botox, Fillern und plastischen Operationen bei Frauen. Das Video seiner Rede, das auf dem YouTube-Kanal des Islamischen Zentrums veröffentlicht wurde, wurde zehntausende Male angesehen.

Der Mufti bezeichnete kosmetische Eingriffe als „haram” (im Islam verboten) und forderte die Gläubigen auf, „ihr Verhalten zu verbessern, nicht ihr Aussehen”. Er verurteilte die Begeisterung für „Schönheitsspritzen“ und plastische Operationen und erklärte, dass „der Körper ein von Gott anvertrautes Gut“ sei und man für solche Handlungen „im Jenseits Rechenschaft ablegen muss“.

Diese Rhetorik steht im Einklang mit umfassenderen staatlichen Beschränkungen: Vor anderthalb Jahren verschärfte Tadschikistan seine Politik in Bezug auf Frauenkleidung. Im Frühjahr 2024 unterzeichnete Präsident Emomalij Rahmon Änderungen zum Gesetz „Über die Regulierung von Traditionen, Feierlichkeiten und Ritualen“ und verbot damit de facto „die Einfuhr, Werbung und den Verkauf von Kleidung, die nicht der nationalen Kultur entspricht“. Bei Verstößen drohen Geldstrafen von 7.920 bis 57.600 Somoni (ca. 730 bis 5.300 Euro).

Die Arten von Kleidungsstücken werden im Gesetzestext nicht aufgeführt, aber nach Meinung von Expert:innen fällt unter diese vage Formulierung vor allem Kleidung, die den islamischen Kanonen des Nahen Ostens entspricht. In Tadschikistan ist sogar ein spezieller Begriff für „fremde Kleidung” entstanden.

Die Medien berichteten über Fälle, in denen Frauen mit Hidschabs nicht in medizinische Einrichtungen gelassen wurden, solange sie ihr Kopftuch nicht „auf tadschikische Art” mit einem Knoten nach hinten gebunden hatten. Manchmal werden auch kurze Röcke und enge Oberteile als „nicht der nationalen Kultur entsprechend” angesehen.

Im Juli 2024 nahmen Polizeibeamte zwei junge Frauen wegen Veröffentlichungen auf Instagram fest, auf denen sie in kurzen Kleidern posierten, mit der Begründung, dies „verletze die Ehre“ tadschikischer Frauen und Mütter. Nach einem „präventiven” Gespräch wurden die Frauen freigelassen, aber ihre Fotos wurden auf der offiziellen Seite der Strafverfolgungsbehörden in den sozialen Netzwerken veröffentlicht, wobei ihre Gesichter und persönlichen Daten sichtbar blieben.

Etwa zur gleichen Zeit veröffentlichte der Rat der Ulemas eine Fatwa gegen „schwarze, eng anliegende und durchsichtige” Kleidung und behauptete, diese sei „unvereinbar mit der nationalen Kultur der Tadschiken”. „Tadschikische Frauen trugen jahrhundertelang Kleidung, die den Anforderungen der Scharia entsprach und lokale Bräuche und Ornamente sowie klimatische Besonderheiten berücksichtigte”, hieß es in der Fatwa. Sogar die religiösen Führer schrieben Frauen also vor, die Nationaltracht zu tragen – ein Kleid mit Hosen und einem Kopftuch.

Später veröffentlichte das Kulturministerium Beispiele für traditionelle Nationaltrachten, die Frauen und Mädchen „empfohlen“ werden, und stellte sogar Muster zur Verfügung, wie sie sich „altersgerecht“ und den Umständen entsprechend kleiden sollten – sei es im Alltag, bei der Arbeit, bei Festen oder kulturellen Veranstaltungen. Dabei ging es um die „Erhaltung der Kultur”, doch tatsächlich lenken solche Initiativen die Aufmerksamkeit der Gesellschaft von den wirklichen Problemen ab – Armut, Arbeitslosigkeit und Inflation.

„Wenn der Lebensstandard niedrig ist und die sozialen Probleme zunehmen, wird die Betonung der ‚moralischen Erscheinung‘ zu einem bequemen Instrument für die Machthaber“, argumentiert ein Soziologe aus Duschanbe, der darum gebeten hat, seinen Namen nicht zu nennen. „Es handelt sich um eine Form der sozialen Kontrolle, die unter dem Deckmantel der Sorge um die Moral getarnt ist. Dabei wird die Frage des Aussehens von Frauen zu einem Instrument der ideologischen Einflussnahme, ebenso wie der Kampf gegen fremde Kleidung.“

Strafen und Entlassungen wegen Verstössen gegen die „Ustosy Türkmençilik“

In Turkmenistan unterliegt das äußere Erscheinungsbild von Frauen staatlichen Vorschriften. Und die Kontrollen sind viel strenger geworden: Nach dem Amtsantritt von Präsident Serdar Berdimuhamedow im Jahr 2022 (er löste seinen Vater Gurbanguly Berdimuhamedow ab) wurden Frauen auffälliges Make-up, helles Färben der Haare, Wimpern- und Nagelverlängerungen sowie Botox-Injektionen verboten.

Im Jahr 2023 nahm die Polizei in der turkmenischen Stadt Mary zwei Frauen fest und beschuldigte sie, „für Turkmeninnen unangemessene Kleidung” getragen zu haben. Sie wurden zur Polizeistation gebracht und nach mehreren Stunden Verhör wieder freigelassen, berichtete die turkmenische Redaktion von Radio Free Europe/Radio Liberty, Azatlyk. „Sie sind für Turkmeninnen unangemessen gekleidet. Sehen Sie sich ihre Kleider an, ihre Brüste sind zur Schau gestellt“, zitierten Zeug:innen des Vorfalls die Worte der Polizisten.

Im selben Jahr berichtete Azatlyk, dass Frauen wegen ihrer vergrößerten Lippen und verlängerten Wimpern nicht zu internationalen Flügen zugelassen wurden. Mitarbeitende der Flughäfen behaupteten, dass Gesichtserkennungsprogramme sie aufgrund ihres „verzerrten Aussehens nicht erkennen“ würden.

Als Reaktion auf die internationale Kritik an dem faktischen Verbot kosmetischer Eingriffe erklärte der Abgeordnete Serdar Arazow, dass die Verbote „auf hygienischen Normen beruhen“ und „in keiner Weise mit einer Einschränkung der Rechte von Frauen zusammenhängen“. „Ich glaube, Sie wurden falsch über das Aussehen von Frauen informiert. Wir haben diese Frage unter medizinischen Gesichtspunkten betrachtet. Es wurde eine umfassende Analyse durchgeführt, bei der Aspekte wie mangelnde Hygiene und illegale Arbeit im Bereich der Kosmetik festgestellt wurden“, erklärte Arazow damals.

Unterdessen führen Polizisten Kontrollen auf den Straßen durch und kontrollieren Frauen mit „übermäßigem Make-up” und „unangemessener Kleidung”. Verstöße gegen die „Grundsätze des Türkmençilik“ (eine nicht offiziell definierte Verhaltensnorm, mit deren Hilfe die Behörden Turkmenistans das Aussehen, den Lebensstil und sogar die privaten Gewohnheiten der Bürger:innen kontrollieren und dies mit dem Schutz der „nationalen Identität und Moral“ rechtfertigen) werden mit Geldstrafen und dem Verlust des Arbeitsplatzes geahndet. Berichten zufolge haben Dutzende von Frauen ihren Arbeitsplatz bei der nationalen Fluggesellschaft und den Eisenbahnbehörden verloren, angeblich weil sie sich die Lippen vergrößern oder Brustimplantate einsetzen ließen.

Die Gesetzgebung Turkmenistans enthält keine Liste von Kleidung, die für turkmenische Frauen „angemessen” oder „unangemessen” ist und es gibt auch keine bestimmten Regeln für ihr Verhalten in der Öffentlichkeit. Trotzdem verschärfen die Behörden unter dem Vorwand der Aufrechterhaltung der sogenannten „Türkmençilik” von Zeit zu Zeit die bereits jetzt restriktiven Maßnahmen.

„Wie man Frauen unter dem Deckmantel der moralischen Sorge kontrolliert“

Die Rhetorik der Behörden sowohl in Tadschikistan als auch in Turkmenistan verweist auf den Schutz von Traditionen und Moral, aber dient im Wesentlichen dazu, Frauen zu kontrollieren und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit abzulenken.

„Wenn die Regierung oder religiöse Führer über Botox und Kleidung diskutieren, weichen sie Gesprächen über Arbeitslosigkeit, Korruption und Inflation aus. Das ist eine bewährte Taktik“, meint Anora Sadyqowa, Soziologin aus Duschanbe. „Unter dem Vorwand, die Kultur des Staates zu schützen, konstruieren sie die ideale Frau‘ – gehorsam, bescheiden und ohne Mitspracherecht.“

Eine ähnliche Meinung vertritt eine Gender-Aktivistin aus Duschanbe, die anonym bleiben möchte. Ihrer Meinung nach wird in einer Gesellschaft, in der reale sozioökonomische Probleme ungelöst bleiben, die Kontrolle über das Verhalten und das Aussehen von Frauen zu einem bequemen Instrument, um von den tatsächlichen Problemen abzulenken.

Darüber hinaus werfe diese gängige Praxis Fragen zu Doppelmoral und Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in Bezug auf das Aussehen auf: „Warum richtet sich die Aufmerksamkeit immer nur auf Frauen?“, fragt sie. „Gewisse Männer, darunter gerade jene, die in staatlichen Behörden arbeiten, pflegen sich ebenfalls: Sie lassen sich die Nägel machen, färben graue Haare, bekämpfen Haarausfall und lassen sich Haare transplantieren. Aber niemand verurteilt sie dafür. Warum wird ihnen nicht empfohlen, traditionsgemäß Tschapan und Turban zu tragen? Das ist doch auch Teil der nationalen Kultur! Nein, sie tragen Anzüge mit Krawatten, die den Tadschiken ‚fremd‘ sind. Und wenn es um das Aussehen von Frauen geht, fallen sofort Begriffe wie ‚Sünde‘, ‚Schande‘ oder ‚fremde Kultur‘. Das ist eine Möglichkeit, Frauen unter dem Deckmantel der Sittenwahrung zu kontrollieren.“

Verteidigung von „Traditionen“ als regionaler Trend

Elemente einer solchen Kontrolle lassen sich auch in anderen Ländern Zentralasiens beobachten. In Kasachstan, Kirgistan und Usbekistan wird keine offene Kritik an kosmetischen Eingriffen geäußert, aber unter dem Vorwand der Bewahrung von „Traditionen“ werden zunehmend Beschränkungen hinsichtlich der Kleidung und des Aussehens von Frauen eingeführt. Aus Angst vor einem zunehmenden Einfluss des Islam nutzen säkulare Regierungen häufig das Thema des Aussehens der Bürgerinnen als Instrument der sozialen und ideologischen Kontrolle.

Im August 2025 wurde in Namangan im Osten Usbekistans den Ehefrauen islamischer Geistlicher vorgeschrieben, Kopftücher nach lokaler Sitte zu tragen – sie hinter dem Kopf zu verknoten und nicht nach arabischem Vorbild. Das Verbot des Niqab (ein langes muslimisches Gewand, das den Körper, die Haare und das Gesicht bedeckt, nur die Augen bleiben frei) wurde in Usbekistan bereits 2023 eingeführt: Die Maßnahme wurde mit der Notwendigkeit begründet, die öffentliche Ordnung und die Arbeit des Videoüberwachungssystems zu gewährleisten. Bei Verstößen droht eine Geldstrafe von 350 bis 700 Euro.

Im Sommer 2025 unterzeichnete der Präsident Kasachstans Qasym-Jomart Toqaev ein Gesetz, das das Tragen von Kleidung, die das Gesicht bedeckt, in der Öffentlichkeit verbietet. Damit wurde der Niqab verboten. Auf dem nationalen Kurultaı in Atyrau im März betonte er: „Anstatt sich in schwarze Gewänder zu hüllen, die das Gesicht verhüllen, ist es viel besser, Kleidung im nationalen Stil zu tragen. Sie ist harmonisch und sieht besonders bei Frauen schön aus.“

Im benachbarten Kirgistan trat das Niqab-Verbot im Januar 2025 in Kraft. Ausnahmen gelten nur für Kleidung, die mit der Arbeit oder medizinischen Indikationen zusammenhängt. Zuwiderhandlungen werden mit einer Geldstrafe von ca. 200 Euro geahndet. Die Abgeordneten des Parlaments Dschogorku Kengesch begründeten das Verbot mit Sicherheitsaspekten, damit die Gesichter der Menschen zur Identifizierung sichtbar seien. Kritiker:innen wiesen jedoch darauf hin, dass dies die Freiheit der Kleiderwahl einschränkt.

Kirgistan ist damit das einzige Land in der Region, in dem das Tragen des Hidschabs in Schulen und Büros erlaubt ist. In Kasachstan, Tadschikistan und Usbekistan hingegen ist der Hidschab in Bildungseinrichtungen, staatlichen Einrichtungen und Regierungsgebäuden verboten.

In Berichten der internationalen Organisationen Human Rights Watch, Amnesty International und der US-Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF) wird schließlich festgehalten, dass die Behörden Zentralasiens unter dem Vorwand der Bekämpfung des Extremismus die Kontrolle über das Aussehen, das Verhalten und die religiösen Praktiken der Bürger:innen verstärken.

Radio Azattyq

Aus dem Russischen von Michèle Häfliger

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