Warum es in Kirgistan üblich ist, über Selbstmord zu schweigen

Ein Suizid erhält hohe mediale Aufmerksamkeit, kurz darauf kommt es zu weiteren Selbstmordversuchen. Das Nachrichtenportal 24.kg sprach mit dem klinischen Psychologen Karen Petrosyan Anfang Dezember 2021 darüber, was in kirgisischen Gesellschaft vor sich geht, vor welchen Problemen die psychologische Betreuung steht und warum es in Kirgistan nicht üblich ist, über Selbstmord zu sprechen.

Ende Oktober sprang in Bischkek ein 22-jähriger Junge vom Dach eines unfertigen neunstöckigen Gebäudes. Mitte November verhinderten die Rettungskräfte in der Hauptstadt eine ähnliche Tragödie. In Tokmok wurden drei Selbstmordversuche vereitelt, ein weiterer wurde kürzlich in Bischkek verhindert – ein Mädchen wollte aus dem achten Stock springen.

24.kg: Karen, in letzter Zeit hören wir immer häufiger von Selbstmordversuchen. Was ist hier los?

Karen Petrosyan: Sie haben vielleicht schon vom Werther-Effekt gehört. Dabei handelt es sich um eine massive Welle von Nachahmungsselbstmorden, die nach einem Vorfall auftreten, über den in den Medien ausführlich berichtet wurde.

Die jüngsten Vorfälle in Kirgistan verbindet die Art und Weise des versuchten Selbstmordes. Alle stürzten sich aus großer Höhe, waren etwa gleich alt und mehrheitlich gleichen Geschlechts. Das ist typisch für den Werther-Effekt. Erinnern wir uns an den ersten tragischen Fall, der sich in Bischkek an der Kreuzung der Baityk Baatyr- und der Suerkulov-Straße ereignete.

In den Medien und einigen Telegrammkanälen war sogar zu sehen, wie der Mann vom Dach sprang. Ich weiß wirklich nicht, wofür.

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Auch wenn Menschen sehr unterschiedlich mit diesem Ereignis umgingen, löste dies eine regelrechte Kettenreaktion aus. Einige übergingen die Information, andere waren entsetzt, wieder andere identifizierten sich mit dem Ereignis auf besondere Weise und zogen Parallelen zwischen sich und dem Verstorbenen. Das Informationsfeld beginnt in solchen Momenten, einer bestimmten Kategorie von Menschen eine Idee zu geben, die sie für lange Zeit umgibt. Wenn dann noch Faktoren hinzukommen, die die Impulsivität erhöhen, wie Alkohol oder ein heftiger Streit mit Angehörigen, kann dies zur Nachahmung verleiten.

Was sagen die Statistiken? Wie oft beschließen Kirgisen, sich das Leben zu nehmen?

Die Statistik für 2019 zeigt 5,8 Selbstmorde pro 100.000 Einwohner. Im Jahr 2020 ist diese Zahl auf 4,6 zurückgegangen. Jedes Jahr nehmen sich in Kirgisistan zwischen 460 und 480 Menschen das Leben – also bringt sich jeden Tag jemand um.

Natürlich wird nicht jeder Fall so detailliert und ausführlich in den Medien behandelt. Und in gewisser Weise ist das auch gut so – denn es reduziert die Zahl der potenziellen Nachahmer. Allerdings steht hinter den von mir zitierten Statistiken noch eine große Dunkelziffer.

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Werden die Zahlen zu niedrig angegeben?

In der Realität kommt es immer wieder zu kontroversen Fällen, in denen als Todesursache ein Unfall angegeben wird. Zum Beispiel ertrinkt eine Person unter merkwürdigen Umständen in einer Badewanne, fällt aus dem Fenster, schneidet sich oder ähnliches. Der Selbstmord eines geliebten Menschen oder eines Verwandten wird verheimlicht, um der Verurteilung durch andere zu entgehen, dem Tadel. Ein weiterer Faktor ist die Religiosität. In vielen Lehren ist Selbstmord eine schreckliche Sünde. Selbstmörder werden nicht begraben und nicht auf gewöhnlichen Friedhöfen beigesetzt. Und für die ÄrztInnen selbst ist es manchmal einfacher, einen Unfalltod als Todesursache anzugeben, weil die Registrierung eines Selbstmordes Probleme verursacht – Polizeikontrollen, Ermittlungen. Deshalb spiegeln die Daten, die wir erhalten, nicht das gesamte Bild wider.

Zurück zu der ersten Tragödie, die sich in Bischkek ereignete. Viele haben die Rettungskräfte mit Kritik überzogen. Es heißt, der Mann hätte gerettet werden können, man hätte ihm die Sache ausreden können. Was meinen Sie dazu?

Ich würde weder dem Psychologen, noch dem Rettungsteam die Schuld geben. Der junge Mann war bereits emotional aufgewühlt, als er auf das Dach kletterte. Überall waren Fernsehkameras und Aufmerksamkeit um ihn herum. Und ohne, dass er sich seiner Handlungen bereits im Ansatz bewusst war.

Hätte das Rettungsteam mit dem Jungen unter vier Augen gearbeitet, wäre das Ergebnis vielleicht ganz anders ausgefallen. Sie haben viel Erfahrung in der Suizidprävention. Die Menge der Gaffer im Erdgeschoss spielte ebenfalls eine negative Rolle. Ich kann nicht sagen: „Wenn ich an der Stelle des Psychologen von Rettungsteam gewesen wäre, hätte ich es geschafft“. Und glauben Sie mir, kein/e SpezialistIn in Kirgisistan wird Ihnen das sagen. Es handelte sich um eine extrem schwierige Situation, die durch die viele Aufmerksamkeit nur noch schlimmer wurde.

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Wie erkennt man ein potenzielles Selbstmordopfer?

Es ist ein Irrglaube, dass eine Person, die einen verzweifelten Schritt tut, dies niemals sagen wird. Dass dies nur „Poser“ tun, die ohne ernsthafte Absichten die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die große Mehrheit der Selbstmordgefährdeten sucht unbewusst Hilfe. Irgendwie fangen sie an, es in Gesprächen zu erwähnen. Also nicht direkt, nach dem Motto: „Ich werde mich morgen aufhängen“. Vielmehr machen sie Andeutungen. Sie sagen, dass sie von allem genug haben. Sie könnten scherzhaft sagen: „Ich wäre lieber tot“ oder etwas Ähnliches. Ein solcher Satz sollte Sie aufhorchen lassen. Dazu müssen drei Faktoren zusammenkommen: Erstens die Hoffnungslosigkeit, zweitens das Nichtstun. Die dritte ist das Gefühl, dass das eigene Leben für andere bedrückend ist.

Es ist sehr wichtig, diese Symptome nicht zu übersehen. Übermäßiger Alkohol- und Drogenkonsum ist ebenfalls ein starkes Signal. Die Person hört auf, die üblichen Dinge zu tun, sich um sich selbst zu kümmern. Verliert das Interesse an früheren Hobbys und der Arbeit.

Wenn es sich um Jugendliche handelt, ist ein deutliches Zeichen die Faszination für Literatur, Zeichnungen oder Videos zum Thema Selbstmord. Es könnte sich dabei zweifellos um kindliche Neugier handeln, dennoch sollten diese Warnsignale nicht übersehen werden. Ein deutliches Anzeichen ist selbstverletzendes Verhalten.

Es gibt die Meinung, dass man mit Teenagern nicht über Selbstmord sprechen sollte, da diese eine solche Tragödie erst auslösen könnte.

Dieser Irrglaube ist weit verbreitet. Selbstmord ist in unserer Gesellschaft ein Tabu, wenn es um Kinder geht. Wenn das Kind eine normale Beziehung zu Ihnen hat, schaden Sie ihm keineswegs, wenn Sie es vorsichtig fragen. Im Gegenteil, Sie stärken sein Vertrauen. Und wenn es bereits ein Problem gibt, wenn das Kind einige Sorgen angesammelt hat, dann wird ein aufrichtiges und offenes Gespräch diese aufdecken.

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Teenager sind sehr emotional. Wie kann man sie vor unüberlegten Entscheidungen schützen?

Studien zeigen, dass das Selbstmordrisiko um etwa die Hälfte sinkt, wenn ein Kind eine vertrauensvolle Beziehung zu mindestens einem Elternteil hat. Was auch immer in der Schule passiert, die erste Liebe und Liebeskummer, Mobbing durch Gleichaltrige, schulische Probleme – Ihr Kind braucht das Gefühl, dass Sie eine Mauer sind, hinter der es sich verstecken kann. Dass es sich jederzeit bei Ihnen melden und weinen kann. Wenn in der Familie verboten wird, darüber zu sprechen und Gefühle zu zeigen, wird das Kind all seine Sorgen in sich behalten und anhäufen. Sie sollten ein Freund für das Kind sein.

Dies war vor allem vor dem Hintergrund des so genannten „Blauen Wals“ zu sehen. Als Eltern sich plötzlich massenhaft daran erinnerten, dass Kinder nicht nur gefüttert und eingekleidet werden müssen, sondern auch, dass man mit ihnen reden muss.

In Europa gibt es Dienste, an die sich verzweifelte Personen 24 Stunden am Tag über eine Hotline wenden können. Wie ist die Lage hier?

In den USA beispielsweise erscheint bei der Eingabe einer Suchanfrage zum Thema Selbstmord als erstes eine Hotline-Nummer, die Ihren Anruf oder Ihre Textnachricht entgegennimmt, und dann die anderen Optionen. Es spielt keine Rolle, wonach Sie suchen. Es mag eine Information für Ihre These sein, aber der Algorithmus wird funktionieren.

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Bei uns gibt es keine solchen Hotlines. Früher gab es Dienste, die von Nichtregierungsorganisationen organisiert wurden, aber als deren Ressourcen erschöpft waren, wurden sie geschlossen. Wir versuchen aktuell nicht, Selbstmord zu verhindern. Wir suchen nachher einen Schuldigen. Nur bringt es die Toten nicht zurück.

Viele Menschen scheuen sich, nicht nur in speziellen Einrichtungen, sondern auch bei normalen PsychologInnen Hilfe zu suchen, weil sie denken, dass sie als krank angesehen werden könnten. Wird eine Person, die Selbstmordgedanken äußert, ins Krankenhaus eingewiesen?

 Nein, niemand wird jemanden zwingen, sich in eine Krankenstation zu begeben und ihn dort mit Betäubungsmitteln ruhigstellen. Selbstmordgedanken sind ein Syndrom, das sowohl bei Krankheiten als auch bei allgemeinen psychischen Störungen auftreten kann. Sie brauchen einen guten Grund für einen Krankenhausaufenthalt. Zum Beispiel, wenn die Person eine echte Gefahr für sich oder andere darstellt. In den Fällen, in denen es notwendig ist, trifft ein Gremium von ÄrztInnen die endgültige Entscheidung.

Man hört auch von der anderen Seite der Medaille, wenn Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen einen Krankenhausaufenthalt benötigten, die ÄrztInnen sich aber weigerten…

Wenn es nicht um eine psychologische, sondern um eine psychiatrische Behandlung geht, besteht ein schmaler Grat zwischen Humanismus und strafender Medizin. Es sollte nicht zu einer Überreaktion in die eine oder andere Richtung kommen. Es gab eine Zeit, in der Krankenhäuser Menschen einsperrten, die der Regierung nicht gefielen, in der Verwandte sich absprachen und dafür sorgten, dass ein gesunder Mensch eine lebenslange Behandlung erhielt. Eine Zeit, in der „schwarze ImmobilienmaklerInnen“ florierten. Diese Angst ist auch heute noch lebendig. Die Tabuisierung von Themen, die nicht nur die psychiatrische, sondern auch die psychologische Versorgung betreffen, ist weitgehend auf die Vergangenheit zurückzuführen.

Natürlich gibt es auch objektive Gründe. Fehlendes medizinisches Personal, mangelnde Finanzierung. Ihre Redaktion hat einen Bericht von mehreren spezialisierten Einrichtungen veröffentlicht. Sie haben sich selbst ein Bild von den Bedingungen gemacht, unter denen PsychiaterInnen arbeiten müssen. Und das ist praktisch die Situation im gesamten System der psychiatrischen medizinischen Versorgung. Erbärmliche Gehälter und exorbitante Arbeitsbelastung. Einige finden die Kraft, Menschen zu helfen, während es anderen leichter fällt, die zusätzliche Arbeitsbelastung nicht auf sich zu nehmen und die Aufnahme ins Krankenhaus zu verweigern.

Gibt es einen allgemeingültigen Rat, wie man sich und seine Angehörigen schützen kann?

Haben Sie keine Angst und zögern Sie nicht, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Probleme überwältigend sind und Sie sie nicht selbst bewältigen können. Damit haben wir in unserer Gesellschaft große Schwierigkeiten. Tabu. Sofort fragen wir uns: „Was werden die anderen von mir denken, wenn sie wissen, dass ich bei einem/einer PsychologIn war?“ Wir zögern nicht, zu ZahnärztInnen zu gehen, wenn wir Zahnschmerzen haben, oder? Wir denken nicht darüber nach, was die Leute von uns denken werden. Wieso ist ein seelisches Leiden schlimmer als Zahnschmerzen? Auch damit muss man sich befassen.

Ein weiteres Problem ist die Zugänglichkeit. Vor allem in den ländlichen Regionen. Dieser Rat richtet sich vor allem an die Entscheidungsträger, weniger an die kirgisische Bevölkerung. Es geht um die Entwicklung eines Frühwarnsystems. In der heutigen Zeit, in der der Stress immer mehr zunimmt, ist dies äußerst wichtig. Denn es ist immer einfacher, eine Tragödie zu verhindern, als ihre Folgen zu bewältigen.

Die Redaktion von 24.kg

Aus dem Russischen von Aigerim Kozhakhmetova

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