Beim 25. Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Bischkek haben sich die Mitgliedsstaaten der Organisation auf die Bischkek-Erklärung geeinigt, welche die Notwendigkeit einer inklusiven und stabilen Herrschaft in Afghanistan betont. Seit dem Russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 haben die zentralasiatischen Länder neues Interesse an ihrem Nachbarn und erhoffen sich wirtschaftliche und sicherheitspolitische Zusammenarbeit. Dies kommt den Taliban, welche seit 2021 autokratisch über Afghanistan herrschen, durch die prekäre Wirtschaftslage im eigenen Land überaus gelegen.
Selten hat ein Geburtstag so viele prominente Gäste: Zum 25jährigen Bestehen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) erschienen zum diesjährigen SOZ-Gipfel in Bischkek neben dem russischen Präsidenten Wladimir Putin der chinesische Führer Xi Jinping, der indische Premierminister Narendra Modi, aber auch Massud Peseschkian aus dem Iran. Aus Zentralasien waren, neben dem Gastgeber Kirgistan, die Staatsoberhäupter der Gründungsmitglieder der Organisation, Kasachstan, Tadschikistan und Usbekistan anwesend, um sicherheits- und wirtschaftspolitische Fragen zu diskutieren.
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Dabei waren sich die geopolitisch oft miteinander konkurrierenden Staaten in einem Punkt erstaunlich einig: Die Rolle des abwesenden Staats Afghanistan für das Sicherheitsgefüge der Region und die Notwendigkeit von Stabilität im Land seit der erneuten Machtübernahme der Taliban im August 2021, welche nicht eingeladen worden waren. Der stellvertretende SOZ-Generalsekretär Ahmad Saeed Moradzadeh betonte in einer Rede die Notwendigkeit internationaler Unterstützung und die Abfederung ausfallender Handelseinnahmen, um die humanitäre Katastrophe des Landes zu bekämpfen; die gemeinsame Position der Teilnehmerstaaten wurde in der sogenannten Bischkek-Erklärung festgehalten. Von der gewalttätigen Herrschaft der Taliban, welche von dem UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte in Afghanistan, Richard Bennett, als Gender-Apartheid aufgrund der systematischen und institutionalisierten Diskriminierung von Frauen bezeichnet wird, war dagegen keine Rede. Afghanistan, angrenzend an den Iran, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan, China sowie Pakistan, ist allein durch seine geografische Stellung ein verbindendes Sicherheitsrisiko. Ein Jahr zuvor hatten sich in Taschkent die zentralasiatischen Staaten erstmals im sogenannten Termez-Dialog getroffen, um ihr gemeinsames Vorgehen hinsichtlich Afghanistans abzustimmen, unter anderem bei den Themen politischer Dialog, Verkehr und Logistik, Klima sowie kulturell-humanitäre Zusammenarbeit. Taschkent versucht, wie eurasianet berichtet, Afghanistan nicht ausschließlich als Sicherheitsrisiko, sondern als Baustein einer möglichen regionalpolitischen Erschließung zu betrachten.
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Diese beiden Pole offenbaren die Vielseitigkeit der zentralasiatisch-afghanischen Beziehungen. Afghanistan ist keineswegs erst jetzt auf die außenpolitische Agenda seiner Nachbarn gekommen: Schon in den 1990ern, kurz nach der eigenen Unabhängigkeit, intervenierten Usbekistan und Tadschikistan im damaligen Bürgerkrieg, um afghanische Tadschik:innen und Usbek:innen gegen die Taliban zu unterstützen. Seit dem Russischen Überfall auf die Ukraine 2022 hat das Thema allerdings neue Brisanz erfahren. Die Tendenz neigt zur wirtschaftlichen Integration Afghanistans, wie beispielhaft das Wirtschaftsprojekt TAPI zeigt: Mit TAPI (Turkmenistan, Afghanistan, Pakistan und Indien), dessen afghanischer Bauabschnitt im Oktober 2025 mit einer Eröffnungsfeier im afghanischen Herat in Anwesenheit von Turkmenistans ehemaligen Herrscher Gurbanguly Berdimuhamedov zelebriert wurde, wird eine Erdgaspipeline geplant, um aus dem turkmenischen Gasfeld Galkynysch über 1800 Kilometer eine Gasmenge von 33 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr über Afghanistan und Pakistan bis nach Indien zu transportieren. Diese Pläne, welche bereits seit den 1990ern existieren, werden nun verstärkt verfolgt. So traf sich dafür der stellvertretende Vorsitzende des Ministerkabinetts Afghanistans für Wirtschaftsfragen, Abdul Ghani Baradar, mit Berdimuhamedow, nun Vorsitzender des turkmenischen Volksrats, um Mechanismen zwischen den jeweiligen Behörden zum Vorantreiben des Projekts zu schaffen. Die Taliban wollen nach eigenen Angaben von den turkmenischen Erfahrungen in der Gasindustrie profitieren.
Dabei bleibt es nicht nur bei einer Pipeline. Vielmehr steht TAPI symbolisch für eine stärkere Integration Afghanistans in der Region in den Bereichen Eisenbahn, Strom, aber auch Wirtschaftskooperation. Afghanistan, der „Inbetweener“ zwischen Süd- und Zentralasien, wird also zu einem Schlüsselgebiet der regionalen Wirtschaftserschließung. Auch hier zeigen Zentralasiens Regime außenpolitische Flexibilität. Nur so lässt sich erklären, weshalb islamistische Gruppen in den zentralasiatischen Ländern bekämpft werden, gleichzeitig aber die Zusammenarbeit mit den Taliban akzeptiert wird.
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Dies kommt auch den neuen Herrschern Afghanistans entgegen: Die Taliban werden aller Wahrscheinlichkeit nach verstärkt die Nähe zu den zentralasiatischen Nachbarn suchen, da das Verhältnis zum südasiatischen Nachbarn Pakistan bis zuletzt von außenpolitischen und militärischen Spannungen geprägt ist. Im Februar 2026 kam es zum Zusammenbruch einer fragilen Waffenruhe und einer offenen Kriegserklärung Pakistans an die Taliban, da ihnen vorgeworfen wurde, terroristischen Gruppen Unterschlupf zu gewähren. Seit 2021 sind Wirtschaft und Handel im Land zusammengebrochen, die Taliban müssen sich durch Drogenhandel und Entführungen über Wasser halten. Umso attraktiver erscheinen nun die Wirtschaftsprojekte und Visionen der zentralasiatischen Nachbarn, die Region besser zu erschließen und ein wirtschaftliches Gegengewicht zu Russland zu schaffen. Daher überrascht es nicht, dass es dieses Jahr am fünften April zum ersten afghanisch-zentralasiatischen konsultativen Dialog in Kabul kam, bei dem die Taliban mit den zentralasiatischen Staaten Möglichkeiten der gemeinsamen Zusammenarbeit diskutierten.
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Nur fünf Jahre nach der erneuten Machtübernahme steht bereits das Grundprinzip im Umgang mit den neuen Machthabern in Kabul fest: Integration statt Isolation. Dafür werden die Taliban, wie 2024 in Kirgistan, auch nicht mehr als Terrororganisation eingeordnet. Mit der veränderten weltpolitischen Lage seit dem russischen Überfall auf die Ukraine wird Afghanistan vom reinen Sicherheitsrisiko zur Chance für Zentralasien. Unabhängigkeit von Russland, ohne in eine neue Abhängigkeit zu China zu geraten, ist schließlich die neue Devise der zentralasiatischen Länder. Wie und ob es den Afghan:innen hilft, dass das Regime in der Region ankommt, bleibt ungewiss. Und so ist insbesondere das Schicksal der Zivilbevölkerung und vor allem der Frauen in Afghanistan nur eine Nebenbemerkung beim 25. SOZ-Gipfel.
Niklas Birli für Novastan
Die Afghanistanfrage beim SOZ-Gipfel 2026 in Bischkek: Wie umgehen mit den Taliban?