Kritische Rohstoffe, Energie, Handelsrouten: Das amerikanische Interesse an Zentralasien wächst und wächst. Nach dem Außenministertreffen im C5+1-Format am Montag (19.10) sollen die gegenseitigen Beziehungen nun weiter ausgebaut werden.
Das Ministertreffen stellt den ersten Besuch des US-Außenministers Marco Rubio in Zentralasien dar, der am Sonntag (18.10) zusammen mit seiner Frau am Flughafen Samarkand herzlich empfangen wurde. Weniger medienwirksam, doch mindestens genauso wichtig sind die Vertreter:innen von knapp 200 amerikanischen Firmen, die Rubio begleiteten und die vom Handel mit den zentralasiatischen Ländern und den dortigen Investitionsmöglichkeiten profitieren möchten.
Die Gespräche in Samarkand wurden von denselben Themen dominiert, die auch auf den vorherigen C5+1-Treffen bereits im Mittelpunkt standen: Energie, kritische Rohstoffe, Handel und Transportrouten. Die usbekische Delegation kündigte dabei insgesamt 54 Vereinbarungen und zukünftige Vorhaben an, mit einem Gesamtwert von knapp 13 Milliarden US-Dollar (ca. 10,7 Milliarden Euro).
Unterstützt Novastan – das europäische Zentralasien-Magazin
Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Dem usbekischen Ministerium für Investitionen, Industrie und Handel zufolge betreffen die Vorhaben „industrielle Modernisierung, Verkehrs- und Energieinfrastruktur, die Erschließung kritischer Mineralien, Finanzwesen, digitale Technologien, Landwirtschaft, Gesundheitswesen und Bildung.”
Unter anderem soll der amerikanische Lokomotivenhersteller Wabtec die lokale Produktion von Eisenbahnausrüstung und -komponenten vorantreiben und Lokomotiven aus amerikanischer Produktion an Taschkent liefern. Traxys, ReElement Technologies und Trafigura planen, die geologische Erkundung der Vorkommen kritischer Rohstoffe im Land voranzutreiben, Aufbereitungstechnologien zu teilen und die Mineralienversorgung sicherzustellen.
Lest auch auf Novastan: Was sind die Ergebnisse des USA-Zentralasien-Gipfels in Washington?
Finanzielle Zusammenarbeit mit Investmentgesellschaften wie Franklin Templeton, Oppenheimer & Co, Citigroup und BlackRock soll zudem den Zugang zu internationalen Finanzmärkten erleichtern und den Weg für eine nachhaltige Finanzierung von Infrastruktur bereiten.
„Gemeinsam schaffen wir wirtschaftliche Chancen, stärken die Volkswirtschaften und erhöhen die regionale Sicherheit. In jedem Schwerpunktbereich – von kritischen Mineralien und Energie bis hin zu Verkehr und Technologie – bedeutet unsere Zusammenarbeit mehr Arbeitsplätze, mehr Wohlstand und mehr Sicherheit für alle unsere Nationen”, schrieb Rubio im Rahmen des Treffens auf X.
Zusammenarbeit im Weltraum
Taschkent wurde darüber hinaus zum 77. Unterzeichner der sogenannten „Artemis-Accords”, die Normen für die internationale Zusammenarbeit im Bereich der zivilen Weltraumforschung festlegen.
„Dieses Dokument eröffnet Usbekistan neue Möglichkeiten, die Zusammenarbeit mit der NASA und den Raumfahrtbehörden anderer teilnehmender Länder auszubauen, einheimische Fachkräfte auszubilden und den Transfer von Raumfahrttechnologien zu fördern”, schrieb Saidov auf seinem Telegram-Kanal.
Lest auch auf Novastan: Riskante Zusammenarbeit mit China
Am Rande der Hauptversammlung traf sich Rubio auch einzeln mit seinen zentralasiatischen Amtskollegen, um die bilateralen Beziehungen näher zu erörtern. Während der kirgisische Außenminister Jeenbek Kulubaev mit Rubio über das Engagement seines Landes im Kampf gegen Sanktionsumgehung sowie über eine Lockerung der restriktiven Visapolitik der USA sprach, pochte sein kasachisches Pendant Mukhtar Tileuberdi auf die Implementierung bereits bestehender Vereinbarungen, die mehr amerikanische Investitionen und eine regere Wirtschaftszusammenarbeit vorsehen. Beim Vieraugengespräch mit Tadschikistans Außenminister Sirojiddin Muhriddin spielte auch die regionale Sicherheit und Stabilität eine bedeutende Rolle.
Aus dem Dornröschenschlaf erwacht?
Jahrzehntelang waren die zentralasiatischen Länder ein unbeschriebenes Blatt in der amerikanischen Außenpolitik. Während Russland und China seit geraumer Zeit daran arbeiteten, ihre Beziehungen mit Zentralasien zu institutionalisieren, bemängelte die Denkfabrik Central Asia-Caucasus Institute (CACI) noch 2014, dass die USA „der einzige bedeutende externe Akteur in der Region [sind], der über keinen festgelegten Konsultationsmechanismus verfügt, um Zentralasien und Afghanistan zu einer lebendigen Realität zu machen.”
Lest auch auf Novastan: Die Beinahe-Schließung von USAID in Zentralasien: Welche Folgen hat sie für die Region?
Erst der Ausbruch des Ukrainekrieges und der sich zuspitzende Konflikt der USA mit China brachten die Beziehungen wieder in Fahrt. Peking kontrolliert den Großteil der Liefer- und Wertschöpfungsketten für kritische Rohstoffe, die essenziell für die Produktion von Halbleitern, Elektromotoren und modernen Waffen sind. Rohstoffexporte aus Zentralasien sollen dafür sorgen, dass die USA nicht zum Opfer von Engpässen oder wirtschaftlicher Nötigung vonseiten Chinas werden.
Auch im Transportbereich nimmt Zentralasien für die USA – und US-Präsidenten Donald Trump spezifisch – eine Schlüsselrolle ein. Im August 2025 hatte Trump feierlich die Errichtung des sogenannten TRIPP-Korridors („Trump Route for International Peace and Prosperity”) zwischen Armenien und Aserbaidschan verkündet, der das aserbaidschanische Kernland auf 43 Kilometern mit der Exklave Nachitschewan und dem europäischen Markt verbinden soll.
Das TRIPP-Projekt stellt einen wichtigen Teil des größeren Mittleren Korridors dar: Dieser soll die Märkte Europas und Chinas auf dem Landweg miteinander verbinden und gleichzeitig Russland und den Iran isolieren. Vor allem Kasachstan und Usbekistan sollen entlang dieser Strecke als Logistik-Hubs dienen.
Im Kampf um die Gunst Zentralasiens müssen die USA allerdings mit mehreren Mitbewerbern die Klingen kreuzen: Kurz vor Rubios Ankunft in Samarkand endete der zweitägige Besuch des chinesischen Premierministers Li Qiang in Usbekistan, bei dem beide Seiten über den Ausbau der Eisenbahnstrecke China–Kirgistan–Usbekistan und Perspektiven in den bilateralen Handelsbeziehungen diskutierten. Der bilaterale Handel zwischen China und Usbekistan betrug letztes Jahr rund 18 Milliarden US-Dollar – über zehnmal so viel wie das amerikanische Handelsvolumen (1,7 Milliarden US-Dollar). Und auch andere Akteure, wie die EU, Russland oder die Türkei, werden ihren Einfluss in Zentralasien nicht kampflos aufgeben.
Benedikt Stöckl für Novastan
Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei Twitter, Facebook, Telegram, Linkedin oder Instagram. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem wöchentlichen Newsletter anmelden.
USA-Zentralasien-Außenministertreffen: Amerika möchte ein Stück des Kuchens