Startseite      „Es ist kein Todesurteil“: Wie ein junger Mann aus Almaty gegen Stereotype rund um HIV kämpft

„Es ist kein Todesurteil“: Wie ein junger Mann aus Almaty gegen Stereotype rund um HIV kämpft

Rund um das Thema HIV sind falsche Informationen und Stigmata in Kasachstan nach wie vor verbreitet. Die Aufklärungsarbeit von NGOs stellt einen Baustein dar, um diese abzubauen. Das Online-Magazin Masa Media führte im Frühjahr 2026 ein Interview mit einem Aktivisten, der in der Aufklärungsarbeit aktiv ist.

masamedia 

Miras Murzahan, Photo: privat (via Masa.media)

Rund um das Thema HIV sind falsche Informationen und Stigmata in Kasachstan nach wie vor verbreitet. Die Aufklärungsarbeit von NGOs stellt einen Baustein dar, um diese abzubauen. Das Online-Magazin Masa Media führte im Frühjahr 2026 ein Interview mit einem Aktivisten, der in der Aufklärungsarbeit aktiv ist.

Miras Murzahan ist 23 Jahre alt und kommt aus Almaty. Schon seit sechs Jahren arbeitet er darauf hin, dass das Stigma rund um Menschen, die mit HIV leben, abnimmt. Außerdem ist er in der Aufklärungsarbeit zu HIV-Prophylaxe aktiv. Obwohl er selbst HIV-negativ ist, hat Miras Murzahan sich bewusst dazu entschieden, das Thema ins Zentrum seiner beruflichen Tätigkeit zu stellen. Ihm geht es dabei zum einen um den Schutz der Rechte von Menschen mit HIV, zum anderen aber auch um die Aufklärung der Gesellschaft. Im Interview mit Masa Media erzählte er, warum HIV auch im Jahr 2026 noch ein Tabu-Thema ist, wie Empathie helfen kann, Leben zu retten und warum Wissen das einzig wirksame Mittel zur Bekämpfung der Stigmatisierung ist.

Bewusste Entscheidung für ein Engagement rund um HIV

Soziale Probleme waren für Miras nie einfach nur die Angelegenheit von anderen Menschen. Von klein auf reagierte er empfindlich auf jegliche Ungleichheit und hatte ein starkes Bedürfnis danach, diejenigen zu beschützen, die benachteiligt werden. Vor sechs Jahren brachte ihn dieser innere Antrieb zur großen regionalen Organisation Teenergizer QZ. Diese setzt sich für sexuelle Aufklärung von Jugendlichen ein und informiert auch darüber, wie man sich vor einer HIV-Infektion schützen kann. Inzwischen ist Miras der Koordinator der Seite.

„Vor allem dank meiner Kolleg:innen konnte ich tiefer ins Thema HIV einsteigen und habe dadurch verstanden, wie wichtig es ist. Mit der Zeit bildete sich bei mir deutlich das Gefühl heraus, dass ich Menschen helfen möchte, die dringend Unterstützung benötigen. Daraus wurde eine bewusste Entscheidung, meine Stimme zu nutzen, um Menschen Gehör zu verschaffen, denen es selbst schwer fällt offen zu sprechen oder die davor Angst haben.“

Viele Menschen meiden das Thema HIV öffentlich eher, aus Angst vor Anfeindungen. Doch diese Sorge hatte Miras nicht, ihn beschäftigte vor allem, ob er sich kompetent genug für die Aufgabe fühlte.

„In erster Linie habe ich an meiner Kompetenz gezweifelt. Das Thema HIV ist sehr sensibel. Umso wichtiger ist es, richtige Informationen zu haben und sich gut auszudrücken, wenn man darüber spricht. Am Anfang hatte ich Angst davor, ich könnte Fehler machen und zum Beispiel falsche Informationen weitergeben. Aber mit der Zeit habe ich verstanden, dass es normal ist, nicht immer alles zu wissen. Es ist vor allem wichtig, ehrlich zu sein, Informationen zu überprüfen und sich nicht zu scheuen, Fragen zu stellen“, so der Aktivist.

Dass er keine Angst vor der öffentlichen Meinung hatte, erklärt er ganz einfach: Der innere Antrieb kam für ihn aufgrund der Wichtigkeit des Themas.

Warum es wichtig ist, über HIV zu sprechen

Obwohl die Medizin große Fortschritte gemacht hat, beobachtet Miras, dass in Kasachstan Themen wie HIV und sexuelle Gesundheit außerhalb von Fachkreisen nach wie vor Tabu sind. Mit diesem Tabu zu brechen, motiviert ihn dazu, offen zu sprechen.

„Viele nehmen HIV nach wie vor als etwas Furchtbares und Schamvolles und wie ein Todesurteil wahr, über das man besser nicht sprechen sollte. Dabei ist HIV heutzutage ein chronischer Zustand, den man kontrollieren und mit dem man ein erfülltes Leben haben kann. Deshalb ist es mir wichtig, offen und unaufgeregt über das Thema zu sprechen. Denn je besser die Menschen informiert sind, desto weniger Angst und Stigmata bestehen in der Gesellschaft“, erklärt er.

Falsche Informationen schränken ein

Täglich beobachtet Miras, dass in der Gesellschaft in Kasachstan nach wie vor Vorstellungen aus dem vergangenen Jahrhundert dominieren. Am häufigsten begegnen ihm vermeintlich kleine, aber äußerst hartnäckige Fehlinformationen. So verwechselten die Menschen häufig HIV und AIDS und verwendeten die Begriffe synonym. Entsprechend werde die Diagnose als unvermeidliches „Ende des Lebens“ wahrgenommen [Anm. d. Red.: HIV bezeichnet den Erreger der Infektion. Als AIDS wird das Endstadium einer unbehandelten HIV-Infektion bezeichnet.]. Gleichzeitig existiert ein gefährlicher Irrglaube über die Ansteckungswege. Manche Menschen glaubten, eine Ansteckung könnte über ein einfaches Gespräch, durch Berührungen oder über ein gemeinsames Essen erfolgen. Dadurch entstehe im Umfeld von Menschen, die mit HIV infiziert sind, irrationale Angst sich in der Nähe der HIV-positiven Person aufzuhalten.

Lest auch auf Novastan: Wie HIV-positive Frauen in Tadschikistan diskriminiert werden

„Am meisten ärgert mich tatsächlich nicht der Irrglaube an sich, sondern dass viele nicht bereit sind, ihre Haltung und Informationen zu überdenken. Selbst wenn sie Zugang zu verlässlichen Informationen haben, bleiben die Menschen manchmal bei ihren alten Überzeugungen und stigmatisieren weiterhin andere Menschen. Dadurch wird ein Mensch mit HIV nur noch unter diesem Gesichtspunkt wahrgenommen und nicht mehr als Individuum. Das ist aus meiner Sicht eigentlich das größte Problem“, befindet Miras Murzahan.

Heutige Möglichkeiten in Bezug auf HIV

Bei seiner Aufklärungsarbeit stützt sich Miras auf die aktuelle medizinische Evidenz. Er weist etwa darauf hin, dass es heutzutage eine antiretrovirale Therapie gibt, welche die Viruslast auf ein nicht nachweisbares Niveau senkt.

„Das bedeutet, dass das Virus im Blut nicht nachweisbar ist und nicht an andere Menschen weitergegeben werden kann. In meinem privaten Umfeld habe ich Freund:innen und Kolleg:innen, die mit HIV ein aktives Leben haben. Sie machen Karriere, haben Beziehungen und Zukunftspläne. Das zeigt anschaulich, dass eine Diagnose kein Todesurteil ist.“

Außerdem setzt er sich dafür ein, dass aktuelle Maßnahmen, sich zu schützen bekannter werden, etwa die Prophylaxe vor oder nach dem Sexualkontakt mit einer HIV-positiven Person, die dazu beiträgt, dass Menschen sich nicht infizieren.

Wie sich die Aufklärungsarbeit auswirkt

Die Aufklärungsarbeit findet bei einem sehr unterschiedlichen Publikum Anklang. So erhält Miras Murzahan neben Danksagungen auch persönliche Hilferufe. Die Themen in den Anfragen gehen weit über die einzelne Diagnose hinaus: Sie umfassen die psychische Gesundheit, andere sexuell übertragbare Krankheiten, den Zugang zu medizinischer Versorgung und den Schutz der Rechte.

„Die Menschen suchen nach Gemeinschaft – einem Ort, an dem sie verstanden werden und an dem sie keine Angst vor Verurteilung durch andere haben müssen. Uns kontaktieren Menschen unterschiedlichen Alters, darunter auch Erwachsene“, erzählt er.

Wenn er Informationen für PR-Kampagnen aufbereitet oder Vorträge an Schulen oder Universitäten hält, versucht Miras Murzahan eine persönliche Perspektive einzunehmen. Ihm ist wichtig zu zeigen, dass Menschen, die mit HIV leben, untrennbar Teil der Gesellschaft sind.

Lest auch auf Novastan: Über die HIV-Selbsthilfe in Almaty

Die Ergebnisse der Arbeit spiegeln sich in konkreten Veränderungen im Leben der Menschen wider. Manche haben ihre Angst überwunden und fangen an, auf ihre Gesundheit zu achten. Andere haben sich zum ersten Mal an ein AIDS-Zentrum gewandt, und wieder andere sind eine Beziehung eingegangen, ohne den HIV-positiven Status des anderen als Hindernis zu betrachten.

Warum halten sich Stigmata weiterhin?

Miras Murzahan sieht vor allem drei Gründe dafür, warum sich Stigmata weiterhin in der Gesellschaft halten. Zum einen sei dies der Mangel an qualitativ hochwertiger Bildung. So würden in Bildungseinrichtungen häufig veraltete Informationen zu HIV und AIDS vermittelt. Des Weiteren bestehe rund um HIV eine Illusion von Distanz. Viele Menschen seien der Überzeugung, dass das Thema sie nicht betreffe, obwohl Menschen in ihrem Umfeld infiziert sein könnten. Als dritten Aspekt führt er eine Sprachbarriere an. So fehle es im kasachisch-sprachigen Raum nach wie vor an leicht zugänglichen Informationen. „In der Konsequenz kommt es auf die Bildung an. Wer gut informiert ist, verliert die Angst. Wenn dagegen das Wissen fehlt, entstehen und halten sich Stigmata“, resümiert der Aktivist.

Miras Murzahan beobachtet, dass sich junge Menschen in Kasachstan zunehmend für Gesundheitsthemen interessierten und dass die Einstellung zum Thema HIV insgesamt gelassener werde. Auch das Vertrauen wachse, indem Menschen sich häufiger Unterstützung suchten.

„Für mich ist die Hauptsache, dass ich verstanden haben, dass meine Empathie, die früher als Schwäche angesehen wurde, in Wirklichkeit meine Stärke ist. Durch sie kann ich anderen Menschen helfen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Ich glaube fest daran, dass echte Veränderungen durch Aufklärung entstehen.“

Abschließend betont der Aktivist, dass es heutzutage die Entscheidung jedes Einzelnen sei, sich weiterhin von Vorurteilen leiten zu lassen. „Seien wir mal ehrlich, Stereotype zu erfüllen ist nicht gerade angesagt. Wir leben im Jahr 2026. Die Frage ist nicht, ob es entsprechendes Wissen gibt, sondern ob wir bereit sind, uns diesem gegenüber zu öffnen. HIV ist nichts, was in weiter Ferne ist. Bei dem Thema geht es um unsere Gesellschaft, um unsere Freund:innen. Ich bin genau so ein Mensch wie ihr und bin auch Teil einer Generation. Lasst uns gemeinsam alte Klischees hinter uns lassen, voneinander lernen und uns gegenseitig unterstützen. Die Kraft liegt im Wissen. Und die Kraft liegt in den Menschen im euch herum“, erzählt er im Interview mit Masa Media.

Hintergrundinformationen:

HIV (Humanes Immundefizienz-Virus) ist eine Infektion, die das Immunsystem befällt und die Abwehrkräfte des Körpers gegen Krankheiten schwächt. Bei rechtzeitiger Therapie führen Menschen mit HIV ein erfülltes Leben und geben das Virus nicht an ihre:n Partner:in weiter. Laut der Statistik von UNAIDS lebten Ende 2024 weltweit ungefähr 40,8 Millionen Menschen mit einer HIV-Infektion. In Kasachstan waren laut Angaben des Wissenschaftlichen Zentrum für Dermatologie und Infektionskrankheiten 36.000 Menschen mit HIV registriert [Anm. d. Red.: Schätzungen von UNAIDS gehen zu 2025 von 39.000 – 49.000 HIV-positiven Menschen in Kasachstan aus.]

Alina Moroz für Masa Media

Aus dem Russischen von Marie Schliesser

Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei Twitter, Facebook, Telegram, Linkedin oder Instagram. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem wöchentlichen Newsletter anmelden.

Kommentare

Your comment will be revised by the site if needed.