Ein Jahr ist vergangen, seitdem die Organisation der Turkstaaten die Einführung eines gemeinsamen turksprachigen Alphabets beschlossen hat, das in allen Mitgliedstaaten verwendet werden sollte. Unter dem Vorwand der Stärkung der turksprachigen Einheit hat Ankara die Initiative vorangetrieben, um die zentralasiatischen Staaten stärker in seinen politischen Einflussbereich zu ziehen. Aufgrund begrenzter finanzieller Mittel, fehlender politischer Anreize und bestehender Sprachpolitik haben die zentralasiatischen Staaten das gemeinsame Alphabet jedoch weitgehend ignoriert.
Im September 2024 gab die Organisation der Turkstaaten (OTS) der Weltöffentlichkeit die Schaffung eines gemeinsamen turksprachigen Alphabets mit 34 Buchstaben bekannt, das auf dem lateinischen Alphabet basiert und von allen Mitgliedstaaten schriftlich bestätigt wurde. Die von der Türkei angeführte Initiative ist seit der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 in Arbeit. Ein Jahr nach der Ankündigung des gemeinsamen Alphabets ist die erhoffte Resonanz im zentralasiatischen Raum jedoch bislang ausgeblieben.
Das vorgeschlagene Alphabet ist Teil einer größeren regionalen Debatte über die politische Zukunft der zentralasiatischen Sprachen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begannen viele der neuen unabhängigen Republiken mit der Umstellung ihrer Sprachen von der kyrillischen auf die lateinische Schrift. In Zentralasien ist die Entscheidung für die Umstellung auf die lateinische Schrift jedoch auch drei Jahrzehnte später noch immer Gegenstand heftiger Debatten.
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Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Die Türkei hat unter der expansionistischen Außenpolitik von Präsident Recep Tayyip Erdoğan eine führende Rolle bei der OTS-Initiative zur Entwicklung eines turksprachigen Alphabets übernommen. Die Türkei führte 1928 im Rahmen ihrer Modernisierungsreformen in der frühen Unabhängigkeitsphase erstmals die lateinische Schrift ein. Indem sie die zentralasiatischen Staaten zu einem vergleichbaren Prozess ermutigt, verfolgt sie zugleich das Ziel, ihre Position als dominantes Zentrum der turksprachigen Welt zu festigen.
Bislang hat Erdoğans Plan nicht viele starke Verbündete in der politischen Elite Zentralasiens gefunden. Die meisten Staaten der Region sind nach wie vor in nationale Debatten über die postsowjetische Zukunft ihrer Amtssprachen verstrickt, weshalb die zentralasiatischen Regierungen kaum Bereitschaft zeigen, einen so tiefgreifenden sprachpolitischen Wandel auf internationaler Ebene mitzutragen.
Konkurrenz um den Status als „Mittelmacht“
Seit der Ankündigung der OTS zeigen sich die regionalen Schwergewichte Kasachstan und Usbekistan weiterhin zurückhaltend gegenüber der Einführung des gemeinsamen turksprachigen Alphabets innerhalb ihrer Landesgrenzen. Laut Nargiza Muratalieva, einer in Bischkek ansässigen Politikwissenschaftlerin, „ist Kasachstan nicht bereit, seine Führungsrolle in Zentralasien zu teilen, da es versucht, sich als Mittelmacht zu profilieren“. Kasachstan hat die Jahrzehnte nach dem Ende der Sowjetunion damit verbracht, die politische Macht in Zentralasien innerhalb seiner eigenen Grenzen zu zentralisieren, um sich sowohl in der Region als auch in der internationalen Gemeinschaft einen angesehenen Status als „Mittelmacht“ zu sichern. Usbekistan, das bevölkerungsreichste Land Zentralasiens und dem BIP nach das zweitgrößte, verfolgt vergleichbare Ziele. Beide Länder deuten das von Ankara vorangetriebene OTS-Alphabet als Machtinstrument und als Gefahr für ihre eigenen nationalen Zielsetzungen.
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Kasachstan und Usbekistan haben zwar bisher das gemeinsame Alphabet nicht übernommen, setzen jedoch jeweils eigene nationale Pläne um, um die Schriften ihrer Amtssprachen von Kyrillisch auf Latein umzustellen. In beiden Fällen hat die politische Führung die Schwierigkeit dieser Aufgabe unterschätzt, da die Initiativen viel mehr Zeit in Anspruch nehmen als ursprünglich erwartet. Derzeit befinden sich beide Staaten in einer Übergangsphase, in der beide Schriften nebeneinander verwendet werden. Kritiker:innen bemängeln, dass dieser Zustand sprachpolitischer Stagnation sowohl die Bevölkerung verunsichert als auch die staatliche Verwaltung erheblich belastet. The Diplomat berichtet, dass der Haushaltsplan für Kasachstans Lateinisierungsprogramm 2018 auf 664 Millionen US-Dollar veranschlagt wurde, was etwa 39 Prozent des kasachischen BIP für dieses Jahr entspricht. Die Schwierigkeiten, mit denen Kasachstan und Usbekistan bei der Einführung der lateinischen Schrift konfrontiert waren, haben dazu geführt, dass keine der beiden Regierungen bereit scheint, in das OTS-Alphabet als drittes System zu investieren. Selbst Turkmenistan, der Staat, der die Verwendung des Kyrillischen in den 1990er Jahren erfolgreich abgeschafft hat, sträubt sich weiterhin gegen den OTS-Plan. Weitgehend von der Außenwelt abgeschottet und ausländischen Einflüssen gegenüber abgeneigt, bietet das OTS-Alphabet Aschgabat nur wenige Vorteile.
Kirgistan: Die kyrillische Ausnahme
Bei der feierlichen Enthüllung des neuen turksprachigen Alphabets richteten sich alle Blicke auf Kirgistan. Anlässlich der Einführung des Alphabets überreichte Erdoğan jeder vertretenen Nation ein Exemplar zweier in das neue Alphabet übersetzter Bücher. Eines der Bücher war ein Roman von Tschingis Aitmatow, einem regional bekannten Autor aus Kirgistan. Erdoğans Wahl war kaum zufällig. Kirgistan ist bis heute der einzige turksprachige Staat, der nicht einmal versucht hat, seine nationale Schrift von Kyrillisch auf eine andere umzustellen.
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Westliche Analyst:innen führen die fortgesetzte Verwendung des kyrillischen Alphabets in Kirgistan auf die engen Beziehungen zu Russland zurück, die das Land seit seiner Unabhängigkeit nach dem Ende der Sowjetunion unterhält. Russland betrachtet den zunehmenden Einfluss der Türkei in Zentralasien weitgehend als Bedrohung für seine Stellung in der Region und unternimmt Schritte, um die Macht des Landes in Staaten wie Kirgistan, in denen es noch immer beträchtlichen Einfluss hat, zu schwächen. Muratalieva sieht die Zurückhaltung Kirgisistans, das OTS-Alphabet einzuführen, vor allem in pragmatischen, nicht in politischen Überlegungen begründet. „Die einfachste Erklärung ist der Mangel an finanziellen Mitteln, um dieses Alphabet auf nationaler Ebene einzuführen“, erklärt sie. Obwohl die Türkei die Alphabetinitiative formell vorangetrieben hat, zeigt sie sich bislang zurückhaltend bei der Bereitstellung finanzieller Mittel für OTS-Mitgliedstaaten, die an einer nationalen Umstellung interessiert sind. Der Mangel an verfügbaren Mitteln schränkt die Möglichkeiten finanzschwacher Staaten wie Kirgistan, der kleinsten Volkswirtschaft des OTS-Blocks, erheblich ein.
Als Sadyr Dschaparow, der Präsident Kirgistans, nach seiner Meinung zur sprachlichen Zukunft der kirgisischen Sprache gefragt wurde, erklärte er laut RadioFreeEurope/RadioLiberty, es sei „zu früh, über die Umstellung der kirgisischen Sprache auf das lateinische Alphabet zu sprechen“. Muratalieva vermutet, dass Japarovs Strategie darin besteht, abzuwarten, wie sich die größeren Nachbarländer Kasachstan und Usbekistan bei ihren jeweiligen Umstellungen auf eine lateinbasierte Schrift entwickeln. „Wenn eines von ihnen Erfolg hat, wird Kirgistan folgen“, vermutet sie.
Aserbaidschan als potenzielles Modell
Nicht alle Hoffnung für die türkische Macht in Zentralasien ist verloren. Aserbaidschan, dient den postsowjetischen turksprachigen Staaten, die einer Zusammenarbeit mit der Türkei offen gegenüberstehen, als Vorbild und zeigt, wie eine Partnerschaft mit dem türkischen Staat zu einer erfolgreichen Entwicklung führen kann. Die Türkei und Aserbaidschan sind seit der Unabhängigkeit des Landes von der Sowjetunion im Jahr 1991 enge Verbündete. Diese strategische Partnerschaft hat es Aserbaidschan ermöglicht, weitgehend seinen eigenen Weg zu gehen und sich wirtschaftlich wie politisch von Russland abzugrenzen.
Eine der ersten Maßnahmen Aserbaidschans nach der Unabhängigkeit war die vollständige Umstellung der Landessprache von Kyrillisch auf Latein, ein Ziel, das um die Jahrhundertwende erreicht wurde. Die aserbaidschanische Schrift ist in ihrer heutigen Form eng mit der türkischen Standardschrift und dem neu vorgeschlagenen OTS-Alphabet verwandt. Diese sprachliche Integration zwischen den beiden Nationen hat viele neue Möglichkeiten für transnationale Partnerschaften eröffnet, deren Erfolge von den zentralasiatischen Staaten aufmerksam verfolgt werden.
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Seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine sind die zentralasiatischen Staaten zunehmend zurückhaltend gegenüber einer engen Partnerschaft mit Russland. Die regionale Führung befürchtet, dass Russlands geografische Nähe zu ihren Grenzen zu künftigen militärischen Konflikten führen könnte. Die Türkei, die eine Alternative zur russischen Partnerschaft bieten möchte, vermarktet ihre geografische Distanz zu Zentralasien als überzeugende Sicherheitsgarantie. Obwohl die Türkei territoriale Distanz zu potenziellen zentralasiatischen Partnern wahrt, profitiert sie zugleich von der kulturellen und religiösen Nähe zum gemeinsamen turksprachigen Erbe der Region. Das gemeinsame turksprachige Alphabet ist nur ein Weg, auf dem die Türkei über das gemeinsame turksprachige Erbe Einfluss in Zentralasien gewinnen will. Die türkische Soft Power in Zentralasien ist zwar derzeit noch gering, gewinnt aber stetig an Bedeutung.
Die Türkei hat deutlich gemacht, dass sie bereit ist, administrative und wirtschaftliche Opfer für die Einführung des neuen Alphabets im eigenen Land zu bringen, zögert aber weiterhin, die finanziellen Belastungen für die Einführung der Schrift in den zentralasiatischen Turkstaaten zu tragen. Da die Türkei nicht bereit ist, sich in die bestehenden sprachpolitischen Konflikte Zentralasiens einzumischen oder Russlands anhaltendem kulturellem Einfluss in der Region direkt entgegenzutreten, stellt sich die Frage: Ist das OTS-Alphabetprojekt gescheitert? Wahrscheinlich ja.
Joseph Fisher für Novastan
Aus dem Englischen von Elisa Berste
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Ins Leere gelaufen: Ist das gemeinsame turksprachige Alphabet daran gescheitert, den türkischen Einfluss in Zentralasien zu stärken?