Turkmen Moscow Oblast

Das russische Dorf Turkmen

Zentralasiatische Arbeiter, ein Schriftsteller und Pilzsammler prägen seine Geschichte. Vor fast 100 Jahren wurde das Dorf Turkmen bei Moskau für die Arbeiter einer Textilfabrik gebaut. Sein berühmtester Bewohner Warlam Schalamow begann später hier sein wichtigstes Werk.

Folgender Artikel von Selbi Tscharyewa erschien im russischen Original bei Orient.tm, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Im Kreis Klin im Moskauer Gebiet liegt ein winziges Dorf mit ungewöhnlichem Namen: Turkmen. Die Siedlung, die im Jahr 1926 gegründet wurde, bewohnten zunächst Arbeiter einer Torfabbau-Firma, die die nahegelegenen Textilwerke in Reutow mit Torf versorgte. Dafür gab es damals sogar eine eigene Eisenbahnverbindung nach Turkmen.

Die Werke der Fabrik „Turkmenfaktura“ waren damals Eigentum der Turkmenischen Sowjetrepublik und das einzige Unternehmen in der Gemeinde Reutowo. Und gerade hierher kamen immer wieder junge Praktikanten und Praktikantinnen aus Turkmenistan, um in der Textilproduktion ausgebildet zu werden. So erhielt das neue Dorf seinen Namen.

Die jungen Leute wurden in einem speziell für sie gebauten Gebäude untergebracht, das, von oben betrachtet, einer sich öffnenden Baumwollschachtel ähnelte. Mit den Einnahmen des Textilunternehmens wurde dann die größte Baumwollspinnerei in Aschgabat gebaut. Als diese 1929 fertiggestellt worden war, kehrten viele der jungen Fachkräfte zurück in ihre zentralasiatische Heimat.

Aber die Arbeiter der zwei Werke hatten sich gut miteinander angefreundet und erinnerten sich noch lange gern an die gemeinsame Arbeitszeit. 1972 wurde in der Stadt Reutow dann sogar die Bahnhofsstraße in Aschgabater Straße umbenannt. Leider wurde das historische Gebäude mit einer Erinnerungstafel für die turkmenischen Arbeiter 2005 abgerissen. Aber die Aschgabater Straße in Reutowo trägt ihren Namen bis heute.

Geburtsort von Schalamows „Erzählungen aus Kolyma“

„Wer bist Du? Erz, oder doch nur Seife,
oder gar eine Quelle des Goldes,
die sich im Steinhang festkrallt,
im Sumpf festgefahren hat.“

Diese Verse stammen von dem Dichter und Schriftsteller Warlam Schalamow. Nachdem der einstige Jura-Student als politischer Gefangener zahlreiche sowjetische Gulags durchlebt hatte, war nach Stalins Tod 1953 das Dorf Turkmen der der Hauptstadt nächste Ort, wo er sich wieder ansiedeln durfte. Ein Wohnsitz in Moskau wurde politisch Verfolgten auch nach Strafende meist versagt. Erst nach seiner Rehabilitierung konnte er 1956 wieder nach Moskau ziehen.

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Schalamow lebte gute zwei Jahre in Turkmen, arbeitete in der Logistikabteilung der Torfverarbeitung und widmete sich der Literatur. Er vollendete hier einen Gedichtband und begann sein im Nachhinein berühmtestes Werk: die „Erzählungen aus Kolyma“, in denen er die Erlebnisse seiner Haftzeit verarbeitete.

Schalamow beschreibt Turkmen und seine Einwohner folgendermaßen: „Ich fand in Turkmen herzlichste und freundlichste Aufnahme, wie ich sie weder in Kolyma noch in Moskau je erlebte.“

Pilzsammler statt Textilarbeiter

Im Dorf Turkmen leben heute etwa 200 Menschen. Es ist nun ein schöner Ort für Naturliebhaber. Es liegt im Wald, wo es Stille, Beeren und Pilze gibt. Ein großer Teil der Gegend ist geprägt von Wasserquellen und Sümpfen. Pilzsammler der umliegenden Orte kommen oft nach Turkmen und teilen ihre umfangreiche Ausbeute mit Bildern in sozialen Netzwerken.

Selbi Tscharijewa
Orient.tm

Aus dem Russischen von Peggy Lohse

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