„Sie flohen vor den Pistolenkugeln und starben am widrigen Klima“

In Kirgistan wurde in der Nähe des Gebirgsees Issykköl eine Installation zur Erinnerung an die Opfer des Aufstandes von 1916 gegen die zaristische Kolonialverwaltung errichtet. Die Schöpferinnen des Projekts berichten über die Hintergründe ihrer Arbeit. Dieser Artikel erschien am 21.Oktober im russischsprachigen Original bei kloop.kg. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. 

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In den Bergen des Issykköls wurde eine Denkmal zur Erinnerung an die Opfer des Aufstandes von 1916 errichtet. Die Installation ist recht ungewöhnlich, sie bewegt sich kinetisch.

„Bei Wind bewegt sich das Kunstwerk. Die Reihe ‘läuft’ sozusagen vor sich hin. Bei sehr starkem Wind aber verschwindet die Figur“, sagt Altyn Kapalowa, eine der Schöpferinnen der Installation.

Die Arbeit ist den Opfern des Aufstandes gegen die koloniale Unterdrückung durch das zaristische Russland gewidmet. Vernichtungseinheiten versuchten, den Aufstand zu unterdrücken, und so mussten Hunderttausende Kirgisen nach China fliehen.

„In den Bergen zwischen Kirgistan und China blieben die Körper von tausenden Menschen zurück, die von den Kolonialisten verfolgt wurden und in ein fremdes Land flüchten mussten, um ihr Leben und das ihrer Angehörigen zu retten…“, steht auf der Gedenktafel der Installation.

Neben Kapalowa hat auch Kina Jusopowa an dem Kunstprojekt mitgewirkt. Gemeinsam mit örtlichen Dorfbewohnern haben sie die Installation auf dem Berg Dscharylgan-Too errichtet, der sich am nördlichen Ufer des Yssykköl-Sees befindet.

„Dieser Ort wurde nicht zufällig ausgewählt. Als ich ein Kind war, erzählte mir mein Großvater, dass der Berg bei einem Erdbeben im Jahr 1911 entstand und das ein kleines Dorf unter dem eingestürztem Berg begraben liegt. Ich fand das symbolisch und dramatisch, weil die Kirgisen, die gezwungen waren zu flüchten, nicht nur durch die Kugeln der Kolonialarmee starben, sondern auch an den schwierigen klimatischen Bedingungen und dem Wetter“, sagt Kapalowa.

Die Künstlerin erzählt, dass die Kirgisen auf ihrem Weg nach China große Schwierigkeiten erleideten – auf sie warteten Gletscher, Klippen und Hunger: „Die, die es nicht schafften, die Gletscher und schmalen Bergpässe zu überqueren, stürzten gemeinsam mit dem Vieh den Abhang hinunter. In großer Höhe durfte man auch keine Pause machen, weil es kaum Luft zum Atmen gibt, und die Kraft zum Laufen dann auch nicht mehr reicht. Die Menschen brachen einfach in den Bergen zusammen und ließen ihre Kinder mit einem Stück Brot zurück“, erzählt Kapalowa.

Sie fügt hinzu, dass sie die Erinnerung an die Opfer des Aufstandes am Leben erhalten möchte und plant eine Internetplattform zu gründen, auf der familiäre Schicksale dieser für die Kirgisen so schwierigen Zeit gesammelt werden sollen.

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„Das wird ein Museum mit visuell-narrativen Geschichten. Ich habe den ganzen Sommer Geschichten gesammelt. Ich habe die Geschichte der Familien meiner Eltern dokumentiert, deren Großmütter und Großväter ebenfalls nach China flüchteten“, führt Kapalowa fort.

Der Aufstand von 1916 wurde zur größten Revolte gegen das Russische Reich. Damals erhoben sich die Völker Zentralasiens, die durch koloniale Unterdrückung, Erpressung und Demütigung zur Verzweiflung getrieben wurden, zum Befreiungskampf gegen die Unterdrücker

2016 wurde in Kirgistan eine Gedenkstätte für die Opfer des Aufstandes im Komplex ‘Ata-Bejit’ errichtet. Im gleichen Jahr errichtete man in Karakol ein Denkmal, das den Augenblick der Überquerung eines Gebirgspasses verkörpern soll.

Aydschamal Dschamankulowa für Kloop.kg

Aus dem Russischen von Julia Schulz

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