Alltagsheldinnen aus Kirgistan

Wer sind deine persönlichen Heldinnen? Diese Frage stellten sich auch die Teilnehmerinnen des Workshops “Heldinnen”, organisiert von der Bosch-Lektorin Alexandra Wedl in Osch. Im Laufe des Workshops porträtierten sie Frauen, die sie bewundern. Novastan gibt euch einen Einblick in die bewundernswertesten Heldinnengeschichten. 

Nurgul Abdykerimova (20) aus Naryn: Zwei Heldinnen, die Länder erobert haben

Nurgul Abdykerimova

Für manche ist eine Heldin eine Person aus dem Märchen oder aus der Geschichte. Doch meine Heldinnen sind meine zwei Freundinnen, die mich immer motivieren. Sie sind unterschiedliche Menschen, aber jede hat ihre eigenen Besonderheiten. Trotz ihren Schwierigkeiten sehen sie immer glücklich aus.

Eine der Freundinnen heißt Jazgül und studiert Grundschulpädagogik an der staatlichen Universität Naryn. Als sie 19 Jahre alt war, hat sie die Türkei für sich “erobert”. Sie hat dort ein Semester als Stipendiatin studiert. Sie mag ihren zukünftigen Beruf. Ihr macht es viel Spaß, zu unterrichten. Sie liebt Kinder sehr, neben dem Studium macht sie Praktika in der Schule und im Türkischzentrum.

Im Unterricht macht Jazgül immer etwas neues, so dass ihre Stunde für die Schüler interessant ist. Sie arbeitet nicht mit traditionellen, sondern mit interaktiven Methoden. Für sie ist alles wie ein Hobby. Soweit ich weiß gibt es in Kirgistan nur ganz ganz wenige solcher jungen Frauen wie meine Freundin , die immer bereit sind zu helfen und mit großem Interesse mit den Kindern arbeiten. Sie hat ihren Beruf extra gewählt, weil es sehr wichtig ist, mit kleinen Kindern zu arbeiten. Alles fängt von der Grundschule an.

Meine zweite Heldin ist Nazira, die Europa “erobert” hat, als sie auch 19 Jahre alt war. Sie hat die Naryner staatliche Universität in Anglistik abgeschlossen. Sie hat ein Jahr in Schweden studiert und war in 15 Ländern und fast in 25 Städten in Europa als Erasmus Stipendiatin. Sie will Europa weiter “erobern”, ohne Halt. Meine Heldin unterrichtet Englisch und arbeitet als Freiwillige im Türkischzentrum. Nazira leitet dort Aktiväten, kümmert sich um die Organisation und Verwaltung.

Ich habe über diese zwei unabhängigen Heldinnen geschrieben, weil sie immer positiv und aktiv sind, trotz der Schwierigkeiten in ihrem Leben. Welche Schwierigkeiten? Eine Heldin hat keinen Vater und niemand arbeitet bei ihr zu Hause. Und die Mutter der zweiten Heldin ist krank und auch dort kann niemand im Haushalt arbeiten. Beide müssen arbeiten, um die Familien zu erhalten. Zum Beispiel backen sie, wenn sie Bestellungen haben und machen es vom ganzen Herzen und verdienen damit Geld.

Sie haben den gemeinsamen Traum, eine Konditorei in Naryn zu öffnen. Nach dem Abitur wollte Jazgül in der Hauptstadt studieren, aber sie hat es nicht geschafft. Danach war sie sehr traurig und wollte nicht in ihrer Stadt studieren. Aber sie hat Motivationskurse im Türkischzentrum besucht. Danach sagte sie immer: „Wenn eine Tür sich schließt, dann öffnen sich tausend weitere Türen“.

Sie möchte sagen: „Gib nie auf!“. Nach dem Abitur hatte sich auch mit dem Studium Probleme, aber sie sagte immer: “In jeder Sache gibt es ein Glück“. Das Lebensziel von beiden ist immer bereit zu sein, zuerst für die Familie, dann für das Heimatland und für den Beruf. Sie versuchen immer mutig und stark zu sein, um alles zu erreichen. Ihre Devise ist: “Immer geradeaus und keinen Schritt zurück”.

Aizirek Eralieva (20) aus Osch: Vom Dorf zur Starjournalistin

 Aizirek Eralieva (20) aus Osch

Meine Heldin ist die Journalistin Schaista Schatmanowa. Sie arbeitet bei „Super Info“, eine der wichtigsten Zeitungen in Kirgistan. In Kirgistan leben 6 Millionen Menschen, und diese Zeitung hat über 200 000 Leser. Bei ihrer Arbeit hat sie eine große Verantwortung, sie kann sich keine Fehler erlauben. Um so erfolgreich zu werden, wie sie heute ist, musste Schaista viele Schwierigkeiten überwinden.

Schaista Schatmanowa war eine gute Schülerin. Ihre Mitschüler sagten, dass sie besonders in Geschichte gut war und ihre Lehrer dachten, sie würde Historikerin werden. Als sie die Schule abschloss, zerbrach die Sowjetunion und Kirgistan bekam neue politische Führer. Viele Leute waren sehr arm in dieser Zeit, auch Schaistas Eltern hatten kein Geld. Trotzdem hat sie durch ihr Wissen und ihren Fleiß alles erreicht. Sie bekam einen Studienplatz in Bischkek, der Hauptstadt Kirgistans. Ihr Heimatdorf war zu weit weg, mehr als 12 Stunden. Sie hatte ein schwieriges Leben in der fremden Stadt, weil sie niemanden kannte.

Im Dorf konnte damals niemand studieren. Die Eltern erlaubten ihren Kindern nicht, weiter zu studieren. Schaistas Schulfreundinnen heirateten alle nach der Schule. Sie bekamen viele Kinder und leben ihr ganzes Leben im Dorf. Aber Schaista Schatmanova ist jetzt eine der berühmtesten Journalistinnen in ganz Kirgistan. Deshalb ist sie meine Heldin.

Nargiza Schakirali (20) aus Dschalalabat: Geschwisterliebe

Nargiza Schakirali

Meine Schwester ist für mich wie eine Mutter. Sie war gerade erst 19, als sie schon drei Kinder großziehen musste – mich und meine beiden Brüder.

Unsere Mutter, Gulnara Ulamajewa, war 36 Jahre alt als sie am 17. April 2008 an den Folgen einer missglückten Operation im Krankenhaus starb. Unser Vater, Shakyraly Kyiykbajew, starb im Alter von 43 Jahren während der „Tragödie“ im Juni 2010 – ermordet von einem Killer unweit des Werks „Sanpo“. Wir waren allein, meine Schwester und zwei Brüder. Meine Schwester Elnura war noch ein junges Mädchen, sie studierte im ersten Jahr am medizinischen Kolleg. Sie nahm uns zu sich und unterbrach ihr Studium für ein Jahr um in Russland Geld zu verdienen.

An dieser Stelle war es sehr schwierig für uns, weil wir noch so klein waren – mein jüngerer Bruder war 7 Jahre alt, ich war in der vierten Klasse und mein älterer Bruder in der 10. Meine Schwester musste für uns stark sein, uns ernähren und uns großziehen. In Russland arbeitete sie als Küchenhilfe. Es war eine harte Arbeit und einmal erlitt sie Verbrennungen von heißem Öl. Trotz dieser Schwierigkeiten hat sie weitergearbeitet. Die Verwandten unseres Vaters waren in dieser Zeit herzlos und halfen nicht. Sie gaben uns die Schuld an seinem Tod, sagten, „ihr habt euren Vater getötet“. Wir vergessen diese Wörter nie. Sie waren wie Steine in unseren Herzen. Elnura regte sich deshalb sehr auf und wurde böse auf unsere Verwandten. Aber heute haben sie eine gute Beziehung

Vor vier Jahren hat Elnura geheiratet. Jetzt ist sie selbst Mutter eines kleinen Mädchens und ist wieder schwanger. Heute ist meine Schwester wieder glücklich, denn wir sind eine große Familie.

Gulzada Musabekova (20) aus Naryn: Super-Frau

Gulzada Musabekova

Meine persönliche Heldin ist meine Schwester. Ich bin sicher, dass ich sie Heldin nennen darf. Sie heißt Ajgul, sie wird dieses Jahr 30 Jahre alt. Sie ist Buchhalterin von Beruf, aber zurzeit ist sie Hausfrau. Sie wohnt mit der Familie ihres Mannes, insgesamt sind sie zehn Leute in einem Haus. Sie hat vier Kinder. Sie sind alle glücklich, aber bis zu dieser glücklichen Zeit hatte meine Schwester sehr viele Schwierigkeiten in ihrem Leben.

Ajgul hat schon mit 18 Jahren geheiratet, als Mädchen, das noch fast gar nichts über das Leben weiß, das nicht weiß was gut und was schlecht ist. Sie erwartete ein glückliches Leben…. Ein Jahr später wurde sie schwanger und bekam einen Sohn, ein Jahr darauf eine Tochter. Also, 20 Jahre alt und schon zwei Kinder. Eigentlich sah es ganz gut aus, sie waren ja glücklich, sagte meine Schwester wenn wir sie fragten, aber nein… es gab ein Problem, nämlich dass sie nichts zum Essen hatten. Sie aßen gekochte Kartoffeln.

Ajguls Mann arbeitete nicht und sie natürlich auch nicht, da sie sich um ihre zwei Kinder kümmern musste. Und wenn meine Schwester ihren Mann fragte, nannte er ihr immer verschiedene Gründe, warum er keine Arbeit hat. Sie hatten einen Garten, mit Beeren und Äpfeln. Meine Schwester sammelte Beeren und rannte zum Basar. Weil der Bus nur einmal die Stunde fuhr, musste sie dorthin laufen. Auf dem Basar verkaufte sie die Beeren, um etwas für die Kinder zu kaufen.

Und so haben sie vier Jahre zusammen gelebt. Abgesehen davon, dass ihr Mann nicht arbeitete, hat er auch noch angefangen meine Schwester zu schlagen. Und meine Schwester musste irgendwie die Kinder unterstützen. Deshalb fuhr ich zu ihnen, wenn ich Schulferien hatte und half ihr auf die Kinder aufzupassen. Als ich zu Besuch war, fand sie eine Arbeit als Getränkeverkäuferin auf der Straße. Sie ging jeden Morgen, um die Getränke zu verkaufen, aber trotzdem hörte ihr Mann nicht auf, sie zu schlagen. Und da musste meine Schwester sich scheiden lassen. Es war eine sehr schwere Entscheidung. Die Situation meiner Schwester war besonders schwierig, weil sie nicht wusste, wie ihre Zukunft mit zwei Kindern werden würde.

Sie ist zu uns gekommen. Wir haben fünf bis sieben Jahre zusammen gewohnt. Die Kinder gingen in den Kindergarten und meine Schwester hat angefangen, in einer Bank zu arbeiten.

Hier fängt die zweite traurige Geschichte an. Wir haben unseren Vater verloren, weshalb wir sehr viel Stress hatten. Es war ein sehr großer Verlust für uns, weil unser Vater der einzige Mann in unserer Familie war. Und in der Zeit als meine Schwester bei uns wohnte, haben ihre Kinder unseren Vater sehr liebgewonnen. Sie haben immer zusammen gespielt, zusammen geschlafen, gingen zusammen spazieren. Als unser Vater starb, weinten wir und die Kinder fragten uns, warum wir weinen, ob unser Vater schläft…. Es war ganz ganz schwer ihnen zu antworten.

Nach zwei Jahren heiratete meine Schwester einen anderen Mann. Jetzt leben sie gut, weil ihr Mann arbeitet, die Familie unterstützt und meine Schwester nicht schlägt. Es freut uns sehr.

So, am Ende muss ich hinzufügen, dass meine Schwester einen Salon für Hochzeitkleidung aufgemacht hat. Als sie diesen Salon eröffnete, hatte sie auch Schwierigkeiten, weil das Geschäft am Anfang, nicht so gut lief. Aber heute hat sie sehr viele Kunden. Wir freuen uns sehr für sie, dass sie ihr Glück gefunden hat.

Die Redaktion von Novastan

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Sara Rudolfa
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Sara Rudlofa
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Sara Rudofla
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Sara Rudlofa
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