Borat

Klischee oder Wahrheit? Ein Exkurs zu den gängigsten Stereotypen über Kasachstan

Unsere Autorin kommt aus Kasachstan, wohnt und studiert aber schon seit 19 Monaten in Deutschland. Sie ist dort in ständigem Kontakt mit Deutschen und Leuten aus aller Welt. Oft wird sie dabei über ihr Herkunftsland Kasachstan ausgefragt. Dabei ist ihr aufgefallen, dass Leute von außerhalb sehr interessante Vorstellungen über Kasachstan haben. Dieser Artikel überprüft die gängigsten Klischees und deckt auf, wie viel Wahrheit dahinter steckt.

Mit Hilfe einer Umfrage auf „Vkontakte“, einem in Kasachstan populären sozialen Netzwerk, wurden klischeehafte Fragen gesammelt, die Leuten aus Kasachstan von Ausländern gestellt wurden. Die am häufigsten gestellten Fragen werden nachfolgend auf die Probe gestellt – was ist nur Klischee und was stimmt wirklich?

Eine Frage, die oft gestellt wird: „Kasachstan – ist das zwischen Russland und China?“

Würde man mit „Ja“ antworten, könnten man auch über Europa sagen, dass es sich zwischen Asien und Amerika befindet. Kasachstan ist keine dünne Grenze zwischen zwei großen Ländern, sondern das neunt größte Land der Erde. Die Landesfläche ist 5 mal so groß wie Frankreich oder 7 mal so groß wie Deutschland und genau darauf sind Kasachen so stolz. Wenn man die Weltkarte einmal aufmerksamer betrachtet, dürfte man also auf keinen Fall das Land übersehen, dessen Form einem Fisch gleicht.

Eine besonders lustige Frage: „Ist es wahr, dass Kasachen noch in Jurten wohnen und auf Kamelen durch die Straßen reiten?“

Kamel

Sicher basiert diese Meinung auf dem Film „Borat“, wie auch viele andere komische Meinungen. Doch der Film war gar nicht dazu gedacht, der Welt die Wahrheit über das Leben in Kasachstan zu zeigen und wurde auch gar nicht in Kasachstan, sondern in Rumänien gedreht. In kasachischen Städten reitet man nicht auf Kamelen und sieht keine Jurten, sondern gewöhnliche Häuser. Nur an Nationalfeiertagen sind in kasachischen Großstädten noch Jurten als Dekoration zu sehen. Aber es gibt Orte, wo Menschen noch in Jurten wohnen und das Vieh weiden – dabei handelt es sich um die wenigen verbliebenen Halbnomaden Kasachstans. Außerdem ist Kasachstan ursprünglich ein Land der Wüsten und Steppen. Deshalb gibt es noch einige Routen, die man mit dem Kamel oder Pferd viel einfacher überqueren kann als mit einem BMW oder Volkswagen.

Ausländer finden auch einige Traditionen der kasachischen Küche ungewöhnlich: „Wie könnt ihr etwas essen, worauf ihr auch reitet?“

Die Antwort dürfte Vegetariern nicht sonderlich gefallen. Ja, in Kasachstan isst man Pferdefleisch. Es ist in der kasachischen Küche unersetzlich, besonders für das wichtigste Gericht – Beschbarmak. Wörtlich übersetzt heißt das Gericht „Fünf Finger“, denn man isst es, indem man einen gekochten, großen Nudelfladen in die Hand nimmt und die Fleischstücke darin einpackt. Zurück zur Frage: Eigentlich gibt es heutzutage einen Unterschied in der Zuchtweise von Pferden, deren Fleisch später gegessen wird und Pferden, auf denen geritten wird. Pferdefleisch wurde bereits zu Zeiten Dschingis Khans gegessen. Soldaten nahmen sich auf ihren Routen zusätzliche Pferde mit, um nicht zu verhungern, falls es nichts mehr zu Essen geben sollte.

Beschbarmak

Wenn bemerkt wird, dass Kasachen mit russischem Akzent sprechen, kommt oft die Frage: „Sprichst du Russisch? Warum?“

Kasachstan ist er seit 22 Jahren eine unabhängige Republik. Früher war es Teil der Sowjetunion und in den Ländern der Sowjetunion wurde Russisch gesprochen. Viele russischsprachige Menschen, die aus allen Ecken der UdSSR nach Kasachstan gekommen sind, um das Land wirtschaftlich und kulturell zu verbessern, sind damals hier geblieben und haben Familien gegründet. Deswegen wohnen in Kasachstan nicht nur Kasachen, sondern auch Menschen aus 150 verschiedenen Ländern, darunter viele Russen, Koreaner und auch Deutsche. Auch wenn eines Tages nur noch Kasachen im Land sein sollten, wäre es unmöglich, die Sprache zu vergessen, die noch vor 22 Jahren wichtigste Landessprache in Kasachstan war. Auch heute ist Russisch neben Kasachisch noch offizielle Amtssprache. Das Positive daran: Leute aus mehr als 20 Ländern haben so die Möglichkeit, sich zu verstehen und miteinander zu kommunizieren.

Leute, die selbst schon in Kasachstan waren, stellen spezifischere Fragen, die ebenfalls interessant sind. Zum Beispiel: „Warum ist die kasachische Währung so schön?“

Warum das Design so schön gestaltet wurde, lässt sich schwer sagen. Aber man kann einen Blick auf die vielen Schmuckobjekte werfen, die auf den Scheinen der kasachischen Währung Tenge zu sehen sind. Auf diesem 5000 Tenge-Schein findet man eine bemalte Hand (die des Präsidenten Nursultan Nasarbajew), Sehenswürdigkeiten, verschiedene Tiere, die kasachische Flagge…

5000 Tenge Schein

Das amerikanische Magazin „The Atlantic“ hat den Tenge zur schönsten Währung der Welt ernannt. Leider hat Kasachstan noch nicht viele globale internationale Wettbewerbe für sich entschieden wie beispielsweise Austragungsort der Olympischen Spiele (Almaty hat neben Sotschi auch für die Winterspiele 2014 kandidiert) oder einer Fußballmeisterschaft zu werden. Aber zumindest bei ihrer Währung hat Kasachstan sich entschieden, alle Erwartungen zu übertreffen…

Der wahre Grund ist wahrscheinlich ein anderer. Vermutlich haben sich die Designer der Tenge-Scheine bloß um die Sicherheit der Währung kümmern wollen und deswegen möglichst viele Schmuckobjekte auf den Scheinen platziert, damit es schwieriger ist, sie zu fälschen.

Viele Ausländer fragen neugierig: „Ist es wahr, dass man in Kasachstan Hochzeiten, Jubiläen oder Beerdigungen für 1000 Menschen organisiert?“

Hochzeit

Oh ja, das ist wahr. In Kasachstan liebt man es, zu feiern – der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt, und auch finanzielle Einschränkungen spielen keine Rolle. Noch mehr mag man es, allen Verwandten, Freunden und Kollegen zu demonstrieren, was man hat. Junge Ehepaare starten ihr Zusammenleben oft mit der Aufnahme eines Kredits für ihre Hochzeit und 80-jährige Geburtstagskinder laden für das Jubiläum alle ein, die sie in diesen 80 Jahren kennengelernt haben. Sogar wenn man weiß, dass die Feierkosten durch die reichen Geschenke ausgeglichen werden, können viele Ausländer diesen Aufwand nicht verstehen. Aber so ist die kasachische Kultur und deren Traditionen, die schon seit langem existieren. Eine Hochzeit, bei der nur 40 Personen eingeladen sind, ist für Kasachen seltsam. Und auch wenn sie hungern müssten, würden Kasachen all ihre Essensvorräte ihren Gäste anbieten, um sie gut zu bewirten.

Schließlich noch eine populäre Frage von jenen, die das Leben in Kasachstan näher kennengelernt haben: „Warum gibt es in Kasachstan so viele teure Autos, trotz der niedrigen Gehälter?“

Die Gehälter in Kasachstan sind im Vergleich zum Europäischen Niveau tatsächlich niedriger, jedoch im Vergleich zu anderen GUS-Staaten, wie auch der Ukraine, relativ hoch.
Es gibt auch einige Leute, die tatsächlich einen BMW oder Porsche fahren, obwohl sie es sich nicht leisten können. Wie bereits erwähnt, ist es für viele Kasachen wichtig, zu zeigen, was man hat: Sie wollen beweisen, dass sie das teuerste Auto fahren, die schönste Frau oder den schönsten Mann haben oder sich an den prestigeträchtigsten Ferienorten erholen. Dass kann man nun positiv oder negativ bewerten. Materielles sollte keine zu große Rolle in der Gesellschaft spielen, kann aber gleichzeitig als Motivation dienen.

Zum Schluss sollte noch gesagt werden, dass Kasachstan ein junges Land ist, das sich sehr schnell entwickelt. Bleibt zu hoffen, dass sich Kasachstan in Zukunft noch von vielen Gerüchten und Stereotypen befreien wird.

Alina Kozhakhmetowa
Autorin für Novastan.org, Kasachstan

Redaktion: Sofia Tscholakidi

[legend]
smh.com
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