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Kopftuch und Bart – Migrant:innen aus Zentralasien über Islamophobie in Russland

Tausende von Zentralasiat:innen erhalten Einreiseverbote nach Russland, nachdem sie ihre Heimatländer besucht haben. Sie führen dies auf ihre Religion zurück. Die russischen Behörden sähen in praktizierenden Muslimen pauschal eine Gefahr.

Die Einreise nach Russland wird für Arbeitsmigrant:innen aus Zentralasien von immer mehr Kontrollen geprägt bis hin zu Einreiseverboten (Symbolbild), Photo: Wikimedia Commons.

Tausende von Zentralasiat:innen erhalten Einreiseverbote nach Russland, nachdem sie ihre Heimatländer besucht haben. Sie führen dies auf ihre Religion zurück. Die russischen Behörden sähen in praktizierenden Muslimen pauschal eine Gefahr.

„Wir wurden gezwungen, das Kopftuch abzunehmen.“

Die Kirgisin Adschar (Name geändert) kehrte im vergangenen Jahr in ihre Heimat zurück, nachdem sie zehn Jahre in Russland gearbeitet hatte. Sie trägt aus religiösen Gründen ein Kopftuch. Während ihrer Zeit in Russland war ihr Aussehen des Öfteren Anlass für Polizeikontrollen, erinnert sich Adschar.

„Als ich einmal von der Arbeit nach Hause ging, wurde ich in der Metro von Polizist:innen herausgezogen. Sie kontrollierten mein Handy. Darauf hatte ich Fotos von Hidschab tragenden Frauen sowie von mir. Ich wurde auf das örtliche Polizeirevier gebracht. Dort wurden andere und ich eingeschüchtert, indem uns mit der Ausweisung aus Russland gedroht wurde. Uns wurde alles Geld, das wir bei uns hatten, abgenommen. Man nannte uns eine Kontoverbindung und sagte uns: „Überweist hier das Geld hin“. Dann wurden uns Pässe und Dokumente abgenommen und wir wurden zum Geldautomaten geschickt. Die, die kein Geld hatten, liehen sich welches von Bekannten. Wir überwiesen es und brachten die Quittungen zu den Polizist:innen. Neben mir ist das noch weiteren Frauen aus Kirgistan passiert“, erzählt Adschar.

Auch am Arbeitsplatz wurde wegen des Kopftuchs Druck ausgeübt, berichtet Adschar. Die Kirgisin war in einer Konditorei angestellt. Die Chefs drohten, den Lohn nicht zu bezahlen und sie zu entlassen, wenn sie das Kopftuch nicht abnehme. „Ich habe das Kopftuch damals abgenommen und bereue es jetzt“, sagt Adschar.

Auch ihre Verwandte, ebenfalls praktizierende Muslime, seien diskriminiert worden. Ihrem Onkel wurde die Einreise am Flughafen untersagt und er wurde zurückgeschickt.

„Er wurde am Flughafen in Gewahrsam genommen und sein Handy wurde durchsucht. Dabei fanden sie Videoaufnahmen des bedeutenden kirgisischen Predigers Tschubak adschy Dschalilov. Aus diesem Grund und wegen seines langen Bartes haben sie ihn abgeschoben. Für meinen Onkel war das nicht angenehm, er hat sich große Sorgen gemacht. In Moskau kann man mehr Geld verdienen als zu Hause in Kirgistan“, erzählt Adschar.

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In Russland hat die Islamophobie seit dem Anschlag auf die Crocus City Hall bei Moskau 2024 zugenommen. Die Behörden machen Tadschik:innen für den blutigen Anschlag verantwortlich, die der IS-Untergruppe „Wilajat Korosan“ angehören sollen.

Nach dem Anschlag begannen die Sicherheitsbehörden Razzien in Unternehmen und Hostels, wo Arbeitsmigrant:innen aus Zentralasien arbeiten und leben. Verhaftungen wurden unter Gewaltanwendung und Erniedrigungen vollzogen.

„Wir haben eine Umfrage zur Diskriminierung und Rechtsverletzungen gegenüber Migrant:innen durchgeführt. An ihr nahmen ca. 200 Menschen teil. 80 Prozent von ihnen gaben an, mit Fremdenfeindlichkeit konfrontiert worden zu sein. Dabei geht es um gängige russische Beleidigungen gegenüber Zentralasiat:innen, z.B. tschurka und tschornyj (letzteres bedeutet so viel wie Schwarzer – Anm. d. Übers.), Vorwürfe wie „Ihr sprecht kein Russisch“ und eine generelle Behandlung als Mensch zweiter Klasse. Solche Verunglimpfungen sind ein offenes Geheimnis. So etwas gab es auch früher schon, aber in letzter Zeit hat es besonders zugenommen“, berichtet Rachat Scheraly, Mitarbeiter einer Stiftung, die sich für die Rechte von zentralasiatischen Arbeitsmigrant:innen in Russland einsetzt. Er unterstreicht, dass insbesondere offen religiöse Migrant:innen Druck ausgesetzt seien.

„Viele mussten ihre Bärte abschneiden“

Eldijar Esenbek uulu hat zwölf Jahre in Russland gearbeitet. Bei jeder Einreise sei er am Flughafen zu seinen religiösen Überzeugungen befragt worden, so der Kirgise.

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„Wenn du bei der Passkontrolle an der Reihe bist, sagen sie: „Warten Sie bitte“, dann kommen Beamt:innen in Uniform. Sie werden nicht handgreiflich, aber sie bringen einen in einen gesonderten Raum und stellen unterschiedliche Fragen: „Hörst du die Predigten von Tschubak adschy?“, „Welchem Maddhab (Strömung im Islam – Anm. d. Übers.) gehörst du an?“. Ich habe gesagt, dass ich Hanafit bin. Da haben sie mir das Wort verdreht und gefragt „Seid ihr nicht Terrorist:innen?“. Manchmal wurde ich zwei oder drei Stunden festgehalten. Es kamen verschiedene Beamt:innen, die immer die gleichen Fragen stellten. Am Ende ließen sie mich gehen. Ich gewöhnte mich daran“, so erzählt Eldijar.

In den letzten Jahren habe der Druck zugenommen, berichtet er. Die Sicherheitsbehörden suchten Moscheen und Gebeträume von Migrant:innen auf.

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„Da gab es so eine Datscha in der Stadt Ljuberzy bei Moskau. Kirgis:innen und Usbek:innen sind da zum Freitagsgebet hingegangen. Als wir einmal da waren, wurde das Gelände von maskierten Polizist:innen mit Sturmgewehren umstellt. Alle mussten sich in einer Reihe aufstellen. Russische Staatsbürger:innen wurden abgeführt und von den Bürger:innen der anderen GUS-Staaten separiert. Ich sagte damals einem Moscheediener, dass meine Dokumente nicht in Ordnung seien, und er brachte mich durch den Hintereingang raus“, erzählt er weiter.

2023 wurde Eldijar verhaftet und ins Migrationszentrum nach Sacharowo bei Moskau gebracht. Dort verbrachte er 29 Tage.

„Das ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Gefängnis. In einer Zelle sind 10 bis 15 Personen. Essen geben sie nicht ausreichend, es wird grammweise abgewogen. Essen von Verwandten wird nicht angenommen. Da gibt es lange Zellenblöcke. In einem Block sind 300 bis 400 Personen untergebracht. Nach draußen führen sie einen für eine Stunde am Tag. Als wir dort einsaßen, hörten wir von einer Kirgisin, die dort eine Fehlgeburt hatte. Sie wurde nicht ins Krankenhaus gebracht. Man wird dort sehr grob behandelt, beschimpft und geschlagen.“

Er gibt an, dass er sich in Sacharowo den Bart abrasieren musste: „Dort wurde vielen der Bart abrasiert. Ich habe gesehen, wie sie sie geschlagen haben und die meisten haben Angst bekommen und ihn sich selbst abgeschnitten. Wir wurden tagelang kameraüberwacht.“

„Ich wurde zur unerwünschten Person erklärt“

Luisa kam das erste Mal mit 15 Jahren nach Russland. Als sie älter wurde, heiratete sie dort und bekam Kinder. Sie war gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Familie ausgewandert und reiste ab und an nach Kirgistan. Als sie 2023 von Bischkek aus nach Russland flog, wurde ihr am Flughafen mitgeteilt, dass gegen sie ein lebenslanges Einreiseverbot verhängt worden war.

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„Ich wurde zur unerwünschten Person erklärt. Den Grund nannten sie nicht. Ich war gemeldet und hatte keine Vorstrafen. Als sie mir sagten, dass ich ein lebenslanges Einreiseverbot hätte, war ich wie gelähmt“, erzählt Luisa. „Ich las das Dokument wieder und wieder durch. Um mich herum waren andere Leute in der gleichen Situation wie ich. Sie haben geweint. Als ich sie gesehen habe, habe ich meine Kräfte zusammengenommen, mich beruhigt und mir gesagt, dass ich jetzt in mein eigenes Land Kirgistan zurückfahre. Warum sollte ich weinen. Aber damals schien es mir so, als sei mein Leben plötzlich stehen geblieben“.

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Ihre Familienmitglieder standen nicht auf der Liste. Nur Luisa wurde abgeschoben. Ihrem Mann, ihren Eltern und ihrer Tochter wurden keine Beschränkungen auferlegt:

„Manche sagten, dass sei wegen religiöser Videos. Wir wurden dort kontrolliert und befragt. Ich habe alle Videos gelöscht. Vielleicht war es, weil ich sie erst vor kurzem gelöscht hatte. Vielleicht war der Grund auch ein anderer, ich weiß es nicht. Man bekommt den Grund nicht genannt. Da waren noch zwei oder drei andere mit mir. Denen haben sie fünf oder zehn Jahre Einreiseverbot gegeben. Lebenslang nur mir“

Zu Hause in Kirgistan hat Luisa sich ein kleines Geschäft aufgebaut und verkauft Kleidung.

„Heute bin ich der Meinung, dass das ein Geschenk Gottes war. Uns wurde eine Tür versperrt und eine neue geöffnet. Jetzt habe ich ein Geschäft, wenn auch kein großes, aber ich habe es. Davon leben wir jetzt“, fasst sie zusammen.

Neue Beschränkungen

Russland hat seine Einwanderungsgesetze 2024 und 2025 verschärft. Seit Februar 2025 gibt es ein Register, in dem das Innenministerium Ausländer:innen vermerkt, die gegen die Einwanderungsgesetze verstoßen und somit ihr Aufenthaltsrecht verloren haben. Wenn man in dem Register landet, darf man automatisch nicht mehr arbeiten und keine Immobilienverträge mehr abschließen, keine Ehe mehr schließen, kein Konto mehr eröffnen, keinen Führerschein mehr erhalten.

„Jetzt raten wir Menschen, die nach Russland ausreisen wollen, vorher ihre Telefone „zu säubern“, d. h. alle Telegramkanäle und Chats bei Whatsapp zu löschen und Accounts bei Instagram auf religiöse Inhalte hin zu überprüfen und solchen zu entfolgen. „Kontrolliert alles noch einmal, bevor ihr nach Russland fahrt.“ In Russland gibt es immer mehr Razzien und wenn auf einem Handy irgendeine religiöse Chatgruppe gefunden wird, wird die betroffene Person sofort in Gewahrsam genommen“, berichtet Rachat Scheraly.

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Daten des kirgistanischen Arbeitsministeriums zufolge lebten im Dezember 2025 fast 800.000 Kirgis:innen im Ausland (was ein deutlicher Rückgang im Vergleich zu 2020 darstellt, als mehr als eine Million im Ausland arbeiteten). Mit 341.000 ist die Gruppe in Russland die größte. Jedoch arbeiten immer weniger Kirgis:innen dort. So lebten dort Ende 2025 37.000 weniger als noch zu Beginn des Jahres.

Die Verschärfung der russischen Einwanderungspolitik geht währenddessen unvermindert weiter. Im Februar 2026 wurde ein Gesetzesentwurf ins Parlament eingebracht, nachdem es in Zukunft verboten sein soll, in Mehrfamilienhäusern und nicht dafür ausdrücklich vorgesehenen Nicht-Wohnhäusern, Gebete und andere religiöse Zeremonien abzuhalten. In der Wohnung „den eigenen Glauben praktizieren“ dürfen nur dort gemeldete Personen. Die Initiator:innen, 67 Abgeordnete, begründen ihren Vorschlag damit, dass Gebete in Mehrfamilienhäusern „die Rechte und gesetzlich verankerten Interessen der Nachbarn stören“. Der stellvertretende Parlamentssprecher Pjotr Tolstoj erklärte zudem, dass Mehrfamilienhäuser ein „Ort der Ruhe“ seien.

Azattyk Asia

Übersetzt für Novastan

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