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Eine Stimme ohne Grenzen: ein kasachischer Tenor in der europäischen Tradition

Der führende Solist der „Astana Opera“ Medet Chotabayev, ist Tenor, dessen beruflicher Werdegang die kasachische Gesangsschule, die italienische Operntradition und die Erfahrung großer internationaler Theater verbindet. Im Interview spricht er nicht nur über seine persönliche Biografie, sondern auch über die Unterschiede zwischen den Opernsystemen Europas und Kasachstans, die Rolle der Bühne bei der Entwicklung eines Sängers und darüber, wie kasachstanische Künstler:innen heute außerhalb ihres Landes klingen und wahrgenommen werden.

Der führende Solist der „Astana Opera“ Medet Chotabayev, ist Tenor, dessen beruflicher Werdegang die kasachische Gesangsschule, die italienische Operntradition und die Erfahrung großer internationaler Theater verbindet. Im Interview spricht er nicht nur über seine persönliche Biografie, sondern auch über die Unterschiede zwischen den Opernsystemen Europas und Kasachstans, die Rolle der Bühne bei der Entwicklung eines Sängers und darüber, wie kasachstanische Künstler:innen heute außerhalb ihres Landes klingen und wahrgenommen werden.

Der Artikel ist Teil der Interviewreihe Kasachische Musizierende: auf den Spuren des europäischen Erbes.

Medet Chotabayev ist Absolvent des Musikcolleges in Semeı, des Konservatoriums in Almaty und der Internationalen Gesangsakademie, die nach Renata Tebaldi und Mario del Monaco aus Italien benannt wurde.  Für die Stärkung der kulturellen Beziehungen zwischen Kasachstan und Italien erhielt Chotabayev die höchste italienische Auszeichnung für Ausländer:innen – den „Orden des Sterns von Italien“. Außerdem wurde ihm für seinen Beitrag zur Entwicklung der Kultur und Kunst des Landes der staatliche Titel „Verdiente Persönlichkeit Kasachstans“ verliehen.

Nurgul Adambayeva für Novastan: Medet, erzählen Sie uns etwas über den Beginn Ihrer künstlerischen Laufbahn: Wie sind Sie zur Musik, zur Oper gekommen? War das eine bewusste Entscheidung?

Chotabayev: Ich besuchte bis zur 9. Klasse eine normale Mittelschule und in meiner Familie gab es keine professionellen Musiker:innen. Meine Mutter arbeitete in einem Fleischverarbeitungsbetrieb, mein Vater in einem Maschinenbauwerk. Aber meine Mutter war von Natur aus sehr musikalisch: Sie sang im Chor und spielte nach Gehör Klavier, ohne Noten zu kennen. Ich glaube, diese innere Musikalität habe ich von ihr geerbt.

Ich habe seit meiner Kindheit gesungen, aber nicht auf der Bühne, sondern einfach zu Hause, auf der Straße, im Dorf. Im Sommer wurde ich aufs Land geschickt. Dort sangen alle – Hirt:innen, Verwandte, Nachbar:innen. Aber niemand hätte gedacht, dass ich das später einmal professionell machen würde, nicht einmal ich selbst.

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In der Schule war ich ein durchschnittlicher Schüler. Ich wurde nicht in die zehnte Klasse aufgenommen und musste mich dringend entscheiden, wie es weitergehen sollte. Ein Freund schlug mir vor, zum Gesangsunterricht zu gehen – einfach um zu sehen, ob ich singen kann. Dort erfuhr ich zum ersten Mal, dass es eine Musikhochschule gibt, an der man auch ohne Grundkenntnisse studieren kann. Meine Entscheidung, an diese Hochschule zu gehen, war für meine ganze Familie eine große Überraschung.

Wie verlief die Aufnahmeprüfung am Musikcollege in Semipalatinsk (heute Semeı)?

Fast schon anekdotisch. Ich hatte den Tag der Aufnahmeprüfung vergessen und war auf‘s Land gefahren. Ich kam in letzter Minute an, hatte nicht einmal Zeit, mich umzuziehen – ich ging in Jogginghose und Flip-Flops hin! Ich kannte nur ein paar Schlager, was für die Aufnahme an einer Musikhochschule nicht besonders seriös wirkte. Die anderen Bewerber:innen und die Kommission konnten sich kaum das Lachen verkneifen.

Aber ich wusste, dass ich um jeden Preis an diese Hochschule kommen musste. Als das Vorsingen begann, gab ich mein Bestes – und die Lehrer:innen hörten meine Stimme. Und so wurde ich angenommen.

Das heißt, Ihre musikalische Laufbahn begann erst nach der 9. Klasse, im Alter von 15 Jahren?

Ja. Und gerade im Musikcollege begann meine Laufbahn in der Oper. Obwohl ich anfangs dachte, dass ich mich völlig falsch entschieden hatte: Ich mochte keine Oper und wollte Popmusik singen. Aber ich wollte das College nicht abbrechen – schließlich hatte ich selbst diesen Weg gewählt und wollte beweisen, dass meine Entscheidung richtig war.

Ich denke, der größte Verdienst gebührt meinem Lehrer – Nurlan Kusherov. Dieser Pädagoge hat die Gabe, in Menschen Selbstvertrauen zu wecken. Unter seinen Schüler:innen sind viele Preisträger:innen nationaler Wettbewerbe und Solisten:innen staatlicher Theater. Nurlan Kusherov unterrichtet bis heute erfolgreich am selben Musikcollege in Semeı.

Bereits im zweiten Ausbildungsjahr belegte ich den zweiten Platz bei einem landesweiten Wettbewerb. Da wurde mir klar: Das ist kein Zufall.

Konnten Sie anschließend problemlos ins Konservatorium in Almaty aufgenommen werden?

Ja, Preisträger:innen von Wettbewerben wurden damals automatisch aufgenommen. Aber ich habe es geschafft, meine Unterlagen einen Tag zu spät einzureichen. Und dann geschah etwas Unglaubliches: Ich kam zu Beken Zhilisbayev [sowjetischer und kasachstanischer Sänger, Träger des Titels „Volkskünstler der Kasachischen SSR“, Anm. d. Autorin]– einer Legende der kasachstanischen Gesangsschule. Er kannte mich nicht, aber er glaubte an mich und fuhr mich persönlich zu dem Konservatorium. Dank ihm wurde ich aufgenommen.

Sie haben auch in Italien studiert. Erzählen Sie uns, wie Sie dorthin gekommen sind?

Bereits während meines Studiums am Konservatorium in Almaty trat ich häufig auf, nahm an Konzerten teil, und schließlich schickte mich der „Degdar“-Fonds [kasachstanischer humanitärer Fonds, der sich für wohltätige und kulturelle Bildungsaktivitäten einsetzt, gegründet 2001, Anm. d. Aut.] für ein zweijähriges Studium nach Italien. Ich habe mein Studium dort und in Almaty kombiniert, bin zum Ablegen der Prüfungen nach Kasachstan gekommen und dann wieder nach Italien zurückgefahren.

Ich lernte bei Mario Melani [ein herausragender italienischer Solist und weltbekannter Pädagoge mit einer Opernbaritonstimme, Anm. d. Autorin]. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits ein älterer Mann, ein echter Maestro der alten Schule. So tauchte ich in eine andere Gesangstradition ein. Mit mir studierten Studenten:innen aus Korea, Armenien, Georgien, Russland, der Ukraine – aus der ganzen Welt.

Zu diesem Zeitpunkt war ich einer der ersten aus Kasachstan an dieser Akademie.

Wie war diese Erfahrung und was war während Ihrer Ausbildung in Europa am schwierigsten?

Nicht der Gesang an sich. Das Schwierigste war, mich in die Tradition und Sprache einzufinden: den Stil, die Aussprache, die Gewohnheiten der italienischen Schule zu verstehen – Dinge, die man nicht nur aus den Noten lernen kann. In Italien stieß ich auf die Tradition der Aufführung: „So wird historisch gesungen“, auch wenn es in den Noten formal anders steht. Daran musste ich mich erst gewöhnen.

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Ich konnte weder Englisch noch Italienisch. Vor der Abreise versuchte ich sogar, mich davor zu drücken: Ich hatte Angst – meine erste Auslandsreise, gleich für zwei Jahre. Aber ich bin gefahren. Und nach einem halben Jahr sprach ich Italienisch. Ich ging in Abendschulen für Ausländer:innen, lernte unterwegs zur Akademie Vokabeln und wandte sie sofort im Alltag an. Als sich mir die Sprache „öffnete“, war es, als hätte sich mir eine zweite Welt eröffnet.

Dort habe ich verstanden, dass die italienische Sprache für Opernsänger:innen Teil seines oder ihres Instruments ist, fast wie die Stimme. Englisch ist natürlich auch wichtig, aber eher als „geschäftliches“ Kommunikationsmittel.

Wie unterschied sich Ihre Ausbildung an der italienischen Akademie von der Ausbildung am Konservatorium in Kasachstan?

Unser Konservatorium bot ein breites Spektrum: Solfeggio, Harmonie, Polyphonie, Musikgeschichte, Musikliteratur, Schauspielkunst – all das war Teil der Ausbildung.

In Italien gibt es sowohl Konservatorien als auch Akademien, und das Ausbildungssystem ist etwas anders aufgebaut. Für mich war entscheidend, dass es an der italienischen Akademie jeden Tag nur Gesangsunterricht gab und fast keine allgemeinen, breit gefächerten musiktheoretischen Themen. Vollständige Konzentration auf das Fachgebiet.

Einige Musiker:innen haben den Unterschied zwischen der strengen postsowjetischen Ausbildung und der liberaleren europäischen Musikausbildung hervorgehoben. Haben Sie das auch so empfunden?

Nein, das habe ich nicht empfunden. Bei mir verlief alles schrittweise: Das Musikcollege in Semeı bildete meine Stimme aus, das Konservatorium in Almaty entwickelte sie weiter, Italien vermittelte mir die Sprache, den Stil und das Umfeld von Wettbewerben. Möglicherweise sind solche Unterschiede bei Instrumentalist:innen stärker spürbar, aber in meiner Gesangskarriere kann ich nicht sagen, dass dies entscheidend war.

Was hat Ihnen Ihrer Meinung nach die Ausbildung in Kasachstan gebracht? Vor allem, als Sie sich unter internationalen Sängern:innen an einer europäischen Schule befanden?

In Italien sagte man mir direkt: „Sie sind stimmlich sehr gut ausgebildet.“ Ich habe an Konzerten teilgenommen, bei denen Sänger:innen nationale Werke aufführten, und auch kasachische Lieder – von Abaı [kasachischer Dichter, Denker, Aufklärer, Übersetzer und Komponist des 19. Jahrhunderts, Anm. d. Autorin] – habe ich dort gesungen. Und daran, wie ich aufgenommen wurde, habe ich verstanden: Die Grundlage, die ich in Kasachstan erhalten habe, war stark.

In Kasachstan wird oft angenommen, dass ein ausländisches Diplom automatisch Türen öffnet. Haben Sie das gespürt, als Sie nach Hause zurückgekehrt sind?

Ich glaube nicht, dass es nur daran liegt. In der Musik hört man trotzdem, wie jemand singt. Wenn es gefällt, hört man zu. Wenn nicht, hilft kein Diplom. Bei mir hat sich vieles einfach so ergeben, wie es sich ergeben hat: Meine Aufgabe war es, pünktlich zu arbeiten und zu singen.

Wie verlief Ihr Weg nach dem Abschluss der Akademie und des Konservatoriums?

Zuerst war ich im Theater in der Position eines „Handlangers”. Das ist ein normaler Start für junge Sänger:innen – so steigt man ins Theaterleben ein. Dann wurde ich Praktikant, und erst nach einiger Zeit wurde ich Solist am staatlichen Opern- und Balletttheater in Almaty.

Im Jahr 2013 begann die Auswahl für das neue Theater „Astana Opera“ auf Wettbewerbsbasis. Ich kam nach Astana, um „mein Glück zu versuchen“ – und seit 2013 lebe und arbeite ich hier. Damals war ich allein, aber jetzt trete ich gemeinsam mit meiner Frau Galina Cheplakova auf – sie ist ebenfalls Solistin unseres Theaters, stammt aber aus Ufa, Baschkortostan [Republik innerhalb Russlands, Anm. d. Autorin].

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Auch sie hat eine Vorliebe für kasachische Musik entwickelt: Sie singt nun ebenfalls kasachische Lieder bei Konzerten, zum Beispiel eine Partie in der Nationaloper „Qys Jibek“ [lyrisches kasachisches Epos, benannt nach seiner Heldin, übersetzt „Seidenmädchen“; Drama über die Liebe von Jibek und Tölegen, oft als „kasachisches Romeo und Julia“ bezeichnet, Anm. d. Aut.], nachdem sie an ihrer Aussprache gearbeitet hat – unser Publikum hat sie sehr herzlich aufgenommen.

Sind Sie mit kasachischem Repertoire in Europa aufgetreten? Wie wird es dort vom Publikum aufgenommen?

Das europäische Publikum reagiert sehr positiv auf kasachische Musik, weil sie neu und unerwartet komplex ist: Viele kasachische Lieder sind hinsichtlich ihrer Dramatik und vokalen Komplexität mit Opernarien vergleichbar.

Ich habe zum Beispiel an Tourneen mit dem Folkloreensemble „Turan“ teilgenommen [Ensemble, das traditionelle kasachische Musik mit modernen Klängen verbindet, gegründet 2008, Anm. d. Autorin]. Wir waren in der Schweiz, in Frankreich, Italien und anderen europäischen Ländern. Ich habe sowohl Weltklassiker als auch kasachische Werke gesungen.

Spüren Sie überhaupt einen Unterschied zwischen dem europäischen und dem kasachischen Publikum?

In Italien wird die Oper als Teil der Alltagskultur geliebt. Sogar bei der Passkontrolle wurde ich interessiert gefragt: „Sind Sie Tenor? Welche Arien singen Sie?“ Der Grenzbeamte kannte sich sehr gut mit dem Opernrepertoire aus, weil sein Großvater ebenfalls Tenor war. Das ist Teil des kulturellen Codes in Italien.

Auch in Kasachstan wächst das Interesse: In Astana habe ich gesehen, wie sich der Saal im Laufe der Jahre allmählich immer mehr füllte. In Almaty ist das Publikum anspruchsvoller und „hörender“, dort ist die Tradition des ständigen Konzertlebens stärker ausgeprägt.

Welche Unterschiede haben Sie bei Ihrer Arbeit im Ausland im Vergleich zu Ihren Erfahrungen in Kasachstan festgestellt?

In Europa gibt es ein anderes Arbeitsmodell: Theater arbeiten auf Vertragsbasis. Solist:innen kommen aus aller Welt für eine bestimmte Produktion – fünf bis sieben Vorstellungen – und reisen dann wieder ab. Das Theater beginnt sofort mit den Vorbereitungen für die nächste Oper mit einer neuen Besetzung. Bei uns gibt es ein Repertoire-System: eine feste Truppe, ein monatliches Gehalt, Stabilität für den Opernsänger:innen.

Aber egal, woher man kommt – es gibt immer etwas, wonach man streben kann. Im Operngesang gibt es keine Grenzen. Ich bin 44 Jahre alt und zweifle immer noch (an mir), arbeite an meiner Technik, achte auf meine Stimme. Die Stimme ist ein Instrument: Wenn sie krank wird, kann die Vorstellung ausfallen. Deshalb ist es eine Kunst, ständig an sich selbst zu arbeiten.

Sie haben mit europäischen Dirigent:innen zusammengearbeitet. Was hat Sie bei der Zusammenarbeit mit ihnen am meisten beeindruckt?

Es gab einen Fall beim Verdi-Wettbewerb in der italienischen Stadt Busseto. Nach dem Vorsingen wurde mir die Wahl angeboten: entweder weiter am Wettbewerb teilzunehmen oder sofort an der Inszenierung der Oper „Luisa Miller“ mit Gastspielen in Italien mitzuwirken. Ich entschied mich für die Inszenierung. Wir arbeiteten mit Meister:innen aus der La Scala, mit Leo Nucci.

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Und bei einer Probe sagte mir der Dirigent: „Kazako, schau mich nicht an – ich folge dir.“ Für einen Sänger:in ist das ein äußerst seltener Moment. Das Orchester folgte dem Atem des Solisten. In diesem Moment glaubte ich wirklich an mich.

Haben Sie ein ähnliches Gefühl bei kasachstanischen Dirigenten?

Dieses Gefühl kommt eher selten vor. Aber ja, zum Beispiel bei Alan Buribayev. Er ist ein sehr einfühlsamer Dirigent, mit dem man gut zusammenarbeiten kann. Wenn der Dirigent mit dem Sänger, der Sängerin „atmet“, entfaltet sich die Stimme auf andere Weise.

Kommen viele junge Sänger:innen zur Oper, wählen sie diesen Beruf in Kasachstan?

Ja. In Kasachstan gibt es viele talentierte junge Stimmen. Sehr viele. Wenn man heute die sozialen Netzwerke öffnet, tauchen ständig neue Namen, neue Sänger:innen auf, nicht nur bei uns, sondern weltweit. Kürzlich war ich bei einem Konzert junger Künstler:innen in Almaty – alle waren stimmgewaltig, alle waren gut.

Es gibt also keinen Mangel an Sängerinnen und Sängern?

Das ist unterschiedlich. Manchmal fehlen bestimmte Stimmen – zum Beispiel dramatische Tenöre oder Bässe. Aber insgesamt ist das Potenzial vorhanden.

Was fehlt Ihrer Meinung nach Kasachstan bei der Entwicklung der Opernkunst?

An Repertoire und Auftrittshäufigkeit. Ein Opernsänger wächst auf der Bühne, in seiner Rolle. Wenn man nur ein- oder zweimal im Jahr singt, entwickelt man sich nicht weiter. Man muss neue Stücke inszenieren, das Repertoire erweitern, insbesondere die Weltklassiker. Wir haben die Stimmen – sie brauchen nur eine Bühne.

Wie sieht das Repertoire der „Astana Opera“ heute aus?

Es gibt die kasachische Oper – und die muss unbedingt weiterentwickelt werden. Es gibt italienische und russische Klassiker: Verdi, Puccini, Tschajkowskij. Wir müssen beide Wege gehen: die nationale Oper bewahren und gleichzeitig Teil der internationalen Opernwelt sein.

Gibt es bei uns eine voreingenommene Haltung: Wenn man kein Solist ist, bedeutet das, dass man „noch nicht weit genug ist“?

Das ist nicht ganz richtig. Auf der ganzen Welt gibt es verschiedene Wege. Manche beginnen im Chor und werden später Solisten:innen. Andere wiederum wechseln mit der Zeit in den Chor. Alles hängt vom Alter, der Stimmlage und der Bereitschaft ab. Wir veranstalten regelmäßig Vorsingen – und wenn die Stimme gefragt ist, bekommt der Künstler, die Künstlerin die Chance, Solist zu werden, wenn er oder sie das möchte.

Gibt es Ihrer Meinung nach eine besondere „kasachstanische” vokale Identität?

Ich würde sagen: Wir unterscheiden uns oft durch unsere Klangfarbe. Ich habe schon oft gehört: „Wenn man die Augen schließt, klingt es, als würde ein Italiener singen.“ Und dann noch die sprachliche Flexibilität. Sprachen fallen uns leicht, oft ohne Akzent. Das ist ein großer Vorteil.

Früher, wenn ich neue Leute kennenlernte, versuchten sie zu „erraten“: China? Korea? Japan? Am Ende sagte ich dann: Kasachstan. Und dann kamen die Fragen – wo liegt das, ich zeigte es auf der Karte. Das ist heute nicht mehr so. Heute kennt man sowohl Kasachstan als auch Astana. Das ist vor allem dem Sport und der Kultur zu verdanken, darunter auch der Musik.

Und wie definieren Sie persönlich Ihre künstlerische Identität?

Ich bin ein kasachstanischer Opernsänger. Ich bin hier geboren. Ich liebe die Bühne, das Publikum, die Oper. Mein Leben besteht aus Proben, Rollen, Aufführungen. Sogar meine Kinder singen zu Hause schon meine Arien. Ich weiß noch nicht, was sie einmal werden, aber das wird ihre Entscheidung sein.

Das Interview führte Nurgul Adambayeva für Novastan

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