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Medienkritik: Turkmenistan hat den Begriff “Coronavirus” nicht verboten

Laut einem Bericht von Reporter ohne Grenzen habe Turkmenistan „das Wort Coronavirus verboten“. Die auch in einigen deutschen Medien übernommene Behauptung ist jedoch inexakt.

In einer am 31. März auf Französisch und Englisch veröffentlichten Meldung behauptet die Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“ (RSF), die turkmenischen Behörden haben „das Wort ‘Coronavirus’ aus dem turkmenischen Wortschatz verbannt“. RSF fügt hinzu, dass „es den staatlich kontrollierten Medien nicht mehr erlaubt sei, das Wort ‘Coronavirus’ zu verwenden“, und bezieht sich dabei auf einen Artikel des im Ausland ansässigen Mediums Chronicles of Turkmenistan.

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Beide Aussagen sind jedoch falsch. Novastan hat bei seinen Recherchen in den turkmenischen Medien in den letzten Monaten und Tagen zahlreiche Erwähnungen des Wortes „Coronavirus“ oder „COVID-19“ gefunden. Auf einer Pressekonferenz am Dienstag habe das Gesundheitsministeriums zudem explizit zur epidemiologischen Lage im Land informiert, bemerkt Euronews.

 „Coronavirus“ in Meldungen der staatlichen turkmenischen Presseagentur

Allein durch eine schnelle Google Suche auf der Webseite der staatlichen turkmenischen Nachrichtenagentur TDH zeigt etwa 30 Nennungen des Wortes „Coronavirus“ in russischer Sprache. Ein weiterer Beleg, dass der Begriff nicht verboten ist: Ein TDH-Artikel vom 25. März erwähnt das Coronavirus selbst im Titel in russischer, englischer und turkmenischer Sprache.

Es stimmt, dass die TDH-Agentur das Coronavirus nicht im Zusammenhang mit Turkmenistan erwähnt, da es offiziell keine nachgewiesenen Fälle im Land gibt. Aber ist das ausreichend, um zu verkünden, dass die Nutzung des Begriffes ganz verboten sei?

Turkmenische Medien berichten über die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus

Abgesehen von der schlichten TDH, die nur Pressemitteilungen veröffentlicht, ist die turkmenische Medienlandschaft relativ arm. Aber seit 2011 haben sich auch mehrere Online-Medien wie Orient.tm, TurkmenPortal oder Jeyhun offiziell in Turkmenistan registriert.

Es sind zwar nicht direkt „staatlich kontrollierte Medien“, wie sie RSF beschreibt. Aber als registrierte Medien unterliegen sie genauso den im Land geltenden Presseregelungen. Ein Großteil der Inhalte sind oft teilweise umgeschriebene Pressemitteilungen von TDH, aber diese Online-Medien veröffentlichen auch täglich zahlreiche Originalinhalte. Seit dem Beginn der Epidemie im Januar wurde in vielen dieser Artikel das Coronavirus erwähnt und behandelt.

Orient.tm kündigte an, dass Turkmenistan zusammen mit den UN-Organisationen an einem Plan zur Bekämpfung des Coronavirus arbeitet, und wies darauf hin, dass bereits “im Januar 2020 ein umfassender Maßnahmenplan zur Verhinderung der Einschleppung von COVID-19 nach Turkmenistan verabschiedet wurde”. Der erste Artikel, der das Coronavirus und die turkmenische Reaktion erwähnt, wurde am 24. Januar bei TurkmenPortal veröffentlicht. In einem jüngeren Artikel vom 30. März werden alle im Land ergriffenen Maßnahmen erwähnt, wobei das Wort Coronavirus ausgiebig verwendet wird.

Jeyhun hat am 24. März einen einfachen Artikel veröffentlicht, der klar erläutert, welche Maßnahmen im Laut zur Bekämpfung der Coronavirus-Epidemie ergriffen wurden. „Trotz der Tatsache, dass in Turkmenistan keine Fälle von Coronavirus registriert wurden, verstärkt das Land systematisch seine Anstrengungen, um die Einschleppung dieses gefährlichen Virus zu verhindern”, steht zu Beginn des Artikels.

Erste Maßnahmen Ende Januar

Turkmenistan hat zwar offiziell keine Coronavirus-Fälle, was angesichts der großen Zahl asymptomatischer Fälle logischerweise zweifelhaft ist, das Land hat aber umgehend Maßnahmen gegen die Epidemie ergriffen. Die Reaktionszeit entsprach der vieler Länder auf der ganzen Welt, die ebenfalls nicht bereit waren, offen und schnell zu kommunizieren.

Lest auch bei Novastan: Coronavirus – Zentralasien im Krisenmodus

Ohne dies offiziell bekannt zu geben, schloss das Land bereits ab dem 31. Januar die meisten seiner Landgrenzen, einschließlich der Grenzen zu Usbekistan, wie das unabhängigen ausländischen Medium Turkmen.news feststellte. Laut Chronicles of Turkmenistan, wurde am 24. Februar die Grenze zum Iran geschlossen. Ab dem 30. Januar haben die turkmenischen Behörden Maßnahmen ergriffen, um die Ankunft von Flugzeugen aus Hochrisikoländern zu kontrollieren, zunächst aus China und dann aus den meisten Ländern, in denen das Coronavirus erklärt worden ist. Die Flugzeuge sollten in der Region Lebap landen, wo die Passagiere unter Quarantäne gestellt wurden. Seit Anfang März sind die meisten internationalen Flüge gestrichen worden.

Grenzschließungen und eine verstärkte Kontrolle der Passagierströme wurden in Turkmenistan seit der Verschärfung der Epidemie in China strikt eingehalten. Zu der Zeit forderten manche Europäischen Regierungen wie Frankreich ihre Bürger noch dazu auf, weiterhin normal zu leben und auszugehen.

Turkmenistan tut womöglich nicht genug gegen das Coronavirus und hat noch keine weitreichenden Quarantänemaßnahmen eingeführt. Es tendiert aber dorthin, mit verlängerten Schulferien, eingeschränkter Bewegungsfreiheit zwischen den Regionen und verschärften Kontrollen. In jedem Fall ist der Begriff „Coronavirus“ nicht verboten, ganz im Gegenteil. Die Behauptung von RSF ist also bestenfalls inexakt.

Turkmenistan, ein besonderes Nachrichtenlage

Wie RSF betont werden Nachrichten in Turkmenistan stark kontrolliert, Informationen aus dem Land sind also in jedem Fall mit Vorsicht zu genießen. Einerseits verwendet die offizielle Presse oft eine unverständliche Verwaltungssprache, für turkmenische BürgerInnen sind nach wie vor Gerüchte die Hauptinformationsquelle. Dazwischen ist es schwierig zu erkennen, welche Meldungen tatsächlich eine landesweite Politik beschreiben und welche nur eine lokale Realität wiederspiegeln.

Lest auch bei Novastan: Turkmenistan – Wie die Bevölkerung auch ohne freie Medien an Informationen gelangt

Wie in der ganzen Welt ist das Coronavirus in Turkmenistan seit Ende Januar ein unerschöpfliches Thema für Gerüchte und Falschmeldungen. Turkmenische Beamte geben keine Interviews, so dass es sehr kompliziert ist, Informationen zu überprüfen. Das bedeutet aber nicht, dass nichts unternommen wird oder das Thema überhaupt nicht erwähnt werden darf.

Der Kampf gegen die Epidemie spielt sich vor allem auch auf der Kommunikationsebene ab, um die Bevölkerung dazu zu bewegen, Hygienemaßnahmen und soziale Distanzierung einzuhalten. Turkmenistan kann mit seinem verkümmerten und ineffizienten Mediensystem diese Rolle nicht erfüllen. In diesem Punkt hat RSF nicht unrecht: Die Krisenkommunikation Turkmenistans ist nicht in der Lage sicherzustellen, dass seine Bevölkerung die zur Verlangsamung der Epidemie notwendigen Maßnahmen respektiert. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die turkmenischen Behörden so weit gehen, ein Wort zu verbieten.

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Informationen, die von „unabhängigen“ oder „oppositionellen“ Medien wie den Chronicles of Turkmenistan oder turkmenischen.news veröffentlicht werden, sind gewiss interessante Quellen über das Land. Sie müssen jedoch mit Informationen aus offiziell registrierten Medien in Turkmenistan und noch besser mit Informationen aus erster Hand abgeglichen werden.

Jeanne Cavelier, Leiterin des Referats für Osteuropa und Zentralasien bei RSF, erklärte Novastan, sie verfüge über „ausreichend bekräftigende Quellen, um zu wissen, dass die Medien über die Epidemie schweigen“. Der Titel der RSF-Meldung wurde unterdessen von „Das ‚Coronavirus‘ mit Hausverbot in Turkmenistan“ auf „Coronavirus: Selbstzensur der Medien in Turkmenistan”, geändert.

Die Redaktion

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Kommentare
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    Ja, aber Ihre Berichterstattung oder Aufklärung hätte auch gründlicher und genauer sein können. Denn bis heute behauptet die turkmenische Führung ja dass es keinen einzigen Coronavirus -Fall in Turkmenistan gibt. Demnach zufolge wurde Corona-Virus in den offiziellen Medien wie TDH in Beziehung auf das Ausland erwähnt wohlgemerkt. Da scheint die Regierung ja zwischen dem Ausland, das sind die anderen und dem Inland, das sind wir, zu differenzieren. Solche Sachen sind eben die kleinen Unterschiede, die die Journalisten nicht so leicht übersehen sollten.

    26 Mai 2020
    • Florian Coppenrath

      Vielen Dank für Ihren Kommentar! Dieser Artikel befasst sich jedoch lediglich mit der anfänglichen Falschmeldung, die zu vielen oft exotisierenden Folgeberichten geführt hat.

      Die zweifelhafte Aussage, es gebe tatsächlich keinen Virus im Inland, wird hier kurz angesprochen (“Turkmenistan hat zwar offiziell keine Coronavirus-Fälle, was angesichts der großen Zahl asymptomatischer Fälle logischerweise zweifelhaft ist”), und an anderer Stelle, wie im letzten regionalen Überblick über die Covid-19 Lage (https://novastan.org/de/kirgistan/coronavirus-in-zentralasien-erste-schritte-aus-der-quarantaene/) ausführlicher besprochen.

      29 Mai 2020

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