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	<title>Gleichberechtigung Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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		<title>Feministische Medien in Kasachstan: Was verändern sie?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[cabarasia]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Jan 2025 21:01:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Feministische Medien spielen eine wichtige Rolle, aber nach Ansicht von Experten wird ihre Wirksamkeit durch einen Mangel an politischem Willen eingeschr&#xE4;nkt. Feministische Medien sind in Kasachstan zu einem wichtigen Instrument des Wandels geworden, das &#xFC;ber Themen wie Gleichstellung, Frauenrechte und nicht-bin&#xE4;re Menschen berichtet. Sie sind nicht nur eine Informationsquelle, sondern auch ein Raum f&#xFC;r Dialog, [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Feministische Medien spielen eine wichtige Rolle, aber nach Ansicht von Experten wird ihre Wirksamkeit durch einen Mangel an politischem Willen eingeschränkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Feministische Medien sind in Kasachstan zu einem wichtigen Instrument des Wandels geworden, das über Themen wie Gleichstellung, Frauenrechte und nicht-binäre Menschen berichtet. Sie sind nicht nur eine Informationsquelle, sondern auch ein Raum für Dialog, Unterstützung und Aktionen, die zuvor unmöglich erschienen. Medien wie &#8222;<a href="https://www.youtube.com/@BatyrJamalTalks">Batyr jamal</a><em>&#8222;, </em>Podcasts wie &#8222;<a href="https://open.spotify.com/show/0zxfkrYPH3YHeHOkUzneyx">Tits Talking</a>&#8220; oder &#8222;<a href="https://www.youtube.com/@momskiy_angime/videos">Mamskij äñgime</a>&#8220; und viele andere verändern bereits die öffentliche Meinung, bekämpfen Stereotypen und haben einen echten Einfluss auf das Leben der Menschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Was ich am meisten schätze, ist die kreative Freiheit“</em>, sagt Aısulu Toışibekova, Gründerin des Podcasts&nbsp;&#8222;Tits Talking&#8220; und des Podcast-Studios&nbsp;&#8222;Bulbul&#8220;. Die Priorität liege immer darin, dass der Podcast für andere wichtig ist. Die Vision des 2021 ins Leben gerufenen&nbsp;&#8222;Tits Talking&#8220;-Podcasts ist es, dass Frauen, die nicht dem Mainstream angehören, ihre Erfahrungen und ihr Fachwissen auf sichere Weise teilen können.&nbsp;</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Aısana Aşim, Gründerin von&nbsp;&#8222;Batyr jamal&#8220;, erinnert sich daran, wie der Abaı-Literaturforscher Omar Jalel im Jahr 2020 in seiner Rede an der Nazarbaıev-Intellektuellen-Schule Mädchen mit Textmarkern&nbsp;<a href="https://www.the-village-kz.com/village/city/react/9885-takie-devushki-kak-markery-takie-markery-kak-ona">verglich</a>, die man ihm zufolge wegwerfe, wenn sie verbraucht sind. Der Literaturforscher erinnerte&nbsp;die Schülerinnen zudem daran, dass ihre Aufgabe nicht das Lernen, sondern das Gebären sei. Aısana Aşim war über diese Worte verärgert und in diesem Moment wurde ihr klar, dass die Idee, Medien für Frauen zu schaffen, die sie seit langem hegte, umgesetzt werden musste. Der Name&nbsp;&#8222;Batyr jamal&#8220;&nbsp;stammt aus dem Titel von Myrjakyp Dulatovs Roman&nbsp;&#8222;Bakytsyz jamal&#8220;. Das Wort&nbsp;<em>„</em>Batyr<em>“</em> bedeutet in der Übersetzung aus dem Kasachischen&nbsp;<em>„</em>stark<em>“</em>. Am 8. März 2021 wurde&nbsp;&#8222;Batyr jamal&#8220;&nbsp;auf Instagram, TikTok und anderen sozialen Netzwerken veröffentlicht und ist ein Projekt über Frauen und für Frauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aınur Iljasova erzählt, wie vor ein paar Jahren alles mit kurzen 20-minütigen Videos auf YouTube begann und sich dann zum Podcast &#8222;Mamskij&nbsp;äñgime&#8220; entwickelte. Der Podcast handelt von Mutterschaft, Schwangerschaft, Geburt und vielem mehr, mit Rubriken wie&nbsp;&#8222;Mutter und Tochter&#8220;,&nbsp;&#8222;Ehemann und Ehefrau&#8220;&nbsp;und&nbsp;&#8222;Selfmadefrau&#8220;. In ihren Veröffentlichungen betont Iljasova die Bedeutung der Mutterschaft und das Wissen um die eigenen Rechte bei der Geburt sowie die Erholung nach der Geburt und das Problem der postpartalen Depression.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was wurde während des Bestehens der Medien und Podcasts erreicht?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In 3,5 Jahren hat&nbsp;&#8222;Batyr jamal&#8220;&nbsp;mehr als 186 Tausend Abonnent:innen: 99,5 Tausend in Instagram und 84 Tausend in TikTok, 3128 in Telegram. Die maximale Reichweite beträgt etwa 10 Millionen: 5 Millionen auf Instagram und 5 auf TikTok. Im Durchschnitt gibt es etwa eine Million Besucher:innen pro Monat auf jeder Plattform.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir haben einen großen Beitrag geleistet. Es gab Menschen und Blogger:innen, die angefangen haben, mehr über die Erfahrungen von Frauen zu sprechen. Damals benutzten viele Journalisten keinen Feminitiv, aber nach uns fingen sie damit an“</em>, sagt Aşim.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie weist auch darauf hin, dass die langjährige Arbeit von&nbsp;&#8222;Batyr jamal&#8220;&nbsp;bei der Berichterstattung über häusliche und sexualisierte Gewalt den kasachstanischen Präsidenten dazu bewogen hat, 2024 ein Gesetz zum Schutz gegen häusliche Gewalt zu&nbsp;<a href="https://rus.azattyq.org/a/32905737.html">verabschieden</a>. Das Team berichtete über jeden Prozess gegen den ehemaligen Wirtschaftsminister <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Quandyq_Bischimbajew">Quandyq Bişimbaev</a>, der seine Frau Saltanat Nukenova ermordet hatte, und verfolgte das Verfahren. Zusammen mit anderen Einflussinstrumenten wie Petitionen und Protesten von Aktivist:innen wurde Bişimbaev zu 24 Jahren Haft verurteilt. Ebenso beeinflusste laut Aşim ihre Arbeit die Sprache, die kasachstanische Journalist:innen beim Thema geschlechtsspezifische Gewalt benutzen. Die Medienseite hat&nbsp;<a href="https://www.instagram.com/p/CV4son-s8fa/?igsh=b3V6Y2UxazBudmh6">Leitlinien</a>&nbsp;für die Medien veröffentlicht, wie man rücksichtsvoll und ethisch korrekt über Gewalt schreibt.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gründerin des &#8222;Tits Talking&#8220;-Podcast Aısulu Toışibekova sagt, sie habe den weiblichen Blick in den Medien vermisst: <em>„Wenn es einen weiblichen Blick gab, war er mit Gewalt verbunden. Ich wollte etwas anderes. Ich hatte schon immer viele Frauen um mich herum, die großartige Projekte machen und mit echter Leidenschaft dabei sind. Ich dachte, warum werden sie nicht irgendwo eingeladen?“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Toışibekova arbeitet der&nbsp;&#8222;Tits Talking&#8220;-Podcast nicht zielgerichtet, es handelt sich nicht um eine NGO und es gibt keine Ressourcen, um eine Community rund um das Studio oder den Podcast aufzubauen.&nbsp;<em>„Ich vermittle das Wissen und die Erfahrung, die in unserer Gemeinschaft bereits vorhanden sind. Manchmal ist es schwer, sie zu finden, und wir sind wie ein Kanal, der diese Erfahrungen und Menschen miteinander verbindet“</em>,&nbsp;so&nbsp;Toışibekova.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Folge von&nbsp;&#8222;Tits Talking&#8220;&nbsp;wird von etwa 200 Menschen gehört. Toışibekova meint jedoch, dass sie die Bedeutung ihrer Arbeit nicht an Zahlen messen möchte. Sie sagt, dass der Audio-Podcast-Markt in Kasachstan gerade erst im Entstehen begriffen ist und dass es noch keine guten Metriken und Untersuchungen gibt. Die Marken selbst haben es nicht eilig, in Audio-Podcasts einzusteigen, und die Leute wissen nicht so recht, wo und wie sie sie finden sollen. Laut Toışibekova hat der Medienkonsum gelehrt, alles zu vereinfachen und zu vereinheitlichen – es sei einfacher, YouTube, Instagram und TikTok zu verwenden.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kanal &#8222;Mamskij äñgime&#8220; hat heute 228.000  Abonnent:innen und eine Reichweite von 35 Millionen Menschen. Die Interviews werden in zwei Sprachen veröffentlicht: Russisch und Kasachisch. Laut Aınur Iljasova schreiben einige Menschen, dass sie dank der Interviews ihre Depression überwinden konnten. Die Autorin des YouTube-Kanals misst die Ergebnisse ihrer Arbeit anhand des Feedbacks. <em>„Kürzlich kam eine Frau auf mich zu und erzählte mir, dass sie eine Fehlgeburt erlitten hatte. Sie hat es dank des Kanals überwunden. Ich bin dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, etwas für die Menschen zu tun“</em>, erzählt Iljasova. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Iljasova und ihr Team haben ihr eigenes Studio eröffnet, einen Kunstraum. Es wird vermietet und der Podcast selbst wird dort aufgenommen. Im Moment arbeitet Iljasova an dem Projekt&nbsp;&#8222;Eltern ohne Grenzen&#8220;. Das beschäftigt sich unter anderem mit den Bedingungen für arbeitende Frauen in Kasachstan, was der Staat zur Verfügung stellt, welche Privilegien, Sozialleistungen die Frauen haben, welche Art von Kindergärten es im Land gibt. In diesem Jahr veröffentlichte Iljasova einen Film mit dem Titel&nbsp;&#8222;Qaşan tuasyn?&#8220;&nbsp;(Anm. d. Red.&nbsp;„Wann wirst du gebären?“) über den gesellschaftlichen Druck auf Mädchen. Iljasova war auch Schauspielerin, Autorin der Idee, Produzentin und Co-Drehbuchautorin der Serie.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was hat sich nicht geändert oder verbessert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich habe nicht versucht, etwas grundlegend zu ändern, die Verantwortung eines Märtyrers zu übernehmen und die Welt zu verändern. Ich hatte eine Menge Urteile und Beschwerden. Dann habe ich mich hingesetzt und beschlossen, aktiv zu werden“</em>, gesteht die Autorin des Podcasts &#8222;Mamskij&nbsp;äñgime&#8220;. Iljasova sprach über eine noch nicht verwirklichte Idee – ein Projekt über Entbindungskliniken in Kasachstan.&nbsp;<em>„Es gibt auch gute Ärzte, aber niemand lässt mich die ganze Wahrheit sagen“</em>, erklärte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Toişibekova, die Autorin des Podcasts&nbsp;&#8222;Tits Talking&#8220;, teilt mit, dass sie nicht in der Lage war, den Podcast zu einer regelmäßigen Sendung zu machen. Sie weist auf das bestehende Problem mit Podcasts und Monetarisierung in Kasachstan hin – Marken stellen Budgets zur Verfügung, um einmal im Jahr am 8. März über Frauenthemen zu berichten.&nbsp;<em>„Es ist schwierig für mich, denn die Werbekund:innen sind nicht interessiert. Sie sagen ‚unser Publikum wird es nicht verstehen‘“</em>, erklärt Toishibekova.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aşim stimmt ihr zu, sie glaubt, dass es eine Menge&nbsp;Pinkwashing&nbsp;unter den Marken gibt (Ausbeutung von LGBTQ+ Werten, um das eigene Image zu verbessern oder Profit zu machen, Anm. d. Red.).&nbsp;<em>„Für sie sind die Plattformen von Timur Balymbetov und Qanat Beısekeev sicherer als unsere. Sie haben Angst, sich einer Gefahr auszusetzen. Obwohl wir nicht über ein anderes Kasachstan&nbsp;schreiben“</em>, stellt Aşim fest. Die Gründerin von&nbsp;&#8222;Batyr Jamal&#8220; meint, dass die Medien aufgrund von Monetarisierungsproblemen nicht dauerhaft tragfähig sind. <em>„Wir könnten mehr Journalisten einstellen, mehr Material in kasachischer Sprache produzieren, die Regionen abdecken, eine Website erstellen und Offline-Veranstaltungen durchführen. Wir müssen weitermachen, ich denke, es wird uns schon gelingen“</em>, sagt Aşim.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie wirken sich feministische Medien und Podcasts auf die Gesellschaft und das Leben von Frauen in Kasachstan aus und inwieweit können sie wirklich etwas bewirken?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Aıgerim Qusaınqyzy, einer Expertin für Frauenrechte, lassen sich die Auswirkungen von feministischen Medien und Podcasts an mehreren Schlüsselaspekten ablesen. Erstens wird das Bewusstsein für die Ungleichheit der Geschlechter geschärft und ein Raum geschaffen, in dem Frauen ihre Gedanken offen äußern können. Zweitens trägt die Gestaltung von Diskussionen über die Sexualität von Frauen, reproduktive Rechte und Feminismus dazu bei, diese Themen in der Gesellschaft zu normalisieren. Qusaınqyzy betont jedoch, dass Medien über Frauen hauptsächlich die Aufmerksamkeit von Menschen auf sich ziehen, die sich bereits für Geschlechterfragen interessieren, und dass ihr Einfluss nur selten die breite Öffentlichkeit erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines der Ergebnisse der Arbeit feministischer Medien und Podcasts, so Qusaınqyzy, ist der Abbau von Stereotypen, die mit dem Begriff&nbsp;&#8222;quyat&#8220;&nbsp;(Scham, Anm. d. Red.) verbunden sind, und die Förderung der Sexualerziehung. Die Podcasts&nbsp;&#8222;Ūiat emes&#8220;&nbsp;und&nbsp;&#8222;Queer Squirt&#8220;&nbsp;verringerten die Stigmatisierung von Themen im Zusammenhang mit Menstruation und Verhütung und verbesserten den Zugang zu diesen wichtigen Informationen für Frauen und Mädchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Veröffentlichung von Erfolgsgeschichten von Frauen in der Wirtschaft und in Führungspositionen durch&nbsp;&#8222;Manşuq Media&#8220;&nbsp;und&nbsp;&#8222;Batyr jamal&#8220;&nbsp;inspirieren und unterstützen andere Frauen, unternehmerische Initiativen zu entwickeln. Nach&nbsp;<a href="https://forbes.kz/news/newsid_296866">Angaben</a>&nbsp;des kasachstanischen Wirtschaftsministeriums ist beispielsweise die Zahl der aktiven kleinen und mittleren Unternehmen seit 2012 um 44 Prozent auf über 1,4 Millionen gestiegen, wobei 44,6 Prozent derjenigen von Frauen geführt werden.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Obwohl feministische Medien wichtige Themen ansprechen, bleibt ihr Einfluss auf Änderungen in der Gesetzgebung und Politik gering, da es an Unterstützung auf staatlicher Ebene und am politischen Willen zur Veränderung fehlt“</em>, meint Qusaınqyzy.&nbsp;</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph">Fariza Ospan für CABAR</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph">Aus dem&nbsp;<a href="https://cabar.asia/ru/media-o-zhenshhinah-chto-oni-menyayut-v-kazahstane">Russischen</a>&nbsp;von Irina Radu</p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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			</item>
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		<title>Selbstmorde und Morde an Frauen nehmen zu, wenn der Staat bei häuslicher Gewalt wegschaut</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Asia Plus]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Jun 2024 22:52:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Gender]]></category>
		<category><![CDATA[Gewalt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der ehemalige kasachische Wirtschaftsminister Kuandyk Bischimbajev wurde vor wenigen Tagen in Astana zu einer 24-j&#xE4;hrigen Gef&#xE4;ngnisstrafe verurteilt. Er soll seine Frau Saltanat Nukenova gefoltert und besonders grausam ermordet haben. Dieser Fall war nicht nur deshalb von Bedeutung, weil ein ehemaliger Beamter &#x2013; ein Mann mit viel Macht &#x2013; vor Gericht stand, sondern weil es kein [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Der ehemalige kasachische Wirtschaftsminister Kuandyk Bischimbajev wurde vor wenigen Tagen in Astana zu einer 24-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Er soll seine Frau Saltanat Nukenova gefoltert und besonders grausam ermordet haben. Dieser Fall war nicht nur deshalb von Bedeutung, weil ein ehemaliger Beamter &#8211; ein Mann mit viel Macht &#8211; vor Gericht stand, sondern weil es kein Einzelfall ist: Die Statistiken über Gewalt an Frauen in allen zentralasiatischen Ländern sind erschreckend.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Seine Liebe hinderte ihn nicht, sie zu töten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bischimbajev gab zu, dass er am Tod seiner Frau beteiligt war, bestritt jedoch die Foltervorwürfe und, dass es sich um einen brutalen und vorsätzlichen Mord gehandelt habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihm zufolge hatte seine Frau an jenem Abend zu viel Alkohol getrunken und dadurch den Konflikt und seine aggressive Reaktion „provoziert“. Dies hätte ihn dazu veranlasst, sie zu schlagen, wenngleich er nicht gewusst hätte, dass sie sterben würde.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="924" height="600" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Die-ermordete-Saltanat-Nukenova-und-ihr-Ehemann-Kuandyk-Bishimbayev-1.jpg" alt="" class="wp-image-39574" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Die-ermordete-Saltanat-Nukenova-und-ihr-Ehemann-Kuandyk-Bishimbayev-1.jpg 924w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Die-ermordete-Saltanat-Nukenova-und-ihr-Ehemann-Kuandyk-Bishimbayev-1-300x195.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Die-ermordete-Saltanat-Nukenova-und-ihr-Ehemann-Kuandyk-Bishimbayev-1-768x499.jpg 768w" sizes="(max-width: 924px) 100vw, 924px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die ermordete Saltanat Nukenova und ihr Ehemann Kuandyk Bishimbayev; Collage: Asia-Plus</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Die Äußerungen des ehemaligen Ministers zu seiner Verteidigung sorgten nicht nur in Kasachstan, sondern auch in anderen Ländern für Aufsehen und Empörung. Nutzer sozialer Medien und Netz-Psychologen, die Bischimbajevs Rede vor Gericht analysierten, wiesen darauf hin, dass er die Öffentlichkeit bewusst manipuliere und die Zuhörer indirekt zu dem Schluss geführt habe, Saltanat selbst sei an dem schuld, was ihr widerfahren sei.<br>Bischimbajev versicherte, dass die schweren Kopfverletzungen, die zum Tod seiner Frau führten, nicht durch seine Schläge verursacht wurden, da er ihre „lebenswichtigen Organe“ nicht getroffen habe. Nach Angaben des Angeklagten schlug Saltanat selbst gegen die Wände und den Fliesenboden und fiel mit dem Gesicht nach unten auf die Toilette.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Sie verlor das Gleichgewicht und taumelte in Richtung Toilettenschüssel. Sie schlug gegen die Wand, begann zu taumeln und flog gegen die Wand, stieß sich mit der Hand ab und fiel mit dem Gesicht voran auf die Toilettenschüssel. Es war ein lauter Aufprall, bumm, sie fiel, und ihr Gesicht kam mit Wucht auf der Toilette auf und sie fiel zu Boden&#8220;, sagte Bischimbajev vor Gericht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ermittlungen ergaben derweil, dass sie nicht gestürzt sei, sondern erdrosselt wurde. Gleichzeitig wiederholt der Mann immer wieder, dass er seine Frau geliebt und sich um sie gekümmert habe.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Die Staatsanwältin Aijan Aimaganova machte aus ihrer Fassungslosigkeit keinen Hehl: „Sie haben sie also geliebt? 6-8 Stunden vergingen nach den Schlägen bis zu ihrem Tod. Wo blieb ihr Notruf? Sie sagen in Ihrer Aussage, dass Sie eine Wahrsagerin angerufen hätten. Sie sagen selbst, dass sie nicht mehr aufstehen konnte. Warum konnten Sie nicht sofort den Krankenwagen rufen?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Übertragungen der Gerichtsverhandlungen erreichten Hunderttausende von Zuschauern. In der ganzen Welt wurde das gerechte Urteil erwartet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Janna Urazbahova, die Anwältin des Opfers, die für ihre langjährige Erfahrung in der Verteidigung von Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind, bekannt ist, sagte in einem Interview, dass in jedem derartigen Fall, unabhängig vom sozialen Status und Ruhm der Familie, jedem sofort die Alarmglocken läuten sollten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Wenn so etwas in der Familie eines Ex-Ministers, einer einflussreichen Person, passiert, was soll man dann über normale Menschen ohne im Ausland erworbene Diplome und Hochschulbildung sagen. Leider rührt das aus langjährigen Traditionen, in denen die Frau als Objekt angesehen wird, und wenn sie heiratet, wird sie als wehrloses Objekt ihrem Mann als eine Art Accessoire&nbsp;übergeben&#8220;, betonte die Anwältin.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Erschreckende Statistiken</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In Kasachstan ist dies der erste aufsehenerregende Fall von Gewalt in der Familie, der vor einem Schwurgericht verhandelt und live übertragen wird. Es ist jedoch bei weitem nicht der einzige Fall imLand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Angaben des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entwicklungsprogramm_der_Vereinten_Nationen">UNDP</a> wird jedes Jahr eine von sechs Frauen in Kasachstan von ihrem Partner misshandelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Statistiken über Fälle von Gewalt gegen Frauen lassen in allen zentralasiatischen Ländern viel zu wünschen übrig. Hier sind nur einige schockierende Fälle aus jüngster Zeit.<br>Im Januar dieses Jahres (2024) hat ein Mann in Bischkek seine Lebensgefährtin vor den Augen ihres Kindes brutal ermordet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/der-kampf-gegen-haeusliche-gewalt-in-kirgistan-gesetze-und-realitaet/">Der Kampf gegen häusliche Gewalt in Kirgistan: Gesetze und Realität</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfang April dieses Jahres erstach ein Mann im usbekischen Oblast <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Viloyat_Sirdaryo">Syrdarynsk</a> seine Frau und ihre Mutter wegen eines Familienstreits mit einem Küchenmesser. Im September letzten Jahres erstach ein Mann seine Ex-Frau aus Eifersucht im Bezirk <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mastchoh_District">Matschinsk</a> in Tadschikistan.<br>In Usbekistan werden fast 90 Prozent der Fälle von Gewalt gegen Frauen innerhalb der Familie verübt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/sexuelle-gewalt-in-usbekistan-milde-justiz-und-tragische-schicksale/">Sexuelle Gewalt in Usbekistan: Milde Justiz und tragische Schicksale</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Kirgisistan sind mehr als 95 Prozent der Opfer von Gewalt Frauen. In Tadschikistan ist jede fünfte Frau Opfer häuslicher Gewalt, und ein Drittel der Frauen wird gerade von ihren Ehemännern misshandelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;In einer demokratischen Gesellschaft sollte Gewalt gegen Frauen nicht als Bagatelldelikt betrachtet werden. Die Kriminalisierung häuslicher Gewalt auf gesetzlicher Ebene ist eine Notwendigkeit. Eine Gesellschaft, die die Unterdrückung von Frauen duldet, kann nicht als zivilisiert bezeichnet werden&#8220;, sagte Aschraf Azami, tadschikischer Gender-Aktivist und Journalist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er kennt das Problem aus erster Hand: Seine Familie hat häusliche Gewalt am eigenen Leib erfahren &#8211; seine Schwester wurde von ihrem (inzwischen Ex-)Mann regelmäßig verprügelt. Als sie schwanger wurde und er weitermachte, lief sie davon. Die Polizei konnte der schwangeren Frau nicht anderweitig helfen, als mit dem Gewalttäter zu sprechen und eine Geldstrafe zu verhängen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Solange Schläge durch den Ehemann nicht als Straftat gelten, ist die Polizei machtlos. Es gibt keinerlei Schutzanordnungen oder Isolierung des Opfers, solange die Einzelheiten ungeklärt sind. Psychologische Anlaufstellen für die Angreifer sind rar. All das gibt es in 148 Ländern, die ein Gesetz zur Bekämpfung der häuslichen Gewalt verabschiedet haben. Darunter ist auch Kasachstan, aber wir nicht&#8220;, sagt der Journalist.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Wurzeln der Gewalt reichen bis in die Kindheit zurück</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Verabschiedung neuer Gesetze und die Einführung gesonderter Strafen für häusliche Gewalt werden dazu beitragen, Statistiken ans Licht zu bringen und möglicherweise zu einem besseren Umgang der Strafverfolgungsbehörden mit derartigen Fällen führen. Doch das reicht nicht aus, meint der tadschikische Blogger und Medienspezialist Rustam Gulow. Er plädiert dafür, näher mit den Betroffenen zusammenzuarbeiten und den Gang zum Psychologen zu enttabuisieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Insbesondere für diejenigen, die eine gewisse Neigung zu Gewalt haben, sollten Zugang zu einem Psychologen haben. Auf lange Sicht müsse auch Erziehung und Bildung miteinbezogen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/hausliche-gewalt-in-kasachstan-ein-tabuthema-wird-angegangen/">Häusliche Gewalt in Kasachstan – ein Tabuthema wird angegangen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;In unserer Gesellschaft werden Kinder oft als Menschen zweiter Klasse behandelt. Da ist es nicht verwunderlich, wenn aus ihnen respektlose, gewalttätige Erwachsene werden&#8220;, so Gulow.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="665" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Schuhe-1024x665.jpg" alt="" class="wp-image-39575" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Schuhe-1024x665.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Schuhe-300x195.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Schuhe-768x499.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Schuhe.jpg 1068w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die türkische Künstlerin Vahit Tuna hat 440 Paar Frauenschuhe an der Wand eines Hauses angebracht, um an die Frauen zu erinnern, die 2018 durch häusliche Gewalt ums Leben gekommen sind. Foto: Reuters</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein totales Tabu für Gewalt</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Publizist Parwiz&nbsp;Jamalow ist überzeugt, dass es zur langfristigen Beseitigung geschlechtsspezifischer Gewalt nichts Wirksameres gibt als eine breit angelegte Informationskampagne, die keinen Teil der Gesellschaft außer Acht lässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Ziel einer solchen mehrjährigen Kampagne sollte die völlige Ablehnung der männlichen Aggression gegen Frauen durch die Gesellschaft sein. Kurz: Allein der Gedanke, die Hand gegen eine Frau zu erheben, sollte mit den Worten &#8218;haram&#8216;, &#8218;Sünde&#8216;, &#8218;Schande&#8216;, gleichgesetzt werden&#8220;, sagt Parwiz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frauen müssten gleichermaßen einbezogen werden wie Männer betont er: „Schließlich ist es nicht ungewöhnlich, dass die Schwiegermutter, die einst das gleiche Trauma erlitten hat wie ihre Schwiegertochter, die die treibende Kraft ist oder auch selbst Gewalt ausübt, um nun für „Gerechtigkeit“ zu sorgen, sagt er.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/ein-leben-als-kelinka-bericht-ueber-einen-kasachischen-brauch/">Ein Leben als Kelinka – Bericht über einen kasachischen Brauch</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Im öffentlichen Bewusstsein muss systematisch daran gearbeitet werden, Stereotypen und Normen zu überwinden, die eine Kultur der Gewalt und der Herrschaft unterstützen. Dies kann durch Bildung und Aufklärung erreicht werden, einschließlich der obligatorischen Einführung von Geschlechtererziehung in Schulprogrammen, Medienkampagnen über die negativen Folgen von Gewalt, Unterstützung und Entwicklung von Geschlechtergleichstellung und Empathie&#8220;, erklärt der Gesprächspartner. Darüber hinaus hält es Parwiz Jamalow für wichtig, dass die Gesellschaft erkennt, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur ein Problem des individuellen Verhaltens ist, sondern ein strukturelles Problem, das eine systemische Lösung und die Unterstützung aller Mitglieder der Gesellschaft erfordert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Wir lernen für den Führerschein, für den Schulabschluss, für einen Beruf. Warum beschäftigen wir uns nicht auf ähnliche Weise mit Erziehung und dem Eheleben?&#8220;, fordert der tadschikische Rechtsanwalt Faridun Machmudow.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht alle traditionellen Informationen über die Ehe, die Beziehungen zwischen Mann und Frau und die Kindererziehung seien für unsere Zeit relevant. Die meisten Konzepte haben sich längst in Stereotype verwandelt, und viele Menschen interpretieren Traditionen und Religion auf ihre Weise, um damit ihr Handeln und Verhalten zu rechtfertigen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ist das Eis gebrochen?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mord an Saltanat Nukenova hat das Problem der Gewalt gegen Frauen in der kasachischen Gesellschaft in den Vordergrund gerückt. Die Art und Weise, in der ihr Mann und ehemalige Beamte versuchten, sich der Verantwortung zu entziehen, trat eine Welle friedlicher Kundgebungen und Proteste in einer Reihe von Ländern los. Ihre Forderung: ein fairer Prozess und die Kriminalisierung häuslicher Gewalt in Kasachstan. Die Behörden reagierten darauf mit der Verabschiedung eines Gesetzentwurfs zur Stärkung der Rechte von Frauen und der Sicherheit von Kindern. Das Gesetz zur Kriminalisierung häuslicher Gewalt, das der kasachische Präsident am 15. April unterzeichnete, wurde „Saltanat-Gesetz“ genannt. Das erste Land in der Region, das häusliche Gewalt unter Strafe stellte, war Usbekistan. Dort hatte man das entsprechende Gesetz im März 2023 verabschiedet. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die öffentliche Live-Übertragung des Prozesses um Saltanat schuf mehr Vertrauen in die Justiz. Eine Erfahrung aus der es zu lernen gilt.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><a href="https://asiaplustj.info/ru">Asia Plus</a></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://asiaplustj.info/ru/news/centralasia/20240419/kak-zakrivaya-glaza-na-nasilie-v-seme-v-tsentralnoi-azii-mnozhat-suitsid-i-ubiistva-zhentshin">Russischen</a> von Arthur Siavash Klischat</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><a id="_msocom_1"></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Bäıbişe und Toqal: erste und zweite Ehefrau in Kasachstan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[La rédaction]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 13 Jan 2024 16:37:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
		<category><![CDATA[Nursultan Nazarbaev]]></category>
		<category><![CDATA[Polygamie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Ver&#xF6;ffentlichung von Ausz&#xFC;gen aus den Memoiren Mein Leben des ehemaligen Pr&#xE4;sidenten Nazarbaev entfacht erneut die Diskussion &#xFC;ber Polygamie in Kasachstan. Am 1. Dezember erschien &#x201E;Moja Schisn&#x201C; (Mein Leben), die Memoiren des ersten kasachstanischen Staatschefs Nursultan Nazarbaev. Einige pers&#xF6;nliche Details waren allerdings auch schon vorher an die &#xD6;ffentlichkeit gelangt. So bestt&#xE4;tigt der ehemalige Politiker Ger&#xFC;chte [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Veröffentlichung von Auszügen aus den Memoiren<em> Mein Leben </em>des ehemaligen Präsidenten Nazarbaev entfacht erneut die Diskussion über Polygamie in Kasachstan.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 1. Dezember <a href="https://www.dw.com/ru/o-vtoroj-zene-putine-i-tokaeve-o-cem-na-samom-dele-memuary-nazarbaeva/a-67659928">erschien</a> „Moja Schisn“ (Mein Leben), die Memoiren des ersten kasachstanischen Staatschefs Nursultan Nazarbaev. Einige persönliche Details waren allerdings auch schon vorher an die Öffentlichkeit <a href="https://orda.kz/nursultan-nazarbaev-vpervye-priznal-nalichie-vtoroj-semi-ljubimoj-zhenschiny-asel-isabaevoj-i-dvoih-synovej-379704/">gelangt</a>. So besttätigt der ehemalige Politiker Gerüchte über eine Affäre, die seit über zwanzig Jahren im Land kursieren. Und er gesteht die Existenz einer zweiten Familie, bestehend aus seiner zweiten Frau Äsel Qurmanbaeva (früher Isabaeva) und den beiden Söhnen Tauman und Baıken besteht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was als Klatsch der Boulevardpresse abgetan werden könnte, wirft tatsächlich eine soziale Frage auf, die in Zentralasien an Bedeutung gewonnen hat. Es handelt sich also um weit mehr als eine persönliche Rechtfertigung der außerehelichen Beziehungen Nazarbaevs zur Imagepflege nach seiner völligen Entmachtung. Mit diesem Bekenntnis trägt er dazu bei, die Polygamie zu verharmlosen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der rechtliche Status der Polygamie</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst ist es wichtig, zwischen den Begriffen „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Polygynie">Polygynie</a>“ und „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vielehe">Polygamie</a>“ zu unterscheiden. Polygynie bezeichnet außereheliche Affären, während Polygamie ein Ehesystem bezeichnet, in dem eine Person gleichzeitig mit mehreren Ehepartnern verbunden ist.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Polygamie ist in allen zentralasiatischen Staaten illegal. Nur in Kasachstan wurde sie 1998 entkriminalisiert, berichtet der US-amerikanische Sender <a href="https://www.rferl.org/a/polygamy_a_fact_of_life_in_kazakhstan/24242198.html">Radio Free Europe</a>. In der Praxis ist die Existenz von Erst- und Zweitfrauen, auf Kasachisch Bäıbişe und Toqal, rechtlich nicht vorgesehen. Die Standesämter dürfen keine Ehe eintragen, wenn einer der beiden Partner bereits zivil verheiratet ist. Bei der zweiten, dritten oder vierten Ehe, die nach klassischer muslimischer Rechtsauffassung zulässig ist, wird die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Islamische_Ehe">Nikah</a> oder religiöse Hochzeit im kleinen Kreis gefeiert und nur von einem Imam offiziell bestätigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/usbekistan-bekaempft-polygamie/">Usbekistan bekämpft Polygamie</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings gab es in den letzten zwei Jahrzehnten mehrfach Anläufe Versuche, die Polygamie auch zivilrechtlich zu legalisieren. So schlug der Abgeordnete Amangeldı Aitaly 2001 eine Änderung des Familien- und Ehegesetzes vor, die die Polygamie vollständig legalisiert hätte. Nachdem sein erster Versuch abgelehnt worden war, scheiterte er im Jahr 2008 mit einem zweiten Anlauf erneut, wie <a href="https://www.rferl.org/a/1144507.html">Radio Free Europe</a> berichtete. Für die Befürworter der Polygynie gibt es zwei Hauptargumente für die Demokratisierung der Polygamie.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Je mehr Ehen, desto weniger Scheidungen?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das erste Argument für die Polygamie hat mit dem sozialen Status zu tun. Ehe und Familie spielen für viele Menschen in Kasachstan eine zentrale Rolle, eine Zukunft ohne Kinder und Heirat ist in diesem Verständnis kaum vorstellbar. Es überrascht nicht, dass vor allem Frauen für die Einhaltung „traditioneller“ Normen verantwortlich gemacht werden. Das ist auch der <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/ehe-im-interesse-des-staates-rezension-einer-broschuere-fuer-ehefrauen/?noredirect=de-DE">Broschüre</a> „„Ehe- eine knifflige Angelegenheit. Wählen Sie ihren Partner fürs Leben! zu entnehmen, die 2019 auf Staatskosten herausgegeben wurde, um jungen Mädchen „<em>die Pflicht einzutrichtern, alles zu ertragen und ihre Ambitionen, die perfekte Ehefrau zu werden, aufzugeben</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/ehe-im-interesse-des-staates-rezension-einer-broschuere-fuer-ehefrauen/?noredirect=de-DE">Ehe im Interesse des Staates &#8211; Rezension einer Broschüre für Ehefrauen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ehe steht in Kasachstan für Lebensqualität. Der soziale Status beider Geschlechter hängt von diesem Lebensabschnitt ab. Doch während viele Kasachen bereits in jungem Alter heiraten, lassen sie sich auch früh wieder scheiden, wie die <a href="https://www.mdpi.com/2077-1444/12/8/654">Veröffentlichungen</a> von <a href="https://www.drhelenethibault.com/">Hélène Thibault</a>, Forscherin an der Nazarbaev-Universität in Astana, zeigen. Laut Daten der Vereinten Nationen hat Kasachstan eine der höchsten Scheidungsraten der Welt. Zwischen 2014 und 2019 wurde jede dritte Ehe geschieden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Scheidung ist zwar kein Tabu mehr, da sie sehr häufig vorkommt, aber immer noch verpönt, da sie als „<em>Versagen oder Ausdruck von Egoismus</em>“ angesehen wird, wie Thibault erläutert. Wer unverheiratet, geschieden oder kinderlos ist, läuft Gefahr, diesem sozialen Stigma ausgesetzt zu sein. Vor diesem Hintergrund ist die Legalisierung der Polygamie für ihre Befürworter ein Mittel, um der steigenden Scheidungsrate im Land entgegenzuwirken und das Bild der kasachischen Familie wieder „aufzupolieren“.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der Schlüssel zu einer stabilen Demografie</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Befürworter der Polygamie argumentieren zudem, dass diese Praxis dazu beitragen könne, die Geburtenrate zu erhöhen und eine demografische Krise zu vermeiden. Offizielle Statistiken aus dem Jahr 2014 <a href="https://centralasiaprogram.org/faces-polygyny-kazakhstan/#_ftn8">zeigen</a> ein „geringes, aber signifikantes“ demografisches Ungleichgewicht zwischen der Anzahl der Männer (48,27 Prozent) und der Anzahl der Frauen (51,72 Prozent) in der Bevölkerung Kasachstans.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manche Stimmen behaupten, Männer könnten über die Nachkommenschaft mehrerer Frauen die Geburtenrate in Kasachstan erhöhen und auf diese Weise das demografische Problem lösen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Beziehungskonsum</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Jüngste <a href="https://www.mdpi.com/2077-1444/12/8/654">Untersuchungen</a> zeigen auch, wie die Globalisierung der Bevölkerung ihren modernistischen Stempel aufgedrückt hat, der zu einem Freiheitsdrang im Beziehungsleben geführt hat. Die Nutzung neuer Technologien hat Kasachstan einerseits allmählich in eine Kultur des Beziehungskonsums geführt. Dank sozialer Netzwerke ist es ein Leichtes geworden, Ferngespräche oder -beziehungen zu führen. Immer mehr Männer und Frauen wollen „Erfahrungen sammeln“.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits haben viele Frauen in der Polygynie einen Weg gefunden, der Rolle der Hausfrau zu entkommen. In einem <a href="https://centralasiaprogram.org/faces-polygyny-kazakhstan/#_ftn8">Interview</a>, das Hélène Thibault 2020 führte, erklärte eine Tokal, d.h. eine Zweitfrau, dass sie „keine Lust hatte, die Rolle einer traditionellen Ehefrau zu spielen, die nur dazu da ist, ihrem Mann oder, schlimmer noch, ihrer Schwiegerfamilie zu dienen, im Austausch für materiellen Komfort.“ Sie weigerte sich, bei den konservativen Eltern ihres Mannes zu leben, weil sie nicht deren „Putzfrau“ sein wollte. Ihr Partner heiratete daher schließlich eine dritte, jüngere Frau, um sich um seine Eltern zu kümmern.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Gesellschaftliche Rollen werden neu verhandelt</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In der Praxis ermöglicht die Polygynie bzw. die Legalisierung der Polygamie kasachischen Frauen unter anderem, ihren Platz und ihre Rolle in Familie und Gesellschaft flexibler auszuhandeln. Für Thibault stellt die Polygynie „<em>für einige Frauen bereits eine Möglichkeit dar, ihre Unabhängigkeit in ihren Beziehungen zu bewahren</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/was-laeuft-falsch-in-kasachstans-gleichstellungspolitik/">Was läuft falsch in Kasachstans Gleichstellungspolitik?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn noch keine neuen politischen Verhandlungen geplant sind, ist die Zunahme der Praxis eklatant. Die Geständnisse des ehemaligen Präsidenten Nazarbaev tragen weiter zu ihrer Normalisierung bei. Sie sind „<em>nur einer von vielen Hinweisen darauf, dass Polygamie in Kasachstan zu einem wiederkehrenden und relativ alltäglichen Thema geworden ist</em>“, erklärt Thibault.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut der Expertin gibt es jedoch nach wie vor viele Widerstände „wegen<em> des Bezugs zur Religion und der wahrgenommenen Verletzung des säkularen Charakters des Staates</em>“. Darüber hinaus wirft die Einseitigkeit der Polygamie, die nur Männern erlaubt, mehrere Partnerinnen zu heiraten, weiterhin die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter in Kasachstan auf.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Candice Vavon<br>Redakteurin für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Französischen von Arthur Siavash Klischat</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die TikTokerin Niso Mamedova über Feminismus und das Publikum in den sozialen Medien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Ramona Bleimhofer]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Sep 2022 16:07:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
		<category><![CDATA[Social Media]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die TikTokerin Niso Mamedova studiert am Taschkenter Standort des Moskauer Staatlichen Instituts f&#xFC;r Internationale Beziehungen (kurz MGIMO) an der Fakult&#xE4;t f&#xFC;r Wirtschaftsinformatik. Mamedova, deren Account 80.000 Menschen folgen, bezeichnet sich selbst als liberale Feministin. In den sozialen Medien positioniert sie sich klar gegen jede Form von Diskriminierung und macht au&#xDF;erdem auf Missst&#xE4;nde in Usbekistan aufmerksam. [&#x2026;]</p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/die-tiktokerin-niso-mamedova-ueber-feminismus-und-das-publikum-in-den-sozialen-medien/">Die TikTokerin Niso Mamedova über Feminismus und das Publikum in den sozialen Medien</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die TikTokerin Niso Mamedova studiert am Taschkenter Standort des Moskauer Staatlichen Instituts für Internationale Beziehungen (kurz MGIMO) an der Fakultät für Wirtschaftsinformatik. Mamedova, deren <a href="https://www.tiktok.com/@wj.nana/">Account</a> 80.000 Menschen folgen, bezeichnet sich selbst als liberale Feministin. In den sozialen Medien positioniert sie sich klar gegen jede Form von Diskriminierung und macht außerdem auf Missstände in Usbekistan aufmerksam. Das folgende Porträt erschien im russischsprachigen Original bei <a href="https://sarpa.media/niso">Sarpa</a>, wir übersetzen es mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong>

Es begann mit 2000-3000 FollowerInnen auf Instagram, wo ich zu Themen wie Feminismus, Body Positivity und Selbstakzeptanz Inhalte postete. Bei TikTok habe ich mich Ende 2018 angemeldet, damals hieß es noch Musicly. Ich habe die App eigentlich heruntergeladen, um Musikvideos zu bearbeiten. Dann wurde Musicly zu TikTok und ich fand das neue Format irgendwie ziemlich lustig. 2019 habe ich begonnen, selbst Videos zu veröffentlichen. Zu dieser Zeit wurde TikTok gerade bekannter in Usbekistan. Im Unterschied zu anderen sozialen Medien ist es hier nicht so wichtig, wie lange man schon aktiv ist – man kann sofort anfangen, schnell aufsteigen und bekannt werden.

<strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/amalia-aibusheva-im-portraet-beats-design-und-feminismus/">Amalia Aibusheva im Porträt: Beats, Design und Feminismus</a></strong>

Unterhaltsame Inhalte wie Tänze oder kurze Sketche habe ich schon immer gerne aufgenommen. Ich begann, eigene Videos auf TikTok hochzuladen, für deren Veröffentlichung ich auf Instagram immer zu schüchtern war. Mir gefällt es, wenn mir die ZuschauerInnen ihre Aufmerksamkeit schenken. Mit meinem unterhaltsamen und lustigen Content ist meine Bekanntheit gewachsen.Doch dann habe ich gemerkt, dass ich meine eigenen Wertevorstellungen habe und über ernste Themen sprechen möchte, wie zum Beispiel Feminismus. Die Reaktionen meiner FollowerInnen machten mir klar, dass das eindeutig kein Format für unser Land ist. Sie verstanden meine Themen nicht.

TikTok ist im Vergleich mit Instagram das freundlichere Netzwerk. Hier ist das Publikum jünger und toleranter. Außerdem ist die Community cool, es gibt viele FeministInnen und generell AktivistInnen verschiedener Bewegungen. So ist es auf TikTok wesentlich einfacher, Gleichgesinnte zu finden, wohingegen man auf Instagram für Beiträge zu diesen Themen sehr viel Hass erntet.
</p>



<h5 class="wp-block-heading">Drehorte in Taschkent</h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Das Gelände des Forumspalastes ist ein beliebter Drehort. Am Anfang war es eher ein Geheimtipp. Zu dieser Zeit war ich auch oft dort, später kamen immer mehr russisch- und usbekischsprachige BloggerInnen nach. Sie nehmen an unterschiedlichen Orten auf dem weitläufigen Areal Videos auf. Es gibt viel Platz und Licht, einen wunderschönen Springbrunnen, niemand stört uns, man kann gemeinsam auf der Bank sitzen. Nur wenn man auf dem Rasen sitzt, wird man rausgeworfen. Dabei kommen Aufnahmen mit grünem Rasen und Sonnenschein immer sehr gut auf TikTok an.

<strong>Seht auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/bild-des-tages/im-forumspalast/">Im Forumspalast</a></strong>

Ansonsten gibt es in Taschkent nämlich keinen einzigen Ort, an dem man in Ruhe Videos aufnehmen kann, ohne gestört zu werden. Die Leute verstehen das bei uns wirklich nicht. Ich habe mal versucht, am Einkaufszentrum Videos zu machen, stellte mein Stativ auf und alle liefen mir durchs Bild. Es war, als würden sie nicht verstehen wollen, dass ich gerade filme.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Die Entwicklung von TikTok in Usbekistan</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Als TikTok in Usbekistan populärer wurde, waren die Inhalte weder komplett „Straight“ noch komplett „Alt“, sondern irgendwas dazwischen. Die TikToks handelten von den Dingen, die uns hier beschäftigten, über die wir nachdachten. Wir haben Ideen nicht komplett ausgearbeitet und uns einfach etwas ausgedacht. Die meisten ließen sich damals eher von koreanischen als von amerikanischen TikTokerInnen inspirieren.

</p>


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<h5 class="wp-block-heading"><em>Exkurs: Was sind Straight und Alt TikTok?</em></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Straight <em>TikTok bezeichnet Mainstreaminhalte, bei denen die NutzerInnen Standardvideos zu (Pop-) Musik aufnehmen. </em>Alt <em>TikTok (kurz für „Alternative TikTok“, Anm. d. Ü.) ist eine alternative Community, die sich durch einen nachdenklichen, ironischen Inhalt auszeichnet und oft mit schwarzem Humor spielt. Insbesondere im </em>Alt <em>TikTok finden sich VertreterInnen vieler Subkulturen.</em>

Mittlerweile gibt es viel mehr usbekische TikTokerInnen. Viele machen genau dasselbe wie alle anderen und die Qualität der Aufnahmen hat sich auch verschlechtert. Ich zum Beispiel habe erst etwas aufgenommen, als ich das neue iPhone hatte, auch wenn es damals nur das iPhone 7 war. Aber heute machen viele Leute Aufnahmen auf „Seifenschalen“ (Slang für qualitativ schlechte Kameratechnik, Anm. d. Ü.), es macht keinen Spaß, das anzuschauen. Ihre Videos sind schon total verpixelt und sie packen noch Filter und Effekte drauf. Ich sage immer, dass die Videos manchmal schon besser werden, wenn man die Filter entfernt. Wenn ein Video keinen tieferen Sinn hat, sollte man sich zumindest auf eine gute Qualität konzentrieren.
</p>



<h5 class="wp-block-heading">Gemischte Reaktionen aus dem Umfeld</h5>



<p class="wp-block-paragraph">
In der Schule haben mich zuerst alle ausgelacht, obwohl ich eine hervorragende Schülerin war, sportlich und selbstbewusst bin. Als meine MitschülerInnen meinen TikTok-Account fanden, fingen sie an, sich darüber lustig zu machen. Sie selbst waren damals natürlich nicht auf TikTok. Die Schulverwaltung sprach sich auch gegen meine Aktivität auf TikTok aus und nahm mir das Telefon weg, als ich in den Pausen ein Video drehte. Bis heute verstehe ich nicht, warum TikTokerInnen so gehasst werden, dieselben Videos sind ja auch auf Instagram.

</p>


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<p class="wp-block-paragraph">

Meine Eltern haben auch nicht wirklich verstanden, was ich da mache. Erst als Unternehmen wie Aviasales und Les Ailes anfingen mich zu kontaktieren &#8211; also als ich anfing, damit Geld zu verdienen -, haben sie es ernst genommen. Meine erste bezahlte Werbung war für Aviasales. Zuerst wusste ich gar nicht, wieviel ich berechnen soll. Ich bekam 50 US-Dollar (etwa 49 Euro, Anm. d. Ü.). Sie haben es meiner Mutter auf die Karte überwiesen und sie ist total ausgeflippt. In der Regel ist mein aktuelles Einkommen durch Werbung wechselhaft, alles hängt davon ab, wie viele Videos in einem Monat in den Tops landen und wie stark die Zahl meiner FollowerInnen wächst.
</p>



<h5 class="wp-block-heading">Umgang mit Kritik</h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Ich habe lange nicht verstanden, was das Publikum von mir sehen möchte. Ich habe mich beim Tanzen gefilmt – die Leute haben gefragt, warum ich so viel tanze. Ich habe Sketches aufgenommen – dieselbe Reaktion. Irgendwann beschloss ich, einfach das zu filmen, was ich möchte, und nicht über die möglichen Reaktionen nachzudenken. Der ganze Prozess, ein TikTok zu drehen, macht mir wahnsinnig viel Spaß. Wenn ich ein neues Video hochlade und die Leute es mögen, freue ich mich richtig.

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mich dabei gut fühle: Ich liebe Aufmerksamkeit, auch wenn ich lange Zeit in meinem Leben Angst hatte, um sie zu bitten und sie zu erhalten. Aber eigentlich kämpfe ich immer für das, was ich möchte. Wenn in der Schule zum Beispiel gefragt wurde, wer bei einer Veranstaltung auftreten will, wollte ich das zwar immer, aber hatte Angst. Jetzt studiere ich an der Uni und stehe immer im Vordergrund. Ich bin eine Rampensau geworden und werde es eindeutig bis ans Ende meines Lebens bleiben (lacht). In sozialen Situationen ist das sehr hilfreich, ich war zum Beispiel die Einzige in meiner Gruppe, die zu einer Konferenz mit dem Rektor des MGIMO zugelassen wurde, ich durfte ein Foto mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sergei_Wiktorowitsch_Lawrow">Lawrow</a> machen und ich war die Erste, die an der Uni ein eigenes Projekt gestartet hat.
</p>



<h5 class="wp-block-heading">Über Feminismus in Usbekistan</h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Zum Feminismus kam ich im Alter von 14 Jahren: Ich stieß auf feministische Gruppen in VK (Vkontakte, russisches soziales Netzwerk ähnlich zu Facebook, Anm. d. Ü.) und merkte, dass nicht nur ich die Probleme in unserer Gesellschaft wahrnehme. In meiner Familie sind Gleichberechtigung und gegenseitiger Respekt normal. Ich habe unglaublich großen Respekt vor meiner Mutter, meiner Oma und Tante, sie sind sehr starke Frauen. Die Männer in meiner Familie haben sie immer dabei unterstützt, sich weiterzuentwickeln. Als ich erfahren habe, dass das nicht überall so ist, war ich sehr verwundert. Außerdem habe ich seit meiner Kindheit Sport gemacht und immer versucht, im Studium aktiv zu sein.. Trotzdem habe ich immer noch mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass Jungen alles besser können, nur weil sie als Jungen geboren wurden. Ich akzeptiere das nicht, so funktioniert das für mich nicht!

<strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/eine-weibliche-gouverneurin-in-usbekistan-symbol-eines-fortschreitenden-feminismus/">Eine weibliche Gouverneurin in Usbekistan: Symbol eines fortschreitenden Feminismus?</a></strong>

Ich würde mir sehr wünschen, dass die Regierung ihre Aufmerksamkeit darauf richtet, dass Frauen sich weder auf der Straße noch zuhause &nbsp;– eigentlich nirgends sicher fühlen können. Ich bin in diesem Land geboren und ich habe jedes Recht, hier sicher zu leben und mich überall wohlzufühlen. Meiner Meinung nach besteht das Hauptproblem in Usbekistan darin, dass alle Arten von Gewalt, einschließlich häuslicher Gewalt, auf rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene nicht angemessen bestraft werden. Es gibt auch Probleme mit Viktimisierung und Objektifizierung. Im beruflichen Kontext sehe ich die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gl%C3%A4serne_Decke">gläserne Decke</a>, Belästigung und die Existenz von Stereotypen wie zum Beispiel, dass die Arbeit eines Mannes besser sei, nur weil er ein Mann ist, als wichtige Probleme.
</p>



<h5 class="wp-block-heading">So gelingt das perfekte TikTok</h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Meine Empfehlung ist, Videos nur mit Standardgeschwindigkeit zu drehen und keine Filter zu benutzen. Lernt den Text auswendig, um den Ton genau zu treffen, und versucht, die Qualität der Aufnahme durch hochwertiges Equipment zu verbessern. Wenn ihr einen Text zu dem Video schreibt, achtet auf (Tipp-)Fehler. Am besten postet ihr zwei bis drei Videos pro Tag, mindestens Eines davon sollte in den Empfehlungen landen. Meine Indikatoren sind wie folgt: Wenn ein Video 10.000 Aufrufe hat, bedeutet das, dass ich in den Empfehlungen gelandet bin. Wenn es 50.000 Aufrufe hat, bedeutet das, dass es sehr gut ist.

Ich selbst mag den Content von Ksjusha (<a href="https://www.tiktok.com/@kcywame">ksywame</a>), Julia (<a href="https://www.tiktok.com/@saijove">saijove</a>), Suli (<a href="https://www.tiktok.com/@idinafig23">idinafig</a>), Kamilla (<a href="https://www.tiktok.com/@_kamila_kh">Kamilla kh</a>) und noch vielen anderen. Wir kennen uns schon ziemlich lange und ich mag die Qualität und den Humor ihrer Posts. Sie stecken viel Arbeit in ihre Videos und klauen nicht einfach Ideen von anderen.
</p>



<h5 class="wp-block-heading">Zukunftspläne</h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Ich will unbedingt eine seriöse Bloggerin werden. So wie jetzt, mit TikTok, ist es natürlich schwer vorstellbar, aber ich möchte über wichtige Dinge sprechen – und zwar laut. Vor zwei Jahren, als ich über Themen schrieb, die für mich wichtig waren, bin ich auf viel Negativität gestoßen. Ich habe erkannt, dass die Menschen hier noch nicht bereit waren, meine Ideen zu unterstützen. Aber jetzt sehe ich, dass sich die Situation bessert und ich hoffe, dass ich diese unsichtbare Barriere bald überwinden kann, um meine Meinung aktiver zu äußern. Außerhalb des Internets plane ich, in fünf Jahren einen Master in Europa oder Russland zu machen, je nachdem, wie viel Glück ich mit Praktika und der Zulassung habe.
</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Sarpa Media</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://sarpa.media/niso">Russischen</a> von Ramona Bleimhofer</strong>
<p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/die-tiktokerin-niso-mamedova-ueber-feminismus-und-das-publikum-in-den-sozialen-medien/">Die TikTokerin Niso Mamedova über Feminismus und das Publikum in den sozialen Medien</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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		<title>Was läuft falsch in Kasachstans Gleichstellungspolitik?</title>
		<link>https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/was-laeuft-falsch-in-kasachstans-gleichstellungspolitik/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[The Steppe]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jun 2022 19:28:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auch wenn die Verfassung Kasachstans die Gleichberechtigung der Geschlechter garantiert, zeigen neue Studien, dass es schlecht um die Gleichstellung im Land steht. Der folgende Artikel erschien am 25. Mai 2022 auf The Steppe. Wir &#xFC;bersetzen ihn (in leicht gek&#xFC;rzter Form) mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Die Ungleichheit der Geschlechter dr&#xFC;ckt sich in Kasachstan, wie auch [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Auch wenn die Verfassung Kasachstans die Gleichberechtigung der Geschlechter garantiert, zeigen neue Studien, dass es schlecht um die Gleichstellung im Land steht. Der folgende Artikel erschien am 25. Mai 2022 auf </strong><a href="https://the-steppe.com/novosti/chto-ne-tak-s-gendernoy-politikoy-v-kazahstane"><strong>The Steppe</strong></a><strong>. Wir übersetzen ihn (in leicht gekürzter Form) mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ungleichheit der Geschlechter drückt sich in Kasachstan, wie auch anderswo auf der Welt, in ungerechter Bezahlung, Unterrepräsentation in der Regierung und vielem mehr aus. So beträgt der Frauenanteil unter politischen Beamten nur 9,3 Prozent. Wird sich die Situation ändern, nachdem der Präsident Änderungen im Konzept der Familien- und Genderpolitik Kasachstans genehmigt hat? Die Vorschläge umfassen unter anderem den Plan, den Anteil von Frauen in staatlichen Gremien auf 30 Prozent zu erhöhen und das geschlechtsspezifische Gefälle bei den Durchschnittslöhnen zu verringern. </p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">

Zulfiıa Baısakova, Vorsitzende der Allianz „Union der Krisenzentren“, hat eine Studie zur Gleichstellungspolitik in Kasachstan durchgeführt. Sie sammelte die wichtigsten Punkte und gab Empfehlungen an die Behörden sowie an die Frauen selbst. Dieser Artikel stellt die wichtigsten Ergebnisse dar.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Zur Effektivität der Frauenquote</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Seit Ende 2019 erwägt Kasachstan offiziell eine Quote für Frauen und junge Menschen in den Parteilisten der Kandidierenden für Regionalparlamente und die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mäschilis">Májiis</a> [Unterhaus des Parlaments, Anm. d. Ü.]. In den Gesetzen <a href="https://adilet.zan.kz/rus/docs/Z950002464_/z952464.htm">Über Wahlen in der Republik Kasachstan</a> und <a href="https://adilet.zan.kz/rus/docs/Z020000344_/z020344.htm">Über politische Parteien</a> wurde am 24. Mai 2021 im Auftrag von Kasachstans Präsidenten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qassym-Schomart_Toqajew">Qasym-Jomart Toqaev</a> eine 30-Prozent-Quote festgelegt. Als Ergebnis dieser Frauenquoten kamen neu Abgeordnete in den Senat und 28 Abgeordnete in die Májilis, was 26 Prozent entspricht. <em>„Trotz dieser Norm hat die Vertretung von Frauen nicht einmal ein Drittel erreicht“</em>, fügte Zulfiıa Baısakova hinzu. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/8-maerz-in-almaty-frauen-gehoeren-in-die-politik/"><strong>8. März in Almaty: „Frauen gehören in die Politik!“ </strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut dem <a href="https://adilet.zan.kz/rus/docs/U1600000384">Konzept der Familien- und Genderpolitik</a> soll das Ziel von 30 Prozent Frauenanteil <em>„in den Exekutiv-, Repräsentations- und Justizorganen von Staat, staatsnahem und unternehmerischem Sektor auf der Entscheidungsebene&#8220;</em> bis 2030 erreicht werden. Baısakova kommt aber zu dem Schluss, dass kein Mechanismus zur Überwachung oder Sanktionierung bei Nichteinhaltung der Quote entwickelt wurde. Die Parteien müssen also nicht sicherstellen, dass Frauen 30 Prozent der Abgeordnetenmandate erhalten. Der Anteil der Frauen auf den Parteilisten ist völlig abhängig von der Politik der Parteien, und es kann gut sein, dass die Quotenplätze mit jungen Leuten gefüllt werden, unter denen es eventuell sehr wenige Frauen gibt. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Kasachstanerinnen im Staatsdienst </strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Zum 1. Februar 2022 arbeiten in Kasachstan <a href="https://forbes.kz/woman/jenschinyi_u_vlasti_1555046103/">etwa 50.000 Frauen</a> im öffentlichen Dienst. Das sind etwa 55 Prozent aller Beamten – also mehr als die Hälfte. Gleichzeitig ist der Frauenanteil in Führungspositionen geringer. Dort liegt er bei 39,5 Prozent (9.569 von 24.209). Noch weniger Frauen gibt es unter den politischen Beamten – 9,3 Prozent. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Frauen werden immer noch hauptsächlich auf der Grundlage ihres Frauseins ernannt. Sie leiten in der Regel soziale Bereiche, keine wirtschaftlichen“</em>, resümieren die Autorinnen der Studie. Die Ernennung von Frauen auf Kabinettsposten bedeutet nicht immer gleichberechtigten Zugang zur politischen Macht. Die „Union der Krisenzentren“ stellte fest, dass der gleiche Zugang davon abhängt, welche Art von Kabinettsposten Frauen besetzen und wieviel Macht und Prestige mit diesen Posten verbunden sind. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>NGOs für Frauenrechte</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">Heute beteiligen sich rund 300 Nichtregierungsorganisationen (NGO) aktiv an der Lösung von Fragen zum Schutz der Rechte und Interessen von Frauen. 32,4 Prozent der Führungspositionen in Gewerkschaften und NGOs sind von Frauen besetzt. <em>„Angesichts der geringen Vertretung von Frauen in der Politik bietet die Präsenz solcher Foren einen wichtigen Ausgangspunkt, um der Stimme von Frauen bei politischen Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, mehr Gewicht zu verleihen. [Trotzdem] ist ihr Einfluss unzureichend, und die Regierung interagiert nur mit einer kleinen Anzahl von NGO-Vertreter:innen“</em>, stellt die Studie fest. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/femagora-zentralasiatische-feminismen-werden-lauter/"><strong>FemAgora: Zentralasiatische Feminismen werden lauter </strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Angaben der „Union der Krisenzentren“ befassen sich 34 Prozent aller NGOs in Kasachstan mit Menschenrechtsfragen, Umweltschutz und Genderpolitik. Etwa zwei Millionen Bürger:innen nehmen ihre Angebote in Anspruch. Diese umfassen das Wohlergehen und die wirtschaftliche Förderung von Frauen, aber auch die Unterstützung von Frauen, die Opfer von Gewalt sind. Damit die Frauenbewegung jedoch zu einer einflussreichen politischen Kraft werden kann, ist es notwendig, dass sich die Frauen zusammenschließen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Derzeit wird die ausgeweitete Konsolidierung durch Gründe wie weiblichen Konservatismus, weibliche Konkurrenz oder die mangelnde Bereitschaft, einer Rivalin nachzugeben […] behindert“</em>, fassen die Autor:innen der Studie zusammen. Gulzada Serjan stellte in einer Umfrage unter weiblichen Angeordneten auf verschiedenen Ebenen <a href="https://www.soros.kz/wp-content/uploads/2021/09/Отчет-Women-In-Politics.pdf">fest</a>, dass <em>„geringer Ehrgeiz und fehlende Ambitionen, Konkurrenz auszuhalten und zu überwinden“</em> Gründe für die geringe Vertretung von Frauen in der politischen Sphäre seien. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Autorinnen der Studie kamen zu dem Schluss, dass es heute in Kasachstan keine Bestrebungen unter weiblichen Parteimitgliedern gibt, innerparteiliche Frauenblöcke oder Koalitionen zur Förderung von Frauenrechten zu gründen. Auch innerparteiliche Strategien zur Unterstützung und Förderung von Frauen auf Entscheidungsebene wurden nicht entwickelt. Generell ist die Beteiligung von Frauen am Prozess der politischen Einflussnahme noch begrenzt. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/aktivistinnen-in-kasachstan-bei-uns-ist-es-schlimmer-eine-feministin-zu-sein-als-ein-dieb-oder-ein-gewalttaeter/"><strong>AktivistInnen in Kasachstan: „Bei uns ist es schlimmer eine Feministin zu sein, als ein Dieb oder ein Gewalttäter“ </strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Empfehlungen, die Zulfiıa Baısakova daher zur Erreichung der Gleichstellung der Geschlechter gibt, umfassen unter anderem die Einführung einer 50-Prozent-Quote für die Repräsentation von Frauen in allen Lebensbereichen in das Konzept der Familien- und Genderpolitik Kasachstans sowie die Verpflichtung von Parteien, die Quote auf der Grundlage der Wahlergebnisse einzuhalten. Hierzu muss ein Mechanismus eingerichtet werden, der es ermöglicht, ausgeschiedene Abgeordnete durch Nachfolger:innen des gleichen Geschlechts zu ersetzen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus empfiehlt sie Trainings und Mentoring für Frauen, die in Entscheidungsgremien gewählt werden, sowie die Schaffung eines Gender-Assets oder einer Reserve von Politikerinnen, die künftig Abgeordnete auf regionaler und nationaler Ebene werden könnten. Außerdem sollten sich Frauen-NGOs und Parteivertreter:innen zur Entwicklung einer gemeinsamen Genderpolitik zusammenfinden. Es ist möglich, die Frauenbewegung unter Beteiligung amtierender weiblicher Abgeordneter zu entwickeln, die weibliche Führungskräfte vereinen und anleiten würden. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Wie Kasachstans Gesetzgebung Gleichstellung reguliert</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist durch das Verbot von geschlechtsspezifischer Diskriminierung  in der Verfassung Kasachstans verankert. Die Verfassung proklamiert <em>„die Gleichheit aller vor Gesetz und Gericht“</em> und besagt, dass „<em>niemand aufgrund von Herkunft, sozialer, amtlicher und vermögender Stellung, Geschlecht, Rasse, Nationalität, Sprache, Einstellung zur Religion, Überzeugungen, Wohnort oder aus anderen Gründen</em>“ diskriminiert werden darf. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der Aktionsplan für Menschenrechte betont die Notwendigkeit, die Gleichstellung der Geschlechter zu gewährleisten und die Diskriminierung von Frauen zu beseitigen. Das 2009 verabschiedete Gesetz <a href="https://adilet.zan.kz/rus/docs/Z090000223_/z090223.htm">Über staatliche Garantien für gleiche Rechte und Chancengleichheit für Männer und Frauen</a> bekräftigt staatliche Garantien in einer Reihe von Bereichen, darunter im öffentlichen Dienst, auf dem Arbeitsmarkt, bei der Gesundheitsversorgung, bei Bildung und Familienleben. Das Gesetz sieht auch vor, dass ausnahmslos alle staatlichen Institutionen für die Umsetzung der Genderpolitik in ihrem Tätigkeitsbereich verantwortlich sind. </p>


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<p class="wp-block-paragraph"> Gemäß Artikel 25 des Pakts über bürgerliche und politische Rechte sollte jede:r Bürger:in ohne Diskriminierung oder unzumutbare Einschränkungen das Recht und die Möglichkeit haben, sich am politischen Leben des Landes in verschiedenen Formen zu beteiligen: Wahlen, Referenden, öffentlichen Dienst, Eingaben an Behörden, Kundgebungen, Versammlungen, Demonstrationen, politische Parteien, Verbände. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Kasachstan hat als Mitgliedsstaat der UN im Jahr 2015 eine Reihe internationaler Verträge zur Umsetzung der globalen Agenda bis 2030 verabschiedet. Dazu gehören unter anderem die Pekinger Erklärung zur Förderung der Frau (1995), das Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (1998), das Übereinkommen über die politischen Rechte der Frau (2000) und das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Arbeitsorganisation">ILO</a>-Übereinkommen über gleichen Lohn für Männer und Frauen bei gleichwertiger Arbeit (2000). </p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 13. April hat Qasym-Jomart Toqaev das Dekret „Über weitere Maßnahmen der Republik Kasachstan im Bereich der Menschenrechte“ ergänzt und an die Regierung delegiert, die Förderung gleicher Rechte und Chancen zwischen Angehörigen unterschiedlichen Geschlechts und in Bezug auf die Diskriminierung von Frauen auszubauen. </p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Kamil</strong><strong>ıa Sadykova für The Steppe</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://the-steppe.com/novosti/chto-ne-tak-s-gendernoy-politikoy-v-kazahstane"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong> </p>



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		<title>Es gibt viele Männer in der kirgisischen Politik und das ist ein Problem &#8211; diese Geschichte handelt von „kleinen“ Frauen, die große Dinge tun</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kloop]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Apr 2020 12:23:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ungleichheiten zwischen Frauen und M&#xE4;nnern sind heute noch ein wesentlicher Bestandteil moderner Gesellschaften. W&#xE4;hrend Frauenbeteiligung in der europ&#xE4;ischen Politik keine grundlegende Problematik mehr darstellt, k&#xE4;mpfen kirgisische Frauen f&#xFC;r die Durchsetzung der &#x201E;30 Prozent Geschlechterquote&#x201C;. Der folgende Artikel erschien im russischsprachigen Original auf kloop.kg. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Im Dorf Kysyl-Suu im [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern sind heute noch ein wesentlicher Bestandteil moderner Gesellschaften. Während Frauenbeteiligung in der europäischen Politik keine grundlegende Problematik mehr darstellt, kämpfen kirgisische Frauen für die Durchsetzung der „30 Prozent Geschlechterquote“. Der folgende Artikel erschien im russischsprachigen Original auf <a href="https://kloop.kg/blog/2020/03/04/malenkiy_jenshiny/">kloop.kg</a>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
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<p style="text-align: justify">Im Dorf Kysyl-Suu im Gebiet Yssyk-Kul ist es bereits Abend. Auf den leeren und dunklen Straßen fallen Schneeflocken. Nur noch im Zimmer von Ainura Omorova, der Leiterin des örtlichen Krankenhauses, brennt das Licht noch. Sie sieht sehr müde aus, füllt aber weiterhin die Krankengeschichte aus. Das stapelweise gesammelte Papier auf der linken Seite bewegt sich zu der rechten.</p>
<p style="text-align: justify">«Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich die Wahl gewann und in das Schogorku Kenesch (das kirgisische Parlament, Anm. d. R.) ging. Alle um mich herum gratulierten mir und es entstand ein Durcheinander. Dann kam ein Mann auf mich zu, schüttelte mir die Hand und dankte mir, dass ich sein Kind gerettet habe“, erzählt Ainura und kehrt zu ihren Papieren zurück.</p>
<p><figure id="attachment_21022" aria-describedby="caption-attachment-21022" style="width: 200px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-21022" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-200x300.png" alt="" width="200" height="300" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-200x300.png 200w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt.png 204w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><figcaption id="caption-attachment-21022" class="wp-caption-text">Ainura Omorowa</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">„Ich möchte der Gesellschaft beweisen, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte haben. Frauen müssen nicht nur zuhause als „Hausfrauen“ sitzen, sondern können auch in die Politik gehen und Probleme lösen“, sagt Ainura.Im Jahr 2010 kandidierte Ainura erstmals als Bürgermeisterin des Dorfes Saruu im Kenesch, in der Nähe von Kysyl-Suu. Sie gewann die Wahl mit einer Rekordstimmenanzahl von 340 Stimmen gegen alle anderen Kandidaten. Seitdem wurde Ainura noch zwei weitere Male wiedergewählt. Das letzte Mal fanden die Wahlen im September 2019 statt und da zog sie mit weiteren 8 Frauen in den Kenesch ein.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Beleidigte Männer</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Wahlen des Dorfes Saruu im Herbst 2019 mit gerademal sechstausend Einwohner waren landesweit großes Gesprächsthema. Hier wurde erstmals die Regelung der „30 Prozent Geschlechterquote“ eingeführt.</p>
<p style="text-align: justify">Im Internet kursieren dutzende Einträge über „beleidigte Männer“ aus Saruu. Kurz vor den Wahlen verfassten sie ein Schreiben an den Präsidenten und beschwerten sich über die Geschlechterquote. Darin heißt es, diese verletze die Rechte der Schigiten (Männer) und untergrabe das Vertrauen der Bevölkerung an das Wahlsystem.</p>
<p style="text-align: justify">In dem Brief fordern die Männer den Präsidenten auf zu agieren, andernfalls drohen sie mit einer Absage der Wahlen. Ungefähr 70 Personen unterschrieben diese Aktion, darunter ehemalige Abgeordnete des Kenesch und mehrere Frauen. Der Präsident selbst zeigte keine Reaktion auf den Brief, aber Aktivisten und Abgeordnete drückten ihre Unterstützung für Frauen aus und beschämten die Männer. Diese würden sich nur um ihre Arbeitsplätze Sorgen machen, anstatt Probleme zu lösen.</p>
<p style="text-align: justify">Daten zufolge betrug die Zahl der Abgeordnet*Innen in den letzten drei Jahren landesweit nicht mehr als 11 Prozent. Die meisten von ihnen sind im Schogorku Kenesch, 18 von 120. Dies entspricht nicht einmal die Hälfte der gesetzlichen 30 Prozent Geschlechterquote.</p>
<p><figure id="attachment_21023" aria-describedby="caption-attachment-21023" style="width: 300px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-21023" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-1-300x142.png" alt="" width="300" height="142" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-1-300x142.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-1-768x363.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-1.png 941w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-21023" class="wp-caption-text">Frauenanteil der Abgeordneten</figcaption></figure></p>
<p><strong>Der Anteil der Abgeordnet*Innen im Schogorku Kenesch sank weiterhin und erreichte die 30 Prozent Quote nicht.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Unter den 8700 landesweit gewählten Personen waren knapp 1000 Frauen. In den 86 Regional-Kenesch – oder in jedem fünften Kenesch- befanden sich gar keine Frauen. Der Aktivist, Satybaldy aus Saruu, dessen Name und Unterschrift als erster in dem Brief erscheint, wurde in den sozialen Medien zum „Versager“. Und das obwohl, außer ihn noch weitere 70 Personen unterschrieben. Jedoch erschienen diese Namen auf der zweiten Seite des Schreibens, welches in den sozialen Medien nicht gezeigt wurde. Niemand bekennt sich als Verfasser des Briefes, viele sollen ihn ungelesen unterschrieben haben.</p>
<p><figure id="attachment_21024" aria-describedby="caption-attachment-21024" style="width: 201px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-21024" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-2-201x300.png" alt="" width="201" height="300" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-2-201x300.png 201w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-2.png 262w" sizes="auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px" /><figcaption id="caption-attachment-21024" class="wp-caption-text">Klara Schekenbaewa</figcaption></figure></p>
<p>Bei den Wahlen des Saruu-Kenesch beteiligten sich 9 Frauen von insgesamt 21 Teilnehmern, darunter auch Ainura Omorowa mit 182 Stimmen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/heldinnen-zentralasiens-von-den-wichtigsten-frauen-der-region/">Heldinnen Zentralasiens: Von den wichtigsten Frauen der Region</a></strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ein Kinderzentrum für die ganze Ortschaft </strong></p>
<p style="text-align: justify">Auch Klara Schekenbaewa, die bei den Wahlen weniger Stimmen als Ainura bekam, zog ins Kenesch ein. Viele kennen sie im Dorf als Verwalterin des örtlichen Kindergartens „Nur“. Es ist nicht nur ein Kindergarten, sondern auch ein Rehabilitationszentrum für Kinder mit Down-Syndrom, Autismus und andere Entwicklungskrankheiten. Vor 10 Jahren erhielt Klara eine finanzielle Unterstützung vom schweizerischen Roten Kreuz für die Gründung dieses Zentrums. Sie bemüht sich weiterhin um finanzielle Hilfe. „Alle Kinder brauchen die Gesellschaft. Sie können nicht zu gewöhnlichen Schulen gehen. Im Kindergarten haben alle keine Angst voreinander. Obwohl sie klein sind, kümmern sie sich umeinander. Einer unserer Erfolge ist im Kindergarten die Verbesserung der Beziehungen zu den Pflegebedürftigen. Sie wollen auch nicht zu Hause sitzen, sondern wollen ein Teil der Gesellschaft sein“, erzählt Klara.</p>
<p style="text-align: justify">Stolz zeigt sie uns das Kinderzentrum. Das ist ein großes, zweistöckiges Gebäude, in dem sich ein Massagestudio, Psychologen, ein Computerraum und verschiedene Fitnessstudios befinden. Die Wände des Kindergartens sind mit verschiedenen Bildern aus Kindermärchen bemalt. In den Regalen stehen Bastelwerke aus Papier und Ton, und die Dekoration in der Aula sind in Planung. Klara steht in einem weiß-medizinischen Mantel inmitten von der Aula und sagt, dass niemand in ihrer Familie gegen ihre Aufstellung zur Wahl des Kenesch war. „Du arbeitest bereits mit der Öffentlichkeit zusammen. Das ist deine Welt“, sind die Worte ihres Mannes.</p>
<p style="text-align: justify">Klara wurde schon zum zweiten Mal Abgeordnete. Neben ihrer Haupttätigkeit im Kindergarten, arbeitet sie auch im örtlichen <em>Gesundheitskomitee </em>und im <em>Rat der Alten</em>. Zum einen erzählt sie den Bewohnern, wie sie sich vor verschiedenen Krankheiten schützen können, und zum anderen löst sie deren alltägliche Probleme. Klara macht das umsonst.</p>
<p style="text-align: justify">Die jüngste Abgeordnete im Kenesch war die 28-jährige Grundschullehrerin Nasik Akbarowa. Sie und ihr Mann haben bei den Wahlen kandidiert. Er hatte im Gegensatz zu ihr nicht ausreichend Stimmen. „Mein Mann unterstützt mich in jeder Hinsicht. Ich glaube, dass ich Erfolg haben werde“, sagt Nasik. Aber verständnisvolle Verwandte und mangelnde Überzeugung sind für kirgisische, politisch engagierte Frauen eine Seltenheit. Laut einer Statistik sind fast 60 Prozent der Kirgisen der Meinung, dass Frauen überhaupt nicht Fuß in die Politik fassen sollen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Bin müde vom Warten, daher habe ich es selbst in die Hand genommen</strong></p>
<p style="text-align: justify">Im gesamten Gebiet Dshalal-Abad mit mehr als eine Million Einwohnern gibt es nur ein örtliches Rathaus, das von einer Frau geleitet wird. Diese Frau heißt Schambila Sejitowa und ist über 50 Jahre. Ihre Falten sprechen für ihre Leistungen. Sie trägt einen hochwertigen Pelzmantel, Stiefel mit niedrigen Absätzen, Ohrringe und ihre Haare sind ordentlich zurückgesteckt.</p>
<p style="text-align: justify">Sie fährt mit ihrem Auto, um die Bauarbeiten an einer der Schulen zu überprüfen. Schambila ruft einen der Bauarbeiter und fragt, wie die Arbeit vorangeht. „Bis Juli wird es fertig sein“, antwortet der Bauarbeiter wie ein Soldat vor einem General.</p>
<p><figure id="attachment_21025" aria-describedby="caption-attachment-21025" style="width: 300px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-21025" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-3-300x169.png" alt="" width="300" height="169" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-3-300x169.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-3-768x433.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-3.png 854w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-21025" class="wp-caption-text">Schambila Sejitowa auf der Baustelle in einem Schulhof</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Im Jahr 2012 entschied sich Schambila zum ersten Mal für die Kandidatur im Kenesch und überholte alle männlichen Kandidaten mit mehr als 500 Stimmen. Mehrmals hintereinander war sie auf dem ersten Platz. Später wurde sie Bürgermeisterin der Ortschaft. Sie hatte es satt, darauf zu warten, dass jemand die Verwaltungsprobleme löse, daher nahm sie es selbst in die Hand.</p>
<p style="text-align: justify">„Ich werde jetzt überall gelobt. Kindergärten und Schulen entstehen. Ich weiß es nicht, aber es ist sehr angenehm, das alles zu hören. Wie es weitergeht, weiß ich noch nicht. Schwierig, weil ich gar keinen Urlaub mache. Die ganze Verantwortung liegt bei mir. Manchmal gehe ich nachts heraus und denke nach. Hier entsteht bald ein Fußballfeld mit Kunstrasen, auf dem nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene spielen werden“, sagt Schambila. Im Jahr 2020 will die Bürgermeisterin ein Frauenfußballwettbewerb organisieren und eine Frauenfußballmannschaft aus den Dorfbewohnerinnen gründen. „Ich möchte nicht, dass sie alle zu Hause sitzen“, sagt Schambila.</p>
<p style="text-align: justify">Schambila wurde in der Mombekowskoi-Gemeinde geboren und war die jüngste Tochter einer einfachen Bauernfamilie. Sie hat eine gute Ausbildung und arbeitete während der Sowjetzeit kurz als Buchhalterin. Während des Zerfalls der Sowjetunion änderte sich das Leben drastisch. „Wir hatten nichts, die Fabriken waren geschlossen. Ich ging auf das Feld arbeiten, da wir ein Privatgrundstück besaßen“, erzählt Schambila.</p>
<p style="text-align: justify">Mit einem Lächeln im Gesicht erinnert sie sich an ihren Schiguli (sowjetisches Automobil), in dem sie alles Notwendige für die Feldarbeiter mitbrachte. Sie selbst fuhr 20 Jahre lang einen Traktor und eine Sämaschine. Sie wandte sich damals auch an das Rathaus, welches ablehnte, weil es kein Geld für soziale Projekte gäbe. Nach einer Reihe von Absagen überlegte sich Schambila, selbst Bürgermeisterin zu werden. Ihr zufolge gibt es jetzt in der Gemeinde genug Geld für alles. Und niemand beschwere sich.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistan-40-starke-frauen-in-portrats/">Kirgistan: 40 starke Frauen in Portäts</a></strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Unter ständiger Aufsicht </strong></p>
<p style="text-align: justify">Auf den staubigen Straßen von Saruu fährt Satybaldy einen blauen Schiguli. Satybaldy hätte nichts gegen Frauen im Kenesch, aber sehr wohl gegen die Einführung der Geschlechterquote. „Die „unerfahrenen und kleinen“ Mädchen anstatt erfahrener Männer“, sagt Satybaldy. Er stellt klar, dass er generell nichts gegen Frauen habe, aber es solle ehrlich ablaufen.</p>
<p style="text-align: justify">„Wenn Unerfahrene und Junge kandidieren, ist es dann Gerechtigkeit? Werden sie arbeiten? Mal sehen, was sie in sechs Monaten machen. Ich werde ihre Aufgaben und das Budget kontrollieren, sagt er und zeigt auf die sanierbedürftigen Straßen von Saruu.</p>
<p><figure id="attachment_21026" aria-describedby="caption-attachment-21026" style="width: 300px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-21026" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-4-300x168.png" alt="" width="300" height="168" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-4-300x168.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-4-768x431.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-4.png 775w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-21026" class="wp-caption-text">Satybaldy</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Satybaldy hat auch kandidiert, aber er hatte nicht genug Stimmen. Er sagt, er wolle trotzdem weiterhin aktiv am Leben der Dorfbewohner teilnehmen und nach Verbesserungen fordern.</p>
<p style="text-align: justify">In Kirgistan gab es vor der Einführung der Quotenregelung das Gesetz „Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Männern und Frauen“, aber die Teilnahme von Frauen in der Politik, insbesondere in der regionalen, blieb bis heute minimal.</p>
<p style="text-align: justify">„Für Frauen, vor allem die auf dem Land leben, könnt ihr euch vorstellen, wie schwierig es ist mit männlichen Kandidaten zu konkurrieren? Wer sind diese im Grunde genommen? Geschäftsmänner, Unternehmer? Sie haben die Möglichkeit, ihre (Wahl)-Tätigkeiten zu sichern“, sagt Ainura Altibaewa, eine Abgeordnete.</p>
<p style="text-align: justify">Über die Regelung der Geschlechterquoten wurde schon im Jahr 2016 gesprochen. Erst 3 Jahre später nach dem Appell der Zivilgesellschaft wurde es im Parlament unter die Lupe genommen. Die Abgeordneten agitierten für die Einführung der Quote und sprachen von der Notwendigkeit eines solchen Gesetzes. Doch kommentarlos lief es nicht, da einige bezweifelten, dass die Wähler für Frauen stimmen würden.</p>
<p style="text-align: justify">„Das ist unser Sieg“, sagte die stellvertretende Sprecherin des Parlaments und einer der Initiatoren der Quotenregelung, Aida Kassymalijewa nach den Wahlen in Saruu gegenüber den Reportern.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/eine-weibliche-gouverneurin-in-usbekistan-symbol-eines-fortschreitenden-feminismus/">Eine weibliche Gouverneurin in Usbekistan: Symbol eines fortschreitenden Feminismus?</a></strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Last auf weiblichen Schultern </strong></p>
<p style="text-align: justify">Nach der Wahl entschied sich Ainura für die Kandidatur des Parteisprechers mit zwei weiteren Abgeordneten. Sie gewann mit etwas mehr Stimmen als ihre Konkurrenten. Die Mehrheit der Abgeordneten stimmten für sie.</p>
<p style="text-align: justify">„Meine Konkurrenten haben ihre Niederlage mit Würde akzeptiert. Sie gratulierten mir. Während der Kandidatur, verstand ich, dass ich noch mehr arbeiten muss. Aber nach meinem Sieg war mir klar, welche Last auf meine Schultern fiel und welche Art von Arbeit ich zu erledigen habe. Das war alles anders und ganz Kirgistan wird uns zusehen“, sagt Ainura bei einem späten Abendessen in der kleinen Küche des Krankenhauses. Auf dem Tisch steht ein kleiner Teller mit Süßigkeiten und Keksen, außerdem noch ein Brot, zwei Teller mit Nudeln, eine hausgemachte Himbeermarmelade und eine Kanne Tee.</p>
<p><figure id="attachment_21027" aria-describedby="caption-attachment-21027" style="width: 300px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-21027" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-5-300x156.png" alt="" width="300" height="156" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-5-300x156.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-5.png 752w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-21027" class="wp-caption-text">Illustration</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Am Tisch sitzt der kleine Asamat zusammen mit dem Krankenhauspersonal. Er ist der jüngste Sohn von Ainura. Sein älterer Bruder und seine ältere Schwester studieren in Bischkek. Sein Vater ist verstorben und Asamat verbringt die Nachtschichten mit seiner Mutter. Hier isst er, macht Hausaufgaben und träumt davon einmal ein Neurochirurg zu werden.</p>
<p style="text-align: justify">Ainura blieb in Nachtdienst, obwohl sie letzte Nacht aus dem Ausland herflog. Sie nahm an einer von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) organisierten Konferenz in Minsk teil. Bei einer Tasse Tee erzählt sie ihren Kollegen von den Schönheiten dieser Stadt und der Beteiligung der Frauen im Minsker-Parlament. „Könnt ihr euch vorstellen, dass der stellvertretende Vorsitzende des Parlaments eine Frau ist“, sagt sie.</p>
<p style="text-align: justify">Ainura will auch eines Tages ins kirgisische Parlament, aber dafür hat nicht einmal ein einfacher Arzt Geld. Gerüchten zufolge muss man für eine Stellung eines stellvertretenden Mandats bis zu einer Million Dollar ausgeben.</p>
<p style="text-align: justify">Das ruhige Abendessen wird unerwartet von einer Krankenschwester unterbrochen. Sie bringt ein Kind mit hohem Fieber und Krämpfen. Ainura rennt in den Korridor, in dem eine Frau mit einer schwarzen Jacke über den Kittel angezogen, ein weinendes Kind in den Armen hält. Sie zittert und ihre Entsetzlichkeit ist ihren Augen zu sehen. Die Krankenschwester nimmt das Baby und nach einer halben Stunde schläft er schon bereits in den Armen seiner Mutter. Eine Paracetamol half ihr, das Fieber zu senken.</p>
<p><figure id="attachment_21028" aria-describedby="caption-attachment-21028" style="width: 300px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-21028" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-6-300x169.png" alt="" width="300" height="169" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-6-300x169.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-6.png 754w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-21028" class="wp-caption-text">Ainura Omorowa schaut nach dem Kind</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Ainura kehrt in ihr Büro zurück, legt ihren Sohn ins Bett und macht mit ihrem Papierkram weiter. Wenn die Nacht keine weiteren Patienten bringt, kann sie etwas schlafen.</p>
<p style="text-align: justify">Aber schon am Morgen, nach der Nachtwache, sieht Ainura frischer aus als in der Nacht zuvor. In der Früh, vor Beginn des Arbeitstages, gelang es ihr noch Locken zu machen und etwas Make-up aufzutragen. Oberflächlich überprüft sie schnell den Zustand der Patienten, befolgt von den Krankenschwestern und einem Doktoranden. Vor dem letzten Zimmer übergibt Asamat das läutende Telefon an die Mutter. Ainura wird zu einem Treffen im örtlichen Rathaus eingeladen.</p>
<p style="text-align: justify">„Mir sind 24 Stunden am Tag zu wenig“, ist ein mehrmals erwähnter Satz von ihr. Ainura wechselt schnell ihren Krankenhausmantel gegen eine schwarze Jacke und das Stethoskop gegen das kleine Abzeichen des Stellvertreters in Form der Flagge Kirgistans und verlässt das Krankenhaus, gleichzeitig gibt sie Anweisungen an den Patienten. &nbsp;„Ich versuche immer gut auszusehen und mich gut anzuziehen. Wenn sich jemand selbstbewusst fühlt, sehen es die anderen im Umfeld“, sagt Ainura und beeilt sich zum örtlichen Rathaus. Unterwegs wird sie mehrmals von Leuten angehalten, manche grüßen sie nur, andere wollen wissen, wann sie ins Krankenhaus kommen können. „Kommen Sie nachmittags, ich werde mir ihr Kind anschauen“, antwortet sie.</p>
<p style="text-align: justify">Im Gebäude des örtlichen Rathauses warten bereits Frauen, die für die Wahl des Kenesch kandidieren wollen. Die Morgensonne scheint auf ihr Gesicht und spiegelt sich in der roten Halskette um ihren Hals wider, ein Armband der gleichen Farbe in der Hand. Auf der anderen Hand trägt sie eine Uhr, auf die sie ständig schaut. Bald wird sie ins Krankenhaus zurückkehren.</p>
<p><figure id="attachment_21029" aria-describedby="caption-attachment-21029" style="width: 300px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-21029" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-7-300x168.png" alt="" width="300" height="168" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-7-300x168.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-7-768x431.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-7.png 779w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-21029" class="wp-caption-text">Ainura auf dem Weg vom Krankenhaus ins Rathaus</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">„Sie könnten und sollten kandidieren. Probleme lösen. Deshalb wurde die Quote eingeführt. Man soll kandidieren, um vorzuschlagen, wie wir unser Leben verbessern, angefangen von den Straßen bis hin zu sozialen Auszahlungen“, erklärt Ainura den versammelten Frauen und erzählt von ihrem politischen Werdegang.</p>
<p style="text-align: justify">Nach dem Abgang von Ainura sprechen Frauen weiterhin über die Wahlen und Teilnahme von Frauen an der Macht. „Die Regierung sind wir. Wenn wir unsere Familie verändern können, können wir unsere Umwelt und danach das ganze Land verändern“, sagt einer der Frauen laut. Infolgedessen beschließen die Frauen, sich in 2 Wochen wiederzusehen.</p>
<p style="text-align: justify">Auf dem Weg zurück ins Krankenhaus erwähnt Ainura, dass sie dem Dorf gerne mehr geholfen hätte. Da der Job aber unbezahlt ist, muss sie Geld verdienen, um für ihre Kinder zu sorgen. „Und darin liegt das Problem. Jeder muss sich ernähren. Wenn die Arbeit im Kenesch bezahlt worden wäre, wären mehr Frauen hier. Und so wie es jetzt ist, müssen sie ihre Familien ernähren“, sagt Ainura und organisiert gleichzeitig am Telefon den Transport ihres Viehs.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/gulshara-abdiqaliqova-wird-erste-gouverneurin-in-kasachstan/">Gulshara Ábdiqaliqova wir erste Gouverneurin in Kasachstan</a></strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Allein auf dem Schlachtfeld</strong></p>
<p style="text-align: justify">Ihr Gehalt als Ärztin reicht nicht, um für ihre Familie zu sorgen. Neben ihrer Arbeit im Krankenhaus und im Kenesch, hält sie noch Vieh und ist in der Landwirtschaft tätig. Sie stellt dafür Arbeiter ein, die aber auch ständig kontrolliert werden müssen.</p>
<p style="text-align: justify">„Ich habe sonntags frei und in der Saison verbringe ich meine freie Zeit auf dem Feld. Viele fragen sich, warum eine Ärztin sich mit der Landwirtschaft beschäftigt, aber mir gefällt so eine Arbeit. Nicht so laut bitte! Die Vögel singen und es ist so schön“, sagt Ainura auf ihrem Feld, auf dem sie Gerste und Bohnen anbaut. Jetzt wird ihre gesamte Ernte in einem großen Container im Hof ihres Hauses in der Nähe des Viehstalls gelagert.</p>
<p style="text-align: justify">Wie Ainura kombiniert auch Schambila die Arbeit im Rathaus mit der auf dem Feld. Früher ging sie auf das Feld und nahm ihre zwei Kinder mit. Während sie auf dem Feld arbeitete, spielten die Kinder im Schatten der Bäume. Jetzt ist ihr Sohn mit einem großen Teil der Feldarbeit beschäftigt, aber am frühen Morgen kann man auf dem endlosen Feld eine stattliche Frau mit hellgrauem Haar sehen, die sich über den Mais am Feld freut. „Obwohl es schwierig sein kann, auf dem Feld zu arbeiten, ist es mir eine große Freude. Alle sagen: „Wenn du nicht auf dem Feld gearbeitet hättest, würdest du jünger aussehen“, sagt sie. Die Sonne und die Kälte schädigt die Haut, gesteht Schambila.</p>
<p style="text-align: justify">Schambila hat sich vor vielen Jahren von ihrem Ehemann getrennt und seitdem nie wieder geheiratet. Allein hat sie ihre zwei Kinder großgezogen und ein großes Haus gebaut. Schambila wollte immer frei und unter eigenem Dach leben. Sie hatte immer ihre eigene Meinung und auf die gleiche Weise zog sie auch ihre Tochter auf.</p>
<p><figure id="attachment_21030" aria-describedby="caption-attachment-21030" style="width: 300px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-21030" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-8-300x156.png" alt="" width="300" height="156" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-8-300x156.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-8-768x400.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Unbenannt-8.png 943w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-21030" class="wp-caption-text">Illustration</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">„Sie kann jetzt alles machen. Jetzt versucht sie es in der Privatwirtschaft“, erzählt Schambila. Obwohl sie gesteht, dass sie sich für ihre Tochter ein anderes Leben gewünscht hätte, ohne die Arbeit und Verantwortung wie bei ihr.</p>
<p style="text-align: justify">Ainura wird oft gefragt, wie sie das alles schafft. Die Antwort ist einfach: „3-4 Stunden Schlaf pro Tag“. Diese Routine spiegelt sich in ihrem Gesundheitszustand wider: ständige Augenringe durch Schlafentzug und andere chronische Gesundheitsprobleme. „Die Mädchen aus dem Krankenhaus retten mich ständig“, sagt sie.</p>
<p style="text-align: justify">„Ich kann nachts angerufen werden, dass die Straße zur Schule weggespült ist und ich mich entscheiden muss, ob ich dringend das Krankenhaus anrufen oder auf das Feld gehen soll“, sagt Ainura während der Fahrt mit ihrem Auto. Sie ist auf dem Weg ins nahegelegene Dorf, um das Datum des Kenesch-Treffens zu vereinbaren und das Budget für das nächste Jahr festzulegen.</p>
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<p style="text-align: justify">„Ich denke ständig über etwas nach. Sogar beim Schlafen denke ich darüber nach, wie ein bestimmtes Problem am besten gelöst werden kann“, sagt sie.</p>
<p style="text-align: justify">Später kehrt sie ins Krankhaus zurück, um ihre Abendroutine durchzuführen. Endlich geht sie dann nachhause, um ihr Abendessen zu kochen, mit ihrem Sohn Serien anzuschauen und nach einem weiteren harten Arbeitstag etwas Schlaf zu bekommen.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Aidai Erkenbajewa, Aisirek Imanalijewa und Alena Smirnowa für Kloop.kg</strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Sara Derbishova</strong></p>
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		<title>AktivistInnen in Kasachstan: „Bei uns ist es schlimmer eine Feministin zu sein, als ein Dieb oder ein Gewalttäter“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[juliaschulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Jun 2019 12:37:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Aktivismus]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
		<category><![CDATA[LGBT]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Schande]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Ph&#xE4;nomen des &#x4B1;&#x44F;&#x442; (ujat= dt. Schande) ist in Kasachstan weit verbreitet. Das Onlinemagazin The Village Kasachstan setzt sich in einer speziellen Reihe (&#x4B0;&#x44F;&#x442; &#x435;&#x43C;&#x435;&#x441; &#x2013; keine Schande) intensiv mit diesem Thema auseinander. Den russischsprachigen Artikel &#xFC;bersetzen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. In folgendem Artikel kommen Feministinnen und LGBT-Aktivisten zu Wort und sprechen &#xFC;ber [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Das Phänomen des ұят (ujat= dt. Schande) ist in Kasachstan weit verbreitet. Das Onlinemagazin <a href="https://www.the-village.kz/village/people/people/1259-uyat-emes-3?fbclid=IwAR1pvQ28nrP2iLl1dqTj4jSDx_qb9qVWf3vicY-OK3VS2S_-lVfb5KdkEPI">The Village </a>Kasachstan setzt sich in einer speziellen Reihe (Ұят емес – keine Schande) intensiv mit diesem Thema auseinander. Den russischsprachigen Artikel übersetzen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">In folgendem Artikel kommen Feministinnen und LGBT-Aktivisten zu Wort und sprechen über Themen wie Freiheit, Sexualität und das beschämt werden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gulsana Serschan</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Mitbegründerin der kasachstanischen, feministischen Initiative „Feminita“, Menschenrechtlerin</em></p>
<p style="text-align: justify">Ich bin Feministin, Menschenrechtlerin und eine kasachische Frau. Ich war schon immer eine Feministin, aber ich habe erst angefangen mich auch so zu nennen, als ich Gleichgesinnte kennenlernte, die mir wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Feminismus empfahlen. Ich habe auch einen Kurs mit dem Titel „Die neue Generation von Menschenrechtlern in Kasachstan“ besucht. Mein Lebensstil und meine Weltanschauung unterscheiden sich nicht von den allgemeingültigen, weil ich der Meinung bin, dass meine Weltanschauung auch die allgemeingültige ist.</p>
<p style="text-align: justify">Ich denke, niemand hat das Recht, das anders zu sehen. Ich kann nicht sagen, dass ich jemals Druck erlebt habe, der mit dem Begriff „Schande“ zusammenhing. Ich hatte schon immer ein starkes Selbstwertgefühl, dank meiner Eltern, die mich geliebt und unterstützt haben.</p>
<p style="text-align: justify">Ich bin lesbisch und habe meine sexuelle Orientierung früher verheimlicht – aus Gründen der Sicherheit. Aber Wissen ist Macht! Als ich mir meiner Sexualität endgültig sicher war, die Menschenrechte studiert hatte und LGBTQI-Aktivistin (Lesben, Schwule, Transgender, Transsexuelle, Queere und Bisexuelle, Anm. d. Red.) wurde, konnte ich mich outen. Manche Menschen mögen mich dafür verurteilen, dass ich meine Orientierung nicht verheimliche. Aber das ändert nichts an meinem Inneren. Mich zu verurteilen ist sinnlos.</p>
<p><figure id="attachment_17404" aria-describedby="caption-attachment-17404" style="width: 959px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-17404" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/6c9qmBQW64sKk-ajeUaVhQ-wide.jpg" alt="" width="959" height="960" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/6c9qmBQW64sKk-ajeUaVhQ-wide.jpg 959w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/6c9qmBQW64sKk-ajeUaVhQ-wide-150x150.jpg 150w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/6c9qmBQW64sKk-ajeUaVhQ-wide-300x300.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/6c9qmBQW64sKk-ajeUaVhQ-wide-768x769.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/6c9qmBQW64sKk-ajeUaVhQ-wide-550x550.jpg 550w" sizes="auto, (max-width: 959px) 100vw, 959px" /><figcaption id="caption-attachment-17404" class="wp-caption-text">Aktivisten versuchen, die Gesellschaft für &#8222;nicht-traditionelle&#8220; sexuelle Orientierungen zu sensibilisieren und toleranter zu machen</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Am meisten verblüffen mich die Anfeindungen einiger Männer gegenüber kasachischen Frauen, mit dem Ziel diese zu belehren. Diese Männer haben bei den <a href="https://www.bbc.com/news/world-asia-36163103">Demonstrationen gegen die Landreform</a> nicht nur feige geschwiegen, sondern die Anstrengungen der Demonstrationen auch für Misogynie missbraucht. Zumindest lassen sich die Erklärung im wichtigsten staatlichen Fernsehkanal kaum anders verstehen: „Wir werden die Erde nicht den Ausländern und mit Ausländern verheirateten Kasachinnen überlassen.“, oder: „Die Forderungen der Männer (!) in der Landfrage, wurden auf der Sitzung der Regierung geprüft.“</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/proteste-in-kasachstan-ueber-80-festnahmen-in-almaty-und-nur-sultan/">Proteste in Kasachstan- 80 Festnahmen in Almaty und Nur Sultan</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Wenn man dem Glauben schenken soll, machen sich bei uns nur die Männer Sorgen um das Land, währen die Frauen es allesamt den Ausländern überlassen. Sind diese Männer zu den Demonstrationen gegangen? Ich – eine lesbische, kasachische Frau – bin zu den nicht genehmigten Demonstrationen am 21.Mai 2017 gegangen, gemeinsam mit anderen lesbischen kasachischen Frauen, deren Existenz von diesen „belehrenden“ Männern verleugnet wird.</p>
<p style="text-align: justify">„Schande“ ist ein persönliches Gefühl, das man nicht auf andere Menschen übertragen kann. Außerdem hat „Schande“ auch keine Nationalität. Dieses Gefühl bringt mich dazu, bestimmte Dinge zu tun, oder nicht zu tun: nicht lügen, nicht fluchen, gerecht sein. Aber eine Frau der „Schande“ anzuklagen, nur weil sie eine Kasachin ist, das ist Unfug! Man sollte kein märchenhaft verklärtes Bild der kasachischen Frau entwerfen, das vollgestopft ist mit der sogenannten „Schande“ einiger Männer. Wenn ich sage, dass auch ich eine kasachische Frau bin, dann müsst ihr das akzeptieren.</p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Alina Newidimko<br />
</strong><em>Feministin, Designerin</em></p>
<p style="text-align: justify">Leider herrscht in Kasachstan die Meinung vor, dass sich Frauen auf eine bestimmte Art und Weise zu benehmen haben. Dieses Benehmen ist vor allem für die Männer angenehm. Aber es verdirbt die weibliche Individualität: Kunst, Hobbys, die eigene Meinung – all die positiven Eigenschaften, die Frauen besitzen könnten und besitzen, die sie aber davon abhalten gehorsame Schäfchen zu sein. Denn so betrachten die Kasachen traditionell die Frauen und Mädchen, als charakterlos und schwach. Sie sollen den Blick senken, den Tee einschenken, nicht widersprechen, die Wohnung in Ordnung halten und um sechs Uhr morgens aufstehen. Zu mir passt das nicht. Und ich versuche, auch anderen Frauen zu erklären, dass sie das Recht haben, sich zwischen Familie und Karriere zu entscheiden.</p>
<p style="text-align: justify">Mein Aussehen passt nicht zu den Standards, die in unserer Gesellschaft als annehmbar gelten. So wie ich rede, dass ich es wage mit Männern zu diskutieren, meine Meinung zu vertreten und Beweise anzuführen passt ebenso wenig. Sie denken trotz der von mir aufgeführten Beweise, dass sie Recht haben und sagen, dass ich vom Westen manipuliert sei, dass ich irgendwelche Milliarden von Obama bekäme oder sonstiger derartiger Quatsch.</p>
<p style="text-align: justify">Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass die Leute, anstatt ihre eigenen Probleme zu lösen, lieber Andere belehren. Ich sehe das an den Kommentaren (Anmerkung: im Internet): die Leute haben absolut keine Ahnung vom Thema, aber sie glauben, dass sie ihren Standpunkt unter die Leute bringen müssen und Andere verändern könnten.</p>
<p style="text-align: justify">Nach der ersten Veranstaltung der feministischen Initiative, bei der ich damals aktiv war, kam ich mit „Shaming“ (Beschämung, Anm. d. Red.) in Berührung. Die Reaktionen in den Medien waren eigenartig: es hieß, dass die Frau irgendeine bestimmte, natürliche Bestimmung hätte und dass es ein Kampf gegen die Natur sei, sich dieser zu widersetzen. Damals verstand ich, dass wir uns zwar im 21.Jahrhundert befinden, einige Menschen aber weiterhin erfolgreich im Mittelalter leben.</p>
<p><figure id="attachment_9025" aria-describedby="caption-attachment-9025" style="width: 500px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-9025" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500.jpg" alt="Feminismus Marsch Almaty Kasachstan" width="500" height="500" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500.jpg 500w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500-150x150.jpg 150w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500-300x300.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500-32x32.jpg 32w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500-50x50.jpg 50w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500-64x64.jpg 64w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500-96x96.jpg 96w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500-128x128.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><figcaption id="caption-attachment-9025" class="wp-caption-text">Feministischer Marsch in Almaty am 8. März 2017</figcaption></figure></p>
<p>Es ist traurig, wenn man begreift, dass alles was wir getan haben, über was wir Vorlesungen gehalten haben und all die Fakten, die wir aufgeführt haben – dass das niemanden interessiert. Die Leute wollen einfach behaupten, dass der Feminismus Unsinn ist, aufgezwungen von der westlichen Propaganda, damit die Frauen keine Kinder kriegen und die Kasachen aussterben.</p>
<p style="text-align: justify">Jeden Tag werden meine Bekannten damit konfrontiert, dass ihr Verhalten als nicht ausreichend züchtig bewertet wird. Und das nur, weil sie es wagen, anders auszusehen. Eine Bekannte von mir wurde geschlagen, weil sie nicht heteronormativ genug aussieht, mit kurzen Haaren und lockerer Kleidung, die nicht die Figur betont. Ich kenne die Geschichte eine Frau, die geschlagen und der mit Vergewaltigung gedroht wurde, die davon aber ihrer Familie nichts erzählen konnte und ihre Anzeige zurückzog, weil sie glaubte, dass niemand sie akzeptieren oder verstehen würde. Eine andere Frau wurde nach dem Sex zu einer Abtreibung gezwungen und auch sie konnte niemandem davon erzählen, weil es eben eine „Schande“ war.</p>
<p style="text-align: justify">Der Grund für dieses Gefühl der Schande in Kasachstan ist Angst; die Möglichkeit den Menschen mit einer vermeintlichen, mystischen Vergeltung Angst einzujagen, um sie zu manipulieren. Die Religion ist der Politik dabei behilflich, da Schande direkt mit Sünde verbunden ist. Dieses Konzept erlaubt es den Leuten zu bestimmen, was richtig und was falsch ist.</p>
<p style="text-align: justify">Schande – das ist die Fortsetzung der Prinzipien des Tabus bis hin zur Todsünde. Es werden Verbote für bestimmte Handlungen aufgestellt. Früher hatte das sogar einen Sinn. Heutzutage aber nicht. Einen kurzen Rock zu tragen, ist keine Sünde. Genau so wenig wie sich die Haare kurz zu schneiden, eine eigene Meinung zu haben, keine Kinder zu bekommen oder die Möglichkeit zu haben in dem Beruf zu arbeiten, in dem man arbeiten möchte und gutes Geld zu verdienen. Das alles ist keine Schande! In allen progressiven Staaten der Welt sind Frauen ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft und können selbst über ihr Leben und ihren Körper bestimmen.</p>
<p style="text-align: justify">Meine gesellschaftliche Position ist Feministin. Ich habe erst 2015 begonnen mich ganz und gar als Feministin zu bezeichnen. Davor dachte ich einfach, dass ich die Freiheit habe auf niemanden zu hören und mich so zu benehmen, wie ich es für richtig halte. Diese ganzen dämlichen Traditionen, dass man die Alten respektieren muss und ihnen nicht widersprechen darf, weil sie angeblich immer weise sind, habe ich noch nie verstanden. Mir gefällt das Zitat von <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Artemy_Lebedev">Artemi Lebedev</a>: „Wenn man so darüber nachdenkt: irgendein alter Sack lebt länger auf dieser Welt als ich. Warum sollte er deshalb weiser sein als ich?“ Niemand kann besser wissen als du, was du brauchst. Auch wenn er &#8211; nach gängigen Maßstäben &#8211; als weise gilt.</p>
<p style="text-align: justify">Der Feminismus wird in den Medien sehr negativ dargestellt, der Begriff selbst wird als Schimpfwort empfunden. Aber Feminismus bedeutet nicht nur unrasierte Achseln. Je mehr ich gelesen habe, desto mehr habe ich das Wesentliche und die Wichtigkeit dieser Bewegung verstanden. In Kasachstan stoßen Frauen auf sehr viele Probleme und der Feminismus kann helfen, sie zu lösen.</p>
<p style="text-align: justify">Sollen sie ruhig sagen, dass Feministinnen schlecht sind, hässlich, fett und ungefickt. Okay, das ist nicht schlimm. Und ja, ich bin eine Feministin. Ich benutze die Feminitiva (weibliche Wortformen, Anm. d. Red.) auch wenn manche das dumm oder lächerlich finden, weil es in gewisser Weise dazu beiträgt, dass Frauen eine bessere Bezahlung bekommen. Wenn ein Arbeitgeber versteht, dass es unter den Spezialisten auch Spezialistinnen gibt, dann muss er diese auch genauso gut bezahlen. Deshalb bin ich DesignerIN.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/heldinnen-zentralasiens-von-den-wichtigsten-frauen-der-region/">Heldinnen Zentralasiens: Von den wichtigsten Frauen der Region</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Frauen müssen sich für nichts schämen oder sich davor fürchten, dass sie verurteilt oder verachtet werden. Sie müssen nicht versuchen, sich den Normen der Gesellschaft anzupassen, um der „Schande“ zu entkommen. Denn wir werden immer „unbequem“ sein, wir werden immer falsch sein, wir werden immer schuldig sein. Egal wie wir aussehen, egal was wir machen und egal über was wir reden – die Frau ist immer falsch.</p>
<p style="text-align: justify">Selbst wenn du von Kopf bis Fuß in einem Hidschāb oder Schleier steckst, du wirst trotzdem misshandelt, wie Beispiele aus muslimischen Ländern zeigen. Und auch wenn du die Hochschule beendet hast, sehr belesen bist und viele Erfahrungen hast, wirst du 20 bis 30 Prozent weniger verdienen als ein Mann. Selbst wenn du – aus Sicht der Gesellschaft – eine ordentliche Ehefrau bist, deine Kinder gut erziehst und deinen Mann bedienst, wird dir dennoch auf die Finger geklopft. Egal was du auch tust, du wirst immer schlecht sein, es wird sich immer ein Grund fürs „Shaming“ finden. Du wirst immer dreckig, falsch und unrein sein.</p>
<p style="text-align: justify">Man kann dir während deiner Periode sogar den Eintritt in die Moschee verbieten. Auch wenn du jeden Tag das Namaz (Gebet im Islam, Anm. d. Red.) liest, die Kleiderordnung einhältst und dich an alle Regeln des Korans hältst. Ganz unabhängig davon, was du tust, du bist immer schlecht. Deshalb sollte man keine Angst davor haben, schlecht zu sein.</p>
<p style="text-align: justify">Du musst die Traditionen nicht ehren, nach denen du nicht einmal ein halber Mensch bist, nach denen du gerade mal ein bisschen mehr Rechte hast als ein Tier.  Stattdessen solltest du versuchen, so zu leben, wie du es willst und dich so zu benehmen, wie du es willst: einen Hochschulabschluss machen, eine interessante Arbeit ausüben. Verbring nicht dein ganzes Leben damit, Kinder großzuziehen und deine Familie zu bedienen, sondern tu das, was du für wichtig hältst und beschäftige dich mit dem, was dich interessiert!</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Amir Schaikeshanov<br />
</strong><em>LGBT Aktivist</em></p>
<p style="text-align: justify">Mein Lebensstil und meine Weltanschauung sind nicht gerade kanonisch. Ich bin Liberaler und davon überzeugt, dass jeder Mensch die Freiheit über seine Identität und die Wahl seiner Weltanschauung haben sollte und zwar bis zu dem Punkt, bis zu dem er nicht die Rechte eines Anderen verletzt.</p>
<p style="text-align: justify">Ich bin ein Unterstützer der Ideen der Aufklärung und der freien Wahl und nicht der Verbote und des Weglaufens vor unangenehmen Themen. Alle Menschen haben Sex, deshalb ist es notwendig, dass man Sexualkundeunterricht durchführt, sowohl für Jugendliche, als auch für Erwachsene. Durch häusliche Gewalt sterben in Kasachstan dutzende Frauen pro Jahr, deshalb müssen wir Themen wie Gerechtigkeit und den Schutz der Frauen und Kinder besprechen.</p>
<p style="text-align: justify">„Schande“ ist ein Konstrukt, das die Kasachen schon in ihrer Kindheit verfolgt. Ich bin das erste Mal in jungen Jahren damit in Berührung gekommen. Damals habe ich verstanden, dass es bei uns nicht richtig ist, man selbst zu sein. Es ist sicherer so zu tun, als sei man anständig und bequem.</p>
<p style="text-align: justify">Für meine eigene Meinung wurde ich im Laufe der Zeit auch beschämt. Es hieß, ich sei arrogant, meine Selbstständigkeit sei eine Frechheit und meine Offenheit albernes Geschwätz. Ich komme immer noch oft mit „Schande“ in Berührung. Ich kämpfe wie folgt damit: Als Schwuler schweige ich nicht über die Probleme der LGBT-Community. Ich spreche mich für das Recht der Frauen aus, in Sicherheit zu leben und die gleichen Rechte zu haben wie Männer.<strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/15-millionen-kasachstaner-nicht-traditioneller-orientierung/">1,5 Millionen Kasach „nicht-traditioneller“ Orientierung</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Ich bin außerdem für den Schutz der Individualität der Kinder, gegen Gewalt und Abschirmung von wichtigen Informationen, eingeschlossen Sexualkunde. Ich lehne es ab, die eigene Meinung zu verstecken und bin sexpositiv. Ich kämpfe gegen das System der Autoritäten, die uns – ohne etwas vorweisen zu können –   aufgezwungen werden, nur auf Grundlage ihres Alters, ihrer sozialen oder ihrer politischen Position.</p>
<p style="text-align: justify">In Kasachstan stört mich am meisten die mangelnde Wertschätzung für das Leben: Erwachsene und scheinbar kluge Leute sind bereit ihre Angehörigen und Kinder zu töten oder ihre Gesundheit in Gefahr zu bringen, nur aufgrund der Erwartungen von fremden Menschen. Junge Frauen und Männer werden aus dem Haus gejagt, geschlagen und abgelehnt, sie werden gezüchtigt oder sogar getötet und das nur wegen einer unerwarteten Schwangerschaft, Sexualität an sich oder der Liebe zu einer Person mit einer anderen Nationalität.</p>
<p><figure id="attachment_8987" aria-describedby="caption-attachment-8987" style="width: 1023px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-8987" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/c106d35072cea465a6219a2c473b46c6.jpg" alt="" width="1023" height="558" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/c106d35072cea465a6219a2c473b46c6.jpg 1023w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/c106d35072cea465a6219a2c473b46c6-300x164.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/c106d35072cea465a6219a2c473b46c6-768x419.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 1023px) 100vw, 1023px" /><figcaption id="caption-attachment-8987" class="wp-caption-text">LGBT*IQ Aktivisten nach einer Aktion in Zentralasien</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Mir scheint, das sind die Reste des Tribalismus (Stammestum, Anm. d. Red): die Notwendigkeit in einer Gemeinschaft zu leben und mit deren Werten übereinzustimmen. Im Rahmen der Globalisierung, der Urbanisierung und dem wachsenden Einfluss der Popkultur entfernt sich die junge Generation allerdings immer weiter von den Kategorien „Schande“ und „Wir“ und nähert sich stattdessen den Kategorien „Freiheit des Individuums“ und „Ich“. Natürlich mit einem örtlichen Flair, aber mit der Hoffnung auf eine offenere und tolerantere Gesellschaft.</p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Polina Pollinium</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>polyamorös, pansexuell, Feministin</em></p>
<p style="text-align: justify">Meine Weltanschauung und mein Lebensstil unterscheiden sich in großem Maße von den in Kasachstan gängigen. Zuerst einmal bin ich pansexuell, d.h. meine Zuneigung zu einem Menschen hängt nicht von dessen Gender(-Identität) ab. Anders gesagt: die Genitalien sind mir egal, ich liebe den Menschen selbst, für seinen Charakter und seine Äußerungen. Zweitens bin ich <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Polyamorie">polyamorös</a>. Mir erscheint es natürlich für mehrere Menschen gleichzeitig romantische und sexuelle Zuneigung zu empfinden. Außerdem trete ich für die Polygamie ein – eine Ehe mit mehr als zwei Partnern.</p>
<p style="text-align: justify">Ich glaube, dass diese Form der Beziehung eine Reihe von Vorteilen gegenüber einer traditionellen Beziehung hat. Zum Beispiel die Aufteilung alltäglicher Pflichten, das Teilen von Rechnungen, sowie die Kindererziehung. Vor allem den letzten Punkt möchte ich hervorheben. Viele Kinder leiden darunter, zu wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber man kann auch die Eltern verstehen: Sie arbeiten den ganzen Tag und zuhause warten dann auch noch eine Menge Aufgaben. Da reicht die Zeit für die Kinder einfach nicht. In einer Ehe mit mehr als zwei Partnern kann man sich mit den elterlichen Pflichten abwechseln und es wird viel einfacher.</p>
<p style="text-align: justify">Darüber hinaus bin ich Feministin. In Kasachstan wird diese Weltanschauung nicht unterstützt. Vor einer Weile gab es einen Hype um ein Video, in dem ein Typ auf einem Parkplatz dazu auffordert, die kasachischen Frauen zu erziehen. Schlimmer als das Video selbst waren die vielen Unterstützer. Aber unsere Frauen waren nicht verlegen, sie haben geantwortet, sie schrieben zum Beispiel: „Ich bin eine kasachische Frau und ich bin lesbisch.“ Sie wollten daran erinnern, dass kasachische Frauen kein höriges Vieh sind, sondern Persönlichkeiten mit Meinungen und Ansichten. Aber die Reaktionen waren schrecklich: es wurde persönlich, es wurde beleidigt. Es schien so, als ob bei uns Feministinnen als schlimmer erachtet werden als Gewalttäter, Diebe und Korrupte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/zentralasien-2030-gleichberechtigung-auch-im-beruf/">Zentralasien 2030: Gleichberechtigung auch im Beruf?</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Als ich noch zur Schule ging, war eine meiner Mitschülerinnen auch „Slutshaming“ ausgesetzt. In der siebten Klasse wussten alle über ihr Privatleben (und ihr angebliches Sexleben) Bescheid. Die Kinder haben angefangen, sie als Schlampe zu bezeichnen. Ich erinnere mich daran, was das für ein Mädchen war. Sie war hübsch, selbstsicher und mutig, denn sie ist den Provokationen nicht erlegen. Persönlich bin ich noch nicht mit „Shaming“ in Berührung gekommen, weil ich bisher auch nie über meine Ansichten gesprochen habe, ich hatte kein öffentliches Coming-Out.</p>
<p style="text-align: justify">Bei uns gibt es ein Verständnisproblem. Wir sagen: „Schluss mit der Gewalt“ und die „Shamer“ und andere Verteidiger der Traditionen verstehen: „Wir drängen euch die westlichen Werte auf.“ Als ob die westlichen Werte ständige LGBT-Paraden, Feministinnen-Märsche mit unverhüllten Brüsten und die Ablehnung von vaginalem Sex wären. Dort, in diesem geheimnisvollen Westen, gehen Menschen ganz normale Ehen ein, bringen Kinder zu Welt und treten sogar Enthaltsamkeits-Gruppen bei. Aber dort strebt die Gesellschaft nach Bewusstheit und Toleranz.</p>
<p style="text-align: justify">Es ist schon klar, warum unsere Gesellschaft den Feminismus ablehnt. Kein Sklavenhalter möchte, dass sein Eigentum sich auflehnt. Den Frauen wird eingeredet das Patriarchat sei das reinste Vergnügen: Geschenke hier, Aufmerksamkeit da. Über die Schattenseiten wird hingegen geschwiegen. Das Patriarchat wird zudem als normale Gesellschaftsform wahrgenommen und die „Shamer“ sind das Ordnungskommando. Eine Frau, die sich auflehnt, wird beschämt. Ein Mann, der sie in Schutz nimmt, wird ebenfalls beschämt. Es werden alle beschämt, die sich vom „Normalen“ unterscheiden.</p>
<p style="text-align: justify">Für den Anfang wäre es nicht schlecht, den Leuten Toleranz und Respekt für den Einzelnen beizubringen. Und damit die Begriffe „gut“ und „schlecht“ zu ersetzen. Aber vor allem muss man erklären, dass Gewalt das schlimmste Übel ist und eine Bremse für unseren Fortschritt. Wenn wir eine Gesellschaft aufbauen wollen, in der sich jeder und jede sicher fühlt, dann sollte das Ausmerzen der Anreize zur Gewalt das Ziel Nummer eins sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify"><strong><u>Arina Ossinovskaja</u></strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Aktivistin von „Kasfem“</em></p>
<p style="text-align: justify">Vor sieben Jahren bin ich Vegetarierin geworden und das hat mich dazu bewogen auch über andere Dinge nachzudenken, die ich früher für normal hielt. Heute bin ich Veganerin, bezeichne mich als Feministin und vertrete links-anarchistische politische Ansichten. Bei fast jedem gibt es diesen kleinen Moment, der einen dazu bringt, zurück zu blicken und sich zu fragen, ob man bisher richtig gelebt hat. Die Frage, die man sich öfter stellen sollte, lautet aber: Verhalte ich mich jetzt richtig? Sind mein Essen und meine Kleidung es wert, dass Tiere sterben und andere Menschen dafür ausgebeutet werden? Habe ich das Recht, und vor allem den Wunsch, Teil dieser riesigen Kette ununterbrochenen Konsums zu sein?</p>
<p style="text-align: justify">Ich habe mit vielen Dingen in unserer Gesellschaft Probleme. Zum Beispiel damit, dass man sich bei uns daran gewöhnt hat, das Aussehen der Frauen kritisch zu bewerten. Oder dass schon allein mein Recht, mich ohne Begleitung eines Mannes irgendwohin zu bewegen, Erstaunen hervorruft. Und auch mit den herrlich selbstsicheren „Shamern“ die nicht bereit sind ihr Recht abzulegen, über andere zu urteilen und alles und für alle zu entscheiden, vor allem für die kasachischen Frauen. Oder die beleidigenden und drohenden Kommentare unter den Artikeln über die Aktionen von „Kasfem“.</p>
<p style="text-align: justify">Die Frage nach dem Lebensstil und der Weltanschauung ist ziemlich schwierig, weil man sie verschieden verstehen kann. Was ist Allgemeingültigkeit? Ich schlitze nicht einmal pro Jahr ein Schaf auf, will nicht heiraten, reise gerne alleine, trampe, ich möchte keine Kinder und hasse das Wort „Schande“. Ich halte den Mann nicht für das Familienoberhaupt, ich kämpfe für die Gleichberechtigung der Geschlechter und glaube an das Glück aller lebendigen Wesen.</p>
<p style="text-align: justify">Man kann in unserer eklektischen kasachischen Gesellschaft von Dörfern und Städten keine allgemeinen Werte erkennen, außer der Angewohnheit zuzustimmen und zu ertragen. Zustimmen, wenn man gezwungen wird, ein Kopftuch zu tragen. Ertragen, jemanden zu heiraten, den man nicht liebt und manchmal auch dessen Hand zu spüren. Zustimmen, zur Entscheidung der Eltern über die eigene Zukunft, und danach die ausgewählte Universität und die erkaufte Arbeit ertragen. Der ausgewählten Braut zuzustimmen und akzeptieren, dass man sein ganzes Leben mit seinen Eltern leben wird, weil man der jüngste Sohn ist.</p>
<p><figure id="attachment_16561" aria-describedby="caption-attachment-16561" style="width: 1280px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-16561" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/fem_02.jpg" alt="" width="1280" height="853" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/fem_02.jpg 1280w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/fem_02-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/fem_02-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/fem_02-1024x682.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/fem_02-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px" /><figcaption id="caption-attachment-16561" class="wp-caption-text">&#8222;Uyti nelzia terpet&#8220; &#8211; Die Interpretation lässt offen: Verlassen oder Aushalten? Jede Frau sollte selbst entscheiden</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Ich glaube nicht an die Märchen der Liberalen von der Freiheit der Wahl. Wir wissen doch, wie so ein Prozess in unserem Land aussieht. Aber ich glaube an das Recht des Menschen auf die Freiheit seines Verhaltens, an das Glück und daran, dass niemand das Leiden und die Ausbeutung anderer Menschen verursachen sollte. Homophobie, Sexismus, Nazismus und die vollkommen vorsätzliche apolitische Haltung großer Teile der Bevölkerung beginnen uns in einen Zustand der Hoffnungslosigkeit zu ziehen.</p>
<p style="text-align: justify">Es ist gut, dass damit begonnen wurde über Gewalt gegen Frauen zu sprechen, aber besser wäre es doch, wenn es keinen Anlass gäbe, darüber zu sprechen. Es gab in der Vergangenheit vor Gericht einige Fälle, in denen es um häusliche Gewalt und Vergewaltigung ging. Diese Fälle wurden gewonnen, was sehr wichtig ist, weil sie gezeigt haben, dass die Justiz arbeiten kann und sollte, wenn öffentlich über „Schande“ geredet wird. Fälle wie diese beginnen nicht mit einer Anzeige, sondern mit der Bereitwilligkeit und dem Glauben, dass die Justiz Gewalttäter und Tyrannen innerhalb der Familie bestraft. Und das kann den Frauen helfen, ihr Leben zu retten, sie anstoßen, eine Anzeige zu machen und Gerechtigkeit zu erlangen.</p>
<p style="text-align: justify">Ich habe die Ausweglosigkeit in den Augen einer Frau gesehen, zu der wir mit der Polizei gefahren sind, um sicherzustellen, dass sie noch lebt und sie davon zu überzeugen, eine Anzeige gegen ihren schlagenden Ehemann zu machen. Sie hat es abgelehnt. Da haben weder unsere Überzeugungsversuche noch die Nachfragen der Polizei geholfen. Und in dem Moment habe ich die ganze Kraft der „Schande“ gespürt.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="Interview%20mit%20der%20kasachischen%20Frauenrechtlerin%20Ayman%20Umarowa">Gewalt kann nicht toleriert werden: Interview mit der kasachischen Frauenrechtlerin Ayman Umarowa</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Ich bin mit meinen Freundinnen im Polizeiauto nach Hause gefahren und habe vor Machtlosigkeit geweint. Und dort in diesem kleinen Dorf außerhalb des Almatiner Ringes weinte meine Altersgenossin über die schweren körperlichen Verletzungen, die sie sich nicht anzuzeigen traute. Solange alle schweigen, befangen durch das falsche Gefühl der Scham, ihre blauen Flecken unter Kosmetik verstecken, und den Kopf unter einem Kopftuch – sieht es so als würde in diesem Land nichts passieren. Alles in bester Ordnung.</p>
<p style="text-align: justify">Die Ursachen für die „Schande“ sehe ich in der Beziehung des Staates zur Familie, als wäre sie das letzte, worauf man sich noch stützen kann. Wenn es keine Stabilität in der Wirtschaft gibt und man den sozialen Bereich einschließlich des Gesundheitswesens schon lange aufgegeben hat, was bleibt den Kasachen da noch zu wünschen? Nur eine starke Familie!</p>
<p style="text-align: justify">Außerdem ist die „Schande“ verwurzelt in der Vorstellung der Frau als schweigsame und demütige Vertreterin des schwachen Geschlechts, die eine Nebensache ist und Eigentum des Mannes. Deshalb besteht mein persönlicher Kampf mit der „Schande“ aus weniger familiären Werten, mehr Polyamorie und mehr persönlichen Äußerungen über das Eigene, das Weibliche.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Ulpan Ramasowa,  <a href="https://www.the-village.kz/village/people/people/1259-uyat-emes-3?fbclid=IwAR1pvQ28nrP2iLl1dqTj4jSDx_qb9qVWf3vicY-OK3VS2S_-lVfb5KdkEPI">The Village KZ</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem russischen von Julia Schulz</strong></p>
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		<title>Keine BürgermeisterIN in Kirgistan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[ainazs]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Feb 2018 15:09:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Laut offiziellen Statistiken gibt es in den kirgischen Beh&#xF6;rden immer weniger Frauen in F&#xFC;hrungspositionen. Den Bericht von Radio Azattyk, der lokalen Antenne von Radio Free Europe/ Radio Liberty, &#xFC;bersetzen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Im kirgisischen Parlament gibt es keine Gleichstellung der Geschlechter. Zurzeit tagen nur noch 19 Frauen, laut Gesetz sollten es 40 [&#x2026;]</p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/keine-burgermeisterin-in-kirgistan/">Keine BürgermeisterIN in Kirgistan</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Laut offiziellen Statistiken gibt es in den kirgischen Behörden immer weniger Frauen in Führungspositionen. Den Bericht von </strong><strong><a href="https://rus.azattyk.org/a/kyrgyzstan-politics-women-gender/28937131.html">Radio Azattyk</a>, der lokalen Antenne von Radio Free Europe/ Radio Liberty, übersetzen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. </strong></p>
<p style="text-align: justify">Im <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistan-ergebnisse-einer-auergewhnlichen-parlamentswahl/">kirgisischen Parlament</a> gibt es keine Gleichstellung der Geschlechter. Zurzeit tagen <a href="http://www.kenesh.kg/ru/deputy/list/35">nur noch 19 Frauen</a>, laut Gesetz sollten es 40 sein, also ein Drittel der Besetzung.  Die Frauenanzahl in drei der fünf Fraktionen ist gering, in den anderen zwei,  „Kirgistan“ und „Bir bol“ („Sei vereinigt“) gibt es gar keine Abgeordnete. Auch in Lokalvertretungen tagen nur zehn Prozent  Frauen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Nur eine Frau im Dorfrat</strong></p>
<p style="text-align: justify">Kanajim Sultanowa ist Schuldirektorin im Dorf Basch-Döbö, im südkirgisischen Landkreis <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96sg%C3%B6n">Ösgön </a>. Sie ist ehemalige Vorsitzende des Gemeinderats. Sie erklärt, Frauen haben aufgrund ihres Geschlechts viele Schwierigkeiten in der Politik. Ihnen fehle allein die Mentalität, um großen Ambitionen nachzugehen und auf Augenhöhe mit Männern um Führungspositionen zu konkurrieren. Außerdem sei die Gesellschaft nicht bereit, die Initiativen der Frauen zu unterstützen, was sie auch auf den wirtschaftlichen Zustand des Landes zurückführt. Im Jahr 2016 wurde nur eine Frau in den Dorfrat von Basch-Döbö gewählt.</p>
<p style="text-align: justify">„<em>I</em><em>n den Dörfern kandidieren meist die Schulleiter und Chefärzte als Abgeordnete. Seitdem Frauen die Teilnahme an Wahlen „verboten“ wurde, gibt es deutlich weniger Frauen unter den Abgeordneten. Früher tagten vier Frauen im Dorfrat von Basch-Döbö, jetzt nur noch eine. Es sollten doch nur gebildete Menschen in die Räte gewählt werden. In unserem Dorfrat sitzen außer ein paar Lehrern, Ärzten und Personen mit Arbeitserfahrung im Ausland nur Abgeordnete ohne Hochschulausbildung</em>“, beklagt Sultanowa.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistan-40-starke-frauen-in-portrats/">40 starke Frauen im Porträt</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Aktivistinnen sind sich sicher: Wenn die Zahl der Frauen in Lokalvertretungen schwindet, werden wichtige Themen wie der Zustand der Schulen, Vorschuleinrichtungen, die  Gesundheitsfürsorge, die Senkung der Müttersterblichkeit und die Erziehung vernachlässigt.</p>
<p><figure id="attachment_6001" aria-describedby="caption-attachment-6001" style="width: 2000px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-6001" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/10/parlamentkirigish.jpg" alt="Rücktritt der Regierung Kirgistans" width="2000" height="1125" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/10/parlamentkirigish.jpg 2000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/10/parlamentkirigish-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/10/parlamentkirigish-768x432.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/10/parlamentkirigish-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/10/parlamentkirigish-1300x731.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" /><figcaption id="caption-attachment-6001" class="wp-caption-text">Im kirgisischen Parlament</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Auch Sultanowa gehört zu diesen Aktivistinnen: „<em>Wenn sich Männer zur Wahl stellen, vertrauen</em> <em>selbst Freunde und Verwandte ihnen mehr. Frauen sorgen im Rat aber für Ordnung. Außerdem achten Männer nicht auf soziale Probleme und kümmern sich nur um den Straßenbelag oder die Wasserversorgung. Niemand spricht von der Entwicklung der Schulen, Kindergärten, der medizinischen Versorgung, der Bibliothek. Frauen fehlt auch oft das Geld für die Wahlkampagne</em> .“</p>
<p style="text-align: justify">Alle 19 Dorfverwaltungen des Landkreises Ösgön werden von Männern geleitet. Dieselbe Situation herrscht in den benachbarten Kreisen Alai und Tschong-Alai. Insgesamt gibt es in Kirgistan mehr als 450  Dorfverwaltungen, von denen nur 15 von Frauen geleitet werden. Unter den Gouverneuren der Landkreise findet sich keine einzige Frau.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Eingeschlechtliches Parlament</strong></p>
<p style="text-align: justify">Laut einer Studie der Agentur für soziale Technologien sind nur zehn Prozent der Lokalabgeordneten Frauen, das sind drei Prozent weniger als in vorigen Wahlperioden. Laut der Vertreterin der Agentur, Baktygul Islamowa, schlagen Aktivisten die Einführung von Quoten vor, um eine ausreichende Zahl an Frauen in Lokalparlamenten zu gewährleisten: „<em>Laut unseren Zahlen gibt es immer weniger Frauen in Lokalverwaltungen.  2008 waren es noch 19 Prozent, 2010 – 17 Prozent, 2012 – 13 Prozent und 2016 nur noch zehn Prozent.</em> <em>Ein ähnliches Ungleichgewicht gibt es in den Stadträten, in den Frauen nur 130 der insgesamt 600 Mandate bekleiden. Im Parlament gibt es nur 16 Frauen.</em>“</p>
<p style="text-align: justify">Als das kirgisische Parlament nach der Wahl 2005 fast eingeschlechtlich geworden war, schenkten Aktivisten den männlichen Abgeordneten zum 8. März (dem Weltfrauentag, Anm. d. Red.)  Blumen als Symbol des Protests. Die Empörung der BürgerInnen führte dazu, dass 2007 eine Frauenquote bei der Parlamentswahl eingeführt wurde. Aber gibt es dadurch mehr Frauen im Parlament?</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/sexismus-in-kirgistan/">Sexismus in Kirgistan</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Parlamentsabgeordnete und ehemalige Vizeparlamentspräsidentin Altynai Omurbekowa denkt, dass Frauen in Kirgistan weiterhin diskriminiert werden. „<em>Vor kurzen wurde zum Beispiel der Richterrat gewählt, wozu deutlich steht, dass er zu 30 Prozent mit Frauen besetzt werden soll. Aber nur Männer kandidierten. Drei von neun AuditorInnen im Rechnungshof sollen Frauen sein, aber soweit ich weiß ist da nur eine. Man kann die Diskriminierung auf allen Ebenen beobachten. Frauen sollten 30% der Regierung besetzen, vom Parlament gar nicht zu sprechen. Die Legislative verstößt selbst gegen das Gesetz. Wir können es nicht dabei belassen. Frauen repräsentieren eine große Stärke. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass Frauen die Wirtschaft des Landes in den 1990ern wieder aufgerichtet haben. Das sollten wir nicht vergessen</em>.“</p>
<p style="text-align: justify">Laut den gesetzlichen Anforderungen sollten von den 13 Abgeordneten der Fraktion „Önügüü-Progress“ drei Frauen sein. Tatsächlich ist es nur eine.</p>
<p style="text-align: justify">„<em>Natürlich haben Frauen eine besondere Position in der Gesellschaft</em>,“ bemerkt der Vizeparlamentspräsident Mirlan Bakirow, der dieser Fraktion angehört. „<em>In unserer Fraktion haben wir eine Frau. Das Gesetz verpflichtet die Parteien dazu, ihre Wahllisten mit Rücksicht auf die Quoten zu erstellen, nennt aber kein konkretes Geschlecht. Es sollten nur nicht mehr als 70% der Abgeordneten demselben Geschlecht angehören. Für den Richterrat hat unsere Fraktion die Kandidatur von Guljan Koschokowa vorgeschlagen. Laut neuem Grundgesetz ernennt der Premierminister die Gouverneure der Landkreise, somit sollte sich der Regierungsapparat mit dieser Frage beschäftigen. Warum sind immer weniger Frauen in der Politik? Vielleicht liegt das an der Natur, der Mentalität oder den Möglichkeiten. Finanzielle Möglichkeiten beeinflussen auch die Konkurrenzfähigkeit.</em>“</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Der notorische Geschlechterfaktor</strong></p>
<p style="text-align: justify">In der Diskussion um Frauen als Führungskräfte in Kirgistan werden öfters die Namen der Generalstaatsanwältin Indira Dscholdubajewa, der Vorsitzenden des Höchsten Gerichtshofs Ainasch Tokbajewa und der Vorsitzenden der Zentralen Wahlkommission Nurdschan Schasildabekowa genannt. Vor Kurzem ist Alina Schaikowa Leiterin der Abteilung für Regierungsbeschaffungen geworden.</p>
<p style="text-align: justify">Aber das sind alles Formalitäten, meint die Parlamentsabgeordnete Aida Kasymalijewa, die wie so oft über die Ungleichberechtigung der Geschlechter in der kirgisischen Politik spricht. Wie sie sagt, orientiert sich die Gesellschaft weiter an Stereotypen, dass Frauen in Führungspositionen weniger erfolgreich sind. „<em>Man sagt oft, dass die Positionen der Generalstaatsanwältin und von Richterinnen von Frauen besetzt sind. Aber in Kirgistan haben solche Ernennungen vor allem formalen Charakter. Frauen leiten keine Lokalverwaltungen. Bei den lokalen Wahlen wird ein Mehrheitswahlsystem angewendet. Dorfräte werden hauptsächlich von reichen Menschen, männlichen privaten Unternehmern geleitet. Ich habe das erst gespürt, als ich selbst Abgeordnete geworden bin</em>“, so Kasymalijewa.</p>
<p style="text-align: justify">Wie sie erklärt, sollte man sich vor allem auf die entscheidungstragenden Organe Konzentrieren. „<em>Früher wurden Frauen immer  als Stellvertretende Leiterinnen der Dorfverwaltungen ernannt, um sich mit sozialen Fragen zu beschäftigten. Heute ist das seltener der Fall. Frauen gehen mit dem Budget verantwortlicher um. Es gibt das Verständnis der „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gender_Budgeting">gendergerechten Haushaltsführung</a>“ (eine Haushaltsführung, die die Gleichstellung der Geschlechter fördert, Anm. d. Red.) Dieser Faktor wird aber in lokalen Haushalten nicht berücksichtigt, ebensowenig wie die auf UN-Empfehlungen eingeführte Geschlechterquote von 30 Prozent.</em>“</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-feministische-bewegung-in-kirgistan/">Die feministische Bewegung in Kirgistan</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Ebenso auf Regierungsebene. Aus 12 Ministerien in Kirgistan werden nur zwei von Frauen geleitet. Von den staatlichen Agenturen, Diensten und Fonds steht keine einzige Struktur unter der Leitung einer Frau. Die Gouverneure aller sieben Regionen des Landes sind Männer. Alle Bürgermeister der insgesamt 31 Städte sind Männer. Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch an den Hochschulen des Landes ab. Von mehr als 50 Hochschulen haben nur drei eine Rektorin.</p>
<p><figure id="attachment_12506" aria-describedby="caption-attachment-12506" style="width: 778px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-12506" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/02/mestojenwinykg.png" alt="Plakat Bischkek feminists mehr Frauen im Parlament" width="778" height="338" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/02/mestojenwinykg.png 778w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/02/mestojenwinykg-300x130.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/02/mestojenwinykg-768x334.png 768w" sizes="auto, (max-width: 778px) 100vw, 778px" /><figcaption id="caption-attachment-12506" class="wp-caption-text">&#8222;Frau, dein Platz ist in diesem Haus&#8220; &#8211; ein Aufruf für mehr Frauen im kirgisischen Parlament</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Zugleich ist ein Teil der Gesellschaft sicher, dass Frauen  auf natürliche Weise mehr Einfluss auf die Politik gewinnen sollten. Beobachter bemerken, dass Frauen, die ausschließlich nach der Quote zu bestimmten Posten ernannt werden, zum Instrument mancher  Menschen werden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Die</strong> <strong>Frauen</strong> <strong>sind</strong> <strong>konkurrenzf</strong><strong>ä</strong><strong>hig</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Leiterin des Bündnisses der Krisenstellen, Tolkun Tilekowa, verbindet die Senkung der Zahl der Frauen in Führungspositionen mit der Erziehung in den Familien. Wie sie sagt, sollte man Mädchen von klein auf zur Konkurrenz mit Jungen ermutigen. „<em>Wie erziehen wir unsere Töchter? Wie sollen sie  nach einem Posten im Parlament streben, wenn wir ihnen von der Kindheit an einprägen, dass sie dazu bestimmt sind, Kinder zu gebären und zu Hause zu sitzen? Man muss die Führungsqualitäten der Mädchen entwickeln. Das alles hängt von der Erziehung in der Familie ab. Man sagt auch oft, dass die Politik ein schmutziges Geschäft ist, in dem Frauen nichts zu suchen haben. Und die Politik wird von reichen Unternehmern dominiert. Im Ganzen muss man das Problem von mehreren Seiten angehen.</em>“</p>
<p style="text-align: justify">Im Frühling 2017 hat das kirgisische Parlament ein Gesetz verabschiedet, laut dem eine Abgeordnete, die auf einen anderen Posten ernannt wird, nur von einer weiteren Frau im Parlament ersetzt werden kann. Diese Norm tritt ab 2020 in Kraft.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Kanymgul Ekejewa<br />
<a href="https://rus.azattyk.org/a/kyrgyzstan-politics-women-gender/28937131.html">Radio Azattyk</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Ainaz Sulaimanova</strong></p>
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