Saimaiti Schmuggel Zentralasien Deutschland

Wie Schwarzgeld aus Kirgistan in Deutschland investiert wird

In Deutschland rätzeln Nachbarn und Stadträte schon einige Jahre über die verlassenen Bauprojekte der in Augsburg registrierten AKA-Group. Wie Ermittlungen rund um einen weitreichenden Schmuggelskandal in Kirgistan nun ergeben, könnten Millionen Schwarzgeld aus Zentralasien dorthin geflossen sein.

Ende vergangenen Jahres deckte ein journalistisches Konsortium aus lokalen und internationalen Medien einen weitreichenden Korruptionsskandal rund um den kirgisischen Zoll auf. Die JournalistInnen berufen sich dabei vor allem auf die Aussagen und Nachweise von Ayerken Saimati, der in Istanbul die Geldwäsche des aus Zentralasien stammenden Schwarzgeldes organisierte. Saimati wurde Anfang November eben dort ermordet.

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Laut seinen Angaben wurde ein Großteil des durch falsch angemeldete Importgüter in Kirgistan erarbeiteten Schwarzgeldes in Firmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in den Vereinigten Staaten und in Europa investiert. Eine Schlüsselrolle spiele dabei die Familie Abdykadyr und die ihr zugehörige AKA Group. Kirgisische JournalistInnen recherchierten mitunter auch in Deutschland zu den Bauobjekten, die der Geldwäsche gedient haben sollen. Folgende Reportage wurde ursprünglich bei Kloop.kg veröffentlicht und wir übersetzen sie mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Das „Geisterhaus“ in Augsburg  

Das Bauprojekt neben dem Pelzgeschäft in einer der ältesten Städte Deutschlands verzögert sich seit Jahren. Und Ernst Franzmann ist darüber nicht glücklich.

Es kommen ständig neue Leute hinzu. Sie arbeiten, dann hört die Arbeit auf, und alles bleibt voller Müll. Alle machen Müll, und weder der Eigentümer noch der Architekt überwachen die Lage“, sagte Franzmann im September. Reporter sprachen mit ihm am Eingang von Conrad Glock, einem Pelz- und Ledergeschäft im Zentrum von Augsburg, wo er als Chefkürschner arbeitet.

Das ist ein Schandfleck in der Stadt“, fügte er hinzu. Ihm gefällt nicht, dass die Baustelle die Kunden abschreckt.

Geisterhaus Augsburg

An diesem Herbstmorgen sahen die ReporterInnen zwei Männer auf der Baustelle, aber gearbeitet wurde nicht. Nach Angaben der Nachbarn erschienen zu dieser Zeit manchmal Arbeiter dort, im Folgeinterview bestätigte auch Franzmann, dass ein Teil der Arbeiten wieder aufgenommen worden sei. Unter Einheimischen ist das Gebäude längst als „Geisterhaus“ bekannt.

Seit 2015 gab es schon verschiedene Pläne und Fristen für das sechsgeschossige Nachkriegsgebäude am Schmiedberg, einer wichtigen Ost-West-Verbindung im Zentrum Augsburgs. Zunächst sollte es ein Hotel werden, das bis 2016 gebaut werden sollte. Schließlich wurde ein Wohnkomplex angekündigt, das bis März 2019 abgeschlossen werden sollte.

Gibt es den Investor bzw. den Architekten noch?“, erkundigte sich die lokale SPD-Fraktion im Februar 2018 an einem Brief an den Bürgermeister.

Es gibt einen Investor. Seit acht Jahren befindet sich die Einrichtung im Besitz der AKA-Unternehmensgruppe der Familie Abdukadyr.

Tatsächlich ist das ins Stocken geratene Projekt nur eines von mehreren Gebäuden in Deutschland, die auf der mittlerweile inaktiven Seite von AKA-International aufgeführt sind. Darunter befinden sich auch ein Grundstück in der Nähe von München und ein leeres Einkaufszentrum in der Stadt. In letzterem hat das Unternehmen auch seinen „Geister“-Hauptsitz registriert.

Es ist unmöglich, genau zu sagen, wie viele Objekte Abdukadyr in Deutschland hat und wie hoch ihr Gesamtwert ist – nach deutschem Recht sind Informationen über den Besitz von Immobilien und deren Verkauf nicht öffentlich zugänglich. Aber die Unternehmenswebseite zeigte auch Pläne für andere Hotel-, Wohn- und Geschäftsprojekte in mehreren Städten in Deutschland.

Der „Geisterhauptsitz“

Die beiden wichtigsten Unternehmen der Familie Abdukadyr – AKA Immobilien (umbenannt in AKA-Gruppe) und ihre Tochtergesellschaft AKA Petroleum – sind in Deutschland registriert. Nach dem letzten Jahresabschluss für 2017 hatte das Unternehmen mehr als 106 Millionen Dollar auf dem Konto, aber diese Zahlen beinhalten wahrscheinlich auch Vermögenswerte außerhalb Deutschlands.

Unterdessen entpuppte sich das in den Unterlagen angegebene Hauptquartier, das die Journalisten im Herbst dieses Jahres besuchten, als ein verlassenes Geschäftszentrum in einem Industriegebiet im Osten Münchens.

Eine Visualisierung des geplanten Umbaus des Gebäudes mit dem Logo der AKA International ist noch auf der Website des Münchner Architekturbüros Stark Architekten verfügbar, das auch an dem Augsburger „Geisterhaus“ gearbeitet hat. Es zeigt, dass das Gebäude ein funkelndes Fünf-Sterne-Hotel aus zylinderförmigem Glas werden sollte.

AKA Firmensitz

Als Bauherr weist Stark Architekten auf AKA Petroleum hin und beschreibt das Gebäude als ein 9,4 Tausend Quadratmeter großes Hotel mit 196 Zimmern, dessen Umbaukosten sich auf etwa 17,5 Millionen Euro belaufen.

Die Journalisten entdeckten in der Kronstadter Straße allerdings eine ganz andere Realität. Durch die Glasfassade im Erdgeschoss konnte man herumstehende Kisten und Baumaterialien sehen, und keine Menschenseele. An der staubigen Eingangstür standen Klapptische und ein einzelner, kaputter Regenschirm. Der Hof war mit Unkraut und wilden Büschen bedeckt.

In einem kleinen Briefkasten an der Fassade sind die Namen von AKA Immobilien (ehemals AKA-Gruppe), AKA Petroleum und von zwei weiteren deutschen Unternehmen, die mit dem Abdukadyr-Netzwerk verbunden sind, aufgeführt: AKA Imex und NK Projekt. Ein an eine Glastür am Haupteingang geklebter Pappteller führte die Besucher in das Geschäftszentrum auf der anderen Straßenseite, wo die Reporter vergebens bei allen vier Unternehmen klingelten.

Zahlreiche Anrufe an die in der Anzeige angegebene Nummer landeten bei einem Anrufbeantworter. Bald gab es einen Rückruf. Am anderen Ende der Leitung stand der Münchner Vertreter von Abdukadyrow, Kudrät Nurmamät. Er lehnte es ab, über die Geschäfte der Familie zu sprechen und lehnte weitere Anfragen auf Interviews ab.

„Ein selten dämliches Fantasieprodukt“

Zusätzlich zum Augsburger „Geisterhaus“ und dem verlassenen Münchner Geschäftszentrum erwarb die Familie Abdukadyr ein Grundstück in Vaterstetten, östlich von München.

Die derzeit ungenutzte AKA-Website hatte einen Entwicklungsplan für den Standort. Bis Dezember 2017 sollte ein Hotel mit 220 Zimmern entstehen. Die Famile Abdukadyr hat das Gelände inzwischen verkauft.

Laut Angaben eines örtlichen Beamten, habe die Gruppe Pläne für das vorgeschlagene Hotel gezeigt, aber nie offizielle Dokumente zur Fortsetzung des Baus vorgelegt. Mindestens zwei weitere AKA-Projekte in Deutschland scheinen überhaupt nie existiert zu haben.

Auf der AKA-Website wurde auch ein Hotel im deutschen Ferienort Bad Vilbel, nordöstlich von Frankfurt, angezeigt. In einem Artikel der Immobilien-Zeitung über die kuriosen Baupläne von AKA International beschreibt ein Stadtrat die Bilder zu dem Projekt als “ein selten dämliches Fantasieprodukt ohne Grundstück”.

Es scheint sich nichts geändert zu haben.

Ich weiß nichts über ein solches Projekt, daher bleibt die Aussage des Stadtratsvertreters gültig“, sagte Jannick Schwander von der Stadtverwaltung Bad Vilbel in einer E-Mail.

Ein weiteres Projekt auf der alten Website von AKA ist der Bau eines Hotels in Ditzenbach, südöstlich von Frankfurt. Ein Sprecher der lokalen Regierung sagte, dass für ein solches Projekt keine offiziellen Bauanträge gestellt worden seien.

Darlehensvertrag AKA Petroleum

Aber wenn die Projekte in einer stagnieren, liegt das nicht an Geldmangel.

Finanzielle Dokumente, die Saimaiti den Reportern übergab, zeigen, dass er in den Jahren 2014 und 2015 mindestens 46 Millionen Dollar auf die Konten von Abdukadyr und seinen beiden wichtigsten deutschen Unternehmen überwiesen hat.

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Angesichts der finanziellen Ressourcen der Familie ist es unklar, warum zahlreiche ihrer deutschen Projekte nichts geworden sind. Es ist nun möglich, den Bau zumindest in Augsburg fortzusetzen. Aber auch wenn keines der Projekte abgeschlossen wird, verbergen sie bereits Millionen von Dollar, die erfolgreich aus Zentralasien geschmuggelt wurden.

Die Redaktionen von Radio Azattyk, OCCRP und Kloop.kg

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RFE/RL
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Kloop.kg
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