Mitarbeiter des Ministeriums für Notfallsituationen beim Bergen der Leichen

Kirgistan: Vier Tote bei Unfall in Kohlebergwerk

Vier Mitglieder derselben Familie sind in einer Mine in Sülüktü im Südwesten Kirgistans ums Leben gekommen. Eine Untersuchung des Unfalls ist im Gange, deratige Vorfälle sind aber relativ häufig in der Region, in der seit Hunderten von Jahren Kohle abgebaut wird.

Am 23. Juni berichtete der Pressedienst des Ministeriums für Notfallsituationen, dass in einer Kohlemine in Sülüktü, an der kirgisisch-tadschikischen Grenze, vier Menschen bei einem Unfall ums Leben kamen. Es handele sich um drei Männer und eine Frau zwischen 19 und 73 Jahren.

Laut der Onlinezeitung Turmush waren die Opfer keine Bergarbeiter, sondern Mitglieder einer Familie, die auf der Suche nach ihrem Vieh waren. Als Todesursache wird eine Vergiftung durch Gase vermutet. Dies ist die wahrscheinlichste Version: Denn viele Bergleute haben bereits ihr Leben durch ein Kohlenmonoxid-Lecks verloren.

Grubenunglücke, das Los der Einwohner von Sülüktü

In Sülüktü verlieren jedes Jahr Menschen in den Kohlebergwerken ihr Leben. Im vergangenen Dezember hatte sich zuletzt eine ähnliche Tragödie ereignet: Vier Menschen starben in einem Bergwerk an den Folgen einer Gasvergiftung, wie Radio Azattyk, der kirgisische Zweig der amerikanischen Medien Radio Free Europe, berichtete. Abgesehen von Vergiftungen ereignen sich auch andere Unfälle. So starb im Juli 2018 zum Beispiel ein Mann, nachdem seine Stollen in Sülüktü über ihm zusammengebrochen war.

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Offiziell sterben jährlich mehr als 50 Menschen in kirgisischen Bergwerken. Und zu dieser Zahl müssen noch die verlorenen Lebensjahre hinzugezählt werden, denn zwischen Arbeitsunfällen und dem ständigen Einatmen von Staub wird der Körper der Arbeiter auf die Probe gestellt.

Abgesehen davon, dass es sich um besonders gewaltsame Todesfälle handelte, ist die Trauer für die Familien der Opfer schwierig. Wenn die Abwesenheit eines Angehörigen festgestellt wird, ist oft die Hilfe der Teams des Ministeriums für Notsituationen erforderlich, um die Leichen zu orten, zu identifizieren und zu bergen. Zwischen der Meldung eines Verschwindens und der Erklärung der Todesursachen liegt also eine lange Zeitspanne.

Eine lange Tradition im Kohlebergbau

Die Stadt Sülüktü ist seit Hunderten von Jahren auf den Kohlebergbau spezialisiert. Der Beginn des Abbaus geht auf das 10. oder 11. Jahrhundert zurück. In der Mitte des 19. Jahrhunderts, im Jahr 1868, wurde die industrielle Nutzung eingeleitet.

Der Kohlebergbau erreichte in der UdSSR seinen Höhepunkt, bevor er mit der Unabhängigkeit zusammenbrach. Die Zahl der Beschäftigten in den Kohlebergwerken sank von mehr als 15.000 im Jahr 1991 auf nur noch 3.000 bis 4.000 im Jahr 2017, wie in einer Studie der Wirtschaftskommission für Europa vom Mai 2019 berichtet wird.

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Mehrere Faktoren erklären diesen Rückgang: Bergwerke, deren Betrieb zu heikel ist, um rentabel zu sein, zunehmend veraltete Ausrüstung, mangelnde Effizienz und Kohärenz in der Verwaltung durch den Staat. Es ist ein Teufelskreis entstanden, da der kirgisische Staat zieht es vorzieht, jedes Jahr ein wenig Kohle zu importieren, anstatt die kostspielige Renovierung seiner eigenen Bergwerke einzuleiten. Der Trend geht jedoch nach wie vor zu einer Erhöhung der Kohleproduktion. Im Jahr 2010 waren offiziell 47 Minen in Betrieb, im Vergleich zu 113 im Jahr 2017.

Kohle, ein Schlüsselthema für Kirgistan

Kohle hat in Kirgistan immer eine Rolle gespielt, auch wenn sich das Land derzeit nicht selbst damit versorgen kann. Im Jahr 2018 belief sich der Wert seiner Kohleexporte auf 13,3 Millionen US-Dollar (11,8 Millionen Euro), der der Importe auf 19,3 Millionen US-Dollar (17,1 Millionen Euro). Das ist weit entfernt von den Kohleexporten Nachbarlandes Kasachstan, die im selben Jahr auf 540 Millionen US-Dollar (481 Millionen Euro) geschätzt wurden. Und dies trotz der beträchtlichen Kohlevorkommen, insbesondere in Naryn im Zentrum des Landes.

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Die kirgisische Kohleproduktion versorgt hauptsächlich das Land selbst, in dem der Übergang von fossilen Brennstoffen zur Elektrizität nicht gut verläuft. Tatsächlich wurde im Jahr 2000 ein Gesetz verabschiedet, das die Verwendung von Drehstrom zum Heizen von Häusern verbietet. Einige nach diesem Datum errichtete Gebäude werden daher mit Kohle beheizt. Diese politische Entscheidung wurde getroffen, um die Stromnachfrage während der Engpässe im Winter zu entlasten.

Héloïse Dross
Journalistin für Novastan

Aus dem Französischen von Florian Coppenrath

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