Ein fast vergessenes Referendum: Vor 30 Jahren stimmten die Kirgisen und Kirgisinnen für die UdSSR

Am 17. März 1991 wurde in der Sowjetunion ein Referendum über das Fortbestehen des Vielvölkerstaates abgehalten. Zum 30. Jahrestag des Referendums veröffentlichte das kirgisische Nachrichtenportal KaktusMedia zu diesem Thema einen Meinungsbeitrag von Wjatscheslaw Temirbajew. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Es ist anzunehmen, dass nur wenige der Kirgisen und Kirgisinnen (Bewohner Kirgistans, unabhängig ihrer ethnischen Identität, Anm. d. Ü.), überhaupt derer, die heute im postsowjetischen Raum leben, sich erinnern, dass vor genau 30 Jahren am 17. März 1991 das einzige unionsweite Referendum in der Geschichte der UdSSR stattfand. Bei seiner Auswertung entschied sich eine einzige Frage: die Frage über das Fortbestehen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) als erneuerte Föderation gleichberechtigter souveräner Republiken.

Zu dieser Zeit war die Frage außerordentlich wichtig und aktuell. Das war in der Tat eine Frage von Leben und Tod. Schon in dieser Zeit erschütterte die „Parade der Souveränitäten“ die zu keiner Zeit unzerstörbare und mächtige Union der „Freien Republiken“. Als erstes trat am 16. November 1988 Estland mit einer Erklärung über seine Souveränität hervor. Am 26. Mai und am 28. Juli 1989 folgten Litauen und Lettland. Am 23. September des gleichen Jahres schloss sich ihnen Aserbaidschan an. Am 12. Juni 1990 erklärte Russland seine Souveränität.

In dieser Situation lehnten die drei baltischen Republiken, und auch Armenien, Georgien und Moldau die Durchführung des gegebenen Referendums auf ihren Territorien ab. In den verbleibenden neun Unionsrepubliken füllten von 185,6 Millionen wahlberechtigten Sowjetbürgern 148,5 Millionen (79,5%) ihren Stimmzettel aus, 113,5 Millionen (76,4%) stimmten für das Fortbestehen einer erneuerten Union.

In Kirgistan kamen 92,9% der stimmberechtigten Bürger zu den Wahlurnen und 96,4% sagten „Ja“ zur Union.

Die geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts

Leider kippte die Realität alle Hoffnungen und Erwartungen des Elektorats. Dies veranschaulicht, dass auf einem Sechstel des trockenen Teils des Planeten Erde auf die Meinung des Volkes niemand jemals ernsthaft Rücksicht genommen wurde. Es verging nur ein halbes Jahr nach dem unionsweiten Referendum, welches eindeutig die Erwartungen der Mehrheit der sowjetischen Leute ermittelt hatte, bis die drei Führer aus Belarus, Russland und der Ukraine – Stanislaw Schuschkewitsch, Boris Jelzin und Leonid Krawtschuk –  am 8. Dezember 1991 zum „Heiligen Abendmahl“ im Regierungssanatorium „Wiskuli“ im Belowescher Wald zusammenkamen. Dort entschieden sie, dass „die Verhandlungen über die Vorbereitung des neuen Unionsvertrages festgefahren, der objektive Prozess des Austritts der Republiken aus dem Bestand der UdSSR und die Bildung unabhängiger Staaten ein realer Fakt geworden ist“ und schlossen daher eine Vereinbarung über die Beendigung der Existenz der UdSSR und die Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten.

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In Bezug auf das allgemeine Elend nach dem Referendum legte der erste und wie sich herausstellte letzte Präsident der UdSSR Michail Gorbatschow eine unerklärliche Unentschlossenheit und Behäbigkeit an den Tag, reagierte in keiner Weise auf die sich überall beschleunigende Verletzung der Gesetze des Landes. Selbst der überaus vorsichtige und mit Kritik an die Oberen zurückhaltende Askar Akajew (der erste Präsident Kirgistans, zuvor kurzzeitig Präsident der Kirgisischen Sozialistischen Sowjetrepublik, Anm. d. Ü.) machte irgendwie eine Bemerkung: Glasnost (Transparenz, Anm. d. Ü.) und Personalfehler Gorbatschows hatten für die UdSSR zerstörerische Folgen“.

Zu den Gründen des Zusammenbruchs

Wie früher, so existiert auch heute keine einheitliche Meinung über die Gründe des Niedergangs der Union. Jedoch laufen die Meinungen der Mehrheit der Gelehrten und der gesellschaftlichen Akteure dahingehend zusammen, dass in vielerlei Hinsicht die undurchdachten, misslungenen, überstürzten Reformen zur systematischen Desintegration in der Sozialstruktur der Volkswirtschaft und der gesellschaftlichen und politischen Sphäre führten, und damit im Endeffekt zur schlagartigen Verschlechterung des Lebensstandards auf dem gesamten Gebiet des riesigen Landes.

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Die Perestroika (Umgestaltung, Anm. d. Ü.), die von Gorbatschow vorgenommen wurde, scheiterte zum Ersten, weil ihr Initiator selbst keine besonders klare Vorstellung davon hatte, wie und in welcher Reihenfolge sie umzusetzen sei. Und zum Zweiten wusste die Parteielite dies, sowohl im Zentrum als auch auf lokaler Ebene, auszunutzen. In einem Interview dieser Jahre sagte der Kinoregisseur Stanislaw Goworuchin mit Bitterkeit: „Nur nach der Meinung der primitivsten und unverständigsten Leute ist Russland ein demokratisches Land. An die Macht gelangt sind dieselben Kommunisten, und dabei der schlimmste Teil von ihnen – die Chamäleons, denen es gelungen ist, sich umzufärben. Nach dem Umsturz des Jahres 1991 privatisierten die Sekretäre der Gebietskomitees, die Direktoren der Fabriken praktisch das, was sie verwalteten. Und die wie Turkmenbaschi privatisierten ganze Staaten. Und gegen all das anzukämpfen war nicht möglich.“

Merklich beschleunigt wurde der Zerfall des Landes durch den Augustputsch des „Staatskomitees für den Ausnahmezustand“, nach dessen Misserfolg die Tätigkeit der KPdSU  eingestellt wurde. Gleichzeitig verloren der Oberste Sowjet der UdSSR und der Kongress der Volksdeputierten ihren früheren Einfluss.

Und was heißt das alles in allem?

Die endgültige Ernüchterung des Strebens der Schwesterrepubliken der Union nach Unabhängigkeit tragen die Worte des weltweit bekannten Herzchirurgen und Akademiemitglieds Nikolai Amosow. In einem Gespräch mit einem Journalisten sagte der bedeutende Arzt, der zu dieser Zeit mehr als dreißig Jahre in Kiew gelebt hatte, auf die Frage, wie ihm die Zukunft der Ukraine erscheine: „Zu seiner Zeit beteuerte die ukrainische Propaganda, wir seien ach so reich, dass wir, sobald das russische Kreuz von uns genommen wird, aufblühen und sofort zum beinahe besten Land Europas werden. Das ist nicht geschehen. Kaum dass sich die ukrainischen Grenzen öffneten, zeigte sich augenblicklich die vollständige Konkurrenzunfähigkeit unserer Industrie.

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Dank der ökonomischen Freiheit wächst die neue Klasse der Unternehmer heran. Jedoch wird unsere Gesellschaft lange arm sein, weil das sowjetische Volk neben seiner Moral auch die Fertigkeit zur Arbeit verloren hat und einfach faul geworden ist“.

Scheinbar wurde das über die Ukraine gesagt, aber galten diese Worte nicht für die  Mehrheit der neuen unabhängigen postsowjetischen Staaten, darunter auch Kirgistan?

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Beenden möchte ich diese traurigen Überlegungen und Beobachtungen mit den Worten des sowjetischen und russischen Theater- und Kinoschauspielers Aleksej Petrenko. Ich denke, dass in ihnen die Meinung von Millionen seiner Mitbürger ausgedrückt ist: „Für das größte Verbrechen der jüngsten Vergangenheit halte ich den Zusammenbruch meiner großen Heimat – der Sowjetunion. Ich bin überzeugt, dass es irgendwann einen Belowescher Prozess nach dem Vorbild des Nürnberger Prozesses geben muss, welcher diese Verbrecher verurteilt, die sich dort versammelt und meiner Erde und meinem Land die Todesspritze gegeben haben. Ich will sehr, dass in diesem Prozess alles in Ordnung gebracht wird.

Ich gebe zu, es ist wahrscheinlich schwierig für einen Turkmenen und einen Esten, sich in einem Haus einzuleben, aber man hätte das alles zivilisiert machen können und müssen, wie das zum Beispiel die Tschechen und die Slowaken getan haben. Aber so ist das Schicksal dieses unglücklichen und glücklichen Landes, meiner Heimat. Bei uns steht wohl jeder Erlöser – auf dem Blut.“

Wjatscheslaw Timirbajew

aus dem Russischen von Josua Möhring

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