Altai Gebirge

Der Altai – Ursprung der kirgisischen Kultur?

Anlässlich des internationalen Forums für “Altaische Zivilisation und Völker der altaischen Sprachfamilie“ am 20. bis 22. Juli 2017, sprach gezitter.org mit Baktikan Torogeldieva, Doktorin der Politikwissenschaften und Professorin an der kirgisischen präsidentiellen Akademie für Staatsverwaltung.

Das Altai Gebirge, heute im Grenzgebiet zwischen Russland, Kasachstan, China und der Mongolei, gilt als Ursprungsgebiet der kirgisischen Zivilisation. Die ersten historischen Quellen, in denen von “Kirgisen” die Rede ist, stammen aus China und verorten dieses Nomadenvolk im Gebiet des Jenissei-Flusses, wobei nicht geklärt ist, ob es eine Verbindung zwischen diesen Kirgisen und den neuzeitigen Kirgisen gibt (1). Das Forum für Altaische Zivilisationen fand auf Initiative des kirgisischen Präsidenten Almasbek Atambajew am Issikkölsee statt und versammelte Vertretungen von über 20 Völkern aus 12 verschiedenen Ländern.

gezitter.org: Welche Quellen werden von Wissenschaftlern herangezogen, um die Zivilisation des Altai zu studieren? Sucht man den wahren Ursprung der kirgisischen Mentalität im Altai?

Baktikan Torogeldieva: Angesichts der Globalisierung, durch die sich Ethnien wie nie zuvor vermischen und die internationale Zusammenarbeit einerseits immer enger wird, andererseits auch Konflikte auf internationaler Ebene stärker auftreten, ist es sehr wichtig die Entstehung unserer Kultur zu erforschen. Unsere historischen und kulturellen Wurzeln stehen in engem Zusammenhang mit der Zivilisation des Altai. Viele historische, ethnographische, archäologische, philologische, philosophische und Kultur-Studien sagen, dass dort die Herkunft unserer Weltanschauung liegt.

Der kasachische Philosoph. Sejdachmet Kuttikadam vertritt folgende Hypothese: Materieller und geistiger Reichtum bilden das Grundgerüst der gesellschaftlichen Ordnung im Altai-Tal. Natürlich hatte diese Kombination einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung eines ethnischen Bewusstseins und die Kultur der Kirgisen; genauso wie die Verbindung zwischen dem Kirgisischen Kaganat mit dem Volk des Altai in der Zeit der Besiedlung des Jenissei durch Kirgisen im 8. Jahrhundert.

Die Spuren der mittelalterlichen Traditionen sind der Nachwelt in Form von Petroglyphen und Gedenksteinen erhalten geblieben. Der russische Wissenschaftler D.V. Tscheremjesni erforschte im Altai turkische Petroglyphen, die militärische Themen behandelten. Er fand heraus, dass es einen Zusammenhang zwischen der kriegerischen Ideologie der Nomaden und deren Traditionen gibt. Auch andere Wissenschaftler sagen, es habe durch die Epochen ein gemeinsames Bewusstsein für Epen gegeben. Im Weltbild der Kirgisen spielten sagenumwobene Helden eine zentrale Rolle.

Lest auch bei Novastan: Phänomen Manastschi

In den bekannten Versionen des Manas-Epos heißt es, dass die Heimat des Helden Manas im Altai-Gebirge liegt, er aber als er Erwachsen war mit seinem Gefolge ins Ala-Too-Gebirge (im Norden des heutigen Kirgistans, Anm. d. Red.) zog. Deshalb ist für die Kirgisen die Bedeutung der Heimat des Helden Manas mit der der Heimat der Vorfahren untrennbar miteinander verknüpft.

Bei der Bildung einer Ethnie und ihrer ethnischen Kultur ist die Frage nach der regionalen Zugehörigkeit ein essentieller Faktor. Eine große Rolle spielen nicht nur die landschaftlichen Charakteristika der Region, sondern auch die klimatischen Bedingungen. Menschen aus bergigen Regionen haben über die Zeit Eigenschaften entwickelt, die ihnen in der rauen Umgebung das Überleben sichern. Die Umweltbedingungen, die am Jenissei und im Altai herrschen, haben die Kirgisen in ihrem Selbst- und Weltbild geprägt. Eine besondere Eigenheit der Kirgisen ist, dass sie stets eine innere Ruhe bewahren. Das macht sie empfänglich für Zusammenschlüsse mit anderen Kulturen.

Wie hat die Religion die Weltanschauung der Nomaden beeinflusst?

Religiosität und ideologische Faktoren bildeten die Grundlage des öffentlichen Lebens der Nomaden. Diese Faktoren gaben dem offiziellen Gefüge und dem Handeln der Elite eine Legitimierung. Die nomadische Elite war ein Spiegelbild der politischen Kultur dieser Zeit. Durch den Einfluss der Religion auf die politische Kultur erhielt die nomadische Gesellschaft ein verbindliches Verhaltens- und Wertesystem.

Das Kirgisische Kaganat (Bezeichnung für die Kontrolle des gebiets des früheren uigurischen Kaganats durch die Jenissei-Kirgisen zwischen dem 9. und dem 10. JH, Anm. d. Red (1)) und seine religiöse Elite umfassten einen Großkhan, der wie ein Heiliger verehrt wurde, den Clan, sein Gefolge, Missionare und Schamanen.

Sie nahmen alle an Ereignissen staatlichen Ausmaßes teil, bei denen man den Großkhan auf einen weißen Filzteppich Platz nehmen ließ und ihm Opfergaben brachte. Im täglichen Leben der Nomaden waren Clanführer und Familienoberhäupter die Würdenträger der verschiedenen Traditionen und Bräuche, die in den Lebenszyklus der Nomaden eingebunden waren. Allerdings blieben ihre Aktivitäten im Rahmen kleinerer Gruppen und der Verwandtschaft.  

Lest auch bei Novastan: Vom Mythos Seidenstraße

Zu Beginn des Mittelalters stand der religiöse Faktor des öffentlichen politischen Systems der Nomaden in Zentralasien im engen Zusammenhang mit der Ideologie des Staates. Sie gingen im Tenir-Ata-Kult (entsprechend dem Himmelskult im Tengrismus, Anm. d. Red.) und anderen gesellschaftlichen Ideen auf. Zusammen mit ihnen entstand, wie die aktuelle Forschung jüngst herausfand, ein schamanisches Gebilde, aus dessen Basis sich das Weltbild der turksprachigen Nomaden der altaischen Zivilisation begründete.

Sie sagen, dass in Zeremonien etwas Schamanisches spürbar ist. Gab es noch andere solche Bräuche, außer den Opferzeremonien für den Großkhan?

In diesen Ritualen haben die Schamanen zuerst den Tag bestimmt, der am geeignetsten schien um den Eid an den Großkhan abzulegen. In einem zweiten Schritt legten alle Teilnehmer ihre Hüte und Gürtel ab. Dann baten sie einen Mann, der vorgab der Herrscher zu sein, den Thron zu besteigen. Der wiederum tat so, als würde er den Thron seines Verwandten besteigen wollen, der älter als er selbst ist. Ob des “Zerwürfnisses“, “bat“ das Volk den Großkhan seinen Platz einzunehmen. Damit schwuren alle Teilnehmer dem Großkhan die Treue. Sie hoben daraufhin den Großkhan in seinem Thron empor und setzten ihn auf dem weißen Filzteppich wieder ab. Nun beteten sie zum Himmel, der Großkhan möge aus vollem Herzen dem Volk dienen. Er verbeugt sich neun Mal. Zum Abschluss beteten alle drei Mal die Sonne an.

Wie hinlänglich bekannt ist, verehrten die Kirgisen auch das Feuer als reinigende Kraft. In diesem Aspekt sind wir anderen Turkvölkern und mongolischen Stämmen in Zentralasien ähnlich.

Was ist die Besonderheit der kirgisischen Weltanschauung?

Es gibt ein Merkmal, das die Kultur der Kirgisen besonders macht: Die Weltanschauung der Kirgisen verhält sich zyklisch, wiederholt sich also. Ein Zyklus ist ein Kreis und so spielt dann für die Nomaden das Runde eine wichtige Rolle: Die Erde ist rund, die Sonne und der Mond sind rund, die Jurten sind rund, der Himmel ist ein Halbkreis. Ein Zyklus geht über 60 Jahre. Die Nomaden haben ein zwölfjähriges kalendarisches System und auch die religiösen Traditionen folgen diesem Zyklus. Mit der Geburt eines Kindes fängt ein neuer Lebenszyklus an. Es gibt dann eine Übergangsphase zum zweiten Zyklus. Alle zwölf Jahre kommt ein nächster zwölfjähriger Zyklus, der von verschiedenen Ritualen begleitet wird.

Heute wird die Erforschung der spirituellen Kultur der Kirgisien im frühen Mittelalter, durch die Analyse der Kunstwerke der Nomaden und ihrer Petroglyphen vorangetrieben.

Zharkinai Ergjeschbaeva

Aus dem Russischen von Julius Bauer

(1) Siehe: Zentralasien von Jürgen Paul (2012) – Neue Fischer Weltgeschichte, Band 10

Noch mehr Zentralasien findet Ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei TwitterFacebookTelegramLinkedin oder Instagram.

Jetzt Teilen:
% Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Captcha *