Prigorodny – die ungewollte Vorstadt Astanas

Historisch gesehen war Prigorodny nichts anderes als ein Ferienort nahe einer gewöhnlichen Stadt, nämlich Tselinograd. Parallel zur Entwicklung von Astana hat sich diese gewöhnliche Stadt jedoch in einen permanenten Wohnort verwandelt, ohne dass die Bedingungen auf diese Situation angepasst wurden.

Novastan übernimmt und übersetzt eine Reportage von Renat Tachkinbaїev und Tourar Kazangapov, die auf Tengrinews erschienen ist.

Das Dorf Prigorodny befindet sich in der Nähe des Flughafens von Astana, der kasachischen Hauptstadt. Die Einwohner scheinen sich trotz der ständig hörbaren landenden oder startenden Flugzeuge nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, diesen gar keine Aufmerksamkeit zu schenken. Vor geraumer Zeit war diese Region hauptsächlich von Menschen bewohnt, die in der Luftfahrtbranche oder in der Geologie arbeiteten. Die meisten dieser Arbeiter haben den Ort nach dem Ende der Sowjetunion verlassen, allerdings leben nun andere Menschen in den veralteten und  baufälligen Gebäuden.

Mittlerweile gibt es viele Neuzugezogene die normalerweise in der Stadt arbeiten und nichts mit der Luftfahrtbranche zu tun haben. Ein Großteil lebt in Wochenendhaussiedlungen. Diese Gartenhäuschen sind bewohnt und gut gegen die Kälte isoliert. Hier finden Sie eine Reportage über die alten und neuen Bewohner und Bewohnerinnen von Prigorodny.

Astana, so fern und doch so nah/ so nah und doch so fern…

Ein Kran, Silhouetten von modernen Häusern- das ist alles, was die Bewohner von Prigorodny zurzeit von Astana sehen. Direkt hinter dem Haus und neben der Kugel der Expo kann man ein Schild erkennen, das einer berühmten Fastfood Kette stark ähnelt.

Allerdings handelt es sich hierbei nur um ein Werbeschild, das an der Straße, die den Flughafen mit der Stadt verbindet, aufgestellt wurde.

Die neu konstruierten Anhöhen von Astana sind sehr nahe. Der öffentliche Verkehr zirkuliert regelmäßig zwischen Stadt und Dorf. Dies ist sicherlich ein Grund dafür, dass es aus der Sicht von sogenannten Hauptstadtkasachen sehr angesagt ist, sich in der nahen Vorstadt niederzulassen, die sich seit 1997 in Aufbau befindet.

Auf den ersten Blick fällt wahrscheinlich die Anzahl der Kinder in den Wohnanlagen Prigorodnys auf.

Die Straße im Zentrum des Dorfes, die direkt zur Schule führt, ist in einem guten Zustand. Wenn sie sich allerdings der Wohnhausanlagen nähert, wird sie unbefahrbar und selbst unbegehbar.  Der Schmutz verteilt sich in alle Windrichtungen. Dass ist ein Grund dafür, dass die Straßen hier sehr ungepflegt aussehen.

Stadt der Zweitwohnsitze

Dennoch bemühen sich die Bewohner, ihren Datschen einen schönen Anstrich zu verleihen.

Häufig sieht man Verkaufsschilder an den Zäunen und Häusern befestigt, die Grundstücke in den Gartenhausanlagen für 4 bis 8 Millionen Tenge anbieten (ca. 11.000 bis 23.000 Euro).

Ein Teil der Häuser präsentiert sich in der typischen Bauweise, andere wiederum machen einen eher modernen Anschein.

Gleichzeitig mit dem Anstieg der Einwohnerzahl in der Region, öffneten auch einige Nahversorger dort ihre Türen, wie zum Beispiel Lebensmittelgeschäfte oder Friseure.

Wasser für den täglichen Bedarf erhalten die Dorfbewohner aus Schächten und Brunnenanlagen, allerdings hat das Wasser keine gute Qualität. Für das Kochen ist das Wasser ungeeignet, da es zu salzhaltig ist. Das Trinkwasser muss auf anderem Wege herbeibefördert werden.

 „Das wirkliche Problem, das sind die Straßen. Und der Mangel an Spielplätzen für die Kinder, die deshalb ihre Tage neben dem Müll verbringen müssen. Natürlich gibt es hier nur Ferienhäuser, die Menschen haben sich den Ort nun allerdings angeeignet, um ihn ganzjährig als Wohnort zu nutzen“, erklärt Margarita Abdoulina, eine Bewohnerin.

Als wir hier zu bauen begonnen haben, hat man mir gesagt, dass das Haus ein Ferienhaus sei, und dass es eben beim Abriss nur noch für die Hälfte veräußert werden könne, was in der Stadt nicht so sei. Ich habe alle Dokumente, alles ist niedergeschrieben“, erzählt die Dame weiter.

Die Frage nach einem Abriss wurde zwei Jahre zuvor zur Sprache gebracht. Margarita bestätigt, dass es sich um den Plan handelte, die beiden ersten Häuserreihen direkt an der Straße zu zerstören, entlang welcher vorgesehen war, eine Straßenbahn vorbeizuleiten. „Zwei Jahre sind nun vergangen und die Häuser stehen immer noch“, sagt sie.

Wir wohnen in der Feriensiedlung „Die Nelken“. Die, in der meine Schwiegermutter lebt, nennt sich „Abflug“. Ein wenig weiter entfernt in der Tulpen-Siedlung lebt unser Schwiegersohn. Wir haben die Straßen gebaut. Jeder begann sich einfach niederzulassen und die Hauptstraße füllte sich nach und nach“, erzählt Margarita.

Das Dorf Prigorodny und seine Ferienhausanlagen ist an den 19. Verwaltungsbezirk angegliedert, dessen Vertreter der Abgeordnete Karakat Abden ist. In einem Interview von Tengrinews über die Probleme der Menschen, die in diesen Siedlungen lebten, antwortete er schlichtweg, dass er diese Domizile nicht als ganzjährige Behausungen ansehe.

„Es stand nie zur Debatte, dass diese Ferienhäuser feste Wohnsitze werden.“

In der Sowjetära, als die Ferienhaussiedlungen angelegt wurden, war dies aus dem Vorhaben passiert, aus diesen Siedlungen Sommerwohnsitze zu machen, mit Außenduschen. Die Leute sollten diese zum Anlegen von Gemüsegärten verwenden und sich bei Schönwetter dort ausruhen zu können,“ erklärt er. „Es war grundsätzliche nie die Rede von dauerhaften Wohnsitzen mit einer guten Infrastruktur, wie schönen Straßen, Schulen, Spielplätzen etc. Aber, wie sie sehen, sind die Leute jetzt dorthin gezogen, und leben dort wie in richtigen Häusern. Und nun kommen sie und beschweren sich bei den Behörden der Stadt, dass es dort keine gute soziale Infrastruktur gibt,“ bedauert Karakat Abden.

„Man muss verstehen, dass diese Häuser nicht dafür gemacht sind, das ganze Jahr über bewohnt zu sein, das sind nur Zweitwohnsitze, Feriendomizile. Dennoch stimme ich zu, dass die städtischen Behörden diese Frage behandeln hätten sollen, als es darum ging überhaupt der Bevölkerung diesen massenhaften Zuzug zu erlauben“, erklärt der Abgeordnete.

In der Regel wird das Leben in diesen Hausanlagen von der Kommunalabteilung für Wohnen verwaltet, die jene allerdings als Feriendomizile ansehen. Folglich ist ein auf eine Dauerhaftigkeit ausgerichtetes Leben dort quasi unmöglich. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass diese Häuser, die dicht nebeneinander erbaut wurden, im Falle von Brandfällen eine große Gefahr bergen. Und da können die Behörden der Stadt einfach nichts machen. Es handelt sich wie gesagt um Sommerwohnsitze, um Feriendomizile“, bekräftigt Karakat Abden überzeugt.

Astana ist keine knausrige Stadt. Aber wenn man möchte, dass jede und jeder in komfortablen Bedingungen lebt muss man eine Art Filter entwickeln“, schätzt er die Lage ein. „Nun hat sich tatsächlich eine große Anzahl von Menschen aus unterschiedlichen Regionen hier niedergelassen um in diesen Datschen zu leben. Fast 50 Personen leben dort auf 100m2, die dann kommen um sich zu beklagen: „Wir können nicht ins Spital fahren, die Rettung kann nicht bis zu unserem Haus fahren, unsere Kinder können nicht in die Schule gehen, etc.“. Sicherlich werden all diese Probleme eintreten, denn dort wo sich Ferienhäuser befinden sind weder Schulen, noch Spitäler oder Zentralheizungen vorgesehen“, erklärt er.

Natürlich lassen die Behörden die Bewohner nicht sich selbst überlassen, und versuchen die Probleme zu lösen, allerdings handelt es sich um temporäre Maßnahmen“, so aus der Sicht von Margarita Abdoulina.

Während eines offiziellen Besuchs haben die die BewohnerInnen Asset Issekechev, der Akim von Astana, ein Äquivalent eines Präfekten, dazu eingeladen nach Prigorodny zu Besuch zu kommen. Er hatte die Einladung angenommen und das Dorf bereits besichtigt. Allerdings bisher blieb die Wirkung aus.

Mittlerweile sind diese Häuser baufällig oder verfallen. Die darin Wohnenden warten auf eine neue Bleibe.

Einsturzgefährdete Häuser

Nur durch ein Wunder hält sich das Dach dieses zweistöckigen Hauses noch. Die Bewohner mussten einigen Aufwand betreiben, damit der Plafond nicht zusammenbricht. Die Decke im Eingangsbereich ist mit solchen Säulen verstärkt. Und in den Gängen gibt es kein Licht.



In diesem Viertel gehört dies zur Normalität. Die Nachbarin gibt zu, dass sie sich nicht an die dunklen Eingänge gewohnt hätte. Es sei wirklich stockdunkel.

Ich wohne nun seit 20 Jahren hier. Viele derer, die am Flughafen gewohnt haben, haben den Ort schon verlassen. Die Lebensbedingungen hier sind so, dass ich auch gerne fortgegangen wäre. Nur wenn ich mich dem Haus nähere habe ich Angst, dass es zusammenbricht“, erzählt Rouslan, ein Einwohner. Er arbeitet in Astana als Installateur.

Alles hier wurde für temporäre Zwecke gebaut, für die Geologen eben. Und jetzt steht das Dach auf Stelzen, damit es sich nicht absenkt. Hier werden alle Dächer auf diese Weise gestützt“, erklärt er. Hier sieht man einen solchen Dachboden. Die BewohnerInnen der Stadt halten es nicht für ratsam diesen Ort zu betreten.

Bald werden sie uns einfach zerstören. Dieses Jahr noch wird es vorbei sein, das ist sicher,“ behauptet der Mann überzeugt während er mit dem Finger auf die neuen Häuser zeigt, die gerade in der Näher gebaut werden. In jene werden vermutlich die Dorfbewohner umgesiedelt.

Es ist ein gutes Viertel, ja sogar ein tolles Viertel hier. In der Stadt erstickt man im Sommer, hingegen hier kann man die frische Luft genießen. Das ist gut. Es ist ruhig, friedlich, fast so wie zu Zeiten der Sowjetunion“, beschreibt Rouslan seinen Wohnort.

Die Leute aus dem Viertel erzählen dass einmal eines der Häuser völlig eingestürzt ist und dass die Leute, die dort lebten, umgesiedelt werden mussten. Ein anderes Haus fing Feuer. In der Brandkatastrophe verlor eine Frau ihr Leben.

Manche Leute leben seit mehreren Jahrzehnten in Prigorodny

Im Hintergrund dieser grauen und baufälligen Wohnhäuser kann man die neuen Häuser, bunte, lichte Flecken, erkennen. Früher lebte das Flughafenpersonal hier. Einige davon sind geblieben, wie zum Beispiel Nadejda Aleksandrovna Mintinkenko, 72 Jahre alt. Sie arbeitete eine Zeit lange im Flughafenrestaurant.



Sonia, meine Sonietschka (der Suffix -tschka ist im Russischen eine Form der Zuneigungsbekundung), mein kleines Mädchen“, ruft Nadejda während man die Schreie ihres Papageis hört. „Man hat sie mir zu meinem Geburtstag geschenkt“, erklärt sie während sie mit ihrem Kopf in Richtung Vogel deutet.

Das Leben in Prigorodny hat jener alten Frau immer gut gefallen, jetzt beginnt allerdings auch sie zu überlegen nach Astana umzuziehen. „Wisst ihr, man hat einfach genug davon in diesem alten Plunder zu leben, deshalb verkaufen viele und ziehen nach Astana“, gibt sie zu.

Die Bewohner beschweren sich nicht über das Leben in den Wohnanlagen. Vielmehr sagen sie, dass die Leute sich darum bemühen im Guten miteinander zu leben, dennoch ist es nicht mehr so wie früher, als jeder sich kannte. Es gibt nun viele Besucher, die kommen und sich in Zimmer einmieten.

Der Luftfahrtmechaniker Constantin Larine arbeitet am Flughafen. Er fühlt sich sehr verbunden mit dem Dorf Prigorodny. Früher führte er hier einen Fotoclub, deshalb besitzt er viele Fotoabzüge, die die Geschichte rund um den Flughafen von Tselinograd, dies ist der ehemalige Name von Astana, abbilden.

Es gab eine Zeit, da kam man mit dem Flugzeug die Frauen abholen, die bald ihr Kind zur Welt bringen würden, denn sie wohnten in den entlegenen Sowchose in der freien Natur, wo weder Bus noch irgendetwas anderes im Winter hinfuhr. Die Piloten waren die einzigen, die die Verkehrsverbindung sicherten, die Räder der Flugzeuge wurden durch Skier ersetzt, und sie konnten in egal welchem Aul (befestigte Dörfer) landen“, erzählt Constantin Larine.



Einige haben sich eine Wohnung gefunden, andere sind hiergeblieben. Heute gibt es hier nicht mehr viel Flughafenpersonal. Immer mehr Leute finden sich einen Ort zum Wohnen und verlassen Prigorodny. Nur ich bin immer noch hier“, sagt Constantin.

In seinen Archiven finden sich noch weitere Fotoabzüge von Prigorodny. Dieser Wasserturm steht auch heute noch.



Das Leben hier in der Wohnanlage gefällt ihm. Trotzdem gibt es eine Sache, die ihn ein wenig beunruhigt. „Diese Handyantennen dort wurden einfach aufgestellt ohne dass wir darüber aufgeklärt wurden. Wir hätten gerne, dass man diese wieder entfernt, denn sie sind sehr schädlich, man denke nur an die Strahlung. Hier leben vor allem junge Leute und Kinder. Man muss an ihre Gesundheit denken. Diese Antennen sollten auf eigens dafür vorgesehenen Masten befestigt werden, und nicht auf Wohnhausanlagen“, erklärt er.



Die Luftfahrt ist hier kein Thema mehr

Wenn man heutzutage von der Luftfahrt spricht, weiß niemand mehr so recht etwas damit anzufangen. Die Reporter von Tengrinews hatten Schwierigkeiten in diesem Mann einen Piloten der zivilen Luftfahrt zu erkennen. Er heißt Valentin Semenovitch Pirogov und hat lange in Tselinograd gearbeitet, wo er mit einer An-24 Flüge viele Luftstrecken zurücklegte.

Früher lebten die Piloten hier, sie kamen aus dem gesamten Gebiet der UdSSR. Ich selbst komme aus Weißrussland. Damals kannte man fast jeden hier, nun sind aber die jungen Leute gekommen und niemand sieht die Alten“ meint er. Er war ein großer Kunstflug-Amateur, er flog eine Yak-18. Heutzutage bleiben ihm nur noch die Erinnerungen an diese Zeit. Sein Sehvermögen hat sich extrem verschlechtert, mittlerweile ist er fast blind.

Offensichtlich hat sich mein  Beruf auf mein Sehvermögen ausgewirkt, deshalb rate ich euch auf dem Boden zu bleiben“, meint er halb scherzhaft, bevor er den Reportern von Tengrinews wünscht, sich einen guten (Weit-) Blick zu bewahren.

Renat Tachkinbaїev und Tourar Kazangapov
Tengrinews

Aus dem Französischen von Andrea Baldauf

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