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	<title>Gesellschaft &amp; Kultur Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Gesellschaft &amp; Kultur Archives</title>
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		<title>Zeitgenössische kasachstanische Literatur: Sprache, Lokalität und der Blick von außen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[nadambayeva]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Oct 2026 17:55:32 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Was macht Literatur heute eigentlich kasachstanisch &#x2013; die Sprache, die Herkunft der Autorin oder des Autors, der Schauplatz oder eine bestimmte Art, das Land wahrzunehmen und &#xFC;ber es zu schreiben? &#xDC;berlegungen dazu aus der Perspektive von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die Kasachstan von innen &#x2013; und zum Teil auch aus der Distanz &#x2013; betrachten. Die Frage, [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was macht Literatur heute eigentlich kasachstanisch – die Sprache, die Herkunft der Autorin oder des Autors, der Schauplatz oder eine bestimmte Art, das Land wahrzunehmen und über es zu schreiben? Überlegungen dazu aus der Perspektive von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die Kasachstan von innen – und zum Teil auch aus der Distanz – betrachten.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage, was die kasachstanische Literatur eigentlich ausmacht, gewinnt an Bedeutung. Denn zeitgenössische Literatur aus Kasachstan wird zwar im eigenen Land sichtbarer, ist aber international weiterhin vergleichsweise wenig bekannt. Anfang September veranstaltete das <a href="https://www.instagram.com/aq_idea?stkn=MTVtd2Zjb2hteXhmYQ%3D%3D">Kulturprojekt „Aq-idea“</a> (zu Deutsch so viel wie „Weisse Idee“]) in Astana das Literaturtreffen „Mit dem Schriftsteller per Du“. Das Format war als offenes Gespräch zwischen Autorinnen und Autoren und Leserinnen und Lesern gedacht – ohne die übliche Distanz zwischen Bühne und Publikum. Schnell ging es dabei nicht mehr nur um einzelne Bücher, sondern um grundlegendere Fragen: Was ist zeitgenössische kasachstanische Literatur heute, in welcher Sprache spricht sie – und was könnte sie für ein internationales Publikum interessant machen?</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Die Antworten zeitgenössischer Autorinnen und Autoren zeigen, dass es darauf keine einfache Definition gibt. Fast alle kommen jedoch auf einen gemeinsamen Gedanken zurück: Kasachstanische Literatur definiert sich weniger über äußere Merkmale als über die Erfahrung des Lebens in einem bestimmten kulturellen Raum.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Nicht Pass und nicht Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schriftsteller Asset Syzdykov, Träger des Präsidenten-Sonderpreises von Kasachstan in der Kategorie Kinderliteratur, schreibt überwiegend auf Russisch. Die Figuren seiner Bücher sind jedoch kasachische Schülerinnen und Schüler, Bewohner ländlicher Regionen und Menschen, deren Geschichten unmittelbar mit dem Land verbunden sind. <em>„Wichtiger ist, worüber du schreibst“,</em> meint Syzdykov.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="768" height="1024" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Asset_Syzdykov-768x1024-1.jpeg" alt="" class="wp-image-45355" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Asset_Syzdykov-768x1024-1.jpeg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Asset_Syzdykov-225x300.jpeg 225w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Asset_Syzdykov-1152x1536.jpeg 1152w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Asset_Syzdykov.jpeg 1200w" sizes="(max-width: 768px) 100vw, 768px" /><figcaption class="wp-element-caption">Aset Syzdykov</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Für ihn ist Sprache vor allem ein Werkzeug. Die Wahl der Sprache beeinflusse zwar, wer ein Buch zunächst liest, bestimme aber nicht automatisch, ob eine Autorin oder ein Autor zur kasachstanischen Literatur gehört.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kamila Kovyazina geht noch einen Schritt weiter. Sie weist darauf hin, dass selbst das Russische in Kasachstan nicht unbedingt genauso klingt wie das Russische in Russland. Im Alltag wechseln Menschen ständig zwischen Sprachcodes: Kasachische Wörter fließen in russische Sätze ein, russische Ausdrücke in kasachische. In der Linguistik werden solche Prozesse als <a href="https://blog.oup.com/2018/05/translanguaging-code-switching-difference/">Code-Switching oder Translanguaging</a> beschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für Kovyazina ist gerade diese gemischte Sprachrealität Teil der literarischen Identität Kasachstans. Selbst wenn ein Buch auf Russisch geschrieben ist, können darin ein lokaler Sprachrhythmus, bestimmte Intonationen, kulturelle Codes und Formen des Miteinanders erhalten bleiben, die sich nicht von der Umgebung trennen lassen, in der die Autorin oder der Autor lebt.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="682" height="1024" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Kamila_Kovyazina-682x1024.jpeg" alt="" class="wp-image-45354" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Kamila_Kovyazina-682x1024.jpeg 682w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Kamila_Kovyazina-200x300.jpeg 200w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Kamila_Kovyazina-768x1152.jpeg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Kamila_Kovyazina-1023x1536.jpeg 1023w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Kamila_Kovyazina.jpeg 1066w" sizes="(max-width: 682px) 100vw, 682px" /><figcaption class="wp-element-caption">Kamila Kovyazina</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Einen ähnlichen Ansatz vertritt die Schriftstellerin und Verlegerin Meruyert Alonso. Für sie ist kasachtanische Literatur weder ein Häkchen in der Rubrik „Nationalität“ noch eine obligatorische Steppe auf dem Buchcover. Sie spricht vielmehr von einer bestimmten Perspektive: davon, dass eine Figur genau weiß, was man vor Gästen sagen darf und worüber man schweigt; davon, wie sowjetische Erinnerung, familiäre Verpflichtungen, neue Freiheiten und verschiedene Sprachen innerhalb einer Familie nebeneinander bestehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Verständnis macht nicht die geografische Kulisse einen Text kasachstanisch, sondern die Art, die Welt wahrzunehmen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Wir gehen durch dieselben Straßen“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Aygul Klinovskaya, <a href="https://timesca.com/kazakh-writer-aigul-klinovskaya-on-memory-identity-and-the-rise-of-contemporary-literature/%20;%20https:/daktilmag.kz/author/aygul-klinovskaya/821">Finalistin</a> des unabhängigen kasachstanischen Literaturpreises Qalamdas 2025, definiert zeitgenössische kasachstanische Literatur über die unmittelbare Verbindung zur alltäglichen Realität des Landes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Autorinnen und Autoren, sagt sie, leben hier und jetzt und erleben dieselben Probleme, Freuden und Verluste wie ihre Leserinnen und Leser. <em>„Wir sind im Grunde genau die Menschen, die durch dieselben Straßen gehen wie unsere Leser“,</em> sagt Klinovskaya.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="682" height="1024" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Aigul_Klinovskaya1-682x1024.jpeg" alt="" class="wp-image-45353" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Aigul_Klinovskaya1-682x1024.jpeg 682w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Aigul_Klinovskaya1-200x300.jpeg 200w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Aigul_Klinovskaya1-768x1152.jpeg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Aigul_Klinovskaya1.jpeg 853w" sizes="(max-width: 682px) 100vw, 682px" /><figcaption class="wp-element-caption">Aygul Klinovskaya</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Entscheidend ist in dieser Formulierung die Nähe. Kasachstanische Literatur erscheint nicht als Erzählung über ein Land aus der Perspektive eines Außenstehenden, sondern als Beschreibung des Lebens von innen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Yekaterina Payevskaya, Autorin des <a href="https://www.meloman.kz/poznovatelnaya-literatura-kazakhstana/payevskaya-y-salem-astana.html">Stadtführers „Hallo, Astana!“</a> [Originaltitel auf Kasachisch „Sälem, Astana!“], fügt eine weitere Ebene hinzu: die multiethnische Struktur Kasachstans. Für sie umfasst die zeitgenössische Literatur des Landes nicht nur Geschichte und Kultur, sondern auch das Zusammenleben verschiedener ethnischer Gemeinschaften, ihre gegenseitigen Einflüsse und ihre Präsenz in einem gemeinsamen Raum.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="682" height="1024" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Yekaterina_Payevskaya-682x1024.jpeg" alt="" class="wp-image-45352" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Yekaterina_Payevskaya-682x1024.jpeg 682w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Yekaterina_Payevskaya-200x300.jpeg 200w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Yekaterina_Payevskaya-768x1152.jpeg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Yekaterina_Payevskaya.jpeg 853w" sizes="auto, (max-width: 682px) 100vw, 682px" /><figcaption class="wp-element-caption">Yekaterina Payevskaya</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb gibt es möglicherweise gar nicht die eine „kasachstanische Stimme“. Treffender wäre es, von vielen Stimmen zu sprechen, die innerhalb eines Landes und unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Milieus entstehen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Von Dekolonisierung bis Familiengeschichte</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Kovyazina erkennt noch eine weitere prägende Linie der heutigen kasachstanischen Literatur: ein wachsendes Interesse an Dekolonisierung und den Versuch, eine eigene Identität deutlicher zu formulieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihrer Beobachtung nach unterscheidet sich die heutige kasachstanische Prosa von russischer Literatur nicht nur durch ihre Schauplätze, sondern auch durch die Themen, die in den Mittelpunkt rücken. Das Lokale gewinnt an Bedeutung. Kovyazina sieht darin zugleich einen Teil eines globaleren Trends: Leserinnen und Leser interessieren sich zunehmend für Geschichten aus Kulturen und Regionen, die im internationalen literarischen Kanon lange deutlich weniger präsent waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alonso beobachtet diese Entwicklung auch aus der Perspektive einer Verlegerin. In den Manuskripten, die bei ihrem Verlag Write&amp;Publish und ihrer Schreibwerkstatt „Drugoi tekst“ [Russisch für „Ein anderer Text“] eingehen, sieht sie viel Familienprosa und Autofiktion: Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern, abwesende Väter, Migration, Scham, den weiblichen Körper, Erwachsenwerden und Identität.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/ein-kleiner-ueberblick-zur-kasachischen-sprache/">Ein kleiner Überblick zur kasachischen Sprache</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig gebe es bislang weniger stabile Genreliteratur – etwa Krimis, Fantasy oder andere Formen, die vor allem über eine starke Handlung funktionieren. Alonso selbst hat kürzlich den Kriminalroman „Fall Nr. 43: Das Krokodilspiel“ [Originaltitel auf Russisch “Delo Nr. 43: Igra w Krokodila”] veröffentlicht und sieht Genreliteratur als einen Bereich, der sich in Kasachstan noch stärker entwickeln <a href="https://ainastories.kz/?p=1003">könnte</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zugleich erkennt sie in vielen jüngeren Texten einen gemeinsamen Zug: die Abkehr vom großen offiziellen Narrativ hin zur privaten Geschichte. Nicht die Geschichte des Landes von oben, sondern das Leben einer einzelnen Familie, einer Frau, eines Kindes oder einer konkreten Stadt wird zum Mittel, um größere gesellschaftliche Prozesse sichtbar zu machen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kasachstan aus der Distanz</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Einen besonderen Blick auf das Land haben Autorinnen und Autoren, die lange außerhalb Kasachstans gelebt haben. Altynay Sultan ist Autorin des Romans „Ablösung“ [Originaltitel auf Russisch „Otsloika“]. Das Buch handelt von einer Plazentaablösung – ein persönlicher Erfahrungsbericht der Autorin, durch den sie nicht nur die Schwierigkeiten der Mutterschaft, sondern auch die Kälte der Ärzte und des Systems, die Schichtung der kasachstanischen Gesellschaft, soziale Probleme und die Verletzlichkeit der Frauen offenbart. Sultan lebte und studierte viele Jahre in Frankreich. Ihrer Erfahrung nach kann gerade Distanz dabei helfen, die eigene Kultur klarer zu sehen: Dinge, die im Land selbst zum selbstverständlichen Hintergrund gehören, werden aus der Entfernung plötzlich sichtbar.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="683" height="1024" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/2Altynay_Sultan_Fotograf_Darianna_Oleinikova-2-683x1024.jpg" alt="" class="wp-image-45351" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/2Altynay_Sultan_Fotograf_Darianna_Oleinikova-2-683x1024.jpg 683w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/2Altynay_Sultan_Fotograf_Darianna_Oleinikova-2-200x300.jpg 200w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/2Altynay_Sultan_Fotograf_Darianna_Oleinikova-2-768x1151.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/2Altynay_Sultan_Fotograf_Darianna_Oleinikova-2.jpg 854w" sizes="auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px" /><figcaption class="wp-element-caption">Altynay Sultan, Photo: Darianna Oleinikova</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Sultan ist überzeugt, dass Kasachstan für ein internationales Publikum gerade durch möglichst konkrete lokale Geschichten interessant werden kann. Einen Krimi über einen „Super-Cop“ oder Fantasy über Elfen könne schließlich eine Autorin oder ein Autor aus nahezu jedem Land schreiben. Eine Geschichte hingegen, die in einem Aul einige Dutzend Kilometer von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qaraghandy">Qarağandy</a> entfernt spielt, lasse sich ohne Kenntnis dieser Lebenswelt nicht auf dieselbe Weise erzählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr Fazit klingt deshalb paradox: Wenn kasachstanische Literatur im Ausland stärker gelesen werden soll, sollte sie nicht weniger kasachstanisch werden, sondern im Gegenteil mutiger auf die eigene Realität zurückgreifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meruyert Alonso, die zwischen Kasachstan und Spanien lebt, formuliert einen ähnlichen Gedanken aus ihrer eigenen Erfahrung. <em>„Distanz romantisiert die Heimat nicht, sie macht sie sichtbar“,</em> sagt sie. Aus Spanien, erklärt die Autorin, erkenne sie Dinge deutlicher, die innerhalb Kasachstans oft wie Luft erscheinen: wie Mütter mit ihren Töchtern sprechen, wie Menschen mit der Intonation auch die Sprache wechseln, worüber man offen spricht und worüber man schweigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für Alonso macht das Leben zwischen zwei Ländern Kasachstan weder zu einem idealisierten Heimatbild noch zu einem Objekt bloßer Kritik. Vielmehr ermögliche die Distanz, das Land konkreter zu sehen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Lokalität ohne Exotik</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Sowohl Altynay Sultan als auch Meruyert Alonso widersprechen der Vorstellung, kasachstanische Autorinnen und Autoren müssten ihre Texte für ein ausländisches Publikum möglichst „universell“ machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alonso bringt es auf die Formel: <em>„Das Lokale ist nicht als Exotik wichtig, sondern als Genauigkeit.“</em> Ausländische Leserinnen und Leser müssten nicht unbedingt jedes kasachische Ritual erklärt bekommen, weder <a href="https://e-history.kz/en/news/show/339074">Nauryz</a> noch <a href="https://janelevi.com/recipes/baursak-kazakh-puffy-bread/">Baursaki</a> oder die Bedeutung jedes einzelnen kulturellen Begriffs. Sobald ein literarischer Text zu einer Landesführung wird, droht er, eher Nachschlagewerk als Literatur zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/das-lexikon-der-kasachischen-dekolonialisierung/">Dekolonialisierung in Kasachstan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wichtiger ist die Genauigkeit menschlicher Erfahrung: eine konkrete Wohnung nach einer Scheidung, ein Gespräch mit der Mutter, die Angst, eine „unbequeme Tochter“ zu sein, oder die Gewohnheit, über Dinge zu schweigen, die innerhalb einer Familie als unsagbar gelten. Das Paradox, so Alonso, bestehe darin, dass eine lokale Geschichte umso universeller werden könne, je genauer und ehrlicher sie erzählt werde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Gedanke passt zu Sultans Beobachtung: Für einen ausländischen Verlag kann gerade das interessant sein, was eine einheimische Autorin oder ein einheimischer Autor nicht selbst liefern kann. Authentizität wäre dann kein Hindernis für internationale Sichtbarkeit, sondern ein Vorteil.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Übersetzen allein reicht nicht</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Doch eine starke lokale Literatur führt nicht automatisch zu internationaler Sichtbarkeit. Kovyazina hält Übersetzungen ins Englische für eine zentrale Voraussetzung. Wenn kasachstanische Literatur den russischsprachigen Raum verlassen wolle, seien ihre Möglichkeiten ohne englische Übersetzungen deutlich begrenzt. Alonso betont jedoch, dass Übersetzen allein das Problem nicht löst. <em>„Über ein internationales Publikum sollte man auf der Ebene der Strategie nachdenken, nicht beim ersten Satz“,</em> sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst müsse ein starkes Buch in jener Sprache entstehen, in der der Text wirklich lebt. Erst danach folgen Übersetzung, Lektorat und die Arbeit mit dem ausländischen Markt. Eine schwache Geschichte werde durch eine Übersetzung nicht gerettet. Umgekehrt könne aber auch ein starkes Buch unsichtbar bleiben, wenn die entsprechende Infrastruktur fehle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alonso beschreibt eine ganze Kette, die bislang oft nicht vorhanden ist: Lektorat, professionelle Übersetzerinnen und Übersetzer, Literaturagenturen oder Produzenten, Rechtehandel, Buchmessen, Rezensionen und Literaturkritik.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="682" height="1024" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Meruyert_Alonso_Fotograf_Sabina_Amangeldina-682x1024.jpg" alt="" class="wp-image-45348" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Meruyert_Alonso_Fotograf_Sabina_Amangeldina-682x1024.jpg 682w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Meruyert_Alonso_Fotograf_Sabina_Amangeldina-200x300.jpg 200w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Meruyert_Alonso_Fotograf_Sabina_Amangeldina-768x1152.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/10/Meruyert_Alonso_Fotograf_Sabina_Amangeldina.jpg 853w" sizes="auto, (max-width: 682px) 100vw, 682px" /><figcaption class="wp-element-caption">Meruyert Alonso, Photo: Sabina Amangeldina</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Internationale Sichtbarkeit entstehe bislang zu häufig durch Einzelinitiativen – ein Stipendium, eine Anthologie, eine zufällige Begegnung auf einem Festival. Die Autorin oder der Autor müsse gleichzeitig Schriftsteller, PR-Manager, Logistiker und Diplomat sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Klinovskaya beschreibt ein ähnliches Problem. Nach ihrer Beobachtung suchen kasachstanische Autorinnen und Autoren vielfach selbst nach Möglichkeiten, an internationalen Buchmessen, Konferenzen und Kooperationen teilzunehmen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kasachstan nicht erklären, sondern Geschichten erzählen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In den Antworten der Autorinnen und Autoren zeigt sich ein interessantes Spannungsverhältnis. Einerseits braucht Kasachstan tatsächlich mehr Übersetzungen, internationale Kontakte, professionelle Rechtearbeit und Präsenz auf ausländischen Literaturplattformen. Andererseits warnen die Autorinnen und Autoren davor, schon beim Schreiben selbst für den äußeren Blick zu produzieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sultan plädiert für mehr Authentizität. Kovyazina sieht Potenzial in Lokalität und dekolonialen Themen. Alonso hält es für einen Fehler, ein Buch von Anfang an „für Frankfurt“ zu schreiben: Ein solcher Text drohe, das Land zu erklären, anstatt eine Geschichte zu erzählen. Der Weg zum internationalen Leser könnte also gerade nicht über eine Vereinfachung kultureller Besonderheiten führen, sondern über ihre präzisere literarische Gestaltung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/wer-war-mirjaqyp-dulatuly-die-geschichte-eines-kasachischen-poeten/">Wer war Mirjaqyp Dulatuly? – Die Geschichte eines kasachischen Poeten</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zeitgenössische kasachstanische Literatur beginnt, eine eigene Stimme zu formen – oder genauer gesagt: viele Stimmen. Sie sprechen Kasachisch und Russisch, mischen manchmal mehrere Sprachen innerhalb eines Satzes. Sie entstehen in Almaty, Astana, einem Aul bei Qaragandy, in Valencia oder Paris und erzählen von Familie, Erinnerung, Scham, Freiheit, Dekolonisierung, Alltag und der Suche nach dem eigenen Platz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage ist längst nicht mehr, ob diese Geschichten existieren. Der nächste Schritt besteht darin, eine Infrastruktur um sie herum aufzubauen, die starken Büchern den Weg vom lokalen Text zum internationalen Publikum ermöglicht – ohne Kasachstan in eine exotische Kulisse zu verwandeln und ohne Autorinnen und Autoren dazu zu zwingen, sich erst zu erklären, bevor sie ihre eigene Geschichte erzählen können.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Nurgul Adambayeva für Novastan</strong></p>



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<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Satire in Kasachstan: Verurteilt wegen lustig?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[jschupp]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Oct 2026 08:11:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Azamat Omarov]]></category>
		<category><![CDATA[Pressefreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Satire]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wer in Kasachstan Witze &#xFC;ber die Regierung rei&#xDF;t, kann wegen &#x201E;Anstiftung zur Zwietracht&#x201D; vor Gericht landen. So wie der Satiriker Azamat Omarov. &#x201E;Ich sehe, dass euch die Witze &#xFC;ber Toqaev gefallen haben, also kommt hier der n&#xE4;chste:&#x201D;, sagt der kasachische Satiriker Azamat Omarov in die Handykamera, er l&#xE4;uft unter kahlen Baumreihen entlang. &#x201E;Treffen sich die [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Wer in Kasachstan Witze über die Regierung reißt, kann wegen <em>„</em>Anstiftung zur Zwietracht” vor Gericht landen. So wie der Satiriker Azamat Omarov.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich sehe, dass euch die Witze über Toqaev gefallen haben, also kommt hier der nächste:”</em>, sagt der kasachische Satiriker Azamat Omarov in die Handykamera, er läuft unter kahlen Baumreihen entlang. <em>„Treffen sich die einheitliche Zeitzone, das neue Steuergesetzbuch und die neue Verfassung – und zack wird scharf geschossen!”</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Omarov stellt hier – für Kasach:innen offensichtlich – die jüngsten Reformen der Regierung ihrer brutalen Handhabung der Proteste von 2022 gegenüber. Es sind Witze wie dieser, veröffentlicht auf seinem YouTube-Kanal <em>Akhual Segodnya</em> [die heutige Lage, Anm. der Redaktion], die den Satiriker ins Visier der Behörden gebracht haben.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Am 18. Juli 2026 nehmen Polizeikräfte Omarov in Astana fest und durchsuchen seine Wohnung. Nach zwei Monaten Untersuchungshaft kommt es zum Prozess. Omarovs Satire, so die Anklage, habe <em>„soziale, nationale, stammesbezogene, rassistische, klassenbezogene oder religiöse Zwietracht“</em> gesät, strafbar unter Artikel 174 des kasachstanischen Strafgesetzbuches. Konkret hatte sich die Anklage laut dem <em>Kazakhstan International Bureau for Human Rights and Rule of Law</em> auf ein Video vom Januar 2026 berufen, in dem Omarov die Führung des Landes kritisiert hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/verurteilt-wegen-lustig-fuenf-jahre-haft-fuer-temirlan-ensebek/">Verurteilt wegen lustig – Fünf Jahre Haft für Temirlan Ensebek</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch eine Verfahrensvereinbarung kommt Omarov Mitte September schließlich frei. Die Einigung: Omarov bekennt sich schuldig und entgeht so einer Haftstrafe, die nun über dreieinhalb Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird. Fünf Jahre darf er keine neuen Inhalte mehr verbreiten, sich nicht politisch oder sozioökonomisch engagieren. Nur um der Haft zu entgehen, habe Omarov sich schuldig bekannt, sagte sein Anwalt Tölegen Şaıkov nach dem Prozess. <em>„Durch diesen Artikel (174) landen viele Leute im Gefängnis. So absurd es ist, er existiert und funktioniert.”</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Man könne nicht genug betonen, wie ungerecht dieses Urteil sei, schrieb Mihra Rittmann, Senior Advisor bei der NGO <em>Human Rights Watch</em>, Mitte September in einem Beitrag über den Fall. Kasachstanische Behörden nutzten die vage Formulierung von Artikel 174 schon lange, um unliebsame Stimmen zum Schweigen zu bringen. Erst 2025 hatte ein Gericht in Almaty den Satireblogger Temirlan Ensebek unter eben jenem Artikel der <em>„Anstiftung zur Zwietracht”</em> schuldig befunden. Amnesty International stufte seine Strafverfolgung als politisch motiviert ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/internationale-resonanz-zum-fall-temirlan-ensebek/"><strong>Internationale Resonanz zum Fall Temirlan Ensebek</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Um die Pressefreiheit ist es in Kasachstan schlecht bestellt. 2026 belegt das Land im World Press Freedom Index Platz 149 von 180. Der Index wird von der NGO <em>Reporter ohne Grenzen</em> erstellt. Sie begründen ihre Einstufung damit, dass die Regierung alle verfügbaren Mittel nutze, um unliebsame Berichterstattung einzuschränken. Das scheint insbesondere für die sensible Mischform der Satire zu gelten, für die sich Artikel 174 als probates Gegenmittel etabliert hat.<strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Zeitpunkt von Azamat Omarovs Festnahme – etwa ein Monat vor den ersten Wahlen des neuen kasachstanischen Parlaments – fällt zudem in ein breiteres Muster. Zwischen Juni und August 2026 wurden gegen mindestens drei weitere unabhängige Journalist:innen Strafverfahren eingeleitet, eine von ihnen wurde verurteilt. Im Gespräch mit der Menschenrechtsorganisation CIVICUS sagte die kasachstanische Journalistin Nazira Därimbet, dass Behörden insbesondere vor großen politischen Ereignissen wie der Kurultai-Wahl darauf aus seien, unbequeme und unabhängige Stimmen zum Schweigen zu bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf YouTube ist der Kanal <em>Akhual Segodnya</em> nicht mehr zu finden, Omarovs Satire ist gelöscht. Dass irgendwo in Kasachstan jedoch weiterhin Witze über die Regierung von Qasym-Jomart Toqaev gemacht werden, lässt sich nicht verhindern. Doch autokratische Regime wie das Kasachstanische setzen für ihre Machterhaltung auf Kontrolle: Der politische Diskurs soll in staatlich geregelten Bahnen verlaufen. Auf Satire wie die von Omarov reagiert der Staat repressiv: Es soll verhindert werden, dass der Diskurs seine Bahn verlässt – und potenziell die Legitimationsgrundlage des Regimes unterminiert. Artikel 174, in all seiner Vagheit, hat sich dabei als probates Mittel erwiesen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Jakob Schupp für Novastan</strong></p>



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		<title>Abgeordnete einigen sich auf neues usbekisches Alphabet</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gazeta.uz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Sep 2026 16:29:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Alphabetreform]]></category>
		<category><![CDATA[Aserbaidschan]]></category>
		<category><![CDATA[Gesetz]]></category>
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		<category><![CDATA[Parlament]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Abgeordneten in Usbekistan haben ein Gesetz zur &#xC4;nderung des auf dem lateinischen Alphabet basierenden usbekischen Alphabets verabschiedet und an den Senat weitergeleitet. Anstelle von 26 Buchstaben und drei Buchstabenkombinationen soll es k&#xFC;nftig aus 28 Buchstaben und einem Apostroph bestehen. Der Gesetzentwurf wurde nicht zur &#xF6;ffentlichen Diskussion vorgelegt. Die erneute Reform des Alphabets ist Teil [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Die Abgeordneten in Usbekistan haben ein Gesetz zur Änderung des auf dem lateinischen Alphabet basierenden usbekischen Alphabets verabschiedet und an den Senat weitergeleitet. Anstelle von 26 Buchstaben und drei Buchstabenkombinationen soll es künftig aus 28 Buchstaben und einem Apostroph bestehen. Der Gesetzentwurf wurde nicht zur öffentlichen Diskussion vorgelegt. Die erneute Reform des Alphabets ist Teil eines seit der Unabhängigkeit andauernden Prozesses der Latinisierung zentralasiatischer Sprachen, mit dem sich mehrere der ehemaligen Sowjetrepubliken von der kyrillischen Schrift abwenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gesetzgebende Kammer des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oliy_Majlis">Oliy Majlis</a> („Oberste Versammlung“, sprich das Parlament Usbekistans, Anm. d. Übers.) <a href="https://t.me/qonunchilikpalatasi/36571">verabschiedete</a> am 7. Juli in einer Plenarsitzung ein Gesetz zur Änderung des auf der lateinischen Schrift basierenden usbekischen Alphabets. Das Dokument wurde von den Abgeordneten in drei Lesungen ohne eine einzige Gegenstimme <a href="https://www.gazeta.uz/ru/2026/07/07/alphabet/">angenommen</a> und an den Senat weitergeleitet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gesetzentwurf zur Alphabet-Reform war zuvor nicht zur Diskussion in der Allgemeinheit veröffentlicht worden, sondern direkt parlamentsintern abgesegnet.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Vorgestellt wurde der Gesetzentwurf von Bahrom Abduhalimov, dem Vizepräsidenten der Akademie der Wissenschaften. Er <a href="https://www.gazeta.uz/ru/2026/07/07/uzbek-alphabet/">erklärte</a>, es gehe nicht um eine grundlegende Änderung des Alphabets, sondern um die Optimierung von vier „problematischen“ Buchstaben der aktuellen Version, konkret „O&#8216; o&#8217;“, „G&#8216; g&#8217;“, „Ch ch“ und „Sh sh“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Änderungen sehen vor, dass das auf dem lateinischen Alphabet basierende usbekische Alphabet aus 28 Buchstaben und einem Apostroph bestehen wird – anstelle der derzeitigen 26 Buchstaben und drei Buchstabenverbindungen.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="476" height="1024" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/Aenderungen_Usbekisches-Alphabet-476x1024.jpg" alt="" class="wp-image-45273" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/Aenderungen_Usbekisches-Alphabet-476x1024.jpg 476w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/Aenderungen_Usbekisches-Alphabet-139x300.jpg 139w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/Aenderungen_Usbekisches-Alphabet.jpg 591w" sizes="auto, (max-width: 476px) 100vw, 476px" /><figcaption class="wp-element-caption">In den sozialen Netzwerken hat sich ein Entwurf für die Reform der usbekischen Sprache verbreitet.</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Den vorgeschlagenen Änderungen zufolge werden vier Buchstaben, die derzeit durch zwei Zeichen dargestellt werden, durch jeweils ein einzelnes Zeichen ersetzt. Vorgesehen ist die Verwendung von „Ş ş“ anstelle von „Sh sh“, „Ç ç“ anstelle von „Ch ch“, „Ö ö“ anstelle von „O&#8216; o&#8217;“ sowie „Ğ ğ“ anstelle von „G&#8216; g&#8217;“. Die übrigen Buchstaben des Alphabets bleiben unverändert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine gesonderte Frage betrifft die Buchstabenkombination „ng“. Während der <a href="https://regulation.gov.uz/oz/d/45020">Entwurf aus dem Jahr 2021</a> noch 28 Buchstaben und eine Buchstabenkombination – nämlich „ng“ – vorsah, ist in dem von der Gesetzgebenden Kammer verabschiedeten Gesetzentwurf von 28 Buchstaben und einem Apostroph die Rede. Dies bedeutet wohl, dass „ng“ nicht mehr als eigenständige Buchstabenkombination Teil des Alphabets vorgesehen ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/novastan/schreiben-wie-novastan-unsere-transkriptionstabelle/">Buchstaben über Buchstaben – unsere Transkriptionstabelle</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Zuge der Erörterung unterbreiteten die Abgeordneten Vorschläge für eine schrittweise und effiziente praktische Umsetzung der neuen Bestimmungen. Insbesondere wurde vorgeschlagen, die Rechtsgültigkeit bereits ausgestellter Dokumente sowie der nationalen Währung und von Wertpapieren bis zum Inkrafttreten des Gesetzes aufrechtzuerhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter ist vorgesehen, dass offizielle Symbole, Beschilderungen, Wegweiser sowie sonstige Kennzeichen staatlicher Stellen und Organisationen bis zu einem festgelegten Zeitpunkt weiterverwendet werden dürfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der verfolgte Ansatz solle den gleichzeitigen Austausch von Dokumenten, Formularen, Schildern, Wegweisern und anderen materiellen Informationsträgern, die von staatlichen Stellen und Organisationen verwendet werden, vermeiden. Dies soll dazu beitragen, ungerechtfertigte Ausgaben aus dem Staatshaushalt zu verhindern und die schrittweise Umsetzung der Änderungen finanziell tragbar zu gestalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Ansicht der Abgeordneten soll die Verabschiedung des Gesetzentwurfs zur weiteren Optimierung des auf dem lateinischen Alphabet basierenden usbekischen Schriftsystems und der Rechtschreibregeln beitragen sowie die Anwendungsmöglichkeiten der Staatssprache und deren Digitalisierung erweitern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Abgeordnete Saydullo Asimov <a href="https://www.gazeta.uz/ru/2026/07/07/deputies/">erkundigte sich</a> nach den Gründen für die Reform, deren verspäteter Umsetzung sowie den voraussichtlichen Kosten; daraufhin wies der Sprecher der Gesetzgebenden Kammer darauf hin, dass entsprechende Antworten bereits in den Fraktionen gegeben und den Abgeordneten ausgehändigt worden seien.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Alphabetreform über Alphabetreform</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2020 unterzeichnete Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Shavkat_Mirziyoyev">Shavkat Mirziyoyev</a> ein <a href="https://lex.uz/docs/5058375">Dekret</a> „Über Maßnahmen zur weiteren Entwicklung der usbekischen Sprache und zur Verbesserung der Sprachenpolitik im Land“. Im Jahr 2021 verabschiedete das Kabinett einen <a href="https://lex.uz/docs/5286710">Beschluss</a> „Über Maßnahmen zur schrittweisen und vollständigen Umstellung auf das usbekische Alphabet auf der Grundlage der lateinischen Schrift“. Diese Dokumente bildeten die Grundlage für die Optimierung des Alphabets. Zur Durchführung der Reform war eine Arbeitsgruppe eingerichtet worden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im September 2023 <a href="https://www.gazeta.uz/uz/2023/09/22/alifbo/">stellte</a> eine Arbeitsgruppe den Entwurf für ein neues Alphabet vor. Damals wurde <a href="https://www.gazeta.uz/ru/2024/02/14/uzbek-latin-alphabet/">vorgeschlagen</a>, vier Buchstaben zu ändern: „O&#8216; o&#8217;“ sollte durch „Õ õ“ ersetzt werden, „G‘ g‘“ durch „Ğ ğ“, „Sh sh“ durch „Ş ş“ und „Ch ch“ durch „C c“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Yorkin Odilov, Mitglied der Arbeitsgruppe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für usbekische Sprache, Literatur und Folklore, erklärte seinerzeit, dass der Austausch von „O&#8216; o&#8217;“ durch „Õ õ“ die visuelle Wahrnehmung des Buchstabens im Text erleichtern und die Zahl der Rechtschreibfehler verringern solle. Seinen Ausführungen zufolge liegt das Problem bei der aktuellen Schreibweise darin, dass für die Eingabe des Buchstabens über die Tastatur zwei Schritte erforderlich sind: das Drücken von „O o“ und eines Apostrophs. Dabei würden häufig unterschiedliche Arten von Apostrophen verwendet, was dazu führen könne, dass dasselbe Wort unterschiedlich geschrieben werde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saida_Mirziyoyeva">Saida Mirziyoyeva</a> hatte bereits auf dieses Problem <a href="https://www.gazeta.uz/ru/2023/12/11/alphabet/">hingewiesen</a> und dabei das Wort „O‘zbekiston“ als Beispiel angeführt, das in der usbekischen Lateinschrift unterschiedlich geschrieben werden kann. Linguist:innen merkten an, dass das Wort durch den Apostroph optisch als in zwei Teile getrennt wahrgenommen werde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Yorkin Odilov begründete den Austausch von „G&#8216; g&#8217;“ durch „Ğ ğ“ zudem mit der einfacheren Eingabe über die Tastatur. Als weiteres Argument wurde angeführt, dass diese Buchstabenform bereits in den Jahren 1993 bis 1995 verwendet worden war.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/der-wechsel-auf-die-lateinische-schrift-wirkt-bis-heute-nach-eine-autorin-und-eine-verlegerin-ueber-den-usbekischen-literaturbetrieb/">„Der Wechsel auf die lateinische Schrift wirkt bis heute nach“ – eine Autorin und eine Verlegerin über den usbekischen Literaturbetrieb</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Zur Wiedergabe des Lauts „tsch“ (vormals kyrillisch „ч“, Anm. d. Übers.) wurde vorgeschlagen, anstelle der Buchstabenkombination „Ch ch“ den Buchstaben „C c“ zu verwenden. Ein solcher Buchstabe war bereits im Zeitraum von 1929 bis 1940 Teil des Alphabets. Laut Odilov könnte diese Variante in der Öffentlichkeit auf größere Akzeptanz stoßen, da der Buchstabe „C c“ bereits in der aktuellen Schreibweise „Ch ch“ enthalten ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für den Laut „sch“ (vormals kyrillisch „ш“, Anm. d. Übers.) schlägt das Gesetz ebenso vor, den Buchstaben „Ş ş“ anstelle von „Sh sh“ zu verwenden. Wie ein Vertreter der Arbeitsgruppe anmerkte, wurde dieses Zeichen – mit Ausnahme der derzeit gültigen Version – in allen früheren Varianten des lateinischen Alphabets zur Wiedergabe dieses Lauts genutzt; zudem ist es in den Schriftsystemen turksprachiger Völker gebräuchlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/ins-leere-gelaufen-ist-das-gemeinsame-turksprachige-alphabet-daran-gescheitert-den-tuerkischen-einfluss-in-zentralasien-zu-staerken/">Ins Leere gelaufen: Ist das gemeinsame turksprachige Alphabet daran gescheitert, den türkischen Einfluss in Zentralasien zu stärken?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Während sich die Schreibweise der turkmenischen Standardsprache bereits seit längerer Zeit stabilisiert hat und ein Wechsel von der kyrillischen zur lateinischen Schrift im Kirgisischen und Tadschikischen bislang nicht stattfand, sehen sich die Behörden in Kasachstan regelmäßig mit den Herausforderungen ebendieses Schriftwechsels konfrontiert. Zwar sollte die Umstellung über Jahre <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/pro-und-contra-soll-kasachisch-in-lateinschrift-wiedergegeben-werden/">schrittweise geschehen</a>, doch führen ressourcenbedingte Schwierigkeiten und immer wieder vorkommende Änderungen im kasachischen Alphabet (wie auch jetzt im usbekischen) dazu, dass sich dieser Wechsel nicht ganz so glatt gestaltet, wie ursprünglich erhofft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">War nach dem Zerfall der Sowjetunion die Initiative von der Türkei ergriffen worden, ein für alle Turksprachen gültiges Alphabet in Lateinschrift zu <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/gemeinsames-lateinisches-alphabet-fuer-alle-turksprachen/">schaffen</a> (einschließlich des Aserbaidschanischen, Kasachischen, Kirgisischen, Turkmenischen und Usbekischen), bleibt diese Initiative ein bislang nicht umgesetztes Großprojekt mit unvorhersehbarem Ausgang.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Gazeta.uz</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://www.gazeta.uz/ru/2026/07/07/alphabet/">Russischen</a> (und ergänzt) von Michèle Häfliger</strong></p>



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			</item>
		<item>
		<title>Die Nomadenspiele in Kirgistan – ein Blick auf die Traditionen Zentralasiens</title>
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		<dc:creator><![CDATA[La rédaction]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Sep 2026 19:44:32 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Sport, Kultur und Diplomatie sind bei der sechsten Ausgabe der Nomadenspiele verschmolzen. Bei den Spielen handelt es sich um einen internationalen Wettkampf, bei dem Sportarten aus nomadischen Kulturen im Mittelpunkt stehen und der dieses Jahr Anfang September in Kirgistan stattfand. Eine Reportage. Bodenkampf, Reitkampf, Bogenschie&#xDF;en, Hunderennen&#x2026; Vom 31. August bis zum 6. September traten Athlet:innen [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Sport, Kultur und Diplomatie sind bei der sechsten Ausgabe der Nomadenspiele verschmolzen. Bei den Spielen handelt es sich um einen internationalen Wettkampf, bei dem Sportarten aus nomadischen Kulturen im Mittelpunkt stehen und der dieses Jahr Anfang September in Kirgistan stattfand. Eine Reportage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bodenkampf, Reitkampf, Bogenschießen, Hunderennen… Vom 31. August bis zum 6. September traten Athlet:innen aus über 100 Ländern in 43 Disziplinen bei der sechsten Ausgabe der Nomadenspiele gegeneinander an, einem Wettkampf, der Sportarten und Spiele aus nomadischen Traditionen in den Vordergrund rückt. Die Spiele fanden in Kirgistan statt, dem Land, in dem die Spiele 2014 ins Leben gerufen wurden und das bereits vier der sechs bisherigen Ausgaben ausgerichtet hat.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">In Europa oft wenig bekannt, vereinen die Nomadenspiele Reitwettbewerbe, Kraftwettkämpfe, Ringkämpfe, Denkspiele sowie Adler- und Hunderennen. Nicht zu vergessen ist die bedeutende kulturelle Dimension dieser Ausgabe mit einem Ethno-Dorf, Konzerten, Ausstellungen und Vorträgen, und all dies vor einer postkartenreifen Kulisse am Ufer des Yssyk-Köl und in der Kyrtschyn-Schlucht. Dahinter steht der Wunsch, die Nomadenkultur Zentralasiens bekannt zu machen und den Tourismus zu fördern.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="762" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_2-1024x762.png" alt="" class="wp-image-45168" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_2-1024x762.png 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_2-300x223.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_2-768x571.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_2.png 1308w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Reitkampf bei den Nomadenspielen 2026 in Kirgistan. Foto: Julia Guinamard</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Nach Frankreich importierte Nomadenspiele</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Strategie, die offenbar Früchte trägt, wie die Entwicklung der französischen Nationalmannschaft für Denkspiele zeigt, die zum zweiten Mal an den Nomad Games teilnimmt. Bei der letzten Ausgabe in Kasachstan im Jahr 2024 waren drei Franzosen von den Veranstaltern angefragt worden. <em>„Sie sind auf der Suche nach neuen Teams“</em>, meint Clara Socota, eine 24-jährige französische Spielerin von Awale und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Togyz_kumalak">Toguz Korgool</a> – zwei Logikspielen, bei denen die Gegner, vereinfacht gesagt, versuchen, möglichst viele Kugeln zu erbeuten, die auf einem aus Schalen bestehenden Spielbrett verteilt sind.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="767" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_3-1024x767.png" alt="" class="wp-image-45169" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_3-1024x767.png 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_3-300x225.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_3-768x575.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_3.png 1303w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die 24-jährige Clara Socota bei einer Partie Toguz Korgool während der Nomadenspiele. Foto: Julia Guinamard</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dieser sechsten Ausgabe besteht die französische <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mancala">Mancala</a>-Nationalmannschaft – so lautet die Bezeichnung für eine Spielfamilie sogenannter abstrakter kombinatorischer Strategiespiele, zu der insbesondere Awale und Toguz Korgool gehören – aus sieben Athletinnen und Athleten. Vor allem aber hat die französische Delegation seit ihrer ersten Teilnahme einige dieser traditionellen Logikspiele nach Frankreich eingeführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„In Kasachstan haben wir Toguz Korgool und das türkische Mancala entdeckt. Seitdem haben wir einen Verein gegründet und entwickeln und fördern deren Ausübung in Frankreich. Bei den letzten beiden Ausgaben des Internationalen Spielefestivals in Cannes haben wir daher Turniere in Toguz Korgool und im türkischen Mancala ins Leben gerufen“</em>, erklärt Clara Socota. Hélène Mimenza fügt hinzu: <em>„Hier werden Logikspiele für den Mathematikunterricht genutzt. In unserem Team haben wir eine Grundschullehrerin, die das nun auch mit ihren Schülern macht.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Kök-Börü zu einer Sportart machen, die „so beliebt ist wie Fußball“</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Kök-Börü-Feld, dem Nationalsport Kirgistans und sicherlich der symbolträchtigsten Disziplin der Spiele, bei der Reiter um einen Ziegenkadaver kämpfen, trägt das US-amerikanische Team dazu bei, die Sportart außerhalb Zentralasiens bekannt zu machen. <em>„Wir nehmen seit 2016 an den Nomad Games teil“</em>, erklärt der US-amerikanische Spieler Brian Ewell, der bald fünfzig wird. Sein Teamkollege John Forsgren, ebenfalls in den Fünfzigern, fügt hinzu: <em>„Die Tradition der Cowboys ist der in Kirgistan recht ähnlich. Pferde sind ein fester Bestandteil unseres Lebens, die Verbindung zum Tier ist dieselbe.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch fügen die beiden Athleten aus Utah hinzu: <em>„Hier stehen die Pferde noch immer im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens“</em>, und sie weisen auch auf einen Unterschied in der Aufzucht hin. <em>„Unsere Pferde werden nicht für den Kampf trainiert, sie sind ruhiger.“</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="758" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_4-1024x758.png" alt="" class="wp-image-45170" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_4-1024x758.png 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_4-300x222.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_4-768x568.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_4.png 1311w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Kök-Börü-Partie zwischen den Mannschaften Kirgistans und der USA. Foto: Julia Guinamard</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Dies macht einen wichtigen Unterschied im Kök-Börü, das als „Kriegersport“ gilt. <em>„Dieses Spiel wurde vom Militär als Kriegsvorbereitung ins Leben gerufen“</em>, erklärt Emal Omuralijew, ein begeisterter Anhänger der kirgisischen Mannschaft. Grob gesagt lässt sich dieser Reitsport mit Polo vergleichen. Doch statt Golf zu spielen, kämpfen die Reiter um einen Ziegenkadaver, den sie anschließend in ein Ziel werfen müssen, das einem mehrere Meter breiten Kessel ähnelt: in den Tar-Kazar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am ersten Spieltag des Kök-Börü traten die USA gegen Kirgistan an. Die amerikanische Nationalmannschaft träumt davon, sich international einen Namen zu machen. <em>„Unsere Mannschaft spielt fair gegen die USA. Unser Ziel ist es, dass sie wiederkommen und dass Kök-Börü so beliebt wird wie Fußball“</em>, erklärt Sejitbek Makeklejew, Sportjournalist bei dem Medienunternehmen <a href="http://sport.kg/">Sport.kg</a>.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="761" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_5-1024x761.png" alt="" class="wp-image-45171" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_5-1024x761.png 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_5-300x223.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_5-768x570.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_5.png 1306w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Kök-Börü in vollem Gange. Foto: Julia Guinamard</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Handwerk und Ethno-Dorf zur Bewahrung des Kulturerbes</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Über den Sport hinaus bot ein Ethno-Dorf einen Einblick in die Nomadenkultur Zentralasiens. Das Ethno-Dorf erstreckte sich über mehrere hundert Meter und umfasste Dutzende von Jurten sowie eine Art kleine traditionelle Stadt, die aus Lehm und Stroh erbaut wurde. Die Besucher tauchten dank Musik, Tanz, Kunsthandwerk und auch der Küche in die lokale Kultur ein. Fotos mit Frauen in traditionellen Trachten, Männern in Rüstungen, Kamelen oder Adlern schießen wie Pilze aus dem Boden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Spiele bieten internationalen Besuchenden die Gelegenheit, die einzigartige Identität des kirgisischen Volkes zu entdecken und besser zu verstehen“</em>, erklärt Eduard Dschumkadyrovitsch Kubatow, Direktor der Nationalen Agentur für Tourismusentwicklung, bei einer Pressekonferenz. <em>„Die kirgisische Nomadenkultur wird nicht einfach als historisches Erbe präsentiert, sondern als lebendige und sich ständig weiterentwickelnde Kultur.“</em></p>



<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="879" height="657" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_6.png" alt="" class="wp-image-45172" style="aspect-ratio:1.33790757961329;width:879px;height:auto" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_6.png 879w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_6-300x224.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_6-768x574.png 768w" sizes="auto, (max-width: 879px) 100vw, 879px" /><figcaption class="wp-element-caption">Gurmina webt im Ethno-Dorf traditionelle Wandteppiche und dekorative Textilien. Foto: Julia Guinamard</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Vor einer der Jurten fertigt Gurmina Seile aus Yakhaar an.<em> „Das habe ich von meiner Mutter gelernt. Man benutzt sie, um die Beine der Pferde festzubinden oder die Jurten aufzubauen.“</em> Wohnt sie in einer Jurte? Nach einem kurzen Lachen verneint die 70-Jährige. Heute sind die Jurten vor allem für Touristinnen und Touristen gedacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben Gurmina stickt eine Frau einen dekorativen Wandteppich. <em>„Darauf sind Schafshörner und Fischflossen zu sehen“</em>, erklärt sie und fährt fort: <em>„Zuerst zeichne ich die Motive auf den Stoff, bevor ich die Linien mit Garn nachsticke. Früher haben wir Schafwolle verwendet, die wir selbst gesponnen haben. Heute kaufen wir den Faden direkt in Läden.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Indem sie das Handwerk in den Vordergrund stellen, sollen die Nomad Games zur Erhaltung des kulturellen Erbes beitragen. Und das nicht nur zur Freude der Touristen. Die ehrenamtliche Übersetzerin Darja Kasygulowa erklärt: <em>„Die Spiele ermöglichen es uns, unsere Kultur wieder für uns zu entdecken. Diejenigen, die in der Stadt aufgewachsen sind, haben weniger Bezug zu den nomadischen Wurzeln. So können wir verstehen, woher wir kommen, und unsere Kultur und Geschichte besser begreifen.“</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="762" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_7-1024x762.png" alt="" class="wp-image-45173" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_7-1024x762.png 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_7-300x223.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_7-768x571.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_7.png 1303w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Frauen mit Eletschek, einer Kopfbedeckung, die sie als ältere verheiratete Frauen auszeichnet. Foto: Julia Guinamard</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Kirgistan bekannt machen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Darja Kasygulowa ist in Bischkek aufgewachsen und gehört zu jener Generation, die sich von der nomadischen Lebensweise entfernt hat. Sie gibt auch zu, bei den Nomadenspielen Sportarten entdeckt zu haben, die ihr bisher unbekannt waren. <em>„Ich wusste nicht, was Bogenschießen zu Pferd oder das Werfen von Tschükö [Schafsknöchel, Anm. d. Übers.] ist.“</em> Einige Jurten im Ethno-Dorf richten sich eher an die lokale Bevölkerung als an internationale Tourist:innen, wie beispielsweise die der University of Central Asia, die einen Campus in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Naryn">Naryn</a> unterhält, dem Verwaltungszentrum der gleichnamigen Provinz im bergigen Zentrum Kirgistans.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ajana S., eine Studentin dieser Universität, die Studiengänge anbietet, die vollständig auf Englisch unterrichtet werden, erklärt: <em>„Wir stellen unsere Hochschule vor, um neue Studierende zu gewinnen. Aber wir freuen uns auch, unsere Arbeit und unsere Kultur mit internationalen Touristen teilen zu können.“</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="759" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_8-1024x759.png" alt="" class="wp-image-45175" style="aspect-ratio:1.3491507977354606;width:1024px;height:auto" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_8-1024x759.png 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_8-300x222.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_8-768x570.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_8.png 1300w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Spieler des traditionellen Pferdesports Kök-Börü aus den Mannschaften Usbekistans und Afghanistans ziehen nach ihrem Spiel auf der Pferderennbahn in der Region Yssyk-Köl vorbei. Foto: Julia Guinamard</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Die Übersetzerin Darja hofft ebenfalls, dass die Spiele dazu beitragen werden, dass möglichst viele Menschen Kirgistan endlich auf einer Landkarte einordnen können. <em>„Ich studiere in Kanada, und wenn ich mich vorstelle, wissen die Leute nie, wo Kirgistan liegt. Zentralasien ist nach wie vor wenig bekannt. Dabei gibt es doch gleich fünf Länder mitten auf dem Kontinent! Die Spiele sind eine gute Möglichkeit, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass es uns gibt.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation parallel zu den Nomad Games</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus wollen sich die Nomad Games nicht nur auf Sport und Kultur beschränken.<em> „Die Nomad Games bringen Vertreter verschiedener Länder zusammen und schaffen so Gelegenheiten für kulturellen Dialog, Freundschaft und gegenseitiges Verständnis“</em>, betonte Eduard Dschumkadyrovitsch Kubatow auf der Pressekonferenz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die sechste Ausgabe der Nomad Games begann übrigens zeitgleich mit dem 25. Gipfeltreffen der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Shanghaier_Organisation_f%C3%BCr_Zusammenarbeit">Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ</a>). An der Eröffnungsfeier der Spiele nahmen mehrere Staatschefs dieses <em>„Clubs von Ländern, die eine von der Vorherrschaft des Westens geprägte Globalisierung ablehnen“</em>, teil, wie es Bayram Balci, Forscher am Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS), formulierte.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="767" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_9-1024x767.png" alt="" class="wp-image-45176" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_9-1024x767.png 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_9-300x225.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_9-768x575.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/09/World-Nomad-Games_9.png 1291w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Armdrücken, eine der Disziplinen im Programm der Nomadenspiele, vor einer Jurte. Foto: Julia Guinamard</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den politischen Persönlichkeiten, die bei der Eröffnungsfeier anwesend waren, gehörten unter anderem der iranische Präsident Massud Pezeschkian, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der indische Premierminister Narendra Modi sowie der tadschikische Präsident Emomali Rahmon und der usbekische Präsident Shavkat Mirziyoyev. Der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif sowie Vertreter des Jemen und Vietnams nahmen ebenfalls daran teil.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die rund hundert Athletinnen und Athleten der russischen Delegation die Bühne der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bischkek-Arena">Bishkek Arena</a> betreten, die anlässlich der Nomad Games eingeweiht wurde, grüßt Wladimir Putin die Menge. Der russische Staatschef wird dabei mit großem Jubel empfangen. <em>„Putin ist berühmt und beliebt. Und selbst wenn er es nicht wäre, ist es realistisch, ihn zu bejubeln“</em>, erklärt Herr Balci. Der Wissenschaftler untermauert seine Aussage mit dem Hinweis, dass <em>„ein bedeutender Teil des BIP Kirgistans von in Russland lebenden kirgisischen Arbeitskräften stammt“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Diese Verbindung hat sich laut Herrn Balci mit den internationalen Sanktionen gegen Russland verstärkt“</em>, wobei er die Rolle des Landes als Plattform zur Umgehung der Sanktionen für Moskau hervorhebt. Der Gipfel und anschließend die Zeremonie der Nomad Games hätten somit eine <em>„sehr starke Botschaft“</em> an den Westen gesendet, so der Politologe: <em>„Das hat gezeigt, dass Russland nicht isoliert ist, wie man im Westen glaubt.“</em> Die siebte Ausgabe der Nomad Games wird übrigens 2028 in Russland, in Kasan, stattfinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Julia Guinamard für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://novastan.org/fr/kirghizstan/les-jeux-nomades-un-coup-de-projecteur-sur-les-traditions-d-asie-centrale/">Französischen</a> von Michèle Häfliger</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>„Es ist kein Todesurteil“: Wie ein junger Mann aus Almaty gegen Stereotype rund um HIV kämpft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[masamedia]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Sep 2026 16:47:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Aids]]></category>
		<category><![CDATA[Aktivismus]]></category>
		<category><![CDATA[Aktivist]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Rund um das Thema HIV sind falsche Informationen und Stigmata in Kasachstan nach wie vor verbreitet. Die Aufkl&#xE4;rungsarbeit von NGOs stellt einen Baustein dar, um diese abzubauen. Das Online-Magazin Masa Media f&#xFC;hrte im Fr&#xFC;hjahr 2026 ein Interview mit einem Aktivisten, der in der Aufkl&#xE4;rungsarbeit aktiv ist. Miras Murzahan ist 23 Jahre alt und kommt aus [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Rund um das Thema HIV sind falsche Informationen und Stigmata in Kasachstan nach wie vor verbreitet. Die Aufklärungsarbeit von NGOs stellt einen Baustein dar, um diese abzubauen. Das Online-Magazin Masa Media führte im Frühjahr 2026 ein Interview mit einem Aktivisten, der in der Aufklärungsarbeit aktiv ist.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Miras Murzahan ist 23 Jahre alt und kommt aus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty</a>. Schon seit sechs Jahren arbeitet er darauf hin, dass das Stigma rund um Menschen, die mit HIV leben, abnimmt. Außerdem ist er in der Aufklärungsarbeit zu HIV-Prophylaxe aktiv. Obwohl er selbst HIV-negativ ist, hat Miras Murzahan sich bewusst dazu entschieden, das Thema ins Zentrum seiner beruflichen Tätigkeit zu stellen. Ihm geht es dabei zum einen um den Schutz der Rechte von Menschen mit HIV, zum anderen aber auch um die Aufklärung der Gesellschaft. Im Interview mit Masa Media erzählte er, warum HIV auch im Jahr 2026 noch ein Tabu-Thema ist, wie Empathie helfen kann, Leben zu retten und warum Wissen das einzig wirksame Mittel zur Bekämpfung der Stigmatisierung ist.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Bewusste Entscheidung für ein Engagement rund um HIV</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Soziale Probleme waren für Miras nie einfach nur die Angelegenheit von anderen Menschen. Von klein auf reagierte er empfindlich auf jegliche Ungleichheit und hatte ein starkes Bedürfnis danach, diejenigen zu beschützen, die benachteiligt werden. Vor sechs Jahren brachte ihn dieser innere Antrieb zur großen regionalen Organisation <a href="https://teenergizer.org/en/">Teenergizer QZ</a>. Diese setzt sich für sexuelle Aufklärung von Jugendlichen ein und informiert auch darüber, wie man sich vor einer HIV-Infektion schützen kann. Inzwischen ist Miras der Koordinator der Seite.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Vor allem dank meiner Kolleg:innen konnte ich tiefer ins Thema HIV einsteigen und habe dadurch verstanden, wie wichtig es ist. Mit der Zeit bildete sich bei mir deutlich das Gefühl heraus, dass ich Menschen helfen möchte, die dringend Unterstützung benötigen. Daraus wurde eine bewusste Entscheidung, meine Stimme zu nutzen, um Menschen Gehör zu verschaffen, denen es selbst schwer fällt offen zu sprechen oder die davor Angst haben.“</em></p>



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<p class="wp-block-paragraph">Viele Menschen meiden das Thema HIV öffentlich eher, aus Angst vor Anfeindungen. Doch diese Sorge hatte Miras nicht, ihn beschäftigte vor allem, ob er sich kompetent genug für die Aufgabe fühlte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„In erster Linie habe ich an meiner Kompetenz gezweifelt. Das Thema HIV ist sehr sensibel. Umso wichtiger ist es, richtige Informationen zu haben und sich gut auszudrücken, wenn man darüber spricht. Am Anfang hatte ich Angst davor, ich könnte Fehler machen und zum Beispiel falsche Informationen weitergeben. Aber mit der Zeit habe ich verstanden, dass es normal ist, nicht immer alles zu wissen. Es ist vor allem wichtig, ehrlich zu sein, Informationen zu überprüfen und sich nicht zu scheuen, Fragen zu stellen“</em>, so der Aktivist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass er keine Angst vor der öffentlichen Meinung hatte, erklärt er ganz einfach: Der innere Antrieb kam für ihn aufgrund der Wichtigkeit des Themas.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Warum es wichtig ist, über HIV zu sprechen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl die Medizin große Fortschritte gemacht hat, beobachtet Miras, dass in Kasachstan Themen wie HIV und sexuelle Gesundheit außerhalb von Fachkreisen nach wie vor Tabu sind. Mit diesem Tabu zu brechen, motiviert ihn dazu, offen zu sprechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Viele nehmen HIV nach wie vor als etwas Furchtbares und Schamvolles und wie ein Todesurteil wahr, über das man besser nicht sprechen sollte. Dabei ist HIV heutzutage ein chronischer Zustand, den man kontrollieren und mit dem man ein erfülltes Leben haben kann. Deshalb ist es mir wichtig, offen und unaufgeregt über das Thema zu sprechen. Denn je besser die Menschen informiert sind, desto weniger Angst und Stigmata bestehen in der Gesellschaft“</em>, erklärt er.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Falsche Informationen schränken ein</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Täglich beobachtet Miras, dass in der Gesellschaft in Kasachstan nach wie vor Vorstellungen aus dem vergangenen Jahrhundert dominieren. Am häufigsten begegnen ihm vermeintlich kleine, aber äußerst hartnäckige Fehlinformationen. So verwechselten die Menschen häufig HIV und AIDS und verwendeten die Begriffe synonym. Entsprechend werde die Diagnose als unvermeidliches „Ende des Lebens“ wahrgenommen [Anm. d. Red.: HIV bezeichnet den Erreger der Infektion. Als AIDS wird das Endstadium einer unbehandelten HIV-Infektion bezeichnet.]. Gleichzeitig existiert ein gefährlicher Irrglaube über die Ansteckungswege. Manche Menschen glaubten, eine Ansteckung könnte über ein einfaches Gespräch, durch Berührungen oder über ein gemeinsames Essen erfolgen. Dadurch entstehe im Umfeld von Menschen, die mit HIV infiziert sind, irrationale Angst sich in der Nähe der HIV-positiven Person aufzuhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/wie-hiv-positive-frauen-in-tadschikistan-diskriminiert-werden/"><strong>Wie HIV-positive Frauen in Tadschikistan diskriminiert werden</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Am meisten ärgert mich tatsächlich nicht der Irrglaube an sich, sondern dass viele nicht bereit sind, ihre Haltung und Informationen zu überdenken. Selbst wenn sie Zugang zu verlässlichen Informationen haben, bleiben die Menschen manchmal bei ihren alten Überzeugungen und stigmatisieren weiterhin andere Menschen. Dadurch wird ein Mensch mit HIV nur noch unter diesem Gesichtspunkt wahrgenommen und nicht mehr als Individuum. Das ist aus meiner Sicht eigentlich das größte Problem“</em>, befindet Miras Murzahan.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Heutige Möglichkeiten in Bezug auf HIV</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bei seiner Aufklärungsarbeit stützt sich Miras auf die aktuelle medizinische Evidenz. Er weist etwa darauf hin, dass es heutzutage eine antiretrovirale Therapie gibt, welche die Viruslast auf ein nicht nachweisbares Niveau senkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Das bedeutet, dass das Virus im Blut nicht nachweisbar ist und nicht an andere Menschen weitergegeben werden kann. In meinem privaten Umfeld habe ich Freund:innen und Kolleg:innen, die mit HIV ein aktives Leben haben. Sie machen Karriere, haben Beziehungen und Zukunftspläne. Das zeigt anschaulich, dass eine Diagnose kein Todesurteil ist.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem setzt er sich dafür ein, dass aktuelle Maßnahmen, sich zu schützen bekannter werden, etwa die Prophylaxe vor oder nach dem Sexualkontakt mit einer HIV-positiven Person, die dazu beiträgt, dass Menschen sich nicht infizieren.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wie sich die Aufklärungsarbeit auswirkt</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Aufklärungsarbeit findet bei einem sehr unterschiedlichen Publikum Anklang. So erhält Miras Murzahan neben Danksagungen auch persönliche Hilferufe. Die Themen in den Anfragen gehen weit über die einzelne Diagnose hinaus: Sie umfassen die psychische Gesundheit, andere sexuell übertragbare Krankheiten, den Zugang zu medizinischer Versorgung und den Schutz der Rechte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Menschen suchen nach Gemeinschaft – einem Ort, an dem sie verstanden werden und an dem sie keine Angst vor Verurteilung durch andere haben müssen. Uns kontaktieren Menschen unterschiedlichen Alters, darunter auch Erwachsene“</em>, erzählt er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn er Informationen für PR-Kampagnen aufbereitet oder Vorträge an Schulen oder Universitäten hält, versucht Miras Murzahan eine persönliche Perspektive einzunehmen. Ihm ist wichtig zu zeigen, dass Menschen, die mit HIV leben, untrennbar Teil der Gesellschaft sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/wenn-ich-damals-richtig-aufgeklaert-worden-waere-haette-ich-nicht-so-viel-zeit-verloren-ueber-hiv-selbsthilfe-in-almaty/"><strong>Über die HIV-Selbsthilfe in Almaty</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ergebnisse der Arbeit spiegeln sich in konkreten Veränderungen im Leben der Menschen wider. Manche haben ihre Angst überwunden und fangen an, auf ihre Gesundheit zu achten. Andere haben sich zum ersten Mal an ein AIDS-Zentrum gewandt, und wieder andere sind eine Beziehung eingegangen, ohne den HIV-positiven Status des anderen als Hindernis zu betrachten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Warum halten sich Stigmata weiterhin?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Miras Murzahan sieht vor allem drei Gründe dafür, warum sich Stigmata weiterhin in der Gesellschaft halten. Zum einen sei dies der Mangel an qualitativ hochwertiger Bildung. So würden in Bildungseinrichtungen häufig veraltete Informationen zu HIV und AIDS vermittelt. Des Weiteren bestehe rund um HIV eine Illusion von Distanz. Viele Menschen seien der Überzeugung, dass das Thema sie nicht betreffe, obwohl Menschen in ihrem Umfeld infiziert sein könnten. Als dritten Aspekt führt er eine Sprachbarriere an. So fehle es im kasachisch-sprachigen Raum nach wie vor an leicht zugänglichen Informationen. <em>„In der Konsequenz kommt es auf die Bildung an. Wer gut informiert ist, verliert die Angst. Wenn dagegen das Wissen fehlt, entstehen und halten sich Stigmata“</em>, resümiert der Aktivist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Miras Murzahan beobachtet, dass sich junge Menschen in Kasachstan zunehmend für Gesundheitsthemen interessierten und dass die Einstellung zum Thema HIV insgesamt gelassener werde. Auch das Vertrauen wachse, indem Menschen sich häufiger Unterstützung suchten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Für mich ist die Hauptsache, dass ich verstanden haben, dass meine Empathie, die früher als Schwäche angesehen wurde, in Wirklichkeit meine Stärke ist. Durch sie kann ich anderen Menschen helfen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Ich glaube fest daran, dass echte Veränderungen durch Aufklärung entstehen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Abschließend betont der Aktivist, dass es heutzutage die Entscheidung jedes Einzelnen sei, sich weiterhin von Vorurteilen leiten zu lassen. <em>„Seien wir mal ehrlich, Stereotype zu erfüllen ist nicht gerade angesagt. Wir leben im Jahr 2026. Die Frage ist nicht, ob es entsprechendes Wissen gibt, sondern ob wir bereit sind, uns diesem gegenüber zu öffnen. HIV ist nichts, was in weiter Ferne ist. Bei dem Thema geht es um unsere Gesellschaft, um unsere Freund:innen. Ich bin genau so ein Mensch wie ihr und bin auch Teil einer Generation. Lasst uns gemeinsam alte Klischees hinter uns lassen, voneinander lernen und uns gegenseitig unterstützen. Die Kraft liegt im Wissen. Und die Kraft liegt in den Menschen im euch herum“</em>, erzählt er im Interview mit Masa Media.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>Hintergrundinformationen:</em></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>HIV (Humanes Immundefizienz-Virus) ist eine Infektion, die das Immunsystem befällt und die Abwehrkräfte des Körpers gegen Krankheiten schwächt. Bei rechtzeitiger Therapie führen Menschen mit HIV ein erfülltes Leben und geben das Virus nicht an ihre:n Partner:in weiter. Laut der Statistik von UNAIDS lebten Ende 2024 weltweit ungefähr 40,8 Millionen Menschen mit einer HIV-Infektion. In Kasachstan waren laut Angaben des Wissenschaftlichen Zentrum für Dermatologie und Infektionskrankheiten 36.000 Menschen mit HIV registriert [Anm. d. Red.: Schätzungen von UNAIDS gehen zu 2025 von 39.000 – 49.000 HIV-positiven Menschen in Kasachstan aus.]</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Alina Moroz für Masa Media</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://masa.media/ru/site/eto-ne-prigovor-kak-paren-iz-almaty-boretsya-so-stereotipami-o-vich">Russischen</a> von Marie Schliesser</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/es-ist-kein-todesurteil-wie-ein-junger-mann-aus-almaty-gegen-stereotype-rund-um-hiv-kaempft/">„Es ist kein Todesurteil“: Wie ein junger Mann aus Almaty gegen Stereotype rund um HIV kämpft</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>UN Women beim EU-Fest 2026 in Bischkek: Wo steht Kirgistan beim Feminismus?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Niklas Birli]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 04 Sep 2026 14:55:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Aktivismus]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Sadyr Dschaparow]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>
		<category><![CDATA[UN Women]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Kirgistan war einst eine Ausnahme in Zentralasien: Als erstes Land der Region hatte es eine Frau an der Staatsspitze, Frauen erk&#xE4;mpften sich politische Teilhabe und eine aktive feministische Bewegung entstand. Heute scheint vieles davon wieder auf dem Spiel zu stehen. Unter Pr&#xE4;sident Sadyr Dschaparow gewinnen traditionelle Werte an Bedeutung &#x2013; und werden genutzt, um erk&#xE4;mpfte [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Kirgistan war einst eine Ausnahme in Zentralasien: Als erstes Land der Region hatte es eine Frau an der Staatsspitze, Frauen erkämpften sich politische Teilhabe und eine aktive feministische Bewegung entstand. Heute scheint vieles davon wieder auf dem Spiel zu stehen. Unter Präsident Sadyr Dschaparow gewinnen traditionelle Werte an Bedeutung – und werden genutzt, um erkämpfte Rechte des Feminismus und der Gleichberechtigung einzudämmen. Die UN-Organisation UN Women nutzte das EU-Fest in Bischkek am sechsten Juni 2026 im Tschingis-Aitmatow-Park, um auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen und Besucher:innen zum Nachdenken über Geschlechterrollen und Gleichberechtigung anzuregen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die interaktive <a href="https://eca.unwomen.org/en/stories/news/2026/06/gender-equality-station-inspires-more-than-200-commitments-to-advance-womens-rights-in-the-kyrgyz-republic">Gender Equality Station</a> der Organisation UN Women sorgte beim EU-Fest in Bischkek für viel Aufmerksamkeit. An ihr konnten Menschen geschlechtsspezifische Stereotype hinterfragen und eigene Wünsche für die Zukunft aufschreiben, um sie an der sogenannten „Wall of Reflection“ zu befestigen. Zudem ließ es sich UN Women nicht nehmen, den EU-Botschafter für Kirgistan, Rémi Duflot, für seinen Einsatz für die Geschlechtergerechtigkeit in Kirgistan als „HeForShe-Champion“ mit einer Medaille auszuzeichnen. Damit wird einmal mehr deutlich, welche zentrale Rolle die EU in Kooperation mit den UN für die Verbesserung der Gleichberechtigung in Kirgistan spielt. Mit bis zu 5000 Besucher:innen und 200 Personen, welche sich nach dem Besuch der Gender Equality Station mit ihrer Unterschrift verpflichtet haben, die Gleichstellung von Geschlechtern und die Rechte von kirgistanischen Frauen zu unterstützen, war dieser Stand ein großer Erfolg für die Organisator:innen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits im Jahr zuvor gab es für UN Women, welche seit 2012 im Land ist, in Kirgistan einen Grund zu feiern: 2025 wurde <a href="https://eca.unwomen.org/en/where-we-are/kyrgyzstan">hundert Jahre</a> Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit im heutigen Kirgistan zelebriert. 1925 erhielten nämlich Frauen, wenn auch nur formal unter sowjetischer Herrschaft, erstmals ein dauerhaftes Wahlrecht. Und die Ergebnisse, die UN Women seit ihrer Anwesenheit vorweisen kann, wirken beeindruckend. So stieg der Anteil der Frauen in den Gemeinderäten infolge der Einführung einer <a href="https://eca.unwomen.org/en/where-we-are/kyrgyzstan">Genderquote</a> von zehn auf 42 Prozent. Zudem verabschiedete das Ministerkabinett 2022 eine nationale Strategie zur Geschlechtergleichheit bis 2030, die unter Federführung von UN Women entstand. Kirgistan verfügt somit über genug legislative Grundlagen zur Etablierung von Geschlechtergerechtigkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass diese nach wie vor nur unzureichend umgesetzt und sogar gefährdet werden, zeigen die Angaben allerdings ebenfalls: Frauen stellen gerade einmal <a href="https://eca.unwomen.org/en/where-we-are/kyrgyzstan">22 Prozent</a> der Abgeordneten im kirgistanischen Parlament, dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschogorku_Kengesch">Dschogorku Kengesch</a>, wie UN Women einräumen muss. Die institutionellen Rahmenbedingungen haben sich zudem seit dem Machtwechsel 2020 und der Amtszeit von Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sadyr_Dschaparow">Sadyr Dschaparow</a> für Frauen deutlich verschlechtert.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Nach den <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/316254/demonstrationen-in-kirgisistan/">politischen Unruhen</a> 2020 wurde 2021 Dschaparow zum Präsidenten gewählt und in zwei Etappen ein Referendum für die neue Verfassung Kirgistans abgehalten, welche von der Bevölkerung im selben Jahr angenommen wurde. Diese wurde von der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_f%C3%BCr_Sicherheit_und_Zusammenarbeit_in_Europa">OSZE</a> bereits vor dem Referendum kritisiert, weil der Verfassungsentwurf den Rechtsstaat und die Menschenrechte gefährden würde. In der neuen Verfassung wird der politische Schwerpunkt auf <a href="https://www.researchgate.net/publication/366155521_Gender_Equality_Women&apos;s_Rights_and_Neo-traditionalism_The_Case_of_Kyrgyzstan">traditionelle Werte</a> und Bräuche Kirgistans gelegt, welche mehr Einfluss genießen sollten. Vage formulierte <a href="https://www.researchgate.net/publication/366155521_Gender_Equality_Women&apos;s_Rights_and_Neo-traditionalism_The_Case_of_Kyrgyzstan">Konzepte</a> wie „moralische und ethische Werte“ oder „öffentliches Bewusstsein der Bevölkerung“, welche geschützt werden sollen, könnten willkürliche Auslegungen und Durchsetzungsmaßnahmen begünstigen, wie die OSZE <a href="https://odihr.osce.org/odihr/481864">warnte</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Ideologie des sogenannten Neo-Traditionalismus wird von Expert:innen daher auch als mögliche Legitimation angesehen, die profeministischen Entwicklungen in Kirgistan, die beispiellos in Zentralasien sind, unter Bezug auf vermeintliche Traditionen wieder zu beseitigen. Die Teilhabe von Frauen im politischen und wirtschaftlichen System des Landes hat sich laut Daten des Weltwirtschaftsforums von 2021 über fünfzehn Jahre sogar <a href="https://www.researchgate.net/publication/366155521_Gender_Equality_Women&apos;s_Rights_and_Neo-traditionalism_The_Case_of_Kyrgyzstan">verschlechtert</a>. Kirgistan ist hier um zehn Punkte zurückgefallen. Dass wie <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rosa_Otunbajewa">Rosa Otunbajewa</a> nach der Revolution 2010 eine Frau das Staatsoberhaupt stellt, erschien noch nie so fern wie jetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/es-gibt-viele-maenner-in-der-kirgisischen-politik-und-das-ist-ein-problem-diese-geschichte-handelt-von-kleinen-frauen-die-grosse-dinge-tun/"><strong>Es gibt viele Männer in der kirgisischen Politik und das ist ein Problem – diese Geschichte handelt von „kleinen“ Frauen, die große Dinge tun</strong></a></p>



<h2 class="wp-block-heading">Der anhaltende Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nach wie vor leiden Frauen in Kirgistan unter der gesellschaftlich fest verankerten geschlechtsspezifischen Gewalt. <em>Ala Kachuu</em> (kirgisisch: <em>Packen und Losrennen</em>), der Brautraub, bei dem Frauen zum Teil auf offener Straße entführt und zwangsverheiratet werden, ist trotz strafrechtlicher Ahndung nach wie vor weit verbreitet, genauso wie Kinderheirat. 2025 <a href="https://eca.unwomen.org/en/stories/press-release/2025/02/kyrgyzstan-presents-preliminary-findings-and-recommendations-of-the-country-gender-equality-profile">kam UN Women zu dem Schluss</a>, dass 2024 zwanzig Prozent aller Heiraten in Kirgistan Zwangsheiraten darstellten. Und selbst die kirgistanische Regierung musste einräumen, dass sieben- bis neuntausend Mädchen jedes Jahr jung heiraten; <a href="https://unric.org/de/210222-kirgisistan/">500</a> von ihnen werden zwischen dreizehn und siebzehn erstmals Mutter. Dass es laut Strafgesetzbuch mit drei bis fünf Jahren Haftzeit bestraft werden kann, wenn religiöse Autoritäten, Eltern oder andere Personen eine solche Hochzeit von Minderjährigen erzwingen, scheint also nur wenig abzuschrecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/mit-15-verheiratet-und-schwanger-kinderbraute-aus-kirgistan-erzahlen-ihre-geschichten/"><strong>Mit 15 verheiratet und schwanger – Kinderbräute aus Kirgistan erzählen ihre Geschichten</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Allgegenwärtig ist insbesondere häusliche Gewalt in Kirgistan innerhalb von Ehen. Es herrscht ein immenser Druck auf Frauen, Ehen um jeden Preis zu „retten“ und bei dem Ehepartner zu bleiben. Scheidungen sind gesellschaftlich stigmatisiert. Häusliche Gewalt wird als etwas Natürliches akzeptiert, dass Frauen ertragen müssten. Nicht nur vom Ehemann: Die Frauen werden gezwungen, sich ihrer Schwiegermutter vollständig zu unterwerfen. Das Bild der zuhause bleibenden Frau, welche ihr Leben auf den Haushalt und die Familie ausrichtet, wird unter Dschaparows Regime idealisiert. Vorhandene Hilfsangebote werden von betroffenen Frauen jedoch nur unzureichend genutzt. Es fehlt ein Vertrauen in Hilfsorganisationen wie beispielsweise dem <a href="https://news.un.org/en/story/2026/03/1167177">Krisenzentrum <em>Sezim</em></a> (kirgisisch: <em>Gefühl</em>), dass diese tatsächlich einen Ausweg aus gewaltvollen Ehen bieten können.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/sexismus-in-kirgistan/"><strong>Sexismus in Kirgistan</strong></a><strong></strong></p>



<h2 class="wp-block-heading">Feminismus in Kirgistan: Mutig, laut, vielseitig</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Obgleich ein bedeutender Anteil der kirgistanischen Bevölkerung offenkundig zögert, die eigenen Ansichten über Geschlechterrollen zu hinterfragen, hat sich in den letzten Jahrzehnten eine florierende und vielseitige feministische Bewegung in Kirgistan entwickeln können, welche sich auch dem neuen konservativ-nationalistischen Kurs Dschaparows widersetzt. Seit den 1990ern, geprägt durch die vierte <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/World_Conference_on_Women,_1995"><em>World Conference on Women</em></a> 1995 in Beijing, bei der kirgistanische Frauen erstmals die vorgegebene Gesellschaftsstellung infrage stellten und für sich sprechen konnten, treten viele Frauen politisch für ihre Rechte ein. Dazu gehören meist ca. 40-jährige Frauen, welche ihre Haare offen wie in der Sowjetunion zeigen und in NGOs tätig sind, lokale Frauenrechtsaktivist:innen, welche sich in der Kommunalpolitik engagieren, aber auch <a href="https://laender-analysen.de/zentralasien-analysen/157/abseits-religioeser-retraditionalisierung-islamischer-aktivismus-von-frauen-als-element-postsozialistischer-zivilgesellschaft/">islamische Aktivist:innennetzwerke</a>, welche Frauen Unterstützung aus religiösem Antrieb bei der Kindererziehung, mentaler Gesundheit oder für Geschlechtergleichheit anbieten. Besonders präsent sind allerdings Grasroots Movements, welche mit sozial stigmatisierten Teilen der Bevölkerung wie LGBTQ*-Gruppen, Prostituierten oder Drogensüchtigen arbeiten und einen großen Teil des öffentlichkeitswirksamen Aktivismus organisieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-feministische-bewegung-in-kirgistan/"><strong>Die feministische Bewegung in Kirgistan</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass diese zumeist fließend englisch sprechenden, in feministischer Theorie bewanderten Frauen sich nicht einschüchtern lassen, zeigten die Ausschreitungen bei Protesten in Bischkek am Internationalen Frauentag 2020. Am achten März kam es zu physischen Attacken von maskierten Provokateur:innen, welche die demonstrierenden Frauen zuvor frauenverachtend beschimpft hatten. Die Polizei verhaftete statt der Provokateur:innen mehrere Frauen; ihre Kinder, die sie zur Demonstration mitgenommen hatten, blieben oft allein zurück, ohne dass sich um sie gekümmert wurde. Feministische Bewegungen werden in Kirgistan ohnehin mit Argwohn betrachtet. Feminismus gilt als Fremdkörper, eine westliche Erfindung, welche vermeintlich traditionelle Werte gefährdet. Daher überrascht das harte Vorgehen der Polizei keineswegs. Der Staat spielt laut der NGO <em>Freedom for Eurasia</em> sogar eine zentrale Rolle, Angriffe gegen die Aktivist:innen nicht nur zu dulden, sondern aktiv zu <a href="https://freedomforeurasia.org/wp-content/uploads/2025/08/FFE-Report-Final.pdf">fördern</a>. Staatlich gelenkte Verleumdungskampagnen gegen die Feminist:innen, Drohungen, verbale oder physische Attacken von unbekannten Täter:innen, welche nicht weiter von den Behörden verfolgt werden, offenbaren die Systematik, mit der der Staat hier vorgeht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die ungewisse Zukunft: Ein feministisches Vorbild auf Abwegen?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gleichberechtigung der Geschlechter stand noch nie vor so großen Herausforderungen in Kirgistan wie jetzt. Das erste Land Zentralasiens, welches eine Frau als Staatsoberhaupt erlebte, hat sich von der einstigen Insel des Feminismus in der Region zum Sorgenkind entwickelt. Laut dem letzten <a href="https://freedomhouse.org/country/kyrgyzstan/freedom-world/2026">Bericht</a> des renommierten Demokratiemessungsinstituts <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Freedom_House"><em>Freedom House</em></a> gilt Kirgistan nicht mehr als frei und unterscheidet sich vom autoritären Nachbarn Kasachstan nur noch um zwei Punkte. Jedwede Kritik an der Person Dschaparow vonseiten der Zivilgesellschaft und den Medien wird hart verfolgt. Die antifeministischen Tendenzen im Land sind eng mit seiner Herrschaft verbunden. Durch ein <a href="https://www.zois-berlin.de/en/publications/zois-spotlight/under-the-pretence-of-tradition-media-repression-in-kyrgyzstan">neues Gesetz</a>, welches ihm gestattet, in Urteile des kirgistanischen Verfassungsgerichts eingreifen zu können, wenn seiner Meinung nach moralische oder traditionelle Werte Kirgistans gefährdet sind, hat Dschaparow einen Freifahrtschein erhalten, das Land nach seinen konservativ-nationalistischen Vorstellungen zu regieren. Antifeminismus und Autokratisierung gehen Hand in Hand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter diesen besorgniserregenden Entwicklungen, alten wie neuen Problemen, muss sich der Feminismus in Kirgistan behaupten. Dass Wandel möglich ist, haben die vergangenen Jahre und der unermüdliche Einsatz der Feminist:innen in Zusammenarbeit mit UN und EU gezeigt. Die Kirgistaner:innen haben bis jetzt mit drei Revolutionen (2005, 2010 und 2020) deutlich gemacht, dass sie ihre Herrscher:innen zur Rechenschaft ziehen können und werden. Auf dem EU-Fest in Bischkek, zwischen den Eichen des Tschingis-Aitmatow-Parks, konnten sie dieses Jahr bereits von einem progressiveren Kirgistan träumen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Niklas Birli für Novastan</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Wenn Duolingo nichts bringt: Wie und wo kann man die Sprachen Zentralasiens lernen?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hook.report]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 02 Sep 2026 17:43:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
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		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In den letzten Jahren w&#xE4;chst das Interesse an Zentralasien: Touristen werden von der jahrhundertealten Geschichte, den einzigartigen Traditionen und dem unvergleichlichen Flair angezogen. Das Verst&#xE4;ndnis einer Kultur ist eng mit der Sprache verbunden. F&#xFC;r viele Sprachinteressierte gibt es mittlerweile Dutzende von Apps&#x2013; von lokalen Duolingo-Analoga bis hin zu KI-basierten Diensten, die beim Sprechen &#xFC;ben helfen [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>In den letzten Jahren wächst das Interesse an Zentralasien: Touristen werden von der jahrhundertealten Geschichte, den einzigartigen Traditionen und dem unvergleichlichen Flair angezogen. Das Verständnis einer Kultur ist eng mit der Sprache verbunden. Für viele Sprachinteressierte gibt es mittlerweile Dutzende von Apps– von lokalen Duolingo-Analoga bis hin zu KI-basierten Diensten, die beim Sprechen üben helfen und Grammatik erklären. Das usbekische Online-Magazin Hook Report hat gemeinsam mit dem Team von IDEA Zentralasien im Rahmen des Projekts „Go Viral“ einige mobile Apps und Tools zur Erlernung der zentralasiatischen Sprachen zusammengestellt.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Zentralasiatische Sprachen sind aufgrund ihrer geringeren Verbreitung in den <strong>international</strong> bekannten <strong>Sprachlernplattformen</strong> seltener vertreten. So kann man beispielsweise bei Duolingo derzeit etwa 40 Sprachen lernen, darunter aussterbende Sprachen, eine tote Sprache (Latein) und sogar erfundene Sprachen (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Valyrisch">Valyrisch</a>). Hier sind Apps und Sprachplattformen, die sich auf die zentralasiatischen Sprachen konzentrieren:</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Internationale Apps</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die <strong>Ling-App</strong> konzentriert sich auf weniger gefragte Sprachen, darunter Usbekisch und Kasachisch. Die App bietet fünf Schwierigkeitsstufen: vom Anfänger bis zum Experten. Allerdings muss man für die Stufen oberhalb der Anfängerstufe mit Kosten rechnen. Im Monat kostet es etwa 20 US-Dollar, im Jahr 90 US-Dollar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit <strong>uTalk</strong> lassen sich über 150 Sprachen lernen, darunter Usbekisch, Kirgisisch, Kasachisch, Tadschikisch und Turkmenisch. Die Nutzer lernen Wörter und Redewendungen, indem sie Aufgaben zum Gedächtnistraining, zur Wiederholung und zum Nachsprechen absolvieren. Die App eignet sich ideal für Anfänger, ist aber auch für Muttersprachler nützlich. Auch bei uTalk gibt es ein Abonnement, das Zugang zu allen Sprachkursen, Lektionen sowie Übungen zur Aussprache und Spracherkennung gewährt. Im Monat kostet es etwa 12 US-Dollar, im Jahr 100 US-Dollar.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Neben den internationalen Diensten entwickeln sich auch lokale Plattformen. In vielerlei Hinsicht orientieren sich lokale Apps am Modell von Duolingo und setzen spielerische Aufgaben sowie ein Erfolgssystem ein. Es gibt jedoch auch klassischere Varianten – Taschenausgaben mit Lernmaterialien. Auch wenn die Auswahl nach wie vor begrenzt ist, steht die Qualität der lokalen Apps ihren ausländischen Pendants in nichts nach. Zudem ist ein Abonnement für lokale Dienste in der Regel deutlich günstiger.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kasachische Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Qonzhyq App</strong> ist eine App zum Erlernen der kasachischen Sprache mithilfe von Musik, Märchen und Texten aus der nationalen Kultur. Neben den üblichen Sprachübungen macht der Dienst die Nutzer mit Folklore und Literatur vertraut. Es gibt zwei Lernbereiche: einen für Kinder (Alphabet, Zahlen, Grundwortschatz) und einen für Erwachsene (5-minütige Übungen mit steigendem Schwierigkeitsgrad). Für die Nutzung der erweiterten Funktionen ist ein Abonnement erforderlich, das monatlich 4 US-Dollar kostet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>kop soz</strong> ist eine App mit ansprechendem Design zum spielerischen Erlernen der kasachischen Sprache. Die App arbeitet nach der Spaced-Repetition-Methode, genau wie Duolingo. Sie eignet sich sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene. Zu den besonderen Funktionen zählen die Videolektionen zur Grammatik und Musikvideos mit Untertiteln.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/ein-kleiner-ueberblick-zur-kasachischen-sprache/">Ein kleiner Überblick zur kasachischen Sprache</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Soyle</strong> ist ein Programm zum Erlernen der kasachischen Sprache durch interaktive Lektionen, Lese- und Schreibübungen sowie Aussprachetraining von Sprachniveau A1 bis C2. Die App enthält ausführliche Videolektionen zur Grammatik sowie Texte und Märchen auf Kasachisch. Der Zugriff auf alle Funktionen kostet 2 US-Dollar pro Monat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Entwickler bieten außerdem den Dienst <strong>Soyle Pro </strong>an – eine vereinfachte, spielerische Version des Dienstes, bei der man für das Lösen von Aufgaben Punkte erhält und neue Level freischaltet. Die Lernmaterialien sind kostenlos, werden jedoch nach und nach freigeschaltet, sobald man Aufgaben löst und neue Level erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aity</strong> ist eine App zum Erlernen der kasachischen Sprache mit Schwerpunkt auf Wortschatz und der Entwicklung der Konversationsfähigkeiten. Nach Angaben der Entwickler reichen 300 Grundwörter aus, um 90 % der Alltagssprache zu verstehen. Die App verfügt über erweiterte Bereiche, mit denen man bis zu 3.000 Wörter lernen kann; diese Option ist jedoch nur im Rahmen eines Abonnements für 2 $ pro Monat verfügbar. Das Lernverfahren basiert auf der Repetitionsmethode: Die App zeigt die Wörter in zufälliger Reihenfolge an, bis der Nutzer jedes Wort fünfmal korrekt übersetzt hat.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Usbekische Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">„<strong>Учите узбекский“ (Lernt/ Lernen Sie Usbekisch)</strong> ist eine kostenlose App zum Erlernen der usbekischen Sprache auf Russisch. Der Lernstoff ist in Kategorien unterteilt (Menschen, Natur, Gesundheit und so weiter), die freigeschaltet werden, sobald der Nutzer den Stoff durch das Lösen von Aufgaben in der Praxis festigt. Es gibt Grammatikaufgaben. Außerdem führt die App eine Aktivitätsstatistik und zählt die Erfolge. Gegen Bezahlung kann man die Werbung entfernen oder alle Kategorien sofort freischalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/die-entwicklung-der-usbekischen-gebaerdensprache/">Die Entwicklung der usbekischen Gebärdensprache</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit<strong> IZI Study</strong> kann man nicht nur Usbekisch, sondern auch Englisch, Deutsch und Französisch lernen. Der Usbekisch-Kurs ist in Lektionen unterteilt: Jede enthält ein Video, Übungen zum Vokabellernen, Grammatikregeln und eine praktische Aufgabe zur Anwendung dieser Regeln. Am Ende jeder Aufgabe gibt es eine Analyse der Aussprache der Laute der usbekischen Sprache. Dabei ist nur der allgemeine Usbekischkurs verfügbar, während Lektionen ab der dritten in der Premium-Version absolviert werden können. Die übrigen Sprachen sind in die Niveaustufen A1 bis B2 unterteilt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kirgisische Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Easy Kyrgyz</strong> ist eine kostenlose interaktive App zum Erlernen der kirgisischen Sprache über Russisch und Englisch. Sie hilft dabei, die Konversationsfähigkeiten zu entwickeln, den Wortschatz zu erweitern und die Schreibfertigkeiten mithilfe von spielerischen Aufgaben, Videolektionen und ausführlichen Grammatikanalysen zu verbessern. Für richtige Antworten gibt es Punkte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachisch-als-fremdsprache-lernen/">Kasachisch als Fremdsprache lernen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Kyrgyz Tili Learn&amp;Play</strong> ist eine kostenlose App zum Erlernen der kirgisischen Sprache mithilfe kurzer interaktiver Aufgaben: Lernkarten, „Paare finden“ und Buchstabengitter. Es gibt Funktionen zum Wiederholen von Fehlern und zum Nachverfolgen der gelernten Wörter. Der Vorteil des Dienstes besteht darin, dass man Themen (Zeit, Obst, Handlungen), den Schwierigkeitsgrad und die Dauer der Lerneinheit selbst auswählen kann. Man kann auf Russisch und Englisch lernen. Außerdem ist es möglich, Russisch auf Kirgisisch zu lernen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Künstliche Intelligenz beim Sprachenlernen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">KI erobert auch die Sprachlernwelt und hilft den dabei Fehler zu korrigieren, die Grammatik zu analysieren und zu erklären. Sie kann helfen das Sprechen und Schreiben zu üben. Die Vorteile dieser Lernmethode liegen darin, dass sich die KI an die individuellen Bedürfnisse des Nutzers anpassen und konkretes Feedback in Echtzeit geben kann. Man kann ganz selbstständig mit dem Chatbot zu lernen beginnen. Wichtig ist nur, die richtige und detaillierte Eingabe zu formulieren und nicht zu vergessen, der KI klärende Fragen zu stellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/wie-fuenf-forschende-fuer-die-sprachen-der-pamir-region-kaempfen/">Wie fünf Forschende für die Sprachen der Pamir-Region kämpfen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der Arbeit mit KI sollte man jedoch berücksichtigen, dass die Qualität der Unterstützung für verschiedene Sprachen unterschiedlich ist. Laut Chat GPT selbst funktioniert er unter den Sprachen Zentralasiens am besten mit Kasachisch und Usbekisch und am schlechtesten mit Turkmenisch, was auf begrenzte Daten und den eingeschränkten Zugang zu Sprachbeispielen von Muttersprachlern zurückzuführen ist. Die übrigen Chatbots weisen in etwa das gleiche Qualitätsniveau auf.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Warum sind diese Apps wichtig?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bekannte Sprach-Apps zeigen bislang wenig Interesse an Zentralasien. Zudem passen die Marktgiganten ihre Lernangebote selten an den lokalen Kontext an, was bei den Lernenden zu Problemen beim Einprägen und beim Verständnis kultureller Zusammenhänge führt. Die Entwicklung lokaler Apps und Dienste trägt nicht nur dazu bei, die Besonderheiten jeder Region zu bewahren, sondern wirkt sich auch positiv auf den Technologiemarkt der Region aus. Und das Interesse an solchen Apps wird den Entwicklern helfen, neue Sprachen hinzuzufügen und die Datenbank zu erweitern.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Yana Modelova für Hook</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://hook.report/2026/05/languages-of-central-asia/">Russischen</a> Sara Derbishova</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Ein kleiner Überblick zur kasachischen Sprache</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robin Roth]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Jun 2026 18:33:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachisch]]></category>
		<category><![CDATA[Linguistik]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Turksprachen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die kasachische Sprache gilt als eine der wichtigsten Turksprachen Zentralasiens. Doch was macht diese Sprache eigentlich besonders? Der Linguist, Turkologe und Autor des popul&#xE4;rwissenschaftlichen Projekts &#x201E;Qazaq Bubble&#x201C; Bibarys Se&#x131;tak erkl&#xE4;rt, warum viele verbreitete Vorstellungen &#xFC;ber Sprachen wissenschaftlich nicht haltbar sind, welche Besonderheiten die kasachische Sprache ausmachen und weshalb sprachliche Vielfalt ein kultureller Reichtum ist. Viele [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die kasachische Sprache gilt als eine der wichtigsten Turksprachen Zentralasiens. Doch was macht diese Sprache eigentlich besonders? Der Linguist, Turkologe und Autor des populärwissenschaftlichen Projekts „Qazaq Bubble“ Bibarys Seıtak erklärt, warum viele verbreitete Vorstellungen über Sprachen wissenschaftlich nicht haltbar sind, welche Besonderheiten die kasachische Sprache ausmachen und weshalb sprachliche Vielfalt ein kultureller Reichtum ist.</strong> <strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Menschen teilen Sprachen in „harte“ und „weiche“ ein. Laut Seıtak, handelt es sich dabei jedoch um reine individuelle Wahrnehmung, die von Geschichte und Kultur geprägt wird. Französisch gilt oft als weich und melodisch, weil es lange Zeit die Sprache der Diplomatie und der Eliten war. Die deutsche Sprache hingegen klingt rau – nicht wegen ihrer Laute, sondern wegen historischer Assoziationen mit Kriegen und dem Bild des Feindes in der Populärkultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnliche Mythen gibt es auch rund um die Turksprachen. Kasachisch wird manchmal wegen des Lautes [sch] als hart bezeichnet, im Gegensatz zu Usbekisch mit [j]. Doch dies entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Solche Laute kommen in vielen Sprachen vor, und ihre Härte ist eine Frage der Wahrnehmung.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ist Kasachisch wirklich schwer zu lernen?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Vorstellung, dass manche Sprachen grundsätzlich schwieriger seien als andere, weist Seıtak zurück. Jede Sprache hat ihre eigenen Schwierigkeiten. Englisch gilt für viele als einfach und Chinesisch hingegen wird als schwierige Sprache beschrieben. Natürlich ist die Schrift des Chinesischen ziemlich eigenartig, aber Milliarden von Menschen kommen mit der chinesischen Schrift zurecht, und sie unterscheiden sich in nichts vom Rest der Menschheit. Daher hängt die Schwierigkeit einer Sprache vor allem von den Vorkenntnissen, dem Umfeld und der Gewöhnung ab.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über „kiyu“ und „tağu“ in der kasachischen Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Besonderheit des Kasachischen ist die Verwendung unterschiedlicher Verben für Kleidung und Accessoires. Für Kleidungsstücke wird das Verb&nbsp;„<em>kiıu</em><em>“</em>&nbsp;verwendet, für Accessoires wie Uhren, Schals oder Schmuck dagegen&nbsp;„<em>tağu</em><em>“</em>. Auch im Türkischen, Persischen oder Ukrainischen werden unterschiedliche Verben für Kleidung und Accessoires verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für Kleidungsstücke wie Kleider, Jacken, traditionelle Mäntel (şapan), Pelzmäntel, Mäntel oder Hosen wird das Verb „kiıu“ verwendet. Wenn es sich hingegen um Accessoires wie Uhren, Krawatten, Tücher, Schals, Armbänder oder Ringe handelt, wird „tağu“ verwendet. Besonders sichtbar wurde dies während der Corona-Pandemie. Damals diskutierten viele Kasachstaner darüber, welches Verb für das Tragen einer Maske verwendet werden sollte. Nach Ansicht von Linguisten sind jedoch beide Varianten sprachlich nachvollziehbar. Die Debatte verdeutlicht, wie präzise das Kasachische bestimmte Handlungen beschreibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/sprache-als-mittel-zur-identitaetsfindung-und-abkehr-von-kolonialen-strukturen/">Sprache als Mittel zur Identitätsfindung und Abkehr von kolonialen Strukturen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Interessanterweise unterscheiden sich Kasachisch und Türkisch in einem kleinen, aber aufschlussreichen Detail. Beide Sprachen verwenden unterschiedliche Verben für Kleidung und Accessoires. Bei Kopfbedeckungen jedoch gibt es Unterschiede: Während Kasachen Mützen, Pelzkappen oder traditionelle Kopfbedeckungen als Teil der Kleidung betrachten, werden sie im Türkischen eher wie Accessoires behandelt. Linguisten vermuten, dass möglicherweise dies mit dem Klima zusammenhängt: Für die Nomaden der Steppe war die Kopfbedeckung nicht nur ein Accessoire, sondern eine lebensnotwendige Notwendigkeit.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Dialekte in der kasachischen Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz der großen geografischen Verbreitung gilt Kasachisch als vergleichsweise einheitliche Sprache, was bereits von den Sprachforschern im 19. Jahrhundert festgestellt wurde. Eine Erklärung allein durch die nomadische Lebensweise ist nicht stichhaltig; denn bei anderen Nomadenvölkern Zentralasiens, etwa den Turkmenen, haben sich deutlich stärkere Dialekte entwickelt.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Als möglicher Grund gilt die traditionelle Exogamie der Kasachen, also die Heirat außerhalb der eigenen Sippe. Dieser regelmäßige Austausch zwischen verschiedenen Gruppen könnte dazu beigetragen haben, sprachliche Unterschiede zu verringern. Dennoch existieren regionale Besonderheiten, vor allem im Westen Kasachstans, wo benachbarte Sprachen und historische Kontakte den Wortschatz beeinflusst haben.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über „Täte“ und „Köke“ </strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Regionale Unterschiede im Kasachischen zeigen sich vor allem im Wortschatz. So haben Kasachen in China chinesische Lehnwörter übernommen, während bei den Kasachen in der Mongolei mongolische Einflüsse erkennbar sind. Besonders interessant sind Wörter, deren Bedeutung je nach Region variiert. Das Wort „Täte“ bezeichnet im Norden Kasachstans eine Frau, im Westen dagegen einen Mann. Ähnlich verhält es sich mit „Köke“: Während viele darunter einen Onkel verstehen, wird der Begriff in manchen Regionen auch für Frauen verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachisch-als-fremdsprache-lernen/">Kasachisch als Fremdsprache lernen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Solche Verschiebungen sind für türkische Sprachen recht typisch. Auch die Geschichte des Wortes „äje“ (әже) zeigt, wie sich Sprache über Jahrhunderte verändert. In der alten türkischen Sprache bezeichnete es ursprünglich einen Vater oder älteren Bruder. Erst später erhielt das Wort eine weibliche Bedeutung und entwickelte sich schließlich zu seiner heutigen Bedeutung als Großmutter oder ältere Frau.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über den „richtigsten“ Dialekt</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn von einem „richtigen“ oder „reinsten“ kasachischen Dialekt die Rede ist, wird meist die Sprachvariante der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kasachensteppe">Kasachensteppe</a> im Nordosten Kasachstans genannt. Tatsächlich bildet sie die Grundlage der modernen kasachischen Schriftsprache. Dies hängt eng mit der Geschichte Kasachstans zusammen. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Region zwischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Semei">Semeı</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qostanai">Qostanaı</a> zu einem wichtigen Zentrum der kasachischen Intelligenz. In dieser Zeit entstanden die Grundlagen der modernen kasachischen Literatur und Standardsprache – ähnlich wie in vielen anderen Ländern, die damals nationale Identitäten und einheitliche Schriftsysteme entwickelten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über die Bedeutung von Dialekten in der Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Für Bibarys Seıtak sind Dialekte kein Problem, sondern ein Ausdruck sprachlicher Vielfalt. Sie gehören zum kulturellen Erbe und bereichern die Sprache um regionale Besonderheiten und Nuancen. Zwar seien Rechtschreibung und Aussprache für die Standardsprache wichtig, doch die Abwertung regionaler Sprachvarianten könne er nicht nachvollziehen. Letztlich handele es sich um dieselbe Sprache mit unterschiedlichen Wörtern und Ausdrucksweisen. Gerade diese Vielfalt mache das Kasachische lebendig und interessant.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über die Globalisierung und die kasachische Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Globalisierung beeinflusst die kasachische Sprache nicht nur durch die Übernahme englischer Begriffe. Umgekehrt verbreitet sich auch das Kasachische zunehmend über kulturelle Produkte wie Musik, Filme, Serien und soziale Medien.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/ne-kyltan-wie-digitalisierung-die-kirgisische-sprache-veraendert/">“Ne kyltan?” – Wie Digitalisierung die kirgisische Sprache verändert</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dadurch gewinnt die Sprache auch außerhalb Kasachstans an Sichtbarkeit und ist vielen Nachbarvölkern – etwa Karakalpaken, Kirgisen, Usbeken oder Tataren – vertraut. Nach Ansicht von Seıtak wird bei Diskussionen über die internationale Verbreitung der kasachischen Kultur oft vor allem an den Westen gedacht. Dabei werde häufig übersehen, dass bereits die Nachbarländer ein großes und wichtiges Publikum darstellen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über die überraschendste Erkenntnis</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Eine der überraschendsten Erkenntnisse aus Seıtaks Projekt „Qazaq Bubble“ ist das große Interesse an populärwissenschaftlichen Inhalten in Kasachstan. Nach seiner Erfahrung spielt dabei die Sprache eine geringere Rolle als oft angenommen: Wissenschaftliche Themen können sowohl auf Kasachisch als auch auf Russisch ein breites Publikum erreichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entscheidend sei vielmehr die Art der Vermittlung. Werden wissenschaftliche Inhalte verständlich, kreativ und ansprechend präsentiert, stoßen sie auf großes Interesse. Das Projekt zeige, dass sich die kasachische Sprache hervorragend eignet, um komplexe Themen lebendig, spannend und sogar unterhaltsam zu erklären.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zu den Besonderheiten der kasachischen Sprache </strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht weist das Kasachische einige Besonderheiten auf. Bestimmte Laute haben sich im Laufe der Zeit anders entwickelt als in vielen anderen Turksprachen. Dadurch können verwandte Wörter im Kasachischen anders klingen als etwa im Kirgisischen, Usbekischen oder Tatarischen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/gemeinsames-lateinisches-alphabet-fuer-alle-turksprachen/">Gemeinsames lateinisches Alphabet für alle Turksprachen?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Lautveränderungen führen dazu, dass im Kasachischen vergleichsweise viele Homonyme vorkommen – also Wörter, die gleich klingen, aber unterschiedliche Bedeutungen haben. Zudem verfügt die Sprache über einen eigenen Wortschatz mit Begriffen, die in anderen Turksprachen nicht vorkommen. Ein Beispiel ist das Wort „sausaq“ für „Finger“, das als typisch kasachisch gilt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über vergessene Wörter und Ausdrücke </strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wie jede lebendige Sprache verändert sich auch das Kasachische ständig. Neue Wörter entstehen, andere geraten in Vergessenheit. Seıtak beobachtet jedoch mit Bedauern, dass manche traditionelle Begriffe von jüngeren Generationen kaum noch verstanden werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Beispiel nennt er Wörter für Körperhaltungen oder Naturphänomene, die zunehmend durch modernere oder aus anderen Sprachen übernommene Ausdrücke ersetzt werden. Für den Linguisten ist das ein natürlicher Sprachwandel. Als Muttersprachler bedauert er jedoch, dass mit solchen Wörtern oft auch ein Stück kulturelles Wissen und Alltagserfahrung verloren geht.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über die Abstammung der türkischen Sprachen untereinander</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Seıtak weist auf ein weit verbreitetes Missverständnis hin: In der Sprachwissenschaft wird nicht gefragt, welche Turksprache von welcher abstammt. Alle heute gesprochenen Turksprachen gelten als gleich alt und haben sich über Jahrhunderte parallel entwickelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwirrung entsteht häufig dadurch, dass historische Volks- oder Sprachbezeichnungen unterschiedlich früh in schriftlichen Quellen auftauchen. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass eine Sprache älter oder jünger ist als eine andere. Allerdings können einzelne Sprachen bestimmte archaische Merkmale bewahren, die in verwandten Sprachen bereits verschwunden sind. Solche Unterschiede sagen jedoch etwas über die Entwicklung einer Sprache aus – nicht über ihr Alter.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zur Feststellung der Sprachverwandtschaft</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Frage nach einer möglichen Verwandtschaft zwischen türkischen und mongolischen Sprachen beschäftigt die Sprachwissenschaft seit Langem. Die sogenannte Altaı-Hypothese geht von einem gemeinsamen Ursprung aus, bislang fehlen jedoch überzeugende Beweise dafür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnliche Wörter in beiden Sprachfamilien lassen sich häufig durch historischen Sprachkontakt und gegenseitige Entlehnungen erklären. Um Sprachverwandtschaft nachzuweisen, untersuchen Linguisten vor allem den Grundwortschatz einer Sprache. Während die Turksprachen hierbei viele Gemeinsamkeiten aufweisen, fehlen solche systematischen Übereinstimmungen mit den mongolischen Sprachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch grammatische Ähnlichkeiten gelten nicht automatisch als Beweis für eine gemeinsame Herkunft. Bestimmte Sprachstrukturen können unabhängig voneinander in verschiedenen Regionen der Welt entstehen. Deshalb unterscheiden Linguisten klar zwischen echter Sprachverwandtschaft, übernommenen Wörtern und bloßen strukturellen Ähnlichkeiten.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>The Village</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen Sara Derbishova</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>„Ermen Anti“: Legende des kasachischen Punkrock auf Europatournee</title>
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		<dc:creator><![CDATA[bstoeckl]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Jun 2026 16:03:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>&#x201E;Ermen Anti&#x201C; &#x2013; mit b&#xFC;rgerlichem Namen Ermen Erjanov &#x2013; ist die Gallionsfigur des kasachischen Punks. Mit seiner Band &#x201E;Adaptatsiya&#x201C;, die er 1992 in der westkasachischen Stadt Aqt&#xF6;be gr&#xFC;ndete, hat er bereits 15 Studioalben ver&#xF6;ffentlicht und zahlreiche Tours in Russland und Europa gespielt. Im Interview erz&#xE4;hlt er uns &#xFC;ber das neueste Album seines Soloprojekts, den Einfluss [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">„Ermen Anti“ &#8211; mit bürgerlichem Namen Ermen Erjanov &#8211; ist die Gallionsfigur des kasachischen Punks. Mit seiner Band „Adaptatsiya“, die er 1992 in der westkasachischen Stadt Aqtöbe gründete, hat er bereits 15 Studioalben veröffentlicht und zahlreiche Tours in Russland und Europa gespielt. Im Interview erzählt er uns über das neueste Album seines Soloprojekts, den Einfluss des Ukrainekrieges auf seine Tätigkeit als Musiker und wie sich die kasachische Punkszene in den letzten 30 Jahren entwickelt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Benedikt Stöckl für Novastan: Könnten Sie unseren Lesern kurz etwas über Sich und Ihre Kunst erzählen?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ermen Anti: Mein Name ist Ermen Erjanov. Ich wurde 1974 geboren. Mein Künstlername ist Ermen Anti. 1992, im Alter von 17 Jahren, gründete ich in der Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqt%C3%B6be">Aqtöbe</a> – damals noch unter dem Namen „Aktjubinsk“ – die Punkband „Adaptatsiya“, die bis 2019 bestand. Ich bin durch die gesamte ehemalige Sowjetunion getourt und viel in Europa aufgetreten. Danach gab es eine Pause und einige Soloprojekte. Im Jahr 2024 habe ich die Band wieder ins Leben gerufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben „Adaptatsiya“ habe ich noch viele andere Projekte, zum Beispiel im Bereich der Poesie. Meine Gedichte wurden (aus dem Russischen) ins Deutsche und Tschechische übersetzt und sind auch in Russland erschienen. Ich bin Autor mehrerer Bücher, darunter mein autobiografisches Buch „Nomad Punk“. Meinen Stil nenne ich „Nomad Poetry Punk“.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was verbirgt sich hinter der Bezeichnung „Nomad Poetry Punk“?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nomad“ steht zum einen für meinen nomadischen Lebensstil. Ich bin ständig auf Tour und reise um die Welt. Das ist schon so eine Art Lebensweise. Man bleibt nicht an einem Ort. Zweitens ist es ein Verweis auf meine Wurzeln. „Poetry“ ist, im Gegensatz zu vielen Punkbands, die einfach nur expressiv sind oder so, bei uns sehr poetischer Punk. Wie bei „Patti Smith“, wo Punk und Poesie miteinander verschmelzen. Das sind nicht einfach irgendwelche Parolen wie <em>„Nieder mit der Bourgeoisie, nieder mit dem Kapitalismus“</em>, sondern das ist Poesie. Das ist echte Poesie.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was hat Sie dazu motiviert? Wann haben Sie diese Idee aufgegriffen und gesagt, dass Sie das umsetzen wollen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst gab es eine Vorbereitungsphase, zwei bis drei Jahre, in denen wir Informationen sammelten, und dann wollten wir selbst etwas schaffen. Wir begannen zum Beispiel, den ersten Perestroika-Rock zu hören, den uns russische Bands nähergebracht hatten. Interpreten wie „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aquarium_(Band)">Aquarium</a>“ oder die Band „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kino_(russische_Band)">Kino</a>“. Und dann hat mich der Punkrock gepackt. Irgendwann im Alter von 15 oder 16 Jahren hörte ich, dass es bei uns in der Sowjetunion die berühmte Band „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Graschdanskaja_Oborona">Grazhdanskaya Oborona</a>“ gibt, dann erreichten uns Aufnahmen von den „Sex Pistols“ und „The Clash“, und diese Ästhetik des energiegeladenen Protest-Punks lag mir sehr nahe. So begann ich, in diese Richtung zu gehen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Welche Hindernisse gab es damals für jemanden, der im vor kurzem unabhängig gewordenen Kasachstan in einer Punkband spielen wollte?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst 1992 bis 1993, als wir anfingen zu spielen, gab es bei uns gewisse Hindernisse; man ließ uns zum Beispiel nicht in offiziellen Veranstaltungsorten der mittleren Ebene auftreten. Damals gab es keine Clubs und wir spielten in irgendwelchen geschlossenen Sälen und organisierten selbst illegale Konzerte, weil man uns offiziell nirgendwo hineinließ. Der Grund dafür war, dass die Kultur und alle möglichen Kulturhäuser von Leuten sowjetischer Prägung geleitet wurden, für die Rock eine Art westliche Subversion war. Sie konnten vielleicht diesen ruhigen offiziellen Rock akzeptieren, der von Liebe singt, aber als wir kamen und Punk spielten, war das für sie ein Schock.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir waren eine der ersten Punkbands in Kasachstan, und deshalb löste diese Punk-Ästhetik bei vielen Normalbürgern und Führungskräften einfach nur Schock aus. Sie versuchten, sich davon zu distanzieren und es zu verbieten. Was die Behörden angeht, so gab es keinen direkten Druck, aber sie waren auf den Konzerten anwesend. Wir sahen, dass diese Leute entweder von der Polizei oder von den Geheimdiensten waren, die einfach nur dasaßen und zuschauten. Wir wurden damals noch kontrolliert von oben und standen unter Generalverdacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Welche Erinnerungen haben Sie an ihre ersten Konzerte?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Unser allererstes Konzert gaben wir in einer Mittelschule, in der Aula. Ich habe viele Erinnerungen daran. Vor einigen Jahren ist mein Buch „Nomad Punk“ erschienen, in dem der Zeitraum von 1992 bis 1997 sehr ausführlich beschrieben wird. Das macht wahrscheinlich fast die Hälfte des Buches aus, denn erstens erinnert man sich an die Zeit der Entstehung, in der Jugend, an alles viel lebhafter, und damals gab es nicht so viele Konzerte wie heute. Als die Band zum Beispiel schon bekannt war, gab es 5–6 Konzerte im Jahr, und jedes Konzert war ein Ereignis. Kurz darauf hatten wir auch ein Konzert im Kulturpalast der Eisenbahner, und ich erinnere mich daran, ich erinnere mich sehr gut daran, wie das alles ablief, was davor und danach war, das ist mir im Gedächtnis geblieben. Und dabei gibt es Dutzende von Konzerten in Städten in Russland oder irgendwo in Europa, die stattgefunden haben, aber an die du dich trotzdem erinnerst auf einer Tour. Du hast eine Tour mit 30 Konzerten, und an manche Konzerte erinnerst du dich nicht.&nbsp;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wenn Sie heute mehr Konzerte geben – hat sich Ihre Einstellung zu Konzerten im Vergleich zu damals verändert?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das hat sich nicht geändert, wir haben immer versucht, aufrichtig und energiegeladen zu sein und unsere Botschaft zu vermitteln. Und was ich mit vielen Konzerten meine, das war vor 2022. Jetzt ist es leider nicht mehr so, wir spielen nicht mehr so viel, denn nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine haben wir uns gegen den Krieg ausgesprochen, und ich habe auf Konzerte in Russland verzichtet – etwa 70 Prozent meiner Konzerte fanden vorher dort statt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie sind gerade in Berlin, um gemeinsam mit Dr. Hoffman Ihr neues Album vorzustellen. Was können die Fans von diesem neuen Album erwarten? Gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie es gerade in Berlin vorstellen?&nbsp;&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Grund dafür ist, dass die gesamte Musik auf diesem Album in Berlin aufgenommen wurde. Für die Musik war bei uns Dr. Hoffmann verantwortlich, er lebt hier [in Berlin, Anm. d. Red.]. Es handelt sich dabei um ein Internetprojekt, das ins Leben gerufen wurde. Die Musik wurde in Berlin aufgenommen, die Gesangsaufnahmen fanden im Oktober in Kasachstan statt. Abgemischt wurde das Ganze in Krasnojarsk. Die dazugehörige Video-Art entstand in Serbien. So kam das Projekt zustande. Deshalb bin ich hierhergekommen nach Berlin; ich bin gerade auf einer Akustik-Tournee durch Europa, und das Album ist direkt vor meiner Abreise erschienen. Wir hatten im Voraus geplant, zwei Präsentationen in Deutschland zu geben. Das war am 5. Juni in Berlin, in der Panda-Plattform, und am 6. Juni in Leipzig.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/zentralasien-und-europa/die-scheisskerle-kommen-bischkeker-gruppe-vtoroi-ka-geht-auf-europatour/">Die Scheißkerle kommen: Bischkeker Gruppe Vtoroi Ka geht auf Europatour</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Was kann man von diesem Album erwarten? Es gab bereits eine erste Rezension von einem beliebten Telegram-Kanal in Russland. Es ist ein neuer Sound. Ein neuer Klang. Es ist kein Punk, es ist Reggae, es ist keine elektronische Musik, vielleicht eine Art Hip-Hop. Und die Songs, die darauf zu finden sind: Der früheste, der erste Song, wurde 1994 geschrieben, der späteste im Jahr 2023. Dabei vermittelt das Album eine gewisse Ganzheitlichkeit, es gibt also keine Unterteilung. Es ist kein „Greatest Hits“-Album, sondern ein echtes Album.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar sind dort alte Hits enthalten, aber wir haben bewusst darauf geachtet, dass es nicht „The Very Best of Greats Hits“ wird, sondern ein neues Album von Ermen Anti, Doktor Hoffman, „Radio Baikonur”. Das war das ganze Konzept.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie hatten bereits Konzerte in Novi Sad und Belgrad, und vor kurzem waren Sie in Prag und Stuttgart. In Prag haben Sie zusammen mit Maksym Kabyr und Viktor Kulhanek das Buch „Trilobiti“ vorgestellt. Worum geht es in diesem Buch und wie sind diese Idee und dieses Projekt überhaupt entstanden?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2023 kam ich zum ersten Mal für ein Solokonzert nach Prag. Dort lernte ich Maksym und Denis kennen. Im selben Jahr erschien mein Buch in Tschechien. Die Gedichte waren dort zweisprachig abgedruckt: auf der einen Seite der Originaltext auf Russisch, auf der anderen Seite die tschechische Übersetzung. Dieses Buch war die erste Veröffentlichung eines kasachischen Dichters in tschechischer Sprache seit der Unabhängigkeit Kasachstans. Das Buch ist in vielen tschechischen Bibliotheken zu finden und es gibt auch Rezensionen dazu. Der tschechische Botschafter in Kasachstan besitzt sein eigenes Exemplar, wir haben es gut verbreitet. Wir fuhren für Konzerte nach Prag und freundeten uns an. Viktor Kulhanek kannte ich schon lange, als er noch in Moskau lebte. Er arbeitete dort bei Radio Svoboda.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so kam es, dass wir beschlossen, zu dritt ein gemeinsames Gedichtband mit Werken von drei verschiedenen Autoren herauszugeben. Wir sind Vertreter derselben Generation. Ich komme aus Kasachstan. Viktor Kulhanek stammt aus Russland, lebt aber in Prag. Maksym Kobyr kommt aus der Ukraine und lebt ebenfalls in Prag. Wir haben einen solchen Gedichtband zusammengestellt, in dem jeder etwa 20 seiner Werke beigesteuert hat. Sie wurden alle in einem Band vereint. Das einzig Spezielle ist, dass meine Gedichte an erster Stelle stehen und ich eine Übersetzung ins Tschechische hinzugefügt habe. Denn ich möchte, dass die Tschechen meine Gedichte auf Tschechisch lesen können. Bei den anderen sind sie nur auf Russisch, bei mir auf Russisch und auf Tschechisch.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ich habe gehört, dass Sie das Gleiche mit Ihren Gedichten in Berlin gemacht haben, dass es eine russische und eine deutsche Fassung gibt. Haben Sie die deutsche Fassung selbst geschrieben?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein, die deutsche Fassung wurde von den Verlegern Mario Aksher und Yuri herausgegeben. Sie haben sie übersetzt. Es handelt sich dabei nicht um zwei verschiedene Bücher. In einem Buch steht der Text auf Russisch und daneben, auf der anderen Seite, auf Deutsch. Es ist also einfach eine Übersetzung, sozusagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie treten bereits seit 1992 mit „Adaptatsiya” auf. Das ist schon eine ziemlich lange Zeit. Wie hat sich die Punkszene in Kasachstan bzw. in Zentralasien seitdem verändert? Welche Veränderungen konnten Sie beobachten?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Punkszene war damals noch nicht besonders stark ausgeprägt; als wir in den 90er Jahren in Aktobe anfingen, gab es zwar einige Bands, vielleicht in Almaty, aber sie war noch nicht so weit entwickelt. Dann gab es eine Zeit, in der sich in Aktobe, abgesehen von „Adaptatsiya“, so etwas wie eine Clique bildete, um uns herum entstand eine ganze Clique, die wir „Aktobe-Punk-Club“ nannten. Er wurde 1993 gegründet und umfasste etwa 8 verschiedene Projekte. Das heißt, ich spielte Gitarre bei „Adaptatsiya&#8220; und spielte auch in einer anderen Band namens „Mucha“ Schlagzeug. Wir waren ungefähr zu sechst und spielten in sieben Bands.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zudem haben wir uns an allerlei verschiedenen Projekten ausprobiert. 1994 habe ich ein interessantes Projekt auf Kasachisch namens „Bischarabaldar“ [<em>„Arme Kinder“, Anm. d. Red.</em>] ins Leben gerufen. Ich habe einen Song geschrieben, weil ich mir wünschte, dass es auch auf Kasachisch Punk gäbe. Es gab Punks in Malaysia und auf den Philippinen, aber auf Kasachisch gab es so etwas quasi nicht. Und ich habe eine ganze Reihe solcher Songs geschrieben, aber es ist kein wirklich ernsthafter Punk, sondern eher sozialkritischer oder antireligiöser Punk, zum Beispiel der Song „Ich liebe Schweinefleisch“, der bei den allzu Religiösen eine Art Hysterie ausgelöst hat. Und dieses Projekt hatte einige Hits, 2004 haben wir in Frankreich ein ganzes Split-Album aufgenommen, auf dem die Hälfte „Adaptatsiya“ und die andere Hälfte „Bischarabaldar“ ist. Damit haben wir zementiert, dass es kasachischen Punk gibt. Jeder Punkfan auf der Welt kann jetzt „Bischarabaldar“ finden und Punk auf Kasachisch hören.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/duo-falak-wie-tadschikische-tradition-in-experimenteller-musik-neu-auflebt/">Duo Falak – Wie tadschikische Tradition in experimenteller Musik neu auflebt</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Später, als in Kasachstan Mitte der Nullerjahre mehr oder weniger eine Zeit des Wohlstands einsetzte, tauchte eine ganze Welle junger Punkbands auf, die Pop-Punk spielten und sich an der kalifornischen Szene orientierten. Äußerlich sah das nach Punk aus, inhaltlich sangen sie aber wie jede andere Pop-Band: über Mädchen, über Bier – es ging also überhaupt nicht um soziale Probleme. Sie sangen nicht einmal über die Probleme ihrer Generation, etwa innere Probleme – die Emos zum Beispiel sangen über die inneren Belange der Jugend –, sondern diese hier sangen einfach:<em> „Ich habe mich mit einem Mädchen gestritten, ich geh mich betrinken.“</em> Und das alles sozusagen im Rhythmus des Punkrocks.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe mich davon immer ferngehalten. Aber ich kann jetzt sagen, dass in den letzten Jahren, besonders in Almaty, eine Art Renaissance des Punkrocks zu beobachten ist. Es tauchen sehr viele verschiedene junge Punkbands auf, und zwar von so einem „Crossover-Punk“ – hart, Hardcore – bis hin zu eher traditionellem Punk. Dann entwickelte sich Fem-Punk, es entstanden Bands in Astana und Almaty, Mädchen, die Punk spielen, was es früher nicht gab. Also, ja, es gibt gerade so etwas wie eine dritte Welle des Punk. Wir spielen schon lange, und ich habe vieles davon miterlebt und sehe es – ich kann sagen, dass es gerade einen Aufschwung gibt.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Welche Rolle spielen Sie in diesem Ganzen? Würden Sie Sich für diese neueren Punkbands als eine Art Idol oder Wegbereiter bezeichnen?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, welche Rolle ich spiele. Manche lieben uns, manche hassen uns zutiefst. Das ist nun mal so, wir sind in unserer Stadt auch nicht zu Popstars geworden. Wir sind dort sehr bekannt, und auch landesweit in dieser ganzen Szene. Aber wir hatten immer so eine Art, uns ein bisschen abseits zu halten, wir waren nicht im Mainstream, deshalb sind die Beziehungen unterschiedlich, von respektvoll bis hasserfüllt sozusagen. Das sind normale Gefühle, ich will ja nicht jedem gefallen, deshalb ist sogar Hass ein normales Gefühl. Man kann in dieser Szene natürlich nicht unumstritten sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was bedeutet es für Sie persönlich, in Kasachstan ein Punk zu sein? Unterscheidet sich diese Erfahrung etwa von der in anderen Teilen der Welt?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin jetzt schon 52 Jahre alt. Ich sage nicht direkt, dass ich ein Punk bin. Ich sage, ich bin ein Nomaden-Punk. Oder ein Punk-Musiker. Das heißt, ich bin nicht mehr derjenige, der ich mit 17 oder 18 war, als ich mit einem Irokesenschnitt herumlief. Ich habe jetzt meine Familie und alles ist ein bisschen anders. Ich bin also kein Street-Punker mehr, der 20 oder 25 ist. Ich habe bereits einige Jahre auf dem Buckel, ein gewisses Verständnis, eine gewisse Verantwortung, deshalb drückt sich mein Punk im Grunde genommen in erster Linie in Ideen und in der Musik aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin grundsätzlich immer der Meinung, dass Punk sozusagen eine Idee von Freiheit und Protest ist. Das heißt, wenn dich irgendetwas bedrückt, wie zum Beispiel derzeit der Ukrainekrieg. Ich sehe mich alsTeil dieses Prozesses. Das heißt, im Moment sehe ich es quasi als Aufgabe der Band, dazu beizutragen, dass dieser Krieg auf normale Weise endet, dass das Imperium verliert. Wir tun gerade alles, damit unsere Hörer – auch diejenigen, die in Russland verblieben sind – sehen, dass wir leben, dass wir arbeiten, dass wir etwas tun. Und wenn der richtige Moment kommt, werden sich diese Menschen angemessen verhalten. Das sind also nicht die Leute, die Putin und den Krieg unterstützen. Im Moment halte ich das für das Wichtigste.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/der-metal-boom-in-bischkek-ein-kirgisischer-musikpionier-im-portraet/">Der Metal-Boom in Bischkek: ein kirgisischer Musikpionier im Porträt</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es gibt einige Punkbands, die Punk spielen, aber überhaupt nicht über soziale Themen singen. Ich zwinge niemanden, ich mache keine Propaganda. Das ist eine persönliche Entscheidung jedes Einzelnen, wie er es sieht. Aber das ist mein Blickwinkel auf die ganze Sache. Ich bin 52 Jahre alt, wie lange ich noch leben werde, weiß ich nicht. Wie lange dieser Krieg noch dauern wird, weiß ich nicht. Aber wenn Putin diesen Krieg gewinnt, dann wird es auch für Kasachstan schlecht ausgehen, den Ort, an dem ich lebe. Ich wohne 100 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Deshalb ist meine Haltung so: Solange dieser Krieg andauert, solange wir so arbeiten, werden wir so hart auf all das reagieren.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das zeigt sich nicht darin, dass wir dort irgendwelche politischen Slogans oder solche Sachen raushauen. Im Gegenteil, wir arbeiten ständig. Jedes Jahr bringen wir Alben heraus, sind aktiv und schreiben Songs. Aber genau diese Botschaft steckt in diesen Songs.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Inwiefern unterscheidet sich Ihre Poesie von der Musik?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt keinen großen Unterschied. Musik ist Musik, Poesie ist Poesie. Manchmal entstehen Songs einfach auf unterschiedliche Weise. Manchmal entsteht zuerst der Text, dann die Musik. Manchmal ist es umgekehrt, erst die Musik, dann der Text, und manchmal beides gleichzeitig. Ich mache da keine Unterscheidungen. Das bin ich. Das sind sozusagen meine Gedichte. Alles, was sozusagen von mir kommt, auch die Musik. Ich versuche, es so zu gestalten, dass diese Gedichte meiner Meinung nach mit dieser Begleitung angemessen klingen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Heißt das also, dass Sie für sich selbst keine klaren Grenzen zwischen Poesie und Musik ziehen?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich trete manchmal bei Dichterlesungen auf, wo ich einfach vorlese. Ich habe viele Texte, aus denen keine Lieder geworden sind. Es sind einfach Gedichte. Und das ist normal. Manchmal wird aus einem Gedicht ein Monat später ein tolles Lied.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mit Dr. Hoffman spielen Sie Ihre Lieder im Reggae-Stil. Was hat Sie zu diesem Projekt motiviert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Reggae, ein bisschen Elektronik, so eine Art Old-School-Hip-Hop, könnte man sagen. Es war wie so oft eine Frage des Zufalls. Dr. Hoffman ist ein alter Bekannter von mir. Erstens ist er ein Landsmann von mir, er kommt aus Kasachstan. Ende der 90er Jahre ist er aus Almaty weggegangen.&nbsp; Er kam zu unseren Konzerten, er liebt &#8222;Adaptatsiya&#8220; sehr. Und vor einem Jahr hat er mir ein paar instrumentale Demoversionen geschickt. Er sagte: <em>„Ermin, schau mal, was ich da gemacht habe, hör mal rein.“</em> Es hat mir gefallen, darum sagte ich, lass uns ein Album machen. Und ein bisschen ohne Eile, ich war sehr beschäftigt, weil ich noch auf Tour war, irgendwelche Dinge zu erledigen hatte. Aber wir haben gearbeitet, er hat mir etwa 15 bis 17 Tracks geschickt, von denen ich nur 9 ausgewählt habe, mit denen wir dann weitergearbeitet haben. Denn manche Versionen haben nicht funktioniert, klangen nicht gut. Aber die 9, die wir ausgewählt haben, haben wir überarbeitet, ich habe die Gesangsparts aufgenommen, wir haben sie uns geschickt und abgemischt. Wir haben also lange daran gearbeitet, das Album ist buchstäblich gerade erst erschienen, ich habe es auf <a href="https://ermenanti.bandcamp.com/album/dr-hoffmann-2026">Bandcamp</a> veröffentlicht, etwa drei Stunden vor dem Abflug zur Tour. Es ist jetzt auf <a href="https://open.spotify.com/intl-de/album/75N0dG3Zxo0bgIhMTluUfn">Spotify</a>, <a href="https://music.apple.com/ge/album/%D1%80%D0%B0%D0%B4%D0%B8%D0%BE-%D0%B1%D0%B0%D0%B9%D0%BA%D0%BE%D0%BD%D1%83%D1%80/6773697624">Apple Music</a> und so weiter zu finden, man kann es eigentlich überall finden. Wir haben es auf unserer <a href="https://ermen.antimusic.ru/">Website</a> veröffentlicht, dort kann man es kostenlos herunterladen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Live-Präsentationen finden nur in Berlin und Leipzig statt, weil wir ja weit entfernt voneinander wohnen. Ich werde vielleicht Präsentationen in Kasachstan halten, aber das wird dann wohl ohne Dr. Hoffmann sein, nur mit Musik und Videokunst. Daher werden wir dort leider nicht komplett sein, aber ich denke, auch in Kasachstan werden die Leute von so einem Sound ein bisschen überrascht sein. Nicht jeder sieht mich ohne Gitarre, sondern nur mit einem Mikrofon.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie haben auf Instagram einen Beitrag über Ihre Lieblingsspots in Berlin gepostet. Wie sind Sie überhaupt 2002 zum ersten Mal nach Berlin gekommen? Was halten Sie von dieser Stadt?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist meine Lieblingsstadt auf der ganzen Welt. Ich war schon sehr oft dort – seit dem ersten Mal versuche ich, hierherzukommen und mehr Zeit hier zu verbringen. Und 2002 war das überhaupt unsere erste Auslandsreise. Wir hatten damals Konzerte in Berlin und in Paris. Und als uns Berlin verzaubert hatte, verbrachten wir hier etwa zwei Wochen. Es war ein etwas anderes Berlin; mir ist klar, dass sich Städte verändern, aber damals erlebten wir noch das alte Kreuzberg, eine Art gegenkulturelles Zentrum. Jede Menge Leute, Ausstellungen, Säle. Wir sind überall hingegangen und haben uns alles angesehen. Für uns war das etwas ganz Neues. Dann hat uns die Multikulturalität der Stadt sehr beeindruckt. Also diese Vermischung verschiedener Kulturen, sogar auf der Ebene der Küche – das Essen dort ist sehr interessant. Und dann die Stadt selbst, ihr Rhythmus, die Architektur. Hier hängt alles zusammen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und meine zweitliebste Stadt ist Almaty. Sie ist einfach die Kulturhauptstadt Kasachstans – man nennt sie auch die kulturelle und die südliche Hauptstadt. Aber tatsächlich, ja, alle wichtigen kulturellen Ereignisse und Auftritte von Künstlern, Musikern und Theatern – all das findet in Almaty statt. Astana hinkt da weit hinterher, denn in Astana dreht sich fast alles nur um das Offizielle.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wenn Sie in Europa auftreten, wie wird Ihr Schaffen dort aufgenommen? Und wer besucht Ihre Konzerte?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Von Anfang an, als wir anfingen, hierher zu kommen, spielten wir natürlich vor einem Publikum, das in Berlin hauptsächlich aus Einwanderern aus der Sowjetunion bestand. Aus den ehemaligen Republiken der Sowjetunion. In Frankreich gab es das hingegen überhaupt nicht. Wir hatten einen Direktor, der selbst Anarchist war, und er hat uns extra auf die linke Szene geschickt, wir spielten Konzerte in anarcho-kommunistischen, linken Squats. Die Szene war damals sehr stark entwickelt, sie hatten ihre eigenen Clubs, ihre eigenen Bars, Squats, Labels, Radiosender. In Paris gab es <em><a href="https://radio-libertaire.org/accueil.php">Radio Libertaire</a></em>, einen sehr guten Rund-um-die-Uhr-Radiosender. Wir waren sehr oft dort auf Sendung, unsere Songs wurden gespielt. Das heißt, dort gab es keine Russen, wir spielten zusammen mit französischen Bands für die Franzosen. Sie waren begeistert, sie haben vielleicht die Texte nicht verstanden, aber sie haben die Energie gespürt.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich würde sagen, dass die Mehrheit, besonders jetzt, ein Großteil unseres Publikums [<em>aus Russland, Anm. d. Red.</em>] weggezogen ist. Etwa eine Million Menschen sind weggezogen, und die meisten von ihnen haben sich in Europa niedergelassen. Ich hätte also nie gedacht, dass ich einmal in Serbien spielen würde, dort, bei Akustikkonzerten. Und jetzt fahre ich dorthin, und dort gibt es Leute, die uns in Russland besucht haben, und jetzt kommen sie eben dorthin. Und zum Beispiel in Polen, in Warschau oder in Vilnius kommen hauptsächlich Belarussen zu den Konzerten. Das sind diejenigen, die gezwungen waren, aus Belarus zu fliehen, und die dort bis zu den Ereignissen des Jahres 2020 zu unseren Konzerten kamen. Dann hat die Hälfte von ihnen kurze Haftstrafen im Gefängnis verbüßt.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Werden Sie dort auch beim Festival „Zapatista Baltica“ in Riga auftreten?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, es ist ein <a href="https://www.instagram.com/p/DYpnTDMDIyS/?utm_source=ig_web_copy_link&amp;igsh=NTc4MTIwNjQ2YQ%3D%3D">kleines Festival</a> – Anarchisten veranstalten oft solche kleinen Akustikfestivals –, aber es ist interessant, weil dort – abgesehen davon, dass ich als Headliner aus Kasachstan dabei bin – auch jemand aus der Ukraine auftreten wird. Ich kenne ihn, wir sind 2007 bis 2008 einmal gemeinsam in Klaipėda aufgetreten. Und zwei Künstler aus Litauen und aus Lettland. Bei dem Festival versammeln wir uns trotz des Krieges als Vertreter dreier Länder und veranstalten gemeinsam ein Konzert. Es ist nicht so groß, aber für diejenigen, die daran Interesse haben, ist es sozusagen ein DIY-Festival.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die letzten Jahre hat gerade der Post-Punk aus dem postsowjetischen Raum an Beliebtheit gewonnen, vor allem dank Bands wie <strong>„</strong>Molchat Doma” aus Belarus und Playlists auf YouTube. Haben Sie dieses Phänomen auch wahrgenommen, und was denken Sie über die weltweite Popularisierung des post-sowjetischen Post-Punks?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Phänomen finde ich sehr interessant. <strong>„</strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Molchat_Doma">Molchat Doma</a>” hat vor allem in den letzten 2 bis 3 Jahren für Furore gesorgt. Es gibt auch die Band <strong>„</strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Motorama_(Band)">Motorama</a>” aus Rostow-am-Don, die in Lateinamerika beliebter ist als in Russland und Europa und dort massenweise Zuschauer anzieht. Sie wurde bereits vor über zehn Jahren gegründet und geht oft nach Lateinamerika auf Tour. <strong>„</strong>Molchat Doma” ist auf der ganzen Welt bekannt und spielt große Konzerte und auf Festivals, obwohl sie auf Russisch singen, was sehr interessant ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Grunde war das Hauptproblem immer die Sprache. Man sieht, dass sie [<em>Molchat Doma</em>, <em>Anm. d. Red.]</em>] ihren eigenen Stil kreiert haben und gleichzeitig sehr viele Einflüsse von traditionellen Vorreitern des Genres übernommen haben, wie z. B. The Cure, Joy Division oder Bauhaus. Man sollte sich freuen, dass es für sie so gut geklappt hat. Das gilt auch für die Nowosibirsker Band <strong>„</strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ploho">Ploho</a>”: Obwohl sie mittlerweile in Serbien wohnhaft sind, haben sie für sich mittlerweile den chinesischen Markt entdeckt. Sie reisen nach China, die Chinesen verstehen keine einziges Wort von dem, worüber sie singen, obwohl sie auch einen sehr poetischen Stil des Post-Punks verkörpern. Doch ihnen gefällt es trotzdem, wenn da ein paar russische Typen hinreisen und Post-Punk spielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie erklären Sie sich den Erfolg dieser russischsprachigen Bands in Regionen, wo überhaupt kein Russisch gesprochen wird?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu 100 Prozent kann ich das auch nicht verstehen. Ich freue mich sehr für die Leute, aber Bands wie <strong>„</strong>Ploho” oder <strong>„</strong>Motorama” spielen jetzt keinen sehr innovativen Stil, den außer ihnen in z. B. den USA oder England niemand spielt. In England wurde der Musikstil schließlich auch erfunden und ist dort immer noch beliebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den Perestroika-Jahren gab es ein paar Jahre die sogenannte <strong>„</strong>Gorbomania” <em>[benannt nach dem damaligen Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Mikhail Gorbatschow, Anm. d. Red.]</em>. Damals ist in Europa und Amerika ein regelrechter Hype ausgebrochen um alles, was aus der damaligen Sowjetunion kam und mit dem politischen Prozess der Perestroika zu tun hatte. Es ging dabei um Schallplatten, um Fernsehsendungen, es wurden Festivals veranstaltet und Menschen reisten nach Russland. Doch danach ist dieser Hype wieder sehr schnell abgeflaut und kam aus der Mode. Schließlich verstanden die Menschen auch kein Wort Russisch, und das Interesse an der Perestroika fand mit dem Zusammenbruch der UdSSR ein jähes Ende.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube allerdings, dass der jetzige Hype andere Gründe hat, da derzeit nichts wie die Perestroika stattfindet. Wahrscheinlich ist es das Internet, wo Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt dank der Algorithmen mit russischsprachiger Musik in Kontakt kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Am 17. Juni spielt Ermen Anti das letzte Konzert des deutschen Teils seiner Europatournee in Düsseldorf. Los geht&#8217;s im &#8222;Black &amp; Lemon</em>&#8220; <em>um 19 Uhr, der Eintritt beträgt 15 Euro. Am Samstag tritt Ermen schließlich auf dem &#8222;Zapatista Baltica&#8220; Festival in Riga auf.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Zwischen Großfamilie und persönlichen Grenzen: Wie sich Elternsein in Kasachstan verändert</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hjakunin]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Jun 2026 19:23:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Jedes Jahr am 1. Juni feiert Kasachstan den Internationalen Kindertag. In vielen Städten wird er mit Konzerten, Theateraufführungen und kostenlosen Angeboten für Kinder begangen. Für Familien ist es ein Festtag. Zugleich stellt sich eine größere Frage: Was bedeutet es heute, ein Kind zu schützen? Nur für Sicherheit, Bildung und Gesundheit zu sorgen, oder auch seine Gefühle, Grenzen und eigene Stimme ernst zu nehmen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer über Elternsein in Kasachstan spricht, stößt schnell auf Widersprüche. Kinder wachsen oft in einem starken familiären Netz auf, umgeben von Großeltern, Tanten, Onkeln und älteren Geschwistern. Gleichzeitig stehen sie unter hohem Erwartungsdruck: Sie sollen gut in der Schule sein, mehrere Sprachen beherrschen, selbstständig sein und in einer globalen Welt bestehen. Neben die traditionelle Vorstellung von Gehorsam und Respekt tritt allmählich eine neue Sprache: die der emotionalen Nähe, der persönlichen Grenzen und des Dialogs.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Elternsein in Kasachstan bewegt sich damit zwischen mehreren Welten: der kasachischen Großfamilie, sowjetisch geprägten Bildungsidealen, urbanem Leistungsdruck, globalen Zukunftsängsten und einer wachsenden psychologischen Sensibilität für Kinder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beobachtungen von Expert:innen zeigen: In Kasachstan verändert sich nicht die Liebe zu Kindern. Was sich verändert, ist die Sprache dieser Liebe. Früher zeigte sich Fürsorge vor allem in Taten – ein Kind ernähren, kleiden, ausbilden, ihm später vielleicht beim Wohnen helfen. Heute kommt zunehmend eine andere Frage hinzu: Was fühlt das Kind selbst?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Familie als Schutzraum – und als Quelle von Druck</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Eines der beständigsten Merkmale kasachischer Erziehung ist die große Rolle der erweiterten Familie. Ein Kind wächst oft nicht nur mit Mutter und Vater auf, sondern inmitten eines breiten Kreises von Verwandten. Manchmal gehören auch Nachbarn, Freunde der Familie oder Menschen aus dem Hof dazu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anar Kakimova, Mutter von vier Kindern, Gründerin der Elterngemeinschaft „Parentsclub“ und des Kinderclubs „Readkids“, beschreibt eine solche Familie als „ganzheitlichen Organismus“. In diesem Modell lernt ein Kind früh: Hinter ihm steht nicht nur ein Erwachsener, sondern ein ganzes Netzwerk. In der kasachischen Gesellschaft, sagt sie, haben viele oft das Gefühl, dass sie in dieser Welt nicht allein sind. Ayana Tokeyeva, Psychologin, Dozentin und Mutter von drei Kindern mit 15 Jahren Praxis in Schule und Vorschulbildung, sieht eine zentrale Stärke kasachischer Erziehung in der Kontinuität der Generationen. Werte würden weniger durch direkte Belehrung vermittelt als durch Vorbild, Atmosphäre und Beziehungen zwischen den Generationen.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Der Satz, es brauche ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen, klingt im kasachischen Kontext deshalb fast wörtlich. Doch Maiya Li, Kunsttherapeutin und psychologische Beraterin mit internationaler Erfahrung, weist auf eine Veränderung hin: In den Städten gibt es dieses „Dorf“ nicht mehr immer in seiner früheren Form. Junge Familien leben oft weit entfernt von den Großeltern, ein Elternteil arbeitet viel, und Mütter bleiben mit kleinen Kindern nicht selten fast allein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Großfamilie hat jedoch auch eine andere Seite. Sie kann Halt geben, aber auch Druck ausüben. Kinder wachsen in einem dichten Netz von Erwartungen auf: wie sie sich verhalten sollen, wen sie respektieren sollen, wie sie lernen sollen, welchen Beruf sie wählen sollen, was einen „guten Sohn“ oder eine „gute Tochter“ ausmacht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Tradition und moderne Psychologie</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In der kasachischen Kultur gibt es einen bekannten Grundsatz: Bis zum fünften Lebensjahr gilt ein Kind als Khan, von fünf bis fünfzehn wird es erzogen, und ab fünfzehn soll man es wie einen Erwachsenen respektieren. Ayana Tokeyeva sieht darin nicht nur Tradition, sondern auch eine Nähe zur modernen Psychologie. In den ersten Lebensjahren brauche ein Kind vor allem Liebe, Annahme, Sanftheit und emotionale Sicherheit. Genau daraus entstehe ein grundlegendes Vertrauen in die Welt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Gedanke zeigt, dass ein sanfter Umgang mit Kindern nicht einfach ein westlicher Import ist. In kasachischen Erziehungsvorstellungen gab es schon lange die Idee, dass kleine Kinder Schutz, Nähe und Akzeptanz brauchen. Erst später werden sie Schritt für Schritt an Verantwortung und Selbstständigkeit herangeführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/sich-feministin-zu-nennen-ist-schon-protest-frauen-punkbands-in-kasachstan/">„Sich Feministin zu nennen, ist schon Protest“ – Frauen-Punkbands in Kasachstan</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Geschlechterrollen werden neu verhandelt. Während Jungen traditionell stärker als künftige Stützen der Familie und Mädchen als Hüterinnen von Wärme und Geborgenheit gesehen wurden, fragen jüngere Eltern heute häufiger, wie sich Fürsorge mit Bildung, Berufswahl und Selbstverwirklichung verbinden lässt. Maiya Li macht darauf aufmerksam, dass in manchen Familien weiterhin die Erwartung besteht, der zentrale Lebensweg eines Mädchens müsse vor allem über Ehe und Mutterschaft führen. Für Kasachstan ist diese Frage sensibel: Das Land modernisiert sich, Frauen erhalten mehr Bildungs- und Berufschancen, doch traditionelle Rollenerwartungen wirken weiter.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Vom Gehorsam zum Dialog</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Lange zeigte sich elterliche Fürsorge in Kasachstan vor allem praktisch. Eltern investierten in Ausbildung, halfen beim Studium, unterstützten finanziell und blieben oft auch im Erwachsenenleben ihrer Kinder stark eingebunden. Liebe zeigte sich weniger in Worten als in Verantwortung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Beobachtungen von Anar Kakimova dreht sich die Kommunikation mit Kindern in vielen Familien jedoch noch immer stark um Alltag und Schule: Sind die Hausaufgaben gemacht? Hat das Kind gegessen? Warum hat es diese Note bekommen? Was wurde aufgegeben? Eltern tun viel für ihre Kinder, wissen aber nicht immer, was in ihnen vorgeht: wovor sie Angst haben, was sie mögen, wovon sie träumen, was sie belastet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ihres Lebens in den USA fiel Kakimova auf, wie selbstverständlich viele Eltern dort mit Kindern über Gefühle, Eindrücke und Wünsche sprechen – und wie sichtbar Väter im Alltag beteiligt sind. In Kasachstan wird die Rolle der Väter zwar ebenfalls stärker diskutiert, doch die tägliche Verantwortung für Schule, Essen, Kleidung, Freizeit und emotionale Atmosphäre liegt häufig weiterhin bei den Müttern.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kunsttherapie-mit-Vorschulkindern_Foto-Maiya-Li-1024x768.jpeg" alt="" class="wp-image-44823" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kunsttherapie-mit-Vorschulkindern_Foto-Maiya-Li-1024x768.jpeg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kunsttherapie-mit-Vorschulkindern_Foto-Maiya-Li-300x225.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kunsttherapie-mit-Vorschulkindern_Foto-Maiya-Li-768x576.jpeg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kunsttherapie-mit-Vorschulkindern_Foto-Maiya-Li.jpeg 1280w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Kunsttherapie mit Vorschulkindern. Foto: Maiya Li</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Maiya Li beschreibt den Wandel mit dem Begriff bewusste Elternschaft, im englischsprachigen Raum oft „gentle parenting“ genannt. Immer mehr Eltern in Kasachstan lösen sich demnach von einem streng autoritären Modell, in dem das Wort des Erwachsenen nicht hinterfragt wird. Dabei geht es nicht darum, das Kind zum Zentrum der Familie zu machen. Eltern setzen weiterhin Grenzen. Doch sie versuchen, Bedürfnisse, Gefühle und Alter des Kindes stärker zu berücksichtigen und Regeln zu erklären, statt nur Gehorsam zu verlangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Wandel verläuft nicht gleichmäßig. In manchen Familien bleiben körperliche Strafen, psychischer Druck oder Erziehung durch Angst Teil des Alltags. Gleichzeitig beobachtet Ayana Tokeyeva eine Veränderung: Eltern nehmen die Folgen von Druck häufiger wahr und wenden sich öfter an Kinderpsychologen – besonders in Phasen hoher schulischer Belastung, vor Abschlussprüfungen oder beim Übergang in neue Bildungsstufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/wie-ein-schueler-versucht-tadschikische-mosaike-zu-retten/">Wie ein Schüler versucht, tadschikische Mosaike zu retten</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Neue Erziehungskultur beginnt damit nicht beim Kind, sondern beim Erwachsenen: bei der Bereitschaft, eigene Erfahrungen zu hinterfragen, alte Muster nicht automatisch zu wiederholen und mit Kindern anders zu sprechen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Bildung als Sprungbrett für sozialen Aufstieg</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In den großen Städten Kasachstans, vor allem in Astana und Almaty, ist Elternsein zunehmend mit Bildungsinvestitionen verbunden. Englischkurse, Privatschulen, Förderzentren, Sport, Musik, Programmieren, kreative Angebote, internationale Prüfungen und die Vorbereitung auf ein Studium im Ausland gehören für viele Familien zur neuen Strategie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Englisch ist dabei nicht mehr nur ein Schulfach. Es steht für Mobilität, Zukunft und Zugang zu einer größeren Welt. Rufina Adeleva, Mutter von zwei Kindern und Masterstudentin der Pädagogik und Psychologie, verbindet dieses Interesse mit Globalisierung: Die digitale Welt habe Entfernungen kleiner gemacht, Kinder kämen früher mit Menschen und Möglichkeiten außerhalb Kasachstans in Berührung, und Fremdsprachen erweiterten Bildungs- und Lebenswege.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Maiya Li ergänzt, dass Mehrsprachigkeit heute Teil der Wettbewerbsfähigkeit geworden ist — nicht nur international, sondern auch im eigenen Land. Neben Englisch, Chinesisch, Koreanisch oder anderen Sprachen gewinnt auch Kasachisch für Familien an Bedeutung, die die Zukunft ihrer Kinder in Kasachstan sehen. Mehrsprachigkeit ist damit nicht nur ein Weg ins Ausland, sondern ein Schlüssel zur Teilhabe innerhalb des Landes.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="680" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Readkids-Englischer-Sprach-und-Buchclub-fuer-Kinder_Foto-Anar-Kakimova-1024x680.jpeg" alt="" class="wp-image-44821" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Readkids-Englischer-Sprach-und-Buchclub-fuer-Kinder_Foto-Anar-Kakimova-1024x680.jpeg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Readkids-Englischer-Sprach-und-Buchclub-fuer-Kinder_Foto-Anar-Kakimova-300x200.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Readkids-Englischer-Sprach-und-Buchclub-fuer-Kinder_Foto-Anar-Kakimova-768x510.jpeg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Readkids-Englischer-Sprach-und-Buchclub-fuer-Kinder_Foto-Anar-Kakimova-1536x1020.jpeg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Readkids-Englischer-Sprach-und-Buchclub-fuer-Kinder_Foto-Anar-Kakimova.jpeg 1600w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">“Readkids” &#8211; Englischer Sprach- und Buchclub für Kinder. Foto: Anar Kakimova</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Ayana Tokeyeva betont, dass Bildung in Kasachstan schon lange als zentraler Wert gilt. Neu sei jedoch die Anspannung, mit der Eltern heute darauf blicken. Künstliche Intelligenz, technologische Umbrüche und das Verschwinden vertrauter Berufe verstärken die Sorge, das Kind könne in der Zukunft nicht mithalten. Der Wunsch, ihm „das Beste“ zu geben, entsteht daher nicht nur aus Ehrgeiz, sondern auch aus Angst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anar Kakimovas Erfahrung als Mentorin im Projekt „iQanat“ [ein soziales Bildungsprojekt, das von kasachstanischen Unternehmern ins Leben gerufen wurde, um ländliche Schulkinder zu unterstützen, Anm. der Autorin] zeigt, wie ungleich diese Chancen verteilt sind. Für Jugendliche aus ländlichen Regionen bedeuten internationale Prüfungen, Berufsorientierung oder ein mögliches Studium im Ausland nicht nur Motivation, sondern auch finanzielle, organisatorische und informative Hürden. Für ein Kind aus der Stadt kann ein Englischkurs Teil des Wochenplans sein. Für Jugendliche aus ländlichen Regionen kann dieselbe Sprache eine seltene Chance sein, den vorgezeichneten Weg zu verlassen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wenn Zukunftsdruck die Kindheit verdrängt</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Bild des erfolgreichen Kindes ist in Kasachstan weiterhin oft klar umrissen: gute Noten, ein Stipendium, ein angesehener Beruf, ein sicherer Arbeitsplatz, später vielleicht Auto, Wohnung und sozialer Status. Der Erfolg des Kindes bestätigt nicht selten auch den Erfolg der Eltern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute wird dieses Bild noch anspruchsvoller. Nach Maiya Lis Beobachtung soll ein modernes erfolgreiches Kind nicht nur gut in der Schule sein. Es besucht mehrere Kurse, lernt Fremdsprachen, treibt Sport oder macht Musik, nimmt an Wettbewerben teil, hat langfristige Ziele, denkt über ein Studium im Ausland nach, bewegt sich sicher in der digitalen Welt und bewahrt zugleich Respekt gegenüber Familie, Gesellschaft und Land.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/wie-frauen-in-kasachstan-die-kultur-des-schweigens-herausfordern/">Wie Frauen in Kasachstan die Kultur des Schweigens herausfordern</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Druck liegt damit nicht nur auf den Kindern, sondern auch auf den Eltern. Viele Eltern wollen nichts falsch machen und gerade dadurch zu viel kontrollieren. Die zentrale Frage moderner Erziehung lautet daher: Wie gibt man einem Kind Zukunft, ohne ihm die Kindheit zu nehmen?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Stadt und Land, Freiheit und Aufsicht</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Unterschied zwischen Stadt und Land bleibt in Kasachstan deutlich. In Städten können Eltern die Kindheit stark strukturieren: Der Wochenplan eines Kindes kann fast so voll sein wie der Arbeitskalender eines Erwachsenen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In ländlichen Regionen gibt es weniger solcher Angebote. Rufina Adeleva, die selbst auf dem Land aufgewachsen ist, beschreibt den Unterschied so: In der Stadt steht häufiger intellektuelle und kulturelle Förderung im Vordergrund, auf dem Land eher Arbeits- und Alltagskompetenz.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="691" height="1024" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kunsttherapie-mit-Teenagern_Foto-Maiya-Li-691x1024.jpeg" alt="" class="wp-image-44822" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kunsttherapie-mit-Teenagern_Foto-Maiya-Li-691x1024.jpeg 691w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kunsttherapie-mit-Teenagern_Foto-Maiya-Li-203x300.jpeg 203w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kunsttherapie-mit-Teenagern_Foto-Maiya-Li-768x1138.jpeg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kunsttherapie-mit-Teenagern_Foto-Maiya-Li-1037x1536.jpeg 1037w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kunsttherapie-mit-Teenagern_Foto-Maiya-Li.jpeg 1080w" sizes="auto, (max-width: 691px) 100vw, 691px" /><figcaption class="wp-element-caption">Kunsttherapie mit Teenagern. Foto: Maiya Li</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Anar Kakimova beobachtet zudem, dass Jugendliche aus ländlichen Regionen oft genauer wissen, welchen Wert Geld, Zeit und Chancen haben. Sie seien vorsichtiger, bescheidener und gingen sorgsamer mit Möglichkeiten um. Gleichzeitig fehlt Familien auf dem Land oft der Zugang zu Informationen über Stipendien, internationale Programme, Berufsberatung und Bildungswege.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere Besonderheit ist die frühe Selbstständigkeit vieler Kinder. In Kasachstan gehen Grundschulkinder nicht selten allein zur Schule, spielen im Hof, gehen in kleine Geschäfte oder bleiben zeitweise ohne ständige Aufsicht zu Hause. Für viele Familien gilt das als normal: Ein Kind soll Schritt für Schritt selbstständig werden. Doch die Grenze zwischen Freiheit und fehlender Aufsicht ist schmal.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading">Digitale Medien als neue Grenze der Erziehung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In den vergangenen 10 bis 15 Jahren hat sich Elternsein auch in Kasachstan durch digitale Medien verändert. Smartphones, soziale Netzwerke, Online-Spiele, Cybermobbing und Cybersicherheit gehören heute zu den alltäglichen Sorgen von Familien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ayana Tokeyeva bestätigt, dass viele aktuelle Anfragen von Eltern mit digitalen Medien verbunden sind. Übermäßige Bildschirmnutzung könne mit Unruhe, Aggression, emotionalem Rückzug, Wutausbrüchen, Schulverweigerung oder allgemeinem Energiemangel einhergehen. Dabei seien nicht immer die Geräte allein das Problem. Oft zeigten sich darin auch familiäre Spannungen, Kommunikationsprobleme, Schwierigkeiten mit Gleichaltrigen oder innere Belastungen des Kindes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier tritt der zentrale Konflikt zutage: Technologien verändern den Alltag schneller, als Familien ihre Erziehungsmodelle anpassen können.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine neue Formel des Elternseins</h2>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Modernes Elternsein in Kasachstan ist weder vollständig traditionell noch einfach westlich. Vielleicht liegt genau darin die neue Formel des Elternseins in Kasachstan: die Stärke der Familie zu bewahren, ohne ihren Druck zu vergrößern; Kindern Bildung zu ermöglichen, ohne ihnen die Kindheit zu nehmen; Selbstständigkeit zu fördern, ohne sie allein zu lassen; Traditionen zu respektieren, ohne die Stimme des Kindes zu überhören.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Nurgul Adambayeva für Novastan</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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