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	<title>juliaschulz, Author at Novastan Deutsch</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>juliaschulz, Author at Novastan Deutsch</title>
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		<title>Zentralasien unter genauer Beobachtung Chinas: Rezension des „Gelben Buches über Zentralasien 2020“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[juliaschulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Jan 2021 14:30:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im April wurde in China das &#x201E;Gelbe Buch &#xFC;ber Zentralasien 2020&#x201C; (&#x4E2D;&#x4E9A;&#x9EC4;&#x76AE;&#x4E66;&#xA0;/ Yellow book of Central Asia) ver&#xF6;ffentlicht. Als regierungsnahes Dokument behandelt es aktuelle Trends der chinesischen Au&#xDF;enpolitik. Folgende Rezension des Sinologen Ruslan Isimov erschien am 15. Juni 2020 auf&#xA0;CAAN (Central Asian Analytical Network). Wir &#xFC;bersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.&#xA0; Das &#x201E;Gelbe [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>Im April wurde in China das „Gelbe Buch über Zentralasien 2020“ (中亚黄皮书&nbsp;/ Yellow book of Central Asia) veröffentlicht. Als regierungsnahes Dokument behandelt es aktuelle Trends der chinesischen Außenpolitik. Folgende Rezension des Sinologen Ruslan Isimov erschien am 15. Juni 2020 auf&nbsp;<a href="https://caa-network.org/archives/19962">CAAN (Central Asian Analytical Network)</a>. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.&nbsp;</em></strong></p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das „Gelbe Buch über Zentralasien 2020“ wurde von einem Kollektiv chinesischer Experten zusammengestellt, die auf Zentralasien spezialisiert sind. Die Autoren entstammen größtenteils&nbsp;&nbsp;zwei Forschungsstellen der Akademie für Sozialwissenschaften Chinas: Dem Institut Russland, Osteuropa und Zentralasien, sowie dem Forschungszentrum&nbsp;der&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Shanghaier_Organisation_f%C3%BCr_Zusammenarbeit">Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit</a>. Einzelne Passagen des Buches wurden auch von Experten aus anderen Denkfabriken der Volksrepublik China verfasst.&nbsp; Die Monografie ist von besonderer Bedeutung für Forscher zu Themen der chinesisch-zentralasiatischen Beziehungen und auch allgemein für die derzeitigen außenpolitischen Strategien Chinas. Das hängt mit mehreren Faktoren zusammen:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erstens: China besitzt, im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern der Welt, kein gesondertes Dokument in Form einer Konzeption über die Außenpolitik des Landes. Dieser Umstand erschwert die Analyse der außenpolitischen Strategie Chinas, der Mechanismen der Entscheidungsfindung, der Methoden der Bewertung der derzeitigen Situation der Welt erheblich.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/warum-china-den-zentralasiatischen-laendern-riesige-kredite-gewaehrt-ein-expertengespraech-mit-temur-umarov/">Warum China den zentralasiatischen Ländern riesige Kredite gewährt</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Zweitens: Die Einzigartigkeit des politischen Systems Chinas erlaubt es chinesischen Experten bisher noch nicht in freier Form ihre Meinung zu äußern, ihre Einschätzungen zu teilen und Prognosen abzugeben.&nbsp;Die seltenen Fälle, in denen sich chinesische Experten erlauben, Schätzungen und Vorhersagen ganz offen vorzunehmen, sind vorher abgesprochene Aktionen – oder aber sie riskieren, ihren Job zu verlieren.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Drittens: In den letzten Jahren hat sich das System der politischen Entscheidungsfindung in China stark verändert.&nbsp;Der chinesische Präsident&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Xi_Jinping">Xi Jinping</a>&nbsp;hat ein hyperzentralisiertes Machtsystem errichtet, unter anderem durch die Schaffung und Neuordnung völlig neuer staatlicher Organe. Diese Veränderungen betrafen auch die&nbsp;&nbsp;Außenpolitik in Bezug auf Zentralasien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Kontext bietet das turnusmäßige ‚Gelbe Buch‘ die Möglichkeit, die akuellen Trends der außenpolitischen Strategie Chinas zu untersuchen.&nbsp;In der aktuellen Ausgabe wird das Verhältnis Chinas zu Zentralasien ausführlich beschrieben. Der Wert dieser Veröffentlichung erhöht sich aufgrund der Tatsache, dass Zentralasien als eine der Schlüsselregionen für die Entwicklung des chinesischen Projekts&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/One_Belt,_One_Road">Belt and Road</a>, auch ‚neue Seidenstraße‘ genannt, angesehen wird. Auf dieser Grundlage ist es auch möglich, eine Vielzahl von Schätzungen und Prognosen chinesischer Experten zur Weiterentwicklung dieser Initiative zu erhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><br><strong>Entstehungsgeschichte der ‚Gelben Bücher‘</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei den sogenannten ‚Gelben Büchern‘ handelt es sich um analytische Berichte, die von Kollektiven der kompetentesten Analysten eines Sachverhalts angefertigt wird. Die Analyse von bisherigen Publikationen des ‚Gelben Buches‘ zeigt, dass die chinesische Führung mit Hilfe des Buches&nbsp;der Weltgemeinschaft die wichtigsten Entwicklungen ihrer Politik mitteilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der erste Bericht dieser Serie stammt aus dem Jahr 2005 und widmete sich der Analyse der Lage in Russland und der Außenpolitik des Landes. In dieser Zeit wurden die Berichte noch nicht ‚Gelbes Buch‘ genannt. Die ‚Gelben Bücher‘ werden in China jährlich veröffentlicht. Sie beschäftigen sich nicht jedes Jahr mit Zentralasien. In den letzten Jahren wurden einzelne ‚Gelbe Bücher‘ den Russland, der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit und nun Zentralasien herausgegeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:<a href="https://novastan.org/de/kasachstan/der-oekologische-fussabdruck-der-neuen-seidenstrasse-ignoriert-und-vergessen/"> Der ökologische Fußabdruck der neuen Seidenstraße</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Seite ‚<a href="https://www.pishu.com.cn/skwx_ps/database?SiteID=14">Pishu</a>‘ spezialisiert sich auf die Daten der ‚Gelben Bücher‘ und erstellte im Jahr 2012 einen ersten vollwertigen Bericht über Zentralasien. Bis zu diesem Zeitpunkt beschäftigten sich die Berichte mit breiteren Sachlagen. Seit 2012 gibt die Akademie für Sozialwissenschaften jährlich ein separates ‚Gelbes Buch‘ über Zentralasien heraus und veröffentlicht jedes Jahr eine genaue Analyse und Einschätzungen der Situation in den fünf zentralasiatischen Ländern.&nbsp;Es ist jedoch zu beachten, dass der vollständige Text aufgrund von Download-Einschränkungen nicht abgerufen werden kann.&nbsp;Das aktuell erschienene „Gelbe Buch über Zentralasien 2020“ verdient eine sorgfältige Betrachtung:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Kurzer Überblick</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Jahr besteht das Buch aus sechs Abschnitten:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Allgemeiner Bericht zum Thema „Zentralasien: Auf der Suche nach einer neuen treibenden Kraft für Innovation und Zusammenarbeit“</li><li>Regionale Situation</li><li>Spezielle Themen der Region</li><li>Zentralasien und die Weltgemeinschaft</li><li>China und Zentralasien</li><li>Länderprofile</li></ul>



<p class="wp-block-paragraph">Insgesamt besteht der Bericht aus 23 Artikeln, einschließlich des Leitartikels. Das Spezialthema „Zentralasien: Auf der Suche nach einer neuen treibenden Kraft für Innovation und Zusammenarbeit“ behandelt einige Besonderheiten. Es spiegelt große Veränderungen wider, die sich sowohl in den Ländern Zentralasiens selbst, als auch in der Politik der globalen und regionalen Mächte in Bezug auf die Beziehung zu Zentralasien vollzogen haben. Darunter ist folgendes anzumerken:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Es seien neue Formen der Machtübergabe entstanden, ebenso neue Probleme im Prozess des politischen Machtwechsels.</li><li>Die vierte industrielle Revolution und ihre digitale Wirtschaft seien zu einer neuen treibenden Kraft der Entwicklung in den Ländern Zentralasien geworden.</li><li>Die Weltmächte investierten weiterhin strategische Ressourcen in Zentralasien. In diesem Zusammenhang widmet der Bericht besondere Aufmerksamkeit der Politik Russlands, der Vereinigten Staaten, der EU, Japans und Indiens in Zentralasien.&nbsp;</li></ul>



<p class="wp-block-paragraph">Der Bericht fordert auch eine Steigerung der akademischen Forschung zum Thema Zentralasien, da diese Forschung fast all jene Bereiche abdecken könne und die Disziplin der zentralasiatischen Studien in China bildet. Zu guter Letzt bemühen sich die Autoren regionale Besonderheiten hervorzuheben. So hätten&nbsp;die zentralasiatischen Staaten bei ihrer aktiven Integration in das internationale System gleichzeitig viele einzigartige regionale Symbole geschaffen. Diese zeichneten sich aus durch:&nbsp;</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Verschiedene Formen der Machtstruktur</li><li>Die kulturelle und politische Bedeutung des Feiertages&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nouruz">Nawrus</a></li><li>Die Fragmentierung, Diversifizierung und die&nbsp;Transnationalisierung von Sicherheitsbedrohungen</li></ul>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Regionale Stabilität</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Autoren merken an, dass es den Ländern Zentralasiens 2019 gelungen sei, ihre stabilen Entwicklungstendenzen zu sichern. Gleichzeitig bleibe ein Teil der Probleme charakteristisch für die Regierungen der Region.&nbsp;Unter dem Einfluss des allgemeinen Trends einer Verlangsamung der Weltwirtschaft hätten die wirtschaftlichen Risiken in den Staaten der Region zugenommen. In diesem Zusammenhang ergriffen die Behörden der zentralasiatischen Länder rechtzeitig Vorkehrungen zur Entwicklung krisenbekämpfender Maßnahmen. Unterdessen&nbsp;wirken sich die&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_in_Afghanistan_seit_2001">Probleme in Afghanistan</a> weiterhin auf die Sicherheitslage in Zentralasien aus.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <strong><a href="https://novastan.org/de/uigurische-region/verletzt-china-die-rechte-turkstammiger-muslime/">Verletzt China die Rechte turkstämmiger Muslime?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Hinsichtlich der unkonventionellen Sicherheitsbedrohungen schreibt&nbsp;Xu Tao (Experte des&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/China_Institutes_of_Contemporary_International_Relations">CICIR</a>), dass die Sicherheitslage in der Region 2019 im Vergleich zu 2018 stabil geblieben sei. Aber der negative Effekt von solch nicht-traditionellen Sicherheitsfaktoren wie Demografie, Ökonomie, Wasserressourcen und Lebensmittelversorgung vergrößere sich langsam.&nbsp;Schließlich verschärfe sich das Spiel der Großmächte in Zentralasien, während die USA weiterhin eine bedeutende Kraft in der Region seien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Staaten der Region treten laut Experten im Jahr 2020 in ein Jahr des Wandels ein, und stünden möglicherweise vor einem Test der politischen Stabilität.&nbsp;<a href="https://www.state.gov/c51-fact-sheet/#:~:text=C5+1 is a format for dialogue and a,where regional approaches may provide a comparative advantage.">Der C5+1-Mechanismus</a>&nbsp;wird eines der wichtigsten Instrumente sein, um die Beziehungen zwischen den Global Playern auszugleichen.&nbsp;&nbsp;Hinsichtlich der regionalen Integration zweifeln die chinesischen Experten daran, dass die Länder Zentralasiens zu einem Durchbruch gelangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Kasachstan</strong> <strong>im besonderen Fokus</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Abschnitt zu regionalen Themen widmen sich die Autoren des ‚Gelben Buches‘ gleich zwei mal Kasachstan. Im Artikel „Die&nbsp;Toqaev‘sche Konzeption der Regierungsführung: Kontinuität und Neuregulierung“ verweist der Experte des Forschungszentrums des Staatsrats darauf, dass Kasachstan auf dem Weg in eine historische Periode sei. Es werde viel von der Fähigkeit des Präsidenten&nbsp;<a href="https://novastan.org/de/kasachstan/toqaevs-erstes-schweres-jahr/">Qasym-Jomart Toqaev</a>&nbsp;abhängen, einen politischen Kurs zu errichten, der sich nach und nach transformiert, angepasst&nbsp;an die heutigen Realitäten und unter Beibehaltung der Kontinuität der Politik des ersten Präsidenten von Kasachstan,&nbsp;<a href="https://novastan.org/de/kasachstan/praesident-nursultan-nasarbajew-tritt-zurueck/">Nursultan Nazarbaev</a>.&nbsp;</p>


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<p class="wp-block-paragraph">Der Redakteur der chinesischen Nachrichtenagentur&nbsp;China News Service&nbsp;Wen Lonjie schreibt, dass&nbsp;Toqaev nach der Wahl zum Präsidenten nur ein symbolisches Zepter erhalten hätte, während sich die reale Macht immer noch in den Händen des ersten Präsidenten Nazarbaev befände. Aber diese Machtformel habe zu Problemen geführt. Die Meinungen des ersten und zweiten Präsidenten hätten haben sich in kardinalen Fragen zu unterscheiden begonnen. Der Experte bemerkt, dass eine solche Situation nur gelöst werden könne, in dem das Zepter der Macht und die reale Macht in einer Person vereinigt würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/sechs-gruende-fuer-die-antichinesische-stimmung-in-kasachstan/">Sechs Gründe für die antichinesische Stimmung in Kasachstan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Allgemeinen hat sich der Inhalt des Gelben Buches über Zentralasien qualitativ verbessert, was größtenteils dank einer detaillierteren Untersuchung Zentralasiens durch chinesische Denkfabriken und einer freieren Meinungsäußerung durch die chinesischen Experten selbst realisiert wurde. Die aktuelle Ausgabe des Gelben Buches demonstriert einmal mehr den Kenntnisstand und die Tiefe des Wissens der chinesischen Expertengemeinschaft und der politischen Führung über die Situation in Zentralasien.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Ruslan Isimov für&nbsp;<a href="https://caa-network.org/archives/19962">CAAN (Central Asian Analytical Network)</a></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Julia Schulz</strong></p>


<p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p>
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		<title>Sechs Gründe für die Antichinesische Stimmung in Kasachstan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[juliaschulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Mar 2020 09:31:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In zwei der f&#xFC;nf zentralasiatischen L&#xE4;nder gibt es bisher eine offen antichinesische Stimmung &#x2013; in Kasachstan und Kirgistan. Was Kasachstan angeht, so gibt es daf&#xFC;r laut dem Politikwissenschaftler und Direktor der Risk Assessment Group Dosym Satpayev mindestens sechs Gr&#xFC;nde. Der Artikel erschien im russischen Original bei forbes.kz. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. [&#x2026;]</p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/sechs-gruende-fuer-die-antichinesische-stimmung-in-kasachstan/">Sechs Gründe für die Antichinesische Stimmung in Kasachstan</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>In zwei der fünf zentralasiatischen Länder gibt es bisher eine offen antichinesische Stimmung – in Kasachstan und Kirgistan. Was Kasachstan angeht, so gibt es dafür laut dem Politikwissenschaftler und Direktor der Risk Assessment Group Dosym Satpayev mindestens sechs Gründe. Der Artikel erschien im russischen Original bei <a href="https://forbes.kz/process/expertise/shest_prichin_antikitayskih_nastroeniy_v_kazahstane/">forbes.kz</a>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">In zwei der fünf zentralasiatischen Ländern gibt es bisher eine offen antichinesische Stimmung – in Kasachstan und Kirgistan. In Kasachstan gibt es dafür mindestens sechs Gründe.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Erstens:</strong> die historische Erinnerung. Einige suchen die Wurzeln der antichinesischen Stimmung in der Zeit des Krieges zwischen den Kasachen und den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oiraten">Dsungaren</a> (China unterstütze zunächst aus geopolitischen Interessen der Dsungaren, sah in ihnen später jedoch selber eine Bedrohung). Andere vermuten, dass die Wurzeln in jener Zeit liegen, als Kasachstan Teil der Sowjetunion war. Diese unterhielt wiederum sehr angespannte politische Beziehung mit China– ein eigentümlicher „kalter Halbfrieden“, der allerdings in der Zeit des sowjetisch-chinesischen Grenzkonflikts auf der Insel Damanski (chin. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zhenbao_Dao">Zhenbao Dao</a>) Ende der 1960-er Jahre einen Riss bekam. Danach führten die Sowjetunion und China fortwährend einen Informationskrieg gegeneinander.</p>
<p style="text-align: justify"><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Zweites:</strong> die undurchsichtigen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen China und Kasachstan. Viele von beiden Ländern unterschriebene Verträge und Abkommen wurden der breiten Öffentlichkeit nie vorgestellt. Im Prinzip gibt es diese Art von Beziehungen zwischen Investoren und der Staatsmacht schon seit den 1990er-Jahren. Damals gab es in Kasachstan ähnlich undurchsichtige Verbindungen mit großen westlichen Firmen , vor allem im Bergbausektor, was später zu großen Korruptionsskandalen führte. Immer noch sind viele der damals mit ausländischen Investoren im Bereich der Rohstoffgewinnung und -verarbeitung beschlossenen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Production_Sharing_Agreement">Production Sharing Agreements</a> für die breite Öffentlichkeit unzugänglich.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Drittens:</strong> In der kasachischen Bevölkerung herrscht großes Misstrauen gegenüber dem, was die Staatsmacht sagt oder tut. Das betrifft auch die Zusammenarbeit mit China. Gleichzeitig besteht ein erhebliches Risiko darin, dass ein hohes Maß an Korruption unter kasachischen Beamten in den Beziehungen zu ausländischen Investoren der Wahrung staatlicher Interessen schadet. Außerdem, folgt die chinesische Wirtschaft eigenen Handlungsmaximen, die es von westlichen Firmen unterscheidet. Insbesondere ist der Großteil der chinesischen Firmen direkt oder indirekt mit der Regierung verbunden, die ihnen politische und finanzielle Unterstützung leistet. Die Regierung betrachtet chinesische Unternehmen als Teil ihrer Politik, die die geopolitischen und geoökonomischen Positionen Chinas in der Welt stärken. Darüber hinaus sind chinesische Unternehmen besonders an die Korruptions-Schemata anderer Länder angepasst, was ihr relativ aktives Vorhandensein in wirtschaftlich schwachen und meist korrumpierten Ländern Afrikas und Asiens erklärt. Zudem sind chinesische Unternehmen nicht immer, aber zu einem Großteil weniger ökologisch orientiert , und oft weniger an den langfristigen ökologischen Folgen ihrer Geschäfte in anderen Ländern interessiert sind.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Viertens:</strong> Die antichinesische Stimmung ist ein Echo der allgemeinen sozialen Spannungen innerhalb der Gesellschaft. Viele Kasachen leiden unter der Verringerung des Lebensniveaus, des Fehlens von Perspektiven und des Gefühls der Ungerechtigkeit in verschiedenen Lebensbereichen. In einigen Ländern haben soziale Spannungen in Kombination mit einer antichinesischen Stimmung bereits zu einem Machtwechsel geführt. Beispielsweise in Indonesien, wo  <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Suharto">Präsident Suharto</a> nach mehr als 30 Jahre im Amt aus ähnlichen Gründen zurücktreten musste. Dies geschah vor dem Hintergrund einer Krise vieler Wirtschaftszweige, einem starker Rückgang der Einkommen, dem Anstieg sozialer Spannungen und der Eskalation ethno-konfessioneller Konflikte während der asiatischen Finanzkrise.</p>
<p style="text-align: justify">Im Wesentlichen entsteht ein Dominoeffekt, wenn die Ineffektivität der öffentlichen Verwaltung zu einem Anstieg der gesellschaftlichen Proteststimmung führt. Diese kann verschiedene Formen annehmen, einschließlich der Suche nach inneren oder äußeren „Feinden“. Im Bezug auf Kasachstan könnte bei einem Machtwechsel die antichinesische Stimmung als Instrument der politischen Mobilisierung von Seiten der einen oder anderen politischen Spieler dienen. Insbesondere die kasachische Elite könnte versuchen diese Stimmung im Machtkampf für die Diskreditierung ihrer Gegner zu nutzen. Außerdem zeigt die weltweite Erfahrung, dass das Schüren von Ängsten gegenüber einem inneren oder äußerem Feind, als politische Werkzeug dienen, um die Aufmerksamkeit von gesellschaftlichen und sozioökonomischen Problemen abzulenken, die die aktuelle Regierung nicht effektiv lösen kann. Unter Umständen könnte die antichinesische Stimmung auch durch andere Länder unterstützt werden, die die Stärkung der ökonomischen und politischen Position Chinas in Zentralasien als Bedrohung ihrer eigenen geopolitischen Interessen betrachten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/coronavirus-die-laender-zentralasiens-wenden-sich-von-china-ab/"><strong>Coronavirus: Die Länder Zentralasiens wenden sich von China ab</strong></a></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Fünftens:</strong> Zur Verschärfung der antichinesischen Stimmung führt auch die diskriminierende und menschenrechtsverletzende Politik Chinas in Bezug auf ethnische und religiöse Gruppen im eigenem Land, vor allem in der Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Xinjiang">Xinjiang</a>. Das Bekanntwerden von sogenannten „Umerziehungslagern“ für Uiguren, Kasachen, Kirgisen und andere Muslime in Xinjiang führte nicht nur in Kasachstan zu einer Welle von Protesten. Ende 2018, Anfang 2019 gab es auch die ersten antichinesischen Proteste im benachbarten Kirgistan, wo die antichinesische Stimmung offenbar auch auf ökonomischen Gründen basiert. So wurden unten anderem Forderungen nach einer besserer Bezahlung und besseren Arbeitsbedingungen, der Begrenzung der chinesischen Arbeitsmigration und der Erhöhung der sozialen Abgaben chinesischer Firmen hervorgebracht.</p>
<p style="text-align: justify">Langfristig betrachtet könnte eine stärkere Präsenz Chinas in Zentralasien einen neuen Anstieg der antichinesischen Stimmung in der gesamten Region zur Folge haben. Derzeit sind alle Staaten der Region säkular, doch der Anstieg der Anzahl an Muslimen in Zentralasien könnte dazu führen, dass sich die Region in Richtung der muslimischen Welt umorientiert. Dies würde künftig alle geopolitischen Akteure in Zentralasien vor neue Herausforderungen stellen. So könnte die Beziehung zu China sich weiterhin verschlechtern, wenn der Druck auf die Muslime in der Region Xinjiang weiter anhält.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Sechstens: </strong>Viele sind besorgt über negative finanzpolitische Präzedenzfälle in Zentralasien. Kirgistan und Tadschikistan sind Schuldner von China. Der ehemalige Finanzminister Kirgistans Adilbek Kasymaliev hat im letzten Jahr sogar vorgeschlagen, keine Kredite mehr bei der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/China_Exim-Bank">China Exim-Bank</a> aufzunehmen. Die Schulden bei diesem Finanzinstitut betragen im Gesamtvolumen der Auslandsverschuldung Kirgistans 44,8 Prozent. Zum Vergleich: 2010 betrug die Verschuldung Kirgistans gegenüber China nur 5,7 Prozent (150 Mio. US-Dollar) der gesamten Staatsschulden. Um die Schulden zu diversifizieren und mögliche Risiken zu senken, führte die kirgisische Regierung im Frühjahr 2018 eine &#8222;Schuldenbremse&#8220; ein. Die Schulden gegenüber einem Gläubiger dürfen nun nicht mehr als 50 Prozent der allgemeinen Schuldenlast betragen. Dieser Grenze nähert sich allerdings nur China an.</p>
<p style="text-align: justify">Nach Angaben des tadschikischen Finanzministeriums, beträgt die Summe der externen Schulden des Landes in der zweiten Jahreshälfte 2019 ungefähr 2,9 Mrd. US-Dollar. Der größte Kreditgeber Tadschikistans ist die China Exim-Bank mit 54,1 Prozent der gesamten Summe, der asiatische Entwicklungsfond (11,8 Prozent) und die Islamische Entwicklungsbank (5,8 Prozent). Die Ratingagentur Fitch Ratings prognostiziert sogar eine Verlangsamung des Wachstums der tadschikischen Wirtschaft im Zusammenhang mit der hohen Auslandsverschuldung und des anfälligen Bankensektors. Nach Angaben der Agentur hängen die weiteren wirtschaftlichen Aussichten Tadschikistans von der Zusammenarbeit mit China bei der Sicherung der Tragfähigkeit der Schulden ab, da auf dieses Land der größte Teil der Auslandsschulden Tadschikistans entfällt. Analytiker glauben, dass die Führung Tadschikistans möglicherweise versucht sich mit China über die Restrukturierung der Schulden zu einigen. Jedoch herrscht Unklarheit darüber, welche Gegenleistung China erwartet. Einige Experten gehen davon aus, dass <em>&#8222;wir über die Erweiterung des Zugangs zu Tadschikistans Rohstoffen, die Übertragung von Kontrollbeteiligungen an strategischen Unternehmen oder die Übertragung bestimmter Transportwege durch Tadschikistan an Chinas Kontrolle sprechen.&#8220;</em></p>
<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/wohin-fuhrt-die-antichinesische-hysterie-in-kasachstan/">Wohin führt die antichinesische Hysterie in Kasachstan?</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Im Gegensatz zu Kirgistan und Tadschikistan, die über sehr begrenzte finanzielle Ressourcen verfügen, ist Kasachstan jedoch kein armes Land. Das zeigt sich beispielsweise daran, wie viele Milliarden Dollar der Nationalfond der Regierung in die Rettung des Bankensystems Kasachstans investiert hat oder wie viele Milliarden <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tenge">Tenge</a> aus dem Rentenfonds für die Finanzierung verschiedener, nicht effektiver Projekte eingesetzt wurde. Dieses Geld könnte mit Hilfe demokratischer Kontroll- und Transparenzmechanismen, die die Korruption erschweren und die Dominanz der an der Macht befindlichen Staatsbeamten schwächen, zum Wohle der Bevölkerung ausgegeben werden. Und dies ist nur ein kleiner Teil des Gesamtbildes, das als „Schwarzes Loch der kasachischen Wirtschaft“ bezeichnet wird.</p>
<p style="text-align: justify">Obwohl Kasachstan über ausreichend finanzielle Mittel im Nationalfond verfügt, die als Investitionen in strategische Projekte verwendet werden könnten, hat das Land trotzdem Kleinkredite bei China aufgenommen. Dies erfordert jedoch ein professionelles Risikomanagement seitens der Regierung , um alle tatsächlichen und potenziellen negativen oder positiven Folgen ihrer Verwendung zu bewerten, nicht nur für die Wirtschaft des Landes, sondern auch für die Reputation der Regierung.</p>
<p style="text-align: justify">Auf der einen Seite führt zum Beispiel die Zusammenarbeit mit China im Bereich Gas und Öl zur verstärkten Nutzung alternativer Transportrouten energetischer Ressourcen in Kasachstan, was wiederum die Abhängigkeit von Russland verringert. Ein direkter Zugang Kasachstans zu dem gigantischen und rasant wachsenden chinesischen Energiemarkt mittels des Baus von Öl- und Gasleitungen erlaubt es, auf erhebliche Gewinne in der Zukunft zu hoffen. Laut Expertenschätzungen schluckt der chinesische Markt ungefähr ein Drittel des weltweiten Wachstums der Ölversorgung. Im Mai 2003 hat China, der europäischen und amerikanischen Strategie folgend, begonnen strategische Ölreserven anzulegen. Prognosen zufolge werden die OPEC-Länder bis 2025 rund 66 Prozent der chinesischen Ölimporte und die postsowjetischen Länder rund 20 Prozent liefern.</p>
<p style="text-align: justify">Auf der anderen Seite ist die wirtschaftliche Zusammenarbeit Chinas mit Kasachstan vollkommen der Entwicklung der chinesischen Wirtschaft untergeordnet. Die wachsende Binnennachfrage der chinesischen Volksrepublik nach Energie verstärkt die  Abhängigkeit Kasachstans nicht nur von der westlichen, sondern auch von der chinesischen Wirtschaft. Allerdings stellt sich hier die Frage: Wer ist schuld daran, dass Kasachstan fast dreißig Jahre nach dem Zusammenbruch der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sowjetunion">UdSSR </a>immer noch vom Rohstoffhandel abhängig sind und seine Budgets von der globalen Konjunktur der Rohstoffpreise abhängt? Es ist unwahrscheinlich, dass China, die Vereinigten Staaten oder Russland dafür verantwortlich sind.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/grenzueberschreitende-fluesse-verhandlungen-zwischen-kasachstan-und-china-fuehren-zu-spannungen/"><strong>Grenzüberschreitende Flüsse: Verhandlungen zwischen Kasachstan und China führen zu Spannungen</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Zweifelsfrei ist Kasachstan für China nur ein Puzzleteil im globalem Spiel. Ziel von China ist es, die eigene ökonomische und politische Position zu stärken. Die Investitionspolitik Chinas in Kasachstan unterscheidet sich dabei nicht von der in anderen Regionen der Welt, sei es Afrika, Lateinamerika oder der Nahe Osten. Sie basiert immer auf der strikten Verteidigung nationaler Interessen. Kasachstan hat keinen ökonomischen Hebel, um auf China Druck auszuüben, was die Postion des Landes von Anfang an beim Verhandlungsprozess schwächt. Was China anbelangt, so hat es nicht wenige solcher Hebel – ökonomische wie auch politische. Die einzige Möglichkeit zwischen China und den Interessen anderer geopolitischer Spieler zu balancieren und ökonomisch nicht alles auf eine Karte zu setzen, ist die Fortführung der Diversifizierung des Handels mit anderen Ländern.</p>
<p style="text-align: justify">Es gibt einen Ausdruck: Das Gelingen jeglicher Partnerschaft beruht auf sechs Säulen – die erste Säule ist Schicksal, die anderen fünf – Vertrauen. Das geographische Schicksal und gleichzeitig die Herausforderung für Kasachstan besteht darin, dass es Nachbar von zwei großen, ambitionierten geopolitischen Akteuren ist – China und Russland – zu denen das Vertrauen der kasachstanischen Bevölkerung eher sinkt als steigt. Gleichzeitig besteht Kasachstans wichtigste Aufgabe darin, aus der Nachbarschaft mit China mehr Vorteile als Nachteile zu ziehen.</p>
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<p style="text-align: justify">Das hängt zu nicht zuletzt von einer klar ausgearbeiteten Strategie für die Zusammenarbeit mit China ab – in kurzfristiger, mittelfristiger und langfristiger Perspektive und unter Berücksichtigung aller möglichen Probleme und Vorteile. Um das Vertrauen der Bevölkerung gegenüber der staatlichen Politik bezüglich der Zusammenarbeit mit China zu erhöhen, ist es notwendig, dass zuerst alle Verträge und Abkommen geprüft werden, die mit China unterzeichnet wurden und die bei der Bevölkerung das größte Misstrauen hervorrufen. Insbesondere im Hinblick auf die Identifizierung von Risiken für die nationalen Interessen Kasachstans ist dies von signifikanter Bedeutung.</p>
<p style="text-align: justify">Dies betrifft im Prinzip die Angelegenheiten aller ausländischer Investoren in der Kasachstan. Darüber hinaus ist es wichtig sich daran zu erinnern, dass die Bedrohung letztendlich weniger die wirtschaftliche Expansion Chinas, als vielmehr die Korruption in Kasachstan ist, die den Abschluss von Verträgen ermöglicht, die für das Land nachteilig sind und die die wirtschaftliche Sicherheit Kasachstans beeinträchtigen. Denn jeder Investor spielt nach den offiziellen und inoffiziellen Regeln des Landes, in dem er sich befindet. Und wenn diese Regeln zu Lasten Kasachstans gehen, dann sind eher die örtlichen Beamten schuld, als die Investoren.</p>
<p style="text-align: right"><strong><a href="https://forbes.kz/process/expertise/shest_prichin_antikitayskih_nastroeniy_v_kazahstane/">Forbes.kz</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Julia Schulz<br />
</strong></p>
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		<title>Wie Kirgistan und Usbekistan den Toktogul-Stausee teilen &#8211; die Geschichte eines sowjetischen Modernisierungsprojekts</title>
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		<dc:creator><![CDATA[juliaschulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 06 Nov 2019 14:36:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Toktogul-See]]></category>
		<category><![CDATA[Wasser]]></category>
		<category><![CDATA[Wasserkonflikt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Toktugul-Stausee und seine Nutzung sorgen seit Jahrzenten f&#xFC;r Streit zwischen Kirgistan und Usbekistan. Fergana News zeichnet die Geschichte des Bauwerks und des damit verbundenen Konflikts nach. Wir &#xFC;bersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Was bedeuten das Wasserkraftwerk Toktogul und andere Gro&#xDF;projekte des Sozialismus f&#xFC;r die Zentralasiatischen Sowjetrepubliken? Wie wurden die Leuchtturmprojekte der [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Der Toktugul-Stausee und seine Nutzung sorgen seit Jahrzenten für Streit zwischen Kirgistan und Usbekistan. <a href="https://fergana.news/articles/106757/">Fergana News</a> zeichnet die Geschichte des Bauwerks und des damit verbundenen Konflikts nach. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Was bedeuten das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Toktogul-Talsperre">Wasserkraftwerk Toktogul</a> und andere Großprojekte des Sozialismus für die Zentralasiatischen Sowjetrepubliken? Wie wurden die Leuchtturmprojekte der Modernisierung, die Stromversorgung und andere Vorteile der Zivilisation für die ehemaligen Ränder des Russischen Imperiums brachten und als Sprungbretter zum Sozialismus dienten sollten, zu einer Quelle von Konflikten? Warum gingen die kirgisische und die usbekische Sowjetrepublik, ehemals zu brüderlicher gegenseitiger Hilfe verpflichtet, zu einem rücksichtslosen Kampf um Ressourcen über?</p>
<p style="text-align: justify">Mit dieser Frage beschäftigt sich die kürzlich erschienene Arbeit von Moritz Florina von der Universität Erlangen-Nürnberg, in der er die politische Geschichte des Wasserkraftwerks Toktogul beschreibt. Der Wissenschaftler setzte sich dafür mit der sowjetischen Presse der 1960er und 70er Jahre auseinander und  studierte belletristische Literatur, die sich mit dem Projekt befasst, sowie die mehrbändigen Erinnerungen des ehemaligen ersten Sekretärs der kommunistischen Partei der Kirgisischen Sozialistischen Sowjetrepublik (SSR) Turdakun Usubalijew und Archivdokumente aus Osch und Bischkek. Sein Text  &#8222;Emptying lakes, filling up seas: hydroelectric dams and the ambivalences of development in late Soviet Central Asia” wurde in dem wissneschaftlichen Journal <a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/02634937.2019.1584604">Central Asian Survey</a> veröffentlicht.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Der Aufbau des Sozialismus – ein Sieg über die Rückständigkeit</strong></p>
<p style="text-align: justify">In der Ära Chruschtschow verstärkten sich in Asien und Afrika die nationalen Unabhängigkeitsbewegungen gegenüber den Kolonialmächten. Die Sowjetunion beteiligte sich aktiv an diesem Prozess und versuchte die Länder der Dritten Welt in das Lager des Sozialismus zu holen. Historiker beschreiben, dass die Leiter der zentralasiatischen Republiken das günstige außenpolitische Umfeld nutzten und Investitionen für ihre Wirtschaft herausschlugen, denn besonders die südlichen Republiken fungierten &#8211; sozusagen als Schaufenster des „Sozialismus im Osten“ für Gäste aus Asien und Afrika.</p>
<p style="text-align: justify">Die Idee ein Wasserkraftwerk im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Naryn_(Fluss)">Naryn</a> zu errichten wurde erstmals im Jahr 1960 den beiden Generalsekretären <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Scharaf_Raschidow">Scharaf Raschidow</a> (Uskebische SSR) und Ischak Rasakow (Kirgisische SSR) vorgestellt. Die kirgisische Seite versprach sich mehr Strom für Frunse (heute Bischkek) und Osch, während die usbekische Seite sich eine stabile Wasserzufuhr für das Ferganatal erhoffte. Das Wasserkraftwerk, so schrieb es die Zeitung „Prawda“, sollte im Sinne der sowjetischen Gigantomanie, den Baumwollbauern von Fergana 100 000, zwei oder sogar drei Millionen Hektar bewässerte Flächen bringen. Und an den Ufern des künstlichen Sees sollten Ferienorte gebaut werden, nicht schlechter als die am Schwarzen Meer.</p>
<p><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p></p>
<p style="text-align: justify">Allerdings wurde die Entscheidung das Wasserkraftwerk zu bauen erst nach dem Rücktritt Rasakows getroffen. Sein Nachfolger Turdakun Usubalijew bemerkt in seinen Memoiren, dass er nicht unbedingt eine Wasserkraftanlage bauen wollte, sondern eher ein Befürworter davon war, rund um Frunse und seine Industrieunternehmen eine Reihe kleinerer Wärmekraftwerke zu bauen &#8211; ein bescheideneres und nützlicheres Projekt für seine Republik. Dennoch wurde der Bau des Wasserkraftwerkes unter ihm beschlossen, im Juni 1962. Das Projekt diente als Symbol der Völkerfreundschaft. Am Bau waren tausende von Arbeitern aus der gesamten Sowjetunion beteiligt und die Presse versäumte nicht zu bemerken, dass die höher entwickelten Republiken dabei halfen, die Industrien der ehemaligen „rückständigen“ Kolonien des zaristischen Russlands aufzubauen.</p>
<p style="text-align: justify">Darüber hinaus wurde das Projekt, ähnlich wie die Wasserkraftwerke <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/DniproHES">DniproHES</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bratsker_Stausee">Bratsk</a>, als ein leuchtendes Beispiel des Sieges über die Naturgewalten gefeiert. Die Bauarbeiter kletterten heldenhaft auf steile Klippen und schleppten sogar Bulldozer dorthin. 523 Kletterer aus der ganzen Sowjetunion waren am Bau beteiligt und stiegen an Stellen, an denen zuvor nur Schneeleoparden gewesen waren. Arbeiter, Kletterer und Ingenieure „zähmten“ mit kollektiven Kräften den widerspenstigen Fluss Naryn.</p>
<p style="text-align: justify">Sie vergaßen jedoch nicht, dass das Projekt des Wasserkraftwerkes vor allem den Kirgisen gehörte. Es wurde zu Ehren des bekannten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Akyn">Akyns</a> <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Toktogul_Satylganov">Toktogul Satylganov</a> benannt, der ausgerechnet aus der Region stammte, die vom Stausee überflutet wurde. Aber auch zeitgenössische Schriftsteller lobten das Wasserkraftwerk in den höchsten Tönen: Sujunbai Eralijew verglich den Bau mit der Zähmung und Dressur von Wildpferden und Turar Koshomberdijew versicherte den Lesern, dass die Naturgewalten nach dem Bau des Wasserkraftwerks das Leben der Hirten und ihrer Herden nicht mehr bedrohen würden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wasser als Gegenleistung für Investitionen</strong></p>
<p style="text-align: justify">Offiziell sollte das Wasserkraftwerk für alle von Nutzen sein: die Kirgisen sollten mehr Strom bekommen, die Täler des Usbekischen SSR eine ständige Wasserzufuhr für die Baumwolle und alle anderen Völker der UdSSR das Gefühl, den Aufbau des Sozialismus auf die nächste Stufe zu bringen. Jedoch wurden faktisch bereits vor Fertigstellung des Projekts die zukünftigen Konflikte geschaffen: die Bewässerung der usbekischen Ländereien hing von Entscheidungen ab, die in Frunse und letzten Endes in Moskau getroffen wurden.</p>
<p style="text-align: justify">Die Konflikte brachen bereits während des Planungsstadiums des zukünftigen Wasserkraftwerkes im April 1962 aus. Als das Ferganatal von einer schlimmen Dürre heimgesucht wurde, schlug der Leiter der Landwirtschaftsabteilung des Zentralkomitees der KPdSU Wassilij Poljakow Usubalijew vor, den Wassermangel mit Hilfe des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Songk%C3%B6l">Songköl-Sees</a> zu lösen. Die Idee bestand darin, den Abfluss des Sees mit einer Reihe von Explosionen zu erweitern und dadurch den Zufluss in den Naryn zu erhöhen. Usubalijew war nach eigenen Angaben schockiert von diesem Vorschlag.</p>
<p style="text-align: justify">Der Songköl zeichnet sich durch eine einzigartige Natur und unberührte Landschaften aus und Experten versicherten Usubalijew, dass der See innerhalb weniger Tage austrockenen würde, sollte dieser Plan realisiert werden. Daraufhin wandte sich Usubalijew persönlich an Chruschtschow und überzeugte ihn davon, das Projekt zu stoppen. Er argumentierte, dass es in diesem Fall wichtiger war den einzigartigen See zu schützen und es ihm nicht nur darum ging, die eigene Republik zu schützen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-funf-wichtigsten-wasserkonflikte-in-zentralasien/">Die fünf wichtigsten Wasserkonflikte in Zentralasien</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Mit Baubeginn des Wasserkraftwerkes kam es ständig zu solchen Konflikten. So gab es beispielsweise Streit darüber, wo genau das Kraftwerk gebaut werden sollte. Die Kirgisen wollten einen Platz weiter oben am Lauf des Naryn, um (bei Überschwemmungen) weniger Land zu verlieren, während die Usbeken den Stausee mit maxialem Fassungsvolumen bauen wollten, um somit die potentiellen Wasserreserven für ihre Felder zu erhöhen.</p>
<p style="text-align: justify">Weitere Konflikte gab es darüber, wo die Hochspannungsleitungen gelegt werden sollten. Bereits ab 1962 bat die kirgisische Seite das Energieministerium der UdSSR die Leitung möglichst schnell nach Frunse zu legen. Aber den ersten Strom bekamen die Bewohner der Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Andijon">Andischon</a>, auf der anderen Seite der Republikgrenze. Nach Frunse wurde die Leitung erst im Jahr 1979 gelegt. Und Taschkent gewann auch im Jahr 1974, also das Feganatal unter einer Dürre litt und die usbekische Führung darum bat, das Wasserreservoir nicht volllaufen zu lassen  und das Wasser stattdessen auf die Felder zu leiten. Die Ingenieure und die Führung der Kirgisischen SSR protestieren, da dies dazu führte, dass der Start der Wasserkraftwerksturbinen um ein weiteres Jahr verschoben wurde, aber die Baumwolle war auch dieses Mal wichtiger.</p>
<p style="text-align: justify">Nicht selten aber konnte sich auch die kirgisische Führung durchsetzen. Als das Wasserkraftwerk Andischon 1962 buchstäblich neben dem Naryn am Fluss <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qoradaryo">Kara-Daryja</a> gebaut wurde, sollte sich der größte Teil seines Speichers auf dem Territorium der Kirgisischen SSR befinden. Das Zentralkomitee der kirgisischen Abteilung der KPdSU stimmte dem „brüderlichen Bau“ zu, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Da der Wasserspeicher 5022 Hektar Weideflächen und andere Flächen der Republik „abdecken“ sollte, schlugen die Kirgisen vor, zusätzliche Bewässerungskanäle zu schaffen und ihnen darüber hinaus, einen Teil der Fläche der usbekischen SSR zur Verfügung zu stellen. Dorthin sollten die Bewohner der Orte, die dem Wasserspeicher der Wasserkraftwerke Toktogul und Andischon weichen mussten, umgesiedelt werden. Alle diese Forderungen wurden erfüllt: die Kirgisen erhielten 4127 Hektar Fläche. Außerdem versprach Taschkent Mittel für die Umsiedler zur Verfügung zu stellen und den Bau von zwei Kanälen zu finanzieren.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Millionen für die Umsiedlung</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Umsiedlung der Bewohner der überfluteten Territorien, vor allem des Ketmen-Tjube-Tals, war für die Machthaber über viele Jahre hinweg ein schmerzhaftes Unterfangen. Ein Teil der Kosten für die Umsiedlung und den Bau von Häusern übernahm das Energieministerium der UdSSR, den anderen Teil – der Ministerrat der Kirgisischen SSR. Aber bereits 1968 untersuchte das Parteikomitee von Osch die Situation vor Ort und forderte entsetzt noch mehr finanzielle Unterstützung. Es hatte sich herausgestellt, dass das Tal hauptsächlich von ehemaligen Nomaden bewohnt wurde, die in den Jahren 1946-1952 zu einem sesshaften Lebensstil gezwungen worden waren. Sie mussten den Staat für ihre neuen Häuser bezahlen und deshalb waren viele von ihnen immer noch verschuldet.</p>
<p style="text-align: justify">Im Jahr 1971, als die Umsiedlung bereits beginnen sollte, gab es einige ungünstige Bedingungen. In Toktogul, der neuen Stadt für die Umsiedler (am Ufer des Stausees) gab es immer noch keinen Strom. Usubalijew musste persönlich einen Brief an der Vorsitzenden des Ministerrats Alexei Kossygin schreiben und darauf hinweisen, dass die Kirgisische SSR bereits 1,6 mal mehr Geld als geplant für die Umsiedlung ausgegeben hatte, das Geld aber dennoch nicht reiche. Alleine die Umsiedlung der Schulen, für die 1,4 Millionen Rubel eingeplant waren, kostete 11 Millionen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/umstrittenes-wasserkraftwerk-rogun-usbekistan-und-tadschikistan-untersuchen-gemeinsam-mogliche-risiken/">Umstrittenes Wasserkraftwerk Rogun: Usbekistan und Tadschikistan untersuchen gemeinsam mögliche Risiken</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Das schwerwiegendste Problem allerdings war die schlechte Qualität der Böden auf den neuen Territorien. Die Umsiedler mussten erneut vom Anbau von Agrargütern auf die Viehzucht umsteigen. Aber der Platz reichte nicht für alle aus und bereits in den 1970er Jahren musste ein Teil der Menschen erneut umsiedeln, ins Tschatkalska-Tal. Vom Traum eines touristischen Mekkas rund um das Wasserkraftwerk Toktogul musste man sich auch verabschieden. Aufgrund saisonaler Schwankungen des Wasserstandes erwies sich der Bau von Erholungsorten rund um den Stausee als unmöglich. Letztendendes stellte der Ministerrat der UdSSR noch bis 1987 dutzende Millionen Rubel als Entschädigung für die Umsiedler zur Verfügung.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie die Umwelt vergessen wurde</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Geschichte des Wasserkraftwerkes Toktogul und die Konflikte, die seinen Bau begleiteten, sind ein leuchtendes Beispiel dafür, wie sich das sowjetische Zentralasien zwischen Chruschtschow und Gorbatschow verändert hat. Anfangs standen unionsweite und sogar weltweite Projekte im Vordergrund – die Modernisierung des sowjetischen Ostens (als „Schaufenster des Sozialismus“) oder die Entwicklung der Bewässerung und des großflächigen Baumwollanbaus. Im Lauf der Zeit traten allerdings Strategien (und konkrete Probleme) der einzelnen Republiken in den Vordergrund. Diese verteidigten eifrig ihre eigenen Interessen und forderten Kompensationen für ihre Verluste. Moskau konnte sich nun nicht mehr länger darum kümmern, allgemeine Aufgaben für die Wirtschaft festzulegen, sondern musste die Forderungen der Lobbyisten aus Taschkent und Frunse in Einklang bringen.</p>
<p><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen wöchentlichen Newsletter <strong><span style="text-decoration: underline;"><a href="https://2ff41361.sibforms.com/serve/MUIFAD3kOVgHRZMEzVL0tQuvV__Lm5slYuTqY-DEgdyDpH9WazOpCwYD2CLbIZdPKxyD_Mnaw2SKMY78StG6vCfPNIE1HcIumNXgnjsKyqsb8MuZ5Ng1jN3cNsBhf4SSp2VDJAgy_38b6jiUL7aU6Y-RaIAVhUpNqW1tNwmWOB-8YcNp9LBWEk57rUlkszlx_tQ8qxYED63Sz6UU">mit einem Klick.</a></span></strong></span></p></p>
<p style="text-align: justify">Gleichzeitig tat sich eine zweite Front der Kritiker auf, die sich am Wasserkraftwerk, den Stausees, den Stromleitungen und anderer Attributen der Modernisierung störten. Die kirgisische Intelligenzija der 1970er Jahre war nicht darüber verärgert, dass die Projekte auf Kosten ihrer Republik realisiert wurden, sondern darüber, dass damit der umliegenden Natur und der traditionellen Kultur geschadet wurde. Die Umweltkritik kam aus allen Teilen der Sowjetunion (als Beispiel sei hier der Roman „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Abschied_von_Matjora">Abschied von Matjora</a>“ des russischen Autors Walentin Rasputin genannt) und verstärkte sich bis zu deren Zerfall.</p>
<p style="text-align: justify">Paradoxerweise ließ die Kritik allerdings nach, als Moskau in Form eines „Vorgesetzten“ oder „Schiedsrichters“, bei dem man auf sein Recht pochen und Geld fordern konnte, verschwand. Die Wasserkraftwerke wurden nun zur Quelle des Nationalstolzes, zum Rückgrat der Wirtschaft und sogar zum politischen Druckmittel gegenüber den Nachbarn. Beispielsweise in Tadschikistan, wo das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rogun-Staudamm">Wasserkraftwerk Rogun</a> die Landwirtschaft Usbekistans um einen Teil des kostbaren Wassers zu berauben droht. An Stelle der „einträchtigen Eroberung der Natur“ durch zwei brüderliche Republiken sind geopolitische Interessen und die Konkurrenz um die Mittel der Investoren getreten.</p>
<p style="text-align: right"><strong><a href="https://fergana.news/articles/106757/">Fergana News</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Julia Schulz</strong></p>
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		<title>AktivistInnen in Kasachstan: „Bei uns ist es schlimmer eine Feministin zu sein, als ein Dieb oder ein Gewalttäter“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[juliaschulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Jun 2019 12:37:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Aktivismus]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichberechtigung]]></category>
		<category><![CDATA[LGBT]]></category>
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		<category><![CDATA[Schande]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Ph&#xE4;nomen des &#x4B1;&#x44F;&#x442; (ujat= dt. Schande) ist in Kasachstan weit verbreitet. Das Onlinemagazin The Village Kasachstan setzt sich in einer speziellen Reihe (&#x4B0;&#x44F;&#x442; &#x435;&#x43C;&#x435;&#x441; &#x2013; keine Schande) intensiv mit diesem Thema auseinander. Den russischsprachigen Artikel &#xFC;bersetzen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. In folgendem Artikel kommen Feministinnen und LGBT-Aktivisten zu Wort und sprechen &#xFC;ber [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Das Phänomen des ұят (ujat= dt. Schande) ist in Kasachstan weit verbreitet. Das Onlinemagazin <a href="https://www.the-village.kz/village/people/people/1259-uyat-emes-3?fbclid=IwAR1pvQ28nrP2iLl1dqTj4jSDx_qb9qVWf3vicY-OK3VS2S_-lVfb5KdkEPI">The Village </a>Kasachstan setzt sich in einer speziellen Reihe (Ұят емес – keine Schande) intensiv mit diesem Thema auseinander. Den russischsprachigen Artikel übersetzen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">In folgendem Artikel kommen Feministinnen und LGBT-Aktivisten zu Wort und sprechen über Themen wie Freiheit, Sexualität und das beschämt werden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gulsana Serschan</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Mitbegründerin der kasachstanischen, feministischen Initiative „Feminita“, Menschenrechtlerin</em></p>
<p style="text-align: justify">Ich bin Feministin, Menschenrechtlerin und eine kasachische Frau. Ich war schon immer eine Feministin, aber ich habe erst angefangen mich auch so zu nennen, als ich Gleichgesinnte kennenlernte, die mir wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Feminismus empfahlen. Ich habe auch einen Kurs mit dem Titel „Die neue Generation von Menschenrechtlern in Kasachstan“ besucht. Mein Lebensstil und meine Weltanschauung unterscheiden sich nicht von den allgemeingültigen, weil ich der Meinung bin, dass meine Weltanschauung auch die allgemeingültige ist.</p>
<p style="text-align: justify">Ich denke, niemand hat das Recht, das anders zu sehen. Ich kann nicht sagen, dass ich jemals Druck erlebt habe, der mit dem Begriff „Schande“ zusammenhing. Ich hatte schon immer ein starkes Selbstwertgefühl, dank meiner Eltern, die mich geliebt und unterstützt haben.</p>
<p style="text-align: justify">Ich bin lesbisch und habe meine sexuelle Orientierung früher verheimlicht – aus Gründen der Sicherheit. Aber Wissen ist Macht! Als ich mir meiner Sexualität endgültig sicher war, die Menschenrechte studiert hatte und LGBTQI-Aktivistin (Lesben, Schwule, Transgender, Transsexuelle, Queere und Bisexuelle, Anm. d. Red.) wurde, konnte ich mich outen. Manche Menschen mögen mich dafür verurteilen, dass ich meine Orientierung nicht verheimliche. Aber das ändert nichts an meinem Inneren. Mich zu verurteilen ist sinnlos.</p>
<p><figure id="attachment_17404" aria-describedby="caption-attachment-17404" style="width: 959px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-17404" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/6c9qmBQW64sKk-ajeUaVhQ-wide.jpg" alt="" width="959" height="960" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/6c9qmBQW64sKk-ajeUaVhQ-wide.jpg 959w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/6c9qmBQW64sKk-ajeUaVhQ-wide-150x150.jpg 150w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/6c9qmBQW64sKk-ajeUaVhQ-wide-300x300.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/6c9qmBQW64sKk-ajeUaVhQ-wide-768x769.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/6c9qmBQW64sKk-ajeUaVhQ-wide-550x550.jpg 550w" sizes="(max-width: 959px) 100vw, 959px" /><figcaption id="caption-attachment-17404" class="wp-caption-text">Aktivisten versuchen, die Gesellschaft für &#8222;nicht-traditionelle&#8220; sexuelle Orientierungen zu sensibilisieren und toleranter zu machen</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Am meisten verblüffen mich die Anfeindungen einiger Männer gegenüber kasachischen Frauen, mit dem Ziel diese zu belehren. Diese Männer haben bei den <a href="https://www.bbc.com/news/world-asia-36163103">Demonstrationen gegen die Landreform</a> nicht nur feige geschwiegen, sondern die Anstrengungen der Demonstrationen auch für Misogynie missbraucht. Zumindest lassen sich die Erklärung im wichtigsten staatlichen Fernsehkanal kaum anders verstehen: „Wir werden die Erde nicht den Ausländern und mit Ausländern verheirateten Kasachinnen überlassen.“, oder: „Die Forderungen der Männer (!) in der Landfrage, wurden auf der Sitzung der Regierung geprüft.“</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/proteste-in-kasachstan-ueber-80-festnahmen-in-almaty-und-nur-sultan/">Proteste in Kasachstan- 80 Festnahmen in Almaty und Nur Sultan</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Wenn man dem Glauben schenken soll, machen sich bei uns nur die Männer Sorgen um das Land, währen die Frauen es allesamt den Ausländern überlassen. Sind diese Männer zu den Demonstrationen gegangen? Ich – eine lesbische, kasachische Frau – bin zu den nicht genehmigten Demonstrationen am 21.Mai 2017 gegangen, gemeinsam mit anderen lesbischen kasachischen Frauen, deren Existenz von diesen „belehrenden“ Männern verleugnet wird.</p>
<p style="text-align: justify">„Schande“ ist ein persönliches Gefühl, das man nicht auf andere Menschen übertragen kann. Außerdem hat „Schande“ auch keine Nationalität. Dieses Gefühl bringt mich dazu, bestimmte Dinge zu tun, oder nicht zu tun: nicht lügen, nicht fluchen, gerecht sein. Aber eine Frau der „Schande“ anzuklagen, nur weil sie eine Kasachin ist, das ist Unfug! Man sollte kein märchenhaft verklärtes Bild der kasachischen Frau entwerfen, das vollgestopft ist mit der sogenannten „Schande“ einiger Männer. Wenn ich sage, dass auch ich eine kasachische Frau bin, dann müsst ihr das akzeptieren.</p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Alina Newidimko<br />
</strong><em>Feministin, Designerin</em></p>
<p style="text-align: justify">Leider herrscht in Kasachstan die Meinung vor, dass sich Frauen auf eine bestimmte Art und Weise zu benehmen haben. Dieses Benehmen ist vor allem für die Männer angenehm. Aber es verdirbt die weibliche Individualität: Kunst, Hobbys, die eigene Meinung – all die positiven Eigenschaften, die Frauen besitzen könnten und besitzen, die sie aber davon abhalten gehorsame Schäfchen zu sein. Denn so betrachten die Kasachen traditionell die Frauen und Mädchen, als charakterlos und schwach. Sie sollen den Blick senken, den Tee einschenken, nicht widersprechen, die Wohnung in Ordnung halten und um sechs Uhr morgens aufstehen. Zu mir passt das nicht. Und ich versuche, auch anderen Frauen zu erklären, dass sie das Recht haben, sich zwischen Familie und Karriere zu entscheiden.</p>
<p style="text-align: justify">Mein Aussehen passt nicht zu den Standards, die in unserer Gesellschaft als annehmbar gelten. So wie ich rede, dass ich es wage mit Männern zu diskutieren, meine Meinung zu vertreten und Beweise anzuführen passt ebenso wenig. Sie denken trotz der von mir aufgeführten Beweise, dass sie Recht haben und sagen, dass ich vom Westen manipuliert sei, dass ich irgendwelche Milliarden von Obama bekäme oder sonstiger derartiger Quatsch.</p>
<p style="text-align: justify">Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass die Leute, anstatt ihre eigenen Probleme zu lösen, lieber Andere belehren. Ich sehe das an den Kommentaren (Anmerkung: im Internet): die Leute haben absolut keine Ahnung vom Thema, aber sie glauben, dass sie ihren Standpunkt unter die Leute bringen müssen und Andere verändern könnten.</p>
<p style="text-align: justify">Nach der ersten Veranstaltung der feministischen Initiative, bei der ich damals aktiv war, kam ich mit „Shaming“ (Beschämung, Anm. d. Red.) in Berührung. Die Reaktionen in den Medien waren eigenartig: es hieß, dass die Frau irgendeine bestimmte, natürliche Bestimmung hätte und dass es ein Kampf gegen die Natur sei, sich dieser zu widersetzen. Damals verstand ich, dass wir uns zwar im 21.Jahrhundert befinden, einige Menschen aber weiterhin erfolgreich im Mittelalter leben.</p>
<p><figure id="attachment_9025" aria-describedby="caption-attachment-9025" style="width: 500px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-9025" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500.jpg" alt="Feminismus Marsch Almaty Kasachstan" width="500" height="500" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500.jpg 500w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500-150x150.jpg 150w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500-300x300.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500-32x32.jpg 32w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500-50x50.jpg 50w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500-64x64.jpg 64w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500-96x96.jpg 96w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/artworks-000222526562-yijf7c-t500x500-128x128.jpg 128w" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" /><figcaption id="caption-attachment-9025" class="wp-caption-text">Feministischer Marsch in Almaty am 8. März 2017</figcaption></figure></p>
<p>Es ist traurig, wenn man begreift, dass alles was wir getan haben, über was wir Vorlesungen gehalten haben und all die Fakten, die wir aufgeführt haben – dass das niemanden interessiert. Die Leute wollen einfach behaupten, dass der Feminismus Unsinn ist, aufgezwungen von der westlichen Propaganda, damit die Frauen keine Kinder kriegen und die Kasachen aussterben.</p>
<p style="text-align: justify">Jeden Tag werden meine Bekannten damit konfrontiert, dass ihr Verhalten als nicht ausreichend züchtig bewertet wird. Und das nur, weil sie es wagen, anders auszusehen. Eine Bekannte von mir wurde geschlagen, weil sie nicht heteronormativ genug aussieht, mit kurzen Haaren und lockerer Kleidung, die nicht die Figur betont. Ich kenne die Geschichte eine Frau, die geschlagen und der mit Vergewaltigung gedroht wurde, die davon aber ihrer Familie nichts erzählen konnte und ihre Anzeige zurückzog, weil sie glaubte, dass niemand sie akzeptieren oder verstehen würde. Eine andere Frau wurde nach dem Sex zu einer Abtreibung gezwungen und auch sie konnte niemandem davon erzählen, weil es eben eine „Schande“ war.</p>
<p style="text-align: justify">Der Grund für dieses Gefühl der Schande in Kasachstan ist Angst; die Möglichkeit den Menschen mit einer vermeintlichen, mystischen Vergeltung Angst einzujagen, um sie zu manipulieren. Die Religion ist der Politik dabei behilflich, da Schande direkt mit Sünde verbunden ist. Dieses Konzept erlaubt es den Leuten zu bestimmen, was richtig und was falsch ist.</p>
<p style="text-align: justify">Schande – das ist die Fortsetzung der Prinzipien des Tabus bis hin zur Todsünde. Es werden Verbote für bestimmte Handlungen aufgestellt. Früher hatte das sogar einen Sinn. Heutzutage aber nicht. Einen kurzen Rock zu tragen, ist keine Sünde. Genau so wenig wie sich die Haare kurz zu schneiden, eine eigene Meinung zu haben, keine Kinder zu bekommen oder die Möglichkeit zu haben in dem Beruf zu arbeiten, in dem man arbeiten möchte und gutes Geld zu verdienen. Das alles ist keine Schande! In allen progressiven Staaten der Welt sind Frauen ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft und können selbst über ihr Leben und ihren Körper bestimmen.</p>
<p style="text-align: justify">Meine gesellschaftliche Position ist Feministin. Ich habe erst 2015 begonnen mich ganz und gar als Feministin zu bezeichnen. Davor dachte ich einfach, dass ich die Freiheit habe auf niemanden zu hören und mich so zu benehmen, wie ich es für richtig halte. Diese ganzen dämlichen Traditionen, dass man die Alten respektieren muss und ihnen nicht widersprechen darf, weil sie angeblich immer weise sind, habe ich noch nie verstanden. Mir gefällt das Zitat von <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Artemy_Lebedev">Artemi Lebedev</a>: „Wenn man so darüber nachdenkt: irgendein alter Sack lebt länger auf dieser Welt als ich. Warum sollte er deshalb weiser sein als ich?“ Niemand kann besser wissen als du, was du brauchst. Auch wenn er &#8211; nach gängigen Maßstäben &#8211; als weise gilt.</p>
<p style="text-align: justify">Der Feminismus wird in den Medien sehr negativ dargestellt, der Begriff selbst wird als Schimpfwort empfunden. Aber Feminismus bedeutet nicht nur unrasierte Achseln. Je mehr ich gelesen habe, desto mehr habe ich das Wesentliche und die Wichtigkeit dieser Bewegung verstanden. In Kasachstan stoßen Frauen auf sehr viele Probleme und der Feminismus kann helfen, sie zu lösen.</p>
<p style="text-align: justify">Sollen sie ruhig sagen, dass Feministinnen schlecht sind, hässlich, fett und ungefickt. Okay, das ist nicht schlimm. Und ja, ich bin eine Feministin. Ich benutze die Feminitiva (weibliche Wortformen, Anm. d. Red.) auch wenn manche das dumm oder lächerlich finden, weil es in gewisser Weise dazu beiträgt, dass Frauen eine bessere Bezahlung bekommen. Wenn ein Arbeitgeber versteht, dass es unter den Spezialisten auch Spezialistinnen gibt, dann muss er diese auch genauso gut bezahlen. Deshalb bin ich DesignerIN.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/heldinnen-zentralasiens-von-den-wichtigsten-frauen-der-region/">Heldinnen Zentralasiens: Von den wichtigsten Frauen der Region</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Frauen müssen sich für nichts schämen oder sich davor fürchten, dass sie verurteilt oder verachtet werden. Sie müssen nicht versuchen, sich den Normen der Gesellschaft anzupassen, um der „Schande“ zu entkommen. Denn wir werden immer „unbequem“ sein, wir werden immer falsch sein, wir werden immer schuldig sein. Egal wie wir aussehen, egal was wir machen und egal über was wir reden – die Frau ist immer falsch.</p>
<p style="text-align: justify">Selbst wenn du von Kopf bis Fuß in einem Hidschāb oder Schleier steckst, du wirst trotzdem misshandelt, wie Beispiele aus muslimischen Ländern zeigen. Und auch wenn du die Hochschule beendet hast, sehr belesen bist und viele Erfahrungen hast, wirst du 20 bis 30 Prozent weniger verdienen als ein Mann. Selbst wenn du – aus Sicht der Gesellschaft – eine ordentliche Ehefrau bist, deine Kinder gut erziehst und deinen Mann bedienst, wird dir dennoch auf die Finger geklopft. Egal was du auch tust, du wirst immer schlecht sein, es wird sich immer ein Grund fürs „Shaming“ finden. Du wirst immer dreckig, falsch und unrein sein.</p>
<p style="text-align: justify">Man kann dir während deiner Periode sogar den Eintritt in die Moschee verbieten. Auch wenn du jeden Tag das Namaz (Gebet im Islam, Anm. d. Red.) liest, die Kleiderordnung einhältst und dich an alle Regeln des Korans hältst. Ganz unabhängig davon, was du tust, du bist immer schlecht. Deshalb sollte man keine Angst davor haben, schlecht zu sein.</p>
<p style="text-align: justify">Du musst die Traditionen nicht ehren, nach denen du nicht einmal ein halber Mensch bist, nach denen du gerade mal ein bisschen mehr Rechte hast als ein Tier.  Stattdessen solltest du versuchen, so zu leben, wie du es willst und dich so zu benehmen, wie du es willst: einen Hochschulabschluss machen, eine interessante Arbeit ausüben. Verbring nicht dein ganzes Leben damit, Kinder großzuziehen und deine Familie zu bedienen, sondern tu das, was du für wichtig hältst und beschäftige dich mit dem, was dich interessiert!</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Amir Schaikeshanov<br />
</strong><em>LGBT Aktivist</em></p>
<p style="text-align: justify">Mein Lebensstil und meine Weltanschauung sind nicht gerade kanonisch. Ich bin Liberaler und davon überzeugt, dass jeder Mensch die Freiheit über seine Identität und die Wahl seiner Weltanschauung haben sollte und zwar bis zu dem Punkt, bis zu dem er nicht die Rechte eines Anderen verletzt.</p>
<p style="text-align: justify">Ich bin ein Unterstützer der Ideen der Aufklärung und der freien Wahl und nicht der Verbote und des Weglaufens vor unangenehmen Themen. Alle Menschen haben Sex, deshalb ist es notwendig, dass man Sexualkundeunterricht durchführt, sowohl für Jugendliche, als auch für Erwachsene. Durch häusliche Gewalt sterben in Kasachstan dutzende Frauen pro Jahr, deshalb müssen wir Themen wie Gerechtigkeit und den Schutz der Frauen und Kinder besprechen.</p>
<p style="text-align: justify">„Schande“ ist ein Konstrukt, das die Kasachen schon in ihrer Kindheit verfolgt. Ich bin das erste Mal in jungen Jahren damit in Berührung gekommen. Damals habe ich verstanden, dass es bei uns nicht richtig ist, man selbst zu sein. Es ist sicherer so zu tun, als sei man anständig und bequem.</p>
<p style="text-align: justify">Für meine eigene Meinung wurde ich im Laufe der Zeit auch beschämt. Es hieß, ich sei arrogant, meine Selbstständigkeit sei eine Frechheit und meine Offenheit albernes Geschwätz. Ich komme immer noch oft mit „Schande“ in Berührung. Ich kämpfe wie folgt damit: Als Schwuler schweige ich nicht über die Probleme der LGBT-Community. Ich spreche mich für das Recht der Frauen aus, in Sicherheit zu leben und die gleichen Rechte zu haben wie Männer.<strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/15-millionen-kasachstaner-nicht-traditioneller-orientierung/">1,5 Millionen Kasach „nicht-traditioneller“ Orientierung</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Ich bin außerdem für den Schutz der Individualität der Kinder, gegen Gewalt und Abschirmung von wichtigen Informationen, eingeschlossen Sexualkunde. Ich lehne es ab, die eigene Meinung zu verstecken und bin sexpositiv. Ich kämpfe gegen das System der Autoritäten, die uns – ohne etwas vorweisen zu können –   aufgezwungen werden, nur auf Grundlage ihres Alters, ihrer sozialen oder ihrer politischen Position.</p>
<p style="text-align: justify">In Kasachstan stört mich am meisten die mangelnde Wertschätzung für das Leben: Erwachsene und scheinbar kluge Leute sind bereit ihre Angehörigen und Kinder zu töten oder ihre Gesundheit in Gefahr zu bringen, nur aufgrund der Erwartungen von fremden Menschen. Junge Frauen und Männer werden aus dem Haus gejagt, geschlagen und abgelehnt, sie werden gezüchtigt oder sogar getötet und das nur wegen einer unerwarteten Schwangerschaft, Sexualität an sich oder der Liebe zu einer Person mit einer anderen Nationalität.</p>
<p><figure id="attachment_8987" aria-describedby="caption-attachment-8987" style="width: 1023px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-8987" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/c106d35072cea465a6219a2c473b46c6.jpg" alt="" width="1023" height="558" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/c106d35072cea465a6219a2c473b46c6.jpg 1023w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/c106d35072cea465a6219a2c473b46c6-300x164.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/c106d35072cea465a6219a2c473b46c6-768x419.jpg 768w" sizes="(max-width: 1023px) 100vw, 1023px" /><figcaption id="caption-attachment-8987" class="wp-caption-text">LGBT*IQ Aktivisten nach einer Aktion in Zentralasien</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Mir scheint, das sind die Reste des Tribalismus (Stammestum, Anm. d. Red): die Notwendigkeit in einer Gemeinschaft zu leben und mit deren Werten übereinzustimmen. Im Rahmen der Globalisierung, der Urbanisierung und dem wachsenden Einfluss der Popkultur entfernt sich die junge Generation allerdings immer weiter von den Kategorien „Schande“ und „Wir“ und nähert sich stattdessen den Kategorien „Freiheit des Individuums“ und „Ich“. Natürlich mit einem örtlichen Flair, aber mit der Hoffnung auf eine offenere und tolerantere Gesellschaft.</p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Polina Pollinium</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>polyamorös, pansexuell, Feministin</em></p>
<p style="text-align: justify">Meine Weltanschauung und mein Lebensstil unterscheiden sich in großem Maße von den in Kasachstan gängigen. Zuerst einmal bin ich pansexuell, d.h. meine Zuneigung zu einem Menschen hängt nicht von dessen Gender(-Identität) ab. Anders gesagt: die Genitalien sind mir egal, ich liebe den Menschen selbst, für seinen Charakter und seine Äußerungen. Zweitens bin ich <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Polyamorie">polyamorös</a>. Mir erscheint es natürlich für mehrere Menschen gleichzeitig romantische und sexuelle Zuneigung zu empfinden. Außerdem trete ich für die Polygamie ein – eine Ehe mit mehr als zwei Partnern.</p>
<p style="text-align: justify">Ich glaube, dass diese Form der Beziehung eine Reihe von Vorteilen gegenüber einer traditionellen Beziehung hat. Zum Beispiel die Aufteilung alltäglicher Pflichten, das Teilen von Rechnungen, sowie die Kindererziehung. Vor allem den letzten Punkt möchte ich hervorheben. Viele Kinder leiden darunter, zu wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber man kann auch die Eltern verstehen: Sie arbeiten den ganzen Tag und zuhause warten dann auch noch eine Menge Aufgaben. Da reicht die Zeit für die Kinder einfach nicht. In einer Ehe mit mehr als zwei Partnern kann man sich mit den elterlichen Pflichten abwechseln und es wird viel einfacher.</p>
<p style="text-align: justify">Darüber hinaus bin ich Feministin. In Kasachstan wird diese Weltanschauung nicht unterstützt. Vor einer Weile gab es einen Hype um ein Video, in dem ein Typ auf einem Parkplatz dazu auffordert, die kasachischen Frauen zu erziehen. Schlimmer als das Video selbst waren die vielen Unterstützer. Aber unsere Frauen waren nicht verlegen, sie haben geantwortet, sie schrieben zum Beispiel: „Ich bin eine kasachische Frau und ich bin lesbisch.“ Sie wollten daran erinnern, dass kasachische Frauen kein höriges Vieh sind, sondern Persönlichkeiten mit Meinungen und Ansichten. Aber die Reaktionen waren schrecklich: es wurde persönlich, es wurde beleidigt. Es schien so, als ob bei uns Feministinnen als schlimmer erachtet werden als Gewalttäter, Diebe und Korrupte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/zentralasien-2030-gleichberechtigung-auch-im-beruf/">Zentralasien 2030: Gleichberechtigung auch im Beruf?</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Als ich noch zur Schule ging, war eine meiner Mitschülerinnen auch „Slutshaming“ ausgesetzt. In der siebten Klasse wussten alle über ihr Privatleben (und ihr angebliches Sexleben) Bescheid. Die Kinder haben angefangen, sie als Schlampe zu bezeichnen. Ich erinnere mich daran, was das für ein Mädchen war. Sie war hübsch, selbstsicher und mutig, denn sie ist den Provokationen nicht erlegen. Persönlich bin ich noch nicht mit „Shaming“ in Berührung gekommen, weil ich bisher auch nie über meine Ansichten gesprochen habe, ich hatte kein öffentliches Coming-Out.</p>
<p style="text-align: justify">Bei uns gibt es ein Verständnisproblem. Wir sagen: „Schluss mit der Gewalt“ und die „Shamer“ und andere Verteidiger der Traditionen verstehen: „Wir drängen euch die westlichen Werte auf.“ Als ob die westlichen Werte ständige LGBT-Paraden, Feministinnen-Märsche mit unverhüllten Brüsten und die Ablehnung von vaginalem Sex wären. Dort, in diesem geheimnisvollen Westen, gehen Menschen ganz normale Ehen ein, bringen Kinder zu Welt und treten sogar Enthaltsamkeits-Gruppen bei. Aber dort strebt die Gesellschaft nach Bewusstheit und Toleranz.</p>
<p style="text-align: justify">Es ist schon klar, warum unsere Gesellschaft den Feminismus ablehnt. Kein Sklavenhalter möchte, dass sein Eigentum sich auflehnt. Den Frauen wird eingeredet das Patriarchat sei das reinste Vergnügen: Geschenke hier, Aufmerksamkeit da. Über die Schattenseiten wird hingegen geschwiegen. Das Patriarchat wird zudem als normale Gesellschaftsform wahrgenommen und die „Shamer“ sind das Ordnungskommando. Eine Frau, die sich auflehnt, wird beschämt. Ein Mann, der sie in Schutz nimmt, wird ebenfalls beschämt. Es werden alle beschämt, die sich vom „Normalen“ unterscheiden.</p>
<p style="text-align: justify">Für den Anfang wäre es nicht schlecht, den Leuten Toleranz und Respekt für den Einzelnen beizubringen. Und damit die Begriffe „gut“ und „schlecht“ zu ersetzen. Aber vor allem muss man erklären, dass Gewalt das schlimmste Übel ist und eine Bremse für unseren Fortschritt. Wenn wir eine Gesellschaft aufbauen wollen, in der sich jeder und jede sicher fühlt, dann sollte das Ausmerzen der Anreize zur Gewalt das Ziel Nummer eins sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify"><strong><u>Arina Ossinovskaja</u></strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Aktivistin von „Kasfem“</em></p>
<p style="text-align: justify">Vor sieben Jahren bin ich Vegetarierin geworden und das hat mich dazu bewogen auch über andere Dinge nachzudenken, die ich früher für normal hielt. Heute bin ich Veganerin, bezeichne mich als Feministin und vertrete links-anarchistische politische Ansichten. Bei fast jedem gibt es diesen kleinen Moment, der einen dazu bringt, zurück zu blicken und sich zu fragen, ob man bisher richtig gelebt hat. Die Frage, die man sich öfter stellen sollte, lautet aber: Verhalte ich mich jetzt richtig? Sind mein Essen und meine Kleidung es wert, dass Tiere sterben und andere Menschen dafür ausgebeutet werden? Habe ich das Recht, und vor allem den Wunsch, Teil dieser riesigen Kette ununterbrochenen Konsums zu sein?</p>
<p style="text-align: justify">Ich habe mit vielen Dingen in unserer Gesellschaft Probleme. Zum Beispiel damit, dass man sich bei uns daran gewöhnt hat, das Aussehen der Frauen kritisch zu bewerten. Oder dass schon allein mein Recht, mich ohne Begleitung eines Mannes irgendwohin zu bewegen, Erstaunen hervorruft. Und auch mit den herrlich selbstsicheren „Shamern“ die nicht bereit sind ihr Recht abzulegen, über andere zu urteilen und alles und für alle zu entscheiden, vor allem für die kasachischen Frauen. Oder die beleidigenden und drohenden Kommentare unter den Artikeln über die Aktionen von „Kasfem“.</p>
<p style="text-align: justify">Die Frage nach dem Lebensstil und der Weltanschauung ist ziemlich schwierig, weil man sie verschieden verstehen kann. Was ist Allgemeingültigkeit? Ich schlitze nicht einmal pro Jahr ein Schaf auf, will nicht heiraten, reise gerne alleine, trampe, ich möchte keine Kinder und hasse das Wort „Schande“. Ich halte den Mann nicht für das Familienoberhaupt, ich kämpfe für die Gleichberechtigung der Geschlechter und glaube an das Glück aller lebendigen Wesen.</p>
<p style="text-align: justify">Man kann in unserer eklektischen kasachischen Gesellschaft von Dörfern und Städten keine allgemeinen Werte erkennen, außer der Angewohnheit zuzustimmen und zu ertragen. Zustimmen, wenn man gezwungen wird, ein Kopftuch zu tragen. Ertragen, jemanden zu heiraten, den man nicht liebt und manchmal auch dessen Hand zu spüren. Zustimmen, zur Entscheidung der Eltern über die eigene Zukunft, und danach die ausgewählte Universität und die erkaufte Arbeit ertragen. Der ausgewählten Braut zuzustimmen und akzeptieren, dass man sein ganzes Leben mit seinen Eltern leben wird, weil man der jüngste Sohn ist.</p>
<p><figure id="attachment_16561" aria-describedby="caption-attachment-16561" style="width: 1280px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-16561" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/fem_02.jpg" alt="" width="1280" height="853" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/fem_02.jpg 1280w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/fem_02-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/fem_02-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/fem_02-1024x682.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/fem_02-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px" /><figcaption id="caption-attachment-16561" class="wp-caption-text">&#8222;Uyti nelzia terpet&#8220; &#8211; Die Interpretation lässt offen: Verlassen oder Aushalten? Jede Frau sollte selbst entscheiden</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Ich glaube nicht an die Märchen der Liberalen von der Freiheit der Wahl. Wir wissen doch, wie so ein Prozess in unserem Land aussieht. Aber ich glaube an das Recht des Menschen auf die Freiheit seines Verhaltens, an das Glück und daran, dass niemand das Leiden und die Ausbeutung anderer Menschen verursachen sollte. Homophobie, Sexismus, Nazismus und die vollkommen vorsätzliche apolitische Haltung großer Teile der Bevölkerung beginnen uns in einen Zustand der Hoffnungslosigkeit zu ziehen.</p>
<p style="text-align: justify">Es ist gut, dass damit begonnen wurde über Gewalt gegen Frauen zu sprechen, aber besser wäre es doch, wenn es keinen Anlass gäbe, darüber zu sprechen. Es gab in der Vergangenheit vor Gericht einige Fälle, in denen es um häusliche Gewalt und Vergewaltigung ging. Diese Fälle wurden gewonnen, was sehr wichtig ist, weil sie gezeigt haben, dass die Justiz arbeiten kann und sollte, wenn öffentlich über „Schande“ geredet wird. Fälle wie diese beginnen nicht mit einer Anzeige, sondern mit der Bereitwilligkeit und dem Glauben, dass die Justiz Gewalttäter und Tyrannen innerhalb der Familie bestraft. Und das kann den Frauen helfen, ihr Leben zu retten, sie anstoßen, eine Anzeige zu machen und Gerechtigkeit zu erlangen.</p>
<p style="text-align: justify">Ich habe die Ausweglosigkeit in den Augen einer Frau gesehen, zu der wir mit der Polizei gefahren sind, um sicherzustellen, dass sie noch lebt und sie davon zu überzeugen, eine Anzeige gegen ihren schlagenden Ehemann zu machen. Sie hat es abgelehnt. Da haben weder unsere Überzeugungsversuche noch die Nachfragen der Polizei geholfen. Und in dem Moment habe ich die ganze Kraft der „Schande“ gespürt.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="Interview%20mit%20der%20kasachischen%20Frauenrechtlerin%20Ayman%20Umarowa">Gewalt kann nicht toleriert werden: Interview mit der kasachischen Frauenrechtlerin Ayman Umarowa</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Ich bin mit meinen Freundinnen im Polizeiauto nach Hause gefahren und habe vor Machtlosigkeit geweint. Und dort in diesem kleinen Dorf außerhalb des Almatiner Ringes weinte meine Altersgenossin über die schweren körperlichen Verletzungen, die sie sich nicht anzuzeigen traute. Solange alle schweigen, befangen durch das falsche Gefühl der Scham, ihre blauen Flecken unter Kosmetik verstecken, und den Kopf unter einem Kopftuch – sieht es so als würde in diesem Land nichts passieren. Alles in bester Ordnung.</p>
<p style="text-align: justify">Die Ursachen für die „Schande“ sehe ich in der Beziehung des Staates zur Familie, als wäre sie das letzte, worauf man sich noch stützen kann. Wenn es keine Stabilität in der Wirtschaft gibt und man den sozialen Bereich einschließlich des Gesundheitswesens schon lange aufgegeben hat, was bleibt den Kasachen da noch zu wünschen? Nur eine starke Familie!</p>
<p style="text-align: justify">Außerdem ist die „Schande“ verwurzelt in der Vorstellung der Frau als schweigsame und demütige Vertreterin des schwachen Geschlechts, die eine Nebensache ist und Eigentum des Mannes. Deshalb besteht mein persönlicher Kampf mit der „Schande“ aus weniger familiären Werten, mehr Polyamorie und mehr persönlichen Äußerungen über das Eigene, das Weibliche.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Ulpan Ramasowa,  <a href="https://www.the-village.kz/village/people/people/1259-uyat-emes-3?fbclid=IwAR1pvQ28nrP2iLl1dqTj4jSDx_qb9qVWf3vicY-OK3VS2S_-lVfb5KdkEPI">The Village KZ</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem russischen von Julia Schulz</strong></p>
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		<title>Auf direktem Weg in die Slums: Warum die Urbanisierung Usbekistans nicht ohne Risiken ist</title>
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		<dc:creator><![CDATA[juliaschulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Apr 2019 10:05:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Bauboom]]></category>
		<category><![CDATA[Infrastruktur]]></category>
		<category><![CDATA[Landflucht]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
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		<category><![CDATA[Urbanisierung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Seit 2018 wird die Urbanisierung Usbekistans von der Regierung politisch gef&#xF6;rdert. Dennoch verl&#xE4;uft dieser Prozess nicht ohne Probleme. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Fergana News. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.&#xA0; Ende 2018 verk&#xFC;ndete der Pr&#xE4;sident von Usbekistan Schawkat Mirsijojew in seiner traditionellen Ansprache an das Parlament, dass die Steigerung der [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Seit 2018 wird die Urbanisierung Usbekistans von der Regierung politisch gefördert. Dennoch verläuft dieser Prozess nicht ohne Probleme. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei </strong><a href="https://fergana.agency/articles/104238/%20"><strong>Fergana News</strong></a><strong>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify">Ende 2018 verkündete der Präsident von Usbekistan <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Shavkat_Mirziyoyev">Schawkat Mirsijojew</a> in seiner traditionellen Ansprache an das Parlament, dass die Steigerung der Urbanisierung des Landes unvermeidbar sei. Heute beträgt der Verstädterungsgrad in Usbekistan etwa 35,5 Prozent. Bis zum Jahre 2030 soll er, so der Plan des Staatsoberhauptes, auf bis zu 60 Prozent ansteigen: <em>„Wenn wir keine Maßnahmen ergreifen, werden unsere Dörfer vollkommen verfallen.“</em> unterstrich er.</p>
<p style="text-align: justify">Kaum einen Monat später erließ das Präsidialamt ein Dekret mit dem Titel „Über Maßnahmen zur grundlegenden Verbesserung des Urbanisierungsprozesses.“ Dem Dokument zufolge lässt sich in Usbekistan bereits ein Wachstum der Städte beobachten. Allerdings verlaufe dieser Prozess eher schleppend: In den letzten Jahren seien nur sechs neue größere Siedlungen entstanden. Die Gesamtzahl stieg von 1065 auf 1071.</p>
<p style="text-align: justify">Tatsächlich findet nicht erst seit den letzten zehn Jahren eine Urbanisierung des Landes statt. Jedoch müsste man eher von einer „Taschkentisierung“ sprechen. Es ist kein Geheimnis, dass die Bewohner der Regionen in die Hauptstadt strömen. Unter dem früheren Präsidenten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Islom_Karimov">Islam Karimow</a> war Taschkent praktisch eine geschlossene Stadt. Um dort eine Niederlassungserlaubnis zu bekommen brauchte man fast magische Kräfte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/islam-karimow-vom-waisenkind-zum-vater-der-nation/">Islam Karimow: Vom Waisenkind zum Vater der Nation</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Menschen aus den Regionen kamen dennoch zuhauf, aber bei jeder Dokumentenkontrolle durch die Bezirksinspektion mussten sie sich eine Geschichte ausdenken, z.B. dass sie nur für ein paar Tage zu Gast seien, oder ein Gespräch mit den Worten „Vielleicht können wir uns anderweitig einigen&#8230;“ beginnen (Bestechung). Das ist eine Besonderheit der usbekischen Urbanisierung. Gleichzeitig ließ sich eine andere Tendenz beobachten: die Landbevölkerung verließ die Dörfer auch auf direktem Weg ins Ausland. Inoffiziellen Angaben zufolge befinden sich über 5 Millionen usbekische Staatsbürger, auf der Suche nach einem besseren Leben, im Ausland.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/der-moskauer-traum/">Der Moskauer Traum</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Zurzeit lebt die Bevölkerung Usbekistans etwa zu gleichen Teilen in der Stadt und auf dem Land. Laut Angaben des staatlichen Komitees für Statistik wurden am 1.Oktober 2018 mehr als 33 Millionen Einwohner im Land gezählt, davon nur etwas mehr als 50 Prozent Stadtbewohner und der Rest ländliche Bevölkerung. Dieses Verhältnis wird sich jedoch aufgrund der beschleunigten Verstädterung bereits in den nächsten Jahren drastisch verändern.</p>
<p style="text-align: justify">Im Dekret des Präsidenten wird gar von der Gründung einer ganz neuen staatlichen Institution gesprochen – einer Agentur für Urbanisierung innerhalb des Ministeriums für Wirtschaft und Industrie. Sie wird ein Programm für die Umsiedlung der Arbeitskräfte von den Dörfern in die großen Siedlungen entwickeln. Darüber hinaus soll sich die Agentur darum kümmern, die neuen Stadtbewohner in den Arbeitsprozess einzugliedern.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Usbekistans Bau-Boom</strong></p>
<p style="text-align: justify">Interessierte Agenturen wurden beauftragt, bis zum 1. Juli dieses Jahres ein Konzept für die Entwicklung der Urbanisierung Usbekistans zu erstellen und dabei die Schaffung neuer Städte und Satellitenstädte zu berücksichtigen. In diesem Zusammenhang wird vor allem der Bauwirtschaft eine besondere Beachtung zuteil. Allein in diesem Jahr werden laut Investitionsprogramm etwa 8 Milliarden US-Dollar investiert.</p>
<p style="text-align: justify">Es sieht so aus, als würde das vom Staat unterstützte Wachstum der Städte unter Zeitdruck stattfinden. Aber in wie weit ist diese künstliche Urbanisierung Usbekistans nötig und welche positiven und vor allem auch negative Folgen bringt sie mit sich? Der Forschungsleiter des Instituts für Demographie Nikita Mkrttschjan meint, dass die Regierung den Prozess der inneren Migration und Urbanisierung nicht kontrollieren sollte:</p>
<p style="text-align: justify"> <em>„Es ist schön zu hören, dass die Regierung sich zumindest auf dem Papier Gedanken um die Entwicklung der Städte macht. Aber man sollte sich die Erfahrungen von anderen Regierungen ansehen. In den Nachbarländern (in Kasachstan, Kirgistan, der Mongolei und in Russland – dort insbesondere im Kaukasus) wachsen die Vorstädte der Großstädte schnell und teilweise ungehemmt&#8230;allerdings ohne die entsprechende Infrastruktur (Anmerkung: Verkehr und soziale Infrastruktur). Daraus resultieren Probleme. In diesen Gegenden leben Menschen mit wenig Geld, die vom Land kommen, sich keine Wohnung in der Stadt kaufen können, aber dort arbeiten müssen, um Geld zu verdienen.“ </em></p>
<p><figure id="attachment_14786" aria-describedby="caption-attachment-14786" style="width: 3456px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-14786" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/08/Tadschikistan-3.jpg" alt="Bauboom Duschanbe Tadschikistan" width="3456" height="2304" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/08/Tadschikistan-3.jpg 3456w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/08/Tadschikistan-3-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/08/Tadschikistan-3-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/08/Tadschikistan-3-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/08/Tadschikistan-3-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/08/Tadschikistan-3-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 3456px) 100vw, 3456px" /><figcaption id="caption-attachment-14786" class="wp-caption-text">Baukräne prägen das Stadtbild vieler Hauptstädte in Zentralasien. Die Region erlebt gerade einen Bauboom</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><em> </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Wenn diese Prozesse in Usbekistan früher eingedämmt wurden, so ist mit einem Politikwechsel ein explosionsartiges Wachstum möglich. Die Bevölkerung außerhalb der Großstädte ist groß, das Migrationspotenzial gewaltig. Satellitenstädte sind eine gute Idee, aber in Moskau beispielsweise haben sie nicht den erwünschten Effekt gehabt. Die Stadt breitet sich immer noch aus wie ein Ölfleck. Bevor man neue Städte baut, sollte man also erst einmal überprüfen, ob in den Alten alles in Ordnung ist.“ </em>so der Experte für Demographie Mkrttschjan</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Sollten nicht zuerst dort die bestehenden Probleme, wie baufällige Wohnungen, Umweltprobleme, der Abbau schädlicher Industrien sowie die Abfallentsorgung gelöst werden? Es wäre gut, wenn die usbekische Regierung zumindest einige Probleme, die mit dem forcierten Wachsen der Städte zusammenhängen, lösen könnte. Ich denke, alle Probleme können auch mit großen finanziellen Möglichkeiten nicht gelöst werden.“ </em></p>
<p style="text-align: justify"><em> </em><strong>Die Probleme unkontrollierter Urbanisierung</strong></p>
<p style="text-align: justify">Sergej Abaschin, Professor an der Europäischen Universität Sankt Petersburg und Spezialist für Migration bezeichnet die geplante Urbanisierung zwar als normale Praxis. Allerdings bringe eine unkontrollierte Verstädterung eine Menge Probleme mit sich: <em>„Wir sehen das am Beispiel von Bischkek, wo sich am Stadtrand unkontrolliert tausende Menschen aus ländlichen Gebieten angesiedelt haben. Es gibt dort faktisch ganz neue Stadtteile ohne ausgebauter Infrastruktur und schwierigen sozialen Verhältnissen. Es muss etwas getan werden, um eine solche Situation zu verhindern.“, </em>meint Abaschin.</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Die ländlichen Gebiete in Usbekistan sind relativ überbevölkert. Dort gibt es viele Menschen und wenig Arbeit (deshalb migrieren die Menschen vor allem ins Ausland) und die neuen Arbeitsplätze, in der Industrie oder im Dienstleistungssektor, entstehen in den Städten. Deshalb ist die Urbanisierung notwendig, und die Städte müssen darauf vorbereitet werden – eine vernünftige Infrastruktur muss geschaffen werden, sowie Sozialprogramme.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/angren-portraet-einer-der-aeltesten-industriestaedte-usbekistans/">Angren – Porträt einer der ältesten Industriestädte Usbekistans</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Eine ähnliche Sicht vertritt auch ein weiterer Spezialist, Artjom Kosmarskij, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Orientalistik der Russischen Akademie der Wissenschaften: „<em>Auf den ersten Blick sind die Initiativen der usbekischen Regierung zukunftsträchtig, ich würde sogar sagen revolutionär. Zumindest innerhalb der GUS kenne ich keine vergleichbaren Initiativen, bei der sich spezielle Regierungsorgane organisiert um die landesweite Urbanisierung kümmern. In Kasachstan beispielsweise wird die Urbanisierung als Problematik, sogar als eine Art Unglück betrachtet.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Auf der einen Seite verläuft die Urbanisierung sehr langsam, weil die Menschen eher auswandern, als in die Städte zu ziehen. Auf der anderen Seite kann sie zu Slums und einer chaotischen Entwicklung führen, sowie die soziale Infrastruktur (Kindergärten, Schulen, usw.) überlasten. Daher wirkt die derzeitige Politik Usbekistans wie die Neubelebung der Prinzipien des 20.Jahrhunderts, ich würde sagen –  der sowjetischen Prinzipien. Damals organisierte der Staat (so wie in vielen Ländern der Welt) selbst die Prozesse der Urbanisierung und forcierte diese sogar. Damit diese Politik gelingt braucht es aber natürlich Ressourcen und einen Willen, die mit den Ressourcen und dem Willen der UdSSR als Land mit einer Planwirtschaft vergleichbar sind,“ </em>erklärt Spezialist am Institut für Orientalistik Kosmarskij.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Nach den Gesetzen des Dorfes</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Nutzer der sozialen Medien kommentieren aktiv die neuen Entwicklungen. Vor allem die Stadtbewohner nehmen die Urbanisierung vorwiegend als „Taschkentisierung“ wahr. Seitdem sie das Recht auf eine vereinfachte Registrierung in der Hauptstadt erhalten hat, sowie die Möglichkeit, eine vergünstigte Hypothek zu beantragen und eine Anstellung zu erhalten, drängt die ländliche Bevölkerung nach Taschkent. So zumindest sehen es viele Kommentatoren und äußern diesbezüglich ihre Bedenken. Sie meinen, die Dorfbewohner kämen in die Stadt und brächten ihre eigenen Gesetze mit.<em> </em></p>
<p style="text-align: justify"><em> „Der Fahrstuhl ist für sie eine Toilette, der ganze Hof ist voller Sonnenblumenkerne, sie schließen die Türen nicht, sie verbrennen Öl in den Wohnungen&#8230; der Geruch ist einfach schrecklich&#8230; und dann gibt es noch einen mit Hühnern auf dem Balkon! Außerdem vermieten sie die Wohnungen unter, sie lassen 10 Leute dort übernachten&#8230;und sie lieben es, ihren Müll auf dem Spielplatz zu entsorgen“, </em>so beschreibt eine Hauptstadtbewohnerin ihre Erfahrungen mit den neuen Nachbarn.</p>
<p style="text-align: justify">Viele verstehen nicht, warum Umsiedlungen organisiert werden, wenn es auch in der Stadt schwierig ist, eine Arbeit zu finden. Dadurch würde schließlich nur die Anzahl der Arbeitslosen sowie die Kriminalität steigen. Denn die Menschen sind zu allem bereit, solange sie damit nur sich und ihre Familien ernähren können.</p>
<p><figure id="attachment_16957" aria-describedby="caption-attachment-16957" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-16957" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/04/34544910821_0c1d078f4a_b.jpg" alt="Boysun im Süden Usbekistans" width="1024" height="680" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/04/34544910821_0c1d078f4a_b.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/04/34544910821_0c1d078f4a_b-300x199.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/04/34544910821_0c1d078f4a_b-768x510.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/04/34544910821_0c1d078f4a_b-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-16957" class="wp-caption-text">Boysun im Süden Usbekistans ist bekannt für seine traditionelle Bauweise aus Lehm. Dorf- und Land gefälle werden in Usbekistan immer stärker</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Aber der, nennen wir es mal dörfliche Lebensstil, ist halb so schlimm. Den neuen Bewohnern der Städte kann man alles beibringen, sie sozusagen erziehen. Das wahre Problem ist die Infrastruktur. Bekanntermaßen gibt es in Usbekistan nicht ausreichend Schulen, eben sowenig Kindergärten und medizinische Einrichtungen. In den Plänen der Regierung ist der Bau von Bildungseinrichtungen und Kliniken vorgesehen, es wird davon ausgegangen, dass daran sowohl staatliche als auch private Unternehmer beteiligt sein werden. Aber es gibt ein weiteres Problem – ein personelles: Ein akuter Mangel an Pädagogen und Ärzten muss in den nächsten Jahren behoben werden. Das ist allen klar.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/usbekistan-die-unterschtzte-landflucht/">Usbekistan- die unterschätzte Landflucht</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Man kann versuchen sich vorzustellen, wohin die Urbanisierung in den nächsten Jahren führen wird: Zuerst einmal sind das Schulen, die in drei Schichten arbeiten, mit Lehrern, denen die nötigen Qualifikationen fehlen oder sogar ganz ohne pädagogische Ausbildung. Dazu lange Schlangen für Krankenhäuser und Vorschuleinrichtungen. In Folge der stark wachsenden Nachfrage werden die Preise der Dienstleistungen privater Kliniken und Kindergärten steigen. Auch die Immobilienpreise werden steigen, was zu einer erneuten Inflation führen wird. Darüber hinaus wird es ständige Probleme mit der technischen Kommunikation und dem Verkehr geben. Und so weiter und so fort.</p>
<p style="text-align: justify">Vielleicht wäre es besser, das Programm zur Verbesserung der Dörfer fortzusetzen, anstatt zu versuchen, aus dem Agrarland Usbekistan ein Industrieland zu machen. Zum Beispiel könnte man abgelegene Dörfer mit Gas und Elektrizität versorgen, so dass die Bevölkerung unter besseren Bedingungen Landwirtschaft und Tierhaltung betreiben kann, sowie andere traditionelle Tätigkeiten, die nicht nur ihnen selbst, sondern dem ganzen Land Wohlstand bringen könnten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Die Erde den Bauern?<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify">Eine weitere durch Mirsijojews Dekret genehmigte Maßnahme soll es den Bürgern ermöglichen, Land zu privatisieren, auf dem sich bereits ihre Häuser befinden, oder auf dem Wohnungen geplant sind. Darüber hinaus soll die Privatisierung von Land auch Organisationen ermöglicht werden, wenn dort Industrieanlagen oder ähnliche Strukturen gebaut werden sollen. Bis zum 1.Juli 2019 erarbeiten Spezialisten entsprechende Privatisierungsverfahren. Es steht bereits fest, dass der Prozess kostenpflichtig sein wird, die genaue Höher der Gebühr wird das Kabinett allerdings erst noch bekannt geben.</p>
<p style="text-align: justify">Im vergangenen Jahr wurde in der Gesetzesvorlage über die Bereitstellung von illegal errichteten Gebäuden als Privateigentum die Höhe einer einmalige Gebühr bekannt gegeben – zehn Mindestlöhne: das sind etwas mehr als zwei Millionen usbekische Sum (243 US-Dollar). Es ist unwahrscheinlich, dass die Böden den Bürgern in Zukunft für weniger zur Verfügung gestellt werden. Diese Möglichkeit der Privatisierung gilt übrigens nicht für landwirtschaftliche Flächen.</p>
<p style="text-align: justify">Die Initiative, die die Privatisierung betrifft, wurde vom Präsidenten auch in der bereits erwähnten Botschaft an das Parlament angesprochen: <em>„Der Unternehmer sollte Sicherheit für die Zukunft haben, in dem Sinne, dass nicht irgendein Beamter ihn zwingt, Gebäude abzureißen, oder ihm das Land wegnimmt. Soll er das Gebäude und das Land kaufen! Durch die Einführung des neuen Systems werden wir den Wohlstand der Menschen erhöhen.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/samarkand-for-sale-wer-kontrolliert-das-baugeschaeft-in-usbekistans-tourismuszentrum/">Samarkand for sale – Wer kontrolliert das Baugeschäft in Usbekistans Tourismuszentrum?</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Laut Behörden soll der Verkauf der Böden auch die Urbanisierung in Gang bringen. Die Einnahmen aus der Registrierung von Grundstücken durch Unternehmer und Privatpersonen werden auf das Konto des neu geschaffenen Fonds für die Entwicklung der Urbanisierung fließen. Aus dieser „Spardose“ wird die Regierung sowohl die Erarbeitung der Generalpläne für Städte und Satelitenstädte, als auch den Bau von nötigen Transporteinrichtungen, sowie von technischer und sozialer Infrastruktur finanzieren. Ein Teil der Mittel wird zudem für die Bedürfnisse des nationalen Hypothekenmarktes eingesetzt.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Urbanisierung der Zukunft- wie geht man damit um?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Privatisierung ist prinzipiell etwas Gutes. Allerdings, so bemerken einige pessimistische Nutzer der sozialen Netzwerke, sei es das Wichtigste, dass die Regierung nicht später dieses Gesetz zu ihren Gunsten nutze und die Erde für irgendwelche Verstöße missbrauche. Wie bei privaten Grundstücken, für deren ineffiziente Nutzung in Usbekistan Bußgelder verhängt werden oder gar das Eigentumsrecht entzogen werden kann.</p>
<p style="text-align: justify">Um zur Urbanisierung zurückzukehren: sie ist kein usbekisches Phänomen, sondern ein Prozess, der die ganze Welt erfasst hat. Laut Angaben der Weltbank ziehen täglich hundertachtzig tausend Menschen in größere Siedlungen/Städte und bis zum Jahre 2050 werden zwei Drittel der Weltbevölkerung Städter sein (heute sind es etwa die Hälfte). Tatsächlich zählt der Großteil der Umsiedler am Ende zu den ärmsten Bewohnern der Städte. Deshalb stellen sich nationalen Führungskräften und internationalen Experten eine Reihe von Fragen: <em>„Wo werden die neuen Stadtbewohner leben? Welches Land sollen sie nutzen? Auf welche Schulen werden ihre Kinder gehen? Wie wird der Müll entsorgt werden? Wo sollen sie wählen? Wer wird sie schützen?“</em> Bis diese Fragen nicht eindeutig beantwortet sind, erscheint die Urbanisierung Usbekistans eher wie eine populistische Idee, als wie ein ernsthafter Versuch, den Lebensstandard der usbekischen Bevölkerung zu erhöhen.</p>
<p style="text-align: right"><a href="https://fergana.agency/articles/104238/%20"><strong>Fergana News</strong></a><br />
<strong>Aus dem Russischen von Julia Schulz</strong></p>
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<p>&nbsp;</p>
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		<title>Luftverschmutzung in Almaty fast so hoch wie in Delhi</title>
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		<dc:creator><![CDATA[juliaschulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Mar 2019 11:42:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Almaty]]></category>
		<category><![CDATA[Feinstaub]]></category>
		<category><![CDATA[Luftverschmutzung]]></category>
		<category><![CDATA[Smog]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Laut Untersuchungen ist die Luftverschmutzung in Almaty mittlerweile fast so hoch wie die in Delhi. Aber auch in anderen St&#xE4;dten Kasachstans sieht es nicht viel besser aus. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei TAGnews. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Die Luftverschmutzung in Almaty ist fast so hoch wie in Delhi. Das [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Laut Untersuchungen ist die Luftverschmutzung in Almaty mittlerweile fast so hoch wie die in Delhi. Aber auch in anderen Städten Kasachstans sieht es nicht viel besser aus. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei </strong><strong><a href="https://kaztag.kz/ru/news/po-stepeni-zagryaznennosti-vozdukha-almaty-blizok-k-deli-ekologi">TAGnews</a>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Luftverschmutzung in Almaty ist fast so hoch wie in Delhi. Das verkündete die Ökologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Labors &#8222;Ökologie der Biosphäre&#8220; Nasiba Bajmatowa. <em>„Wir überprüfen nur einmal im Jahr (die Luftverschmutzung – Anm. d. Ü.), aber auch diese Daten ermöglichen es uns, zu beurteilen, auf welchem Niveau sich Almaty befindet. Und wir befinden uns auf einem Niveau mit chinesischen Städten und auch mit Delhi. Aber in Delhi leben 22 Millionen Menschen und bei uns 2 Millionen“</em>, sagte Bajmatowa im Rahmen einer Expertendiskussion zum Thema „Die Ökologie Kasachstans: Was tun gegen die Luftverschmutzung in den Städten“ Anfang März.</p>
<p style="text-align: justify">Nicht besser steht es um die Luft in Kasachstan insgesamt. Nach Angaben der Organisation &#8222;Ökologie der Biosphäre&#8220; beträgt der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Benzol">Benzolgehalt</a> der Luft in den USA im Durchschnitt 30 Mikrogramm/m³, in Kasachstan hingegen 100 Mikrogramm/m³ (Tagesmittelwert). Benzol ist ein Karzinogen der ersten Kategorie, das viele Arten von Krebs auslösen kann.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Mangelnde Forschung im Bereich Luftverschmutzung</strong></p>
<p style="text-align: justify">Bajmatowa verwies zudem auf die unzureichende Forschung in diesem Bereich<em>: „Wir haben überhaupt keine Daten. Sich auf nur eine Quelle zu verlassen ist grundsätzlich falsch und unwissenschaftlich, aber niemand investiert in ein Kontrollsystem“</em>, hebt die Expertin hervor.</p>
<p style="text-align: justify">Dem pflichtet auch der Direktor des Zentrums für angewandte Forschung Rachim Oschakbajew bei, der die Kontrolle als ein grundlegendes, aber ungelöstes Problem betrachtet. <em>„Wir können uns nicht auf die ökologischen Informationen stützen. Sie reichen nicht aus. Man kann nicht davon sprechen, dass wir jahrelange Beobachtungen zur Entwicklung der Luftverschmutzung angestellt hätten“</em>, meint der Ökonom. Man könne aber nur anhand von adäquaten Daten die Ziele festlegen, die Kasachstan erreichen will.</p>
<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/almaty-10-architekturdenkmaeler-des-sowjetischen-modernismus-die-man-gesehen-haben-muss/">Almaty: 10 Architekturdenkmäler des Sowjetischen Modernismus, die man gesehen haben muss</a></strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Was wollen wir? Saubere Luft. Um uns in diese Richtung zu bewegen, müssen wir verstehen, wo wir jetzt stehen, wir müssen repräsentative Daten erhalten. Danach gibt es verschiedene Lösungen, die getestet werden müssen: Welchen Beitrag leisten sie für die Reinheit der Luft, wie viel kosten diese Aktivitäten und wie machbar sind sie generell“</em>, meint Oschakbajew.</p>
<p style="text-align: justify">Als einen Mechanismus zur Lösung des Problems schlägt er die Festlegung einer maximal zulässigen Konzentration bestimmter Stoffe in der Luft (MPC) auf gesetzlicher Ebene vor. <em>„Derzeit gibt es eine öffentliche Anhörung des Entwurfes für das Gesundheitsgesetz. Da schmutzige Luft schädlicher ist als Tabak, Alkohol und Drogen, fragen wir uns, warum in diesem Entwurf kein Wort zum MPC fällt. Der Wortlaut von Artikel 117 des Gesetzes wird derzeit überarbeitet. Das Gesundheitsministerium willigt ein, den MPC aufzunehmen. Man kann versuchen, durch Hygienestandards, die von Abteilungsaufträgen genehmigt wurden, unseren MPC an die WHO-Standards anzupassen“</em>, meint der Experte</p>
<p style="text-align: justify">Dabei betont er die mangelnde Aufmerksamkeit für das Thema Luftverschmutzung von Seiten des Staates.<em>„Unser Zentrum ist auf das Studium staatlicher Programme und Dokumente spezialisiert. Wir sehen keine überzeugenden Strategien, Verfahren oder Instrumente zur Senkung der Luftverschmutzung. In Astana wird bereits seit zwei Jahren eine Strategie für eine kohlenstoffarme Entwicklung erarbeitet. Aber wie sich diese wirklich auf die Verringerung der Luftverschmutzung auswirkt, ist mir unklar“</em>, resümiert Oschakbajew.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Erhöhte Luftverschmutzung in zahlreichen Städten</strong></p>
<p style="text-align: justify">Kasachstan belegt den 20. Platz von 73 in der Liste der Länder mit der am stärksten verschmutzten Luft und überholte damit Peru und Kosovo, so die Ergebnisse einer Untersuchung, die Greenpeace zusammen mit dem Programmentwickler AirVisual durchführte. Dabei wurde die Menge an PM2,5-Partikeln (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Feinstaub#PM2,5">Feinstaub </a>– Anm. d. Ü.) in der Luft als besonders gesundheitsgefährdend berücksichtigt.</p>
<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/was-atmet-bischkek/">Was atmet Bischkek?</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Astana belegte in der Rangliste der Hauptstädte mit der höchsten Luftverschmutzung den 19.Platz von 63, Kiew den 45. und Moskau den 53. Platz. Internationalen Daten zufolge ist in neun Städten Kasachstans die Luftverschmutzung hoch oder sehr hoch und in 20 weiteren Städten erhöht.</p>
<p style="text-align: justify">Laut WHO sterben jährlich etwas sieben Millionen Menschen weltweit an den Folgen von Luftverschmutzung. Zum Vergleich: an den Folgen von Tabakkonsum sterben etwa sechs Millionen Menschen.</p>
<p style="text-align: right"><strong><a href="https://kaztag.kz/ru/news/po-stepeni-zagryaznennosti-vozdukha-almaty-blizok-k-deli-ekologi">Kaztag.kz</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Julia Schulz</strong></p>
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		<title>Almaty: 10 Architekturdenkmäler des Sowjetischen Modernismus, die man gesehen haben muss</title>
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		<dc:creator><![CDATA[juliaschulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Mar 2019 06:50:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Almaty]]></category>
		<category><![CDATA[Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Architektur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Almaty ist nicht nur die ehemalige Hauptstadt von Kasachstan und immer noch kulturelles Zentrum des Landes, sondern auch eine Schatzkammer des sowjetischen Modernismus. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Fergana News. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Almaty ist nicht nur die ehemalige Hauptstadt Kasachstans und immer noch das kulturelle Zentrum des [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Almaty ist nicht nur die ehemalige Hauptstadt von Kasachstan und immer noch kulturelles Zentrum des Landes, sondern auch eine Schatzkammer des sowjetischen Modernismus. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei </strong><strong><a href="https://fergana.agency/articles/103116/">Fergana News</a>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Almaty ist nicht nur die ehemalige Hauptstadt Kasachstans und immer noch das kulturelle Zentrum des Landes, sondern auch eine Schatzkammer des sowjetischen Modernismus. Der große Bruder Russland realisierte hier zu Sowjetzeiten Projekte, von denen man damals kaum zu träumen wagte. Darüber berichtet der Reiseführer „Alma-Ata: Die Architektur des sowjetischen Modernismus 1955-1991“, der gemeinsam von Anna Bronovizkoj, Nikolai Malinin und Jurij Palima herausgegeben wurde.</p>
<p style="text-align: justify">Betrachten wir also gemeinsam mit den Autoren des Buches die zehn wichtigsten Gebäude des sowjetischen Modernismus in Almaty.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Kasachischer Nationalzirkus, 1966-1972</strong></p>
<p><figure id="attachment_16636" aria-describedby="caption-attachment-16636" style="width: 1280px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-16636" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/cirque-almaty.jpg" alt="Der Nationalzirkus" width="1280" height="960" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/cirque-almaty.jpg 1280w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/cirque-almaty-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/cirque-almaty-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/cirque-almaty-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/cirque-almaty-800x600.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px" /><figcaption id="caption-attachment-16636" class="wp-caption-text">Der Nationalzirkus</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Im Jahr 1966 entschied man in Almaty ein Zirkusgebäude zu errichten. Dem Willen der sowjetischen Regierung nach sollte die Architektur in der UdSSR möglichst einheitlich sein. In Almaty sollte daher derselbe Zirkus wie in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/A%C5%9Fgabat">Aschgabat</a> gebaut werden. Dieser Vorschlag stieß allerdings beim Republikoberhaupt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dinmuchamed_Kunajew">Dinmuchamed Kunajew</a> auf Ablehnung. Deshalb wurde während der Planungsphase entschieden, das Gebäude nicht nur höher, sondern ganz allgemein größer zu gestalten als ursprünglich vorgesehen. Um das Gebäude zu vergrößern wurde um die Manege mit dem Amphitheater noch ein zweigeschossiges Foyer gebaut. Darüber hinaus verfügt der Zirkus über ein Untergeschoss, in dem sich die Garderoben und die Toilette befinden, sowie über zahlreiche Lokalitäten. Die Außenwände des Baus bestehen vollständig aus Glas, was einen sehr interessanten Ausblick ermöglicht.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/eine-reise-durch-die-architekturgeschichte-der-kirgisischen-hauptstadt/">Eine Reise durch die Architekturgeschichte der kirgisischen Hauptstadt</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Bauarbeiten am Zirkus wurden 1972 fertig gestellt. In den Jahren der Unabhängigkeit wurden allerdings einige Veränderungen vorgenommen. Nach einer Generalüberholung in den Jahren 2003 bis 2006 sank die Anzahl der Sitzplätze von 2060 auf 1789. Dafür wurden diese aber nicht nur größer, sondern auch bequemer.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Das Hotel „Alma-Ata“, 1962-67, 2017</strong></p>
<p><figure id="attachment_16637" aria-describedby="caption-attachment-16637" style="width: 1280px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-16637" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/hotel-almaty.jpg" alt="Hotel Almaty" width="1280" height="960" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/hotel-almaty.jpg 1280w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/hotel-almaty-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/hotel-almaty-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/hotel-almaty-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/hotel-almaty-800x600.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px" /><figcaption id="caption-attachment-16637" class="wp-caption-text">Das Hotel &#8222;Almaty&#8220; oder ehemals &#8222;Alma-Ata&#8220;</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Das Hotel „Alma-Ata“ ist nach Meinung der Autoren nicht nur das eleganteste, sondern auch das stilvollste Gebäude der Stadt. Die Kabanbai-Batir-Straße (früher Kalinin-Straße), auf der sich das Hotel befindet, war während des Krieges die wichtigste Promenade der Stadt. Hier flanierten die damaligen Stars, die aus der Hauptstadt Moskau geflohen waren. Nach dem Ende des Krieges 1945 verschwanden diese aber ebenso schnell wie sie gekommen waren. Ihren Platz nahmen Ende der 1950er Jahre kasachische Studenten ein, die in Moskau studiert hatten und die ihrerseits nach Alma-Ata zurückgekehrt waren.</p>
<p style="text-align: justify">Zu dieser Zeit, so heißt es, konnte man hier nicht nur die Bohème beim flanieren beobachten, sondern auch Sekt oder Wodka trinken (Letztere und die Bohème waren schließlich unzertrennlich). Und es gab sogar Prostituierte, die eine ganz spezielle Technik hatten, ihren Kunden die Preise ihrer Dienstleistungen zu vermitteln: Sie setzten sich auf eine Bank und hoben einen Fuß. Am Schuh konnte man dann den Preis erspähen, den sie verlangten: drei oder fünf Rubel. Diese Methode war diskret und diente außerdem dazu, Verwechselungen mit anderen Damen zu vermeiden.</p>
<p style="text-align: justify">Umgeben von Häusern mit nur wenigen Etagen (man fürchtete Erdbeben) stach das Hotel mit seinen sieben Etagen nicht nur heraus, es sah dadurch auch besonders solide aus. Das Außergewöhnliche am Design des Baus ist zudem die Krümmung der Fassade. Es erinnert den Steppenbewohner angeblich an einen gespannten Bogen. Anmutige Kurven gibt es aber auch im Innern des Gebäudes. So führt beispielsweise eine spektakuläre Wendeltreppe aus gefalteten Betonblöcken direkt zur Terrasse des Hotels.</p>
<p style="text-align: justify">Anfang der 2000er Jahre kam es beinahe zum Abriss des Hotels. Aber dann kam die Krise und mit ihr ein neuer Eigentümer. Dieser verliebte sich in das Gebäude, ließ es stehen und führte nur einige kleine Modernisierungen durch.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Bezirksgebäude der Offiziere (Haus der Armee der Republik Kasachstan) 1972 -1978</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>&#8222;Und ich liebe die </em><em>Militärs</em><em> — schön und gesund</em><em> &#8230;&#8220;</em> &#8211; das sang in den wilden Neunzigern die damals bekannte russische Sängerin Aljona Apina. Allerdings kam Apina mit ihrem Geständnis etwas spät. Das Militär wurde lange vor ihr geliebt. Denn wie sonst könnte man sich eines der beeindruckendsten Bauten in Almaty erklären – Das Haus der Offiziere.</p>
<p style="text-align: justify">Die Beziehungen der UdSSR zu China und dem Rest der Welt hatten sich zu Beginn der 1970er Jahre ziemlich verschlechtert. In dieser Zeit entstand das heutige Gebäude, das mit seinen gewaltigen dreieckigen Vorsprüngen und mächtigen Ecken, die in den Himmel ragen, wohl vor allem Stärke signalisieren sollte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-lenins-kasachstans/">Die Lenins Kasachstans</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Es gab zwei konkurrierende Pläne für dieses Gebäude. Der erste schlug den Abriss des alten Offiziershauses vor, der zweite sah vor, das Haus an Ort und Stelle zu belassen und das neue Gebäude um das Alte herum zubauen. Man entschied sich für die zweite Variante.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Das Kino „Arman“, 1964-1968 </strong></p>
<p><figure id="attachment_16638" aria-describedby="caption-attachment-16638" style="width: 4128px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-16638" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/cinema-almaty.jpg" alt="Kino Arman" width="4128" height="3096" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/cinema-almaty.jpg 4128w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/cinema-almaty-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/cinema-almaty-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/cinema-almaty-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/cinema-almaty-800x600.jpg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/cinema-almaty-1300x975.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 4128px) 100vw, 4128px" /><figcaption id="caption-attachment-16638" class="wp-caption-text">Das Kino &#8222;Arman&#8220;</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Das Gebäude des Kinos „Arman“ ist für die Autoren des Reiseführers ein stummer Zeuge einer ganz besonderen Zeit. Der eine oder andere fragt sich vielleicht, warum das Gebäude fast keine der verglasten Wände mehr besitzt, die zu seiner Zeit so beliebt bei den einheimischen Architekten waren. Im Innenhof gibt es zwar noch eine gläserne Wand, ansonsten konnten diese aber dem kasachischen Alltag nicht standhalten: es ist hinter ihnen einfach zu heiß und zu stickig und zudem sind sie nur sehr schwer zu reinigen.</p>
<p style="text-align: justify">Als die Kommission bei der staatlichen Besichtigung die nackten Wände ohne Fenster sah, wollten sie sich schon beschweren: Wie soll denn da Licht reinkommen? Muss man das Gebäude etwa den ganzen Tag mit elektrischem Licht beleuchten? Sie konnten aber beruhigt werden: Das Licht fällt von oben in das Gebäude. Das Arman erinnert an eine Jurte. Von außen scheint es kahl und unzugänglich, aber im Innern verbirgt sich ein Innenhof, in dem es immer hell und kühl ist.</p>
<p style="text-align: justify">Darüber hinaus schmücken die Wände des Gebäudes ausdrucksstarke Reliefs und Inschriften wie: <em>„Der Weg unseres Volkes ist großartig. Seine Leistung ist großartig.“</em> Und die düsteren Physiognomien des namenlosen Kosmonauten und des bebrillten Besuchers sehen fast so aus, als ob sie jeden warnen wollen, der an dieser Maxime zweifelt.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wasser- und Erholungskomplex „Arsan“, 1977-1983 </strong></p>
<p><figure id="attachment_16639" aria-describedby="caption-attachment-16639" style="width: 960px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-16639" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/bains-almaty.jpg" alt="Bad Arsan" width="960" height="1280" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/bains-almaty.jpg 960w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/bains-almaty-225x300.jpg 225w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/bains-almaty-768x1024.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/bains-almaty-600x800.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px" /><figcaption id="caption-attachment-16639" class="wp-caption-text">Im Arsan-Bad</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Das Gebäude der Badeanstalt „Arasan“ zeigt seinen besonderen Chic von außen kaum. Das Wichtigste in einem solchem Erholungskomplex spielt sich schließlich im Inneren ab. Diesem Prinzip folgten auch die Architekten des Gebäudes. Die Innengestaltung erweckt Assoziationen sowohl an zentralasiatische, als auch an byzantinische und mauretanische Traditionen, schreiben die Autoren des Architekturführers. Während die runden Lichter der Lobby an die der vom finnischen Architekten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alvar_Aalto">Alvar Aalto</a> entworfenen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wyborg">Wyborger</a> Bibliothek erinnern.</p>
<p style="text-align: justify">Dabei hatte der Bau des Komplexes eigentlich einen ganz pragmatischen Grund: Es gab in der Stadt damals einfach nicht genügend Badeanstalten. Nach sowjetischer Norm sollten pro tausend Einwohner 3 Banjas zur Verfügung stehen. In Almaty waren es damals aber nur 1,6. Mit dem Bau des „Arsan“ erhöhten die Behörden allerdings nicht nur die Anzahl der Badeanstalten, sondern machten das Waschen auch um einiges luxuriöser.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Eisbahn und Wintersportkomplex Medeo, 1967-1972 </strong></p>
<p><figure id="attachment_16640" aria-describedby="caption-attachment-16640" style="width: 1280px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-16640" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/medeu-patinoire-almaty.jpg" alt="Eisbahn Medeo" width="1280" height="960" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/medeu-patinoire-almaty.jpg 1280w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/medeu-patinoire-almaty-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/medeu-patinoire-almaty-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/medeu-patinoire-almaty-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/medeu-patinoire-almaty-800x600.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px" /><figcaption id="caption-attachment-16640" class="wp-caption-text">Die Eisbahn von Medeo</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Das Team, das die Eislaufbahn 1975 entwickelte, erhielt dafür den Staatspreis für Wissenschaft und Technik der UdSSR. Speziell für <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Medeo">Medeo</a> entwickelten sie ein System mit Kühlaggregaten zur gleichmäßigen Kühlung der Eisfläche. Dies erlaubte es acht bis neun Monate im Jahr die künstliche Eisbahn mit einer Fläche von 10.500 Quadratmetern unter freiem Himmel funktionsfähig zu halten. Das Eis ist dank filtriertem Wasser und einem innovativem Untergrund (Spannbeton) zudem perfekt glatt. Dafür wurden 148 Kilometer Kühlrohre verlegt, wobei die Höhentoleranz nicht mehr als einen Millimeter beträgt. Auf der Eisbahn Medeo wurden 112 Rekorde im Eisschnelllauf aufgestellt, mehr als irgendwo sonst auf der Welt.</p>
<p style="text-align: justify">Die Idee eine Eisbahn in Medeo zu errichten hatte der sowjetische Eisschnellläufer Konstantin Kudrjawzew bereits Ende der 1940er Jahre. Das Training und auch die Wettkämpfe auf einer Eisbahn in dieser Höhe haben ihre Besonderheiten. So ist das Eis in den Bergen glatter und die Luft dünner, was sich nicht nur auf die Technik des Läufers, sondern auch auf seine körperliche Verfassung und somit auf das Trainingsniveau auswirkt. Anfangs gab es in Medeo allerdings nur eine einfache Eisbahn, die nicht länger als zwei Monate im Jahr genutzt werden konnte. Die Idee hier ein Wunder der Technik zu bauen entstand erst als die Gefahr von Erdrutschen aufkam. Als dann Mitte der sechziger Jahre mit dem Bau eines Dammes zum Schutz vor Erdrutschen begonnen wurde, entschied man sich dafür, auch eine umfassende Umgestaltung des Stadions vorzunehmen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Damm zum Schutz vor Erdrutschen bei Medeo, 1964-1967</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Schutzanlage wurde tatsächlich nicht im eigentlichen Sinne gebaut, sondern entstand durch mehrere kontrollierte Sprengungen. Viele Jahre lebte man in Almaty – die Stadt liegt am Fuß des nördlichsten Gebirgszugs des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tian_Shan">Tian Shan</a> &#8211; mit der ständigen Bedrohung von Erdrutschen. Das vermutlich schlimmste Unglück dieser Art ereignete sich am 8. Juli 1921. Dabei gingen 3,5 Millionen Tonnen Schlammmasse ab und nahmen auf dem Weg nach unten alles mit, was sich in den Weg stellte. Damals starben etwa 500 Menschen. Trotz dieses Ereignisses wurde die Idee zu einer Schutzanlage erst 1935 erarbeitet. Danach folgten weitere Entwürfe. Aber sie alle wurden abgelehnt. Mal war es zu teuer, mal gab es gerade Krieg, mal fand man einen anderen Grund.</p>
<p style="text-align: justify">Ein weiterer Erdrutsch kam 1956 am Flussbett des Flusses Kleine Almatinka herunter. Doch die Entscheidung einen Damm zu bauen fiel erst Jahre später, als am 7.Juli 1963 am Bergsee Issyk, 55 Kilometer von Almaty entfernt eine erneute Schlammlawine abging. Zufällig wurden der damalige Vorsitzende des Ministerrates der Kasachischen SSR Kunajew und Mitglied des Präsidiums des Zentralkomitees der KPdSU Alexej Kosygin Zeugen dieses Ereignisses. Der Bau eines Dammes konnte nun nicht länger verschoben werden, vor allem da es galt Schlimmeres zu verhindern. Weil es keine Zeit gab, um einen traditionellen Damm zu bauen, entschied sich Kunajew für eine riskante Variante: er ließ mehrere gezielte Sprengungen von ungeheurer Kraft vornehmen: die Hauptladung wog 3.600 Tonnen. Zwar verlief nicht alles reibungslos, aber nach mehreren Sprengungen war der Damm letztendlich geformt und konnte die Hauptlast des Erdrutsches aufnehmen.</p>
<p style="text-align: justify">Zur Erinnerung an die Entstehung des Schutzdamms sollte eigentlich ein Denkmal in Form einer Explosion entstehen. Diese Idee wurde später verworfen. Dennoch gibt es heute auf dem Damm ein Denkmal für die außergewöhnliche Entscheidung Kunajews, sowie eine Aussichtsplattform mit einem Café.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Hotel „Kasachstan“, 1973-1978</strong></p>
<p><figure id="attachment_16641" aria-describedby="caption-attachment-16641" style="width: 960px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-16641" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/grand-hotel-almaty.jpg" alt="Hotel Kasachstan Almaty" width="960" height="1280" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/grand-hotel-almaty.jpg 960w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/grand-hotel-almaty-225x300.jpg 225w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/grand-hotel-almaty-768x1024.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/grand-hotel-almaty-600x800.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px" /><figcaption id="caption-attachment-16641" class="wp-caption-text">Hotel &#8222;Kasachstan&#8220;</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Die ersten zweigeschossigen Steinhäuser wurden in Almaty, das damals noch Werny hieß, im Jahr 1867 errichtet. Jedoch wurden ausgerechnet diese Häuser 1887 durch ein Erdbeben zerstört. Den damaligen Machthabern blieb nichts anderes übrig als zum Bau von einstöckigen Holzhäusern zurückzukehren. Fast ein Jahrhundert später war Alma-Ata immer noch die Stadt der niedrigen Häuser. Die Autoren des Architekturführers schreiben, dass bis 1970 kaum ein Haus der Stadt mehr als vier Etagen hatte. Entgegen dieser etablierten Tradition schlägt Kunajew zu dieser Zeit vor, in der Stadt ein Hotel mit bis zu 25 Stockwerken zu bauen &#8211; das Hotel Kasachstan.</p>
<p style="text-align: justify">Das Gebäude wurde nicht auf Pfählen, sondern auf einer festen, zehn Meter tiefen Fundamentplatte gebaut. Dadurch konnte das Gebäude schwanken, brach aber nicht zusammen. Darüber hinaus wurde für den Bau monolithischer Stahlbeton verwendet. Die Schöpfer des Hotels waren so überzeugt von seiner Stabilität, dass sich das gesamte Team bei einem Test für Erdbebenwiderstand in den 25. Stock begab. Die auf dem Dach installierten Vibrationsmaschinen schaukelten das Gebäude hin und her, so dass die Menschen sich kaum auf den Beinen halten konnten. Bei der anschließenden Inspektion wurden im Gebäude allerdings keine Risse entdeckt.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/das-pralle-leben-in-schymkent/">Das pralle Leben in Schymkent</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Einen weiteren Härtetest lieferte dem Hotel die Natur selbst. Im Dezember 1978 wurde zu Ehren der Eröffnung des Objektes auf der letzten Etage ein Bankett veranstaltet. Als das Fest seinen Höhepunkt erreichte wackelte das Gebäude heftig. Doch auch dieses Erdbeben der Stärke 6 konnte dem Gebäude nichts anhaben.</p>
<p style="text-align: justify">Das Besondere am Hotel Kasachstan ist seine „Krone“ aus eloxiertem Aluminium. Diese Konstruktion auf dem Dach des Hauses bekam in Laufe der Zeit verschiedene Bezeichnungen: von „Weizenähren“ bis zu „goldene Gehirne“. Dabei war die Krone ursprünglich gar nicht geplant. Erst als das Gebäude schon gebaut war, entstand diese Idee. Das Problem war nämlich, dass der Aufzugsschacht nicht sehr ästhetisch über das Dach hinausragt. Daher beschloss man ihn zu verdecken und wählte die Krone als Verkleidung.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Der Fernsehstudiokomplex, 1973-1983</strong></p>
<p><figure id="attachment_16642" aria-describedby="caption-attachment-16642" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-16642" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/Image-1-1024x768.jpg" alt="Fernsehturm" width="1024" height="768" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/Image-1-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/Image-1-1024x768-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/Image-1-1024x768-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/03/Image-1-1024x768-800x600.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-16642" class="wp-caption-text">Der Fernsehturm von Almaty</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Für die Autoren des Architekturführers ist dieses Gebäude wie eine magische Box, die die Idee des Fernsehens als Welt der Illusionen verkörpert. Wenn man Hollywood als Traumfabrik bezeichnet, so könnte man das sowjetische Fernsehen zu Recht eine Illusionsfabrik nennen. Dementsprechend sollten auch die Studios fantastisch und ungewöhnlich aussehen. Anfangs sollte der Komplex aus mehreren Gebäuden bestehen. Der Architekt Aleksander Korschempo glaubte jedoch, dass die Architektur eine Kunst sei „die den Raum in ein Gefühl verwandelt.“ Deshalb wollte er vermutlich das Fernsehen, das ja schließlich große und tiefe Gefühle vermittelte, nicht in mehrere kleine Gebäude zwängen und entschied sich daher für ein einziges großes Gebäude. Allerdings musste dennoch ein zweiter, technischer Komplex errichtet werden. Dieser aber befindet sich versteckt hinter dem ersten in einem umzäunten Gelände, so dass ihn nur diejenigen sehen, die dort arbeiten.</p>
<p style="text-align: justify">Dem Architekten zufolge wurde der ungewöhnlichen Sims im Stil des Mausoleums von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ahmed_Yesevi">Hodscha Ahmad Yasawi</a> gestaltet, eines der bedeutendsten Mausoleen Kasachstans. Aber der Komplex des Fernsehstudios ist nicht nur außergewöhnlich, sondern wurde auch mit exklusiven Materialien gebaut. Die Verblendungen der Terrasse und der Treppenstufen sind aus rosa-grünem Granit gefertigt, der nur an einem einzigen Ort in Kasachstan abgebaut wird.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wohnkomplex „Aul“ (Dorf), 1983-2002</strong></p>
<p style="text-align: justify">Bei einem Blick auf den Wohnblock „Aul“ kommt einem sofort die „Ästhetik des Hässlichen“ von Karl Rosenkranz in den Kopf. Kann das Hässliche schön sein? Auf jeden Fall zieht es alle Blicke auf sich. So wie dieser Wohnblock: Grau, halbrund, mit überhängenden Balkonen, die an Waben oder große Blasen erinnern und einem jeden Moment auf dem Kopf zu fallen drohen. Der Bau des Wohnkomplexes begann in der Sowjetzeit und dauerte bis zur Zeit der Unabhängigkeit an. Das düstere Gebäude stößt bei den meisten Almatinern nicht auf Begeisterung und manche nennen es gar die Favelas von Almaty.</p>
<p style="text-align: justify">Der Genauigkeit halber sei aber gesagt, dass die Architekten anfangs überhaupt kein monolithisches Ungeheuer planten. Es waren unterschiedliche Höhen, Farbbilder und ein besonders dynamischer Zusammenhang der Türme vorgesehen. Doch über die Vorschläge der Architekten entschied schließlich die Geschichte. Und letztendlich ist es bei der Architektur wohl wie bei allem Anderen auch: „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“</p>
<p style="text-align: right"><strong><a href="https://fergana.agency/articles/103116/">Fergana News</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Julia Schulz</strong></p>
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