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	<title>Dschalal-Abad Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
	<lastBuildDate>Mon, 29 Sep 2025 20:59:18 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Dschalal-Abad Archives</title>
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		<title>Kirgistan: Dschalalabad wird in Manas umbenannt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Paulinon Vanackère]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Sep 2025 20:59:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Dschalal-Abad]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Kirgistans drittgr&#xF6;&#xDF;te Stadt Dschalalabad wird in Manas umbenannt. Die extreme Geschwindigkeit, mit der diese Entscheidung getroffen und umgesetzt wurde, stellt die Ziele der Umbenennung jedoch infrage. Es ist offiziell: Aus Dschalalabad wird Manas. So will es ein Gesetz, das von Kirgistans Parlament am 10. September verabschiedet und unmittelbar darauf von Pr&#xE4;sident Sadyr Dschaparow ratifiziert wurde. [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Kirgistans drittgrößte Stadt Dschalalabad wird in Manas umbenannt. Die extreme Geschwindigkeit, mit der diese Entscheidung getroffen und umgesetzt wurde, stellt die Ziele der Umbenennung jedoch infrage.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist offiziell: Aus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschalal-Abad">Dschalalabad</a> wird Manas. So will es ein Gesetz, das von Kirgistans Parlament am 10. September verabschiedet und unmittelbar darauf von Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sadyr_Dschaparow">Sadyr Dschaparow</a> ratifiziert wurde. Laut dem Gesetzestext gehe es darum, <em>„die nationale Ideologie zu stärken und der Stadt den Namen </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Manas_(Epos)"><em>Manas</em></a><em> zu geben, dem Nationalhelden und Beschützer des kirgisischen Volkes“</em>. Dschalalabad ist mit seinen <a href="https://24.kg/english/342983_Parliament_of_Kyrgyzstan_approves_bill_to_rename_Jalal-Abad_to_Manas/">laut 24.kg</a> über 186.400 Einwohner:innen nach der Hauptstadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bischkek">Bischkek</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Osch">Osch</a> die drittgrößte Stadt des Landes.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Eine sehr schnelle Umbenennung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Prozess der Umbenennung vollzieht sich in weniger als einem Monat, wie das kirgisische Nachrichtenportal <a href="https://kaktus.media/doc/531187_djalal_abad_ischez_s_karty_poiavilsia_manas._kakie_motivy_takoy_pospeshnoy_peremeny.html">Kaktus</a> hervorhebt. Am 3. September unterstützten die Abgeordneten einstimmig den Vorschlag des Bürgermeisters von Dschalalabad, Ernisbek Ormokow. Und bereits am 29. September tritt die Umbenennung <a href="https://kaktus.media/doc/531806_kogda_djalal_abad_oficialno_stanet_manasom.html">in Kraft</a>. Für die Umsetzung werden rund 15 Millionen Som (145.300 Euro) bereitgestellt.</p>



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<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kamtschybek_Taschijew">Kamtschybek Taschijew</a>, Chef des Nationalen Sicherheitskomitees, musste in den folgenden Tagen verschiedene Fragen und Gerüchte beantworten. Ihm zufolge werde das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oblus_Dschalal-Abad">Gebiet Dschalalabad</a> nicht den Namen ändern, sondern nur das Verwaltungszentrum. Er <a href="https://kaktus.media/doc/531742_tashiev_otvetil_namereny_li_vlasti_perenesti_stolicy_v_manas.html">fügte hinzu</a>, es gebe keine Pläne, die Hauptstadt des Landes dorthin zu verlegen, obwohl es <em>„schön wäre, wenn die Hauptstadt des kirgisischen Staates Manas heißen würde“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl der ehemalige Ministerpräsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Kulow">Felix Kulow</a> die Entscheidung <a href="https://kaktus.media/doc/531187_djalal_abad_ischez_s_karty_poiavilsia_manas._kakie_motivy_takoy_pospeshnoy_peremeny.html">für übereilt hält</a>, schlägt er dennoch vor, den Status der Stadt durch die Verlegung von Ministerien und anderen Einrichtungen dorthin zu stärken. Er orientiert sich dabei am Modell dezentralisierter Länder wie den Niederlanden und Südafrika, wo die Macht auf mehrere Städte verteilt ist.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wer ist Manas?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Neuer Namensgeber der Stadt ist der Held eines mündlichen Epos, das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Die Geschichte von Manas wird von Generation zu Generation von sogenannten Manastschy weitergegeben – Barden, die sich auf das Rezitieren dieses Gedichts spezialisiert haben. Einige Versionen umfassen über anderthalb Millionen Verse. Etliche Straßen und andere Orte in Kirgistan sind bereits nach Manas benannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Seit der Unabhängigkeit Kirgistans ist Manas ein nationales Symbol, also ein kulturelles und ethnisches Symbol. Tatsächlich war dieses Symbol bereits während der Sowjetzeit in Gebrauch; seine Verwendung nach der Unabhängigkeit ist Teil dieser Kontinuität“</em>, erklärt Julien Bruley, Autor einer <a href="https://clerse.univ-lille.fr/detail-event/soutenance-de-these-en-ethnologie-de-julien-bruley/">Dissertation</a> über das Manas-Epos, gegenüber Novastan. In einem <a href="https://www.revistaepicas.com/_files/ugd/ccf9af_1846f2835a844f6489a74b7fcf7ee563.pdf">Artikel</a> stellt er sogar fest: <em>„Manas ist in Kirgistan kein einfaches Epos mehr, sondern ein soziokulturelles Phänomen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/manastschy-die-kirgisische-seele-in-all-ihrer-poesie/">Manastschy – die kirgisische Seele in all ihrer Poesie</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Name Manas hat also einen ideologischen Aspekt und <a href="https://journals.openedition.org/epopee/350">verkörpert</a> <em>„den moralischen Standard, der das tägliche Leben der Kirgisen regelt“</em>. Julien Bruleys Forschungen zeigen, dass der Text des Epos, dessen Tradition je nach Dichter und Epoche variiert, sich weiterentwickelt. Ebenso passen sich das Bild von Manas und seine Symbolik der jeweiligen Epoche an.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wie </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Victor_Hugo"><em>Victor Hugo</em></a><em> in Frankreich kennt ihn jeder, mit unterschiedlichem Interesse. Manche verspotten ihn, andere sehen in ihm eine mündliche Überlieferung, ein spirituelles Symbol oder glauben sogar, dass die Seele von Manas die Kirgisen beschützt“</em>, erklärt der Forscher. Heute ist der epische Held in Kirgistan allgegenwärtig, und es ist sogar verboten, ihn öffentlich zu kritisieren.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Eine Kontinuität symbolischer Entscheidungen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl die Initiative zur Namensänderung zunächst den lokalen Behörden zugeschrieben wurde, war es Kamtschybek Taschijew, der wenige Tage nach der Bekanntgabe die Verantwortung für die Idee <a href="https://kaktus.media/doc/531738_kamchybek_tashiev_priznalsia:_pereimenovat_djalal_abad_bylo_ego_ideey.html">übernahm</a>. Der einflussreiche Politiker stammt selbst aus dem Gebiet Dschlalabad.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus wurde die Frage aufgeworfen, warum nicht die Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Talas_(Kirgisistan)">Talas</a> gewählt wurde, da Manas traditionell mit dieser Region oder zumindest mit dem Norden Kirgistans in Verbindung gebracht wird. Taschijew bemerkt hierzu: <em>„Manas ist nicht talasisch, er ist kirgisisch. […] Dschalalabad ist nicht jedermanns Sache, Manas aber schon!“</em>&nbsp; Ein Ausdruck der kirgisischen Präsenz in einem multiethnischen Gebiet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/kirgistan-neues-gesetz-staerkt-die-rolle-des-kirgisischen-in-den-medien/">Kirgistan: Neues Gesetz stärkt die Rolle des Kirgisischen in den Medien</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Politologe Medet Tjulengenow kommentiert gegenüber <a href="https://kaktus.media/doc/531187_djalal_abad_ischez_s_karty_poiavilsia_manas._kakie_motivy_takoy_pospeshnoy_peremeny.html">Kaktus</a>: <em>„Eine Namensänderung ist immer ein komplizierter und dramatischer Prozess, der eine Lösung für eine soziale Krise bietet. Im Fall von Dschalalabad fragen wir uns jedoch: Welches Problem löst die Gesellschaft durch diese Namensänderung? Was bringt sie dem kirgisischen Volk?“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihm zufolge ist dies Teil einer Reihe symbolischer Entscheidungen: Die <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/debatte-um-staatsflagge-erschuettert-kirgistan/?noredirect=de-DE">Flagge wurde 2023 geändert</a>, eine neue Nationalhymne ist in Arbeit und das Manas-Denkmal auf dem Hauptplatz von Bischkek wurde ersetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tjulengenow wiederholt einen Kritikpunkt, den regierungskritische Analyst:innen in den letzten Jahren häufig geäußert haben: Vorwiegend symbolische Entscheidungen lenken die Bürger:innen von wichtigeren, materiellen Veränderungen ab. Sie dienen aber auch als Machtdemonstration: Die Regierung hat eine Entscheidung getroffen und diese schnell umgesetzt, ohne auf Widerstand zu stoßen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Mehr Fragen als Antworten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Julien Bruley wirft die Wahl der Stadt Dschalalabad mehr Fragen auf als sie beantwortet. Der Hauptgrund scheint zu sein, dass es sich um die Heimatregion von Kamtschybek Taschiew handelt, doch es lassen sich noch viele weitere Hypothesen aufstellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dschalalabad liegt im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ferghanatal">Ferganatal</a>, dem fruchtbaren Zentrum Zentralasiens mit unruhigen Grenzen. Die Stadt ist nicht weit von Usbekistan entfernt. Bruley fragt sich: Könnte es nicht auch das Ziel sei, die Präsenz der ethnischen Kirgis:innen sowohl innerhalb der Landesgrenzen – trotz der ethnischen Vielfalt – als auch international, insbesondere gegenüber dem benachbarten Usbekistan, zu demonstrieren?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/in-kirgistan-soll-eine-neue-oekostadt-gebaut-werden/">In Kirgistan soll eine neue „Ökostadt“ gebaut werden</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Zusammenhang erwähnt der Forscher auch das Projekt <a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/in-kirgistan-soll-eine-neue-oekostadt-gebaut-werden/?noredirect=de-DE">Asman</a>, eine hypervernetzte „Ökostadt“ am Ufer des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Yssyk-K%C3%B6l">Yssykköl.</a> Nach einigen ehrgeizigen ersten Ankündigungen scheint das Projekt ins Stocken geraten zu sein. <em>„Vielleicht erspart die Umbenennung von Dschalalabad in Manas den Bau einer neuen Stadt? Vieles könnte nach Manas verlegt oder dort gebaut werden, anstatt eine ganze Stadt am Ufer des Yssykköl zu errichten“</em>, so Bruley.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor allem aber wird damit die Kontinuität in der Politik von Präsident Dschaparow gewahrt, der nationale Symbole hochhält und versucht Kirgistan ein „Markenimage“ zu verleihen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Paulinon Vanackère für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://novastan.org/fr/kirghizstan/kirghizstan-ville-djalalabad-renommee-manas/">Französischen</a> von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>„Mit 17 Jahren zwei Fehlgeburten und eine Scheidung“: Wie frühe Heirat das Leben von Mädchen in Zentralasien zerstören kann</title>
		<link>https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/mit-17-jahren-zwei-fehlgeburten-und-eine-scheidung-wie-fruehe-heirat-das-leben-von-maedchen-in-zentralasien-zerstoeren-kann/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[rferl]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Jul 2025 18:38:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Vor zwei Jahren hat Nigora aufgeh&#xF6;rt, zur Schule zu gehen. Weil sie verheiratet wurde. Sie war 17 Jahre alt. &#xC4;hnlich sieht das Schicksal Tausender M&#xE4;dchen in Zentralasien aus: Anstelle von Schulpr&#xFC;fungen erwartet sie &#x201E;Nikah&#x201C; (religi&#xF6;se Trauung), anstelle einer h&#xF6;heren und manchmal sogar mittleren Bildung schwere Hausarbeit. Ihre Familien begr&#xFC;nden die fr&#xFC;he Verheiratung ihrer T&#xF6;chter mit [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Vor zwei Jahren hat Nigora aufgehört, zur Schule zu gehen. Weil sie verheiratet wurde. Sie war 17 Jahre alt. Ähnlich sieht das Schicksal Tausender Mädchen in Zentralasien aus: Anstelle von Schulprüfungen erwartet sie „Nikah“ (religiöse Trauung), anstelle einer höheren und manchmal sogar mittleren Bildung schwere Hausarbeit. Ihre Familien begründen die frühe Verheiratung ihrer Töchter mit dem Wunsch, Traditionen zu wahren und die „Ehre“ zu bewahren. Sehr oft verbergen sich dahinter zerbrochene Schicksale und sogar Menschenrechtsverletzungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Sie haben mich verheiratet. Und sie haben mich nichts gefragt.“</em> &#8211; Die zierliche Nigora, die wie ein Teenager aussieht, ist jetzt 19 Jahre alt. Sie ist bereits geschieden und lebt wieder im Haus ihrer Eltern. In demselben Zimmer, in dem sie einst davon träumte, Ärztin zu werden. Nigora sagt, man erinnere sie hier oft daran, dass sie überflüssig sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich bin die Älteste in der Familie. Meine Mutter starb, als ich 15 war. Es war noch kein Jahr vergangen, da begann mein Vater mit Verwandten über meine Heirat zu sprechen. Sie sagten, es sei besser, mich früh zu verheiraten, bevor „Probleme“ aufträten“</em>, erinnert sich Nigora.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald stellte sich heraus, dass sie mit einem entfernten Verwandten ihres Vaters, dem 25-jährigen Komil, verheiratet werden sollte. Der arbeietete auf einer Baustelle in Russland. Niemand fragte Nigora nach ihrer Zustimmung.</p>



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<p class="wp-block-paragraph"><em>„Damals war ich gerade 17 geworden und hatte die 10. Klasse abgeschlossen. Komil kam aus Russland zurück und das war&#8217;s, sie haben mich verheiratet. Sie haben mich nicht gefragt. Es gab keine Hochzeit, nur eine bescheidene Nikah-Zeremonie und ein paar Gäste“</em>, erzählt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Leben im Haus ihres Mannes, mit seinen Eltern, Brüdern und Schwägerinnen, war gefüllt mit schwerer Arbeit: <em>„Früh morgens fegte ich den Hof, melkte die Kuh, säuberte den Stall, buk Fladenbrot und bereitete das Frühstück für alle zu. Wäsche waschen, Geschirr spülen, dann Mittagessen, dann Abendessen. Und so jeden Tag. Ich hatte keine Minute Ruhe. Als ich schwanger wurde, fuhr mein Mann wieder nach Russland. Einmal versuchte meine Schwägerin zu helfen, aber meine Schwiegermutter wies sie sofort zurecht: „Wozu ist die Schwiegertochter im Haus?“ Ich war moralisch und körperlich erschöpft. Bald darauf kam es zu einer Fehlgeburt.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Monate vergingen, Komil kam zurück und Nigora wurde wieder schwanger. Sie hatte eine zweite Fehlgeburt. Die Verwandten meines Mannes beschuldigten sie, dass sie <em>„keine Kinder bekommen kann“</em>, und bestanden auf einer Scheidung. Komil sprach dreimal das Wort „Talak“ aus, was in der muslimischen Tradition die Auflösung der Ehe bedeutet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nigora kehrte in das Haus ihres Vaters zurück. <em>„Ich fühle mich von niemandem gebraucht. Ich habe keine Ausbildung, kein Geld und weiß nicht, wie weiter“</em>, sagt sie.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Von Brautraub und Frühehe</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Asel (Name geändert), eine 17-jährige junge Frau aus der Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschalal-Abad">Dschalal-Abad</a> in Kirgistan, erinnert sich noch immer mit Bitterkeit an den Tag, der ihr Leben auf den Kopf stellte. Sie war 16 Jahre alt, ging in die 9. Klasse und plante, sich an einer Kunsthochschule zu bewerben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ilschat ist neun Jahre älter als ich. Er schrieb mir, rief mich an, wir unterhielten uns ein wenig. Und dann kam er eines Tages mit Freunden vorbei, als ich zum Laden ging, und entführte mich einfach. Er brachte mich nach Hause, wo seine Verwandten bereits auf mich warteten. Am nächsten Tag riefen sie meine Eltern an, die kamen, mich aber nicht mitnahmen. Sie sagten, ich sei nun Ilschats Frau, das sei eine kirgisische Tradition [genannt „Ala Katschuu“, Entführung von Mädchen zum Zweck der Zwangsheirat, Anm. d. Red.]. Mein Vater hatte seinerzeit meine Mutter auf die gleiche Weise geheiratet. Es wurde eine religiöse Trauung abgehalten, und meine Eltern fuhren wieder weg“</em>, erzählt Asel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So wurde Asel eine „Kelin“ [junge Schwiegertochter in den Ländern Zentralasiens, Anm. d. Red.]. Sie musste die Schule abbrechen und ihre Träume von einer Karriere als Künstlerin begraben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich liebe es zu malen. Das war mein Ein und Alles. Jetzt weiß ich gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal einen Pinsel in der Hand hatte. Ich möchte meine Gefühle zum Ausdruck bringen, aber mir fehlt die Zeit und die Kraft dazu“</em>, meint sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor kurzem kam ihr Kind als Frühgeburt zur Welt: <em>„Wegen des Stresses habe ich keine Milch. Das Geld reicht gerade mal für Babynahrung. Mein Mann ist derzeit arbeitslos, wir leben bei seinen Eltern. Manchmal helfen mir meine Verwandten.“</em> Auf Fragen zu ihrer Beziehung zu ihrem Mann wollte sie nicht antworten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Gesetzeslücken bei der Legalisierung früher Ehen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Angaben der internationalen Menschenrechtsorganisation Equality Now machen Frühehen beziehungsweise &#8222;Kinderehen&#8220; (von Personen unter 18 Jahren geschlossen) in Kirgistan etwa 13 Prozent aller Ehen aus. In Tadschikistan sind es 9 Prozent und in Usbekistan 3,4 Prozent, in den konservativeren Regionen des Landes jedoch bis zu 11 Prozent.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darjana Grjasnowa, Rechtsberaterin bei Equality Now und Mitautorin des Berichts „Barrieren überwinden: Die Lösung des Problems der Kinder-, Früh- und Zwangsehen in Eurasien“, erklärt, dass es für die Legalisierung solcher Ehen Gesetzeslücken gibt. <em>„Die Gesetze Kirgistans, Tadschikistans und Usbekistans erlauben es, das Heiratsalter auf 17 Jahre zu senken. Dies steht in direktem Widerspruch zu internationalen Standards, vor allem zur Konvention über die Rechte des Kindes und den Empfehlungen des Ausschusses für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau“</em>, so Grjasnowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Tadschikistan erfolgt die Herabsetzung des Heiratsalters laut der Genderforscherin und nationalen Expertin Diana Ismailowa meist mit Zustimmung des Gerichts. Eine Analyse der Rechtsprechung aus den Jahren 2017 bis 2018, die über 500 Fälle umfasst, ergab, dass Richter in 82 Prozent der Fälle ihre Entscheidung mit der schwierigen finanziellen Lage der Familie des Mädchens begründeten. In fast der Hälfte der Fälle wurde <em>„die gegenseitige Liebe des Paares“</em> als Grund angegeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/gebunden-durch-tradition-das-stille-leiden-der-schwiegertoechter-in-usbekistan/">Gebunden durch Tradition: Das stille Leiden der Schwiegertöchter in Usbekistan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Ismailowa gab es auch <em>„absurde Begründungen”</em>: <em>„Es gab Fälle, in denen Gerichte eine Entscheidung nur deshalb trafen, weil die Kosten für die Hochzeit bereits angefallen waren und im Standesamt plötzlich festgestellt wurde, dass die Braut noch nicht 18 Jahre alt war. Solche Fälle machen nur 3 Prozent aus, aber allein die Tatsache, dass es sie gibt, sagt viel über die Herangehensweise aus”</em>, schildert Ismailowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie betont, dass geschlechtsspezifische Aspekte in der Praxis der Gerichte praktisch nicht berücksichtigt werden: <em>„Die Gerichte achten selten auf die Rechte der Heiratswilligen, insbesondere der Mädchen – wie die Freiwilligkeit der Ehe, die Interessen des Kindes, die Möglichkeit, selbstständig Entscheidungen zu treffen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Juristin und Menschenrechtsaktivistin Larisa Aleksandrowa aus Tadschikistan verweist auf die offiziellen Daten zu registrierten Frühehen in diesem Land in den vergangenen Jahren – zwischen 0,8 und 1,02 Prozent.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Auf den ersten Blick scheinen die Zahlen gering zu sein und die Situation stabil. Aber das ist eine Illusion. Hinter den trockenen statistischen Daten verbirgt sich ein weitaus beunruhigenderes Bild – die Verbreitung informeller Ehen, die nach religiösen Bräuchen ohne staatliche Registrierung geschlossen werden“</em>, betont Aleksandrowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl &#8222;Nikah&#8220; keine Rechtskraft habe, beginne eine Vielzahl von frühen, erzwungenen und polygamen Verbindungen mit ihr.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Das Gesetz „Über die Regelung von Feierlichkeiten und Zeremonien“ regelt nur den Ablauf der Trauung, die maximale Anzahl der Gäste bei der Hochzeit und die Dauer der Hochzeit selbst, verlangt aber nicht, dass der Mullah von den Brautleuten eine Heiratsurkunde verlangt, bevor er die Nikah-Zeremonie durchführen darf. Und es ist keine Verantwortung des Mullahs vorgesehen, dass er die Nikah-Zeremonie mit Minderjährigen ohne Überprüfung der offiziellen Dokumente durchführen kann“</em>, sagt die Juristin.</p>



<h2 class="wp-block-heading">&#8222;Ein Teufelskreis der Angst, Isolation und Gewalt&#8220;</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt viele Gründe, warum Familien weiterhin nicht volljährige Mädchen verheiraten. Wie Darjana Grjasnowa erklärt, ist wirtschaftliche Instabilität nach wie vor einer der Hauptgründe. Angesichts finanzieller Probleme sehen Familien eine frühe Heirat manchmal als Möglichkeit, die Belastung durch ein weiteres Familienmitglied zu verringern, Kosten zu senken, sogar ihren sozialen Status durch eine „gute Partie“ oder ihre finanzielle Situation durch eine Mitgift zu verbessern.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Besonders gefährdet sind Mädchen. Der fehlende Zugang zu Bildung beraubt sie ihrer Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und erhöht das Risiko einer frühen Heirat. Dies führt zu einem Teufelskreis: Der Mangel an Bildung schränkt die Fähigkeit der Mädchen ein, für ihre Rechte einzutreten, verstärkt ihre Abhängigkeit von familiären und sozialen Erwartungen und macht eine frühe Heirat zu einem wahrscheinlichsten Ausgang“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es geht nicht nur um Geld; die Beweggründe von Familien seien oft tiefgreifender und widersprüchlicher. Laut Gulnora Beknasarowa, Direktorin des Zentrums für soziologische Forschung „Serkalo“ in Duschanbe, sind an solchen Entscheidungen selten nur die Eltern beteiligt: Es handelt sich um eine kollektive Diskussion, bei der Großeltern, Tanten, Onkel und sogar Nachbarn mitreden. Alles wird berücksichtigt: der Status der Familie, die Meinungen der Umgebung, die unausgesprochenen Erwartungen der Gemeinschaft, der Druck der „sozialen Uhr“ – die Überzeugung, dass man „rechtzeitig“ heiraten muss, sonst ist der Ruf gefährdet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und weiter meint Beknasarowa: <em>&#8222;Eltern fürchten die Verurteilung, wenn ihre Tochter unverheiratet bleibt. In der Gesellschaft kann man hören: „Sie ist schon 20 – sie ist alt.“ Das ist ein schreckliches Stigma, und obwohl es nicht immer laut ausgesprochen wird, beeinflusst es weiterhin das Schicksal der Menschen. In einer traditionellen Gesellschaft sind Normen und Bräuche oft wichtiger als Logik. Es werden keine kausalen Zusammenhänge zwischen einer frühen Heirat und beispielsweise einer Beeinträchtigung der reproduktiven Gesundheit, mangelnder Bildung oder der Unfähigkeit, sich im Falle einer Scheidung selbst zu versorgen, hergestellt. Es ist einfach so üblich, so „muss es sein.“&#8220;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/geschichte-zwei-wie-schwangere-frauen-in-tadschikistan-diskriminiert-werden/">Wie schwangere Frauen in Tadschikistan diskriminiert werden</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Menschenrechtsaktivistin Larisa Aleksandrowa weist darauf hin, dass frühe Ehen oft als Mittel eingesetzt werden, um Mädchen zu einem erwarteten Verhalten zu „zwingen”: <em>„Die Eltern befürchten, dass ihre Tochter „vom rechten Weg abkommt“ und die Familie in Verruf bringt – insbesondere in ländlichen Gebieten, wo das Risiko einer außerehelichen Schwangerschaft als direkte Bedrohung der Familienehre angesehen wird. Unter solchen Umständen wird eine frühe Heirat als „Schutzmaßnahme“ dargestellt, obwohl sie in Wirklichkeit die Freiheit und Rechte des Mädchens einschränkt.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der emotionale Faktor spielt eine Rolle, insbesondere bei älteren Familienmitgliedern. Wie Aleksandrowa sagt, ist der Wunsch, die Enkelin noch zu Lebzeiten zu verheiraten, manchmal ausschlaggebend: <em>„Für viele Großeltern ist die Hochzeit ein Symbol für die Erfüllung ihrer Lebensaufgabe. Das Mädchen ist vielleicht noch nicht bereit, aber die Meinung der Älteren ist wichtiger als ihr eigener Wunsch.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Unabhängig von den Motiven – wirtschaftlichen, kulturellen oder persönlichen – bleibt eine frühe und erzwungene Heirat eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt. Sie nimmt Mädchen das Recht auf Selbstbestimmung, körperliche Autonomie und die Freiheit, sie selbst zu sein, sagt Darja Grjasnowa: <em>„Für viele ist dies nicht der Beginn eines neuen Lebens, sondern der Eintritt in einen Teufelskreis der Angst, Isolation und Gewalt, aus dem es sehr schwer ist, wieder herauszukommen.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Frühe Heirat: eine Gefahr für Gesundheit, Psyche und Zukunft</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mädchen, die in jungen Jahren heiraten, sehen sich oft mit schwerwiegenden körperlichen Folgen konfrontiert, die mit der Unreife ihres Körpers für eine Schwangerschaft zusammenhängen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit diesen Problemen ist Tahmina Saidowa täglich konfrontiert – sie ist Gynäkologin und Leiterin der gemeinnützigen Stiftung „Öffentliche Gesundheit und Menschenrechte“ in Duschanbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Der Zusammenhang zwischen frühen Ehen, frühen Schwangerschaften und schweren medizinischen Komplikationen ist unbestreitbar und gibt der medizinischen Fachwelt Anlass zu großer Sorge“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr zufolge haben Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren ein doppelt so hohes Risiko, während der Schwangerschaft oder Geburt zu sterben, als Frauen über 20 Jahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gründe dafür können vielfältig sein – starke Blutungen, Infektionen, Komplikationen nach unsicheren Abtreibungen. Der Körper einer Teenagerin ist nicht immer gänzlich bereit für eine Geburt: Beispielsweise kann es aufgrund eines schmalen Beckens zu einer schweren Geburt kommen, die oft mit Verletzungen, Behinderungen oder sogar dem Tod der Mutter und des Kindes endet. In einigen Fällen bleiben die Folgen ein Leben lang bestehen – von Rissen bis hin zur Bildung von Fisteln, die nicht nur die Gesundheit beeinträchtigen, sondern dem Mädchen auch ein normales Leben unmöglich machen“, schildert Saidowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei jungen Frauen unter 20 kommen häufiger Frühgeborene und untergewichtige Babys zur Welt, was ebenfalls das Risiko der Säuglingssterblichkeit erhöht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/miss-world-2025-vertreterin-kirgistans-prangert-gewalt-gegen-frauen-an/">Miss World 2025: Vertreterin Kirgistans prangert Gewalt gegen Frauen an</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht weniger verheerend sind die Auswirkungen früher Ehen auf die Psyche. <em>„Frühehen gehen oft mit Gewalt, Isolation und dem Verlust des Zugangs zu Bildung einher. All dies kann zu Depressionen, Angststörungen und sogar zu posttraumatischem Stress führen“</em>, sagt die Ärztin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Gefahr von Infektionen muss gesondert erwähnt werden. <em>„Aufgrund fehlender Sexualaufklärung und mangelnden Zugangs zu Verhütungsmitteln können sich junge Mädchen nicht vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen schützen. Meistens haben sie keine Möglichkeit, auf ungeschützten Sex zu verzichten oder rechtzeitig medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen“</em>, betont Tahmina Saidowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut der Menschenrechtsaktivistin Diana Ismailowa ist eine weitere schmerzhafte Folge der Frühehe die vollständige wirtschaftliche Abhängigkeit der Mädchen.<em> „In der Regel haben sie keine Zeit, einen Beruf zu erlernen und die für den Eintritt in den Arbeitsmarkt erforderlichen Fähigkeiten zu erwerben. Die Ausbildung wird aufgeschoben und findet oft gar nicht statt. Was passiert, wenn diese Verbindung zerbricht? Die Frau ist dann schutzlos“</em>, sagt die Expertin.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wie kann die Praxis der Frühehen gestoppt werden?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Suhaili Kodiri, Leiter der Abteilung für den staatlichen Schutz der Rechte von Kindern im Büro des Ombudsmanns in Tadschikistan, werden derzeit konkrete Schritte zur Bekämpfung von Frühehen unternommen: Es wird diskutiert, die Norm aus dem Familiengesetzbuch zu streichen, die eine Senkung des Heiratsalters auf 17 Jahre erlaubt.<em> „Viele staatliche Stellen haben diese Initiative bereits unterstützt“</em>, betont er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Kirgistan wurde im Mai dieses Jahres ein Entwurf für ein neues Familiengesetzbuch <a href="https://24.kg/obschestvo/329082_proekt_novogo_semeynogo_kodeksa_vkr_isklyuchaet_rannie_braki/">ausgearbeitet</a>, das Ehen unter 18 Jahren vollständig verbietet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings reichen legislative und strafrechtliche Maßnahmen allein nicht aus, betont Darjana Grjasnowa, Rechtsberaterin bei der Organisation Equality Now. Ihrer Meinung nach liegen die Wurzeln des Problems tiefer: <em>„Die Praxis der Frühehen entsteht auf dem Boden von Geschlechterdiskriminierung, Armut und gesellschaftlichem Druck. Es handelt sich nicht nur um eine rechtliche, sondern auch um eine kulturelle und soziale Frage.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb müsse man an mehreren Fronten dagegen vorgehen: die Gesetzgebung verschärfen und streng anwenden, Familien und Jugendliche über die Risiken einer frühen Heirat aufklären, die wirtschaftlichen Möglichkeiten für Mädchen und ihre Familien erweitern, den Betroffenen umfassende Hilfe leisten und vor allem die Gemeinschaften aktiv in die Neudefinition von Normen und Traditionen einbeziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diana Ismailowa, nationale Gender-Expertin aus Duschanbe, betont, dass dies nicht nur eine Angelegenheit für Gerichte oder Standesämter ist.<em> „Der Kampf gegen Frühehen betrifft alle: von Ministerien bis hin zu lokalen Meinungsführenden. Stellen Sie sich vor, im Abendprogramm würden im Fernsehen reale Geschichten von Mädchen gezeigt, die unter einer frühen Heirat gelitten haben. Die Medien prägen das Denken von Millionen“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/mit-15-verheiratet-und-schwanger-kinderbraute-aus-kirgistan-erzahlen-ihre-geschichten/">Mit 15 verheiratet und schwanger – Kinderbräute aus Kirgistan erzählen ihre Geschichten</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Expertin schlägt sogar vor, das Verteidigungsministerium einzuschalten. <em>„Jungs heiraten oft schnell nach ihrem Militärdienst. Warum sollte man ihnen dort, bevor sie in ihr Heimatdorf zurückkehren, nicht Kurse über Familienkompetenz und die Rechte von Männern und Frauen anbieten? Das könnte die Grundlage für gesunde Beziehungen und verantwortungsvolle Entscheidungen schaffen“</em>, meint sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die 19-jährige Nigora aus Duschanbe, die zwei Fehlgeburten und eine Scheidung hinter sich hat, spricht das Problem ganz einfach an: <em>„Lernt, träumt. Beeilt euch nicht. Heiratet nur, wenn ihr es selbst wollt und bereit dafür seid. Es ist euer Leben. Und es sollte mit eurer Zustimmung beginnen.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Nargiz Chamrabajewa für Radio Azattyk</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://rus.azattyq.org/a/v-17-dva-vykidysha-i-razvod-kak-rannie-braki-lomayut-sudby-devochek-v-tsentralnoy-azii/33461019.html">Russische</a><a href="https://fergana.news/articles/138365/">n</a> von Michèle Häfliger</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Blutroter Juni – 15 Jahre seit dem interethnischen Konflikt im Süden Kirgistans</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Fergana News]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 Jun 2025 22:21:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Dschalal-Abad]]></category>
		<category><![CDATA[ethnischer Konflikt]]></category>
		<category><![CDATA[Ferganatal]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Osch]]></category>
		<category><![CDATA[Unruhen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es ist eine der dunkelsten Seiten der modernen Geschichte des Landes: Ethnische Massenkonflikte forderten Hunderte von Menschenleben, zerst&#xF6;rten Tausende von H&#xE4;usern und f&#xFC;hrten zu einer massenhaften Flucht. Anl&#xE4;sslich des 15. Jahrestages erinnert Fergana News an den blutroten Juni. In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 2010 kam es in Osch zu Zusammenst&#xF6;&#xDF;en zwischen [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Es ist eine der dunkelsten Seiten der modernen Geschichte des Landes: Ethnische Massenkonflikte forderten Hunderte von Menschenleben, zerstörten Tausende von Häusern und führten zu einer massenhaften Flucht. Anlässlich des 15. Jahrestages erinnert Fergana News an den blutroten Juni.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 2010 kam es in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Osch">Osch</a> zu Zusammenstößen zwischen der kirgisischen und der usbekischen Bevölkerung. Bald griff die Gewalt auf das benachbarte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschalal-Abad">Dschalal-Abad</a> über. Den Behörden gelang es nicht, die Lage schnell unter Kontrolle zu bringen. Gerüchte und Provokationen, darunter Berichte über eine Vergewaltigung in einem Frauenwohnheim, verstärkten die Aggression. Bewaffnete Gruppen griffen usbekische Viertel an, und es kam zu massenhaften Brandstiftungen, Plünderungen und Morden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Konflikt entfaltete sich vor dem Hintergrund einer tiefen politischen Krise im Land. Nach dem Sturz von Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kurmanbek_Bakijew">Kurmanbek Bakijew</a> am 7. April 2010 ging die Macht an die Übergangsregierung unter <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rosa_Otunbajewa">Rosa Otunbajewa</a> über, die kaum Kontrolle über den Süden des Landes hatte. Die Spannungen in der Region wuchsen, angeheizt durch einen Kampf zwischen Anhänger:innen des vorherigen Regimes und den neuen Behörden sowie durch den Aktivismus usbekischer Politiker:innen, die eine größere politische Rolle für ihre Gemeinschaft anstrebten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/affaere-bakijew-kirgistans-zweiter-praesident-und-das-geld/"><strong>Affäre Bakijew: Kirgistans zweiter Präsident und das Geld</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Lage verschärfte sich, nachdem eine Reihe von Vorfällen – darunter die Besetzung von Stadtverwaltungen durch Bakijew-Anhänger:innen, das Niederbrennen von Wohnhäusern und Universitäten sowie die Ermordung des Gangsterbosses Aibek Mirsidikow –&nbsp; eine Atmosphäre des Misstrauens, der Angst und der Gewalt geschaffen hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Reaktion auf die Eskalation der Lage verhängte die Übergangsregierung den Ausnahmezustand und eine Ausgangssperre. Die Unruhen gingen jedoch weiter. Zehntausende Menschen, hauptsächlich Usbek:innen, mussten ihre Häuser verlassen. Bereits am 11. Juni öffnete Usbekistan die Grenze und nahm über 110.000 Geflüchtete auf, hauptsächlich Frauen und Kinder, für die Lager eingerichtet wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 12. Juni erreichte der Konflikt in Südkirgistan seinen Höhepunkt: Usbek:innen begannen, zum Schutz Barrikaden zu bauen, und die Welle der Gewalt griff auf Dschalal-Abad über. Erst am 15. Juni gelang es den Behörden, die Lage unter Kontrolle zu bringen. In beiden Städten begannen Verhandlungen zwischen den Anführern der kirgisischen und usbekischen Gemeinschaft.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Abweichende Opferzahlen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Angaben zur Zahl der Opfer des Konflikts variieren. Offiziell meldeten die Behörden zwischen 414 und 446 Todesopfer, einer internationalen Kommission zufolge starben rund 470 Menschen, davon 74 Prozent ethnische Usbek:innen. Mehr als 1.900 Menschen wurden verletzt. Die usbekischen Behörden berichteten von 2.800 Verletzten unter den Geflüchteten. Menschenrechtler:innen sprechen von mehr als 1.700 zerstörten und niedergebrannten Häusern.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Nach Angaben des UN-Satellitenzentrums <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/UNOSAT">UNOSAT</a> wurden rund 3.000 Gebäude beschädigt. Der materielle Schaden wird nach offiziellen Angaben auf 4 Milliarden Som (195,6 Millionen US-Dollar zum Wechselkurs von Juni 2010) und nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen auf 9 Milliarden Som (87 Millionen US-Dollar) geschätzt. Die Behörden eröffneten mehr als 5.000 Strafverfahren. Doch nur etwa 300 Menschen, die meisten von ihnen Usbek:innen, wurden tatsächlich zu Gefängnisstrafen verurteilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach den Ereignissen verließen viele ethnische Usbek:innen Kirgistan, usbekischsprachige Schulen wurden geschlossen. Hunderte Menschen, darunter der bekannte Menschenrechtsaktivist <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Asimdschan_Askarow">Asimdschon Askarow</a>, wurden wegen der Organisation von Unruhen und anderer Verbrechen verurteilt. Internationale Organisationen und Menschenrechtler:innen gehen davon aus, dass die Anklagen gegen viele von ihnen fingiert und Geständnisse unter Folter erpresst wurden. Askarow starb 2020 in Haft, obwohl die UN seine Freilassung gefordert hatte.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Schleppende Aufarbeitung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">2011 kam eine internationale unabhängige Kommission unter der Leitung von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kimmo_Kiljunen">Kimmo Kiljunen</a>, an den sich Rosa Otunbajewa mit der Bitte um Unterstützung gewandt hatte, zu dem Schluss, dass die Tragödie hätte verhindert werden können. Die provisorische Regierung habe die ethnischen Spannungen unterschätzt und den Schutz der Bevölkerung nicht gewährleistet. Die Kommission stufte die Angriffe auf usbekische Viertel als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein, erkannte die Ereignisse jedoch nicht als Völkermord oder Kriegsverbrechen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die kirgisischen Behörden lehnten die Ergebnisse der Kommission ab und erklärten ihren Leiter zur unerwünschten Person. Internationale Partner, darunter die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_des_Vertrags_über_kollektive_Sicherheit">Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS)</a>, griffen nicht ein und erklärten, es handele sich um eine interne Angelegenheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im selben Jahr führte eine nationale Kommission ihre eigene Untersuchung durch. Sie kam zu dem Schluss, die Schuldigen des Konflikts seien <em>„separatistische Kräfte“</em> unter Führung von Kadyrdschon Batyrow, einem Anführer der usbekischen Gemeinschaft in Kirgistan und Anhänger des flüchtigen Präsidenten Bakijew, sowie <em>„externe Kräfte, die an einer Destabilisierung der Lage interessiert waren“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/autoritarismus-politische-morde-und-vetternwirtschaft-die-praesidentschaft-kurmanbek-bakijews/"><strong>Autoritarismus, politische Morde und Vetternwirtschaft: Die Präsidentschaft Kurmanbek Bakijews</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Oktober 2011 verurteilte das Stadtgericht Dschalal-Abad Kadyrdschon Batyrow und Inom Abdurasulow, einen weiteren Anführer der usbekischen Gemeinschaft, in Abwesenheit zu lebenslanger Haft. Sie wurden der Organisation von Massenunruhen und der Teilnahme an separatistischen Aktivitäten für schuldig befunden. Vier weitere Angeklagte erhielten Haftstrafen zwischen sechs und zwanzig Jahren. Beide verließen Kirgistan nach den Ausschreitungen und wurden international gesucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Oktober 2014 verurteilte das Stadtgericht Osch Batyrow und Abdurasulow in Abwesenheit zu lebenslanger Haft und bestätigte damit ihre Rolle als Organisatoren der Unruhen. Die ehemalige Vorsitzende des regionalen Zweigs des Frauenkongresses Kirgistans in Osch, Karamat Abdullajewa, wurde <a href="https://fergana.media/news/131134/">zu 16 Jahren Haft verurteilt</a>. Im Dezember 2018 wurde berichtet, dass Kadyrdschon Batyrow im Alter von 62 Jahren in Odessa <a href="https://fergana.media/news/103258/">verstorben sei</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ermittlungen zu den Unruhen wurden im April 2021 auf Anordnung des amtierenden Präsidenten Kirgistans, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sadyr_Dschaparow">Sadyr Dschaparow</a>, wieder aufgenommen. Gegen fünf ehemalige Mitglieder der Übergangsregierung wurde Anklage wegen Amtsmissbrauchs erhoben, darunter gegen den ehemaligen Präsidenten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almasbek_Atambajew">Almasbek Atambajew</a>, der 2010 stellvertretender Premierminister im Übergangskabinett war. Auch gegen den damaligen Verteidigungsminister Ismail Isakow, Innenminister Bakytbek Alymbekow, den ehemaligen Gouverneur des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oblus_Dschalal-Abad">Gebiets Dschalal-Abad</a>, Bektur Asanow, und den ehemaligen Leiter des Staatlichen Komitees für Nationale Sicherheit Kirgistans, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kengeschbek_Duischöbajew">Kengeschbek Duischeböjew</a>, wurde Anklage wegen Amtsmissbrauchs erhoben. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Keine Ansprache zum Jahrestag</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es sei darauf hingewiesen, dass Präsident Sadyr Dschaparow im Jahr 2025 auf die traditionelle Ansprache an das Volk zum Jahrestag der Unruhen verzichtete. Zuvor hatte er, wie seine Vorgänger, wiederholt über die Tragödie gesprochen und zur Einheit aufgerufen sowie dazu, von bösen Absichten abzusehen, die zu interethnischen Konflikten führen könnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Tragödie hinterließ tiefe Spuren in der kirgisischen Gesellschaft und offenbarte ungelöste interethnische und politische Probleme sowie die Verletzlichkeit staatlicher Institutionen angesichts der Krise. Fragen der Gerechtigkeit, der Rehabilitierung der Opfer und der Suche nach Wegen zu dauerhaftem Frieden sind für das Land bis heute aktuell.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Fergana News</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://fergana.news/articles/138365/"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Nach zehn Jahren &#8211; neun Fragen zu den Unruhen in Osch</title>
		<link>https://novastan.org/de/kirgistan/nach-zehn-jahren-neun-fragen-zu-den-unruhen-in-osch/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Quentin Couvreur]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Jun 2020 09:14:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[2010]]></category>
		<category><![CDATA[Dschalal-Abad]]></category>
		<category><![CDATA[Kurmanbek Bakijew]]></category>
		<category><![CDATA[Osch]]></category>
		<category><![CDATA[Unruhen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am 10. Juni 2010 gab es in Osch, im S&#xFC;den Kirgistans, gewaltt&#xE4;tige Ausschreitungen. Nach dem Sturz von Pr&#xE4;sident Kurmanbek Bakijew im April jenes Jahres eskalierten gesellschaftliche Spannungen und fanden ihren H&#xF6;hepunkt in wahren &#x201E;Pogromen&#x201C; gegen die usbekische Minderheit. Zehn Jahre nach den Ereignissen zieht Novastan eine Bilanz dessen, was wir wissen. Vom 10. bis zum [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Am 10. Juni 2010 gab es in Osch, im Süden Kirgistans, gewalttätige Ausschreitungen. Nach dem Sturz von Präsident Kurmanbek Bakijew im April jenes Jahres eskalierten gesellschaftliche Spannungen und fanden ihren Höhepunkt in wahren „Pogromen“ gegen die usbekische Minderheit. Zehn Jahre nach den Ereignissen zieht Novastan eine Bilanz dessen, was wir wissen.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Vom 10. bis zum 14. Juni 2010 war die im Südwesten Kirgistans gelegene Stadt <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-grenzstadt-osch/">Osch</a> Schauplatz gewalttätiger Zusammenstöße zwischen Angehörigen der kirgisischen und usbekischen Gemeinschaften. „Kirgisisch“ und „Usbekisch“ bezieht sich hier auf die Volksgruppen, da alle Beteiligten Staatsbürger Kirgistans waren, entsprechend der zu Sowjetzeiten etablierten Unterscheidung zwischen „Nationalität“ und Staatsbürgerschaft.</p>
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<p style="text-align: justify">Das genaue Ausmaß der Gewalt ist nach wie vor unklar. Insgesamt aber forderten die Ereignisse mindestens mehrere Hundert Tote und zehntausende Vertriebene, vor allem Usbeken. Die Sicherheitskräfte &#8211; ob überfordert oder mitschuldig &#8211; brauchten mehrere Tage, um wieder Ordnung herzustellen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>1 Was geschah im Juni 2010 im Süden Kirgistans?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Gewalt scheint ihren unmittelbaren Ursprung in einem Streit zwischen Kirgisen und Usbeken gehabt zu haben, der am Abend des 10. Juni in Osch in der Nähe eines Kasinos ausgebrochen war. Laut einem <a href="https://www.crisisgroup.org/europe-central-asia/central-asia/kyrgyzstan/pogroms-kyrgyzstan">Bericht der NGO International Crisis Group</a> verbreiteten sich am frühen Morgen des 11. Juni unter der kirgisischen Bevölkerung Gerüchte über Vergewaltigungen und Morde an kirgisischen Studentinnen durch usbekische Männer.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-grenzstadt-osch/">Die Grenzstadt Osch</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Der Vorfall, der allerdings wahrscheinlich nie stattgefunden hat, mobilisierte viele kirgisische Jugendliche in der Stadt und aus den umliegenden Dörfern gegen die Usbeken. „<em>Diese heftigen Gerüchte, denen viele Kirgisen glaubten, ermutigten sie zur Mobilisierung, vor allem in ländlichen- und Bergregionen</em>“, erklärt der kirgisische Politikwissenschaftler Dscholdon Kutmanalijew im Gespräch mit Novastan.</p>
<p style="text-align: justify">Dies war der Beginn von vier Tagen großflächiger Zusammenstöße in Osch und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschalalabat">Dschalal-Abad</a>, eineinhalb Autostunden weiter nördlich. Usbeken errichteten Barrikaden am Eingang ihrer Stadtviertel, bevor der kirgisische Mob, unterstützt von mehreren gepanzerten Mannschaftstransportern der kirgisischen Armee, eindringen konnte. Es folgten tagelange Plünderungen, Zerstörungen und Morde.</p>
<p style="text-align: justify">Die Zahl der Todesopfer ist bis heute umstritten. Nach dem <a href="https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/Full_Report_490.pdf">Bericht der unabhängigen internationalen Untersuchungskommission</a>, die von der kirgisischen Übergangsregierung eingesetzt wurde, wurden 470 Menschen getötet. Der Kirgisistan-Korrespondent der russischen Zeitung <a href="https://www.kp.ru/daily/24505/657680/">Komsomolskaja Prawda</a> berichtete aber von mehr als 1000 Todesopfern.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>2 Dürfen wir von inter-ethnischer Gewalt oder anti-usbekischen „Pogromen“ sprechen?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Bilanz der Opfer und Zerstörungen zeigt, dass die anfänglich inter-ethnische Gewalt schnell zu anti-usbekischen, „ethnischen Pogromen“ wurde, wie der französische Anthropologe Boris Petric <a href="https://www.cairn.info/revue-herodote-2010-3-page-58.htm">feststellte</a>. Tatsächlich gehörte laut einem <a href="https://www.hrw.org/reports/kyrgyzstan0810_brochure_low.pdf">Bericht der amerikanischen NGO Human Rights Watch</a> (HRW) die „große Mehrheit“ der 2000 zerstörten Gebäude in Osch usbekischen Mitbürgern. Darüber hinaus waren unter den 470 Todesopfern, die die Untersuchungskommission registriert hat, 74 Prozent Usbeken und 25 Prozent Kirgisen.</p>
<p style="text-align: justify">Der Verlauf der Ereignisse zeigt auch, dass diese sehr unausgeglichene Bilanz kein Zufall ist. Nach Angaben von HRW wurden usbekische Viertel und Häuser gezielt angegriffen. Einige Gebäude wurden als kirgisische oder russische Gebäude gekennzeichnet und blieben verschont. Auch nach Angaben der International Crisis Group wählten Plünderer die Geschäfte nicht nach dem Wert der zu stehlenden Waren aus, sondern nach ethnischen Kriterien.</p>
<p><figure id="attachment_22137" aria-describedby="caption-attachment-22137" style="width: 2081px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-22137" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/06/41-2.jpg" alt="Osch Kirgise Tor" width="2081" height="1337" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/06/41-2.jpg 2081w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/06/41-2-300x193.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/06/41-2-768x493.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/06/41-2-1024x658.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/06/41-2-1300x835.jpg 1300w" sizes="(max-width: 2081px) 100vw, 2081px" /><figcaption id="caption-attachment-22137" class="wp-caption-text">Spuren eines Schriftzugs &#8222;Kirgise&#8220; an einem Tor in Osch im Frühling 2016</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Schließlich weisen mehrere Berichte auf einen organisierten Charakter der Gewalt hin. „<em>Den Angreifern wurden in regelmäßigen Abständen Vorräte gebracht &#8211; Trinkwasser, Wodka, brennbare Flüssigkeiten [&#8230;]. Schusswaffen wurden auf dem Rücksitz eines BMW 735 ohne Nummernschild ausgehändigt</em>“, stellt <a href="https://www.crisisgroup.org/europe-central-asia/central-asia/kyrgyzstan/pogroms-kyrgyzstan">International Crisis Group</a> fest. Wer hinter solchen Lieferungen stand, konnte jedoch nie eindeutig geklärt werden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>3 Was genau provozierte den Gewaltausbruch im Juni 2010?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Ereignisse in Osch geschahen vor dem Hintergrund einer nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Regierungswechsel_in_Kirgisistan_2010">dem Sturz</a> des Präsidenten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kurmanbek_Bakijew">Kurmanbek Bakijew</a> am 7. April 2010 geschwächten Staatsgewalt. Der Staat war in der Hand einer von <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/rosa-otunbajewa-eine-ausnahmefrau/">Rosa Otunbajewa</a> geführten Interimsregierung, die Schwierigkeiten hatte, ihre Autorität im ganzen Land durchzusetzen. Der ehemalige Präsident stammte selbst aus der Region Dschalal-Abad und hatte im Süden weiterhin viele Anhänger, auch unter den Sicherheitskräften. Nach Angaben von International Crisis Group dominierte seine Familie zu dieser Zeit die lokale Wirtschaft, einschließlich des Drogenhandels.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/rosa-otunbajewa-eine-ausnahmefrau/">Rosa Otunbajewa, eine Ausnahmefrau</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Um die Kontrolle über die südlichen Region zu sichern, wandte sich die Übergangsregierung an die bedeutende usbekische Minderheit. Der wohlhabende Geschäftsmann und Politiker <a href="https://simple.wikipedia.org/wiki/Kadyrzhan_Batyrov">Kadyrdschan Batyrow</a> mobilisierte seine Anhänger zur Unterstützung der neuen Regierung und forderte eine größere politische Teilhabe. Lokale Fernsehkanäle und Medien berichteten über politische Forderungen, die von der kirgisischen Gemeinschaft zunehmend als Bedrohung empfunden wurde. „<em>Die Kirgisen glaubten, dass Kadirdschan Batirow die Macht ergreifen wollte&#8220;, </em>so Kutmanalijew.<em> &#8222;Dies führte zu einer verstärkten ethnischen Mobilisierung und zu Spannungen zwischen zwei Gruppen, die sich gegenseitig nicht trauten. In der Tat kannten die Kirgisen eine solche politische Mobilisierung seitens der Usbeken nicht.&#8220;</em></p>
<p style="text-align: justify">Diese <a href="https://www.nzz.ch/neue_unruhen_in_kirgistan-1.5757980">ersten Spannungen</a> gipfelten am 16. Mai im Dorf Teyit in der Nähe der Stadt Dschalal-Abad, wo die Häuser der Familie Bakijew niedergebrannt wurden. Anhänger des ehemaligen Präsidenten werfen Batirow vor, für die Zerstörung verantwortlich zu sein, was dieser stets bestritten hat. Nach Angaben eines hochrangigen kirgisischen Regierungsbeamten, der von der <a href="https://www.crisisgroup.org/europe-central-asia/central-asia/kyrgyzstan/pogroms-kyrgyzstan">International Crisis Group</a> zitiert wird, hat sich der Vorfall zu einem „Rubikon“ entwickelt. Demnach schien eine Verschärfung der Spannungen, die im Juni ihren finsteren Höhepunkt erreichten, unausweichlich.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>4 Welchen Platz nahmen Usbeken vor April 2010 in der kirgisischen Gesellschaft ein? </strong></p>
<p style="text-align: justify">Nach Angaben des <a href="http://www.stat.kg/en/statistics/naselenie/">kirgisischen Statistikkomitees</a> lebten 2011 786.000 Kirgistaner usbekischer Nationalität im Land. Usbeken, die etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, leben hauptsächlich im Süden Kirgistans, insbesondere in den Regionen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gebiet_Osch">Osch</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gebiet_Dschalalabat">Dschalalal-Abad</a>. So machten Usbeken im Jahr 2011  immerhin 49 Prozent der Bevölkerung von Osch aus.</p>
<p style="text-align: justify">Die Ausschreitungen im Juni 2010 sind zum Teil das Ergebnis von drei Jahrzehnten Nationenbildung in Kirgistan, wobei die usbekische Minderheit nie politisch integriert wurde. Schon zu Sowjetzeiten führte der wirtschaftliche Erfolg einiger usbekischer Stadtbewohner zu Ressentiments bei der überwiegend ländlichen kirgisischen Bevölkerung. Im Juni 1990 brachen vor dem Hintergrund von Spannungen über den Zugang zu Ressourcen in Osch und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96sg%C3%B6n">Ösgön</a> <a href="https://journals.openedition.org/asiecentrale/3350">gewalttätige Ausschreitungen</a> aus. Die Zusammenstöße forderten mehrere hundert Tote und wurden erst durch den Eingriff der Sowjetischen Armee beendet.</p>
<p style="text-align: justify">Nach der Unabhängigkeit Kirgistans im August 1991 blieben die Beziehungen zwischen den Gemeinschaften ein äußerst heikles Thema. Der erste Präsident, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Askar_Akajew">Askar Akajew</a> (1991-2005), verfolgte nach den Worten des Anthropologen Boris Petric eine ethno-nationalistische Politik der „Kirgisisierung“ der Gesellschaft. Die politische Macht konzentrierte sich in den Händen der kirgisischen Elite aus dem Norden. Um seine Macht im Süden zu etablieren, nahm Akajew jedoch enge Beziehungen zu bestimmten Vertretern der usbekischen Gemeinschaft auf.</p>
<p style="text-align: justify">Auf die Weise entwickelt sich zwischen den kirgisischen Politikern und ihren usbekischen Unterstützer eine Form des Klientelismus. „<em>Usbekische Geschäftsleute hatten enge Verbindungen zu der politischen Macht, die von den Kirgisen gehalten wurde. Die Usbeken erhielten Zugangskanäle [zur Macht], die Kirgisen sicherten sich die Loyalität des Südens. Die Beziehung war für beide Seiten zufriedenstellend</em>“, erläutert Kutmanalijew. Bakijew änderte dieses System jedoch zugunsten seines eigenen Umfelds, zum großen Missfallen einiger Usbeken. „<em>2010 wollten diese Usbeken ihre Verluste ausgleichen, indem sie die an die Anhänger des Bakijew-Regimes verlorene wirtschaftliche Macht zurückgewinnen</em>&#8222;, fügt Kutmanalijew hinzu.</p>
<p style="text-align: justify">So trugen mehrere langfristige Faktoren zum Anstieg der Spannungen im Süden Kirgistans bei. Auf der einen Seite haben einige Usbeken versucht, ihre Vormachtstellung im wirtschaftlichen Bereich zurückzugewinnen und ihre politische Vertretung auf nationaler Ebene zu verstärken. Auf der anderen Seite gab es unter Kirgisen starke Ressentiments gegenüber dem vermeintlichen wirtschaftlichen Erfolg der Usbeken. Tatsächlich ergab eine Studie der Weltbank aus dem Jahr 2007, die im Bericht von <a href="https://www.crisisgroup.org/europe-central-asia/central-asia/kyrgyzstan/pogroms-kyrgyzstan">International Crisis Group</a> zitiert wird, dass in der Provinz Osch 47 Prozent der kirgisischen Haushalte als arm galten, im Vergleich zu 55 Prozent der usbekischen Haushalte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>5 Welche Rolle spielten Sicherheitskräfte?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Frage nach der Rolle der Sicherheitskräfte bei den Gewalttaten vom Juni 2010 steht im Mittelpunkt einer heftigen Kontroverse, die nie vollständig gelöst wurde. „<em>Die Rolle des Militärs ist zweideutig“</em>, resümiert Kutmanalijew vorsichtig. Tatsächlich wurde das Militär der direkten Verwicklung in die Angriffe auf usbekische Viertel beschuldigt, wie auch der vorsätzlichen Bereitstellung von Truppentransportfahrzeugen und Waffen für den kirgisischen Mob. Für den Politikwissenschaftler sind diese Vorwürfe nicht ganz fundiert. „<em>Die kirgisische Armee hat nicht offen Waffen verteilt, obwohl sie einige Arsenale dem Mob überlassen hat. Die Sicherheitskräfte waren demoralisiert, die Soldaten hatten Angst</em>“, sagt er.</p>
<p style="text-align: justify">Sicher ist, dass mehrere gepanzerte Fahrzeuge in die Hände  kirgisischer Angreifer gelangt sind. Mehrere im <a href="https://www.hrw.org/report/2010/08/16/where-justice/interethnic-violence-southern-kyrgyzstan-and-its-aftermath">Bericht von HRW</a> zitierte Zeugen sagen, sie seien von Männern in Militäruniform gefahren worden. Das reicht aber nicht aus, um die Beteiligung der Armee zu beweisen. Die Fahrzeuge wurden hauptsächlich zur Zerstörung der Barrikaden eingesetzt, die am Eingang zu usbekischen Stadtvierteln errichtet worden waren, um den Angreifern das Vorankommen zu erleichtern. „<em>Die kirgisische Armee zerstörte in unverantwortlicher Weise die Barrikaden und versäumte es, die usbekische Minderheit zu schützen</em>“, sagt Kutmanalijew.</p>
<p><figure id="attachment_22138" aria-describedby="caption-attachment-22138" style="width: 1732px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-22138" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/06/20160507_183427.jpg" alt="Osch Panorama" width="1732" height="988" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/06/20160507_183427.jpg 1732w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/06/20160507_183427-300x171.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/06/20160507_183427-768x438.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/06/20160507_183427-1024x584.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/06/20160507_183427-1300x742.jpg 1300w" sizes="(max-width: 1732px) 100vw, 1732px" /><figcaption id="caption-attachment-22138" class="wp-caption-text">Osch, Blick nach Osten vom Sulejman-Too Berg aus</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Außerdem ließen die Sicherheitskräfte in den ersten Tagen der Gewalt die Straßen der Stadt weitgehend frei und damit den Weg für kampfbereite kirgisische Jugendbanden offen. „<em>Die Armee beobachtete die Gewalt und griff nicht ein</em>“, heißt es im Bericht der unabhängigen Untersuchungskommission. „<em>Die Rolle der Sicherheitskräfte bei den Ereignissen ist wichtig [&#8230;]. Wären diese Truppen ordnungsgemäß eingesetzt worden, hätte die Gewalt verhindern verhindert und den aus ländlichen Gebieten zugezogenen Angreifern der Zugang zur Stadt Osch versperrt werden können</em>“, schloss die Kommission.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>6 Welche Rolle spielten der ehemalige Präsident Bakijew und seine Anhänger?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Wie die französische Tageszeitung <a href="https://www.lemonde.fr/international/article/2010/06/13/pourquoi-le-sud-du-kirghizistan-s-embrase_1372103_3210.html">Le Monde</a> im Juni 2010 kommentierte, glaubten mehrere Beobachter, die Gewalt sei vom ehemaligen Präsidenten und seinem Umfeld orchestriert worden. Diese These wurde auch wiederholt von der kirgisischen Übergangsregierung verbreitet. Demnach seien die Unruhen Teil eines Versuchs, die Macht wiederzuerlangen. Allerdings haben weder NGOs noch die unabhängige Untersuchungskommission Beweise für eine Beteiligung des ehemaligen Präsidenten gefunden. „<em>Es gibt keine schlüssigen Beweise für die Beteiligung der Bakijews bei der konkreten Planung der Ereignisse im Juni</em>“, heißt es im Bericht der Kommission. Für International Crisis Group scheint es sogar wahrscheinlich, dass „<em>die Regierung das Ausmaß der Bakijew-Verschwörung übertrieben hat, um ihre eigene Ohnmacht angesichts der Tragödie zu rechtfertigen</em>“.</p>
<p style="text-align: justify">Eine direkte Beteiligung Bakijews erscheint zwar unwahrscheinlich, die kriminellen und mafiösen Netzwerke, die vom politischen Schutz des ehemaligen Präsidenten profitierten, werden jedoch ebenfalls beschuldigt. Tatsächlich hatten diese Netzwerke, die den sehr lukrativen Drogenhandel kontrollierten, viel zu verlieren. „<em>Der Abgang von Präsident Bakijew hat zu einer Reihe von wirtschaftlichen und politischen Marginalisierungen geführt, die sowohl Usbeken als auch Kirgisen betreffen. Die mit der Bakijew-Familie verbundenen Polit-Mafia-Gruppen akzeptierten ihre Marginalisierung nicht und verfolgten eine selbstmörderische und mörderische Logik, indem sie Gewalt auslösten, die in eine inter-ethnische Konfrontation mündete</em>“, schreibt der Anthropologe Boris Petric in seiner <a href="https://www.cairn.info/revue-herodote-2010-3-page-58.htm">Studie über die Ereignisse in Osch.</a></p>
<p style="text-align: justify"><strong>7 Waren die Vereinigten Staaten und Russland an den Ereignissen beteiligt?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Im Westen wurden die Ereignisse des Jahres 2010 manchmal als ein Destabilisierungsversuch seitens Russlands dargestellt, da sich dieses zu sehr den Vereinigten Staaten genähert habe. Tatsächlich errichteten die USA 2001 im Rahmen des Krieges in Afghanistan eine Militärbasis in <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Transit_Center_at_Manas">Manas</a>, nur wenige Kilometer von Kirgistans Hauptstadt Bischkek entfernt. Brennstofflieferungen rund um den Stützpunkt standen auch im Mittelpunkt mehrerer Korruptionsskandale, in die die Familie Bakijew verwickelt war und die zu ihrer Unbeliebtheit in der Bevölkerung beigetragen haben. Das Prisma des amerikanisch-russischen Kalten Krieges scheint jedoch nicht die geeignetste Lesart für die Ereignisse im Juni 2010 zu sein. &#8222;<em>Dies sind nur Spekulationen. Es gibt keinen direkten Beweis für eine Beteiligung Russlands</em>&#8222;, so Kutmanalijew.</p>
<p style="text-align: justify">In Wirklichkeit hat vor allem die Passivität der beiden Großmächte gegenüber der Ereignisse überrascht. Als die amtierende kirgisische Präsidentin Otunbajewa am 12. Juni 2010 zugab, dass die Situation in Osch außer Kontrolle geraten war, weigerte sich Russland einzugreifen. Auch die USA lehnten ab, als die kirgisische Regierung um ein Darlehen für gepanzerte Fahrzeuge bat. Zur Erklärung argumentiert der Bericht von <a href="https://www.crisisgroup.org/europe-central-asia/central-asia/kyrgyzstan/pogroms-kyrgyzstan">International Crisis Group</a>, dass „<em>Russland nur wenige starke politische oder wirtschaftliche Interessen in Kirgistan hat, dem es an dem Öl, Gas und anderen Ressourcen mangelt, die seine Nachbarn besitzen</em>“. Auch die Vereinigten Staaten hatten keine langfristigen Interessen in dem Land: Der Militärstützpunkt Manas wurde 2014 <a href="https://novastan.org/fr/kirghizstan/la-fin-dune-ere-pour-lengagement-americain-en-asie-centrale/">geschlossen</a>.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>8 Unter welchen Bedingungen kehrten die Flüchtlinge zurück?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Nach Angaben der Vereinten Nationen, zitiert von der britischen Zeitung <a href="https://www.theguardian.com/world/2010/jun/17/kyrgyzstan-ethnic-violence-refugees-united-nations">The Guardian</a>, wurden durch die Gewalt im Juni 2010 mindestens 400.000 Menschen vertrieben. Etwa 100.000 von ihnen haben in Usbekistan, das an die Regionen Osch und Dschalal-Abad grenzt, Zuflucht gefunden. Die überwältigende Mehrheit davon waren Frauen und Kinder, die in Lagern in der Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Provinz_Andijon">Andijon</a> in Usbekistan untergebracht wurden. Nach Angaben von International Crisis Group durften die Flüchtlinge die Lager, in denen sich die meisten etwa zwei Wochen aufhielten, nicht verlassen. Die meisten der 300.000 Binnenvertriebenen in Kirgistan flohen nach Angaben des <a href="https://www.unhcr.org/news/latest/2010/6/4c1a2f669/crisis-kyrgyzstan-leaves-300000-internally-displaced.html">UN-Hochkommissars für Flüchtlinge</a> (UNHCR) in den Norden in die Hauptstadt Bischkek.</p>
<p style="text-align: justify">Die Flüchtlinge in Usbekistan standen schnell unter starkem Druck der usbekischen und kirgisischen Behörden, nach Osch und Dschalalal-Abad zurückzukehren. Am 23. Juni 2010 brachte UNHCR seine Besorgnis über die Situation zum Ausdruck. „<em>Rückführungen müssen geordnet, freiwillig und unter Bedingungen der Sicherheit und Würde durchgeführt werden. Wir fordern die Behörden auf, nicht gegen den Willen von Flüchtlingen und anderen Vertriebenen die Rückkehr zu fordern</em>“, sagte die Organisation. Trotz dieses Appells kehrte die Mehrheit der Flüchtlinge noch im selben Monat nach Kirgistan zurück. Viele wurden dann in Zelten untergebracht, die von Hilfsorganisationen in der Nähe ihrer zerstörten Häuser und Geschäfte zur Verfügung gestellt wurden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>9 Wer wurde verhaftet und verurteilt?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Nachdem am 20. Juni alle Barrikaden in der Stadt beseitigt waren, führten die kirgisischen Sicherheitskräfte sofort mehrere Operationen durch, um mutmaßliche Gewalttäter festzunehmen. Laut einem <a href="https://www.hrw.org/report/2011/06/08/distorted-justice/kyrgyzstans-flawed-investigations-and-trials-2010-violence">vernichtenden Bericht von HRW</a>, der im Juni 2011 veröffentlicht wurde, war die überwältigende Mehrheit der Verhafteten usbekischer Herkunft. „<em>Es gibt Grund zu der Annahme, dass die kirgisischen Behörden unverhältnismäßig gezielt gegen Usbeken vorgingen und vergleichsweise nachlässig dabei waren, kirgisische Verdächtige vor Gericht zu bringen</em>“, schrieb die NGO. Tatsächlich waren am 10. Dezember 2010 230 der 271 festgenommenen Verdächtigen Usbeken, also rund 85 Prozent. Auch 115 der 124 für Mord angeklagten Personen waren Usbeken.</p>
<p><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen wöchentlichen Newsletter <strong><span style="text-decoration: underline;"><a href="https://2ff41361.sibforms.com/serve/MUIFAD3kOVgHRZMEzVL0tQuvV__Lm5slYuTqY-DEgdyDpH9WazOpCwYD2CLbIZdPKxyD_Mnaw2SKMY78StG6vCfPNIE1HcIumNXgnjsKyqsb8MuZ5Ng1jN3cNsBhf4SSp2VDJAgy_38b6jiUL7aU6Y-RaIAVhUpNqW1tNwmWOB-8YcNp9LBWEk57rUlkszlx_tQ8qxYED63Sz6UU">mit einem Klick.</a></span></strong></span></p></p>
<p style="text-align: justify">Die kirgisischen Behörden haben daher sicherlich nur einen Bruchteil derer verhaftet, die für die Tötungen und Zerstörungen verantwortlich waren. Es wurde auch nie eine ernsthafte Untersuchung durchgeführt, um die wahren Täter und Provokateure zu identifizieren. Andererseits sind usbekische Verdächtige Opfer einer beträchtlichen Anzahl von Missbrauchsfällen geworden, die HRW dokumentiert hat. Nach Angaben der NGO haben die Fälle von willkürlichen Verhaftungen, Misshandlungen und Folter von Gefangenen durch Sicherheitskräfte nach Juni 2010 zugenommen. Das Justizsystem hat die Täter dieser zum Teil völkerrechtswidrigen Verbrechen nie strafrechtlich verfolgt.</p>
<p style="text-align: justify">Der Fall <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistan-lebenslange-freiheitsstrafe-fuer-menschenrechtler-askarow-bestaetigt/">Asimdschon Askarow</a> ist bezeichnend für die Unfähigkeit der kirgisischen Behörden, sich der Vergangenheit zu stellen und auch nachträglich für Gerechtigkeit zu sorgen. Der kirgistanische usbekische Journalist und Menschenrechtsaktivist, der die Beteiligung von Strafverfolgungsbeamten an der Gewalt dokumentierte, wurde am 15. Juni 2010 verhaftet. Nach einer Anklage wegen Anstiftung zum interethnischen Hass und Beihilfe zum Mord wurde er im September 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Prozess war durch zahlreiche Verletzungen der Rechte der Verteidigung gekennzeichnet, während Askarow die Sicherheitskräfte der Folter beschuldigte. <a href="https://www.amnesty.de/urgent-action/ua-135-2010-5/lebenlange-haft">Amnesty International</a> hat Askarow als „politischen Gefangenen“ bezeichnet. Nach zahlreichen gerichtlichen Wendungen <a href="https://www.azattyk.org/a/azimjan-askarov-sot-okum/30610350.html">bestätigte</a> der Oberste Gerichtshof Kirgisistans jedoch am 13. Mai dieses Jahres seine lebenslange Haftstrafe. Im Alter von 69 Jahren ist dieser gebrechliche alte Mann weißem Bart zum Symbol einer Vergangenheit geworden, die Kirgistan immer noch heimsucht.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Quentin Couvreur<br />
Journalist für Novastan</strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Französischen von der Redaktion</strong></p>
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