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	<title>Industriestadt Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Industriestadt Archives</title>
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		<title>Leben in der Monostadt</title>
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		<pubDate>Sun, 08 May 2022 16:50:17 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der Begriff &#x201E;Monostadt&#x201C; weckt immer die Assoziation mit etwas Depressivem. Tats&#xE4;chlich sind Monost&#xE4;dte aber multidimensionale und heterogene Organismen, die derzeit in den postsowjetischen L&#xE4;ndern einen sozialen und wirtschaftlichen Wandel durchmachen. Die Anthropologin Zarina Adambussinova untersucht seit mehreren Jahren Monost&#xE4;dte in Kasachstan und Kirgistan. Sie erz&#xE4;hlt davon, wie die einst k&#xFC;nstlich geschaffenen Projektst&#xE4;dte heute versuchen, sich [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Der Begriff „Monostadt“ weckt immer die Assoziation mit etwas Depressivem. Tatsächlich sind Monostädte aber multidimensionale und heterogene Organismen, die derzeit in den postsowjetischen Ländern einen sozialen und wirtschaftlichen Wandel durchmachen. Die Anthropologin Zarina Adambussinova untersucht seit mehreren Jahren Monostädte in Kasachstan und Kirgistan. Sie erzählt davon, wie die einst künstlich geschaffenen Projektstädte heute versuchen, sich an neue Realitäten anzupassen. Der folgende Artikel erschien am 26. April auf </strong><a href="https://vlast.kz/obsshestvo/49710-zit-v-mnogorode.html?fbclid=IwAR19TpK2UqyD5GvXrBu_HCEDuusG0RGhv6mDcsYH8fbzBYmsnUynyljVQBk"><strong>Vlast.</strong></a><strong> Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Monostadt ist eine Siedlung – ein Dorf oder eine Stadt –, die um ein Unternehmen oder eine Gruppe von in einer Produktionskette verbundenen Unternehmen herum gebildet wird. Der Begriff wird heute im öffentlichen und akademischen Diskurs in Kasachstan und Russland verwendet. In Kirgistan wird das bekanntere „PGT&#8220; (russisches Akronym für „Siedlung städtischen Typs“) verwendet – eine „kleine Stadt&#8220;, in der die Einwohner:innenzahl als Hauptkriterium für die Kategorisierung gilt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In Russland, woher der Begriff „Monostadt“ stammt, ist das grundlegende Kennzeichen, dass mindestens 25 Prozent der Bevölkerung in Unternehmen des gleichen Produktionszyklus arbeiten, in denen mindestens die Hälfte aller Produkte der Monostadt hergestellt werden. </p>


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<p class="wp-block-paragraph"> Im internationalen Kontext werden solche Siedlungen meist als „company town“ – also Firmenstadt – bezeichnet. Meistens werden sie von Unternehmen gebaut. In den USA, Lateinamerika, China und Europa gibt es eine Vielzahl von Firmenstädten, wie das Ruhrgebiet und ehemalige monoindustrielle Städte in den ostdeutschen Bundesländern. In den meisten Fällen sind solche „Projektstädte“ aus Arbeiter- und Geologensiedlungen, die aus mehreren Zelten oder Unterständen bestanden, zu Industriesiedlungen und Industriezentren gewachsen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Kasachstans staatlichem Programm für die Entwicklung von Monostädten (2012-2020) sind unter den 87 Städten des Landes, in denen heute 1,5 Millionen Menschen leben, 27 ehemalige und bestehende Monostädte. Die größte ist <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Temirtau">Temirtaý</a> mit einer Bevölkerung von 185.409 Einwohner:innen (2021), die kleinsten – mit einer ständig abnehmenden Bevölkerung – <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Serebrjansk">Serebrıansk</a> (8.429 Einwohner:innen) und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kurtschatow_(Kasachstan)">Kurchatov</a> (7.310). </p>



<p class="wp-block-paragraph">In Kirgistan sind Umfang und Anzahl der Monostädte viel geringer als in Kasachstan. Darüber hinaus werden solche Siedlungen auf dem Land häufiger als kleine Städte oder Siedlungen städtischen Typs mit einer Bevölkerung von weniger als 30.000 Einwohner:innen klassifiziert. In den meisten Fällen wurde die Produktion an solchen Orten mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vollständig eingestellt. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Delikatessen für die Peripherie</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Die Geschichte der Entstehung von Monostädten ist mit den Industrialisierungs- und Urbanisierungsprozessen in der Sowjetunion der 1950er und 1960er Jahren verbunden. Zu dieser Zeit war es bei der Erschließung bestimmter Lagerstätten notwendig, eine große Menge an Arbeitskräften einzusetzen. So entstanden Arbeiter:innensiedlungen für die Erschließung und den Betreib der verschiedenen Minerallagerstätten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Später wurde eine räumliche Trennung in Produktionsstätten und separate Wohngebiete vorgenommen. In vielen Fällen wurden die ersten Industrieanlagen von Kriegsgefangenen und Häftlingen gebaut. Später stieg die Bevölkerungszahl der Monostädte aufgrund groß angelegter Bauprojekte des Komsomol künstlich weiter. Zum Beispiel wurde nach diesem Schema 1964 <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schangatas">Jańatas</a> in Kasachstan gebaut (erhielt 1969 den Status einer Stadt). </p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Industrieansiedlungen entstanden in der Vorkriegszeit und wurden während des Krieges entwickelt. Grundsätzlich sprechen wir über Gebiete, die mit dem Uranabbau und dementsprechend mit speziellen militärstrategischen Projekten verbunden waren. Beispiele für solche geschlossenen Städte sind <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Kajy-Say">Kadschi-Saj</a>, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Ming-Kush">Min-Kusch</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mailuusuu">Mailuusuu</a> in Kirgistan, Kurchatov und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stepnogor">Stepnogor</a> in Kasachstan. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/was-aus-der-geschlossenen-stadt-zelinograd-25-wurde/">Was aus der geschlossenen Stadt Zelinograd-25 wurde </a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Meistens wurden Monostädte in der verkehrstechnischen und geografischen Peripherie einer bestimmten Sowjetrepublik gebaut. Heute verschärft diese Tatsache die sozioökonomische Situation einiger Monostädte weiter. Damals glaubte man, dass der Bau einer neuen Stadt billiger sei als die Verlagerung der Produktion in bestehende Industriezentren. Darüber hinaus entsprach es den ideologischen Leitlinien des Sowjetstaates, den Raum durch den Bau städtischer Siedlungen und die Entwicklung der Industrie zu entwickeln. So sollte am Aufbau des Sozialismus teilgenommen und eine starke sowjetische Identität in der städtischen Bevölkerung geformt werden. </p>



<figure class="wp-block-image aligncenter wp-image-29615"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="300" height="225" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/2f4ea0b18dc9bd293b6616195297dd77_900xauto-300x225.jpg" alt="" class="wp-image-29615" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/2f4ea0b18dc9bd293b6616195297dd77_900xauto-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/2f4ea0b18dc9bd293b6616195297dd77_900xauto-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/2f4ea0b18dc9bd293b6616195297dd77_900xauto-800x600.jpg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/2f4ea0b18dc9bd293b6616195297dd77_900xauto.jpg 900w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption class="wp-element-caption">Abraumhalden in Arqalyq, Oktober 2021</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"> In den modernen Monostädten Kasachstans und Kirgistans ist bei der erwachsenen Bevölkerung oft das Phänomen der postsowjetischen Nostalgie oder der „backward-looking nostalgia“ (so der Begriff des Anthropologen <a href="https://www.lse.ac.uk/anthropology/people/mathijs-pelkmans">Mathijs Pelkmans</a>) zu beobachten, wenn sich die Menschen mit einem Lächeln im Gesicht an die „besten Zeiten“ im Leben der Stadt erinnern und sie „Inseln des Paradieses und des Überflusses“ nennen. Die Bürger:innen vergleichen damals mit heute, wo sie mit Besorgnis und Sorge in die Zukunft blicken müssen. Dies gilt insbesondere für junge Menschen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/motanja-die-hauptsehenswuerdigkeit-von-stepnogor/">„Motanja“ – die Hauptsehenswürdigkeit von Stepnogor </a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist bemerkenswert, dass fast alle sowjetischen Monostädte in das zentralisierte Wirtschaftsplanungssystem einbezogen waren und direkt von Moskau unterstützt wurden. Laut den Einwohner:innen konnte man hier immer die seltensten Delikatessen und Waren finden. Die Städte waren vollständig mit der neuesten technischen, kommunalen und sozialen Infrastruktur ausgestattet, darunter Bildungs- und Kultureinrichtungen, Sanatorien und Pionierlager. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den wichtigsten Vorteilen des Lebens in einer Monostadt gehörten die Möglichkeiten auf eine eigene neue Wohnung, schneller Zugang zur für eine bestimmte Industrie erforderlichen Berufsqualifizierung sowie erhebliche Lohnerhöhungen. In Monostädten wurden in der Regel Fortbildungszentren und wissenschaftliche Labors errichtet. So übernahm der allgegenwärtige Sowjetstaat, geführt von der Partei, die Verantwortung für alle Bereiche des täglichen Lebens. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In den sowjetischen Monostädten war diese Abhängigkeit am deutlichsten spürbar. In einigen Fällen wurden sowjetische Monostädte zu regionalen Industrieclustern zusammengefasst. Dieses Phänomen ist am häufigsten in Russland zu finden, in Kasachstan sind ein markantes Beispiel die Monostädte im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ostkasachstan">Gebiet Ostkasachstan</a>, die sich auf die Gewinnung und Verarbeitung von Buntmetallen (Blei, Zink, Kupfer, Silber) konzentrieren. In Kirgistan gibt es eine konventionellere Unterteilung in nördliche (Buntmetalle, Gold) und südliche Regionen (Kohle, Quecksilber, Uran, Öl). </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Postsowjetische Monostädte</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Die moderne Monostadt im postsowjetischen Kontext ist ein komplexes und vielseitiges Phänomen. Von den frühen 1990er bis in die 2000er Jahre machten neoliberale Wirtschaftsreformen in den postsowjetischen Republiken einige der Monostädte zu wirtschaftlich und sozial vollkommen marginalisierten Gebieten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer Marktwirtschaft zeigen sich die besondere Anfälligkeit und mangelnde Widerstandsfähigkeit gegenüber verschiedenen Faktoren und externen Schocks der postsowjetischen Monostädte besonders deutlich. Die totale Abhängigkeit der Stadt und ihrer Einwohner:innen vom stadtbildenden Unternehmen führt zu einer Verschlechterung der sozioökonomischen Situation in der Monostadt und belastet so auch die Mehrheit ihrer Bevölkerung erheblich. Leider hat sich im postsowjetischen Raum bereits eine stabile öffentliche Meinung über Monostädte als Geisterstädte mit ihren eigenen Horrorgeschichten und Legenden gebildet. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Bild entstand in den 2000er Jahren als Folge einer Zeit völliger Stagnation und der Schließung und Privatisierung stadtbildender Unternehmen in den 90er Jahren. In anderen Regionen der Welt ist das Problem stagnierender Firmenstädte in der geografischen Peripherie durch ein postindustrielles Phänomen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gekennzeichnet, das als schrumpfende Stadt („Shrinking Cities“) bezeichnet wird. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/das-ist-termirtau-baby-13/">Das ist Termirtau, Baby (1/3) </a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute funktionieren solche Städte bereits voll und ganz als Objekte des Tourismussektors. Anders als in den meisten nordamerikanischen Geisterstädten, in denen Natur und materielle Dinge bereits vollständig herrschen, leben in den meisten aufgegebenen postsowjetischen Monostädten weiterhin Menschen oder besser gesagt: sie überleben. Einige Blogger:innen und Journalist:innen besuchen immer noch Städte mit einer einzigen Industrie auf der Suche nach einer ungewöhnlichen oder mystischen Geschichte. In vielen Fällen werden solche Orte mit völlig stereotypen und oberflächlichen Beschreibungen des Stadtlebens präsentiert, zugehörige Fotografien von verlassenen Wohnungen und ehemaligen Industriegebäuden tragen dazu bei, das postapokalyptische Bild dieser Orte aufrechtzuerhalten. </p>



<figure class="wp-block-image aligncenter wp-image-29616"><img decoding="async" width="300" height="225" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/46db7221d1cb20f06e1f956290873fdc_900xauto-300x225.jpg" alt="" class="wp-image-29616" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/46db7221d1cb20f06e1f956290873fdc_900xauto-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/46db7221d1cb20f06e1f956290873fdc_900xauto-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/46db7221d1cb20f06e1f956290873fdc_900xauto-800x600.jpg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/46db7221d1cb20f06e1f956290873fdc_900xauto.jpg 900w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption class="wp-element-caption">Industrieruine in Tasch-Kömür, Mai 2021</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"> Aber Monostädte in Kasachstan oder Kirgistan sind nicht immer deprimierende Orte. Üblicherweise können sie in drei Typen unterteilt werden. Die erste sind Kasachstans Monostädte mit einem relativ günstigen und komfortablen Umfeld zum Leben, in denen das stadtbildende Unternehmen weiterhin tätig ist. Solche Orte zeichnen sich durch eine teilweise entwickelte städtische Infrastruktur aus, und die Mehrheit der Bevölkerung verfügt über ein stabiles Einkommen. Zu dieser Gruppe zählen einige Monostädte in den Gebieten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qaraghandy_(Gebiet)">Qaraģandy</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qostanai_(Gebiet)">Qostanaı</a> und Ostkasachstan: Temirtaý, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Altai_(Kasachstan)">Altaı</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ridder">Ridder</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rudny">Rudny</a>. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/das-ist-temirtau-baby-23/">Das ist Temirtau, Baby! (2/3) </a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">In den 1990er Jahren befanden sich die Einwohner:innen aller Monostädte ständig in einem permanenten „Überlebensmodus“. Doch dort, wo die Produktion erhalten geblieben ist, hat sich auch ihr tägliches Leben verbessert. Einige Monostädte in Kasachstan und Kirgistan blicken auf einzigartige Erfolgsgeschichten, die erzählt werden müssen, um so das negative Image dieser Orte zu verändern. Zum Beispiel ein Café mit indischer Küche [in Temirtaý, Anm. d. Red.], die Marslandschaften der Industriehalden in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arqalyq">Arqalyq</a>, die Aktivitäten von Jugendhilfeorganisation, der Charme des Südufers des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Yssykköl">Yssyköl</a> in Kadschi-Saj, eine Bar in einer ehemaligen Mine und ein Park, der in <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Tash-Kömür">Tasch-Kömür</a> mit Geldern von Wanderarbeitern renoviert wurde. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das zweite Szenario ist eine Situation, in der ein Staatsunternehmen mehrmals privatisiert wurde und den Eigentümer wechselte. Hier wurde erst kürzlich damit begonnen, ein angenehmes Umfeld für die Bürger zu schaffen (zum Beispiel Jańatas in Kasachstan oder <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Orlowka_(Gebiet_Tschüi)">Orlowka</a> in Kirgistan). </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/das-ist-temirtau-baby-von-kalkutta-nach-kasachstan-33/"><strong>Das ist Temirtau, Baby! – Von Kalkutta nach Kasachstan (3/3) </strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die dritte Variante ist, wenn das stadtbildende Unternehmen vollständig aufgehört hat zu existieren. An solchen Orten blieben die Einwohner:innen ohne Löhne und das städtische Budget ohne Geld: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qaratau">Qarataý</a> und Arqalyq ​​in Kasachstan, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Ak-Tüz">Ak-Tüs</a>, Kadschi-Saj und Tasch-Kömür in Kirgistan. Die Bevölkerung geht solcher Orte geht dann vor allem zur Arbeitsmigration oder Schichtarbeit [auf Gas- und Ölfeldern, Anm. d. Red.] über: Kasachstaner:innen gehen in die westlichen Ölregionen (hauptsächlich nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqtau">Aqtaý</a>), in benachbarte Monostädte (zum Beispiel die Einwohner:innen von Arqalyq nach Rudny und jene von Altaı nach Ridder) oder in die Hauptstädte. Kirgis:innen gehen auch in die Hauptstadt oder andere große Städte (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Osch">Osch</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tokmok">Tokmok</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschalalabat">Dschalalabad</a>), aber am häufigsten nach Russland – nach Moskau und Sankt Petersburg. </p>



<figure class="wp-block-image aligncenter wp-image-29617"><img decoding="async" width="300" height="200" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/7792b4ff0c4ae3bed4cc550d60499beb_900xauto-300x200.jpg" alt="" class="wp-image-29617" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/7792b4ff0c4ae3bed4cc550d60499beb_900xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/7792b4ff0c4ae3bed4cc550d60499beb_900xauto-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/7792b4ff0c4ae3bed4cc550d60499beb_900xauto-128x86.jpg 128w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/7792b4ff0c4ae3bed4cc550d60499beb_900xauto.jpg 900w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption class="wp-element-caption">Industrieanlage in Ak-Tüs, Januar 2022</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">

Die meisten der verbleibenden Einwohner:innen praktizieren weiterhin informelle, oft illegale Wirtschaftspraktiken oder andere kollektiv entwickelte Mechanismen zur Bewältigung und gegenseitigen Unterstützung, die seit den 1990er Jahren existieren. Die Einwohner:innen von Monostädten leben in dichten Gemeinschaften und&nbsp; haben sich bereits daran gewöhnt, sich nur auf sich selbst und ihre individuellen oder kollektiven Verbindungen zu verlassen.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Deindustrialisierung und Arbeitslosigkeit </strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Aufgrund der geografischen Isolation, der Besonderheiten der Stadtstruktur und ihres physischen Raums sind postsowjetische Monostädte, in denen die Produktion teilweise oder vollständig eingestellt wurde, durch eine Reihe von Problemen gekennzeichnet. Hierzu zählen unter anderem Deindustrialisierung und Arbeitslosigkeit. In allen von mir untersuchten Monostädten ist die Arbeitslosigkeit dauerhaft und stagnierend. In modernen Monostädten in Kasachstan und Kirgistan arbeitet die Bevölkerung nicht mehr im stadtbildenden Unternehmen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">An Orten, an denen ein Staatsunternehmen weiterhin tätig ist, ist das Produktionsvolumen in der Regel unbedeutend, sodass es nicht in der Lage ist, die gesamte arbeitsfähige Bevölkerung mit Arbeit und entsprechendem Einkommen zu versorgen. Darüber hinaus wird heute der Produktionsprozess automatisiert und modernisiert, was zusätzliche Barrieren bei der Beschäftigung schafft. Anhaltende Arbeitslosigkeit in Monostädten kann die Marginalisierung der lokalen Bevölkerung erheblich verstärken und die Kriminalität erhöhen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/uberreste-der-sowjetischen-industrie-in-zentralasien/">Überreste der sowjetischen Industrie in Zentralasien </a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">In Monostädten, in denen die Produktion eingestellt wurde, sind für die verbliebenen Bürger:innen neben dem Staatsdienst die wesentlichen Verdienstmöglichkeiten das Kleingewerbe und der Handel. Handel war und ist die zweitbeliebteste Überlebensstrategie der lokalen Bevölkerung (nach der Migration). Er bringt heute jedoch kein stabiles Einkommen. Darüber hinaus sind die Möglichkeiten für Unternehmen in Monostädten meist begrenzt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielen Einwohner:innen fehlen nicht nur die Fähigkeiten und Kompetenzen, um langfristige Geschäftspläne zu entwickeln und Förderanträge zu schreiben, sondern es fehlt ihnen auch an Informationen über solche Möglichkeiten. Für die junge, erwerbsfähige Bevölkerung von Kasachstans Monostädten (zum Beispiel Jańatas und Arqalyq) wurde während einer Haushaltsbefragung eine große Anzahl junger Familien mit vielen Kindern identifiziert, deren Haupteinnahmequelle staatliche Zuschüsse sind. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Migration</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Wie bereits erwähnt, ist die (Arbeits-)Migration – sowohl im In- als auch ins Ausland – nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zur wichtigsten Überlebensstrategie der Bevölkerung von Monostädten geworden. In Kasachstan und Kirgistan waren die 1990er Jahre durch eine unkontrollierte und verbreitete Migration aus den Monostädten heraus gekennzeichnet, vor allem von Menschen, die über den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Komsomol" target="_blank" rel="noopener">Komsomol</a> oder das unionsweite Verteilungssystem dorthin gelangt waren. In Zeiten politischer und wirtschaftlicher Instabilität kehrten die Menschen in ihre historische Heimat zurück. So lebten beispielsweise 1989 in Jańatas 53.401 Menschen, während es 2016 noch 21.444 waren. Eine solche Dynamik kann in fast allen Monostädten in beiden Ländern beobachtet werden.

</p>


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<p class="wp-block-paragraph">

Heute nimmt die Bevölkerung von Monostädten in Kasachstan und Kirgistan jedoch wieder zu. Dies geschieht infolge der Binnenmigration – insbesondere der jungen Bevölkerung, die aus benachbarten Dörfern in die Städte zieht.

Dies weist darauf hin, dass Lebensqualität, Beschäftigungsmöglichkeiten und informelles Einkommen in Monostädten etwas höher sind als in den ländlichen Gebieten beider Länder. Außerdem ist für die arbeitsfähige Bevölkerung Kirgistans Arbeitsmigration sehr typisch und Männer arbeiten in [mehrwöchigen, Anm. d. Red.] Schichten. In vielen Fällen besteht die Bevölkerung von Monostädten aus Rentner:innen, Staatsangestellten und Kindern.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Deurbanisierung</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Der Prozess der Deurbanisierung steht in direktem Zusammenhang mit den beiden vorangegangenen Prozessen – Deindustrialisierung und Migration. Viele ehemalige Industrie- und Wohngebäude sind bis heute herrenlos. In Kasachstan wurden im Rahmen des staatlichen Programms die meisten dieser Gebäude abgerissen, zunächst verlassene Wohngebiete, die in den 1980er Jahren in separaten Mikrobezirken gebaut worden waren. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In den 2000er Jahren wurden in einigen Monostädten beider Länder leerstehende Gebäude von den Einwohner:innen selbst abgerissen, um das Baumaterial sekundär zu nutzen: für den Verkauf von Metall und Ziegeln, den Bau von Datschen oder Ställen für Vieh und Geflügel. In vielen Städten beider Länder findet man noch leere Gebäude und verschlissene Technik- und Kommunikationsnetze, aber nur sehr selten gepflegte öffentliche Plätze oder hochwertige Spielplätze. Außerdem gibt es in allen von mir untersuchten Monostädten nicht genügend Orte der Erholung, Unterhaltung und Kommunikation für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:<a href="https://novastan.org/de/kasachstan/janatas-eine-reportage-ueber-eine-kleine-stadt-im-sueden-kasachstans-und-seine-einwohnerinnen/">Jańatas – eine Reportage über eine kleine Stadt im Süden Kasachstans und seine EinwohnerInnen </a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Insbesondere in Kasachstan sind in den meisten Fällen Toı [große Feiern wie Hochzeiten, Anm. d. Red.] und zu Hause ausgerichtete <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Beschbarmak">Beshbarmaq</a>&#8211; oder Schlachtfeste die einzige Option für lokale Freizeitaktivitäten. Wie einer der älteren Bewohner von Jańatas treffend feststellte, ist heute in der Monostadt das Toıhana [Lokal für Toı, Anm. d. Red.] beliebter geworden als das Oıhana – „oı“ bedeutet auf Kasachisch „Gedanke“. An solchen Orten werden Feiern zu verschiedenen Anlässen organisiert. Im Herbst finden sie in der Regel jede Woche unter Beteiligung sowohl der älteren als auch der jüngeren Bevölkerung statt. Das Durchführen von Toı ist nicht nur ein funktionierendes und ertragreiches Geschäft […], sondern es geht auch um Sozialisierung, Kommunikation und Vernetzung. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Probleme für Gesundheit und Umwelt</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Bei der Durchführung von Sozialerhebungen in 150 Haushalten in Arqalyq, Jańatas und Tasch-Kömür stießen wir häufig auf die gleichen Beschwerden und Symptome bei den Bürger:innen. Ein weiteres Problem ist die Ignoranz und passive Haltung gegenüber der eigenen Gesundheit. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/das-erbe-von-taboschar-ueber-den-uranabbau-in-tadschikistan-und-seine-folgen/">Das Erbe von Taboschar – Über den Uranabbau in Tadschikistan und seine Folgen </a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Einwohner:innen von Monostädten denken oft nicht die Schädigung der Gesundheit, die durch die Produktion, die Sicherheitsbedingungen im Unternehmen, die  Gefahren des handwerklichen Bergbaus („artisanal mining“ – zum Beispiel illegaler Kohle- und Goldabbau in Kirgistan) oder die Nähe von radioaktiven Abraumhalden und anderen Industrieabfällen verursacht wird. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>„Uns braucht niemand“</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Die moderne Monostadt in Kasachstan und Kirgistan befindet sich in einem langwierigen Wandel: von einem Symbol der sowjetischen Moderne im 20. Jahrhundert zu einer modernen Stadt mit einer beeindruckenden Liste an Potenzialen und aktuellen Herausforderungen. Solche Orte erfordern heute die Aufmerksamkeit verschiedener Stakeholder – derjenigen, die das Recht haben, Einfluss zu nehmen und wichtige Entscheidungen zu treffen. „Sie haben uns vergessen“, „Uns braucht niemand“ – im Grunde fasst dies die Einstellung der Einwohner:innen zu sich selbst und zur Staatsmacht zusammen.

</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" width="300" height="200" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/16509482249oywv_1600x900-300x200.jpg" alt="" class="wp-image-29618" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/16509482249oywv_1600x900-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/16509482249oywv_1600x900-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/16509482249oywv_1600x900-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/16509482249oywv_1600x900-128x86.jpg 128w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/05/16509482249oywv_1600x900.jpg 1152w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"> Leben in der Monostadt – das bedeutet heute zu leben und „den Moment nicht zu verpassen“. Dazu drängt die totale Abhängigkeit vom Staatshaushalt, dem stadtbildenden Betrieb, dem Oberzentrum und dem Wetter. Leben in der Monostadt – das bedeutet Schulden aufzunehmen und Lebensmittel und Kleidung „anschreiben“ zu lassen. Leben in der Monostadt – das bedeutet Schicht- und Saisonarbeit, Toı am Wochenende und mehrstündige Fahrten mit dem Sammeltaxi der Bahn zu Einkaufszentren in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taras_(Kasachstan)">Taras</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schymkent">Shymkent</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qostanai">Qostanaı</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Öskemen">Óskemen</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qaraghandy">Qaraģandy</a> und anderen Großstädten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Leben in der Monostadt – das bedeutet mehr oder weniger überleben und so gut wie nie eine entwickelte Infrastruktur benutzen. Leben in der Monostadt – das bedeutet, sich nicht sicher zu fühlen und nicht zu wissen, was gute Straßen und Verkehrsmittel, kleine architektonische Formen, gepflegte Rasenflächen, Bänke oder schöne Bürgersteige sind. Leben in der Monostadt – dabei geht es nicht nur um das Leben in den Regionen, sondern auch darum, wie die junge Generation unter solchen Bedingungen lebt und sich entwickelt. Und darum, wie morgen die Jugend von heute aus der Monostadt in die Haupt- oder Großstadt kommt. <em>Weitere Bilder findet ihr im <a href="https://vlast.kz/obsshestvo/49710-zit-v-mnogorode.html?fbclid=IwAR19TpK2UqyD5GvXrBu_HCEDuusG0RGhv6mDcsYH8fbzBYmsnUynyljVQBk">Originalartikel</a>.</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Zarina Adambussinova für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://vlast.kz/obsshestvo/49710-zit-v-mnogorode.html?fbclid=IwAR19TpK2UqyD5GvXrBu_HCEDuusG0RGhv6mDcsYH8fbzBYmsnUynyljVQBk"><strong>Russiscrobihen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong> </p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p></p>
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		<title>Angren – Porträt einer der ältesten Industriestädte Usbekistans</title>
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		<dc:creator><![CDATA[esaudkasova]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Dec 2018 09:05:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
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		<category><![CDATA[Industrie]]></category>
		<category><![CDATA[Industriestadt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Usbekistan &#x2013; das ist nicht nur Taschkent, Samarkand und Buchara. Dutzende von Arbeiterst&#xE4;dten und Gemeinden, in denen Millionen von Menschen leben, sind im ganzen Land verstreut. Das Nachrichtenportal Citizen stellt einige der Industriezentren des Landes in einer Artikelreihe vor. Das folgende Portr&#xE4;t von Angren &#xFC;bersetzen wir mir freundlicher Genehmigung der Redaktion. Vor 80 Jahren fanden [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="mceTemp"><strong>Usbekistan – das ist nicht nur Taschkent, Samarkand und Buchara. Dutzende von Arbeiterstädten und Gemeinden, in denen Millionen von Menschen leben, sind im ganzen Land verstreut. Das Nachrichtenportal <a href="https://ctzn.uz/article/jizn-za-tashkentom-angren">Citizen</a> stellt einige der Industriezentren des Landes in einer Artikelreihe vor. Das folgende Porträt von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Angren_(Usbekistan)">Angren</a> übersetzen wir mir freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></div>
<p style="text-align: justify">Vor 80 Jahren fanden Geologen nicht weit von Taschkent die größte Braunkohlenlagerstätte in Zentralasien. Am 29. September 1940 begann man diese Lagerstätte zu entwickeln: Man gründete die Siedlung Angrenschachtstroj, als Zentrum der Siedlung wurde das Dorf Teschik-Tasch &#8211; &#8222;Löcheriger Stein&#8220; ausgewählt. Bergleute wurden geschickt, um die Kohle abzubauen. Es stellte sich heraus, dass der Ort nicht nur an Kohle reich war: man fand Gold, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kaolin">Kaolin</a> und einige andere Mineralien. Die Anzahl der Gruben nahm zu.</p>
<p style="text-align: justify">Anfangs arbeiteten nur etwa 300 Menschen an der Lagerstätte. Aber viele konnten den verlockenden Vorteilen einfach nicht widerstehen und so zogen auch ihre Familien nach Angrenschachtstroj. Die Arbeiter erhielten Gehaltszulagen, Wohnungen, eine zusätzliche Ration, Versorgung mit Mangelwaren. Diese Praxis galt in allen ähnlichen Städten der ehemaligen Sowjetunion: Die Regierung ermutigte die Menschen, in sich entwickelnde Regionen zu ziehen um dorthin Fachleute anzulocken. Die gewöhnliche Arbeitersiedlung wuchs so stark, dass sie ab dem 13. Juni 1946 offiziell zur Stadt wurde.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-15824" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/Unbenannt.png" alt="" width="1300" height="728" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/Unbenannt.png 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/Unbenannt-300x168.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/Unbenannt-768x430.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/Unbenannt-1024x573.png 1024w" sizes="auto, (max-width: 1300px) 100vw, 1300px" /></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ein Industriezentrum entsteht</strong></p>
<p style="text-align: justify">Im Laufe der Zeit wurde Angren zu einem Transitpunkt zwischen dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ferghanatal">Fergana-Tal</a> und dem Rest Usbekistans. Es gab einfach keine anderen Routen, denn zu beiden Seiten liegen hohe Gebirgsketten. Die Stadt liegt in der Nähe eines Flusses und darum entstanden viele Unternehmen der Schwerindustrie, unter anderem Buntmetallwerke, Goldabbau und eine Rohrwalzanlage. Heute arbeiten viele von ihnen immer noch, wenn auch nicht in solchen Mengen wie zuvor.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/termez-die-stadt-die-vom-krieg-und-von-der-grenze-lebt/">Termez – die Stadt, die vom Krieg und von der Grenze lebt</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Viele träumten davon, nach Angren zu gehen. Spezialisten aus verschiedenen Berufen kamen aus der ganzen Sowjetunion und alle waren gefragt: Lehrer, Ärzte, Chemiker, Geologen, Metallurgen, Erdölarbeiter &#8211; jeder hatte einen Job. Die Stadt wurde nach dem typischen Bauplan für Industriestädte gebaut: gleiche Häuser, gerade Straßen, Unterteilung in Mikroviertel.</p>
<p style="text-align: justify">Einen privaten Innenhof in der Stadt zu finden, ist eine Seltenheit. Es gibt nur Plattenhochhäuser. Öffentlicher Nahverkehr wurde eingerichtet, es gab mehrere Busse. Ihre Routen führten alle durch die Stadt zu Industrieunternehmen. Ein Märchen für die Arbeiter.</p>
<p><figure id="attachment_15825" aria-describedby="caption-attachment-15825" style="width: 1033px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-15825" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/2.png" alt="" width="1033" height="624" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/2.png 1033w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/2-300x181.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/2-768x464.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/2-1024x619.png 1024w" sizes="auto, (max-width: 1033px) 100vw, 1033px" /><figcaption id="caption-attachment-15825" class="wp-caption-text">Kohlengrube in Angren</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie ist die Stadt heute?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Kohlengrube, aus der man 96-98 Prozent der Braunkohle des Landes abbaute, ist immer noch in Betrieb. Sie verfügt über alte Geräte, Bagger und Förderbänder: alles, was noch aus der Sowjetzeit blieb. Obwohl in den Jahren 2002-2003 deutsche Ausrüstung hierher hingebracht wurde, war diese jedoch allmählich kaputt, als die Garantiezeit endete. Teure Ersatzteile und die Kosten für Dienstleistungen von ausländischen Experten – das sind die Gründe, warum dieser Komplex heute fast nicht mehr funktioniert.</p>
<p style="text-align: justify">Gold wird in Angren heute immer noch abgebaut. Niemand nennt genaue Mengen, aber das Unternehmen ist in Betrieb. Allerdings gehört zurzeit ein Teil des Territoriums dem Werk „Angren Kuvur Zavodi“, das Kupferrohre produziert.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/das-ist-termirtau-baby-13/">Das ist Termirtau, Baby</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Zwei alte Unternehmen arbeiten weiterhin in der Stadt: &#8222;Radiergummi&#8220; („Rezinka“) und &#8222;Kartonka&#8220;, wie die alten Leute für gewöhnlich sie nennen. Dies sind das Werk für Gummiwaren und Angren PACK, ein Hersteller von Kartons und Verpackungen. Vor kurzem erschien in der Stadt das neue Unternehmen National Ceramics. Die chemisch-metallurgische Anlage produziert elektrische Kabel.</p>
<p style="text-align: justify">In Angren gibt es die einzige Gasproduktionsstation des Landes, die die Methode der unterirdischen Pyrolyse von Kohle einsetzt. Die Unternehmen arbeiten, aber das Produktionsvolumen ist gering. Immer mehr Arbeitsräume werden vermietet oder sie werden für die Herstellung anderer Produkte benutzt, beispielsweise von Energiesparlampen. Gehaltsverzögerungen, alte Geräte und leere Werkstätten deuten darauf hin, dass die Produktion kaum die Kosten deckt.</p>
<p><figure id="attachment_15826" aria-describedby="caption-attachment-15826" style="width: 1300px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-15826" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/6.png" alt="" width="1300" height="867" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/6.png 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/6-300x200.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/6-768x512.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/6-1024x683.png 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/6-128x86.png 128w" sizes="auto, (max-width: 1300px) 100vw, 1300px" /><figcaption id="caption-attachment-15826" class="wp-caption-text">Ruinen in Angren</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie leben die Menschen?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Dies ist wohl der schwierigste Teil der Geschichte. Die Bevölkerung wuchs von 300 Bergmännern auf fast 180.000 Menschen. Am Eingang der Stadt steht eine Stele mit der Aufschrift &#8222;Angren&#8220;, die manchmal bemalt wird. Dahinter funkelt ein neues Bankgebäude vor dem Hintergrund der wackligen Zäune des Privatsektors. Dies ist die Vorstadt. Der Bahnhof liegt an der Hauptstraße. Vor kurzem begann man ihn zu renovieren.</p>
<p style="text-align: justify">Die Wohngebiete sind eine Art Zeitmaschine, die irgendwo in den 70ern steckengeblieben ist. Die Geschichte der Stadt erstarrte in den kaputten Straßen, die die Mikrodistrikte trennten. Verlassene neunstöckige Häuser fallen überall auf. In diesen Häusern gibt es keine Fenster, Türen, Kabel. Die Einheimischen stahlen alles in der Hoffnung, es an jemanden verkaufen und Geld verdienen zu können.</p>
<p style="text-align: justify">Der geschäftigste Ort der Stadt ist der Basar. Er wird renoviert und bald entsteht in der Stadt ein neuer Markt. Trotz der Tatsache, dass es immer noch Industrieunternehmen in der Stadt gibt, ist die Arbeitslosenquote sehr hoch. Das Durchschnittsalter der Stadtbevölkerung erhöht sich jedes Jahr, viele Menschen wollen die Stadt verlassen. Dafür kommen Menschen aus den Nachbardörfern an den verlassenen Orten an und füllen somit die Bevölkerung ein wenig auf.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/was-aus-der-geschlossenen-stadt-zelinograd-25-wurde/">Was aus der geschlossenen Stadt Zelinograd-25 wurde</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Diejenigen, die jetzt in der Nähe von der Kohlengrube leben, hatten etwas mehr Glück als die übrigen. Sie sammeln Kohle, die von den Güterwagons fällt, und verkaufen sie an der Autobahn. Natürlich gibt es Arbeit in der Stadt, aber nicht genügend. Wie die Einheimischen sagen, nimmt die Kriminalitätsrate in der Stadt wegen der Arbeitslosigkeit zu.</p>
<p style="text-align: justify">In Angren gibt es ein Denkmal für die Teilnehmer am Krieg in Afghanistan. Einmal im Jahr, am Tag des Abzugs sowjetischer Truppen aus Afghanistan, versammeln sich dort die Veteranen: sechs Menschen.</p>
<p style="text-align: justify">In der Nähe befindet sich im ersten Stock eines Wohngebäudes die Notaufnahme der Stadt. Die Stadtverwaltung ließ sich gegenüber dem Bahnhof nieder. Und ringsumher liegen die verlassenen Wohnungen oder ganze mehrstöckige Gebäude, in denen einst jemand lebte.</p>
<p style="text-align: justify">Gelegentlich gehen unter den Einwohnern Gerüchte herum, dass eine man vorhabe, die Route der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Seidenstra%C3%9Fe">Großen Seidenstraße</a> wiederzubeleben und in Angren ein Handelszentrum zwischen der Hauptstadt und dem Fergana-Tal aufzubauen. Die Menschen sind begeistert, hoffen dass neue Verkaufsstellen entstehen und mehr Touristen kommen. Dann, so sagt man, werden die Kosten für Wohnungen steigen und man kann sie verkaufen und die Stadt verlassen.</p>
<p><figure id="attachment_15829" aria-describedby="caption-attachment-15829" style="width: 1300px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-15829" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/bank.png" alt="" width="1300" height="833" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/bank.png 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/bank-300x192.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/bank-768x492.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/12/bank-1024x656.png 1024w" sizes="auto, (max-width: 1300px) 100vw, 1300px" /><figcaption id="caption-attachment-15829" class="wp-caption-text">Bank in Angren</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Hat die Stadt eine Chance?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Im Jahr 2012 erschien auf Verordnung des Präsidenten die Freihandelszone „Angren“. Es war geplant, dass Vorzugsrechte ausländische Investoren hierher anziehen werden, was neue Arbeitsplätze und die Industrieentwicklung sichern sollte.</p>
<p style="text-align: justify">Es stellte sich jedoch heraus, dass moderne Technologien im zunehmenden Maße in die Automatisierung übergehen, die den Eingriff des Menschen in den Arbeitsprozess reduziert. Auch wenn neue Arbeitsplätze entstanden sind, sind es nicht viel. Der größte Teil der arbeitenden Bevölkerung der Stadt hat das gleiche Ziel – die Stadt zu verlassen.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Grigorij Kravets auf <a href="https://ctzn.uz/article/jizn-za-tashkentom-angren">Citizen</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Esmira Saudkasowa</strong></p>
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