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	<title>Dekolonialität Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
	<lastBuildDate>Thu, 14 Mar 2024 11:13:03 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Dekolonialität Archives</title>
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		<title>„Wir kennen nur die männliche Seite unserer Familiengeschichte“: Terek Story arbeitet die weibliche Geschichte Kasachstans auf</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Vlast]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 Mar 2024 11:13:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Dekolonialität]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>&#x201E;Die Geschichte meiner Vorfahren ist meine Geschichte&#x201C;. Dies ist der Standpunkt des Teams der Initiative Terek Story, das die Geschichte Kasachstans durch die Geschichten seiner Einwohner:innen beleuchten will. Vlast sprach mit dem Projektteam &#xFC;ber einen neuen Blick auf die Vergangenheit, die Ethnografie der Familien und den Wunsch, eine geografische digitale Karte der Familienerinnerungen zu erstellen.&#xA0; [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>„Die Geschichte meiner Vorfahren ist meine Geschichte“</em>. Dies ist der Standpunkt des Teams der Initiative <a href="https://www.instagram.com/terekstory/">Terek Story</a>, das die Geschichte Kasachstans durch die Geschichten seiner Einwohner:innen beleuchten will. Vlast sprach mit dem Projektteam über einen neuen Blick auf die Vergangenheit, die Ethnografie der Familien und den Wunsch, eine geografische digitale Karte der Familienerinnerungen zu erstellen</strong>.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Terek Story wurde im Mai letzten Jahres mit <a href="https://www.aulinspired.org/">Aul Inspired</a> und dem <a href="https://ru.policysolutions.kz/">Zentrum für politische Lösungen</a> als Partner ins Leben gerufen. Während der dreimonatigen Pilotphase des Projekts wurden 26 Geschichten aus verschiedenen Teilen Kasachstans gesammelt. Das Team besteht nun aus 11 Personen. Während der Pilotphase wurden Workshops abgehalten und mehrere Podcast-Episoden zum Thema Familienethnographie produziert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Seit meiner Kindheit interessiere ich mich für Geschichte, weshalb ich das Fach auch an der Universität studiert habe. Viele Menschen denken, dass Geschichte eintönig und langweilig ist und keinen Einfluss auf uns hat. Aber in Wirklichkeit ist die Geschichte unsere Vergangenheit, die Vergangenheit unserer Familie“</em>, sagt Gulnaz Tulenova, die Projektleiterin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Terek Story sammelt Geschichten auf zwei Arten: Es gibt eine Instagram-Seite, auf der jeder die Geschichte seiner Familie teilen kann, indem er das Projektteam kontaktiert. Man kann dort auch selbst einen Beitrag in den sozialen Medien verfassen und einen speziellen Hashtag hinzufügen. Die Projektseite enthält Leitfragen wie: <em>„Bist du gerne zur Schule gegangen?“, „Hattest du Geheimnisse vor deinen Eltern?“, „Wie war deine Kindheit?“, „Wann und wo hast du deine erste Liebe kennengelernt?“</em> und so weiter. Die zweite Möglichkeit, Geschichten zu sammeln, sind Live-Interviews.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Identitätsfindung durch das Studium der sieben Familienstämme</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Tulenova zeichnet derzeit die Geschichte ihrer Großmutter mütterlicherseits auf, da sie andere Verwandte der älteren Generation nicht erreicht hat. Sie glaubt, dass dies dazu beitragen wird, die Geschichte aus einer neuen Perspektive zu betrachten. <em>„Meine Großmutter wurde zum Beispiel während des </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hungersnot"><em>Ascharschylyk</em></a><em> (Hungersnot,</em> <em>Anm. d. Red.) mit zwei Kindern allein gelassen, aber trotz der Schwierigkeiten kehrte sie zu ihren Verwandten zurück. Der Ascharschylyk hatte direkte Auswirkungen auf meine Familie. Vor nicht allzu langer Zeit erfuhren wir, dass mein Urgroßvater während der </em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Battle_of_A%C3%B1yraqai"><em>Schlacht von Anrakai</em></a><em> (Dezember 1729&nbsp; – Januar 1730, Anm. d. Red.) nach </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taras_(Kasachstan)"><em>Taraz</em></a><em> gezogen war. Jetzt ist die Schlacht von Anrakai für mich kein entferntes Ereignis mehr, sondern eine Geschichte, die meine Familie betrifft“</em>, sagte sie. &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tulenova meint, dass die Geschichte Kasachstans stark verzerrt ist und viele Lücken aufweist. Sie möchte, dass Terek Story eine Plattform ist, auf der die Menschen ihre Version der Geschichte erzählen können. <em>„Es gibt so viele unterrepräsentierte Teile der Geschichte. Schließlich hat jede Familie, jedes Familienmitglied seine eigene Stimme, Meinung und Geschichte“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie ist der Auffassung, dass die Kenntnis der Geschichte der eigenen Vorfahren viele Fragen zur Identität beantworten kann: <em>„Einige ältere Familienmitglieder leben auf dem Land, während ihre Kinder und Enkel in der Stadt leben. Dann fangen sie an, sich die Frage zu stellen: ‚Wer bin ich?‘ Und die Antwort findet man im Prozess des Nachdenkens, genauer gesagt, im Studium der sieben Familienstämme“</em>.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Erzählte Familiengeschichten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich wurde von meiner Oma aufgezogen“</em>, so beginnt Jandos Aktaevs Geschichte über seine Großmutter Yrysaldy. Ihr Name bedeutet <em>„Vorbote des Glücks“</em> auf Kasachisch. Sie wurde 1926 im Dorf <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schijeli">Schieli</a> in der Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qostanai_(Gebiet)">Qostanai</a> geboren. Sie überlebte Hungersnot, Krieg, den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Unabhängigkeit des Landes.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Bedingungen, unter denen sie aufwuchs, förderten in ihr die Toleranz gegenüber anderen. Damals kämpften alle ethnischen Gruppen gemeinsam gegen den Hunger und unterstützten sich gegenseitig, das brachte alle zusammen“</em>. Er beschrieb, wie seine Großmutter nicht nur kasachische Nationalgerichte, sondern auch kaukasische (tschetschenische) Galuschki, Kholodets und andere Gerichte kochte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wegen des Krieges erhielt Yrysaldy keine Schulbildung, aber sie unterstützte stets das Streben ihrer Kinder und Enkel danach.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Meine Oma sagte immer, dass nur ehrliche Arbeit und familiäre Werte uns stärker und glücklicher machen können. Sie ist im Februar 2023 im Alter von 97 Jahren von uns gegangen. Obwohl sie nicht mehr unter uns weilt, wird die Weisheit, die sie uns vermittelt hat, immer in meinem Herzen weiterleben. Wir werden sie als eine starke und freundliche Frau in Erinnerung behalten, die die besten Eigenschaften der kasachischen Kultur und Traditionen verkörperte“</em>, meint Aktaev.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer anderen Geschichte, die das Team von Terek Story gesammelt hat, erinnert sich der 1942 während des Zweiten Weltkriegs geborene Ryskeldi Jaqaschūly an seine Jugend und daran, wie seine Eltern zwei Töchter und vier Jungen großzogen. Sie lebten im Dorf Taldy, dann im Dorf Boleksaz, Bezirk <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kegen">Kegen</a>, Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty</a>. Als sein Vater Jaqasch an die Front geschickt wurde, war seine Mutter Abzel schwanger. Daher erhielt der Sohn den Namen Ryskeldi <em>„yrys keldi“</em>, was auf Kasachisch <em>„Erfolg“</em> bedeutet. Sein Vater kehrte jedoch nie aus dem Krieg zurück. Seine Mutter Abzel arbeitete anschließend als Melkerin auf dem staatlichen Bauernhof.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von Kindheit an interessierte sich Ryskeldi Jaqaschūly für das Tischlerhandwerk. Er begann mit dem Basteln von alten Brettern in der Scheune, und in fortgeschrittenem Alter schuf er Gegenstände, die für das tägliche Leben notwendig waren.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Ryskeldi erzählt, dass er schon in jungen Jahren zu arbeiten begann, aber trotzdem Zeit für verschiedene Spiele fand. Die Kinder nahmen zum Beispiel einen Stein, wickelten ihn in Kuhfell und formten so einen Ball. <em>„Und wenn es im Dorf einen Feiertag gab, dann durfte der </em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Aytysh"><em>Aıtysch</em></a><em>-Wettbewerb nicht fehlen</em><em>. Der Filz der Jurte wurde in eine Bühne verwandelt. Auch damals spielten die jungen Leute das Spiel Aksuiek (mit Kuhknochen, Anm. d. Red.)“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem er eine vierjährige Schule in Taldy besucht hatte, setzte er seine Ausbildung im Kegen fort. Und nach der 8. Klasse lernte er im Dorf <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%96%D0%B0%D0%BB%D0%B0%D0%B3%D0%B0%D1%88">Zhalagasсh</a> den Beruf des Kraftfahrers. Anschließend diente er in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wladiwostok">Wladiwostok</a> in der Turbinenbranche.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Eines Tages begaben wir uns mit einer Mannschaft auf eine lange Reise in den Pazifik, um verschiedene Aufgaben zu erfüllen. Wir überquerten den Äquator und gelangen am Ufer in Indonesien“</em>, erzählt Jaqaschūly. Nach der Demobilisierung arbeitete er als Bergarbeiter in einem Bergwerk im Dorf Tūıyq. Dort wurden Zink und Blei abgebaut und zur Weiterverarbeitung in der Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tekeli">Tekeli</a> in die Blei-Zink-Anlage geschickt. Danach arbeitete er als Kranführer und heiratete.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Weibliche Perspektive auf Geschichte und Dekolonialität</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Projektleiterin Tulenova ist der Meinung, dass die Schezhire, eine Ahnentafel der Generationen, über Männer aus der Perspektive von Angehörigen des gleichen Geschlechts geschrieben wird. Frauen kämen darin nicht vor: <em>„Wir sollten die Verdienste der Frauen nicht ausklammern“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Elmira Kakabaeva, Schriftstellerin und Autorin des [russischsprachigen, Anm. d. Red.] Online-Kurses <em>„</em><a href="https://writelikeagrrrl.ru/semeynaya-etnografiya"><em>Familienethnographie oder wie man sein Schreiben entkolonialisiert</em></a><em>“</em>, die die Initiativgruppe des Projekts berätteilt diese Ansicht. Mit einer weiblichen Perspektive, sagt sie, wird es möglich sein, mehr über die weibliche Seite der Geschichte zu erfahren.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Mir wurde immer gesagt, dass ich die sieben Stämme meiner Familie kennen sollte. Dann wurde mir klar, dass wir nur die männliche Seite unserer Familiengeschichte kennen. Aber Frauen leben dieses Leben genauso, und sie haben oft sogar ein komplizierteres Leben“</em>, so die Schriftstellerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihrer Meinung nach ist die Welt der Frauen in manchen Kulturen verschlossener. Wenn sich beispielsweise Anthropolog:innen für eine Forschungstätigkeit entscheiden, steht ihnen die weibliche Welt mehr offen als den Männern. Deshalb bietet Kakabaeva einen Kurs nur für Frauen an, in dem sie über ihre Großmütter sprechen und nachdenken können.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/dekolonial-queer-feministisch-zentralasiatischer-kurzfilm-beim-goeast-filmfestival-2023/">Dekolonial, queer, feministisch – zentralasiatischer Kurzfilm beim goEast Filmfestival 2023</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Tulenova ist der Meinung, dass Frauen die Träger:innen von Geschichten sind – sie lesen ihren Kindern und Enkeln Geschichten vor, und wenn diese heranwachsen, erzählen sie die Neuigkeiten, die in ihrem Stammbaum geschehen sind. Deshalb sei es wichtig, den weiblichen Teil der Geschichte zu zeigen. <em>„In unserem Projekt Terek Story wurden viele Geschichten von Frauen übernommen. Das sollte die Norm sein“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kakabaeva begann nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine, über Familiengeschichte nachzudenken. Daraufhin begann sie wieder, einen Text zu schreiben, in dem sie über ihre Verbindung zu ihren Vorfahren nachdenkt. Das war der Beginn ihres Schreibkurses <em>„Ich begann zu reflektieren und erkannte, dass meine Vorfahren ein sehr erfülltes Leben führten. Das 20. Jahrhundert hatte gerade begonnen, eine Zeit großer Veränderungen. Und plötzlich wurde mir klar, dass ihr Leben mein Geschichtslehrbuch ist. Alles, was wir in der Schule gelernt haben, ist an uns vorbeigeflogen. Wir haben einige Daten auswendig gelernt, um unsere Prüfungen zu bestehen. Aber nach einer Weile vergisst man alles. Und dann schaut man sich das Leben seiner Verwandten, seiner Großeltern an, die dieses Leben gelebt haben, und plötzlich wird es so greifbar, dass man wirklich ein Produkt dieses historischen Prozesses wird“</em>, sagte sie.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Ein Archiv mündlicher Überlieferungen ist für die Wissenschaft stets von Nutzen“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Kakabaeva glaubt, dass man etwas Neues lernen kann, wenn man sich mit der Geschichte einer Familie beschäftigt. Und das wiederum führt zum Begriff der Dekolonialität. <em>„Man kann herausfinden, warum das Leben so und nicht anders verlaufen ist. Das Interessanteste ist, dass wir die Lebensentscheidungen unserer Vorfahren verstehen können“</em>, meint sie. Bei der Dekolonialität geht es auch darum, etwas zu kritisieren, das in einem festgefahrenen Konstrukt existiert, um ihm Einhalt zu gebieten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kakabaeva ist überzeugt, dass das Projekt zur Bewahrung der Erinnerungen beitragen wird<em>. „In Kirgistan gibt es zum Beispiel das </em><a href="https://ru.esimde.org/"><em>Esimde</em></a><em>-Projekt, bei dem ein Team von Forscher:innen mündliche Überlieferungen zu verschiedenen historischen Themen sammelt. Sie reisen in Dörfer, Städte und Gemeinden und führen dort Interviews durch. Ein Archiv mündlicher Überlieferungen ist für die Wissenschaft stets von Nutzen“</em>, so die Schriftstellerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Projektleiterin Gulnaz Tulenova wiederum stellt fest, dass Terek Story in die gleiche Richtung geht. Sobald genügend Geschichten gesammelt sind, werden sie nach Jahr und Inhalt in Gruppen eingeteilt. <em>„Dann können wir Forscher:innen ansprechen, die in Zukunft Materialien nach Themen finden und dann Analysen für ihre eigene Forschung durchführen können“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Projekt wird auf Kasachisch durchgeführt, und die Geschichten werden anschließend ins Russische und Englische übersetzt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Förderung der Kommunikation zwischen Generationen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wort <em>„Terek“</em> bedeutet auf Kasachisch <em>„Pappel“</em>. Aliia Şaıhina, Koordinatorin des Sozialprojekts Aul Inspired, hatte die Idee für den Namen des Projekts. Laut Tulenova wird dieser Baum in Dörfer in einer Reihe gepflanzt, manchmal anstelle eines Zauns. <em>„Mein Großvater hat seinen Kindern einmal ein paar Nachbarhäuser gekauft. Ihre Häuser sind mit Pappeln umzäunt. ‚Terek‘ bedeutet eigentlich Umfriedung, Familienbaum“</em>, erklärt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Hauptziel von Terek Story ist es, so Tulenova, die Kommunikation zwischen Generationen zu fördern, was letztendlich dazu beitragen soll, unerzählten Geschichten eine Stimme zu geben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/auf-zum-marsch-wofuer-kaempft-die-feministische-bewegung-kasachstans/">„Auf zum Marsch”: Wofür kämpft die feministische Bewegung Kasachstans?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit Dezember 2023 hat eine neue Phase des Projekts begonnen – das Team wird nun Geschichten aus verschiedenen Regionen sammeln. Sie konzentrieren sich jetzt auf Städte im Norden Kasachstans und wollen direkt mit den Erzähler:innen sprechen. Ziel ist es, bis Mai etwa 50 Geschichten zu sammeln. Terek Story plant, aus den gesammelten Geschichten eine geografische digitale Karte zu erstellen. Nach dem Norden Kasachstans wollen sie auch die südlichen Regionen des Landes besuchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tulenova merkt an, dass das Projekt nicht nur Geschichten von Kasach:innen, sondern auch von anderen im Land lebenden Menschen unterschiedlicher Herkunft erfassen will. <em>„In der Pilotversion gab es jeweils Geschichten von einer uigurischen, einer deutschen und einer russischen Großmutter. Wir wollen die Geschichte von ganz Kasachstan erzählen. Unser Land ist multikulturell“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die im Rahmen des Pilotprojekts gesammelten Geschichten wurden in einer begrenzten Auflage veröffentlicht und den Erzählerfamilien überreicht. Laut Tulenova waren diese Familien sehr stolz darauf, ein solches Erbe in gedruckter Form zu haben. Jetzt sind alle diese Geschichten elektronisch auf der Website des Zentrums für politische Lösungen gespeichert. Das Projekt plant für die Zukunft eine eigene Website, auf der alle Geschichten sowie Podcasts und Workshops, die derzeit durchgeführt werden, zusammengestellt werden.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Akbota Uzbekbaı für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://vlast.kz/life/58768-my-znaem-tolko-muzskuu-storonu-istorii-nasego-roda.html">Russischen</a> von Irina Radu</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<item>
		<title>Dekolonial, queer, feministisch – zentralasiatischer Kurzfilm beim goEast Filmfestival 2023</title>
		<link>https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/dekolonial-queer-feministisch-zentralasiatischer-kurzfilm-beim-goeast-filmfestival-2023/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Annkatrin Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 May 2023 04:42:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
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		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[GoEast Fimfestival]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzfilm]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Unter dem Motto &#x201E;Decolonizing the (post-)soviet screen&#x201C; fand vom 26. April bis 2. Mai 2023 das 23. goEast Festival des mittel- und osteurop&#xE4;ischen Films in Wiesbaden statt. Dem Schwerpunkt Dekolonialisierung widmeten sich unter anderem zahlreiche Kurzfilmbeitr&#xE4;ge &#x2013; auch aus Zentralasien. Nicht erst seit dem 24. Februar 2022 h&#xF6;rt man den Begriff der Dekolonialisierung im Hinblick [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Unter dem Motto „Decolonizing the (post-)soviet screen“ fand vom 26. April bis 2. Mai 2023 das 23. goEast Festival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden statt. Dem Schwerpunkt Dekolonialisierung widmeten sich unter anderem zahlreiche Kurzfilmbeiträge – auch aus Zentralasien.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht erst seit dem 24. Februar 2022 hört man den Begriff der Dekolonialisierung im Hinblick auf den postsowjetischen Raum immer häufiger: Viele postsowjetische Staaten ringen bereits seit dem Zerfall der Sowjetunion mit dem Erbe der sowjetischen Politik und der Frage der eigenen kulturellen Identität. Der großflächige Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine verlieh der Auseinandersetzung mit dem russischen/sowjetischen Imperialismus noch einmal eine besondere Dringlichkeit – auch in Zentralasien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Entwicklung griff die 23. Edition des <a href="https://www.filmfestival-goeast.de/">goEast Festivals des ost- und mitteleuropäischen Films</a> in Wiesbaden nun auf und widmete sich schwerpunktmäßig dem kulturellen und filmindustriellen Erbe der Sowjetunion und ihm entgegengesetzten, dekolonialen künstlerischen Ansätzen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zentralasiatischer Kurzfilm beim „Rheinmain Kurzfilmpreis – Native Edition“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch in der Kurzfilmsparte legte das Festival einen besonderen Fokus auf bisher marginalisierte filmischen Sprachen und Stimmen jenseits von dominanten Mainstreamnarrativen. In der Kategorie „RheinMain Kurzfilmpreis“ mit dem diesjährigen Titelzusatz „Native Edition“ liefen daher dieses Jahr erstmals ausschließlich Werke <em>„von indigenen Filmemacher:innen sowie von Filmschaffenden aus marginalisierten und osteuropäischen Minderheiten des postsowjetischen Raums“</em>.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Neben Kurzfilmen etwa von burjatischen und tartarischen Regisseur:innen konkurrierten auch drei zentralasiatische Kurzfilme um den mit 2.500 Euro dotierten Preis. Zwar überzeugte die Jury letztendlich der tschetschenische Film „No Nation without culture“ (Vladlena Sandu, 2022), doch die drei zentralasiatischen Beiträge „Ertak“, „Neither in the Mountains nor in the Fields“ und „Aralkum“ boten einen spannenden Einblick in aktuelle Trends im zentralasiatischen Kurzfilm.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Lobende Erwähnung für „Aralkum“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Keinen Preis, dafür eine „lobende Erwähnung“ der Jury erhielt „Aralkum“ von Daniel Asadi Faezi und Mila Zhluktenko. Die usbekisch-deutsche Koproduktion erzählt vom Verschwinden des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aralsee">Aralsees</a> und der Ausbreitung der titelgebenden Wüste <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aralkum">Aralkum</a>, die sich heute auf großen Teilen des ehemaligen Seegrunds erstreckt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit seiner gekonnten Zusammenstellung von Archivmaterial und gefilmten Passagen führt der Kurzfilm dem Publikum die drastischen Folgen der sowjetisch geplanten Baumwollwirtschaft vor Augen: das Aussterben heimischer Tierarten, von denen nur noch Präparate zeugen, die zum erliegen gekommene Fischindustrie – symbolisiert durch die verrosteten Schiffe, die im ehemaligen Hafen von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Moʻynoq">Mo‘ynaq</a> im Wüstensand liegen – und nicht zuletzt die Resignation der lokalen Bevölkerung, die mit dem Verschwinden des Sees teils auch ihren Lebensinhalt verloren hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch die Straßen des Ortes am Rande der neu entstandenen Wüste weht immer mal wieder ein unwirtlicher, staubiger Wind, ansonsten scheint die Region still zu stehen. Hoffnung spendet einzig der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saxaul">Saxaul</a>: das einzige Gewächs, das in der Aralkum wachsen kann, und das seit einigen Jahren dort gezielt angepflanzt wird, um die Schäden der Verwüstung abzumildern.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/dokumentarfilm-waiting-for-the-sea-von-techno-und-tradition-in-usbekistan/"><strong>Dokumentarfilm „Waiting for the Sea“ &#8211; von Techno und Tradition in Usbekistan</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die eindrücklichen, langsamen Filmaufnahmen und das Archivmaterial aus Zeiten, als der See noch zum Fischen diente, werden durch Zitate aufgebrochen – teils von einem einheimischen ehemaligen Fischer, teils aus wissenschaftlichen Texten. Welche Aussagen von wem stammen, ist meist nicht gekennzeichnet, und so verdichten sich individuelle Erfahrung und wissenschaftliche Analyse zu einem Gesamteindruck der verheerenden Folgen der sowjetischen Planwirtschaft in Zentralasien. „Aralkum“ trifft damit den Nerv des diesjährigen Festivalthemas und der aktuellen Debatte um die Folgen des russischen Imperialismus.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Multiethnisches Kirgistan: Neither on the Mountain nor in the Field</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auf Archivmaterial greif auch die kirgisische Filmemacherin Gulzad Egemberdieva für ihren Kurzfilm „Neither on the Montain nor in the Field“ zurück. Mit selbst gedrehten Aufnahmen, Fotografien, ethnografischem Material und aufgezeichneten Telefongesprächen setzt sie daraus ein Gesamtkunstwerk zusammen, das die Vielfältigkeit und unterschiedlichen Herausforderungen verschiedener ethnischer Gruppen in Kirgistan zeigt. So treten Angehörige unterschiedlicher ethnischer Gruppen, von Pamirkirgis:innen bis Landwirt:innen in der Ebene, scheinbar in einen Dialog über Themen wie kulturelles Erbe und Freiheit.&nbsp;</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="576" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Neither-on-the-mountain-nor-in-the-field-1024x576.jpg" alt="" class="wp-image-33254" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Neither-on-the-mountain-nor-in-the-field-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Neither-on-the-mountain-nor-in-the-field-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Neither-on-the-mountain-nor-in-the-field-768x432.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Neither-on-the-mountain-nor-in-the-field-1536x864.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Neither-on-the-mountain-nor-in-the-field.jpg 1920w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Szene aus dem Film (Foto bereitgestellt vo goEast-Filmfestival)</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Immer wieder steht auch die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Emigration im Raum – in Gesprächen der Porträtierten, aber auch in den – nur hör- und nicht sichtbaren – Telefongesprächen der Regisseurin, die zum Studium nach Kanada ausgewandert ist, mit ihrem Vater.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass Egemberdieva sich auf diese Art selbst in den Kurzfilm einbringt, ist kein Zufall: In einer Diskussionsveranstaltung des Symposium beim goEast Festival betonte die Regisseurin, wie wichtig es sei, die eigene Positionierung nicht auszublenden, sondern explizit zu reflektieren. Die Arbeit mit persönlichen Archiven und ethnografischem Material ermögliche Zugang zu Themen, die im Kirgistan der Sowjetzeit ausgeblendet wurden und noch heute im dominanten Diskurs nur wenig Raum finden. Mit ihrem Kurzfilm möchte sie derartigen Themen wieder Raum geben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/zentralasien-auf-der-kinokarte/"><strong>Zentralasien auf der Kinokarte</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch nicht nur in dieser Position zeigt sich die Dekolonialität von „Neither in the Mountains nor in the Fields“: Der Kurzfilm flicht auch explizit, wenn auch nicht aufdringlich, die koloniale Vergangenheit Kirgistans ein, beispielsweise wenn die Porträtierten über die Kollektivierung von Land und Vieh in der Sowjetunion, die willkürliche Grenzziehung im Pamirgebirge sowie die erzwungene Ansiedlung von vormals nomadischen Gruppen sprechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die sowjetische Vergangenheit, das macht Egemberdieva mit ihrem Film deutlich, soll nicht verschwiegen werden, vielmehr soll die Erinnerung weitergegeben werden. So sagt auch ihr Vater in einem der Telefongespräche im Kurzfilm: <em>„If you don‘t know the past, its history, it will be difficult to exist in the present.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Queerer Kurzfilm aus Usbekistan: „Ertak“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mit „Ertak“ erzählt die usbekische Fotografin und Regisseurin Kamila Rustambekova mit unglaublicher Zartheit die Geschichte eines usbekischen Jugendlichen, der seine dörfliche Heimat und seine Familie hinter sich lässt, um mit seinem Freund in die Stadt zu fliehen. Sehr subtil und feinsinnig zeichnet Rustambekova die homosexuelle Beziehung der beiden, die gemeinsam viel länger als mit den Eltern vereinbart durch die Umgebung streifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/vom-objekt-zum-subjekt-modelle-vor-kamila-rustambekovas-kamera/"><strong>Vom Objekt zum Subjekt – Modelle vor Kamila Rustambekovas Kamera</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Spätestens als die Mutter anschließend ihren Sohn zur Rede stellt, wird jedoch deutlich, dass ihr Sohn und auch sie von den Nachbar:innen bereits missbilligende Blicke und Anfeindungen erfahren. Ohne erhobenen Zeigefinger schafft die Regisseurin es hier, auf die noch immer stark präsente Diskriminierung queerer Menschen in Usbekistan aufmerksam zu machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Protagonist (der nie ganz zu sehen ist, immer nur von hinten oder vom Hals abwärts) entschließt letztendlich, mit seinem Freund den Ort zu verlassen und in die Stadt zu ziehen, wo es sicherer für die beiden ist. Als zum Schluss des Films die beiden jungen Männer nebeneinander vor einem noch im Bau befindlichen Hochhaus in einer zentralasiatischen Großstadt – womöglich Taschkent – stehen, erweckt das einerseits Hoffnung.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="565" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Screenshot-67-1024x565.png" alt="" class="wp-image-33255" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Screenshot-67-1024x565.png 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Screenshot-67-300x165.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Screenshot-67-768x424.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Screenshot-67.png 1088w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Szene aus dem Film (Foto bereitgestellt vo goEast-Filmfestival)</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Man möchte dem Protagonisten glauben, dass sie hier von nun an sicherer sein werden als auf dem Land. Und doch bleibt ein mulmiges Gefühl, wo doch bekannt ist, dass in Usbekistan homosexuelle Handlungen unter Männern nach wie vor gesetzlich unter Strafe stehen. Ein mutiger Kurzfilm, der einfühlsam die Beziehungen der Charaktere und das alltägliche Leben im ländlichen Usbekistan einfängt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Feministisch und dekolonial – die Kurzfilm-Auswahl von DAVRA Collective</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Unter dem Motto der Dekolonialisierung stand auch das Abendprogramm am Samstagabend im Murnau Filmtheater in Wiesbaden, das vom DAVRA Collective kuratiert wurde. Das Künstler*innenkollektiv aus Zentralasien wurde von der usbekischen Regisseurin und Videokünstlerin <a href="https://documenta-fifteen.de/lumbung-member-kuenstlerinnen/saodat-ismailova/">Saodat Ismailova</a> für die letztjährige documenta 15 gegründet, um weibliche Künstler*innen der jüngeren Generation aus ganz Zentralasien zusammenzubringen und künstlerischen und inhaltlichen Austausch zu fördern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim goEast-Festival präsentierte das Kollektiv – vertreten durch Aida Adilbek und Zumrad Mizalieva – eine Auswahl von sieben Kurzfilmen, die teils von Mitgliedern aus dem Kollektiv stammen – beispielsweise „Send me your words“ (Aida Adilbek, KAZ 2020) und „Autonomy“ (Zumrad Mizalieva, UZB 2022) –, teils aus den Archiven, mit denen die Filmemacherinnen arbeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeiten, so betonen Mizalieva und Adilbek, sollen zum einen schlicht die Lebensrealität vor Ort in ihrer Vielfalt zeigen: Das reicht von passiv-aggressiver Kommunikation mit den Nachbar*innen in einem hellhörigen sowjetischen Hochhaus durch Klopfen auf Heizkörper&nbsp; („Send me your Words“, Aida Adilbek, KAZ 2020) über einen als Touristenattraktion gehaltenen Steinadler, der argwöhnisch die Waldarbeiten in den Bergen Kirgistans zu beobachten scheint („Escape from Freedom“, Art-group „Strekooza“, KGZ 2010), hin zu Alltagstätigkeiten wie der Zubereitung von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pilaw">Plov</a> („Hard to digest“, Nazira Kamiri, TJK 2021) und dem Herstellen von traditionellen Teppichen im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pamir_(Gebirge)">Pamir</a> (Madina Saidshoeva, TJK 2022).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/goliath-eine-parabel-der-macht/">„Goliath“ – eine Parabel der Macht</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei wird deutlich, dass sich die Beobachtung oder Darstellung von Alltäglichem nur schwer von Politischem trennen lässt: So etwa in „Autonomy“, einem Kurzfilm von Zumrad Mizalieva (UZB 2022), der infrage stellt, ob eine usbekische Frau tatsächlich nur als Mutter ihre Erfüllung finden kann. Oder im Kurzfilm „I met a girl“ (Alla Rumyantseva, TJK 2014), der die Rolle der Frau in Tadschikistan kritisch beleuchtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Feministische Perspektiven scheinen generell sehr präsent in dieser Kurzfilmauswahl: So werden immer wieder traditionelle Rollenbilder und Erwartungen an Frauen und Mütter infrage gestellt. Ebenso spielt die Auseinandersetzung mit der kolonialen Sowjetvergangenheit der zentralasiatischen Länder eine wichtige Rolle – mal subtiler und hintergründiger, mal schmerzhaft deutlich wie im Stop-Motion-Film „All the Dreams we dream“ von Asel Kadyrkhanova, der die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hungersnot_in_Kasachstan_von_1930–33">Hungersnot in Kasachstan</a> in den 1930er Jahren als Folge der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft thematisiert.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="568" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Screenshot-73-1024x568.png" alt="" class="wp-image-33261" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Screenshot-73-1024x568.png 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Screenshot-73-300x166.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Screenshot-73-768x426.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/05/Screenshot-73.png 1262w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Szene aus &#8222;All the dreams we dream&#8220; (Foto bereitgestellt vom goEast-Filmfestival)</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Den sieben Kurzfilmen vorangestellt wurde der Kurzfilm „The Burden of Virginity“ der usbekischen Filmemacher:innen und Aktivist:innen <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Umida_Akhmedova">Umida Ahmedova</a> und Oleg Karpov, die Adilbek und Mizalieva als wichtige Vorbilder für das DAVRA Collective beschreiben. Der Film nimmt den Mythos der Jungfräulichkeit in den Blick und lässt Frauen zu Wort kommen, deren Töchter Stigmatisierung und Ausgrenzung erfahren, weil sie die „Überprüfung“ ihrer Jungfräulichkeit nicht bestanden haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kontrastiert werden diese Gespräche mit Bildern von Hochzeitsvorbereitungen. Der Film war bei seiner Veröffentlichung bereits ein großes Politikum: Für den bereits 2008 erschienenen Film wurde Akhmedova nach seiner Veröffentlichung wegen „Verleumdung und Beleidigung des usbekischen Volkes und seiner Traditionen“ angeklagt und verurteilt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zwischen Filmkunst und Aktivismus</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">„The Burden of Virginity“ zeigt von allen Kurzfilmen am deutlichsten, wie sehr beim zentralasiatischen Kurzfilm die Grenzen zwischen Aktivismus und Kunst verschwimmen. Das ist teils auch den strukturellen Umständen geschuldet: Neben den noch immer stark sowjetisch geprägten Kino- und Filminstitutionen in den zentralasiatischen Ländern, die sowohl Inhalte als auch künstlerische Techniken nach wie vor stark prägen, gibt es kaum Möglichkeiten, sich alternativ auszudrücken oder auszubilden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Umso wichtiger – das betonen die zentralasiatischen Filmemacher*innen vor Ort in Wiesbaden immer wieder – ist der Austausch zwischen Künstler*innen und das Schaffen von lokalen, unabhängigen Netzwerken. Gerade junge Filmemacher:innen, die mit ihren politischen Meinungen und künstlerischen Positionen in den teils autoritär regierten zentralasiatischen Staaten anecken, sind auf Netzwerke wie das DAVRA Collective angewiesen, um sich weiterentwickeln zu können und Fördergelder zu erlangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So lassen sich die zentralasiatischen Kurzfilmbeiträge beim diesjährigen goEast-Festival auch als aktivistische Intervention verstehen und zeigen, wie viel Aufbruchsstimmung derzeit in der künstlerischen Szene in Zentralasien zu herrschen scheint. Nur in Turkmenistan scheint die repressiv-autoritäre Regierung jegliche unabhängige Filmkunst unmöglich zu machen, wie auch zentralasiatische Filmemacher:innen wie <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/die-regisseurin-anisa-sabiri-mit-einem-film-ueber-tadschikische-rituelle-musik/">Anisa Sabiri</a> aus Tadschikistan beim Symposium bedauern – aus diesem zentralasiatischen Land findet sich daher auch beim Festival kein einziger Filmbeitrag.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Die Kurzfilme „Aralkum“, „Neither in the Mountains nor in the Fields“ und „Ertak“ sind noch bis 18. Mai auf der <a href="https://films.klassiki.online/goeast-film-festival">Klassiki</a> verfügbar.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Annkatrin Müller</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>„Brücken der Erinnerung“: Eine Konferenz zur Dekolonisierung in Bischkek</title>
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		<dc:creator><![CDATA[La rédaction]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 May 2023 17:50:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Bischkek]]></category>
		<category><![CDATA[Dekolonialisierung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Konferenz in Bischkek stellt die herrschende Erinnerungspolitik in Kirgistan und im gesamten postsowjetischen Raum in Frage. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs in der Ukraine ist das Thema aktueller und wichtiger denn je. Es ist nicht unproblematisch, in Kirgistan &#xFC;ber Dekolonisierung zu sprechen. Eine Studentin der American University of Central Asia berichtet davon, dass [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Eine Konferenz in Bischkek stellt die herrschende Erinnerungspolitik in Kirgistan und im gesamten postsowjetischen Raum in Frage. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs in der Ukraine ist das Thema aktueller und wichtiger denn je.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist nicht unproblematisch, in Kirgistan über Dekolonisierung zu sprechen. Eine <a href="https://twitter.com/alybaeva8/status/1636362689810399238">Studentin</a> der <a href="https://auca.kg/">American University of Central Asia</a> berichtet davon, dass die Leitung der eigentlich für liberal geltenden Universität Druck auf sie ausgeübt habe, weil sie die Dekolonisierung Kirgistans zum Thema ihrer Doktorarbeit machte. Sie sei dazu aufgefordert worden, ihrer Arbeit einen „<em>neutraleren</em>“ Titel zu geben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie <a href="https://rus.azattyk.org/a/32327513.html">Radio Azattyk</a>, der kirgisische Dienst von Radio Liberty, berichtet, löste ihr Tweet eine Welle der Solidarität in der Studierendenschaft aus, infolge derer der allzu starke Einfluss Russlands auf die universitäre Lehre angeprangert wurde. Einmal mehr hat sich damit gezeigt, dass die Dekolonisierung in Kirgistan noch immer ein Tabu ist. Ein Teil der kirgisischen Zivilgesellschaft nimmt sich dem Thema nichtsdestotrotz an.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Risse im kollektiven Gedächtnis schließen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Vom 17. bis zum 19. März veranstaltete die Organisation <a href="https://ru.esimde.org/">Esimde</a> (das kirgisische Wort bedeutet auf Deutsch „<em>Ich erinnere mich</em>“) am Museum der Schönen Künste von Bischkek eine Konferenz mit dem Titel „<em>Brücken der Erinnerung</em>“. Im Rahmen der Konferenz diskutierten Künstler:innen, Aktivist:innen und Akademiker:innen über Themen der Erinnerung und der Dekolonisierung nicht nur in Kirgistan, sondern im gesamten postsowjetischen Raum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Esimde wurde 2018 mit dem Ziel gegründet, die kirgisische und zentralasiatische Geschichte und Erinnerungskultur des 20. und des 21. Jahrhunderts zu erforschen und zu verstehen. Forschung, Diskussionsveranstaltungen und Workshops sollen eine in Vergessenheit geratene Vergangenheit sichtbar machen.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Das Projekt finanziert sich ausschließlich über Crowdfunding sowie den Verkauf von Publikationen. Seit 2018 macht sich Esimde daran, ein Archiv der von der Kolonialmacht ermordeten und juristisch verfolgten Personen zu schaffen. „<em>Viele Menschen konsultieren unsere Archive auf der Suche nach den Namen von Verwandten</em>“, erklärt die Historikerin und Leiterin des Projekts, Elmira Dogojbajewa, Novastan gegenüber. &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Besucher:innen sind eingeladen, ihre persönliche Geschichte zu erzählen. Aus der Vielzahl der individuellen Geschichten soll sich das Mosaik der Makrogeschichte ergeben. „<em>Teilen Sie Ihre Geschichte! Falls Sie etwas zu teilen haben: eine persönliche Geschichte, ein Tagebuch, die Geschichte Ihrer Familie, Ihrer Großeltern, Ihres Dorfes oder Ihrer Stadt – wir können sie veröffentlichen</em>“, lädt die Webseite des Projekts ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/sprache-als-mittel-zur-identitaetsfindung-und-abkehr-von-kolonialen-strukturen/">Sprache als Mittel zur Identitätsfindung und Abkehr von kolonialen Strukturen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch das ist nicht die einzige zivilgesellschaftliche Initiative, die sich das Ziel gesetzt hat, dem Vergessen entgegenzuwirken. Mehrere Filme sind entstanden, in denen Bruchstücke und Fragmente der kirgisischen Geschichte nachgezeichnet und zusammengesetzt werden. So wurde unlängst im Novotel-Hotel in Bischkek ein Dokumentarfilm über die Deportationen in den 1930er Jahren zur Zeit der Hungersnot in der Sowjetunion gezeigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie Radio Azzatyk <a href="https://rus.azattyk.org/a/31974770.html">berichtet</a>, brachen im August letzten Jahres mehrere Bürger:innen von Bischkek zu einem mehrtägigen Fußmarsch nach Tossor im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gebiet_Yssykk%C3%B6l">Gebiet Yssykköl</a> auf, um dem Aufstand Tausender Zentralasiaten gegen das Russische Kaiserreich von 1916 zu gedenken.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Dekonstruktion von Kolonialismus – Rekonstruktion von Identität</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der Eröffnung der Konferenz vom 17. März betonte Dogojbajewa die zentrale Rolle der Erinnerung für die (Re-)Konstruktion der kollektiven Identität. Sich in Zentralasien mit der Vergangenheit zu beschäftigen, bedeutet zwangsläufig eine Auseinandersetzung mit der Kolonialherrschaft. In diesem Sinn hinterfragt „<em>Brücken der Erinnerung</em>“ das vorherrschende russischen Narrativ, das auch weiterhin viele Bereiche der kirgisischen Gesellschaft bestimmt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem <a href="https://cabar.asia/en/elmira-nogoibaeva-memory-as-a-strong-tool-of-return-to-own-identity">Interview</a>, das Dogojbajewa dem Central Asian Bureau for Analytical Reporting (CABAR) gegeben hat, erklärt die Historikerin, dass in den Schulbüchern die Geographie und die Geschichte Kirgistans noch immer in Begriffen der Sowjetzeit dargestellt werden, „<em>mit der gleichen kolonialen Sprache</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Sowjetunion ist in Kirgistan mit unzähligen historischen Monumenten im öffentlichen Raum präsent: In jedem Dorf, in jeder Stadt findet sich eine Lenin-Büste. Der Erinnerung an die zaristischen und sowjetischen Repressionen wurde hingegen, die Gedenkstätte Ata-Bejit ausgenommen, kaum Platz eingeräumt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/sie-flohen-vor-den-pistolenkugeln-und-starben-am-widrigen-klima/"><strong>„Sie flohen vor den Pistolenkugeln und starben am widrigen Klima“</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">An der von Esimde organisierten Konferenz haben prominente Wissenschaftler:innen wie <a href="https://cisa.ndu.edu/About/Faculty-and-Staff/Article-View/Article/2168331/dr-erica-marat/">Erica Marat</a> von der National Defense University in Washington, D.C. oder die Anthropologin <a href="https://daviscenter.fas.harvard.edu/about/people/asel-dooletkeldieva">Asel Dooletkeldieva</a>, teilgenommen. Auch andere Akademiker:innen waren anwesend, um ihre Arbeit über die Entwicklung der Erinnerung an die Kolonialzeit im postsowjetischen Raum vorzustellen: Bahrom Irzayev, Forschungsleiter am Museum der Repressionsopfer in Taschkent, sprach über Usbekistan; Anton Vatcharadze, Forscher am <a href="https://idfi.ge/en">Institute for Development of Freedom of Information</a> in Tblissi, sprach über Georgien.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die herrschende Erinnerungspolitik in Frage stellen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders kritisiert wurde auf der Konferenz das Fehlen einer kohärenten Erinnerungspolitik seitens der kirgisischen Regierung. Dogojbajewa und viele der anwesenden Historiker:innen beklagten, dass die Staatsarchive immer noch unter Verschluss gehalten werden, weil das die historische Forschung über die koloniale Vergangenheit und das Ausmaß der Repressionen behindert, denen die kirgisische Bevölkerung zur Zeit der Sowjetunion ausgesetzt gewesen ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Die Öffnung der Archive ist beinahe im gesamten postsowjetischen Raum ein Problem</em>“, erklärt der Vorsitzende der NGO Memorial Russland, Jan Raczynski, anlässlich eines Vortrags. „<em>Hunderttausende von Menschen wissen nicht, was mit ihren Angehörigen geschehen ist und wo sie begraben liegen</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Dezember letzten Jahres war Esimde Teil der Initiative für einen <a href="http://kenesh.kg/ru/article/show/9870/na-obshtestvennoe-obsuzhdenie-s-22-dekabrya-2022-goda-vinositsya-proekt-zakona-o-vnesenii-izmeneniy-v-nekotorie-zakonodatelynie-akti-kirgizskoy-respubliki-o-pravah-i-garantiyah-reabilitirovannih-grazhdan-postradavshih-v-rezulytate-repressiy-za-politicheskie-i-religioznie-ubezhdeniya-po-sotsialynim-natsionalynim-i-drugim-priznakam-o-natsionalynom-arhivnom-fonde-kirgizskoy-respubliki">Gesetzentwurf</a> zur Freigabe der Archive. Der Entwurf wurde von vier Abgeordneten aus verschiedenen Fraktionen getragen. Sie forderten „<em>historische Gerechtigkeit</em>“ und wollten alle Opfer der Justiz der Sowjetunion rehabilitieren. Der Text wurde jedoch abgelehnt, wie Gulsat Alagos, eine der mit Esimde assoziierten Forscherinnen, <a href="https://rus.azattyk.org/a/32326285.html">Radio Azattyk</a> gegenüber erklärt. In Kirgistan müssen die Brücken der Erinnerung erst noch gebaut werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lou Desmoutiers, Journalistin</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://novastan.org/fr/kirghizstan/a-bichkek-une-conference-sur-la-decolonisation-questionne-la-politique-memorielle-du-kirghizstan/">Französischen</a> von Lucas Kühne</strong><strong></strong></p>
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		<title>„Wir werden nie erfahren, wie unsere Städte ohne den sowjetischen Einfluss aussehen würden“</title>
		<link>https://novastan.org/de/kirgistan/interview-rada-walentina-kyzy/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Florian Coppenrath]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 31 Mar 2023 16:56:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Bischkek]]></category>
		<category><![CDATA[Dekolonialität]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Rada Walentina kyzy]]></category>
		<category><![CDATA[Urbanismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Interview mit CABAR.Asia spricht Wlada Walentina kyzy von der bischkeker urbanistischen Initiative &#x201E;Peshkom&#x201C; &#xFC;ber dekolonialen Urbanismus und was er f&#xFC;r einen Ort wir Bischkek bedeutet. Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie die St&#xE4;dte der L&#xE4;nder Zentralasiens aussehen w&#xFC;rden, wenn nicht die Sowjetunion seinerzeit auf die Kultur der dortigen V&#xF6;lker eingewirkt h&#xE4;tte? K&#xF6;nnte es [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Im Interview mit CABAR.Asia spricht Wlada Walentina kyzy von der bischkeker urbanistischen Initiative „Peshkom“ über dekolonialen Urbanismus und was er für einen Ort wir Bischkek bedeutet. </strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie die Städte der Länder Zentralasiens aussehen würden, wenn nicht die Sowjetunion seinerzeit auf die Kultur der dortigen Völker eingewirkt hätte? Könnte es sein, dass dann die Städte viel angenehmer und malerischer wären als jene, die wir heute zu sehen gewohnt sind?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese und andere Fragen hat die Redaktion von CABAR.asia mit Rada Walentina kyzy, der Gründerin der urbanistischen Initiative <em>Peshcom </em>(russisch für „zu Fuß“, Anm. d. Red.) in Kirgistan, am Beispiel der Stadt Bischkek erörtert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>CABAR.asia: Was ist das überhaupt, dekolonialer Urbanismus, und worauf basiert dieser?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Rada Walentina kyzy: Dekolonialer Urbanismus bildet sich im Laufe der gedanklichen Verarbeitung dekolonialer Prozesse heraus, in unserem Falle in der postsowjetischen Zeit. Der postkoloniale Diskurs ist in Kirgistan noch nicht ausreichend reflektiert und institutionalisiert worden. Bevor von einem Entkolonialisierungsprozess die Rede sein kann, müssen wir uns unserer eigenen kolonialen Vergangenheit bewusst werden – das ist kein einfacher und schneller Prozess, insbesondere da unser Land partnerschaftliche und sogar freundschaftliche Beziehungen zu Russland unterhält, welches sehr empfindlich auf alle Unterredungen zu diesem Thema reagiert.</p>


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<p class="wp-block-paragraph">Der dekoloniale Diskurs kam erst vor kurzem im postsowjetischen Raum auf – vor etwa 15 Jahren. In den meisten Fällen entsteht er im Zusammenhang mit den Geisteswissenschaften und steht in direktem Zusammenhang mit Sprache und Kultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Urbanismus wiederum ist ein Prozess der Stadtentwicklung. Städtische Prozesse spiegeln wider, was in Kultur, Kunst, Wirtschaft und anderen Lebensbereichen der Stadtbewohner geschieht. Wenn Fragen der Dekolonialität in der Öffentlichkeit nicht ausreichend diskutiert werden, werden sie sich in einer praktischen Sphäre wie dem Urbanismus auch nicht widerspiegeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dekolonialisierung verwirklicht sich heute in Kirgistan vor allem in der Umbenennung geografischer Objekte, wie Städte, Dörfer und Straßen. Aber genau diese Namen werden in den meisten Fällen auf Russisch geschrieben, wobei das Kirgisische ignoriert wird. Darüber hinaus kommt es vor, dass sich die sowjetischen Straßennamen bis heute in der städtischen Navigation widerspiegeln. Es ist möglich, dass dies an fehlenden finanziellen Mitteln liegt oder die städtischen Behörden in diesem Punkt zu nachlässig arbeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="Mittels interaktiver Karte in die Stadtgeschichte eintauchen">Taschkent: Mittels interaktiver Karte in die Stadtgeschichte eintauchen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt auch andere Zeichen des dekolonialen Urbanismus, wie zum Beispiel nationale Ornamente in der Architektur und im öffentlichen Raum der Stadt, lokale Toponyme in den Namen von Läden und Geschäften, neue Denkmäler, die die kirgisische Kultur reflektieren. Die Tatsache, dass <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kurut-die-weissen-steine-die-gegen-hunger-helfen/">Kurut</a> und Maksym (ein auf der Grundlage von Getreide hergestelltes Getränk, Anm. d. Red.) aus dem Handel auf öffentlichen Straßen und Plätzen und somit aus dem Stadtbild von Bischkek nicht mehr wegzudenken sind, spiegelt ebenfalls dekoloniale Prozesse im Urbanismus wider.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie haben die UdSSR und das Russische Imperium auf den Prozess der Urbanisierung Zentralasiens eingewirkt? Und wenn es eine solche Beeinflussung nicht gegeben hätte, wie könnten die Urbanisierungsprozesse der Region heute ablaufen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das architektonische Erscheinungsbild von Bischkek und anderen Städten in Kirgistan wurde während der Sowjetzeit festgelegt. Frunze (so hieß Bischkek bis Februar 1991, Anm. d. Red.) entwickelte sich nach den gemeinsamen Tendenzen aller Unionshauptstädte; &nbsp;es genügt, sich an den Komödie „<a href="https://www.dekoder.org/de/article/ironija-sudby-neujahr-film">Die Ironie des Schicksals</a>“ zu erinnern. An der Planung der Städte der UdSSR beteiligten sich russische Architekten und Spezialisten, Wohn- und Kulturobjekte wurden nach einem gemeinsamen Muster gebaut. Viele architektonische Großbauten in verschiedenen Ländern der ehemaligen Sowjetunion ähneln sich, zum Beispiel die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ausstellung_der_Errungenschaften_der_Volkswirtschaft">WDNCh</a>, Opern- und Balletttheater, Kulturhäuser usw.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir werden niemals erfahren, wie unsere Städte ohne den sowjetischen Einfluss aussehen würden. Aber wahrscheinlich wären sie vielfältiger und inklusiver.&nbsp;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Inwieweit wurden in der Sowjetzeit lokale Besonderheiten bei der Gestaltung der Städte berücksichtigt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Beispiel von Bischkek kann ich sagen, dass zu Sowjetzeiten bei der Stadtplanung dem örtlichen Klima große Aufmerksamkeit zukam. Es wurden künstliche Bewässerungskanäle angelegt und viele Bäume gepflanzt – ohne sie würde heute in der Hauptstadt ein sehr trockenes Klima herrschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was bietet das Konzept des dekolonialen Urbanismus als Alternative zu den &nbsp;bestehenden Städten?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bisher steht die Diskussion dieses Themas in den urbanistischen Kreisen erst ganz am Anfang. Dekoloniale Prozesse sind meiner Meinung nach für jedes Land individuell und hängen vom politischen Regime und der Demokratisierung der Gesellschaft ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ist es wichtig, dass eine Stadt die Identität der Bevölkerung, die in ihr lebt, widerspiegelt? Wie wirkt sich das auf die Menschen aus?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbstverständlich ist das wichtig. Damit die Menschen ihre Stadt als ihr Zuhause empfinden, muss sie ihre Werte, Kultur, Traditionen, Interessen und Bedürfnisse widerspiegeln. Genau aus diesem Grund ist heutzutage die partizipative Stadtplanung populär – wenn die Bewohner selbst direkt an Entscheidungen über die Gestaltung urbaner Räume beteiligt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Sowjetzeit wurde den Menschen Ideologie aufgezwungen, alle Entscheidungen kamen von oben, und dies lehrte uns Hilflosigkeit. Heute spürt man das sehr am Beispiel der Innenhöfe, wenn die Menschen sich nicht einigen und ihren Hof gemeinsam gestalten können. Alle sind daran gewohnt, dass jemand „von da oben“ alles für sie entscheidet und ausführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mit Rada Walentina kyzy sprach Zlada Teter‘</strong><br><strong>CABAR.Asia</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://cabar.asia/ru/rada-valentina-kyzy-my-nikogda-ne-uznaem-kak-vyglyadeli-by-nashi-goroda-bez-sovetskogo-vliyaniya">Russischen </a>von Philipp Dippl</strong></p>


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