{"id":998,"date":"2015-10-18T12:00:00","date_gmt":"2015-10-18T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=998"},"modified":"2016-10-06T08:00:08","modified_gmt":"2016-10-06T06:00:08","slug":"goldene-zeiten-fur-das-weie-gold-in-usbekistan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/goldene-zeiten-fur-das-weie-gold-in-usbekistan\/","title":{"rendered":"&#8222;Goldene Zeiten&#8220; f\u00fcr das &#8222;wei\u00dfe Gold&#8220; in Usbekistan"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>Baumwollanbau ist eine der wichtigsten Landwirtschaftsbranchen Usbekistans. Zu Sowjetzeiten war Usbekistan der gr&#xF6;&#xDF;te Baumwolllieferant in der ganzen Union und ist heute einer der gr&#xF6;&#xDF;t<\/em><em>en Produzenten weltweit. Heutz<\/em><em>utage stellt man hier etwa 3,5 Mio. Tonnen Rohbaumwolle und 1 Mio. Tonnen Baumwollfasern pro Jahr her. <\/em><em>Es<\/em><em> wurden lange keine wesentlichen Reformen in diesem Bereich durchgef&#xFC;hrt. Besonders die Methoden, das &#x201E;wei&#xDF;e Gold&#x201C; zu erlangen, werden immer noch von der ganzen Welt kritisiert. <\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Regierung legt die Produktionsnormen f&#xFC;r jede Region und jeden Landwirt fest. Wenn diese Quote nicht erreicht wird, kann man enteignet werden. Da die Landwirte nicht im Stande sind, nachtr&#xE4;gliche Arbeitskr&#xE4;fte selbstst&#xE4;ndig einzustellen, lassen die Beh&#xF6;rde &#xC4;rzte, Lehrer, Studenten und andere staatlich Angestellte auf den Feldern arbeiten. Diese sind gezwungen, f&#xFC;r ungef&#xE4;hr zwei Monate ihre Arbeitspl&#xE4;tze zu verlassen. Lehranstalten, wie Lyzeen, Berufsschulen und Hochschulen in allen Regionen, au&#xDF;er in der Hauptstadt Taschkent sind in dieser Zeit h&#xE4;ufig geschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Baumwolle statt Lehrb&#xFC;cher<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am 2. September f&#xE4;ngt das Schuljahr in ganz Usbekistan an. Nach einigen Tagen unterbrechen aber die Sch&#xFC;ler in den Lyzeen und Kollegen (Berufsschulen) ihren Unterricht, die Studenten in allen Provinzen Usbekistans ihr Studium, und die Arbeitst&#xE4;tigen ihre Arbeit, denn es ist wieder Zeit, Baumwolle zu pfl&#xFC;cken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Jedes Jahr im August stehe ich vor dem Problem, wo ich meine kleinen Kinder w&#xE4;hrend der Baumwollzeit lassen kann und wer f&#xFC;r sie sorgen soll. Zum Gl&#xFC;ck unterst&#xFC;tzen mich auch in diesem Jahr meine Verwandten. Trotzdem bevorzuge ich es, nicht am Baumwollfeld zu &#xFC;bernachten, da die Wohnbedingungen dort ziemlich schwierig sind. Ich muss jeden Morgen um sechs Uhr dorthin fahren und komme dann erst um sieben oder acht zur&#xFC;ck nach Hause. Mit anderen Frauen in derselben Lage organisieren wir Taxis oder Kleinbusse. Das bedeutet&#xA0;aber nicht nur Unbequemlichkeit und Stress, sondern auch Geld.&#x201C; erz&#xE4;hlt die Grundschullehrerin Komila*.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Gegensatz zu ihnen haben Jugendliche keine andere Wahl, als bis November weit von ihrem Haus zu sein. Pro Tag m&#xFC;ssen sie mindestens 50 (in einigen Regionen sogar 80) Kilogramm Baumwolle ernten. Sammelt jemand weniger als die H&#xE4;lfte davon, wird er vor seinen Kommilitonen blo&#xDF;gestellt und in Verruf gebracht. Den Erz&#xE4;hlungen&#xA0;einiger&#xA0;Studierenden nach m&#xFC;ssen sie in diesem Fall l&#xE4;nger auf dem Feld bleiben und bekommen sp&#xE4;ter Abendessen als die anderen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Um einer solchen&#xA0;Schande und Strafe auszuweichen, k&#xF6;nnen &#x201E;die Faulenzer&#x201C;, wie sie genannt werden, einige Tricks anwenden. Manche feuchten einen bestimmten Teil der Baumwolle an, andere legen kleine Steine hinein, damit ihr Baumwollsack bei der Abgabe mehr wiegt. Einige Jungen versuchen sogar, bestimmte Mengen aus dem Lager zu klauen und noch Mal zum Abwiegen zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Harte Seiten einer &#x201E;goldenen Zeit&#x201C;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Wohnbedingungen lassen meistens zu w&#xFC;nschen &#xFC;brig. Jungen&#xA0;und M&#xE4;dchen wohnen getrennt und jeder soll sich selbst mit Bettw&#xE4;sche&#xA0;versorgen. Manchmal k&#xF6;nnen naheliegende Wohnh&#xE4;user, Geb&#xE4;ude von Kinderg&#xE4;rten und Schulen f&#xFC;r diese Zeit gemietet werden. Da es nicht genug Betten f&#xFC;r alle gibt, schlafen einige auf dem Boden. Das Essen organisieren normalerweise die Besitzer des Grundst&#xFC;cks. Mehreren&#xA0;Aussagen zufolge ist die Qualit&#xE4;t dieser Lebensmittel jedoch nicht besonders gut. Deshalb besorgen meistens die Eltern oder Besucher die Verpflegung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das ist dennoch nicht alles, womit die Studenten unzufrieden sind. Sie sagen, sie seien f&#xFC;r diese Zeit von der Welt &#x201E;isoliert&#x201C;, weil es weder Fernsehen&#xA0;noch Radio an ihrem Aufenthaltsort gibt. Mit dem Mobilfunknetz ist es gleicherma&#xDF;en kompliziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Es ist gut, wenn wir mit unserer Tochter, die seit diesem Jahr an der P&#xE4;dagogischen Hochschule studiert, einmal pro Tag telefonieren k&#xF6;nnen. Mehr als einen Monat lang erf&#xFC;llt sie weit weg von uns ihre Pflicht. Wir haben sie einige Male besucht. Sie und andere Studierende wohnen in Zelten, die blo&#xDF; am Tag durch die Sonne warm werden. Sie durfte sogar an Festtagen wie Kurban Hayit nicht nach Hause. Ihr wurde nur einmal ein dreit&#xE4;giger Ausgang gew&#xE4;hrt, als sie erk&#xE4;ltet war,&#x201C; &#xE4;u&#xDF;ert Dilbar* ihr Missfallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Au&#xDF;erdem passieren h&#xE4;ufig kleine, aber gelegentlich auch schwerere Verbrechen, wie Rowdytum oder Diebstahl. Die Studenten, die in dieser Baumwollregion fremd sind, werden von lokalen Teenagern verfolgt, was zu Konflikten und in manchen F&#xE4;llen zum Faustkampf f&#xFC;hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach der Arbeit unter&#xA0;solch harten Bedingungen bekommen die Studierenden keinen Urlaub, sondern setzen gleich ihr Studium fort. Die im Herbst verlorene Zeit wird im Sommer ausgeglichen. Sie studieren also noch im Juli weiter. Darauf freut man sich nicht besonders, weil das Wetter zu dieser Jahreszeit in Usbekistan sehr hei&#xDF; ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Trotz aller dieser Nachteile der Baumwollzeit, versuchen die Studenten, ihr positives abzugewinnen: &#x201E;Wir lernen neue Menschen kennen, abends kann man etwas zusammen unternehmen, wie Gruppenspiele. Man wird selbstst&#xE4;ndig. Die Studentenzeit ist eine goldene Zeit, man erlebt dann alles M&#xF6;gliche&#x201C; &#x2013; behaupten sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>&#x201E;Einen Ausweg gibt es immer&#x201C;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch die meisten Staatsangestellten m&#xFC;ssen trotz kleiner Kinder oder gar Gesundheitsproblemen neben den Studenten das &#x201E;wei&#xDF;e Gold&#x201C; pfl&#xFC;cken. Aber wie sagt man so oft: &#x201E;Es gibt immer einen Ausweg&#x201C;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">So ist es auch in diesem Fall. Wer sich weigert, ein &#x201E;w&#xFC;rdiger B&#xFC;rger&#x201C; zu sein, muss zahlen. Mit dem Geld wird die Arbeit bezahlt, die von einer anderen Person erledigt wird. Die Ersatzarbeiter sind &#xFC;blicherweise Arbeitslose, die in der N&#xE4;he wohnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\n<\/p><p style=\"text-align: right\"><strong>Benazir<br>\nAutorin f&#xFC;r Novastan.org, Usbekistan<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Redaktion: Stephan Sprichmann<br>\n<\/strong><\/p>\n<p>*<em>Die Namen wurden ge&#xE4;ndert<\/em><\/p>\n<p><!--End mc_embed_signup--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Baumwollanbau ist eine der wichtigsten Landwirtschaftsbranchen Usbekistans. Doch die Erntemethoden sind stark umstritten. Ein Bericht von den Feldern.<\/p>\n","protected":false},"author":311,"featured_media":999,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[1316,1289,751],"coauthors":[1311,1315],"class_list":["post-998","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-usbekistan","tag-baumwolle","tag-usbekistan","tag-wirtschaft"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/998","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/311"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=998"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/998\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/999"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=998"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=998"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=998"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=998"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}