{"id":9537,"date":"2017-06-28T13:40:01","date_gmt":"2017-06-28T11:40:01","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=9537"},"modified":"2023-08-20T16:51:31","modified_gmt":"2023-08-20T14:51:31","slug":"erinnerungen-an-den-tadschikischen-burgerkrieg-der-krieg-begann-mit-den-containern-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/tadschikistan\/erinnerungen-an-den-tadschikischen-burgerkrieg-der-krieg-begann-mit-den-containern-23\/","title":{"rendered":"Erinnerungen an den tadschikischen B\u00fcrgerkrieg: &#8222;Der Krieg begann mit den Containern&#8220; (2\/3)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em><b>Sie freuten sich &#xFC;ber den ausfallenden Unterricht, spielten Seilspringen, w&#xE4;hrend sie stundenlang auf die Brotrationen warteten und teilten sich zu zweit ein paar Rollschuhe. Au&#xDF;erdem suchten sie Arbeit, studierten und bekamen Kinder. Das&#xA0;<\/b><strong><a href=\"https:\/\/news.tj\/ru\/news\/tajikistan\/society\/20170617\/lyudi-grazhdanskoi-voini-chem-nam-zapomnilis-strashnie-90-e\">tadschikische Nachrichtenportal Asia Plus<\/a><\/strong><b>&#xA0;hat Erz&#xE4;hlungen aus dem Alltag der Tadschiken w&#xE4;hrend des B&#xFC;rgerkriegs gesammelt, der vor 20 Jahren zu Ende ging. Wir &#xFC;bersetzen sie mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<\/b><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Infolge umstrittener Pr&#xE4;sidentschaftswahlen kam es im Mai 1992 in Tadschikistan zu Ausschreitungen, die in einen&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tadschikischer_B%C3%BCrgerkrieg\">B&#xFC;rgerkrieg<\/a>&#xA0;eskalierten. Es stehen sich zwei Lager gegen&#xFC;ber: auf der einen Seite die Kommunisten, die von der Regierung unterst&#xFC;tzt wurden, auf der anderen eine Oppositionskoalition, angef&#xFC;hrt von der Partei der Islamischen Wiedergeburt, die seit 2015 verboten ist.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Die Oppositionskoalition bestand haupts&#xE4;chlich aus Tadschiken aus dem Pamir und aus der Gharm-Region, der urspr&#xFC;nglich politische Konflikt bekommt so dar&#xFC;ber hinaus eine starke regionale und ethnische Dimension. Die Friedensvertr&#xE4;ge, die am 27. Juni 1997 unterzeichnet wurden sahen eine Quote von 30% innerhalb der Regierung f&#xFC;r die Opposition vor, doch noch mehrere Monate nach der Unterzeichnung wurde die Hauptstadt Duschanbe von w&#xE4;hrend des B&#xFC;rgerkriegs gegr&#xFC;ndeten Milizen und Mafias kontrolliert.&#xA0;Der tadschikische B&#xFC;rgerkrieg dauerte von Mai 1992 bis Juni 1997 und forderte 50 bis 100.000 Todesopfer.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Zwanzig Jahre nach den Friedensvertr&#xE4;gen ver&#xF6;ffentlicht Asia Plus Erz&#xE4;hlungen aus dem Alltag der Menschen, der trotz des Krieges irgendwie weiterging. Diese verschiedenen Erz&#xE4;hlungen liefern ebenso viele Perspektiven auf die Realit&#xE4;t des Krieges.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Im ersten Teil der Erz&#xE4;hlungen erinnerte sich die&#xA0;<b><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/tadschikistan\/erinnerungen-an-den-burgerkrieg-die-redakteurin-sebo-tadschibajewa-13\/\">Redakteurin Sebo Tadschibajewa<\/a>.&#xA0;<\/b><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Die Korrespondentin Lilija Gajsina&#xA0;<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">F&#xFC;r mich begann der Krieg mit den Containern. Genauer gesagt, als ich verstand, was diese verdammten Container mit den blutigen Ereignissen zu tun hatten. Obwohl mir nicht genau einleuchtete, was es mit den Ereignissen auf sich hatte, merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Mal brachte ein Nachbar, mal ein anderer, mal mehrere auf einmal diese metallischen Beh&#xE4;ltnisse in unseren Innenhof und f&#xFC;llten sie mit allem, was aus ihrer Wohnung dort hineinpasste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir halfen eifrig, standen uns gegenseitig auf den F&#xFC;&#xDF;en, regten uns tierisch &#xFC;ber diese Container auf. Dann schlossen sich die metallischen T&#xFC;ren mit einem Knirschen und eine meiner Freundinnen wurde ganz verwirrt von ihren Eltern aus dem Innenhof gef&#xFC;hrt und mit Koffern, Papagei- und Hamsterk&#xE4;figen, mit Hunden und Katzen weggebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Erst ging eine Freundin auf diese Art, dann eine zweite, eine dritte, eine vierte. Von den ganzen M&#xE4;dchen mit ewig wunden, gr&#xFC;nen Knien, mit denen wir Puppen spielten und den Jungs, die uns immer &#xE4;rgerten, die man uns aber als zuk&#xFC;nftige Ehem&#xE4;nner vorstellte, blieben zum Anfang des Krieges nur zwei: Galjka und ich. Wir teilten uns ein paar laute Roller, mit denen wir &#xFC;ber die Str&#xE4;&#xDF;chen zwischen den H&#xE4;usern donnerten. Um unsere &#xC4;rmel waren B&#xE4;nder gewickelt: Mal wei&#xDF;e, mal hellblaue, mal rote. Die Erwachsenen trugen sie so, und wir auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mit dem Essen wurde es immer schwerer. Ich &#xE4;rgerte mich, als mein Lieblingsbrot aus den Rationen verschwand. Anfangs schl&#xFC;rfte ich Kefir (wie dumm ich war!) und verzichtete auf Suppe (Idiotin!), verlangte einen zweiten Kefir. Den gab es schon nicht mehr und bald gab es auch keine Suppen mehr. Meine Launen h&#xF6;rten auf. Ich wei&#xDF; noch, wie meine Mutter mit anerkennender Stimme meine Oma in der K&#xFC;che sagte, Liljka sei ganz hungrig zu Bett gegangen und h&#xE4;tte nichts gesagt. Ich war unglaublich stolz auf mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/tadschikistan\/tadschikistan-der-unvergessliche-horror-des-burgerkriegs\/\">Der unvergessliche Horror des B&#xFC;rgerkriegs<\/a>&#xA0;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Galjka und ich erfanden ein neues Spiel: Wir setzten uns mit dem &#x201E;Buch &#xFC;ber leckeres und gesundes Essen&#x201C; an den Hauseingang, bl&#xE4;tterten darin und zeigten dabei auf die Seiten &#x2013; &#x201E;das ist meins&#x201C;, &#x201E;und das ist meins&#x201C;. Auf den Seiten waren W&#xFC;rste mit gr&#xFC;nen Erbsen abgebildet, Dosen mit rotem und schwarzem Kaviar, Schinken, Torten, Kuchen. Mama trat aus der Wohnung und sagte ganz besch&#xE4;mt: &#x201E;Lilj, es reicht, auf ins Gesch&#xE4;ft!&#x201C; Ich sprang schnell nach Hause, nahm mein Sprungseil mit und stapfte zum &#x201E;Selbsbedienungsgesch&#xE4;ft&#x201C;, also in den Hintereingang eines leeren Ladens. Dort standen Leute schon Schlange, am Abend wurde eine Brotlieferung aus &#x201E;Chlebobulka&#x201C; erwartet. Einst (vor sehr langer Zeit, wie es schien) wurden dort die leckeren &#x201E;Ogonjok&#x201C; Torten und krosse Baguettes gebacken. Zu der Zeit kamen von dort nur angebackene, unf&#xF6;rmige &#x201E;Batons&#x201C;. Aber eines von ihnen zu ergattern war nun schon ein Gl&#xFC;ck. F&#xFC;r dieses &#x201E;Gl&#xFC;ck&#x201C; standen wir lange Stunden in der Schlange. Zuerst spielten wir&#xA0; Seilspringen, dann setzten wir uns auf einen Baum. Bei der D&#xE4;mmerung spielten wir verstecken. Das Brot kam und kam nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Mama, ich will nach Hause, darf ich?&#x201C;, st&#xF6;hnte Galjka. Sie war etwas j&#xFC;nger, als ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Wie, nach Hause? Dann bekommen wir weniger Brot&#x201C;, bekam sie als Antwort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ehrlich gesagt, hatten wir es damals satt, drau&#xDF;en zu stehen. Noch ein paar Monate zuvor gingen wir wie getriebene raus, sp&#xE4;ter wollten wir nur noch nach Hause oder wenigstens in die Schule. Anfangs freuten wir uns laut &#xFC;ber die ausgefallenen Schulstunden, danach trauerten wir ihnen nach. Wir hatten die Abenteuer satt, wollten essen und leben, wie fr&#xFC;her.<\/p>\n<figure style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/cd\/RIAN_archive_699865_Dushanbe_riots%2C_February_1990.jpg\" alt=\"B&#xFC;rgerkrieg Tadschikistan Duschanbe Erz&#xE4;hlungen\" width=\"1024\" height=\"697\"\/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Die Hauptstadt Duschanbe w&#xE4;hrend des B&#xFC;rgerkrieges<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Wie fr&#xFC;her, das ging nicht mehr. Bald musste ich nicht einmal mehr den M&#xFC;ll heraustragen.&#xA0; Die M&#xFC;llcontainer waren nur ein paar Schritte weit weg, aber Oma ging selbst. Ich protestierte, wollte diese einst gehasste Aufgabe unbedingt weiter durchf&#xFC;hren, wie fr&#xFC;her. Es wurde mir nicht erlaubt. Oma ging schnell mit den M&#xFC;lleimern &#xFC;ber die leere Stra&#xDF;e und ich schaute ihr aus dem Fenster dabei zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Einmal machte sie pl&#xF6;tzlich halt. Ich beobachtete, dass sie neben einem Typen stand, der aus irgendeinem Grund auf dem Boden lag. Sie tastete ihn an und ging weiter. Als sie mit leeren M&#xFC;lleimern zur&#xFC;ckkam, nahm sie ein sauberes wei&#xDF;es Bettlacken aus dem Schrank und kehrte zur&#xFC;ck Richtung Stra&#xDF;e. Meiner Frage, wo sie denn hin wolle, wich sie aus. Sie ging zu dem Mann auf dem Boden und bedeckte ihn vom Kopf ab mit dem Laken, ich beobachtete das aus dem Fenster. Warum, erz&#xE4;hlte sie mir nicht. Aber ich verstand es trotzdem. Noch lange danach f&#xFC;rchtete ich mich davor, an diesem Ort vorbeizugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Oma respektierte meine Angst. Als wir mit schweren Taschen voller Kristallwaren und Zeitschriften zu Verkaufen zum Basar gingen, umgingen wir den Ort immer, auch wenn das einen Umweg bedeutete. Die Taschen waren so schwer, dass sie sich bis zum Blut in die Handfl&#xE4;che schnitten. Leicht zu verkaufende G&#xFC;ter wie Gold, Silberbesteck, Seidenlaken und gestickten Tischdecken (die als meine Mitgift vorgesehen waren) hatten wir schon lange zuvor teuer verkauft. Es blieb nur das Kristall und die B&#xFC;cher. Oma sorgte sich mehr um die B&#xFC;cher. Zuerst nahm sie die, von denen wir verschiedene Ausgaben hatten, dann die, die nicht so interessant waren, dann die, die sie schon zehn mal gelesen hatte. Doch der Krieg ging immer weiter und auch alle anderen B&#xFC;cher mussten weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/tadschikistan\/erinnerungen-an-den-burgerkrieg-die-redakteurin-sebo-tadschibajewa-13\/\">Erinnerungen an den Tadschikischen B&#xFC;rgerkrieg &#x201E;Die Kugeln fliegen schneller als man rennen kann&#x201C; Teil 1\/3<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Eines Abends nahm sie zehn neuere B&#xFC;cher einer Buchreihe mit rotem Buchband aus dem Regal: &#x201E;Die Abenteuer von Tomek im Land der Kangoroos&#x201C;, &#x201E;Die Abenteuer von Tomek auf dem schwarzen Kontinent&#x201C;, &#x201E;Tomek sucht den Yeti&#x201C;, &#x201E;Tomek am Amazonas&#x201C; usw. Von Alfred Schkljarskij. Sie stellte alle B&#xFC;cher vor mich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Lil&#x2019;ka, lies! Wir m&#xFC;ssen sie auch verkaufen, sonst bleibt uns nichts mehr.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich fing an zu lesen. Die Abenteuer von Tomek aus Polen raubten mir den Atem! Ich las voller Gier und h&#xE4;tte am liebsten jede Seite mehrmals gelesen. Oma rief mich zur Eile und fragte jeden Tag, wie weit ich gekommen war. Schlie&#xDF;lich hatte ich das letzte Buch, &#xAB;Tomek bei Grand-Tschako&#xBB; zu Ende gelesen und gab alle B&#xFC;cher weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Oma legte sie in eine Tasche und wir brachten sie zum Basar. Normalerweise trug ich schwere Taschen hin und betete, dass sie auf den R&#xFC;ckweg leichter sein m&#xF6;gen. Normalerweise wurden meine Gebete nicht erh&#xF6;rt. Diesmal jedoch bat ich um nichts, und es funktionierte. Wir haben alle B&#xFC;cher der Tomek-Reihe auf einmal verkauft. Ich habe nie mehr von seinen Abenteuern gelesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich war 15 als der Krieg endlich zu Ende ging. Ich hatte solche Erfahrungen hinter mir, dass &#xAB;Tomek unter den Menschenj&#xE4;gern&#xBB; mich nicht mehr beeindruckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Im russischen Original auf <a href=\"https:\/\/news.tj\/ru\/news\/tajikistan\/society\/20170617\/lyudi-grazhdanskoi-voini-chem-nam-zapomnilis-strashnie-90-e\">Asia Plus&#xA0;<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Russischen &#xFC;bersetzt von Florian Coppenrath<\/strong><\/p>\n<p><em>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei <a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>, <a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company-beta\/5246815\/\">Linkedin<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>&#xA0;<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie freuten sich &#xFC;ber den ausfallenden Unterricht, spielten Seilspringen, w&#xE4;hrend sie stundenlang auf die Brotrationen warteten und teilten sich zu zweit ein paar Rollschuhe. Au&#xDF;erdem suchten sie Arbeit, studierten und bekamen Kinder. Das&#xA0;tadschikische Nachrichtenportal Asia Plus&#xA0;hat Erz&#xE4;hlungen aus dem Alltag der Tadschiken w&#xE4;hrend des B&#xFC;rgerkriegs gesammelt, der vor 20 Jahren zu Ende ging. 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