{"id":898,"date":"2015-12-13T12:00:00","date_gmt":"2015-12-13T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=898"},"modified":"2016-10-06T18:43:14","modified_gmt":"2016-10-06T16:43:14","slug":"die-kirgisischen-gefngnisse-zufluchtsort-fur-schwerkriminelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/die-kirgisischen-gefngnisse-zufluchtsort-fur-schwerkriminelle\/","title":{"rendered":"Die kirgisischen Gef\u00e4ngnisse \u2013 Zufluchtsort f\u00fcr Schwerkriminelle?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Trotz vieler Bem&#xFC;hungen schafft es die kirgisische Regierung nicht, ihre Gef&#xE4;ngnisse zu reformieren. Die Gef&#xE4;ngnisse, die noch zu Sowjetzeiten erbaut wurden, beherbergen heute hoch organisierte Gefangene, die nicht davor zur&#xFC;ckschrecken, Unruhen zu provozieren, sobald die Beh&#xF6;rden ihre Haftbedingungen in Frage stellen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In der Nacht vom 19. Oktober <a href=\"http:\/\/www.rferl.org\/content\/kyrgyzstan-another-fugitive-captured\/27320452.html\">gelang neun Insassen<\/a> einer kirgisischen Haftanstalt der Ausbruch. Auf ihrer Flucht t&#xF6;teten sie drei W&#xE4;chter und verletzten einen weiteren kritisch, der seinen Verletzungen sp&#xE4;ter erlag. Mittlerweile wurden alle Fl&#xFC;chtenden von den kirgisischen Sicherheitskr&#xE4;ften entweder get&#xF6;tet oder festgenommen. Am 20. November wurde der Direktor des Gef&#xE4;ngnisses der gefl&#xFC;chteten Insassen in seiner Zelle <a href=\"http:\/\/www.rferl.org\/content\/kyrgyz-prison-warden-hanged-jailbreak\/27377683.html\">erh&#xE4;ngt aufgefunden<\/a>. Der Mann war zuvor im Zusammenhang mit der Untersuchung des Ausbruchs festgenommen worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Diese dramatischen Ereignisse, die in Kirgistan stark mediatisiert wurden, l&#xE4;sst die Kontroverse &#xFC;ber die Leistung des Gef&#xE4;ngnissystems des Landes wieder aufflammen. Im Gegensatz zu westlichen Gef&#xE4;ngnissen lassen die kirgisischen Anstalten den Gef&#xE4;ngnissen gro&#xDF;e Freiheit, die in offenen R&#xE4;umen, ohne Einzelzellen, ausgelebt werden k&#xF6;nnen. <a href=\"https:\/\/fu-berlin.academia.edu\/GavinSlade\">Gavin Slade<\/a>, ein Forscher an der Freien Universit&#xE4;t Berlin, hat sich des Themas angenommen. Novastan.org sprach mit ihm auf einer Konferenz in Paris, die von der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe f&#xFC;r Zentralasien organisiert wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Gef&#xE4;ngnisse &#x201E;&#xE0; la Gulag&#x201C;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gavin Slade vergleicht die Auswirkungen der Gef&#xE4;ngnisreformen auf organisierte Kriminalit&#xE4;t in drei verschiedenen L&#xE4;ndern der Sowjetunion: Litauen, Georgien und Kirgistan. Diese beiden Themen, die selten im selben Rahmen diskutiert werden, sind immer noch tief in der Logik der Regierungen der Regierung der ehemaligen Sowjetunion verankert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1053\/prison_image2.jpeg\" alt=\"Gef&#xE4;ngnis Kirgistan\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach dem Fall der Sowjetunion begannen die neuen politischen Beh&#xF6;rden drastische Reformen, so auch im Gef&#xE4;ngnissystem. Diese Notwendigkeit einer Gef&#xE4;ngnisreform stammt von der Tatsache, dass es zunehmend schwieriger wurde, kriminelle Gruppen, die in Gef&#xE4;ngnissen entstanden, zu bek&#xE4;mpfen. Gef&#xE4;ngnisstrukturen &#x201E;&#xE0; la Gulag&#x201C; unterst&#xFC;tzen die Bildung einer hartn&#xE4;ckigen Subkultur Gefangener noch zus&#xE4;tzlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der kasachische Abgeordnete Schakip Asanow sieht die Quelle dieser Subkultur in den Gulag-&#xE4;hnlichen Strukturen, die auf gro&#xDF;en Innenh&#xF6;fen und Schlafs&#xE4;len f&#xFC;r 50 bis 100 Personen basieren. Ein solcher Aufbau erm&#xF6;glicht es den Gefangenen, selbst das Gef&#xE4;ngnis zu steuern. Gavin Slade schlie&#xDF;t daraus, dass das einzige Gegenmittel f&#xFC;r diese Machtkrise ist, auf Einzelhaft umzusteigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Die Verschlechterung der Gef&#xE4;ngnisstrukturen nach dem Ende der UdSSR<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gavin Slades Forschung zeigt, dass die kirgisischen Gef&#xE4;ngnisstrukturen sich nach dem Fall der Sowjetunion verschlechtert haben. Die Insassen schufen die Barrieren zwischen den H&#xF6;fen ab, sodass der f&#xFC;r die Koordinierung eines Widerstands gegen&#xFC;ber der Reformen n&#xF6;tige Austausch und die Kommunikation unter Gefangenen erleichtert wurden. Die kirgisischen Gef&#xE4;ngnisse wurden tats&#xE4;chlich Schauplatz mehrerer Aufst&#xE4;nde anl&#xE4;sslich jedes Versuchs einer Reform. Im Jahr 2012 n&#xE4;hten sich mehrere hundert Insassen die <a href=\"http:\/\/www.bbc.com\/news\/world-asia-16722757\">Lippen zusammen<\/a>, als Zeichen ihres Protests gegen eine Reform, die sie als weitere Verschlechterung ihrer ohnehin schon schwierigen Lebensbedingungen wahrgenommen hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Laut Gavin Slade gibt es noch andere Faktoren, die diesen Widerstand st&#xE4;rken. Die kirgisischen Gef&#xE4;ngnisse sind nicht gleichm&#xE4;&#xDF;ig im Land verteilt, sondern konzentrieren sich in einer einzigen Region: in Chui, im Norden Kirgistans.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 378px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1053\/prison_image_3.png\" alt=\"Gef&#xE4;ngnis Kirgistan\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zehn von elf Gef&#xE4;ngnissen befinden sich in dieser Region; die meisten von ihnen sind sogar durch nur eine einzige Bahnlinie verbunden. Dies erleichtert die Koordinierung einer Protestbewegung unter den Gefangenen. Dar&#xFC;ber hinaus gibt es nur ein Krankenhaus f&#xFC;r kranke Insassen. Mit R&#xFC;ckgriff auf Korruption kann jeder Gefangener das Krankenhaus besuchen. Es ist gleichzeitig auch ein Ort der Begegnung f&#xFC;r m&#xF6;gliche Austausche zwischen den Gef&#xE4;ngnissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Gef&#xE4;ngnis Nr. 1, ein kriminelles Koordinierungszentrum<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein weiterer strategischer Ort ist das Gef&#xE4;ngnis Nr. 1, oder SIZO Nr. 1 (f&#xFC;r <em>Sledstwennyj Isoljator<\/em>, Untersuchungshaft), eine von der kriminellen Elite Kirgistans geleitete Koordinationsstelle. W&#xE4;hrend eines Gefangenentransportes, oder bei Ankunft von Neulingen, werden die Insassen zuerst in das SIZO Nr. 1 &#xFC;berf&#xFC;hrt, bevor sie von der besagten kriminellen Elite auf die anderen Gef&#xE4;ngnisse verteilt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch die Gruppenbildung wird durch das Untersuchungsgef&#xE4;ngnis Nr. 1 gesteuert. Generell neigen Gruppen dazu, sich nach Religions- oder ethnischer Zugeh&#xF6;rigkeit zu bilden. Im Gef&#xE4;ngnis hingegen ist es die kriminelle Elite, die diese Faktoren durchmischt. Dies tr&#xE4;gt dazu bei, die Ordnung aufrechtzuerhalten, ein einziges Machtzentrum zu sichern, und Konflikte zwischen den Gruppen zu vermeiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Die kriminelle Elite st&#xFC;tzt Gefangene<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gavin Slade versucht au&#xDF;erdem zu verstehen, warum die Gefangenen diese kriminelle Elite des Gef&#xE4;ngnisses unterst&#xFC;tzen und warum sie sich der Haft-Subkultur freiwillig unterwerfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Den ersten Ergebnissen seiner Forschung zufolge, in der er kirgisische, litauische und georgische Gef&#xE4;ngnisse vergleicht, scheint der Hauptgrund eine Frage der Legitimit&#xE4;t zu sein. Die von der kirgisischen Regierung erbrachten Sozialleistungen sind d&#xFC;rftig. 2006 wurde den Gef&#xE4;ngnissen zum Beispiel ein Budget von 11.250$ f&#xFC;r die Renovierung der Geb&#xE4;ude erteilt. Nach Aussagen der Gefangenen (von Gavin Slade zitiert) wurden nur 2% f&#xFC;r die Sanierung verwendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch das Essen wird vor allem durch den sogenannten &#x201E;obshak&#x201C;, ein Fonds aus Sammlungen von Gefangenen, zur Verf&#xFC;gung gestellt. Das Essen wird vor allem durch diese Sammlung finanziert, deren Hauptquelle die monatlichen Zahlungen <a href=\"http:\/\/rus.azattyk.mobi\/a\/27120109.html\">in H&#xF6;he von 400 Som<\/a> (5.30 Euro) sind, die jeder Gefangene einzahlt. Die Unterwerfung unter die kriminelle Elite garantiert ein stabileres Umfeld. Die Regeln sind klar abgesteckt, was dazu beitr&#xE4;gt, eine gewisse Unsch&#xE4;rfe, oft gleichbedeutend mit Gewalt, zu vermeiden. So f&#xFC;rchten Insassen weniger Gewalt oder sozialen Druck, vor allem an einem Ort, wo es kein Verstecken gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der letzte Grund f&#xFC;r diese Unterst&#xFC;tzung der Gefangenen einer von der kriminellen Elite erschaffenen Ordnung ist die Kultur der Strafe. Die Einzelhaft, wie sie in westlichen Gef&#xE4;ngnissen praktiziert wird, wird als eine zu schwere Strafe angesehen. Bestrafung sollte in kollektiver Weise ausge&#xFC;bt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Die Gef&#xE4;ngnisse &#x2013; eine Herausforderung f&#xFC;r den kirgisischen Staat<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Forschung von Gavin Slade zeigt den Doppeldiskurs der vergangenen kirgisischen Regierungen. Kirgistan, das stark auf internationale Hilfe angewiesen ist, um sein Gef&#xE4;ngnissystem zu finanzieren, ruft vor internationalen Gremien Menschenrechte und das Wohlergehen der Gefangenen in Erinnerung. Aber wenn es sich darum handelt, sich an ein kirgisisches Publikum zu richten, &#xE4;ndert sich die Sprache schlagartig und weist auf die Gefahr des aktuellen Gef&#xE4;ngnissystems f&#xFC;r die gesamte Bev&#xF6;lkerung hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In der Zukunft k&#xF6;nnte sich Kirgistan ein Beispiel an seinen Nachbarn nehmen. Wenn es dem Beispiel Georgiens folgt, das hei&#xDF;t, Reformen durchzusetzen, jedoch mit massiver <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/georgien-gewalt-ist-teil-des-systems\/7185000.html\">Gewalt als Preis<\/a>, w&#xE4;re das eine erneute Niederlage f&#xFC;r Gavin Slade. Genau genommen erzielte diese Methode nicht die erw&#xFC;nschten Resultate &#x2013; ganz im Gegenteil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sollte Kirgistan hingegen dem Beispiel Litauens folgen, dem zweiten Objekt der Forschung Slades, w&#xFC;rde das Land versuchen, die Gr&#xF6;&#xDF;e seiner Gef&#xE4;ngnisse schrittweise zu verringern. Das Problem: dies w&#xFC;rde strenger administrativer Kontrolle bed&#xFC;rfen, f&#xFC;r die Kirgistan gro&#xDF;e Ausgaben machen m&#xFC;sste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Letztlich gibt es noch ein anderes Beispiel, das der Dominikanischen Republik: eine neue Anstalt zu bauen und diese nach und nach mit Gefangenen zu f&#xFC;llen. Bis jetzt scheint in Kirgistan aber noch nichts entschieden zu sein. In der Zwischenzeit &#xFC;bernehmen Vereine das Ruder: im Jahr 2014 wurde eine Rehabilitationszentrum f&#xFC;r jugendliche Gefangene unter der Leitung von <a href=\"http:\/\/birduino.kg\/\">Bir Duino<\/a> er&#xF6;ffnet, eine der gr&#xF6;&#xDF;ten Menschenrechtsvereinigungen Kirgistans.<\/p>\n<p>&#xA0;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Gulkaiyr Magnolia<\/strong><br>\n<strong>Journalistin f&#xFC;r Novastan.org in Paris<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem franz&#xF6;sischen &#xFC;bersetzt von Vanessa Graf<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz vieler Bem&#xFC;hungen schafft es die kirgisische Regierung nicht, ihre Gef&#xE4;ngnisse zu reformieren.<\/p>\n","protected":false},"author":318,"featured_media":899,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1359,1218,690,689],"coauthors":[1275,1149],"class_list":["post-898","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kirgistan","tag-forschung","tag-gefangnis","tag-kirgistan","tag-politik"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/898","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/318"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=898"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/898\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/899"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=898"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=898"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=898"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=898"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}