{"id":8603,"date":"2017-04-18T12:00:29","date_gmt":"2017-04-18T10:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=8603"},"modified":"2017-04-18T07:24:16","modified_gmt":"2017-04-18T05:24:16","slug":"keine-lust-auf-korruption-vom-alai-zum-studium-nach-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/keine-lust-auf-korruption-vom-alai-zum-studium-nach-deutschland\/","title":{"rendered":"Keine Lust auf Korruption: Vom Alai zum Studium nach Deutschland"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Aiperi Sulaimanowa wurde im Bezirk Alai in der Region Osch, in S&#xFC;dkirgistan geboren. Um der Korruption an kirgisischen Hochschulen zu entgehen und eine gute Ausbildung zu bekommen entschied sie sich f&#xFC;r ein Studium in Deutschland. Das Interview erschien im russischen Original zuerst auf <a href=\"http:\/\/www.turmush.kg\/ru\/news:1372085?from=kgnews&amp;place=nowread\">Turmush.kg<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Aiperi, man sagt der Weg in die Welt beginnt im Dorf. Wo hast du deine Kindheit verbracht?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich wurde im Dorf Schergetal im Bezirk Alai geboren. Ich bin das dritte von f&#xFC;nf Kindern in der Familie. Meine Kindheit verbrachte ich in einem Tal im Hochgebirge. Die Schule war im Nachbarsdorf, deshalb brauchte ich jeden Tag 30 Minuten, um zur Schule zu kommen. Meine Schule stammte noch aus Sowjetzeiten. Dort wurden 1000 Sch&#xFC;ler unterrichtet. Meinen Abschluss machte ich mit Auszeichnung. Ich lernte besser im Vergleich zu meinen Mitsch&#xFC;lern, aber dennoch wusste ich vieles nicht und hatte noch viel zu lernen.<\/p>\n<p><em><strong>Was hast du nach dem Schulabschluss gemacht?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Viele zogen es vor, in Dschalalabat oder in Osch zu studieren. Aber mich schreckte der lange Weg und die Tatsache, dass wir keine Verwandten in Bischkek hatten, nicht ab. Also habe ich mich an der Bischkeker Universit&#xE4;t f&#xFC;r Geisteswissenschaften (BGU) an der Fakult&#xE4;t f&#xFC;r Journalismus eingeschrieben. Ich habe dieses Fach gew&#xE4;hlt, denn ich habe mich schon in der Schule f&#xFC;r Literatur und Sprache sehr interessiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber nach einem Jahr beschloss ich, mein Studienfach zu wechseln. Mich hat die Korruption, mit der ich konfrontiert wurde, frustriert. Niemand hat mich direkt nach Geld gefragt, aber ich habe gesehen, wie meine Professoren und Lehrer von anderen Studenten Geld annahmen. So habe ich jeglichen Respekt verloren, den ich f&#xFC;r sie hatte. Ich begann, solche Dozenten einfach als gew&#xF6;hnliche Kriminelle zu betrachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Letztendlich habe ich beschlossen, diese Hochschule zu verlassen. Au&#xDF;erdem schien mir, dass Journalismus sich zu sehr auf den t&#xE4;glichen Newsfeed&#xA0; beschr&#xE4;nkt, die Ausbildung war mir zu allgemein. Im Jahr 2008 habe ich mich dann an der Fakult&#xE4;t f&#xFC;r Finanzen an der Kirgisisch-T&#xFC;rkischen Universit&#xE4;t &#x201E;Manas&#x201C; eingeschrieben, die ich 2012 mit Auszeichnung abschlossen habe. An dieser Hochschule hat mir die Unbestechlichkeit der Dozenten und die M&#xF6;glichkeit, internationale Verbindungen aufzubauen, gefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Wie und mit welchem Ziel bist Du nach Deutschland gegangen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Seit meiner Kindheit habe ich davon getr&#xE4;umt, in der Hauptstadt zu studieren und dann ins Ausland zu gehen, um mich weiterzuqualifizieren. Aber anfangs wusste ich nicht, wie ich diesen Traum in die Realit&#xE4;t h&#xE4;tte umsetzten k&#xF6;nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/tadschikistan\/aus-den-augen-aus-dem-sinn\/\">Aus den Augen, aus dem Sinn. Warum viele junge Tadschiken ihr Land verlassen wollen&#xA0;<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als ich an der &#x201E;Manas&#x201C; studierte, habe ich regelm&#xE4;&#xDF;ig Zusatzkurse besucht, in denen ich Englisch, T&#xFC;rkisch und Koreanisch gelernt habe und mich auf den GRE und GMAT (Eignungstests f&#xFC;r englischsprachige Masterstudieng&#xE4;nge) vorbereitete. Durch sie habe ich die M&#xF6;glichkeit bekommen, Ausl&#xE4;nder und junge Leute, die im Ausland studiert haben, kennenzulernen. Ich begann, Programme zu suchen, mit denen ich ins Ausland gehen konnte. Daf&#xFC;r habe ich ganze zwei Jahre gebraucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Schlie&#xDF;lich habe ich die Zusage f&#xFC;r ein kostenloses Studium an zwei Hochschulen in Deutschland und an einer in Malaysia bekommen. Ich w&#xE4;hlte die Universit&#xE4;t Siegen in Deutschland. Mein Hauptziel war es, eine Ausbildung zu erhalten, die internationalen Standards entspricht, um sp&#xE4;ter eine der besten Spezialistinnen in meinem Gebiet zu werden. An der Universit&#xE4;t Siegen habe ich einen Master in Makro- und Mikro&#xF6;konomie gemacht. So habe ich die Gelegenheit bekommen, die Mechanismen der Realwirtschaft systematisch zu erlernen und zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Was machst du in Deutschland neben dem Studium?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich arbeite vollzeit in einem internationalen Unternehmen in der Finanzabteilung als Finanzkauffrau und studiere zus&auml;tzlich teilzeit an der HWR Berlin, die einen Business-Fokus hat, um meine Kenntnisse in deutschem Steuerrecht zu vertiefen . Ich habe mich f&uuml;r diese Hochschuleinrichtung entschieden, weil sie mit den gro&szlig;en Unternehmensberatungen Ernst &amp; Young, Deloitte und PwC zusammenarbeitet. Au&szlig;erdem wird dort auf Deutsch und Englisch unterrichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Kannst du etwas &#xFC;ber die Unterschiede in den Bildungssystemen von Kirgistan und Deutschland erz&#xE4;hlen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es gibt gro&#xDF;e Unterschiede. Ich werde auf ein paar davon eingehen. In Deutschland ist die Ausbildung an staatlichen Hochschulen generell kostenlos. Aber nicht nur der Staat investiert in Bildung, auch Vertreter der Privatwirtschaft haben ein Interesse daran, hochqualifizierte Fachkr&#xE4;fte f&#xFC;r auszubilden. Sie arbeiten direkt mit den Universit&#xE4;ten zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gro&#xDF;e Unternehmen wie die Deutsche Bank, Daimler, DHL, Audi, BASF oder Bayer organisieren eigene Bachelorprogramme. Die Studenten f&#xFC;r diese Ausbildungsprogramme w&#xE4;hlen sie selbst aus. Im Schnitt vergeben diese Unternehmen Stipendien in H&#xF6;he von 1000 Euro. Die Firmen nutzen die Universit&#xE4;ten, um ihre zuk&#xFC;nftigen Mitarbeiter auszubilden. Die Studenten &#xA0;studieren sechs Monate theoretisch, und dann weitere sechs Monate in der Praxis.<\/p>\n<p>Noch ein Beispiel: F&#xFC;r die meisten Berufe absolviert man eine dreij&#xE4;hrige Ausbildung. An die Hochschule geht man, wenn man eine akademische Karriere machen will. An deutschen Universit&#xE4;ten muss man sich voll und ganz dem Studium widmen, sonst schafft man es nicht. So zu lernen, wie es die Studenten in Kirgistan tun, funktioniert hier nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>Wie sehen die Besch&#xE4;ftigungsm&#xF6;glichkeiten f&#xFC;r Absolventen in Deutschland aus?<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In Deutschland ist die Arbeitslosenquote niedrig und qualifiziertes Personal wird immer gebraucht. Aber wie auf allen Arbeitsm&#xE4;rkten herrscht auch hier viel Konkurrenz. Auf eine gute Stelle bewerben sich nicht nur Deutsche, sondern auch Fachkr&#xE4;fte aus vielen anderen L&#xE4;ndern. Der Auswahlprozess kann manchmal bis zu sechs Monate dauern. Bei der Auswahl wird viel Wert auf die Ausbildung der Bewerber gelegt. In Deutschland schauen sie auf dein Diplom. Wenn du gute oder &#xFC;berdurchschnittliche Noten hast, wirst du wahrscheinlich die erste Stufe des Bewerbungsprozesses bestehen. Danach werden in der Regel Onlinetests, Telefoninterviews und verschiedene Aufgaben durchgef&#xFC;hrt. Die letzte Etappe ist dann ein pers&#xF6;nliches Gespr&#xE4;ch mit dem Manager.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In Deutschland gibt es keine &#x201E;Lieblinge&#x201C; und kein &#x201E;sich beim Chef einschleimen&#x201C;. Alle sind hier gleichberechtigt und es z&#xE4;hlt nur, wie du arbeitest. Aber in Deutschland gibt es hohe Steuer- und Sozialabgaben, weil der Staat versucht die Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern. Manchmal zahlt man bis zu 53 Prozent Abgaben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>An welche interessanten Vorf&#xE4;lle kannst Du dich w&#xE4;hrend deiner Zeit in Deutschland erinnern?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich habe hier viele unvergessliche Tage verbracht. Aber am Anfang hat es mich sehr &#xFC;berrascht, dass der M&#xFC;ll in f&#xFC;nf verschiedene Sorten getrennt wird. Man verh&#xE4;lt sich in diesem Punkt sehr verantwortungsbewusst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Welchen Rat kannst Du der heutigen Jugend geben?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Fast alle haben die M&#xF6;glichkeit, im Ausland zu studieren. Man muss sich daf&#xFC;r anstrengen und sich nicht scheuen viel Zeit und M&#xFC;hen darin zu investieren. Klar ist alles einfacher, wenn man aus einer reichen Familie kommt. Aber auch wenn man aus einfachen Verh&#xE4;ltnissen kommt, ist es m&#xF6;glich, durch eigene Arbeit Erfolg zu haben. Es ist auch ohne viel Geld m&#xF6;glich im Ausland zu studieren.<\/p>\n<p>Zeit ist eine sehr wichtige Ressource und sie sollte richtig verwendet werden. Ich rate jungen Leuten, statt f&#xFC;r teure Handys und sch&#xF6;ne Kleidung lieber Geld f&#xFC;r Bildung auszugeben, denn die wird sich irgendwann ganz sicher auszahlen. Und ich m&#xF6;chte noch hinzuf&#xFC;gen, dass es &#xFC;berall in der Welt Schlechtes gibt. Schlechtes und schlechte Menschen findet man auch in Amerika und Europa, man sollte sich also nicht beklagen, sondern einfach mit gutem Beispiel vorangehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn ihr im Ausland seid, denkt daran, dass ihr nicht nur f&#xFC;r euch selbst verantwortlich seid, sondern auch euer Land repr&#xE4;sentiert, also verhaltet euch entsprechend. Wenn ihr etwas Schlechtes tut, erinnern sie sich vielleicht nicht mehr an euren Namen, aber sie vergessen nicht, dass ihr aus Kirgistan kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Mit Aiperi sprach die Redaktion von <a href=\"http:\/\/www.turmush.kg\/ru\/news:1372085?from=kgnews&amp;place=nowread\">Turmush.kg<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Russischen von Alexandra Wedl<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aiperi Sulaimanowa wurde im Bezirk Alai in der Region Osch, in S&#xFC;dkirgistan geboren. Um der Korruption an kirgisischen Hochschulen zu entgehen und eine gute Ausbildung zu bekommen entschied sie sich f&#xFC;r ein Studium in Deutschland. Das Interview erschien im russischen Original zuerst auf Turmush.kg. Aiperi, man sagt der Weg in die Welt beginnt im Dorf. [&#x2026;]<\/p>\n","protected":false},"author":383,"featured_media":8629,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1279,1117,690,1303,1406],"coauthors":[1747],"class_list":["post-8603","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kirgistan","tag-deutschland","tag-gesellschaft","tag-kirgistan","tag-migration","tag-studium"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8603","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/383"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8603"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8603\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8629"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8603"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8603"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8603"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=8603"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}