{"id":8494,"date":"2017-04-05T06:44:02","date_gmt":"2017-04-05T04:44:02","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=8494"},"modified":"2017-04-05T06:44:02","modified_gmt":"2017-04-05T04:44:02","slug":"vom-mythos-seidenstrasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/uigurische-region\/vom-mythos-seidenstrasse\/","title":{"rendered":"Vom Mythos Seidenstra\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Die Seidenstra&#xDF;e erlaubte den Handel und die Kommunikation zwischen verschiedenen Zivilisationen, war aber ebenso Wegbereiter f&#xFC;r Krankheiten und Parasiten. Die Ergebnisse einer arch&#xE4;ologischen Studie stellen den Mythos der Seidenstra&#xDF;e als Goldenes Zeitalter Zentralasiens in ein neues Licht. <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Eine Gruppe aus britischen und chinesischen Arch&#xE4;ologen konnte Darmbakterien in 2000 Jahre alten menschlichen Exkrementen nachweisen. Diese wurden bei Ausgrabungen im Dorf Xuanquanzhi &#x2013; einer alten Station auf einer der Routen der Seidenstra&#xDF;e an der Ostgrenze zur Taklamakanw&#xFC;ste &#x2013; auf gerollten Bambusbl&#xE4;ttern, einer Art antikem Toilettenpapier, in der chinesischen Provinz Gansu gefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Eine Stra&#xDF;e f&#xFC;r Seide und Infektionen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In ihrer Studie, die im vergangenen Jahr im <a href=\"http:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S2352409X1630164X\">Journal of Archeological Science<\/a> erschienen ist,&#xA0; f&#xFC;hren die Arch&#xE4;ologen die Herkunft der entdeckten Parasiteneier auf einen Saugwurm zur&#xFC;ck, der in den chinesischen Sumpfgebieten vorkommt und gemeinhin als Chinesischer Leberegel bekannt ist. Demnach kommen die Eier aus der Region Guangdong, 2000 Kilometer entfernt vom Dorf Xuanquanzhi, in welchem die Arch&#xE4;ologen die Eier fanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Seidenstra&#xDF;e steht bereits im Verdacht, den urspr&#xFC;nglich aus Zentralasien stammenden &#xDC;bertr&#xE4;ger der <a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Pest#Beulenpest\">Beulenpest<\/a> im 14. Jahrhundert nach Europa transportiert zu haben, sowie zu verschiedenen Zeitenpunkten Lepra und Milzbrand. Bis vor kurzem hatten die Arch&#xE4;ologen allerdings keine greifbaren Beweise f&#xFC;r die Verbreitung von Infektionskrankheiten zwischen Asien und Europa gefunden. Die Entdeckung derartiger Parasiten in menschlichen Exkrementen, die auf das 1. Jahrhundert nach Christus datiert und einer Station entlang der Seidenstra&#xDF;e zugeordnet werden k&#xF6;nnen, ist ein Novum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Der Mythos von der Seidenstra&#xDF;e und dem Goldenen Zeitalter Zentralasiens<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Bildung der zentralasiatischen Nationalstaaten hat reichlich dazu beigetragen, die Seidenstra&#xDF;e als ein Goldenes Zeitalter der Region zu konstruieren, in dem Karawanen die erlesensten G&#xFC;ter transportierten: Gew&#xFC;rze, kostbare Edelsteine, Porzellan und Seide. Zahllose internationale Projekte, die eine moderne Seidenstra&#xDF;e und damit die Verbindung von Europa und Asien &#xFC;ber den Landweg zum Ziel haben, haben den Mythos Seidenstra&#xDF;e zus&#xE4;tzlich befeuert. Das bekannteste davon ist das chinesische Projekt &#x201E;Silk Road Economic Belt&#x201C; oder zu deutsch &#x201E;Neue Seidenstra&#xDF;e&#x201C;, f&#xFC;r das China Milliarden in die Infrastruktur der post-sowjetischen zentralasiatischen Staaten investieren will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/wie-die-neue-seidenstrae-zentralasien-verndern-wurde\/\">Wie die &#x201E;neue Seidenstra&#xDF;e&#x201C;&#xA0;Zentralasien ver&#xE4;ndern k&#xF6;nnte<\/a> <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In der Diskussion um die Seidenstra&#xDF;e wird aber oft die historische Realit&#xE4;t vergessen: die Seidenstra&#xDF;e bestand aus einem Netz aus vielen verschiedenen und h&#xE4;ufig wechselnden Strecken, die oftmals von Angreifern genutzt wurden. Wie die Entdeckungen in China zeigen, trug das alte Streckennetz auch seinen Anteil zu der Verbreitung von Infektionskrankheiten bei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Der Begriff Seidenstra&#xDF;e verbirgt einen Gro&#xDF;teil der historischen Realit&#xE4;t Zentralasiens. Laut <\/em><a href=\"https:\/\/www.college-de-france.fr\/site\/frantz-grenet\/Biographie.htm\">Frantz Grenet<\/a> vom Lehrstuhl &#x201E;Geschichte und Kultur des vor-islamischen Zentralasiens&#x201C; am <a href=\"https:\/\/www.college-de-france.fr\/site\/en-college\/\">Coll&#xE8;ge de France<\/a> erscheint der Begriff Seidenstra&#xDF;e, der 1877 von dem deutschen Geographen und Expeditionsreisenden <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ferdinand_von_Richthofen\">Ferdinand Von Richthofen<\/a> gepr&#xE4;gt wurde, &#x201E;<em>etwas langweilig und abgenutzt<\/em>&#x201C;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In seiner <a href=\"http:\/\/books.openedition.org\/cdf\/3594\">Antrittsrede zum Lehrstuhlinhaber<\/a> am Coll&#xE8;ge de France im Mai 2013 betonte Frantz Grenet, das heutige Konzept der Seidenstra&#xDF;e &#x201E;<em>verschleiert die Tatsache, [&#x2026;], dass Seide seinen chinesischen Produzenten nicht dazu diente, Profit zu machen, sondern schlicht und einfach eine W&#xE4;hrung zur Bezahlung von Angestellten und zur Entrichtung an fremde Herrscher war, vor allem f&#xFC;r die der bedrohlichen Nomadenv&#xF6;lker. Es waren <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/fact\/sogdien\/\">sogdische<\/a> H&#xE4;ndler, die sie unterwegs entdeckten, und begannen, mit ihr zu handeln. Es scheint jedoch nicht, als w&#xE4;re der Seidenhandel seit jeher ihre haupts&#xE4;chliche Besch&#xE4;ftigung gewesen. Briefwechseln und Zollregistern nach k&#xF6;nnten sie sich gut und gerne auch die Herren der Moschus- oder der Sandelholzsta&#xDF;e nennen. In jedem Fall handelten sie mit Produkten in kleinen Mengen und von geringem Gewicht, verglichen mit modernem Handel, deren Preis fast ausschlie&#xDF;lich symbolisch war. Auch wenn der Fernhandel durch die Kontakte, die durch ihn entstanden, einen enormen Beitrag zur religi&#xF6;sen, literarischen und k&#xFC;nstlerischen Kultur Zentralasiens leistete, muss man sich von dem Gedanken l&#xF6;sen, er w&#xE4;re jemals die haupts&#xE4;chliche Grundlage der Wirtschaft der Region gewesen.<\/em>&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Eher ein Kanal f&#xFC;r Fr&#xFC;chte denn eine Seidenstra&#xDF;e<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Idee einer Seidenstra&#xDF;e verbirgt <a href=\"http:\/\/books.openedition.org\/cdf\/3594\">nach Frantz Grenet<\/a> die eigentliche wirtschaftliche Grundlage, die zur Entwicklung reicher und ber&#xFC;hmter alter Oasenst&#xE4;dte wie Samarkand, Merw oder Urumqi f&#xFC;hrten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Grund f&#xFC;r die wirtschaftliche Entwicklung Zentralasiens ist nicht der Handel. Stattdessen sind es die &#x201E;<em>heutzutage wieder begonnenen Arbeiten der Kanalarbeiter &#x2013; oder, wie man sagen m&#xF6;chte: Hydraulikingenieure, denn ihre Expertise braucht den Vergleich mit moderner Technologie nicht zu scheuen. Hier zeigt sich ein, den Verh&#xE4;ltnissen entsprechender, Genie besonders in der Pflanzenzucht und -anpassung, vor Allem der der Fr&#xFC;chte<\/em>&#x201C;, welche die wirtschaftliche Entwicklung der Region antrieb.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8496\" aria-describedby=\"caption-attachment-8496\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-8496\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/04\/Antiquities_of_Samarkand._Bridge_of_Shadman_Malik._View_from_the_North_WDL3872.png\" alt=\"Bew&#xE4;sserung Samarkand Usbekistan\" width=\"800\" height=\"642\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/04\/Antiquities_of_Samarkand._Bridge_of_Shadman_Malik._View_from_the_North_WDL3872.png 800w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/04\/Antiquities_of_Samarkand._Bridge_of_Shadman_Malik._View_from_the_North_WDL3872-300x241.png 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/04\/Antiquities_of_Samarkand._Bridge_of_Shadman_Malik._View_from_the_North_WDL3872-768x616.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-8496\" class=\"wp-caption-text\">Ein Bew&#xE4;sserungssystem aus dem 16. Jahrhundert in Samarkand, Usbekistan<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Tats&#xE4;chlich sind es die unwirtlichen W&#xFC;stenregionen, in denen die gro&#xDF;en historischen St&#xE4;dte Zentralasiens florierten &#x2013; dort wo Wasser die knappste und wertvollste Ressource war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach der Neuorganisation der Bew&#xE4;sserungssysteme durch russische Kolonisateure Ende des 19. Jahrhunderts &#x2013; die nur noch ein Schatten dessen waren, was sie in der Antike waren &#x2013; bis zur Entwicklung des hydraulischen Potentials der Region durch die Sowjets, ist Wasser erneut eines der gro&#xDF;en wirtschaftlichen Probleme und Machtfaktoren der Region geworden. Heute sind die verbliebenen sowjetischen Bew&#xE4;sserungssysteme in sehr schlechtem Zustand, was zu einer <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/das-wasser-fehlt-kirgistan-vor-der-energiekrise\/\">wenig effektiven Landwirtschaft<\/a> und der Zerst&#xF6;rung des Bodens f&#xFC;hrt. Die schlechte Nutzung des Wassers hat den gr&#xF6;&#xDF;ten Teil Zentralasiens in eine Abh&#xE4;ngigkeitssituation und Nahrungsknappheit gef&#xFC;hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Anstatt den Mythos der Seidenstra&#xDF;e wieder aufleben zu lassen &#x2013; welcher ehrlicherweise sowohl Infektionen und Krankheiten als auch gro&#xDF;e Reicht&#xFC;mer und politische Instabilit&#xE4;t beinhalten muss &#x2013; w&#xE4;re es vielleicht angebracht, in die Bew&#xE4;sserung von landwirtschaftlichen Fl&#xE4;chen zu investieren. Denn die seit der Unabh&#xE4;ngigkeit bestehenden Grenzen trennen die f&#xFC;r den wirtschaftlichen Erfolg Zentralasiens so wichtigen Wasserressourcen voneinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Die Redaktion von Novastan.org<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Franz&#xF6;sischen von Janny Schulz<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Seidenstra&#xDF;e erlaubte den Handel und die Kommunikation zwischen verschiedenen Zivilisationen, war aber ebenso Wegbereiter f&#xFC;r Krankheiten und Parasiten. Die Ergebnisse einer arch&#xE4;ologischen Studie stellen den Mythos der Seidenstra&#xDF;e als Goldenes Zeitalter Zentralasiens in ein neues Licht. Eine Gruppe aus britischen und chinesischen Arch&#xE4;ologen konnte Darmbakterien in 2000 Jahre alten menschlichen Exkrementen nachweisen. 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