{"id":8042,"date":"2017-03-23T16:25:42","date_gmt":"2017-03-23T15:25:42","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=8042"},"modified":"2017-03-23T16:25:42","modified_gmt":"2017-03-23T15:25:42","slug":"leben-und-sterben-in-batbakkarinsk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/leben-und-sterben-in-batbakkarinsk\/","title":{"rendered":"Leben und Sterben in Batbakkarinsk"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Die Kollektivierung und die damit verbundene Hungersnot in Kasachstan ist noch heute pr&#xE4;sent. Robert Kindler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universit&#xE4;t zu Berlin, widmet dem Thema seine Doktorarbeit, die auch als Buch unter dem Titel &#x201E;Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan&#x201C; erschienen ist. <a href=\"http:\/\/daz.asia\/blog\/leben-und-sterben-in-batbakkarinsk\/\">Sein Artikel <\/a>erschien zuerst in der Deutschen Allgemeinen Zeitung in Almaty und wird von uns mit freundlicher Genehmigung der Redaktion &#xFC;bernommen.&#xA0;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Anfang der 1930er Jahre brach &#xFC;ber die Bev&#xF6;lkerung Kasachstans das Unheil herein. Zwangskollektivierung, Kampagnen gegen &#x201E;Kulaken&#x201C; und &#x201E;Bais&#x201C;, massenhafte Enteignungen sowie die Sesshaftmachung der nomadischen Bev&#xF6;lkerung l&#xF6;sten eine verheerende Hungersnot aus, der mehr als 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Diese Katastrophe war Teil jener gesamtsowjetischen Hungersnot der Jahre 1932-1933, die neben Kasachstan insbesondere die Ukraine, den Nordkaukasus und das Wolgagebiet traf. Insgesamt kamen in diesen Jahren f&#xFC;nf bis sieben Millionen Menschen ums Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Folgen einer halsbrecherischen Politik<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Verantwortung f&#xFC;r diese pr&#xE4;zedenzlose Trag&#xF6;die trugen zweifellos der sowjetische Diktator Joseph Stalin und seine engste Umgebung. Sie waren es, die die r&#xFC;cksichtslose Kollektivierung der Landwirtschaft und die Beschlagnahmung von Getreide und Vieh vorantrieben und auch dann nicht von ihren Forderungen ablie&#xDF;en, als die Folgen dieser halsbrecherischen Politik absehbar waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sie nahmen die Verelendung und den Hungertod der Bev&#xF6;lkerung in Kauf, weil sie darin einen akzeptablen Preis f&#xFC;r die Durchsetzung ihrer Ziele sahen: Die vollst&#xE4;ndige Kollektivierung der Landwirtschaft, die Vernichtung der &#x201E;Kulaken als Klasse&#x201C; sowie die Finanzierung ihres ehrgeizigen Industrialisierungsprogramms, das den r&#xFC;ckst&#xE4;ndigen sowjetischen Staat in die Moderne katapultieren sollte. F&#xFC;r die Landbev&#xF6;lkerung waren die Folgen dieser zynischen Politik gravierend, und sie ver&#xE4;nderten die Strukturen der sowjetischen Landwirtschaft f&#xFC;r immer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch bei Novastan:&#xA0;<a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/langer-weg-nach-hause-wie-kasachstan-fur-sowjetische-deutsche-ein-zuhause-wurde\/\">Langer Weg nach Hause &#x2013; Wie Kasachstan ein Zuhause f&#xFC;r sowjetische Deutsche wurde<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wie aber entwickelte sich aus der Kollektivierungskampagne die verheerende Hungersnot? Und: Welche Folgen hatte sie f&#xFC;r die Bev&#xF6;lkerung? Am Beispiel des Kreises Batbakkarinsk, dem heutigen Kreis Amangel&#x2019;dinsk im S&#xFC;dosten der Oblast&#x2019; Kustanaj, will ich exemplarisch zeigen, wie die kasachischen Halbnomaden ins Verderben gest&#xFC;rzt wurden. Die Vorg&#xE4;nge in Batbakkarinsk waren furchtbar, aber sie waren keineswegs au&#xDF;ergew&#xF6;hnlich. &#xC4;hnliches ereignete sich in allen Teilen Kasachstans.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>&#x201E;Der sowjetische Staat und seine Institutionen waren den Nomaden fremd.&#x201C;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach dem Ende des B&#xFC;rgerkriegs spielte die Sowjetmacht im Leben dieses abgelegenen Kreises keine besondere Rolle. Auf einer Fl&#xE4;che von rund 22.000 Quadratkilometern lebte die rein kasachische Bev&#xF6;lkerung fast ausschlie&#xDF;lich von den Ertr&#xE4;gen ihrer Viehzucht. Die meisten Kasachen waren Halb&#x2013; oder Vollnomaden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn sie mit Vertretern des Staates in Verbindung kamen, so waren dies allenfalls punktuelle Kontakte, bei denen es um die Einziehung von Abgaben und Steuern ging. Dass die Bolschewiki den Kommunismus errichten wollten, davon hatten die meisten Bewohner des Kreises Batbakkarinsk niemals geh&#xF6;rt und wenn, so hatten sie keine Vorstellung, was sich hinter diesem abstrakten Begriff verbergen mochte. Der sowjetische Staat und seine Institutionen waren den Nomaden fremd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Stalinsche &#x201E;Revolution von oben&#x201C; und Widerstand der Nomaden<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mit der stalinschen &#x201E;Revolution von oben&#x201C; Ende der 1920er Jahre &#xE4;nderte sich die Situation grundlegend. &#xDC;berall im Lande begannen nun Kampagnen gegen &#x201E;reiche&#x201C; Bauern und Nomaden, die so genannten &#x201E;Kulaken&#x201C; und &#x201E;Bais&#x201C;. Beides waren in erster Linie politische Kampfbegriffe, mit denen tats&#xE4;chliche und vermeintliche Gegner der sowjetischen Ordnung stigmatisiert werden sollten. Vieh und Getreide wurden beschlagnahmt und &#x201E;Kulaken&#x201C; aus ihren Heimatregionen verwiesen oder in die Lager des GULag gesperrt. Doch diese Attacken des Staates auf die Landbev&#xF6;lkerung riefen auch Widerstand hervor. So war es auch in Batbakkarinsk.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8044\" aria-describedby=\"caption-attachment-8044\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-8044\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/03\/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_02.jpg\" alt=\"Archivdokumente &#xFC;ber die Region Batbak-karinsk aus dem Gosudarstvennyj Archiv Aktjubinskoj oblasti.\" width=\"800\" height=\"678\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/03\/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_02.jpg 800w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/03\/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_02-300x254.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/03\/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_02-768x651.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-8044\" class=\"wp-caption-text\">Archivdokumente &#xFC;ber die Region Batbak-karinsk aus dem Gosudarstvennyj Archiv Aktjubinskoj oblasti.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Als hier Anfang November 1929 eine Reihe bekannter und wohlhabender Nomaden verhaftet und ihr gesamtes Vieh konfisziert wurde, taten sich einige hundert M&#xE4;nner zusammen, &#xFC;berfielen das Kreiszentrum und verhafteten lokale Vertreter des sowjetischen Partei&#x2013; und Staatsapparates. Einige Kommunisten schlossen sich den Aufst&#xE4;ndischen an, die gro&#xDF;e Pl&#xE4;ne hatten, aber nur &#xFC;ber wenige und veraltete Waffen verf&#xFC;gten. Deshalb fiel es den gut ausger&#xFC;steten sowjetischen Truppen leicht, den Widerstand zu brechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aus der Perspektive der sowjetischen Beh&#xF6;rden handelte es sich bei den Aufst&#xE4;ndischen um &#x201E;Konterrevolution&#xE4;re&#x201C;, die den Herrschaftsanspruch der Sowjetmacht in Frage stellten und zugleich die Besitzverh&#xE4;ltnisse vor der Kollektivierung wiederherstellen wollten. Die Reaktion des Staates auf den Aufstand war drakonisch. Mehr als 100 M&#xE4;nner wurden zum Tode verurteilt und weitere 170 erhielten Haftstrafen. Ein Zeitzeuge erinnerte sich Jahrzehnte sp&#xE4;ter, dass viele Beteiligte ohne jeden Prozess in der Steppe erschossen und verscharrt wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der &#x201E;Aufstand von Batbakkarinsk&#x201C; reiht sich ein in eine Vielzahl &#xE4;hnlicher Episoden in den Jahren 1929-1931, als sich &#xFC;berall in Kasachstan und der gesamten Sowjetunion Bauern und Nomaden verzweifelt gegen den drohenden Verlust ihrer Lebensgrundlagen zur Wehr setzten. F&#xFC;r sich genommen, stellten die meisten dieser lokalen Erhebungen kein Problem f&#xFC;r den sowjetischen Staat dar, doch insgesamt bedeutete der massenhafte Widerstand der Landbev&#xF6;lkerung eine ernste Herausforderung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Stalin reagierte darauf im M&#xE4;rz 1930 in der Parteizeitung &#x201E;Prawda&#x201C; mit seinem ber&#xFC;hmten Artikel &#x201E;Vor Erfolgen von Schwindel befallen&#x201C;, in dem er den radikalsten Exzessen der Kollektivierungskampagne zeitweise einen Riegel vorschob. Doch lange hielt diese Atempause nicht an. Schon bald ging die Jagd nach Getreide und Fleisch sowie auf &#x201E;Feinde&#x201C; der Kolchosordnung unvermindert weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>&#x201E;Blutiges Quartal in Batbakkar&#x201C;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch in Batbakkarinsk, so hie&#xDF; es in einem Bericht, waren die Kolchosen unter Zwang entstanden: <em>&#x201E;Nicht ein Kolchos im Kreis ist freiwillig organisiert worden, nicht ein einziger Viehhalter hat seine Tiere vergesellschaftet und nicht ein einziger kasachischer Viehhirte ist freiwillig in den Kolchos eingetreten.<\/em>&#x201C; Zugleich versuchten die Beh&#xF6;rden den Ablieferungsplan f&#xFC;r Vieh zu erf&#xFC;llen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Weil sich aber Ende 1931 abzeichnete, dass dieses Ziel nicht erreicht werden konnte, griff die Kreisf&#xFC;hrung zu radikalen Ma&#xDF;nahmen. Viele Kasachen wurden nun willk&#xFC;rlich zu den &#x201E;Ausbeutern&#x201C; gez&#xE4;hlt, ihnen wurden alle Tiere genommen, und man schloss sie aus den Kolchosen aus. Unter den Bedingungen der &#xD6;konomie der Steppe war dies gleichbedeutend mit dem vollst&#xE4;ndigen Ruin. Im Volksmund wurden die Monate dieses erbarmungslosen Vorgehens als &#x201E;blutiges Quartal in Batbakkar&#x201C; bezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/stalins-erbe-in-kasachstan\/\">Stalins Erbe in Kasachstan<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zugleich versuchten viele Kasachen ihre Tiere vor dem Zugriff der Kommunisten in Sicherheit zu bringen oder, wenn das nicht m&#xF6;glich war, zu verkaufen oder zu schlachten. Die Schlachtungen nahmen derartige Ausma&#xDF;e an, dass die Kreisf&#xFC;hrung grunds&#xE4;tzlich verbot, Tiere zu t&#xF6;ten und damit begann, s&#xE4;mtliche Fleischprodukte zu beschlagnahmen. Immer mehr Familien versuchten, der drohenden Katastrophe zu entfliehen. Seit Beginn des Jahres 1932 nahm die Fluchtbewegung in andere Regionen Kasachstans oder in andere Unionsrepubliken immer mehr zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Massenhafter Hunger<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Schon zuvor hatte schwerer Mangel geherrscht, aber 1932 begann im Kreis Batbakkarinsk der massenhafte Hunger. Die Vorr&#xE4;te gingen zur Neige und die Menschen verzehrten, was immer sie finden konnten. Im November 1932 hie&#xDF; es in einem Bericht der sowjetischen Geheimpolizei OGPU, dass der Kreis Batbakkarinsk neben einigen anderen Kreisen zu den vom Hunger besonders betroffenen Gebiete geh&#xF6;re, in denen es praktisch kein Vieh mehr g&#xE4;be und die Felder nicht bestellt worden seien. Weiter war dort zu lesen:<em> &#x201E;Die Bev&#xF6;lkerung hungert. Die Kasachen ern&#xE4;hren sich von Wurzeln, die sie in der Steppe sammeln, Zieseln und M&#xE4;usen. Die Geb&#xE4;ude der Kreisverwaltung sind mit Hungernden &#xFC;berf&#xFC;llt, die dort versterben. [&#x2026;] Im Kreis Batbakkarinsk sind insgesamt 8400 Menschen ohne Getreide.&#x201C;<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_8045\" aria-describedby=\"caption-attachment-8045\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-8045\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/03\/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03.jpg\" alt=\"Archivdokumente &#xFC;ber die Region Batbak-karinsk aus dem Gosudarstvennyj Archiv Aktjubinskoj oblasti\" width=\"800\" height=\"1234\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/03\/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03.jpg 800w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/03\/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03-194x300.jpg 194w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/03\/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03-768x1185.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/03\/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03-664x1024.jpg 664w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-8045\" class=\"wp-caption-text\">Archivdokumente &#xFC;ber die Region Batbak-karinsk aus dem Gosudarstvennyj Archiv Aktjubinskoj oblasti<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Elend der Bev&#xF6;lkerung nahm unvorstellbare Ausma&#xDF;e an. Tausende Menschen verhungerten, und die Beh&#xF6;rden waren nicht in der Lage, die Zahl der Toten zu registrieren. Im Fr&#xFC;hjahr 1933 waren in einigen Teilen des Kreises nur noch knapp 25 Prozent der Bev&#xF6;lkerung am Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Kasachische Wirtschaft am Boden<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Hungersnot war nicht nur f&#xFC;r die betroffenen Menschen eine Katastrophe, sondern sie war auch ein &#xF6;konomisches Desaster. Die einstmals riesigen Viehherden Kasachstans schmolzen in rasantem Tempo zusammen und zerst&#xF6;rten damit die Grundlagen der kasachischen Wirtschaft. Die sowjetische F&#xFC;hrung um Stalin war zwar bereit, Millionen von Menschenleben zu opfern, aber den v&#xF6;lligen Zusammenbruch der Landwirtschaft konnte sie nicht akzeptieren. Vor allem deshalb wurde bereits im Sp&#xE4;tsommer 1932 ein Programm initiiert, mit dem einerseits Lebensmittelhilfen f&#xFC;r die Hungernden organisiert wurden und das andererseits die teilweise Verteilung der vergesellschafteten Viehbest&#xE4;nde an die Bev&#xF6;lkerung vorsah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Hilfe war in vielen F&#xE4;llen unzureichend, und oft kam sie zu sp&#xE4;t. H&#xE4;ufig erreichte sie nicht die &#xC4;rmsten, sondern diente der Versorgung von B&#xFC;rokraten und Bediensteten des sowjetischen Staates. Dennoch: dort, wo verarmte Kasachen ein oder zwei Tiere aus den Kolchosbest&#xE4;nden erhielten, bedeutete dies f&#xFC;r viele von ihnen die Rettung vor dem Hungertod. Ein Mann aus Batbakkarinsk erkl&#xE4;rte: <em>&#x201E;Wenn ich eine Milchkuh bekommen w&#xFC;rde, w&#xE4;re ich der gl&#xFC;cklichste Mensch, und meine Familie w&#xE4;re versorgt.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Doch f&#xFC;r die Menschen, die selbst nichts hatten, war es unsagbar schwer, die Tiere &#xFC;ber die Wintermonate zu bringen. Viele schlachteten daher die K&#xFC;he, Ziegen oder Schafe, obwohl dies streng verboten war und schwerste Strafen nach sich zog. Ungeachtet solcher Probleme waren es gerade diese an die Familien verteilten Tiere, die das &#xDC;berleben abertausender Menschen sicherten und zugleich Reste der kasachischen Viehbest&#xE4;nde bewahrte. Das sowjetische Kolchossystem hatte sich daf&#xFC;r als unf&#xE4;hig erwiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Hungerfl&#xFC;chtlinge<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zu den gr&#xF6;&#xDF;ten Problemen mit denen die Beh&#xF6;rden im Kreis Batbakkarinsk konfrontiert waren, geh&#xF6;rten die kasachischen Hungerfl&#xFC;chtlinge, die so genannten &#x201E;otkochevniki&#x201C;. Diese Menschen hatten in der Regel alles verloren. Die meisten unter ihnen besa&#xDF;en keinerlei Vorr&#xE4;te und viele waren aufgrund des Hungers zu geschw&#xE4;cht, um auf den Kolchosfeldern zu arbeiten. Im Fr&#xFC;hherbst 1933 zeigte sich, dass trotz anderslautender Direktiven bislang nur wenig f&#xFC;r die Unterst&#xFC;tzung der Fl&#xFC;chtlinge getan worden war. Weder waren f&#xFC;r sie H&#xE4;user in ausreichender Zahl vorhanden, noch gab es Brennmaterial f&#xFC;r &#xD6;fen und Herde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zugleich vermutete der Staat selbst unter diesen verelendeten Menschen noch Feinde. In einem Bericht zur Lage der otkochevniki hie&#xDF; es, dass bei der Verteilung von Nahrungsmitteln an die Fl&#xFC;chtlinge genau darauf zu achten sei, dass keine &#x201E;sozial fremden Elemente&#x201C; und &#x201E;b&#xF6;sartigen Bais&#x201C; Lebensmittelhilfe erhielten. Und ganz grunds&#xE4;tzlich gelte folgendes: <em>&#x201E;Die Ansicht, dass der Staat die Bev&#xF6;lkerung mit allem notwendigen versorgen m&#xFC;sse, muss man kr&#xE4;ftig bek&#xE4;mpfen. Stattdessen muss man die Massen organisieren und mobilisieren, um die inneren M&#xF6;glichkeiten des Kreises auszusch&#xF6;pfen, und diese M&#xF6;glichkeiten gibt es ohne Zweifel.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Angesichts der fortdauernden Not der Bev&#xF6;lkerung war dies eine vollkommen zynische Einsch&#xE4;tzung der realen Lage, die zugleich offenbarte, das Hilfe von au&#xDF;en in gr&#xF6;&#xDF;erem Ma&#xDF;e nicht zu erwarten war. Vielmehr sollten, so dekretierten es die Beh&#xF6;rden, alle Anstrengungen unternommen werden, um den Ackerbau in der Steppe zu forcieren. Daf&#xFC;r sei es notwendig, Kan&#xE4;le und Bew&#xE4;sserungsgr&#xE4;ben zu graben. Um die Bev&#xF6;lkerung zu dieser anstrengenden Arbeit zu motivieren, sollten Lebensmittelhilfen und Vieh als Belohnung ausgelobt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Opfer einer erbarmungslosen Politik<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es lag in der Logik des stalinistischen Regimes, dass nicht die F&#xFC;hrer des Staates, sondern Funktion&#xE4;re vor Ort f&#xFC;r die desastr&#xF6;sen Zust&#xE4;nde verantwortlich gemacht wurden. Sie waren es, die Direktiven &#x201E;von oben&#x201C; umsetzen mussten und f&#xFC;r ihre Nichterf&#xFC;llung zur Rechenschaft gezogen wurden. Derart unter Druck gesetzt, verloren auch die Verantwortlichen im Kreis Batbakkarinsk jedes Ma&#xDF;. Zugleich nutzten sie ihre scheinbar grenzenlose Macht dazu, sich selbst und ihre Anh&#xE4;nger zu versorgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als sich der Wind 1933 zu drehen begann, wurde ihnen ihr Verhalten w&#xE4;hrend der Kollektivierung und der entstehenden Hungersnot zum Verh&#xE4;ngnis. Es fehle, so hie&#xDF; es, an &#x201E;lebendiger F&#xFC;hrung&#x201C; der Massen durch die Partei, die &#xF6;rtlichen Apparate seien &#x201E;durchsetzt&#x201C; mit &#x201E;sozial-fremden Elementen, die bis in die letzte Zeit auf f&#xFC;hrenden Posten&#x201C; gewirkt h&#xE4;tten, und niemand habe die Initiative zur S&#xE4;uberung der Organisationen ergriffen. Angesichts solcher Vorw&#xFC;rfe war es nur eine Frage der Zeit, dass die meisten der Batbakkarinsker M&#xE4;chtigen den Parteis&#xE4;uberungen zum Opfer fielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als die Hungersnot endete, war der Kreis Batbakkarinsk, ebenso wie alle anderen Regionen Kasachstans auch, wirtschaftlich am Ende. Von den Viehherden der Nomaden hatten nur kleine Best&#xE4;nde &#xFC;berlebt, die Landwirtschaft lag weitgehend brach und andere Wirtschaftszweige, etwa der Fischfang oder die Jagd auf wilde Steppentiere waren kaum entwickelt. Die Bev&#xF6;lkerung lebte in Armut und hatte kaum das N&#xF6;tigste zum &#xDC;berleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es sollte Jahrzehnte dauern, bis sich Gesellschaft und Landwirtschaft von den Exzessen der Kollektivierung und den Verlusten der Hungersnot erholt hatten. Verantwortlich f&#xFC;r diese Verelendung war die gewaltsame Politik des sowjetischen Staates gegen&#xFC;ber der Bev&#xF6;lkerung der Steppe. Die Menschen waren zu Opfern einer erbarmungslosen Politik geworden, f&#xFC;r die der Einzelne keine Bedeutung hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Robert Kindler<br>\n<a href=\"http:\/\/www.his-online.de\/verlag\/9010\/programm\/detailseite\/publikationen\/stalins-nomaden\/?sms_his_publikationen%5BbackPID%5D=1252&amp;cHash=7771bcb967f5d214b6a1e281ddf1e5a7\">Herrschaft und Hunger in Kasachstan<\/a>, erschienen M&#xE4;rz 2014<\/strong><br>\n<strong><a href=\"http:\/\/daz.asia\/blog\/leben-und-sterben-in-batbakkarinsk\/\">Deutsche Allgemeine Zeitung in Almaty<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kollektivierung und die damit verbundene Hungersnot in Kasachstan ist noch heute pr&#xE4;sent. Robert Kindler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universit&#xE4;t zu Berlin, widmet dem Thema seine Doktorarbeit, die auch als Buch unter dem Titel &#x201E;Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan&#x201C; erschienen ist. 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