{"id":8035,"date":"2017-03-21T14:00:08","date_gmt":"2017-03-21T13:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=8035"},"modified":"2017-03-21T14:07:09","modified_gmt":"2017-03-21T13:07:09","slug":"aus-den-augen-aus-dem-sinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/tadschikistan\/aus-den-augen-aus-dem-sinn\/","title":{"rendered":"Aus den Augen, aus dem Sinn"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>&#x201E;Ich will weg&#x201C;, beantwortet Asisa die Frage, was sie nach ihrem Schulabschluss machen m&#xF6;chte. Die tadschikische Sch&#xFC;lerin wei&#xDF; noch nicht, ob oder was sie nach der Schule studiert, sie ist sich aber sicher, sie will nicht in Tadschikistan bleiben. Warum wird das Verlassen des Landes bei den jungen Leuten zu einem Lebensziel? <a href=\"http:\/\/daz.asia\/blog\/aus-den-augen-aus-dem-sinn\/\">Alin Kor hat f&#xFC;r die Deutsche Allgemeine Zeitung<\/a> vier Personen dazu befragt. Wir &#xFC;bernehmen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Asisa besucht die 8. Klasse einer staatlichen Mittelschule in Duschanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan. Mit ihren Mitsch&#xFC;lern kommt sie nicht klar: <em>&#x201E;Sie wollen alle nur heiraten.&#x201C;<\/em> Die Lehrkr&#xE4;fte scheinen bei Asisas Berufswahl nicht hilfreich oder &#xFC;berhaupt nicht daran interessiert zu sein. Die Eltern wollen ihre T&#xF6;chter nach der Schule gl&#xFC;cklich verheiratet sehen. Asizas verheiratete Schwester empfiehlt ihr, etwas zu studieren, womit sie sp&#xE4;ter in einer internationalen Firma in der Hauptstadt arbeiten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest mehr auf Novastan:<a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/tadschikistan\/25-jahre-unabhngigkeit-tadschikistans-komplizierte-geschichte\/\">&#xA0;25 Jahre Unabh&#xE4;ngigkeit: Tadschikistans komplizierte Geschichte<br>\n<\/a><\/strong><br>\n<em>&#x201E;Aber ich will nur weg&#x201C;,<\/em> erz&#xE4;hlt die 14-J&#xE4;hrige. Niedrige L&#xF6;hne, Wohnungsnot, Wehrpflicht und Mangel an M&#xF6;glichkeiten, ein eigenes Gesch&#xE4;ft oder Unternehmen zu gr&#xFC;nden sind die Hauptgr&#xFC;nde der Jugendmigration laut dem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) <a href=\"http:\/\/staging.ilo.org\/public\/libdoc\/ilo\/2010\/455257.pdf\">&#x201E;Migration and Development in Tajikistan &#x2013; Emigration, Return and Diaspora&#x201C;<\/a> von 2010.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Von Plattenbau zu Bauhaus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nigora ist 28 und lebt seit eineinhalb Jahren in Weimar. Sechs Jahre lang hat Nigora Architektur an der Technischen Universit&#xE4;t in Duschanbe studiert. Nach dem Studium arbeitete die junge Architektin f&#xFC;r ein staatliches Projektierungsb&#xFC;ro. W&#xE4;hrend ihrer zweieinhalbj&#xE4;hrigen T&#xE4;tigkeit beendete sie 23 Bauprojekte mit einem monatlichen Lohn in H&#xF6;he von ca. 120 Euro.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;<em>Es gibt keine Zukunft f&#xFC;r mich in Tadschikistan als Frau und Architektin &#x2013; in diesem Bereich herrscht volles Patriarchat. Des Weiteren gibt es keine Entwicklung von Spezialisten &#x2013; der Markt und der Kunde diktieren den Architekten, was sie machen sollen. Es gibt keine Unterst&#xFC;tzung von Kreativit&#xE4;t und Entwicklung der modernen Architektur.&#x201C;<\/em> Nigora ist mit der <em>&#x201E;strengen zentralisierten Kontrolle und dem Druck auf den eigenen Stil der Architektur&#x201C;<\/em> unzufrieden. &#x201E;<em>Das Wichtigste ist nat&#xFC;rlich eine (bisher fehlende) Basis-Schule, in der man eigene F&#xE4;higkeiten schaffen und entwickeln kann.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nicht als Letztes spielt auch die Geldfrage eine Rolle: &#x201E;<em>Ich kann als Architektin verdienen, aber nur, wenn ich die sowjetischen Plattenbauten umsetze, wie der Kunde will.&#x201C;<\/em> Das alles hat Nigora den Weg erleichtert, ihr Zuhause zu verlassen. Heute studiert sie Europ&#xE4;ische Urbanistik an der Bauhaus-Universit&#xE4;t in Weimar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Jovid lebt seinen Pilottraum im Ausland.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Jovid gelang es im Gegenteil schwer, seine Heimat zu verlassen. Der ausgebildete Pilot vom Kyrgyz Aviation College arbeitete vier Jahre lang f&#xFC;r eine tadschikische Fluggesellschaft in Duschanbe. &#x201E;<em>Das war damals schon schwer, in die Fluggesellschaft reinzukommen. Ich hatte keine Beziehungen zu irgendeinem der Mitarbeiter. Alles, was ich hatte, waren sehr gute Noten in meinem Diplom und eine Hoffnung, dass alles, was ich gelernt habe, irgendwo gebraucht wird.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der damalige Flugdirektor pr&#xFC;fte und testete Jovid, worauf er mit 22 Jahren einen Job als Pilot erh&#xE4;lt. Drei Jahre sp&#xE4;ter &#x2013; eine Zeit voller Schwierigkeiten, Konflikte, Dem&#xFC;tigungen und Erniedrigungen, k&#xFC;ndigt er.<em> &#x201E;Ich konnte nicht mehr.&#x201C;<\/em> Er bewirbt sich bei internationalen Fluggesellschaften und bekommt schnell eine Stelle bei der nationalen Fluggesellschaft eines anderen Landes. &#x201E;<em>Es ist nicht gut, wenn dein Schicksal von gierigen und habs&#xFC;chtigen Chefs abh&#xE4;ngt. Wenn du kein &#x201E;extra&#x201C; Einkommen hast, ist jedem egal, was du alles kannst. Niemand braucht dich.&#x201C;<\/em> Der 27-J&#xE4;hrige Pilot wohnt heute mit seiner Familie in Maskat (Oman). &#x201E;<em>Wegen einigen inkompetenten Menschen muss ich heute weit weg von meiner Heimat leben.&#x201C;<br>\n<\/em><br>\n<strong>Brain-Drain in Tadschikistan<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/staging.ilo.org\/public\/libdoc\/ilo\/2010\/455257.pdf\">Laut dem Bericht der ILO <\/a>nehmen tadschikische Hochschulabsolventen und Graduierte im Brain-drain-Prozess am aktivsten teil (Brain-drain ist ein Begriff, der die Auswanderung hochqualifizierter Fachkr&#xE4;fte ins Ausland bezeichnet, Anm. d. Red.). Dazu z&#xE4;hlen auch die besten Graduierten, die mit den Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Tadschikistan unzufrieden sind, sowie auch die, die keinen entsprechenden Job in ihrem beruflichen Bereich finden konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest mehr auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/tadschikistan\/die-tadschiken-aussatzige-in-russland\/\">Die Tadschiken &#x2013; Auss&#xE4;tzige in Russland<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">46% aller tadschikischen Migranten sind laut der <a href=\"http:\/\/www.iom.tj\/pubs\/Impact%20of%20remittances%20in%20Khatlon%20by%20Mughal.pdf\">Internationalen Organisation f&#xFC;r Migration IMO <\/a>unter 30. Nur knapp ein Viertel von ihnen (22.3%) hat einen universit&#xE4;ren Abschluss, drei Viertel (76.2%) haben einen Schulabschluss<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dilbar aus Duschanbe ist Mutter von drei Kindern, und alle drei sind im Ausland. Die Tochter studiert in Kasan (Russland), ein Sohn arbeitet in Toronto (Kanada), und der j&#xFC;ngste Sohn macht sein Bachelorstudium in Deutschland. <em>&#x201E;In einem Land, in dem Korruption im Bildungs&#x2013; und Gesundheitswesen den zweiten und dritten Platz abwechselnd teilen, habe ich keine Zukunft f&#xFC;r meine Kinder gesehen,&#x201C;<\/em> erz&#xE4;hlt die Mutter entt&#xE4;uscht. &#x201E;<em>Ich gab ihnen meinen Segen, das Land zu verlassen, um ihnen damit eine bessere Zukunft zu erm&#xF6;glichen zur Erreichung ihrer Lebensziele.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Alin Kor<\/strong><br>\n<strong><a href=\"http:\/\/daz.asia\/blog\/aus-den-augen-aus-dem-sinn\/\">Deutsche Allgemeine Zeitung,<\/a> Almaty<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#x201E;Ich will weg&#x201C;, beantwortet Asisa die Frage, was sie nach ihrem Schulabschluss machen m&#xF6;chte. 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