{"id":779,"date":"2016-03-16T12:00:00","date_gmt":"2016-03-16T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=779"},"modified":"2016-10-06T07:17:25","modified_gmt":"2016-10-06T05:17:25","slug":"der-is-in-zentralasien-ein-gerucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/der-is-in-zentralasien-ein-gerucht\/","title":{"rendered":"Der IS in Zentralasien &#8211; ein Mythos?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Immer wieder weisen&#xA0;gro&#xDF;e&#xA0;Medien und zentralasiatische&#xA0;Regierungen auf die Bedrohung durch den Islamischen Staat (IS) und seine m&#xF6;gliche Ausbreitung in Zentralasien hin. Die kirgisische Forscherin und Kolumnistin f&#xFC;r das Projekt <a href=\"http:\/\/cesmi.info\/wp\/\">Central Eurasian&#xA0;Scholars and Media Initiative<\/a>, Gulrano Ataeva, ehemals Beraterin der OSZE in Osch, schildert ihre Sichtweise.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich komme aus Osch, einer der religi&#xF6;sesten St&#xE4;dte Kirgistans. Wenn ich Nachrichten &#xFC;ber hunderte M&#xE4;nner und Frauen aus Zentralasien lese, die sich in <a href=\"http:\/\/blog.crisisgroup.org\/europe-central-asia\/2015\/01\/21\/thousands-from-central-asia-joining-islamic-state\/\">Syrien<\/a> dem Dschihad anschlie&#xDF;en, frage ich mich, was diese Geschichten mit meiner eigenen Stadt zu tun haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zentralasien wird in lokalen und westlichen Medien immer wieder als N&#xE4;hrboden f&#xFC;r religi&#xF6;sen Extremismus dargestellt. Es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen, wie diejenigen, die zu oft kollektiv verd&#xE4;chtigt werden, mit extremistischen Bewegungen wie dem IS zu sympathisieren, den Islam tats&#xE4;chlich leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es ist wahr, wenn man durch Osch geht, f&#xE4;llt auf, dass sich immer mehr junge Menschen nach islamischen Regeln kleiden und viele neue Moscheen gebaut werden. Es scheint aber, dass religi&#xF6;se &#xDC;berzeugungen und Praktiken vielmehr im Vertiefen als im Aufkommen begriffen sind, wie der Kommentar einer Frau im Hidschab zeigt: &#x201E;Die Frage ist nicht mehr, ob man einen Hidschab tr&#xE4;gt oder nicht, sondern&#xA0;wie man ihn richtig tr&#xE4;gt.&#x201C; Doch w&#xE4;hrend man vor mehreren Jahren ein religi&#xF6;ses M&#xE4;dchen an ihrem fest sitzenden Kopftuch und ihrer langen Kleidung erkennen konnte, gibt es jetzt verschiedene stilvolle Arten, ein Kopftuch zu tragen und Kleidung, die mit der neuesten Mode mith&#xE4;lt &#x2013; der Islam wird nicht nur st&#xE4;rker, sondern auch diverser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Islam und Selbstfindung<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nat&#xFC;rlich geht es nicht nur um ordentliche Kleidung. Dar&#xFC;ber hinaus gibt es zum Beispiel w&#xF6;chentliche Treffen von Frauen, die unter der Anleitung von Atynchas, weiblichen islamischen Gelehrten, den Koran lesen. Sie sind ein weit verbreitetes Ph&#xE4;nomen in vielen Ortschaften und zumeist wohnen ihnen &#xE4;ltere Frauen bei, die keine Verpflichtungen mehr im Haushalt und der Kinderbetreuung haben. Ich hatte die M&#xF6;glichkeit, den Inhalt, die Form und die Ideologie dieser Treffen zu erleben. Eine Gruppe besteht normalerweise aus einer Atyncha, die den Koran liest, und acht bis zehn Frauen, die ihre Worte nacheinander wiederholen. Sie korrigiert die Aussprache und kommentiert die Intonation der Frauen auf Grundlage des Tadschwid, den Regeln zur richtigen Aussprache und Rezitation des Koran.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sie diskutieren ebenso die Bedeutung der Aya (Verse), manchmal, indem sie sie Zeile f&#xFC;r Zeile &#xFC;bersetzen. Das &#xFC;bergeordnete Ziel ist es, den ganzen Koran rezitieren zu k&#xF6;nnen. Bevor sich die Teilnehmerinnen mit dem Koran befassen, wird von ihnen verlangt, die grundlegenden islamischen Regeln zu studieren, so die f&#xFC;nf S&#xE4;ulen des Islam.&#xA0;Sie lernen die f&#xFC;nfunddrei&#xDF;ig Fard (Regeln), sechs Kalima (Worte) des Glaubens, wie die Waschung vollzogen wird und Namaz, das t&#xE4;gliche Gebet. Au&#xDF;erdem lernen sie die neunundneunzig Namen von Allah, verschiedene Dua (Bitt- oder Dankesgebete) f&#xFC;r unterschiedliche Lebenssituationen, sie studieren die Salawat (Segensspr&#xFC;che) f&#xFC;r den Propheten Mohammad und diskutieren die Leben der Sahabah (Weggef&#xE4;hrten, J&#xFC;nger und Familie des Propheten).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Erst nachdem sie zw&#xF6;lf eher kurze Suren (Kapitel) auswendig gelernt haben, beginnen die Sch&#xFC;ler schlie&#xDF;lich, den Koran auswendig zu lernen. Der Unterricht ist offen f&#xFC;r alle, die Teilnahme ist nicht verpflichtend und bleibt schwankend. Sehr wenige Frauen lernen tats&#xE4;chlich das ganze Buch, viele verlassen den Unterricht oder schlie&#xDF;en sich anderen Gruppen an, um das Erlernte zu rekapitulieren. Meiner Ansicht nach und mit&#xA0;Hinblick auf die Treffen, denen ich beiwohnte, dient dieser Unterricht der eigenen Entwicklung als guter Muslim und zielt auf pers&#xF6;nliche Besserung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Mehr&#xA0;K&#xE4;mpfer aus Westeuropa als aus Zentralasien beim IS<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In der akademischen Welt ist eine kritischere Debatte bez&#xFC;glich der Bedrohung des IS und seinen Auswirkungen&#xA0;in Zentralasien entstanden. Forscher des <a href=\"https:\/\/www.pism.pl\/files\/?id_plik=20020\">Polish Institute of International Affairs<\/a> halten die zentralasiatischen L&#xE4;nder f&#xFC;r gef&#xE4;hrdet durch die Aktivit&#xE4;ten radikaler religi&#xF6;ser Organisationen, betonen aber auch, dass das Interesse der B&#xFC;rger am IS niedrig bleibt. Im Vergleich zum&#xA0;Mittleren Osten, Nordafrika und Europa sehen sie die L&#xE4;nder Zentralasiens noch immer relativ frei vom Einfluss des IS. Entsprechend weist auch eine Studie des <a href=\"http:\/\/icsr.info\/projects\/western-foreign-fighters-syria\/\">International Centre for the Study of Radicalisation darauf hin<\/a>, dass es beim IS mehr ausl&#xE4;ndischen K&#xE4;mpfer aus Westeuropa als aus Zentralasien gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Edward James Lemon von der Universit&#xE4;t Exeter hat Artikel der New York Times, Vice News, CNN, Washington Post und anderen <a href=\"http:\/\/blogs.exeter.ac.uk\/excas\/2015\/06\/13\/is-tajikistan-really-jihads-next-frontier\/\">ausgewertet<\/a> und kommt zu dem Schluss, dass &#x201E;die gro&#xDF;e Mehrheit der Artikel lediglich den dahingestellten Mythos einer islamischen Radikalisierung in Zentralasien aufrechterhalten&#x201C;. Auf &#xE4;hnliche Weise nennen John Heathershaw und David W. Montgomery die Behauptung einer muslimischen Radikalisierung in Zentralasien einen <a href=\"https:\/\/www.chathamhouse.org\/sites\/files\/chathamhouse\/field\/field_document\/20141111PostSovietRadicalizationHeathershawMontgomeryFinal.pdf\">Mythos<\/a>, der von Sicherheitsanalysten und Kommentatoren gen&#xE4;hrt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nat&#xFC;rlich liest die breite &#xD6;ffentlichkeit kaum Fachartikel und ist daher schlecht &#xFC;ber Berichte informiert, die der dominanten medialen und staatlichen Sichtweisen widersprechen. In Osch hat das Aufkommen dieses Ger&#xFC;chts alarmierende Auswirkungen auf die Bewohner. Angst und Misstrauen breiten sich aus und machen gl&#xE4;ubig wirkende Menschen zu (potenziellen) Terroristen. Frauen, die den Hidschab tragen, berichteten mir von Personen, die ihnen auf der Stra&#xDF;e &#x201E;Terrorist!&#x201C; zurufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Die islamistische Bedrohung als Vorwand f&#xFC;r staatliche&#xA0;Repression<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Regierungen Zentralasiens ihrerseits sind nicht abgeneigt, von der &#xF6;ffentlichen Verunsicherung zu profitieren. Die tadschikische Regierung, zum Beispiel, hat den Druck auf Muslime erh&#xF6;ht und &#x201E;pr&#xE4;ventive&#x201C; Ma&#xDF;nahmen ergriffen (so ist es verboten, Neugeborenen <a href=\"https:\/\/iwpr.net\/global-voices\/tajik-muslims-told-change-names-ways\">arabische Vornamen <\/a>zu geben, M&#xE4;nner d&#xFC;rfen keine B&#xE4;rte tragen, Frauen keinen <a href=\"http:\/\/www.eurasianet.org\/node\/72816\">Hidschab<\/a> etc.). Zivilgesellschaftliche Akteure beschuldigen Agenten des Kirgisischen Staatlichen Komitees f&#xFC;r Nationale Sicherheit (GKNB) in Osch, die Bedrohung durch den Terrorismus als Vorwand zur Erpressung &#x201E;verd&#xE4;chtiger Personen&#x201C; und zur <a href=\"http:\/\/www.eurasianet.org\/node\/72836\">Einsch&#xFC;chterung<\/a> von Minderheiten zu nutzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bis heute habe ich unter den Bewohnern von Osch keine Sympathien f&#xFC;r den IS wahrgenommen. Doch Medienberichte, die ein verzerrtes Bild schaffen, und Regierungen, die die Angst vor dem Terrorismus f&#xFC;r ihre eigenen Ziele ausnutzen und <a href=\"http:\/\/thediplomat.com\/2015\/09\/trouble-in-tajikistan\/\">religi&#xF6;se Gruppen<\/a> angeprangert und marginalisieren, riskieren, das Ger&#xFC;cht zur <a href=\"http:\/\/thediplomat.com\/2015\/05\/missing-tajik-commander-shows-up-in-isis-video\/\">Realit&#xE4;t<\/a> werden zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\n<\/p><p style=\"text-align: right\"><strong>Gulrano Ataeva, Kolumnistin der <em><a href=\"http:\/\/cesmi.info\/wp\/\">Central Eurasian&#xA0;Scholars and Media Initiative<\/a><\/em>&#xA0;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Englischen&#xA0;von Luisa Podsadny<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gulrano Ataeva, kirgisische Forscherin und ehemalige Beraterin der OSZE in Osch &#xFC;ber eine Frage, die die Fachwelt spaltet.<\/p>\n","protected":false},"author":268,"featured_media":780,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4,3,6,7,5],"tags":[1247,1248,1239,1211],"coauthors":[1246],"class_list":["post-779","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kasachstan","category-kirgistan","category-tadschikistan","category-turkmenistan","category-usbekistan","tag-is","tag-islamismus","tag-sicherheit","tag-zentralasien"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/779","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/268"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=779"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/779\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/780"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=779"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=779"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=779"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=779"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}