{"id":7060,"date":"2017-01-07T16:07:44","date_gmt":"2017-01-07T15:07:44","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=7060"},"modified":"2017-01-10T08:16:51","modified_gmt":"2017-01-10T07:16:51","slug":"kirgisische-feste-so-sinnlos-wie-erbarmungslos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/kirgisische-feste-so-sinnlos-wie-erbarmungslos\/","title":{"rendered":"Kirgisische Feste \u2013 So sinnlos wie erbarmungslos"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>Der Herbst ist in Kirgistan auch Hauptsaison f&#xFC;r Hochzeiten und weitere Feste, auf kirgisisch &#x201E;Toj&#x201C;, zu denen oft mehrere Hundert G&#xE4;ste eingeladen werden. W&#xE4;hrend sie die Organisatoren in wirtschaftliche Bedr&#xE4;ngnis bringen, wissen viele Kirgisen nicht mehr wohin vor lauter Einladungen. Dieser Meinungsartikel wurde zuerst <\/em><\/strong><a href=\"http:\/\/rus.azattyk.org\/a\/kyrgyzstan_blog_jumagulov\/24769465.html\"><strong><em>auf Azattyk.org<\/em><\/strong><\/a><strong><em>, der kirgisischen Version von RFE\/RL, ver&#xF6;ffentlicht.&#xA0; <\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bereits seit mehreren Wochen gibt es keinen mehr Grund zu kochen, denn die K&#xFC;hlschr&#xE4;nke sind randgef&#xFC;llt mit den verschiedensten Gerichten &#x2013; &#xFC;brig geblieben von zahlreichen Festen und Gedenkfeiern. Wo man auch hingeht, mit wem man sich auch trifft, man bekommt fortw&#xE4;hrend nichts anderes als zu h&#xF6;ren als ein Klagen und ein Zetern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die nicht enden wollenden Feste und Gedenkfeiern mit ihren mehr als reich gedeckten Tischen zerren an den Nerven und Energiereserven der Kirgisen. Der Terminkalender Vieler ist im November brechend voll. Aber trotz des vielen Jammerns nehmen sie allabendlich ihre Einladungen wahr und feiern unaufh&#xF6;rlich ein Fest nach dem anderen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Ein &#x201E;Marathon der V&#xF6;llerei&#x201C;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir beklagen uns bei der Regierung, denn weder die Geh&#xE4;lter noch die Renten werden erh&#xF6;ht. Und zu alldem will und muss ein jeder Kirgise mit den anderen mithalten, wenn es um den Marathon der V&#xF6;llerei geht und um das Profilieren und Umherprotzen mit dem wohlverdienten eigenen Wohlstand. Die Stadt, das Dorf, Jung und Alt &#x2013; alle feiern und feiern sie. Der Ausspruch &#x201E;Gott wird uns schon nicht ohne Feste zur&#xFC;cklassen!&#x201C; hat sich in den vergangenen Jahren als das wichtigste Lebensmotto der Kirgisen erwiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sie sagen, Kirgisistan wachse und entwickele sich nicht? Aber schauen Sie nur auf die wachsende Anzahl der Restaurants, die wie Pilze in die H&#xF6;he schie&#xDF;en &#x2013; alleinig auf das Veranstalten von Festen spezialisiert, im Kirgisischen als &#x201E;Tojchana&#x201C; (&#x201E;Festraum&#x201C;, Anm. D. Red.) bekannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Manch einem fallen keine weiteren Orte ein, die man einem ausl&#xE4;ndischen Besucher zeigen m&#xF6;chte, als diese. In ihren ger&#xE4;umigen S&#xE4;len lassen sich nicht nur internationale Foren halten, selbst f&#xFC;r die Einweihung des Pr&#xE4;sidenten sind sie geeignet, denn ihre Innenausstattung entspricht den h&#xF6;chsten Luxus-Standards.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Almatinskaja&#x201C; ist eine der gr&#xF6;&#xDF;ten Stra&#xDF;en Bischkeks. Man k&#xF6;nnte sie ebensogut in &#x201E;Tojchana-Prospekt&#x201C; umbenennen. Auf beiden Seiten erstrecken sich dort Restaurants, so weit das Auge reicht. Sie fordern immer mehr Platz ein und wetteifern mit einander &#x2013; das eine will sich gr&#xF6;&#xDF;er und gro&#xDF;artiger sehen als das andere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im letzten Jahr konnten bis zu 600 G&#xE4;ste in den &#xFC;blichen Restaurants Kirgisistans &#x201E;Tojchana&#x201C; feiern, doch es entstehen immer gr&#xF6;&#xDF;ere R&#xE4;umlichkeiten. In diesem Jahr z&#xE4;hlte so manch eine elit&#xE4;re &#x201E;V&#xF6;llerei&#x201C; nicht minder als 800 bis 1000 G&#xE4;ste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>&#x201E;Kirgistan soll ein armes Land sein?&#x201C;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">So wie einst in den Weiten der wilden Pr&#xE4;rien der USA aus dem Nichts St&#xE4;dte entstanden, einem Wunder gleich, so w&#xE4;chst und gedeiht vor unseren Augen die Welt der Restaurants. Die kirgisische Regierung sollte dem dankbar sein. Denn die Bewohner des Landes ziehen es nun vor, ihre Zeit nicht mit Demonstrationen zu verplanen &#x2013; Ganz im Gegenteil: Sie nutzen sie, um zu feiern!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es scheint, als sei es nicht allzu lange her, als es noch die Aufgabe der Frauen oder der Kinder war, die Reste des Festmahls von den Tischen zu r&#xE4;umen. Sie k&#xFC;mmerten sich um die Feste gemeinsam mit ihren Eltern oder Gro&#xDF;eltern. Mittlerweile aber scheinen sich die Aufgabenbereiche v&#xF6;llig gewandelt zu haben: Elegant gekleidete M&#xE4;nner fegen mit einer vollkommen neuen Selbstverst&#xE4;ndlichkeit die &#xFC;brig gebliebenen K&#xF6;stlichkeiten von den Tischen ohne ihren &#xFC;ber die Butter und Marmelade gleitenden Krawatten auch nur eine Sekunde ihrer Aufmerksamkeit zu schenken. Sich deswegen zu sch&#xE4;men, gedenkt niemand mehr &#x2013; so viel zur Geschlechtergleichstellung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Kirgisistan soll ein armes Land sein? Sollte dies der Fall sein, weshalb gilt dann seit einiger Zeit zwischen Verwandten, Nachbarn, ehemaligen Mitsch&#xFC;ler_innen und Kommiliton_innen das Motto &#x201E;Ein Grund findet sich immer.&#x201C; Und als w&#xFC;sste man nicht wohin mit dem Geld, etabliert und entwickelt sich die neue Tradition der ausgiebigen Mittag- und Abendessen. Und als w&#xE4;re das nicht genug, ist es mittlerweile unm&#xF6;glich, sich zu entsinnen, wann, wo und aus welchem Grund man das letzte Mal Fleisch gegessen hat &#x2013; so allt&#xE4;glich ist es bereits. Zeichnet das ein armes Land aus?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sogar bis in die abgelegensten D&#xF6;rfer Kirgisistans haben es die Feste und Jubil&#xE4;en des Landes geschafft. An diesen Orten sehen es die dorfeigenen Oligarchen als ihre Pflicht an, ihre h&#xF6;chstpers&#xF6;nlichen &#x201E;Tojchanas&#x201C; zu veranstalten. Und das nicht etwa, weil es notwendig ist, sondern schlicht und einfach, um mit den urbanen Trends Schritt zu halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">So stehen sie dann da in ihrer ganzen Pracht, im direkten Kontrast zu den maroden und auseinanderfallenden Schul- und Vereinsh&#xE4;usern des Dorfes. Und so denkt sich so manch einer unweigerlich: Ist das wom&#xF6;glich eine Parodie?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Ein Zentrum des politischen un sozialen Lebens<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Tojchanas&#x201C; sind zum Ein und Alles der Kirgisen geworden: Sie sind Zentrum der Politik, der Kultur, der Wissenschaft und des Sportes. Und welch gro&#xDF;artigen Menschen man dort begegnet, und welch fabelhaften Trinkspr&#xFC;che man dort lauschen kann, und welch weise Gedanken und W&#xFC;nsche man dort vernimmt, und welch wundersame T&#xE4;nze dort getanzt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die besonders gewitzten Helden der Begebenheit machten es sich sogar zur Aufgabe, den Pr&#xE4;sidenten sowie seinen Sprecher, den Premierminister und seine Stellvertreter h&#xF6;chstpers&#xF6;nlich zu ihren &#x201E;Tojchanas&#x201C; einzuladen. Und als w&#xE4;re dies nicht genug des Guten versuchten Selbige, selbst diesen hohen G&#xE4;sten die randgef&#xFC;llten Pakete mit nichtanger&#xFC;hrten K&#xF6;stlichkeiten mit auf den R&#xFC;ckweg zu geben (zum Ende eines Festes ist es &#xFC;blich, dass die G&#xE4;ste alle Essensreste mit nach Hause nehmen, Anm. D. Red.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn etwa morgen oder &#xFC;bermorgen direkt um die Ecke des &#x201E;Wei&#xDF;en Hauses&#x201C; (das kirgisische Parlament, Anm. D. Red.), oder aber irgendwo an einem nahezu unzug&#xE4;nglichen Jailoo, also mitten in der Steppe, oder gar in einer geschlossenen Grenzzone pl&#xF6;tzlich damit begonnen wird, &#x201E;Tojchanas&#x201C; zu veranstalten, werde ich mich absolut nicht wundern &#x2013; und es scheint mir, als w&#xE4;ren wir auf dem besten Weg dorthin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Diesen Blogeintrag habe ich nicht verfasst, um meine pers&#xF6;nliche Haltung zu den kirgisischen Festen kundzutun &#x2013; ist das nun gut oder schlecht? Wie soll ich das beurteilen? Positiv wom&#xF6;glich? Denn das Etablieren eines kirgisischen Festes ist bei Weitem einfacher, als beispielsweise die Produktion von High-Tech-Ware. Kurz und gut: &#x201E;Gott wird und schon nicht ohne Feste zur&#xFC;cklassen!&#x201C; Aber wie sollen wir es nur vermeiden, nicht als die Toj-Kirgisen in aller Munde bekannt zu werden&#x2026;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong><a href=\"http:\/\/rus.azattyk.org\/author\/46127.html\">Sultan Dschumagulow<\/a><br>\nAzattyk.org<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Russischen &#xFC;bersetzt von Olga Zoll<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><em>Copyright (c) 2017. RFE\/RL, Inc. Reprinted with the permission of Radio Free Europe\/Radio Liberty, 1201 Connecticut Ave NW, Ste 400, Washington DC 20036.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Herbst ist in Kirgistan auch Hauptsaison f&#xFC;r Hochzeiten und weitere Feste, auf kirgisisch &#x201E;Toj&#x201C;, zu denen oft mehrere Hundert G&#xE4;ste eingeladen werden. 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