{"id":6919,"date":"2016-12-11T18:28:05","date_gmt":"2016-12-11T17:28:05","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=6919"},"modified":"2023-08-31T19:00:30","modified_gmt":"2023-08-31T17:00:30","slug":"die-verfassungsreform-die-neugestaltung-der-kirgisischen-politischen-landschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/die-verfassungsreform-die-neugestaltung-der-kirgisischen-politischen-landschaft\/","title":{"rendered":"Die Verfassungsreform: Umgestaltung der politischen Landschaft Kirgistans"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Am heutigen Sonntag, den 11. Dezember, wurden die Kirgisen an die Urnen gerufen, um &#xFC;ber das lang geplante Verfassungsreferendum abzustimmen. Das kontroverse Projekt wurde von Pr&#xE4;sident Almasbek Atambajew eingebracht. Die Debatte rund um das Referendum f&#xFC;hrte zu einer kompletten Umgestaltung der politischen Landschaft des Landes.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch wenn der Wahlkampf f&#xFC;r das Verfassungsreferendum von den am selben Tag stattfindenden Regionalwahlen &#xFC;berschattet wurde, stand das Referendum im Mittelpunkt der politischen Debatte Kirgistans. Obwohl die kirgisischen B&#xFC;rger kaum in die Debatte einbezogen wurden, d&#xFC;rfte dies die Schl&#xFC;sselwahl der Pr&#xE4;sidentschaft Atambajews werden und die politische Landschaft neu gestalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Eine Regierungskrise<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der politische Kampf gegen die Verfassungsreform wurde haupts&#xE4;chlich in der Dschogorku Kengesch, dem kirgisischen Parlament, &#xA0;ausgetragen. Gr&#xF6;&#xDF;ere B&#xFC;rgerbewegungen oder Demonstrationen blieben aus. Erstes Opfer der Debatte war die Regierungskoalition, die seit Oktober 2015 aus den Parteien &#x201E;Kirgistan&#x201C;, Ata-Meken (sozialistisch) und Onuguu-Fortschritt rund um die dominante Partei SDPK (sozialdemokratisch) bestand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Zusammenhalt der Koalition war seit der Ank&#xFC;ndigung des Reformsvorhabens Ende Augusts diesen Jahres schwer angeschlagen: die Parteien Ata-Meken und Onoguu-Fortschritt erkl&#xE4;rten von Beginn an ihre Ablehnung der vorgeschlagenen Verfassungs&#xE4;nderungen. In den folgenden Monaten luden sich die Spannungen zwischen den Koalitionspartnern weiterhin auf, was am 24. Oktober zum Bruch der Regierungskoalition f&#xFC;hrte. Die SDPK entschied, sich aus der Koalition zur&#xFC;ckzuziehen, um den Weg f&#xFC;r die<a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/reforme-constitutionnelle-au-kirghizstan-la-coalition-gouvernementale-seffondre\/\"> parlamentarische Neuordnung <\/a>zu &#xF6;ffnen. In der Folge gingen die beiden ehemaligen Verb&#xFC;ndeten der SDPK in die Opposition und wurden in der Regierung durch die Partei Bir Bol ersetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch auf Novastan&#xA0;:&#xA0;<a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/reforme-constitutionnelle-au-kirghizstan-la-coalition-gouvernementale-seffondre\/\">Verfassungsreform in Kirgistan: R&#xFC;cktritt der Regierung von Dscheenbekow&#xA0;<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als Ergebnis dieser politischen Neuordnung gab es Streitereien innerhalb der Partei &#x201E;Kirgistan&#x201C;. Der Parteichef&#xA0;Kanatbek Isajew lehnte die Verfassungsreform ab, w&#xE4;hrend die Mehrheit der Partei in der Koalition bleiben wollte und die Reform unterst&#xFC;tzte. <a href=\"http:\/\/akipress.com\/news:584343\/\">Der Parteichef musste zur&#xFC;cktreten<\/a> und Parteikollege Almasbek Baatirbekow &#xFC;bernahm seinen Posten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die beiden Oppositionsparteien Ata-Jurt und Butun Kirgistan haben einen weiteren Schritt unternommen, den F&#xFC;hrungsanspruch der SDPK zu untergraben: die Parteien k&#xFC;ndigten ihre Fusion zu einem gemeinsamen parlamentarischen Block an. &#xA0;Beide Parteien planen, einen<a href=\"http:\/\/www.eng.24.kg\/vlast\/183063-news24.html\"> gemeinsamen Pr&#xE4;sidentschaftskandidaten <\/a>f&#xFC;r die Wahlen von 2017 ins Rennen zu schicken. Der Kandidat soll auf einem gemeinsamen Parteikongress vorgestellt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wiederaufleben&#xA0;der Spannungen zwischen Tekebajew (Ata-Meken) und Atambajew<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Zusammenhang mit der Verfassungsreform sind die Spannungen zwischen Omurbel Tekebajew, dem Vorsitzenden der Partei Ata-Meken, der nach dem Koalitionsbruch in die Opposition ging, und Pr&#xE4;sident Almasbek Atambajew wieder aufgeflammt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/rus.azattyk.org\/a\/28047161.html\">Die Feindschaft zwischen den beiden M&#xE4;nnern<\/a> ist nicht neu: beide sitzen seit zwanzig Jahren im Parlament und hatten &#xFC;ber die letzten zwei Dekaden hinweg eine spannungsreiche Beziehung: manchmal waren sie durch die politischen Umst&#xE4;nde gezwungen zusammen zu arbeiten. &#xD6;fters jedoch f&#xFC;hrten sie politische K&#xE4;mpfe gegeneinander aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ihre Meinungsverschiedenheit bez&#xFC;glich der Verfassung&#xA0;ist eine neue Episode in den angespannten Beziehungen der beiden Politiker. Tekebajew war einer der Autoren der Verfassung von 2010, auf deren Aufrechterhaltung er pocht. Atambajew wiederum sieht in der Verfassung das noch unvollendete Projekt, Kirgistan einen funktionierenden Gesetzesrahmen zu geben. Seiner Meinung nach verleiht die Verfassung dem Parlament zu viel Macht und macht den Pr&#xE4;sidenten und die Gouverneure zu Zuschauern des politischen Lebens. Im Premierminister sieht Atambajew die Quelle der Blockade vieler politischer Entscheidungen im Land.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Tekebajew wiederum argumentiert, dass das heutige Referendum zu einem neuen, autorit&#xE4;ren Kirgistan f&#xFC;hren w&#xFC;rde, in dem das Parlament kaum mehr Macht besitzen wird. Der&#xA0;Text des Referendums ist sehr technisch und schwer verst&#xE4;ndlich f&#xFC;r die meisten B&#xFC;rger. Zudem wurde der Text mit einem &#x201E;populistischen&#x201C; Ma&#xDF;nahmenpaket verw&#xE4;ssert, das viele konservative B&#xFC;rger erwarten (Entzug der Staatsb&#xFC;rgerschaft von Terroristen, das Primat nationaler Entscheidungen &#xFC;ber internationale Vereinbarungen, Verbot der Homo-Ehe&#xA0;&#x2026;)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Auf dem Weg zu einem&#xA0;Amtsenthebungsverfahren ?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Tekebajew ging soweit, ein&#xA0;<a href=\"http:\/\/zanoza.kg\/doc\/347969_ata_meken_sobiraet_kompromat_na_atambaeva_dlia_impichmenta._nachali_s_ykazov.html\">Amtsenthebungsverfahren gegen Atambajew <\/a>vozuschlagen.&#xA0;Die Ank&#xFC;ndigung wurde am 22. November auf einer Pressekonferenz gemacht, und der Abgeordnete hofft,&#xA0;dass das Verfahren im M&#xE4;rz gestartet werden kann. Hinter dieser Drohung steht der Vorwurf, der Pr&#xE4;sident nutze seine Macht auf mit der Verfassung nicht vereinbare Weise. In der Praxis bestimmt er selbst die Verwaltungsdirektoren, was laut Verfassung nicht ihm zusteht, sondern im Zust&#xE4;ndigkeitsbereich des Premierministers liegt.&#xA0;Laut Tekebajew stehen mehrere Pr&#xE4;sidialdekrete der letzten Jahre im Widerspruch zur Verfassung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Pr&#xE4;sident habe damit&#xA0;einen &#x201E;SDPK-Staat&#x201C; aufgebaut, in dem Beziehungen zur der <span style=\"text-decoration: underline\"><em>Fortschrittspartei<\/em> <\/span>in der Verwaltung unerl&#xE4;sslich geworden sind. Dies spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Regierung wider, wo 15 der 18 Minister aus der SDPK stammen, w&#xE4;hrend die Partei nur 38 der 120 Sitze in Dschogorku Kengesch hat. Die restlichen drei Minister werden von den kleinen Parteien&#xA0;Kirgistan und Bir Bol gestellt, die Atambajews Macht nicht herausfordern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der R&#xFC;ckgriff auf eine Amtsenthebung w&#xE4;re in der Geschichte Kirgisistans beispiellos. Damit ein solches Verfahren gelingen kann, m&#xFC;sste eine Koalition von Parteien gebildet werden. Es gen&#xFC;gt, dass 40 der 120 Abgeordneten &#xFC;ber die Resolution abstimmen, was nicht unrealistisch erscheint. <a href=\"http:\/\/rus.azattyk.org\/a\/28149651.html\">Atambajew schenkt dieser Bedrohung aber wenig Aufmerksamkeit.<\/a> Bei einer Pressekonferenz am 2. Dezember antwortete er auf die M&#xF6;glichkeit einer Amtsenthebung mit: <em>&#x201E;Es w&#xE4;re lustig, wenn es nicht so traurig w&#xE4;re.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Tats&#xE4;chlich ist es unwahrscheinlich, dass andere Parteien Ata-Meken auf diesem Weg folgen, da sie mit der Entfernung des Pr&#xE4;sidenten riskieren w&#xFC;rden, das Land zu destabilisieren. Der Rest der Opposition zieht es vor,&#xA0;auf die f&#xFC;r November 2017 geplanten Pr&#xE4;sidentschaftswahlen zu warten, um ihre eigenen Kandidaten in Stellung zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>David GAUZERE,<\/strong><br>\n<strong>Pr&#xE4;sident des&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.asiecentrale-cosac.org\">Centre d&#x2019;Observation des Soci&#xE9;t&#xE9;s d&#x2019;Asie centrale<\/a> (COSC)<\/strong><br>\n<strong>Mitglied des&#xA0;<a href=\"http:\/\/cmrp.u-bordeaux4.fr\/david-gauzere.html\">club Montesquieu de Recherche Politique<\/a> (Universit&#xE4;t von Bordeaux)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Bertrand GOUARNE<\/strong><br>\n<strong>Vizechefredakteur&#xA0;von Novastan.org<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Franz&#xF6;sischen &#xFC;bersetzt von Corinna Vetter und Luisa Podsadny<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am heutigen Sonntag, den 11. Dezember, wurden die Kirgisen an die Urnen gerufen, um &#xFC;ber das lang geplante Verfassungsreferendum abzustimmen. Das kontroverse Projekt wurde von Pr&#xE4;sident Almasbek Atambajew eingebracht. Die Debatte rund um das Referendum f&#xFC;hrte zu einer kompletten Umgestaltung der politischen Landschaft des Landes. Auch wenn der Wahlkampf f&#xFC;r das Verfassungsreferendum von den am [&#x2026;]<\/p>\n","protected":false},"author":115,"featured_media":6929,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[690,689,1502],"coauthors":[1189,1607],"class_list":["post-6919","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kirgistan","tag-kirgistan","tag-politik","tag-verfassungsreform"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6919","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/115"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6919"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6919\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34704,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6919\/revisions\/34704"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6929"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6919"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6919"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6919"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=6919"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}