{"id":679,"date":"2016-05-05T12:00:00","date_gmt":"2016-05-05T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=679"},"modified":"2017-04-06T19:09:17","modified_gmt":"2017-04-06T17:09:17","slug":"unter-verschluss-gehalten-atomverseucht-die-stadt-istiklol-unter-dem-deckmantel-der-galoschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/tadschikistan\/unter-verschluss-gehalten-atomverseucht-die-stadt-istiklol-unter-dem-deckmantel-der-galoschen\/","title":{"rendered":"Unter Verschluss gehalten, atomverseucht:  Die Stadt Istiklol \u201eunter dem Deckmantel\u201c der Galoschen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>(Dieser Artikel erschien urspr&#xFC;nglich auf <\/em><a href=\"http:\/\/theopenasia.net\/\" target=\"_blank\">Open Asia<\/a><em>. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit der freundlichen Genehmigung der Redaktion.)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Einst wurde in dieser Stadt nahezu alles unter Verschluss gehalten &#x2013; fast alles war geheim. Die einen Bewohner dieser Stadt fertigten Galoschen an, die anderen ballistische Raketen. Dabei hatten Erstere nicht die leiseste Ahnung, womit sich Zweitere besch&#xE4;ftigten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sie besuchten einander und sa&#xDF;en an einem Tisch, doch jene, die in die Produktion der milit&#xE4;rischen Raketen eingebunden waren, l&#xFC;fteten das Geheimnis um ihre streng geheime Erwerbst&#xE4;tigkeit nicht. Zu gro&#xDF; war die Furcht vor der angedrohten Haftstrafe, um sich zu widersetzen und ihr Geheimnis zu offenbaren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Architektur dieser Stadt wurde einst von gefangenen Soldaten Nazi-Deutschlands geschaffen. F&#xFC;hrende sowjetische Spezialisten aber entdeckten Uran auf diesem Gebiet und gr&#xFC;ndeten ein Unternehmen, um Raketen zu produzieren. Die Existenz der tadschikischen Stadt Istiklol (bis 2012: Tabo&#x161;ar) wurde damals geheim gehalten und war auf keiner Weltkarte verzeichnet. Seitdem hat sie sich nahezu vollst&#xE4;ndig ver&#xE4;ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zwar ist die Produktion der lebensgef&#xE4;hrlichen atomaren Waffen bereits eingestellt worden und mittlerweile so gut wie vollends in Vergessenheit geraten. Doch r&#xFC;hmt sich Istiklol bis heute f&#xFC;r seine Galoschen aus Gummi.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 199px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1166\/1.png\" alt=\"Istiklol Architektur\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Offenes Asien Online&#x201C; hat sich in Zusammenarbeit mit seinem Partner, dem TV-Sender CM 1, in die Geisterstadt Istiklol begeben, um sich mit ihrer merkw&#xFC;rdigen und schauerhaften Geschichte bekannt zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Geschichte der Stadt Tabo&#x161;ar beginnt im Jahre 1936. Es war die Zeit, in der die Welt von dem Gedanken getrieben wurde, Atomwaffen zu bauen. Die Reaktionen der Sowjetunion auf diese weltweite Euphorie waren nur m&#xE4;&#xDF;ig, obwohl bereits zehn Jahre vor der Gr&#xFC;ndung der Stadt auf besagtem Boden Uranlagerst&#xE4;tten ausfindig gemacht worden sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als Josef Stalin in der Zeit des Gro&#xDF;en Vaterl&#xE4;ndischen Krieges &#x2013; wie der Zweite Weltkrieg in den L&#xE4;ndern der ehemaligen UdSSR genannt wird &#x2013;&#xA0; dar&#xFC;ber informiert worden ist, dass das Vereinigte K&#xF6;nigreich m&#xF6;gliche aufkommende Kosten f&#xFC;r die Produktion einer Atombombe bereits kalkuliert hatte, reagierte er sofort und sprang auf den weltweit boomenden Atomzug auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das war die Geburtsstunde der Atompolitik in der ehemaligen UdSSR. Alsbald schloss die sowjetische Regierung das Dekret des Staatlichen Komitees f&#xFC;r Verteidigung f&#xFC;r &#x201E;Uranbergbau&#x201C; ab. Ab dem 27. November des Jahres 1942 bis zum 1. Mai 1943 sollte laut Vereinbarung Uranerz gewonnen sowie verarbeitet werden. Die erste Charge des Erzes sollte vier Tonnen betragen &#x2013; zu erf&#xFC;llen war dieser Auftrag durch die Fabriken Tabo&#x161;ars.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Krieg war in vollem Gange und so fehlte es in Tabo&#x161;ar an helfenden H&#xE4;nden. Denn so gut wie alle m&#xE4;nnlichen Bewohner der Stadt k&#xE4;mpften an der Front. Die sowjetische Armee hielt zu dieser Zeit bereits Soldaten der feindlichen Armee gefangen. Die sowjetische F&#xFC;hrung hatte indes zu extremen Ma&#xDF;nahmen gegriffen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die gefangenen Soldaten sollten f&#xFC;r den Bau der geheimen Stadt Tabo&#x161;ar eingesetzt werden: Eine kostenlose Arbeitskraft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Chamidullo Karimov ist Veteran der Atomindustrie und einer der wenigen Bewohner Istiklols, der sich an jene Zeit erinnert, in der kriegsgefangene Deutsche diese Stadt aus dem Boden stampften. Schon im Jahr 1948 verschlug es ihn nach Tabo&#x161;ar &#x2013; der Arbeit wegen. Nach seiner abgeschlossenen Ausbildung in der Hauptstadt des heutigen Usbekistans, sollten ihm die tadschikischen Uranminen einen neuen Arbeitsplatz bieten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 469px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1166\/2.png\" alt=\"Veteran Chamidullo Karimov\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Die Deutschen haben hier wie Ochsen geschuftet&#x201C;, erz&#xE4;hlt Karimov und entschuldigt sich sogleich f&#xFC;r den Vergleich. Doch einen besseren g&#xE4;be es nicht. Denn &#x201E;ihnen standen keinerlei technische Hilfsmittel zur Verf&#xFC;gung &#x2013; diese Stadt errichteten sie mit ihren blo&#xDF;en H&#xE4;nden.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Jeden Morgen in der Fr&#xFC;h wurden die Kriegsgefangenen von der Eskorte des Lagers zu den Baustellen gef&#xFC;hrt. Ihre Lager befanden sich au&#xDF;erhalb Tabo&#x161;ars. Das hielt ihre Vorgesetzten aber nicht davon ab, sie von morgens bis abends arbeiten zu lassen. Und nicht nur f&#xFC;r den Bau der Stadt, sondern auch f&#xFC;r deren Entwurf sollen die Gefangenen verantwortlich gewesen sein: Istiklols enge Stra&#xDF;en und Wege erinnern noch heute an manch eine Gegend Westberlins.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Die Uranindustrie nannte ich 50 Jahre lang meinen Arbeitsplatz. Die Arbeit kostete mich meine Gesundheit! Und wenn es nur das w&#xE4;re. Einst betrug meine Rente nur 235 Somoni (ca. $ 30) und Gott sei Dank erh&#xF6;hte der Pr&#xE4;sident sie um weitere 120 Somoni (ca. $14). So leben wir hier&#x201C;, berichtet der Veteran.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Seine H&#xE4;nde sind der Beweis daf&#xFC;r, wie ihm die Arbeit in den Uranminen seine Gesundheit genommen hat. Sie sind gezeichnet von Narben &#x2013; mit nicht vollends verheilten Ver&#xE4;tzungen oder Verbrennungen zu vergleichen. Aber es seien nicht nur seine H&#xE4;nde, die leiden mussten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Mein ganzer K&#xF6;rper sieht so aus&#x201C;, beteuert Karimov. Und er sei nicht der einzige. Alle seine Kollegen litten an den gleichen Beschwerden. Experten wie Karimov und seine ehemaligen Kollegen, die eine solch gesundheitssch&#xE4;digende Arbeit in der Nuklearindustrie durchf&#xFC;hrten, g&#xE4;be es im heutigen Istiklol aber nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Uran und die Esel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Vor vier Jahren, als die Russische F&#xF6;deration den 70. Jahrestag des Uranbergbaus feierte, erinnerte sich Jurij Nesterov, Industrie-Veteran des Uranbergbaus und Doktor der Chemie, daran, dass das Atomzeitalter der UdSSR faktisch mit Eseln begonnen hatte. F&#xFC;r alle wesentlichen Arbeiten des Uranabbaus in Tabo&#x161;ar wurden in der Tat Esel eingesetzt. Der Grund daf&#xFC;r:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es gab weder geeignete Stra&#xDF;en noch eine ausreichende Ausr&#xFC;stung, um eine solche Arbeit von einem Menschen durchf&#xFC;hren zu lassen. Unter den gleichen Bedingungen wurde parallel zur Entstehung des Uranbergbaus Tabo&#x161;ars das Bergbau- und Chemiekombinat Leninabads (Chu&#x10D;and) gegr&#xFC;ndet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Kombinat war in der Stadt &#x10C;kalovske (Buston) und nur wenige Kilometer von den Uranminen gelegen. Es z&#xE4;hlt zu dem ersten seiner Art in der sowjetischen Atomindustrie. Denn aus dem Uran, welches hier aufbereitet wurde, entstand nicht nur die erste sowjetische Atombombe, sondern auch der erste Kernreaktor der UdSSR. Abgebaut wurde das Uran jedoch in Tabo&#x161;ar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Die Kriegsgefangenen haben nicht nur H&#xE4;user gebaut, sie waren auch die wichtigsten Arbeiter der Uranminen Tabo&#x161;ars. Und das aus einem einfachen Grund: Es gab sonst niemanden, der diese Arbeit h&#xE4;tte tun k&#xF6;nnen&#x201C;, f&#xFC;hrt Chamidullo Karimov fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Sie lebten ja sogar in Lagern, welche sich in unmittelbarer N&#xE4;he zu den Minen befanden. Aber da kann man wohl nichts machen. Gefangenschaft ist Gefangenschaft.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Solch harte Lebensbedingungen und die Knochenarbeit haben das ihre getan: Von den hunderten Kriegsgefangener der faschistischen deutschen Armee haben nur einige wenige den Moment erlebt, als ihnen ihre Dokumente ausgeh&#xE4;ndigt wurden und sie Tabo&#x161;ar endlich verlassen durften. Das geschah erst in den sp&#xE4;ten 1980er Jahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bis zu diesem Zeitpunkt waren sie als Teil der internationalen Bev&#xF6;lkerung Tabo&#x161;ars unsichtbar und als B&#xFC;rger, nicht aber als Deutsche gesehen worden. Die Alteingesessenen der Stadt beteuern, dass man keinem von ihnen je mit Zorn begegnete. Zudem sei die Stadt f&#xFC;r viele Sowjetdeutsche der Ort ihrer Verbannung. Und auch diesen seien die Einwohner Tabo&#x161;ars immer wohlgesonnen gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Larisa Vja&#x10D;eslavovna &#x160;tadler ist Musiklehrerin und unterrichtet an der st&#xE4;dtischen Musikschule Fortepiano. Vor vielen Jahren sei ihr Gro&#xDF;vater als Verbannter aus dem ehemaligen Leningrad deportiert worden. Wegen seiner Vorfahren war er vor dem sowjetischen Gesetz Deutscher. Er lernte Larisa &#x160;tadlers Gro&#xDF;mutter &#x2013; eine Russin &#x2013; kennen, heiratete alsbald und gr&#xFC;ndete eine Familie in der tadschikischen Kleinstadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1166\/4.png\" alt=\"Larissa Viatcheslavovna-Stadler\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Probleme, die mit seiner Nationalit&#xE4;t zusammenhingen, hatte mein Gro&#xDF;vater hier nicht&#x201C;, erkl&#xE4;rt Larisa &#x160;tadler. Sein ganzes Leben habe er auf dem Autohof Tabo&#x161;ars gearbeitet und &#x201E;gelebt haben wir gut&#x201C;, &#xE4;u&#xDF;ert sie mit Nachdruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber anfangs habe niemand in der Familie seinen Namen annehmen wollen. dazu erkl&#xE4;rten sich alle Familienmitglieder erst in den 1970er Jahren bereit und hie&#xDF;en fortan &#x160;tadler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zeitgleich mit den Kriegsgefangenen und Verbannten kam eine Bandbreite hervorragender sowjetischer Spezialisten der Atomindustrie nach Tabo&#x161;ar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Menge des tats&#xE4;chlichen Urangewinns &#xFC;bertraf schon wenige Jahre nach Beginn des Abbaus die optimistischsten Sch&#xE4;tzungen. Auf insgesamt &#xFC;ber 400 Hektar wuchs das Territorium der Stadt an. Nicht unbedeutend daf&#xFC;r waren sicherlich die &#xFC;ber tausend Tonnen Uranerz, welche hier j&#xE4;hrlich abgebaut wurden. Je n&#xE4;her die 1990er Jahre und damit der Zerfall der Sowjetunion heranr&#xFC;ckten, desto unbrauchbarer wurde aber dieser Industriezweig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Fundst&#xE4;tten wurden stillgelegt. Dann verlie&#xDF;en Tabo&#x161;ar zuerst die besten Experten, schlie&#xDF;lich auch der Gro&#xDF;teil der ehemals internationalen Bev&#xF6;lkerung. Das wichtigste R&#xE4;dchen in der Nuklearindustrie der UdSSR verwandelte sich zusehends in eine Abfalldeponie f&#xFC;r radioaktiven Schrott.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mittlerweile haben sich &#xFC;ber 10 Millionen Tonnen dieses Abfalls in der unmittelbaren Umgebung der Stadt angesammelt &#x2013; Zeichen einer vergangenen Epoche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 398px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1166\/3.png\" alt=\"Atomm&#xFC;ll Istiklol\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Die geheimnisvolle Morgenr&#xF6;te des Ostens<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber nicht alle Geschichten dieser Stadt sind so traurig. Die Bewohner Tabo&#x161;ars hatten auch einige kleinere Freuden. Die Existenz des Ortes wurde seit seiner Gr&#xFC;ndung nicht nur geheim gehalten. Er war zudem eine sogenannte geschlossene Stadt. Sie durfte nur mit einer speziellen Erlaubnis betreten werden. Und gerade durch diesen Status genossen die Bewohner Tabo&#x161;ars viele Vorteile.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Die bedeutendsten Spezialisten statteten uns Besuche ab &#x2013; sie allesamt wurden immer gelb vor Neid, wenn sie sahen, wie wir hier lebten&#x201C;, berichtet Natalja Perevertajlo, Musiklehrerin und Bewohnerin Istiklols.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 254px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1166\/5.png\" alt=\"Istiklol Architektur\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Erstens lebten wir sehr harmonisch miteinander&#x201C;, f&#xE4;hrt sie fort, &#x201E;Jeden Feiertag verbrachten wir zusammen. Zweitens: Uns alle hat die Sch&#xF6;nheit dieser Stadt und ihrer Natur verzaubert und in ihren Bann gezogen. Und drittens: Mit Lebensmitteln wurden wir direkt von Moskau beliefert. Auch in Zeiten, in denen es &#xFC;berall sonst in der Sowjetunion an allem fehlte, wurden wir regelrecht &#xFC;bers&#xE4;t mit allen Produkten, die f&#xFC;r die restliche sowjetische Bev&#xF6;lkerung unzug&#xE4;nglich waren.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ber&#xFC;hmt war Tabo&#x161;ar auch f&#xFC;r seine hohen Geh&#xE4;lter. Zu sp&#xFC;ren bekamen die Bewohner der Stadt diese Tatsache vor allem als in der Stadt ein gro&#xDF;es Unternehmen namens &#x201E;Carja Vostoka&#x201C; (dt.:&#x201E;Die Morgenr&#xF6;te des Ostens&#x201C;) er&#xF6;ffnet wurde. Das war im Jahr 1968. Sie wurde den Bewohnern der Stadt als neue Fabrik f&#xFC;r die Produktion von Galoschen und anderen Produkten aus Gummi verkauft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein Fakt &#xFC;ber dieses neue Unternehmen, das aber scheinbar niemanden sonderlich in Aufruhr versetzte, war, dass &#x201E;Carja Vostoka&#x201C; direkt dem Politb&#xFC;ro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion unterstellt war. Aber man h&#xFC;tete sich stets davor, &#xFC;berfl&#xFC;ssige Fragen zu stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Galoschen und Schl&#xE4;uche wurden produziert. Und auch N&#xE4;hwerkst&#xE4;tten waren Teil der Produktionsarbeit des neuen Unternehmens. Das alles machte aber nicht den Hauptzweck der Anlage aus&#x201C;, erkl&#xE4;rt Zi&#xEB;dullo Nosirov, Generaldirektor der heute GUP genannten Firma und f&#xE4;hrt fort, &#x201E;Carja Vostoka&#x201C; war das gr&#xF6;&#xDF;te Unternehmen der sowjetischen Verteidigungsindustrie.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Anlagen dieses Unternehmens sind nach wie vor in der ganzen Stadt verstreut. Der eine Teil ist, wie anzunehmen, in den Industriegebieten Istiklols angesiedelt. F&#xFC;r den anderen wurden spezielle unterirdische Bunker vorbereitet. Oberhalb der Erdoberfl&#xE4;che produzierte &#x201E;Carja Vostoka&#x201C; Konsumg&#xFC;ter. Tief unter der Erde aber wurde die Ladung f&#xFC;r ballistische Raketen hergestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die St&#xE4;dter sagen, dass diejenigen, die die Galoschen fertigten, oftmals gar nicht wussten, was sonst in dem Betrieb passierte. Weder die h&#xE4;ufigen Besuche hochrangiger Beamter aus Moskau lie&#xDF;en sie mutma&#xDF;en, noch ihre hohen L&#xF6;hne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch der noble sowjetische Bau des Verwaltungsgeb&#xE4;udes lie&#xDF; keinen Verdacht aufkommen. Sechs Millionen Galoschen stellten sie indes j&#xE4;hrlich her und versorgten nicht nur die gesamte Sowjetunion, sondern auch den Iran, Afghanistan und Pakistan mit den &#xDC;berschuhen aus Gummi. Die breite Produktion war bis zum Zerfall der Sowjetunion vollends eingespielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Nach dem Zerfall der Sowjetunion<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Den Zerfall der Sowjetunion hat Tabo&#x161;ar nur sehr schlecht verkraftet. Nichts anderes als den geschlossenen Staat und die Versorgung durch Moskau kennend, fiel es den Bewohnern der Stadt schwer, sich an das neue Leben der 1990er Jahre anzupassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Viele verlie&#xDF;en Tabo&#x161;ar, aber l&#xE4;ngst nicht alle gew&#xF6;hnten sich auch an die neuen Lebensbedingungen ihrer neuen Wohnorte. Nahezu zeitgleich wurde auch die Produktion der Raketen abgebrochen. Die Galoschen aber &#xFC;berlebten und waren von nun an die Haupteinnahmequelle des Unternehmens. Von so gro&#xDF;en Bestellungen wie in den vergangenen Zeiten konnte das Unternehmen jedoch nur noch tr&#xE4;umen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 399px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1166\/7.png\" alt=\"Galoschen Istiklol Produktion\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die wenigsten der alteingesessenen Bewohner sind nach dem Umbruch der 1990er Jahre geblieben. Doch die letzten Jahre haben Istiklol einen Funken Hoffnung auf ein besseres Leben beschert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Chinesische Investoren rekonstruierten in der N&#xE4;he Istiklols ein Zementwerk. Die Bewohner Istiklols sind sich der Besonderheit dieser Stadt noch immer sicher. Sie sind davon &#xFC;berzeugt, dass internationale Investoren in der Lage sind, ihre Wirtschaft g&#xE4;nzlich wiederherzustellen und ihrer geliebten Stadt wieder Leben einzuhauchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sehr wahrscheinlich wird dem so sein, aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>&#xA0;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem russischen &#xFC;bersetzt von Olga Zoll<\/strong><\/p>\n<p><!--End mc_embed_signup--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst wurde in dieser Stadt nahezu alles unter Verschluss gehalten &#x2013; fast alles war geheim. 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