{"id":6071,"date":"2016-11-16T16:43:28","date_gmt":"2016-11-16T15:43:28","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=6071"},"modified":"2016-11-16T16:43:28","modified_gmt":"2016-11-16T15:43:28","slug":"eine-ganz-normale-kindheit-300-jahre-3-lander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/eine-ganz-normale-kindheit-300-jahre-3-lander\/","title":{"rendered":"\u201eEine ganz normale Kindheit\u201d \u2013 300 Jahre, 3 L\u00e4nder"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Portrait von Paul erz&#xE4;hlt eine nicht ganz gew&#xF6;hnliche deutsch-kasachische Familiengeschichte, und wir erhalten Einblicke in das Leben, das die Auswanderer nun nach einer Generation in Deutschland f&#xFC;hren. Dieses Portrait wurde uns mit freundlicher Genehmigung der Redaktion der <a href=\"http:\/\/deutsche-allgemeine-zeitung.de\/de\/content\/view\/3853\/33\/\">Deutschen Allgemeinen Zeitung<\/a> DAZ zur Verf&#xFC;gung gestellt.&#xA0;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Paul &#x2013; ein sympathischer junger Mann, 25, dunkle Haare, sportlich-schick gekleidet. Man merkt sofort, dass er sich gut auf das Interview vorbereitet hat. &#x201E;Ich habe gestern nochmal mit meinem Vater telefoniert und nach ein paar Details gefragt. Da waren noch ein paar L&#xFC;cken in meiner Familiengeschichte,&#x201D; gibt der Student der Wirtschaftswissenschaften, der mittlerweile in Dortmund lebt, offen zu. Kein Wunder, kann man doch die Wurzeln seiner Familie v&#xE4;terlicherseits bis ins 18. Jahrhundert zur&#xFC;ckverfolgen, als seine Vorfahren aus dem Badischen in das Gebiet der heutigen Ukraine ausgewandert sind. Damals noch auf Einladung Katharina der Gro&#xDF;en.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">1905 packte man wieder sein Hab und Gut zusammen, um erneut sein Gl&#xFC;ck an anderer Stelle im Russischen Reich zu suchen. Man versprach der Familie mit einem Umzug tief in den Osten, in die N&#xE4;he von Kustanai, das Doppelte des Grundbesitzes, den sie zuvor an der Wolga besessen hatte. So zog man in das Dorf Semjonowka, nicht weit von Kustanai. &#x201E;Das m&#xFC;ssen harte Zeiten gewesen sein, gerade f&#xFC;r die Generation meines Urgro&#xDF;vaters. Das Land war nicht sehr fruchtbar, das Leben war hart. Dann, mit dem Zweiten Weltkrieg, wurde es noch schlimmer. Die Deutschen waren der Feind und mussten Zwangsarbeit in der Trudarmija leisten.&#x201D;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Gl&#xFC;ckliche Jugend in Kasachstan<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Doch auch diese schwere Zeit ging vorbei und nach Stalins Tod ging auch die Repression gegen&#xFC;ber den Deutschen zur&#xFC;ck. Pauls Vater wurde Landmaschinenschlosser, ging zur Armee. Sp&#xE4;ter lernte er seine Frau, eine Buchhalterin aus dem Nachbardorf kennen. &#x201E;Meine Eltern blicken gerne auf die Zeit in Kasachstan zur&#xFC;ck. Wenn sie erz&#xE4;hlen, hab ich immer das Gef&#xFC;hl, sie hatten eine erlebnisreiche, gl&#xFC;ckliche Jugend&#x201D;, erz&#xE4;hlt Paul. Man lebte zusammen mit der Familie im eigenen Haus und hatte, wie damals &#xFC;blich, noch ein wenig Landwirtschaft neben dem Beruf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dennoch entschloss man sich 1992, wie schon so manches Mal in der Geschichte der Familie, seine Heimat zu verlassen und in der Ferne sein Gl&#xFC;ck zu suchen. Die Gro&#xDF;eltern waren schon ein Jahr zuvor nach Deutschland gegangen, der kleine Paul war aber gerade erst geboren und so kam der Rest der Familie ein Jahr sp&#xE4;ter nach. Die neue Heimat war die beschauliche Kleinstadt Ulrichstein im hessischen Vogelsbergkreis. Zun&#xE4;chst bezog man, wie alle Sp&#xE4;taussiedler, eine provisorische Unterkunft, ein ehemaliges Hotel im Ort. Die Eltern belegten trotz Sprachkenntnisse einen Deutschkurs und begannen bald zu arbeiten. &#x201E;Meine Eltern haben gerade in der Anfangszeit wirklich sehr viel gearbeitet. Man wollte sich m&#xF6;glichst schnell unabh&#xE4;ngig machen und sich etwas Eigenes aufbauen. Um mich haben sich in der Zeit oft meine Gro&#xDF;eltern gek&#xFC;mmert.&#x201D;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">So zog man noch kurz darauf aus dem Heim in eine Mietwohnung. Doch sehr bald begann die Familie sich ein Eigenheim zu bauen &#x2013; trotz der Vollzeitjobs der Eltern. Auch die Familien von zwei Onkeln und einer Tante bezogen eigene H&#xE4;user in der gleichen Stra&#xDF;e: So war man in der neuen Heimat gleich unter Freunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Paul bekam noch eine Schwester und wurde eingeschult. &#x201E;Ich hatte eine ganz normale Kindheit, wie alle anderen deutschen Kinder auch. Ich hatte keine Erinnerung mehr an Kasachstan, ich kannte ja nichts anderes. Klar in der Grundschule war man manchmal &#x201A;der Russe&#x2019;, aber das war mir auch egal. Ich hab mich ganz normal als Deutscher, sp&#xE4;ter dann als Europ&#xE4;er gef&#xFC;hlt.&#x201D;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Der klitzekleine kasachische Einfluss im Alltag<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Frage, ob es in seinem Umfeld eine Art kasachstandeutsche Parallelgesellschaft gibt, verneint Paul. &#x201E;Vielleicht ein bisschen bei den &#xE4;lteren Leuten, die bleiben unter sich. Auch meine Eltern haben sehr engen Kontakt zu ihrer Familie und zu den Freunden aus der Heimat. Aber sie haben schon deutlich mehr als ihre Elterngeneration mit den Einheimischen zu tun.&#x201D; Bei den jungen Leuten in seinem Alter sei der Unterschied kaum noch zu sp&#xFC;ren. &#x201E;Klar gab es auch Kreise, in denen Jugendliche anfangs untereinander Russisch gesprochen und sich selbst als &#x201A;Russen&#x2019; identifiziert haben, aber auch diese hatten sp&#xE4;ter deutsche Freunde. Heutzutage ist das kein Thema mehr.&#x201D;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Doch auch wenn die Integration in die deutsche Gesellschaft, gerade bei der Jugend, so weit fortgeschritten ist, gibt Paul zu, dass man einige Unterschiede noch bemerken kann. &#x201E;Im Vergleich zu meinen deutschen Freunden wurde ich schon etwas strenger erzogen. Und ich glaube auch, dass die Werte in russlanddeutschen Familien insgesamt etwas konservativer sind als in bundesdeutschen.&#x201D; So spielt die Familie auch heute noch eine sehr zentrale Rolle im Leben der Aussiedler. Ob er selbst bald heiraten wolle, wie es in Kasachstan in seinem Alter &#xFC;blich w&#xE4;re? &#x201E;Nein, nein. Da warte ich lieber noch. In dieser Beziehung bin ich ganz deutsch.&#x201D;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Paul, der nie Russisch gelernt hat, f&#xFC;hlt trotzdem eine gewisse Verbindung zu dem Land, in dem er geboren wurde. Gerne w&#xFC;rde er einmal mit seinen Eltern zusammen nach Kasachstan reisen. &#x201E;Einmal das Dorf sehen, aus dem meine Familie kommt, w&#xE4;re schon sehr interessant.&#x201D; Seine Zukunft sieht er aber definitiv in Deutschland oder in einem anderen Land der Europ&#xE4;ischen Union. &#x201E;Ich bin hier aufgewachsen und f&#xFC;hle mich hier wohl. Und durch die Freiz&#xFC;gigkeit in Europa habe ich hier einfach die besseren Chancen.&#x201D;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Till Eichenauer<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Portrait von Paul erz&#xE4;hlt eine nicht ganz gew&#xF6;hnliche deutsch-kasachische Familiengeschichte, und wir erhalten Einblicke in das Leben, das die Auswanderer nun nach einer Generation in Deutschland f&#xFC;hren. 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