{"id":5785,"date":"2013-11-26T12:00:00","date_gmt":"2013-11-26T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/fr\/?p=5785"},"modified":"2024-04-14T17:08:20","modified_gmt":"2024-04-14T15:08:20","slug":"kirgisistan-hat-enormes-potenzial-anthropologe-boris-petric-im-gesprch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/kirgisistan-hat-enormes-potenzial-anthropologe-boris-petric-im-gesprch\/","title":{"rendered":"\u201eKirgistan hat enormes Potenzial\u201c-  Anthropologe Boris Petric im Gespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Anthropologe Boris Petric hat ein Buch &#xFC;ber den politischen und wirtschaftlichen Wandel in Kirgistan geschrieben. Ein Interview.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Boris Petric, Anthropologe und Forscher am&#xA0;<u><a class=\"western\" href=\"http:\/\/centre-norbert-elias.ehess.fr\/\">Nobert Elias Zentrum&#xA0;<\/a><\/u>(an der Pariser Hochschule f&#xFC;r Sozialwissenschaften &#x2013; EHESS), ist der Autor von &#x201E;On a mang&#xE9; nos moutons &#x2013; Le Kirghizstan, du berger au biznesman&#x201C; (Man hat unsere Schafe gegessen &#x2013; Kirgistan, vom Sch&#xE4;fer zum Businessman), das im Januar 2013 erschienen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch dazu: <a href=\"http:\/\/francekoul.com\/articles\/kirgisistan-ein-globalisiertes-protektorat\">&#x201E;Kirgistan, ein globalisiertes Protektorat?&#x201C;<\/a> <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach zehn Jahren Forschung vor Ort erl&#xE4;utert er seine Laufbahn und seine Beobachtungen aus Kirgistan, und beschreibt, wie sich die kirgisische Gesellschaft im Zusammenspiel mit externen Einfl&#xFC;ssen wieder aufbaut. Bei einer Konferenz beantwortet der Autor die Fragen der Pariser Forschungsgruppe zu Zentralasien (<u><a class=\"western\" href=\"http:\/\/www.sciencespo.fr\/ceri\/en\/content\/asie-centrale\">GRAC<\/a><\/u>) (bei SciencesPo &#x2013; dem pariser Institut f&#xFC;r Politikwissenschaften).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Novastan: Sie haben vor kurzem ein Buch zur&#xA0;Entwicklung Kirgistans geschrieben. Das ist aber nicht ihr erstes Werk &#xFC;ber diese Region. Was hat sie dazu gebracht, sich ausgerechnet f&#xFC;r Zentralasien zu interessieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Boris Petric: Mein Interesse f&#xFC;r Zentralasien kam eher zuf&#xE4;llig. 1995 beendete ich gerade meinen Master in Sozialer Anthropologie an der Hochschule f&#xFC;r Hohe Sozialwissenschaftliche Studien in Paris und sollte meinen Milit&#xE4;rdienst absolvieren. Eines Tages hat man mich angerufen und gesagt, dass es einen freien Posten in Usbekistan gibt. Ich muss zugeben, dass ich damals nicht genau wusste, wo Usbekistan &#xFC;berhaupt liegt. Ich habe einen Atlas ge&#xF6;ffnet, weil es damals ja kein Internet gab (lacht) und nachgeschaut. Dann dachte ich, warum eigentlich nicht? Daraufhin habe ich dort 18 Monate lang bei der franz&#xF6;sischen Botschaft gearbeitet. Ich war Assistent beim Kulturdienst und habe an der Universit&#xE4;t gelehrt. Das war damals eine wirklich interessante Zeit, da die Region sich gerade erst &#xF6;ffnete. Ich habe dann Russisch und Usbekisch gelernt. Ich hatte sehr viel Freude an dem Leben dort, so dass ich insgesamt vier Jahre geblieben bin und meine Dissertation &#xFC;ber Usbekistan geschrieben habe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Erfahrungen haben Sie vor Ort gemacht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Anthropologie besteht Feldarbeit nicht daraus, irgendwo hinzufahren und Leute zu interviewen. Es geht darum, bei ihnen zu bleiben und eine echte Verbindung herzustellen. Ich habe Beziehungen zu verschiedenen Leuten aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten gekn&#xFC;pft. Zuerst war ich im Naryn-Tal, das zu Sowjetzeiten auf Viehzucht spezialisiert war, und habe dort bei einer kirgisischen Familie gewohnt. Diese hat mich herzlich empfangen, mich regelrecht adoptiert, da bei den Kirgisen die Verwandtschaft sehr wichtig ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/523\/800px_narynmarknad.jpeg\" alt=\"Ein Markt in Naryn, Kirgisistan\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Der Familienvater hat eines Tages zu mir gesagt: &#x201E;Du z&#xE4;hlst zu meinen S&#xF6;hnen&#x201C;. So etwas nennt man eine fiktive Verwandtschaft: Das hei&#xDF;t nicht, dass ich wirklich sein Sohn bin, aber mir wird ein Status in der famili&#xE4;ren Welt verliehen. Ich habe also mehrere Jahre lang in diesem Dorf mit mehreren Familien Beziehungen gepflegt, aber auch mit Leuten auf anderen Ebenen. Besonders mit&#xA0;<u><a class=\"western\" href=\"http:\/\/dordoi.kg\/association\/president\/\">Askar Salimbekow<\/a><\/u>, einem wirtschaftlich und politisch wichtigen Mann, habe ich auch viel Zeit verbracht. Ein Anthropologe sammelt bei seiner Forschung die Daten auf direktem Wege. Daf&#xFC;r benutzt er haupts&#xE4;chlich die teilnehmende Beobachtung und analysiert anhand direkt erhaltener Daten. Ich arbeite nicht mit Daten, die von anderen produziert wurden. Ich lese, was andere machen, aber die Hauptquelle f&#xFC;r meine Informationen liegt in meiner Erfahrung und meinen Beobachtungen. Das ist die Besonderheit der Anthropologie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ihr Buch beginnt mit einer Anekdote, in der Sie davon berichten, wie die Dorfbewohner vor der Ankunft von Touristen ihre traditionellen Gew&#xE4;nder anziehen. Was denken Sie, sind die Konsequenzen des Tourismus und der Installation von NGOs in Kirgistan? Inwiefern sind die Kirgisen dazu bereit, auf ihre Identit&#xE4;t zu verzichten, um der westlichen Welt zu gefallen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Anekdote ist zum Verst&#xE4;ndnis einer Gesellschaft dann interessant, wenn sie exemplarisch eine Tendenz aufzeigt. Der Tourismus wird sicher zu einer der Kernaktivit&#xE4;ten des Landes werden. Ich w&#xFC;rde aber allgemeinere Fragen zu den Ver&#xE4;nderungen stellen, die die durch den Tourismus entstandenen, sozialen Verbindungen, mit sich brachten. Alle Experten, die sich mit Tourismus in anderen Gesellschaften besch&#xE4;ftigen, haben einen gro&#xDF;en Wandel beschrieben. Sie zeigten besonders, wie W&#xE4;hrungsaustausch soziale Verbindungen auf den Kopf stellt. In meinem Buch erw&#xE4;hne ich die T&#xE4;tigkeiten einiger NGOs, die Programme zur Entwicklung des sogenannten gerechten oder nachhaltigen Tourismus f&#xFC;hren und versuchen, Tradition und Authentizit&#xE4;t zu bewahren. Ich pers&#xF6;nlich denke, dass das mehrdeutig ist: Man versucht dabei, Kirgisen einem Bild anzupassen, das dem der westlichen Welt entspricht, ohne bisherige Ver&#xE4;nderungen dabei zu&#xA0;ber&#xFC;cksichtigen. Der westliche Tourist will etwas Exotisches, Authentisches, er will Jurten und traditionelle Gew&#xE4;nder&#x2013; sehen, selbst wenn dies nicht mehr der Realit&#xE4;t entsprechen. Und die Kirgisen sind &#xFC;berrascht, dass diese Leute aus dem Westen das Leben der Sch&#xE4;fer, das &#x201E;shepherd life&#x201C; erleben wollen, obwohl es nur noch wenige Sch&#xE4;fer im Land gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hei&#xDF;t nicht, dass die Kirgisen ihre Identit&#xE4;t verlieren. Die Kirgisen ver&#xE4;ndern sich ab dem Moment, wo neuer sozialer Austausch geschieht. Es etabliert sich ein neues soziales Verh&#xE4;ltnis, bei dem sich manchmal recht komische Vorg&#xE4;nge abspielen. Das gilt f&#xFC;r Kirgistan, aber auch f&#xFC;r alle anderen Gesellschaften, in denen der Tourismus eine zentrale Stellung einnimmt. Der Anthropologe&#xA0;<u><a class=\"western\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nigel_Barley\">Nigel Barley<\/a><\/u>&#xA0;hat ein fantastisches Buch &#xFC;ber eine Gesellschaft S&#xFC;d-Ost-Asiens geschrieben Darin zeigt er auf, wie der Tourismus das soziale Verhalten einzelner Personen komplett ver&#xE4;ndert hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In Ihrem Buch ist von einem naiven Bild Kirgistans, &#x201E;mit magischen Landschaften, wo wundersch&#xF6;ne kahle Berge von nomadischen Reitern bereist werden&#x201C; die Rede. Ein anderes, viel negativeres Bild&#xA0;k&#xF6;nnte allerdings ein verfallenes und korruptes Land aufzeigen. Ihre Ankunft in Kirgistan war bestimmt ein Schock: Sie haben ein vollkommen neues Land entdeckt. Wie w&#xFC;rden Sie in einigen S&#xE4;tzen die Realit&#xE4;t des Landes, wie Sie es vorgefunden haben, beschreiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich lade Sie ein, mein Buch zu lesen: Das ist eine Facette Kirgistans. Ich meine, es gibt dort tats&#xE4;chlich wundervolle Landschaften, tats&#xE4;chlich leben dort noch ein paar hundert Leute zu verschiedenen Jahreszeiten in Jurten. Aber die Viehzucht und dieser Lebensstil sind nicht mehr so zentral, wie man glauben m&#xF6;chte. Meine Verantwortung als Sozialwissenschaftler besteht darin, dass ich die soziale Wirklichkeit und die Art, wie die Leute leben, beschreibe und analysiere. Meine Rolle besteht nicht darin, Mythen &#xFC;ber traditionelle Gesellschaften, die nicht mehr existieren, aufrechtzuerhalten. Unter einigen Aspekten haben die Kirgisen einen durchaus modernen Lebensstil, bei dem jeder ein Handy besitzt, viele Internetzugang haben, die Musikgeschm&#xE4;cker auch von verschiedenen Einfl&#xFC;ssen bestimmt sind usw. Das macht die Vorstellungswelt dieser Gesellschaft sehr zeitgen&#xF6;ssisch undentspricht nicht dem Bild von einer isolierten, traditionellen Gesellschaft, die vom Rest der Welt abgeschnitten ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/523\/1635.jpeg\" alt=\"Eines der Klischees zur kirgisischen Gesellschaft\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/523\/1363155372_35841.jpeg\" alt=\"Die junge Generation in Kirgisistan: Tilek Mamutow, Manager bei Google\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Um Ihr Buch zu schreiben, haben Sie von 2001 bis 2011 vor Ort geforscht. Haben Sie eine Entwicklung bemerkt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal war ich 1996 in Kirgistan. Das Land hat sich in zwanzig Jahren extrem ver&#xE4;ndert. Das betrifft erst mal die Zusammensetzung der Bev&#xF6;lkerung. Viele Stadtbewohner haben sich entschieden, das Land zu verlassen: Russen, Ukrainer, Juden, Koreaner -eine ganze Reihe von B&#xFC;rger, die sich in dem eher nationalistisch ausgerichteten, neuen Sozialvertrag nicht wiederfanden. Anschlie&#xDF;end hat es auch eine massive Landflucht gegeben, mit einer zunehmenden Urbanisierung. Es hat also radikale Ver&#xE4;nderungen in der Verteilung des Raumes gegeben. Ganze D&#xF6;rfer haben sich geleert, teilweise sogar mittelgro&#xDF;e St&#xE4;dte, wobei sich die Hauptstadt Bischkek und&#xA0;<u><a class=\"western\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Osch\">Osch<\/a><\/u>, die Gro&#xDF;stadt im S&#xFC;den, st&#xE4;ndig vergr&#xF6;&#xDF;ert haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In &#x201E;On a mang&#xE9; nos moutons&#x201C; beschreiben Sie ein Kirgistan, das vielen externen Einfl&#xFC;ssen unterliegt. Es stimmt, dass der kirgisische Staat viele Fehlfunktionen hat, dass die territoriale Integrit&#xE4;t st&#xE4;ndig von&#xA0;Umst&#xFC;rzen bedroht wird, und dass die Zivilgesellschaft am Rande der Implosion steht. Dennoch k&#xF6;nnte man dem Buch vorwerfen, dass es der Widerstandsf&#xE4;higkeit der Kirgisen nicht genug Platz einr&#xE4;umt. Im Laufe der Geschichte haben sich nach schlimmeren Situationen wie der heutigen ( mongolische und kalm&#xFC;ckische Invasionen, russische Eroberung, dann das&#xA0;<\/strong><u><a class=\"western\" href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Urkun\">&#x201E;Urkun&#x201C;<\/a><\/u><strong>&#xA0;1916 und die Entkulakisierung unter Stalin in den 1930ern) die Kirgisen immer gut erholt. Was halten Sie davon?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe nicht das Gef&#xFC;hl, das mein Buch negativ &#xFC;ber Kirgistan berichtet. Es ist nicht mein Problem und meine Rolle, eine positive oder negative Bewertung zu diesem Land abzugeben. Ich bin Sozialwissenschaftler und untersuche das Funktionieren einer Gesellschaft. Ich glaube die Spitzfindigkeit der Kirgisen zu w&#xFC;rdigen, indem ich zeige, wie weit sie sich an ihre neue soziale Realit&#xE4;t anpassen k&#xF6;nnen. Sie unterliegen nicht der Geschichte, trotz der vielen ausl&#xE4;ndischen M&#xE4;chte in ihrem Land. Sie sind wandlungsf&#xE4;hig und nutzen die verschiedenen Einfl&#xFC;sse, um sie besser zu ihrem Nutzen zu unterwandern. Ich halte sie auch in Ehren, indem ich diese soziale Intelligenz aufzeige. Bei einer Analyse des gro&#xDF;en, m&#xFC;ndlichen Epos &#x201E;Manas&#x201C;, der heute den Kirgisen als sozialer Zement dient, bemerkt man, dass es sich da um einen F&#xFC;hrer handelt, der internationale Pr&#xE4;senz wie eine unumgehbare Realit&#xE4;t darstellt. Man muss mit ihr arbeiten, aber versuchen, sie zu b&#xE4;ndigen, versuchen, eine neue Allianz mit ihr zu schaffen, statt sie milit&#xE4;risch zu bek&#xE4;mpfen und in der Konfrontation zu verschwinden. In meinem Buch versuche ich zu zeigen, dass die Kirgisen heute in der gleichen Situation sind: Sie m&#xFC;ssen mit milit&#xE4;rischer Pr&#xE4;senz aus Russland, den Vereinigten Staaten, China und aus anderen Richtungen klar kommen. Sie akzeptieren diese Lage und nutzen gleichzeitig sehr feine Strategien, um alle zu manipulieren. So schaffen sie eine Form der Souver&#xE4;nit&#xE4;t ohne dabei von einer einzigen Macht abh&#xE4;ngig zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es w&#xE4;re interessant, die Erkenntnisse aus ihrem Buch mit anderen fragilen Nachbarl&#xE4;ndern zu vergleichen -zum Beispiel mit Tadschikistan, das bestimmt einen noch gr&#xF6;&#xDF;eren materiellen und moralischen Zerfall erlebt. Was unterscheidet Ihrer Erfahrung nach Kirgistan von seinen Nachbarn?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Vergleich ist interessant, wenn man aufh&#xF6;rt, diese L&#xE4;nder nur anhand der gro&#xDF;en kulturellen Gegens&#xE4;tze zu vergleichen (Nomaden\/ sesshafte V&#xF6;lker; Turkv&#xF6;lker\/persischer Einfluss usw.). Ich denke, es ist interessanter, die entscheidende Bedeutung ihres Verh&#xE4;ltnisses zu Ressourcen zu betrachten. L&#xE4;nder wie Kasachstan und Usbekistan, die viele Ressourcen besitzen, sind ihrem eigenen Weg gefolgt, w&#xE4;hrend Kirgistan und Tadschikistan, die wenige Ressourcen haben und geographisch eingeschlossen sind, viel mehr Verbindungen zu der Au&#xDF;enwelt haben. Dieser historischer Kontext, diese geographische Konfiguration sind wichtig und m&#xFC;ssen miteinbezogen werden &#x2013; viel mehr als kulturelle Unterschiede -, wenn man die Situation dieser L&#xE4;nder zu verstehen versucht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wo sehen Sie Kirgistan in der Zukunft?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, Kirgistan ist ein Land mit einem riesigen Potenzial: Es hat Ressourcen, die es nutzen kann, insbesondere Wasser. Man kann sich auch vorstellen, dass geologische Studien dort in der Zukunft noch &#xDC;berraschungen bringen k&#xF6;nnen. Au&#xDF;erdem ist das Bildungsniveau recht hoch, und die Grenze mit China bietet recht viele M&#xF6;glichkeiten. Eines ist mir &#xFC;brigens bei meiner Forschung aufgefallen: Diese Gesellschaft wendet sich immer mehr dem chinesischen Riesen zu. Das kann sich genauso gut als eine Chance wie auch als ein gro&#xDF;es Integrit&#xE4;tsproblem f&#xFC;r diese kleine F&#xFC;nf-Millionen-Gesellschaft gegen&#xFC;ber den 400 Millionen Chinesen entpuppen!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was waren die Ziele Ihrer Studie?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Ziel meines Buches ist, eine Gesellschaft, die sich in einer besonderen historischen Situation befindet, zu verstehen und zu analysieren. Die fr&#xFC;here Hauptressource, die Merinoschaftzucht, ist zusammengebrochen. Ich erz&#xE4;hle also die Geschichte von Frauen und M&#xE4;nnern, die sich bei diesem Zusammenbruch neu organisieren. Ich analysiere insbesondere die Logiken, nach denen sich soziales Leben wieder neu organisiert. Diese Entwicklungen haben Auswirkungen auf das politische Leben. Es ging also auch darum, die Komplexit&#xE4;t des sozialen Austausches, den die Kirgisen seit nun zwanzig Jahren aufbauen, zu verstehen: Dazu geh&#xF6;ren alle neuen Formen sozialer Verbindungen, die mit der Globalisierung verbunden sind, und die auf die Entwicklung dieser Gesellschaft einwirken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In Ihrem Buch erz&#xE4;hlen Sie&#xA0;viele oft humorvolle Geschichten &#xFC;ber Ihre Erlebnisse in Kirgistan. H&#xE4;tten Sie eine letzte Anekdote, die Sie mit uns teilen m&#xF6;chten, um dieses Interview zu beenden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich erz&#xE4;hle Ihnen vielleicht eine Anekdote, die ich nicht in mein Buch eingebaut habe, die aber das besondere Verh&#xE4;ltnis der Kirgisen zum Ausland gut widerspiegelt. Bei der Ankunft w&#xE4;hrend eines meiner Aufenthalte in Kirgistan versuchte ich, direkt am Flughafen ein Visum zu erhalten. Der Beamte, der dieses wichtige Dokument ausstellt, gab eine einzige Summe als Preis an, die in Dollar und Euro gleich lautete. Ich bemerkte nat&#xFC;rlich, dass das zwischen den beiden W&#xE4;hrungen einen gro&#xDF;en Unterschied ausmachte. Er sagte, wenn ich Geld wechseln m&#xF6;chte, m&#xFC;sse ich nur &#xFC;ber die Grenze; ein Zollbeamter k&#xF6;nne mich dahin begleiten. So ging ich mit einem jungen Zollbeamten los, um Geld zu wechseln. Wir bauten durch den Humor also eine sogenannte &#x201E;scherzhafte&#x201C; Beziehung auf. In einigen Gesellschaften ist das Scherzen ein Weg, um soziale Verbindungen zu schaffen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das ganze passierte w&#xE4;hrend der SARS-Epidemie, und der Zollbeamte trug eine Maske. Irgendwann nahm er seine Maske ab, um mit mir zu sprechen. Er sprach mich auf Raymond Domenech, den Trainer der franz&#xF6;sischen Fu&#xDF;ballnationalmannschaft an. Wir waren uns sympathisch, und er schlug mir vor, die Grenze sehr schnell f&#xFC;r zwanzig Dollar zu &#xFC;berqueren. Nach einer Verhandlung, in der Scherzerei eine wichtige Rolle spielte, lie&#xDF; er mich f&#xFC;r f&#xFC;nf Dollar durch. Ich habe mich auf dieses kleine Spiel eingelassen, um eben solche sozialen Erfahrungen zu erleben, die f&#xFC;r das Verh&#xE4;ltnis zu Ausl&#xE4;ndern in diesem Land bezeichnend sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Erfahrung ist aufschlussreich, um zu verstehen, welche Verbindung die kirgisische Gesellschaft zur Au&#xDF;enwelt pflegt. Das Verh&#xE4;ltnis zu Ausl&#xE4;ndern ist dort recht einfach, w&#xE4;hrend in Usbekistan die Kontrolle und der Verdacht gegen&#xFC;ber Ausl&#xE4;ndern allgegenw&#xE4;rtig sind. Ich denke, diese Art von Verhandlung w&#xE4;re bei einem usbekischen Grenzbeamten undenkbar gewesen. Solche Situationen habe ich Dutzende Male erlebt. Wenn sie sich wiederholen, kann man daraus Schl&#xFC;sse ziehen, die das Funktionieren einer Gesellschaft darlegen. Das macht den ganzen Charme eines Landes aus, in welchem man die feine Kunst des Verhandelns und des Tauschens beherrschen muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Marion Biremon<\/strong><br>Studentin des Doppelbachelors SciencesPo &#x2013; Sorbonne<br>Korrektorin f&#xFC;r Francekoul<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">&#xDC;bersetzung:<br>Florian Coppenrath<br>Daniela Neubacher<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Boris Petric, Anthropologe und Autor von &#x201A;Man hat unsere Schafe gegessen&#x2018;, liefert uns seine Analysen zum heutigen Kirgistan<\/p>\n","protected":false},"author":87,"featured_media":5786,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[3,4353],"tags":[741,690,689,751],"coauthors":[1258],"class_list":["post-5785","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kirgistan","category-politik-und-wirtschaft","tag-boris-petric","tag-kirgistan","tag-politik","tag-wirtschaft"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5785","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/87"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5785"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5785\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":38923,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5785\/revisions\/38923"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5786"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5785"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5785"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5785"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=5785"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}