{"id":487,"date":"2016-08-15T12:00:00","date_gmt":"2016-08-15T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=487"},"modified":"2016-10-06T14:48:32","modified_gmt":"2016-10-06T12:48:32","slug":"eurasische-union-wiederbelebung-der-sowjetunion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/eurasische-union-wiederbelebung-der-sowjetunion\/","title":{"rendered":"Eurasische Union: Wiederbelebung der Sowjetunion?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>In der Eurasischen Wirtschaftsunion haben sich f&#xFC;nf Staaten zu einem gemeinsamen Binnenmarkt zusammengeschlossen. Wie sehen deren Organe aus? Was sind die strategischen Interessen der Partner? Ein &#xDC;berblick.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Eigentlich h&#xE4;tte Kirgistan in dieser Woche Grund zum Feiern gehabt. Vor einem Jahr am 06. August 2015 trat der Turkstaat der Eurasischen Wirtschaftsunion (EEU) bei. Die Regierung in Bischkek versprach sich davon positive Impulse f&#xFC;r die eigene Volkswirtschaft, also Wachstum, Wohlstand, Prosperit&#xE4;t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Doch in dieser Woche schien niemandem in der Hauptstadt zum Feiern zu Mute. Zu gro&#xDF; sind die Spannungen innerhalb der EEU geworden. Pr&#xE4;sident Atambajew griff j&#xFC;ngst in einem ungew&#xF6;hnlich scharfen Ton die Politik der EEU, aber insbesondere Russland, an:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die EEU arbeite &#x201E;nicht nach dem Prinzip <em>&#x201E;Wer wird der Beste?&#x201C;,<\/em> sondern nach dem Prinzip <em>&#x201E;Wer wird der Schlechteste?<\/em>&#x201E;&#x201C;. An die Adresse Russlands erkl&#xE4;rte er: &#x201E;Einer der Mitgliedstaaten hat uns viel Geld f&#xFC;r den Bau von (&#x2026;) Laboratorien versprochen, aber hat uns keinen Kopeken gegeben. Danach hat uns dasselbe Land Grenzkontrollen vorgesetzt.&#x201C; Ganz offenbar steht es um die neue Union nicht zum Besten. Aber was die EEU eigentlich genau?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Nur der &#xA0;Handel grenzenlos<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Neben Kirgistan und Russland sind Wei&#xDF;russland, Kasachstan und Armenien Mitglieder der EEU. Die L&#xE4;nder wollen mehr Handel miteinander treiben. Denn Handel &#x2013; so die Logik &#x2013; f&#xFC;hrt zu mehr Wohlstand f&#xFC;r alle. Daher haben sich die Mitglieder dazu verpflichtet, ihre M&#xE4;rkte f&#xFC;reinander zu &#xF6;ffnen, Z&#xF6;lle abzuschaffen und Standards anzugleichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Mitgliedsstaaten bestellen zudem eine Eurasische Kommission, die die Integration gemeinsam mit anderen supranationalen Gremien, etwa einem legislativen Rat und einem Wirtschaftsgerichtshof, verstetigen soll. Der Sitz der Institutionen ist dabei den verschiedenen nationalen Hauptst&#xE4;dten zugeordnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Einem Europ&#xE4;er werden hier viele Parallelen zur Europ&#xE4;ischen Union auffallen. Tats&#xE4;chlich haben sich die eurasischen Architekten die EU zum Vorbild genommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1276\/flag_of_the_eurasian_economic_union.svg.png\" alt=\"Flagge Eurasische Wirtschaftsunion\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Doch anders als die politische Union im Westen soll die EEU lediglich eine Wirtschaftsallianz bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die EEU besitzt weder ein gemeinsames Parlament, noch beruht sie auf einer Menschenrechtscharta. Im wichtigsten Legislativorgan, dem Hohen Rat, haben alle Mitglieder ein Vetorecht. Als erstes Leitmotiv nennt der Gr&#xFC;ndungsvertrag die Souver&#xE4;nit&#xE4;t der Nationalstaaten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Schon bei der Gr&#xFC;ndungsfeier zeigte sich Zwist<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Gr&#xFC;ndungsakte der EEU wurde am 29. Mai 2014 feierlich im kasachischen Astana durch die Pr&#xE4;sidenten von Russland, Wei&#xDF;russland und Kasachstan unterzeichnet. Wie nicht anders zu erwarten, atmete das Fest den Geist der Harmonie und V&#xF6;lkerverst&#xE4;ndigung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der kasachische Pr&#xE4;sident Nursultan Nasarbajew nannte den Gr&#xFC;ndungsvertrag eine &#x201E;noble Idee&#x201C;, in der sich Freundschaft, gute Nachbarschaft und der Wille zur gegenseitigen Hilfe widerspiegelten. Man feierte die Aussicht, bald die produktivste Wirtschaftsmacht nach der Europ&#xE4;ischen Union und China zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dennoch zeigten sich bereits auf den Feierlichkeiten erste Unstimmigkeiten zwischen den Partnern, vor allem was eine m&#xF6;gliche politische Integration betraf:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gastgeber Nasarbajew wies diesen Gedanken energisch zur&#xFC;ck: &#x201E;Die Union ist zuerst und vor allem wirtschaftlich und l&#xE4;sst im Rahmen des Integrationsprozesses sowohl Fragen nationaler Unabh&#xE4;ngigkeit wie politischer Souver&#xE4;nit&#xE4;t unber&#xFC;hrt.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ganz anders h&#xF6;rte sich das bei Pr&#xE4;sident Lukaschenko an, der den Gr&#xFC;ndungsvertrag als Basis f&#xFC;r weitergehende &#x201E;politische, milit&#xE4;rische (!) und humanit&#xE4;re Einigkeit&#x201C; interpretierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Die Partner wollen keine zweite Sowjetunion<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wladimir Putin schwieg zu dem Thema weise. Denn wie kein anderer hatte er zuvor versucht, der Union auch eine politische Form zu geben. Aber er hatte sich nicht durchsetzen k&#xF6;nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">W&#xE4;hrend f&#xFC;r die anderen Partner vor allem wirtschaftliche Gr&#xFC;nde ausschlaggebend waren, der EEU beizutreten, kommen f&#xFC;r Moskau geopolitische Erw&#xE4;gungen hinzu. Politische Kommentatoren sehen in der EEU ein Instrument Russlands, seinen Einfluss auf die ehemaligen Sowjetstaaten zu sichern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 372px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1276\/cis_meeting_2008.jpeg\" alt=\"GUS\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Seine Partner allerdings waren tunlichst darauf bedacht, den wirtschaftlichen, nicht den geopolitischen Charakter der EEU im Vertragstext festzuschreiben. Deswegen gibt es kein Parlament. &#xA0;Deswegen wurde auch das Prinzip der nationalen Souver&#xE4;nit&#xE4;t als h&#xF6;chstes Leitmotiv implementiert. Keiner der Partner wollte sich daran beteiligen, eine neue Sowjetunion zu schaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wohin geht also die Reise?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Seit ihrer Gr&#xFC;ndung ist die EEU gewachsen. Armenien trat der Allianz im Februar 2015 bei, Kirgistan im August desselben Jahres. Laut Mitteilung der Eurasischen Kommission haben so unterschiedliche Staaten wir Israel, Vietnam oder die T&#xFC;rkei Interesse an Gespr&#xE4;chen bekundet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Aufnahmekriterien sind im Vergleich zu der Europ&#xE4;ischen Union moderat. Der Beitritt steht allen Staaten offen, die sich den Zielen und den Prinzipien der Union unterwerfen wollen. Weitere Aufnahmekriterien, etwa &#xFC;ber Wirtschaftskraft, Schuldenstand und geografische Lage, werden nicht genannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ebenso einfach ist der Austritt geregelt. Ein Mitglied kann jederzeit erkl&#xE4;ren, die Union verlassen zu wollen. Die Mitgliedschaft erlischt innerhalb von zw&#xF6;lf Monaten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dank dieser liberalen Aufnahme- und Austrittsbedingungen hat das eurasische Haus sowohl das Potenzial schnell ausgebaut zu werden oder ebenso schnell in sich zusammenzufallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Welchen Weg die EEU geht, h&#xE4;ngt wohl vor allem von zwei Faktoren ab. Zum einen von der Frage, ob die EEU die in sie gesteckten Hoffnungen auf gemeinsamen Wohlstand und Prosperit&#xE4;t wird einhalten k&#xF6;nnen. Zum anderen, ob die so ungleichen Partner einen Weg finden, ihre divergierenden Interessen innerhalb der Institutionen zu l&#xF6;sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn beides eintritt, wird die EEU f&#xFC;r andere Akteure aus der Region sicherlich zum attraktiven Partner werden, &#xE4;hnlich wie es die Vorg&#xE4;ngerinnen der Europ&#xE4;ischen Union im Westen waren. Wenn es jedoch anders kommt und die EEU wieder in sich zerf&#xE4;llt, was sie wohl ebenfalls nur eine Idee, wenn auch eine &#x201E;noble&#x201C; im langen eurasischen Traum.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Simon Hartmann<\/strong><\/p>\n<p><em>Simon Hartmann ist Politikwissenschaftler mit dem Spezialgebiet der europ&#xE4;ischen Einigungsidee und dem Fokus auf deren &#x201E;Grenzen&#x201C;. Derzeit arbeitet er in Istanbul f&#xFC;r eine liberale Stiftung.<\/em><\/p>\n<p><!--End mc_embed_signup--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Eurasischen Wirtschaftsunion haben sich f&#xFC;nf Staaten zu einem gemeinsamen Binnenmarkt zusammengeschlossen. Wie sehen deren Organe aus? Was sind die strategischen Interessen der Partner? 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