{"id":45559,"date":"2026-11-08T16:08:25","date_gmt":"2026-11-08T15:08:25","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=45559"},"modified":"2026-11-08T16:13:40","modified_gmt":"2026-11-08T15:13:40","slug":"zentralasien-hat-sich-selbst-nie-als-russlands-hinterhof-gesehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/panorama\/zentralasien-hat-sich-selbst-nie-als-russlands-hinterhof-gesehen\/","title":{"rendered":"Bruce Pannier: \u201eZentralasien hat sich selbst nie als Russlands Hinterhof gesehen\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Bruce Pannier verfolgt den Wandel in Zentralasien seit mehr als drei Jahrzehnten &#x2013; von den letzten Jahren der Sowjetunion bis hin zu einer Generation, die sich nicht mehr daran erinnert. Im Interview mit Novastan reflektiert der erfahrene Journalist &#xFC;ber unabh&#xE4;ngige Medien, die sich wandelnde Rolle Russlands, Generationswechsel, &#xFC;bersehene Gemeinschaften und dar&#xFC;ber, wie Au&#xDF;enstehende Zentralasien immer noch falsch wahrnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Sommer 1990 kam Bruce Pannier an die Staatliche Universit&#xE4;t Taschkent. Die Sowjetunion existierte noch. Die f&#xFC;nf unabh&#xE4;ngigen Staaten Zentralasiens noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"584\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Friends-in-Jizzakh-viloyat_Novastan-584x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-45560\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Friends-in-Jizzakh-viloyat_Novastan-584x1024.jpeg 584w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Friends-in-Jizzakh-viloyat_Novastan-171x300.jpeg 171w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Friends-in-Jizzakh-viloyat_Novastan-768x1346.jpeg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Friends-in-Jizzakh-viloyat_Novastan.jpeg 876w\" sizes=\"auto, (max-width: 584px) 100vw, 584px\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Freunde in Jizzax, 12. Juni 1982. Foto: Bruce Pannier<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#xDC;ber drei Jahrzehnte sp&#xE4;ter, hat sich Pannier zu einer der bekanntesten englischsprachigen Stimmen zum Thema Zentralasien entwickelt. Er war Mitbegr&#xFC;nder und Co-Moderator von &#x201E;Majlis&#x201C;, einem Podcast von Radio Free Europe\/Radio Liberty (RFE\/RL), der Journalistinnen, Wissenschaftler und Analysten zusammenbrachte, um Entwicklungen in der gesamten Region zu diskutieren und zunehmend auch die Perspektiven der Zentralasiaten selbst zu vermitteln. Heute geh&#xF6;rt er zum Team hinter &#x201E;<a href=\"https:\/\/yorktowninstitute.org\/turan-research-center\/\">Turan<\/a>&#x201C;, einem Projekt, das sich mit Zentralasien und der gesamten turk- und persischssprachigen Welt befasst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Novastan<\/strong>:<strong> Sie berichten seit mehreren Jahrzehnten &#xFC;ber Zentralasien. Wie kam es urspr&#xFC;nglich zu Ihrem Interesse an dieser Region?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bruce Pannier<\/strong>: Ich lernte Russisch und studierte Sowjetkunde an der Universit&#xE4;t. Aber ich glaube, alles begann mit zwei B&#xFC;chern: &#x201E;Eastern Approaches&#x201C; von Sir Fitzroy MacLean und &#x201E;Setting the East Ablaze&#x201C; von Peter Hopkirk. Das war Anfang bis Mitte der 1980er Jahre.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"flex flex-col md:flex-row justify-evenly items-center bg-yellow-100 my-20 p-10 space-y-10 subscribe\">\n\t<div class=\"container flex flex-col lg:flex-row justify-between\">\n\t\t<div class=\"flex flex-col w-full lg:w-3\/5 pb-4\">\n\t\t\t<h2 class=\"text-3xl text-secondary font-bold mb-4 text-[#749D02]\">\n\t\t\t\t\t\t\t\tUnterst&#xFC;tzt Novastan &#x2013; das europ&#xE4;ische Zentralasien-Magazin \n\t\t\t<\/h2>\n\t\t\t\tAls vereinsgetragene, unabh&#xE4;ngige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen &#x2013; und von eurer Unterst&#xFC;tzung! \n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<div class=\"flex flex-col w-full lg:w-2\/5 justify-items-center justify-center pb-4\">\n\t\t\t<div class=\"rounded-md bg-accent-500 px-10 py-5 text-center w-72 mx-auto\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<a class=\"block rounded bg-white p-2 mt-4 font-bold\" href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/spenden\/\">Novastan unterst&#xFC;tzen<\/a>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der f&#xFC;hrende amerikanische Experte f&#xFC;r Zentralasien war Edward Allworth, der an der Columbia University lehrte. Ich hatte das Gl&#xFC;ck, dort zu studieren und bei ihm zu lernen. Er liebte Zentralasien, und das Beste daran war, dass er die jahrtausendealte Geschichte der Region kannte. Er betrachtete die Sowjetzeit lediglich als ein weiteres Kapitel dieser Geschichte, sodass wir Zentralasien nie durch eine russische oder sowjetische Brille betrachteten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann besuchte ich 1990 eine Sommerschule an der Staatlichen Universit&#xE4;t Taschkent (TashGU), und danach war ich v&#xF6;llig begeistert von der Region.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gab es bestimmte Orte in Zentralasien, die Ihr Verst&#xE4;ndnis der L&#xE4;nder und Gesellschaften, &#xFC;ber die Sie berichteten, gepr&#xE4;gt haben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele. Ich habe 1992 und 1993 in D&#xF6;rfern in Kasachstan, Kirgistan, Turkmenistan und Usbekistan gearbeitet. In allen herrschte ein &#xE4;hnlicher Lebensrhythmus: Die Menschen arbeiteten auf Bauernh&#xF6;fen, bauten Getreide an oder h&#xFC;teten Tiere, doch in jedem Dorf gab es unterschiedliche Arten, diese Arbeit zu verrichten, und unterschiedliche Einstellungen zum Leben und Arbeiten auf dem Land.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war erstaunt dar&#xFC;ber, wie religi&#xF6;s die Menschen dort waren. Ich kam im Fr&#xFC;hjahr 1992 an, und in einem der ersten D&#xF6;rfer, in denen ich arbeitete, starb jemand. Wir nahmen alle an der sehr muslimisch gepr&#xE4;gten Beerdigung teil, und fast jeder kannte die Gebete. Ich betrieb soziologische Forschung, und eine der Fragen, die ich stellte, lautete:<em> &#x201E;Welches Geb&#xE4;ude oder welche Einrichtung w&#xFC;rdet ihr euch in eurem Dorf w&#xFC;nschen?&#x201C; <\/em>Die Antwort war jedes Mal &#x2013; und ich meine wirklich jedes Mal &#x2013; eine Moschee.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe auf jeden Fall neuen Respekt vor den Hirten gewonnen. Mir wurde gesagt, ich solle das tun, was die Menschen in den D&#xF6;rfern taten. Besonders das Baumwollpfl&#xFC;cken mochte ich nicht, aber eine Herde auf die Weide zu treiben, war genau meine Art von Arbeit. Du hast ein paar Hunde, einen Stock, um Nachz&#xFC;gler in Bewegung zu halten, und ein paar Steine, die du vor Tiere &#x2013; meist Schafe &#x2013; werfen kannst, die zu weit vorauslaufen. Du suchst dir eine gute Weide aus, setzt dich unter einen Baum und beobachtest die Tiere beim Fressen. Wenn es Zeit ist, zur&#xFC;ckzukehren, treibst du die Herde zusammen und machst dich auf den Weg zur&#xFC;ck ins Dorf. Wenn der Job besser bezahlt w&#xE4;re, w&#xFC;rde ich ihn jetzt machen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Batken-1999-1024x768.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-45561\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Batken-1999-1024x768.png 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Batken-1999-300x225.png 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Batken-1999-768x576.png 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Batken-1999.png 1448w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Batken, Sommer 1999, Berichterstattung &#xFC;ber den Aufstand der Islamischen Bewegung Usbekistans. Foto: Bruce Pannier<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es w&#xE4;re nachl&#xE4;ssig von mir, die Berge nicht zu erw&#xE4;hnen. Ich liebe Berge und habe die vielen Aufenthalte in den zentralasiatischen Bergen sehr genossen. Ich fuhr gerne mit der Marschrutka [Kleiner Bus, der Passagiere f&#xFC;r ein kleines Entgelt mitnimmt, Anm. d. Red.] zwischen Bischkek und Osch hin und her, allein schon wegen der Aussicht. Die Stra&#xDF;e war bis Ende der 1990er Jahre in einem furchtbaren Zustand, aber das war mir egal, wenn ich aus dem Fenster starrte oder wenn wir am Stra&#xDF;enrand anhielten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einmal war ich mit einem kasachischen Freund in <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Shymbulak\">&#x15E;ymbulak<\/a> &#x2013; damals hie&#xDF; es noch Chimbulak. Heute ist es ein gutes Skigebiet, und schon 1992 gab es dort einen Skilift. Es waren keine Skifahrer da, aber ich &#xFC;berredete einen der Parkw&#xE4;chter, f&#xFC;r f&#xFC;nf Dollar den Skilift lange genug einzuschalten, um meinen Freund und mich nach oben zu bringen. Ich erinnere mich, wie er auf Russisch sagte: <em>&#x201E;Um Gottes willen, mach blo&#xDF; nichts kaputt.&#x201C;<\/em> Wir fuhren wieder hinunter, und die Aussicht war grandios.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und nat&#xFC;rlich waren die St&#xE4;dte an der Seidenstra&#xDF;e beeindruckend. Samarkand sieht heute ganz anders aus als Anfang der 1990er Jahre, aber schon damals hatte es seinen Charme. Es war nicht besonders gepflegt, und die alten Geb&#xE4;ude sahen alt und reparaturbed&#xFC;rftig aus, aber gerade dadurch wurde mir erst richtig bewusst, wie alt sie waren. Und da ich in D&#xF6;rfern arbeitete, konnte ich mir gut vorstellen, wie es f&#xFC;r einen Bauern oder Hirten gewesen sein muss, eine der gro&#xDF;en und gesch&#xE4;ftigen St&#xE4;dte zu besuchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Als Sie anfingen, sich mit Zentralasien zu besch&#xE4;ftigen: Was haben Au&#xDF;enstehende am h&#xE4;ufigsten falsch verstanden, was diese Region betraf? Hat sich das heute ver&#xE4;ndert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun, als ich anfing, mich mit Zentralasien zu besch&#xE4;ftigen, gab es nicht viele Au&#xDF;enstehende. Einige westliche Medien hatten sogar Schwierigkeiten, die Namen der zentralasiatischen L&#xE4;nder richtig zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das wohl gr&#xF6;&#xDF;te Missverst&#xE4;ndnis war, dass die Menschen in Zentralasien akzeptiert h&#xE4;tten, Teil der Sowjetunion zu sein. Als ich in jenem Sommer an der TashGU war, studierten dort Menschen aus ganz Zentralasien, und es war offensichtlich, dass sie Russland als Kolonialmacht betrachteten, die die Ressourcen der Region pl&#xFC;nderte und versuchte, sie dazu zu zwingen, &#x201E;sowjetische M&#xE4;nner oder Frauen&#x201C; zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/politik-und-wirtschaft\/ich-brauchte-nur-einen-reisepass-zentralasiatische-kriegsgefangene-in-der-ukraine-zwischen-loyalitaet-und-reue\/\">&#x201E;Ich brauchte nur einen Reisepass&#x201C;: Zentralasiatische Kriegsgefangene in der Ukraine zwischen Loyalit&#xE4;t und Reue<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das hat sich seit dem Zusammenbruch der UdSSR eindeutig ge&#xE4;ndert. Seit der Kreml im Februar 2022 seinen umfassenden Krieg gegen die Ukraine begonnen hat, gibt es in Zentralasien lebhafte Diskussionen &#xFC;ber Kolonialisierung und Ausbeutung unter zaristischer und sp&#xE4;ter sowjetischer Herrschaft. Sogar die F&#xFC;hrungsspitzen einiger zentralasiatischer L&#xE4;nder bezeichnen dies als eine dunkle Periode in der Geschichte der Region.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>&#x201E;Majlis&#x201C; wurde zu einem der bekanntesten englischsprachigen Formate f&#xFC;r Diskussionen &#xFC;ber Zentralasien. Was war die urspr&#xFC;ngliche Idee hinter dem Podcast?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Muhammad Tahir und ich haben &#x201E;Majlis&#x201C; 2014 als Reaktion auf die zunehmenden K&#xE4;mpfe im Norden Afghanistans ins Leben gerufen. In unserer ersten Sendung ging es darum, dass Turkmenistan die Achillesferse der Sicherheit in Zentralasien ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir waren uns damals nicht sicher, ob wir jemals wieder Podcasts produzieren w&#xFC;rden, aber der RFE\/RL-Leitung gefiel die Idee, und ich stimmte zu, dass es neben der sich verschlechternden Sicherheitslage im Norden Afghanistans eine Vielzahl weiterer Themen gab, &#xFC;ber die wir berichten konnten &#x2013; angefangen bei der hervorragenden Berichterstattung der zentralasiatischen Dienste von RFE\/RL in den lokalen Sprachen und auf Russisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Muhammad war so etwas wie ein Showman. Er hat seine Rolle als Moderator wirklich mit Begeisterung ausgef&#xFC;llt, w&#xE4;hrend ich als &#x201E;hauseigener&#x201C; RFE\/RL-Experte fungierte. &#x201E;Majlis&#x201C; gab uns die M&#xF6;glichkeit, unsere Mitarbeitenden in den zentralasiatischen Redaktionen zu pr&#xE4;sentieren und Personen au&#xDF;erhalb von RFE\/RL zu f&#xF6;rdern, die sich im Bereich der zentralasiatischen Angelegenheiten einen Namen gemacht hatten oder gerade dabei waren, sich einen Namen zu machen. Unsere G&#xE4;ste haben den Podcast wirklich vorangetrieben, und ich freue mich, dass so viele von ihnen heute f&#xFC;hrende Wissenschaftler auf dem Gebiet der Zentralasienwissenschaften sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Warum war es f&#xFC;r &#x201E;Majlis&#x201C; wichtig, Stimmen aus Zentralasien selbst einzubeziehen, und wie haben deren Perspektiven die Diskussionen gepr&#xE4;gt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gab oft unterschiedliche Interpretationen der Ereignisse in Zentralasien &#x2013; manchmal gro&#xDF;e Unterschiede, meist jedoch Nuancen. Jemand wie ich, der die Region studiert, dort kurz gelebt und ausgiebig bereist hat, kam zu anderen Schlussfolgerungen dar&#xFC;ber, was die Ereignisse in der Region bedeuteten und wohin sie Zentralasien f&#xFC;hrten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den ersten rund 20 Jahren nach der Unabh&#xE4;ngigkeit gab es nicht viele Zentralasiat*innen, die ihre Ansichten zum Verlauf der Ereignisse auf Englisch zum Ausdruck bringen konnten. Als sie jedoch allm&#xE4;hlich in Erscheinung traten, waren Muhammad und ich erstens sehr erfreut und zweitens entschlossen, den Stimmen aus Zentralasien &#x2013; oft Menschen in ihren Zwanzigern und Drei&#xDF;igern &#x2013; eine Gelegenheit zu geben, zu erkl&#xE4;ren, was in ihren Heimatl&#xE4;ndern geschah.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Mit-Freunden-in-Ashgabat-1024x768.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-45562\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Mit-Freunden-in-Ashgabat-1024x768.png 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Mit-Freunden-in-Ashgabat-300x225.png 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Mit-Freunden-in-Ashgabat-768x576.png 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Mit-Freunden-in-Ashgabat.png 1448w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Mit Freunden in A&#x15F;gabat, Juli 1992. Foto: Bruce Pannier<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man konnte zwar mit dem, was einige der Menschen aus Zentralasien sagten, nicht einverstanden sein, aber es war wichtig zu h&#xF6;ren, wie sie die sich wandelnde Welt innerhalb und au&#xDF;erhalb Zentralasiens sahen. Letztendlich ist es ihre Geschichte. Ich glaube, dass dies den Menschen au&#xDF;erhalb der Region ein besseres Verst&#xE4;ndnis daf&#xFC;r vermittelt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gab es Episoden oder Diskussionen in &#x201E;Majlis&#x201C;, die Ihnen besonders im Ged&#xE4;chtnis geblieben sind, weil sie einen Wendepunkt in der Region widerspiegelten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In mehreren ging es um die Verschlechterung der Sicherheitslage im Norden Afghanistans. Die meisten unserer G&#xE4;ste zu diesem Thema kamen aus Afghanistan und waren Anh&#xE4;nger von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aschraf_Ghani\">Ghani<\/a> &#x2013; oder zumindest keine Anh&#xE4;nger der Taliban &#x2013; oder stammten aus Zentralasien. Die zunehmende Niedergeschlagenheit, mit der sie &#xFC;ber die Ereignisse im Norden Afghanistans zwischen 2014 und 2021 sprachen, veranlasste mich zweifellos dazu, immer st&#xE4;rker &#xFC;ber die M&#xF6;glichkeit nachzudenken, dass die Taliban Afghanistan zur&#xFC;ckerobern k&#xF6;nnten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Mit-Freunden-in-Kabul-1024x768.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-45563\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Mit-Freunden-in-Kabul-1024x768.png 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Mit-Freunden-in-Kabul-300x225.png 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Mit-Freunden-in-Kabul-768x576.png 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2026\/11\/Mit-Freunden-in-Kabul.png 1448w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Mit afghanischen Freunden in Bala Hissar bei Kabul, Januar 2002. Foto: Bruce Pannier<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/politik-und-wirtschaft\/die-afghanistanfrage-beim-soz-gipfel-2026-in-bischkek-wie-umgehen-mit-den-taliban\/\">Die Afghanistanfrage beim SOZ-Gipfel 2026 in Bischkek: Wie umgehen mit den Taliban?<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einige der Podcasts, die wir zum Thema Frauenrechte und geschlechtsspezifische Gewalt produziert haben, waren aufschlussreich, und ich habe viel gelernt, doch einige der Einsch&#xE4;tzungen der G&#xE4;ste haben mich beunruhigt. Besonders bewegt hat mich die Schilderung der &#x201E;Freedom for Eurasia&#x201C;-Gr&#xFC;nderin Lejla Sejitbek, wie sie Opfer von &#x201E;Ala Katschuu&#x201C; &#x2013; einer Brautentf&#xFC;hrung &#x2013; wurde und entkommen konnte, weil sie eine Zigarette rauchte und die Familie ihres Entf&#xFC;hrers sie als Zwangsbraut ablehnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie hat sich die Berichterstattung &#xFC;ber Zentralasien seit den 1990er Jahren ver&#xE4;ndert, insbesondere was den Zugang, die Quellen und die Risiken f&#xFC;r lokale Medienschaffende betrifft?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich im M&#xE4;rz 1995 meine Arbeit beim Open Media Research Institute (OMRI) aufnahm, war das Internet noch keine gro&#xDF;e Hilfe. Die Mitarbeiter des OMRI gaben mir Fotokopien aktueller Artikel aus zentralasiatischen Zeitungen. Manchmal hatte ich Zugang zu den eigentlichen Zeitungen, obwohl diese mindestens einige Tage alt waren und meist eher eine oder zwei Wochen zur&#xFC;cklagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damals in den 1990er Jahren, sicherlich in den fr&#xFC;hen und mittleren 1990er Jahren, hatten Journalisten und Medien in Zentralasien &#x2013; mit Ausnahme von Turkmenistan &#x2013; mehr Freiheit, &#xFC;ber das zu schreiben, was sie wollten. Kasachstan hatte eine lebendige unabh&#xE4;ngige Medienlandschaft, ganz &#xE4;hnlich wie sie sich in Kirgistan entwickelte. Aber selbst in Tadschikistan und Usbekistan loteten Journalistinnen die Grenzen der Berichterstattung zu Themen wie Korruption, der sich verschlechternden sozio&#xF6;konomischen Lage, fragw&#xFC;rdiger staatlicher Politik und anderen Themen aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/pressefreiheit-unter-druck-usbekischer-blogger-zu-vier-jahren-haft-verurteilt\/\"><\/a><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/brautraub-in-kirgistan-studenten-demonstrieren-in-bischkek\/\">Brautraub in Kirgistan: Studierende demonstrieren in Bischkek<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Situation &#xE4;nderte sich, als die Regierungen mit zunehmenden Herausforderungen konfrontiert waren und zu dem Schluss kamen, dass zwar manche Kritik berechtigt sein m&#xF6;ge, einige Medien jedoch zu ausf&#xFC;hrlich &#xFC;ber Probleme berichteten. Im Falle Tadschikistans konnte dies w&#xE4;hrend des B&#xFC;rgerkriegs von 1992 bis 1997 t&#xF6;dliche Folgen haben, und mehr als ein Dutzend Journalisten &#x2013; sowohl ausl&#xE4;ndische als auch einheimische &#x2013; wurden praktisch ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ende der 1990er Jahre wurde es f&#xFC;r Journalistinnen in Usbekistan immer schwieriger, frei &#xFC;ber ein breites Spektrum an Themen zu berichten. Die Regierung suchte sich Vorw&#xFC;rfe wie Betrug oder Steuerhinterziehung &#x2013; also Dinge, die nichts mit Journalismus zu tun hatten &#x2013;, um sie gegen Journalisten zu verwenden, die Missst&#xE4;nde im Land aufdeckten. Dies wurde zur g&#xE4;ngigen Praxis, und sogar der Neffe von Pr&#xE4;sident <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Islom_Karimov\">Islom Karimov<\/a>, der als unabh&#xE4;ngiger Journalist t&#xE4;tig war, wurde wegen seiner Berichterstattung zwangsweise in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute wissen die Journalisten in diesen L&#xE4;ndern, wo die Grenzen der Berichterstattung liegen, und es wird viel Selbstzensur betrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie w&#xFC;rden Sie die aktuelle Generation von Medienschaffenden in Zentralasien im Vergleich zu denen beschreiben, die in den 1990er- oder 2000er-Jahren berichteten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich denke, der gr&#xF6;&#xDF;te Unterschied ist die Bandbreite der heute verf&#xFC;gbaren Medien. Heute ist alles im Internet zu finden. In den 1990er-Jahren beschr&#xE4;nkten sich die Medien auf die drei Grundformen &#x2013; Fernsehen, Radio und Printmedien &#x2013;, die man heute als &#x201E;traditionelle Medien&#x201C; bezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F&#xFC;r die Regierungen war es einfacher, unabh&#xE4;ngige Medien unter diesen dreien zu schlie&#xDF;en oder Druck auf Medien auszu&#xFC;ben, die Kritik an der Regierungspolitik &#xE4;u&#xDF;erten. Das machte es f&#xFC;r Journalisten bei unabh&#xE4;ngigen Medien sehr schwierig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute bestehen dieselben Druckmittel zwar nach wie vor, doch &#x201E;nicht-traditionelle&#x201C; Medien bieten unabh&#xE4;ngigen Journalistinnen M&#xF6;glichkeiten, die sie in der Vergangenheit nicht hatten. Deshalb stammen viele der besten Berichte &#xFC;ber Zentralasien von Menschen mit YouTube-Kan&#xE4;len. Auch Facebook und andere soziale Netzwerke bieten Medienschaffenden &#x2013; seien es ausgebildete Journalisten oder &#x201E;B&#xFC;rgerjournalistinnen&#x201C; &#x2013; die M&#xF6;glichkeit, &#xFC;ber Korruption und staatliches Missmanagement zu berichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaube, dass die Journalistinnen der 1990er und 2000er Jahre genauso mutig und bestrebt waren, &#xFC;ber die gro&#xDF;en Nachrichten zu berichten, die ihre L&#xE4;nder betrafen, wie die heutigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich m&#xF6;chte eine Entwicklung erw&#xE4;hnen, die mir gezeigt hat, dass guter unabh&#xE4;ngiger Journalismus in jedem der zentralasiatischen L&#xE4;nder Fu&#xDF; fassen k&#xF6;nnte, wenn man ihm die Chance dazu gibt. Als Shavkat Mirziyoyev Ende 2016 Pr&#xE4;sident von Usbekistan wurde, lockerte er die staatliche Kontrolle &#xFC;ber die Medien und ermutigte Journalisten, &#xFC;ber die wichtigen Ereignisse in Usbekistan zu berichten. Und das taten sie auch. Sobald ihnen etwas Spielraum gew&#xE4;hrt wurde, gingen Journalistinnen in Usbekistan direkt gegen korrupte Amtstr&#xE4;ger vor und berichteten &#xFC;ber andere Themen, die sie w&#xE4;hrend der rund zehnj&#xE4;hrigen Herrschaft von Pr&#xE4;sident Islam Karimov nicht anger&#xFC;hrt h&#xE4;tten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tats&#xE4;chlich erwies sich die Berichterstattung als zu offen, sodass Mirziyoyevs Regierung einen Teil davon einschr&#xE4;nke. Doch sie zeigte, dass der Geist des unabh&#xE4;ngigen, objektiven Journalismus in Usbekistan noch immer lebendig war und dass er nur eine Gelegenheit brauchte, um sich zu entfalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Unabh&#xE4;ngige Medien agieren mittlerweile in sehr unterschiedlichen Bereichen &#x2013; innerhalb der Region, im Exil sowie &#xFC;ber soziale Medien, Podcasts, YouTube und investigative Plattformen. Hat dies ver&#xE4;ndert, was unabh&#xE4;ngiger Journalismus in Zentralasien bedeutet?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf jeden Fall. Die Rolle &#x201E;nicht-traditioneller&#x201C; Medien gewinnt zunehmend an Bedeutung. Einige der sch&#xE4;rfsten Kritiken an der Politik oder an Amtstr&#xE4;gern in Tadschikistan oder Usbekistan stammen von YouTube-Kan&#xE4;len. In den anderen drei L&#xE4;ndern trifft dies meiner Meinung nach in geringerem Ma&#xDF;e zu. Und nat&#xFC;rlich werden die YouTube-Kan&#xE4;le und Websites wie Turkmen.news und Hronikatm.com, die sich mit Turkmenistan befassen, alle von au&#xDF;erhalb des Landes betrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Welche unabh&#xE4;ngigen Medien oder journalistischen Initiativen aus Zentralasien verdienen Ihrer Meinung nach heute mehr internationale Aufmerksamkeit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Kasachstan fallen mir Vlast.kz, Orda.kz und KazTAG als gute unabh&#xE4;ngige Medien ein, die internationale Aufmerksamkeit und, wenn m&#xF6;glich, finanzielle Unterst&#xFC;tzung gebrauchen k&#xF6;nnten. Leider hat Orda.kz k&#xFC;rzlich seinen Betrieb eingestellt, nachdem es zu rechtlichen Schwierigkeiten gekommen war, unter anderem wurde der Chefredakteur zu acht Jahren Haft verurteilt. Sicher gibt es noch andere, aber das sind die drei, die mir spontan einfallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Kirgistan ist Kloop Media derzeit im Land mit einem Betriebsverbot belegt. Auch Temirov Live hat einige gro&#xDF;artige investigative Reportagen ver&#xF6;ffentlicht und wurde geschlossen. Kaktus Media ist in Kirgistan noch aktiv, geh&#xF6;rt aber zu den wenigen verbliebenen unabh&#xE4;ngigen Medien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/politik-und-wirtschaft\/angriff-auf-die-pressefreiheit-kirgisische-medienportale-als-extremistisch-eingestuft\/\">Angriff auf die Pressefreiheit: Kirgisische Medienportale als extremistisch eingestuft<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das &#x201E;Central Asia Barometer&#x201C; war eine gro&#xDF;artige Initiative, die hervorragende Umfragen durchgef&#xFC;hrt hat. Sie wurden aus europ&#xE4;ischen Mitteln finanziert. Leider wurden sie unter Druck gesetzt, ihre Arbeit einzustellen. Es w&#xE4;re gro&#xDF;artig, wenn sich ein Weg finden lie&#xDF;e, damit sie ihre T&#xE4;tigkeit wieder aufnehmen k&#xF6;nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Generell w&#xFC;rde ich mir eine Form der Zusammenarbeit oder Organisation w&#xFC;nschen, die unabh&#xE4;ngige Medienschaffende aus Europa und Zentralasien zusammenbringt. Ich wei&#xDF;, dass Vlast.kz und Orda.kz Leute aus Europa besch&#xE4;ftigt haben, und die Ergebnisse waren bemerkenswert. Wenn es m&#xF6;glich w&#xE4;re, F&#xF6;rdermittel f&#xFC;r ein Medienunternehmen zu erhalten, das &#xFC;ber die Zusammenarbeit zwischen der EU und Zentralasien berichtet &#x2013; wie beispielsweise &#x201E;Global Gateway&#x201C; &#x2013; und junge europ&#xE4;ische sowie zentralasiatische Journalistinnen besch&#xE4;ftigt, w&#xE4;ren die Ergebnisse meiner Meinung nach hervorragend und sehr aufschlussreich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Welche Rolle spielen Exilmedien, unabh&#xE4;ngige Journalisten und regionale Analystinnen dabei, dass Ereignisse in Zentralasien international im Blickfeld bleiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist von Land zu Land unterschiedlich. Unabh&#xE4;ngige Journalisten, darunter auch solche, die in nicht-traditionellen Medien arbeiten, haben ma&#xDF;geblich dazu beigetragen, korrupte Regierungsbeamte anzuprangern, die daraufhin entlassen werden, wenn die Beh&#xF6;rden erkennen, welche Aufmerksamkeit diese Berichte auf nationaler und in einigen F&#xE4;llen auch auf internationaler Ebene erregen. Ich denke dabei vor allem an YouTube-Kan&#xE4;le.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Falle Turkmenistans sind Exilmedien fast die einzige Quelle f&#xFC;r objektive Nachrichten &#xFC;ber die Geschehnisse im Land. Nat&#xFC;rlich ist der turkmenische Dienst von RFE\/RL, Azatlyk, eine Ausnahme, aber Turkmen.news und Hronikatm.com sind unverzichtbare Websites, um die Ereignisse in Turkmenistan zu verfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt einige absolut hervorragende regionale Analysten, und da ich bef&#xFC;rchte, jemanden zu vergessen, werde ich keine Namen nennen. Ein Gro&#xDF;teil der besten Beitr&#xE4;ge, die derzeit auf Englisch erscheinen, stammt von Zentralasiat*innen &#x2013; und sie werden nicht ins Englische &#xFC;bersetzt, sondern von ihnen direkt auf Englisch verfasst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was k&#xF6;nnen internationale Medien, Geldgebende und regionale Plattformen tun, um zentralasiatische Medienschaffende zu unterst&#xFC;tzen, ohne deren Priorit&#xE4;ten zu verzerren oder sie noch verwundbarer zu machen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist eine schwierige Frage. Einerseits bietet internationale Aufmerksamkeit Journalist*innen &#x2013; ebenso wie Aktivist*innen und Politiker*innen &#x2013; in Zentralasien einen gewissen Schutz und bewahrt sie oft vor einer Inhaftierung oder zwingt die Beh&#xF6;rden zumindest zu einer gewissen Nachsicht. Andererseits ist es in einer sich st&#xE4;ndig ver&#xE4;ndernden Welt unm&#xF6;glich, sich auf ein einziges Thema zu konzentrieren. Wenn die Aufmerksamkeit nachl&#xE4;sst, sind diese Medienschaffenden gef&#xE4;hrdet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Internationale Aufmerksamkeit rund um eine bestimmte Journalistin kann diese Person zudem zu einem besonderen Ziel der Beh&#xF6;rden machen, die keine unabh&#xE4;ngigen Journalisten oder Medien wollen. Wenn sie f&#xFC;r ausl&#xE4;ndische Medien wie RFE\/RL arbeiten, k&#xF6;nnen Regierungen sie damit angreifen, dass sie im Auftrag ihres ausl&#xE4;ndischen Geldgebers handeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Krieg in der Ukraine hat die Sichtweise vieler Menschen in Europa und den Vereinigten Staaten auf Zentralasien ver&#xE4;ndert. Was hat er &#xFC;ber die Region offenbart?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tiefsitzender Groll &#xFC;ber die Kolonialisierung und zunehmende Bem&#xFC;hungen vieler Zentralasiaten und ihrer Regierungen, sich von Russland zu distanzieren. Dies zeigt sich besonders deutlich in den neuen Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaften, die die zentralasiatischen Staaten vor allem mit der T&#xFC;rkei, aber auch mit Aserbaidschan und einigen Golfstaaten eingehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darauf aufbauend glaube ich, dass die Menschen in Zentralasien immer mehr erkennen, dass sie nicht auf Russland angewiesen sind &#x2013; schon gar nicht in dem Ma&#xDF;e, wie dies in den ersten 30 Jahren nach der Unabh&#xE4;ngigkeit der Fall war. Russland ist ein f&#xFC;hrender Handelspartner und wird dies auch auf absehbare Zeit bleiben, doch es ist mittlerweile klar, dass es andere Partner gibt, von denen einige ethnische oder religi&#xF6;se Verbindungen zu Zentralasien haben, die Russland nicht besitzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbst wenn der Krieg in der Ukraine morgen enden sollte, glaube ich nicht, dass es eine M&#xF6;glichkeit gibt, zum Status quo vor Februar 2022 zur&#xFC;ckzukehren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/politik-und-wirtschaft\/an-der-front-in-der-ukraine-sterben-weiterhin-zentralasiaten\/\">An der Front in der Ukraine sterben weiterhin Zentralasiaten<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sehe immer noch Artikel, in denen Zentralasien als Russlands &#x201E;Hinterhof&#x201C; bezeichnet wird. Die Menschen in Zentralasien haben das nie so gesehen, und mittlerweile haben sie immer weniger Grund, solche Charakterisierungen zu akzeptieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hat der Krieg eine echte Diversifizierung der au&#xDF;enpolitischen Beziehungen Zentralasiens beschleunigt, oder &#xFC;bertreiben wir den Wandel<\/strong>?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beschleunigt. Auf jeden Fall. Vor Februar 2022 waren Russland und China die dominierenden Partner in den Bereichen Handel, Investitionen und Sicherheit, einschlie&#xDF;lich der Energiesicherheit. Alle anderen lagen bestenfalls weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">China und Russland sind nach wie vor wichtige Partner f&#xFC;r Zentralasien, Russland vielleicht mittlerweile etwas weniger. Doch viele L&#xE4;nder haben ihre Beziehungen zu Zentralasien intensiviert. Sowohl die EU als auch die arabischen Golfstaaten haben ihre Rolle in Zentralasien und ihre Bedeutung f&#xFC;r die Region ausgebaut. Auch die T&#xFC;rkei und die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Organisation_der_Turkstaaten\">Organisation der Turkstaaten (OTS)<\/a> sind zunehmend Teil der Zukunft Zentralasiens. Aserbaidschans Rolle in der OTS und als Schl&#xFC;sselstaat im Mittleren Korridor r&#xFC;ckt das Land n&#xE4;her an Zentralasien heran. Im Juli 2026 fand am Yssyk-K&#xF6;l sogar ein &#x201E;C6&#x201C;-Treffen mit den f&#xFC;nf zentralasiatischen Staaten und Aserbaidschan statt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/politik-und-wirtschaft\/ilham-aliyev-beim-c5-treffen-2026-am-yssyk-koel-welche-ziele-verfolgt-aserbaidschan-in-zentralasien\/\">Ilham Aliyev beim C5-Treffen 2026 am Yssyk-K&#xF6;l: Welche Ziele verfolgt Aserbaidschan in Zentralasien?<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fr&#xFC;her sagten manche, Russland sei der &#x201E;Polizist&#x201C; und China der &#x201E;Bankier&#x201C; Zentralasiens. Heute haben die zentralasiatischen Staaten sowohl in Sicherheits- als auch in Finanzfragen mehrere Optionen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Welche gesellschaftlichen Ver&#xE4;nderungen in Zentralasien entgehen Au&#xDF;enstehenden oft, weil sie sich zu sehr auf Pr&#xE4;sidenten und Geopolitik konzentrieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die j&#xFC;ngere Generation, also Menschen unter 30 oder 35 Jahren, ist sehr technik-affin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kasachstan und Usbekistan sowie in geringerem Ma&#xDF;e auch Kirgistan entwickeln sich rasant weiter und modernisieren alles, von der Architektur bis hin zu Online-Dokumenten und -Zahlungen. Diese drei L&#xE4;nder entwickeln sich zu modernen Staaten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sehen Sie einen Generationswechsel in Zentralasien, insbesondere bei jungen Menschen, die sich nicht mehr an die Sowjetunion erinnern?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf jeden Fall, und das liegt nicht nur daran, dass praktisch alle unter 35 oder 40 ein Handy besitzt und mit Computern umgehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F&#xFC;r junge Menschen in den 1990er Jahren reichte es oft schon aus, dass ihre L&#xE4;nder unabh&#xE4;ngig waren. Sie erinnerten sich noch genau daran, wie das Leben als Teil der Sowjetunion gewesen war, und auch wenn die sozio&#xF6;konomischen Bedingungen oft nicht besser und manchmal vielleicht sogar schlechter waren, waren sie doch unabh&#xE4;ngig, und es herrschte das Gef&#xFC;hl, dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand hatten. Ver&#xE4;nderung war m&#xF6;glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die heutige Generation m&#xF6;chte ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, sieht jedoch oft die fest verwurzelte F&#xFC;hrung in ihren L&#xE4;ndern als das gr&#xF6;&#xDF;te Hindernis f&#xFC;r einen positiven Wandel an. Unter einigen jungen Menschen herrscht Skepsis, ob ihre Regierungen bereit sind, Ver&#xE4;nderungen vorzunehmen, die der j&#xFC;ngeren Generation zugutekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu Sowjetzeiten konnten die Menschen nicht viel tun, um die in Moskau beschlossene Politik zu &#xE4;ndern, doch heute glauben sie, dass es m&#xF6;glich ist &#x2013; oder zumindest m&#xF6;glich sein sollte &#x2013;, die Politik in ihren eigenen L&#xE4;ndern zu ver&#xE4;ndern. F&#xFC;r viele junge Menschen muss es frustrierend sein, wenn sie sehen, wie ihre F&#xFC;hrungskr&#xE4;fte an einer Politik festhalten, die dem Regime zugutekommt, nicht aber der breiten Masse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Welche Gemeinschaften, Regionen oder Themen in Zentralasien bleiben in der internationalen Berichterstattung am meisten im Verborgenen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt viele, aber ich m&#xF6;chte hier nur die Situation der Karakalpaken in der Republik Karakalpakstan im Westen Usbekistans und der Ismaeliten im Autonomen Oblast Gorno-Badachschan im Osten Tadschikistans erw&#xE4;hnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In beiden F&#xE4;llen werden die Rechte von Minderheiten mit F&#xFC;&#xDF;en getreten, da die Regierungen dieser L&#xE4;nder versuchen, diese Menschen gewaltsam zu assimilieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich m&#xF6;chte auch erw&#xE4;hnen, dass die Situation ethnischer Minderheiten in Turkmenistan fast keine Beachtung findet &#x2013; was, fairerweise gesagt, daran liegt, dass es so schwierig ist, Informationen zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zentralasien ist in Deutschland und Europa noch relativ wenig bekannt. &#xDC;ber welche Themen sollten die in Europa ans&#xE4;ssigen Medien Ihrer Meinung nach h&#xE4;ufiger berichten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich denke, das naheliegendste Thema ist der &#x201E;Mittlere Korridor&#x201C; oder die transkaspische internationale Transportroute. Die Menschen in Europa wissen nicht viel &#xFC;ber den Handel ihrer L&#xE4;nder mit Zentralasien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#xD6;sterreich, Deutschland, Frankreich, Italien, Rum&#xE4;nien und einige andere europ&#xE4;ische L&#xE4;nder kaufen kasachstanisches &#xD6;l, was gerade jetzt besonders wichtig ist, da die EU-L&#xE4;nder versuchen, den Kauf von russischem &#xD6;l einzustellen. Frankreich kauft Uran aus Kasachstan, und andere L&#xE4;nder in Europa werden dies wahrscheinlich ebenfalls tun, wenn weitere Kernkraftwerke gebaut werden. Wenn man in Polen, Deutschland, Frankreich, Gro&#xDF;britannien oder den baltischen Staaten getrocknete Aprikosen oder Rosinen kauft, ist die Wahrscheinlichkeit gro&#xDF;, dass die Trockenfr&#xFC;chte aus Usbekistan stammen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele europ&#xE4;ische Reisende haben Zentralasien bereist. Marco Polo nat&#xFC;rlich, aber in j&#xFC;ngerer Zeit, im 19. Jahrhundert, Arminius V&#xE1;mb&#xE9;ry aus Ungarn, Aurel Stein, ebenfalls ein Ungar, der britischer Staatsb&#xFC;rger wurde, Sven Hedin aus Schweden &#x2013; und ja, ich wei&#xDF; um seine sp&#xE4;tere Verbindung zu Nazideutschland &#x2013;, der Franzose Paul Pelliot und andere. Ihre Geschichten sind faszinierend, und es sind Geschichten von Europ&#xE4;ern in Zentralasien. Nat&#xFC;rlich gibt es da noch die alte Seidenstra&#xDF;e, die Europa schon vor langer Zeit mit Zentralasien verband. Die beiden Regionen stehen schon seit langem in Kontakt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/zentralasien-und-europa\/kasachstans-praesident-toqaev-auf-staatsbesuch-in-deutschland\/\">Kasachstans Pr&#xE4;sident Toqaev auf Staatsbesuch in Deutschland<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessanterweise liegen die beiden Regionen, obwohl sich Klima und Landschaft stark unterscheiden, ungef&#xE4;hr auf denselben Breitengraden. Das bedeutet: Wenn man von Zentralasien aus geradeaus nach Westen reist, gelangt man nach Europa, und umgekehrt, wenn man von Europa aus geradeaus nach Osten reist &#x2013; nur der Kaukasus oder S&#xFC;drussland trennen sie voneinander.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sie arbeiten derzeit an &#x201E;Turan&#x201C;, einem Projekt, das sich auf Zentralasien und die gesamte t&#xFC;rkische und persische Welt konzentriert. Was m&#xF6;chten Sie den Lesenden damit vermitteln?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erstens gibt es viele Geschichten &#xFC;ber Zentralasien, &#xFC;ber die in den Medien au&#xDF;erhalb der Region nur wenig oder gar nicht berichtet wird. Das ist im Allgemeinen schon so, seit die f&#xFC;nf L&#xE4;nder Ende 1991 unabh&#xE4;ngig wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zweitens steht den Medien und Organisationen in Europa, die sich f&#xFC;r Zentralasien interessieren, leider nicht viel Geld zur Verf&#xFC;gung. Das offensichtlichste Beispiel ist Radio Free Europe\/Radio Liberty, das aufgrund von Budgetk&#xFC;rzungen gezwungen war, seine Berichterstattung &#xFC;ber Zentralasien drastisch einzuschr&#xE4;nken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Turan hofft, diese L&#xFC;cke zumindest teilweise zu schlie&#xDF;en und einem Publikum auf YouTube Geschichten aus Zentralasien n&#xE4;herzubringen &#x2013; und zwar nicht nur Geschichten aus Zentralasien, sondern auch aus dem gesamten kaspischen Raum, einschlie&#xDF;lich der T&#xFC;rkei und des Irans. Das Turan Research Center ist Teil des Yorktown Institute, daher orientiert sich der Berichterstattungsstil eher an dem eines Thinktanks. Ich denke, das l&#xE4;sst sich an den Themen und der verwendeten Sprache erkennen. Viele der Berichte basieren auf Artikeln, die f&#xFC;r das Turan Research Center verfasst wurden. Ich leite den Kanal nicht. Ich bin lediglich ein Mitglied des Teams. Die treibenden Kr&#xE4;fte sind der Chefredakteur und die Grafiker.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Welchen Rat w&#xFC;rden Sie einem relativ kleinen unabh&#xE4;ngigen Medienunternehmen wie Novastan geben, das versucht, seri&#xF6;s &#xFC;ber Zentralasien zu berichten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich finde, Novastan leistet hervorragende Arbeit, insbesondere bei der Berichterstattung &#xFC;ber Jugendkultur. Mir gef&#xE4;llt, dass Novastan sowohl Nischenthemen wie die franz&#xF6;sisch-usbekische Theaterauff&#xFC;hrung als auch gro&#xDF;e Themen wie den schrumpfenden Kaspischen See oder das Lexikon der kasachischen Dekolonialisierung behandelt. Die Fotos aus dem Alltag in Zentralasien sind hervorragend. Viele Ihrer Autor*innen sind durch Zentralasien gereist oder haben dort gelebt, und das spiegelt sich in der Berichterstattung und der Themenauswahl wider.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich denke, Werbung ist der gr&#xF6;&#xDF;te Nachteil f&#xFC;r Novastan, aber auch hier gilt: Viele Organisationen stehen vor diesem Problem. Werbung erfordert Geld und ein Social-Media-Team. Das Material ist vorhanden, und zwar auf Deutsch, Englisch und Franz&#xF6;sisch. Das Problem besteht darin, gen&#xFC;gend Menschen dazu zu bringen, es zu sehen und weiterzuempfehlen, damit es einem breiteren Publikum bekannt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was ist f&#xFC;r ein europ&#xE4;isches Medium wie Novastan der beste Weg, mit zentralasiatischen Journalisten zusammenzuarbeiten &#x2013; nicht nur, indem man sie als Quellen zitiert, sondern indem man echte redaktionelle Partnerschaften aufbaut und ihren Perspektiven mehr Sichtbarkeit verschafft?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine M&#xF6;glichkeit w&#xE4;re, zentralasiatischen Medienschaffenden, einschlie&#xDF;lich derer, die f&#xFC;r staatliche Medien arbeiten, die Gelegenheit zu bieten, f&#xFC;r europ&#xE4;ische Medien zu schreiben. Dies w&#xFC;rde wahrscheinlich eine &#xDC;bersetzung erfordern. Und die Frage der Bezahlung k&#xF6;nnte kompliziert sein, da dies zu Vorw&#xFC;rfen f&#xFC;hren k&#xF6;nnte, sie w&#xFC;rden von ausl&#xE4;ndischen Quellen finanziert und somit beeinflusst. Wenn jedoch einige bereit w&#xE4;ren, ohne Verg&#xFC;tung zu schreiben &#x2013; einfach um in Europa bekannt zu werden und ihre Referenzen sowie ihren Lebenslauf aufzuwerten &#x2013;, w&#xFC;rde dies das Problem l&#xF6;sen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Falle von Medienschaffenden, die f&#xFC;r staatliche Medien schreiben, k&#xF6;nnten sie die staatliche Sichtweise der Ereignisse darlegen. Ob man damit einverstanden ist oder nicht &#x2013; es ist eine Sichtweise, die bei der Beurteilung der Lage in Zentralasien ber&#xFC;cksichtigt werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was &#xFC;berrascht Sie nach all den Jahren, in denen Sie &#xFC;ber Zentralasien berichten, noch an dieser Region?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt immer wieder &#xDC;berraschungen. F&#xFC;r mich pers&#xF6;nlich ist die gr&#xF6;&#xDF;te &#xDC;berraschung &#x2013; und zwar eine erfreuliche &#x2013; zu sehen, wie gut die f&#xFC;nf L&#xE4;nder miteinander auskommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin ziemlich viel durch Zentralasien gereist, vor allem in den 1990er Jahren. Ich war in jedem Land und habe mir angeh&#xF6;rt, was die Menschen &#xFC;ber die Nachbarl&#xE4;nder sagten. Vieles davon war negativ, was mir wirklich seltsam vorkam, denn als ich 1990 an der Sommerschule in Taschkent war, waren dort Menschen aus ganz Zentralasien, vieler verschiedener Ethnien, und sie waren sich alle einig, dass Moskau, die sowjetische Regierung, sie ausbeutete. Es herrschte eine Art Gleichheit, eine Verbundenheit, die sich zwischen den V&#xF6;lkern der verschiedenen zentralasiatischen Sowjetrepubliken entwickelte &#x2013; ein stillschweigendes Einvernehmen dar&#xFC;ber, dass sie alle vernachl&#xE4;ssigt und misshandelt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch sobald sie unabh&#xE4;ngig waren, gab es einige grausame &#xC4;u&#xDF;erungen &#xFC;ber die Nachbarn und andere einheimische ethnische Gruppen. Und nat&#xFC;rlich zeigte sich dies am schlimmsten im Juni 2010 im S&#xFC;den Kirgistans. Ich war vor Ort, haupts&#xE4;chlich in Osch, und habe mit Menschen aller Seiten gesprochen; es war oft erschreckend und immer &#xE4;u&#xDF;erst entt&#xE4;uschend und traurig zu h&#xF6;ren, was so viele Menschen damals sagten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Situation verbessert sich nun zumindest allm&#xE4;hlich. Das Gef&#xFC;hl der Br&#xFC;derlichkeit und der gemeinsamen Sache, das ich 1990 bei Gespr&#xE4;chen mit Gruppen von Zentralasiaten an der Staatlichen Universit&#xE4;t Taschkent wahrgenommen habe, kehrt zur&#xFC;ck, auch wenn die Menschen in Zentralasien heute st&#xE4;rker sind und nicht mehr Opfer einer Kolonialmacht sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zentralasien wird international nach wie vor h&#xE4;ufig unter den Gesichtspunkten Politik, Sicherheit und Geopolitik beleuchtet. Welche Autor*innen<\/strong> <strong>und\/oder Kulturschaffende aus der Region w&#xFC;rden Sie denjenigen empfehlen, die Zentralasien auf eine andere Art und Weise verstehen m&#xF6;chten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch das w&#xE4;re eine sehr lange Liste, und ich habe Angst, jemanden zu vergessen. Was englischsprachige und oft auch russischsprachige Texte angeht, w&#xFC;rde ich unter anderem folgende Autoren empfehlen: Temur Umarov, Assel Tutumlu, Diana Kudaibergen und Asel Doolotkeldieva, um nur einige zu nennen. Es gibt nat&#xFC;rlich noch Dutzende weitere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Arbeiten zentralasiatischer Wissenschaftler findet man auf mehreren westlichen Websites; ich m&#xF6;chte hier nur die Carnegie Endowment for International Peace und die Oxus Society erw&#xE4;hnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich w&#xFC;rde sagen, es lohnt sich, die Medien in allen f&#xFC;nf zentralasiatischen L&#xE4;ndern so gut wie m&#xF6;glich zu verfolgen. Selbst staatliche Medien und die dort t&#xE4;tigen Journalisten sind es wert, verfolgt zu werden &#x2013; selbst in L&#xE4;ndern wie Turkmenistan, wo fast jeder Artikel den &#x201E;Helden Arkadag&#x201C; erw&#xE4;hnt. Das ist eine Seite der Geschichte &#x2013; die Seite, die die Regierungen ihrem Volk erz&#xE4;hlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt viele gute Journalistinnen und Medien au&#xDF;erhalb Zentralasiens, die hervorragende Arbeit leisten, indem sie die Ereignisse in der Region verfolgen oder Fotos vom Leben dort ver&#xF6;ffentlichen, die den Menschen vermitteln, wie es ist, dort zu sein, und was man direkt vor Augen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/zentralasien-und-europa\/free-ride-ein-reisebericht-durch-zentralasien\/\">&#x201C;Free Ride&#x201D;: Ein Reisebericht (durch Zentralasien)<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich in den 1990er Jahren dort arbeitete, reisten kaum Menschen aus dem Westen dorthin, sodass niemand viel dar&#xFC;ber wusste. Heute gibt es viele Autoren, die &#xFC;ber Zentralasien schreiben und entweder ausgiebig durch die Region gereist sind, viel Zeit an einem oder mehreren Orten verbracht haben oder einfach nur die Ereignisse verfolgen und dar&#xFC;ber berichten. Der Wissensstand ist heute so viel h&#xF6;her als damals. Es bringt mich immer wieder zum Schmunzeln, zu sehen, wie viele gro&#xDF;artige Menschen ihr fundiertes Wissen und ihre Erfahrungen &#xFC;ber Zentralasien mit dem Rest der Welt teilen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit zeitgen&#xF6;ssischen Filmemacherinnen und Musikern bin ich nicht vertraut, daher kann ich dazu wirklich nicht viel sagen. Ich w&#xFC;rde empfehlen, sich die Filme anzusehen, die Kasachstan, Kirgistan und Usbekistan &#xFC;ber ihre Geschichte drehen. Es ist wichtig zu sehen, wie ihre Vorfahren dargestellt werden, und dar&#xFC;ber nachzudenken, welche Auswirkungen das auf die Menschen hat, die heute in diesen L&#xE4;ndern leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/en\/author\/lemoinemat\/\">Mathieu Lemoine <\/a>f&#xFC;r Novastan<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><strong>Aus dem <a href=\"https:\/\/novastan.org\/en\/kyrgyzstan\/bruce-pannier-central-asia-media-russia\/\">Englischen<\/a> von Mich&#xE8;le H&#xE4;fliger<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bruce Pannier verfolgt den Wandel in Zentralasien seit mehr als drei Jahrzehnten &#x2013; von den letzten Jahren der Sowjetunion bis hin zu einer Generation, die sich nicht mehr daran erinnert. Im Interview mit Novastan reflektiert der erfahrene Journalist &#xFC;ber unabh&#xE4;ngige Medien, die sich wandelnde Rolle Russlands, Generationswechsel, &#xFC;bersehene Gemeinschaften und dar&#xFC;ber, wie Au&#xDF;enstehende Zentralasien immer [&#x2026;]<\/p>\n","protected":false},"author":216,"featured_media":45564,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4,3,4359,6,7,5],"tags":[1238,1713,6051,1283,6056,1611,6054,1494,1385,6050,1253,1233],"coauthors":[1147],"class_list":["post-45559","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kasachstan","category-kirgistan","category-panorama","category-tadschikistan","category-turkmenistan","category-usbekistan","tag-afghanistan","tag-aussenpolitik","tag-bruce-pannier","tag-china","tag-exilmedien","tag-journalismus","tag-majlis","tag-novastan","tag-pressefreiheit","tag-rfe-rl","tag-russland","tag-sowjetunion"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45559","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/216"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45559"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45559\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":45602,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45559\/revisions\/45602"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/45564"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45559"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45559"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45559"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=45559"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}