{"id":45474,"date":"2026-10-20T21:16:04","date_gmt":"2026-10-20T19:16:04","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=45474"},"modified":"2026-10-21T06:45:06","modified_gmt":"2026-10-21T04:45:06","slug":"eine-branche-in-gefahr-die-kasachische-mehlindustrie-unter-druck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/eine-branche-in-gefahr-die-kasachische-mehlindustrie-unter-druck\/","title":{"rendered":"Eine Branche in Gefahr? Die kasachische Mehlindustrie unter Druck"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch die wachsende Konkurrenz der usbekischen Mehlproduktion und dem beschr&#xE4;nkten Zugang zu russischem Weizen steht die kasachische M&#xFC;hlenindustrie seit mehreren Jahren zunehmend unter Druck. Dennoch bleibt Kasachstan einer der weltweit f&#xFC;hrenden Mehlexporteure und ist bem&#xFC;ht, seine Bedeutung in der Getreideverarbeitung in Zeiten des Umbruchs zu sichern.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein zentraler Sektor in der nationalen Agrarwirtschaft und Industrie<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit der Unabh&#xE4;ngigkeit Kasachstans im Jahr 1991 hat sich die Getreidem&#xFC;llerei als eine der zentralen S&#xE4;ulen des nationalen Agrar- und Industriekomplexes etabliert. Ende der 2000er Jahre war Kasachstan laut dem auf Landwirtschaft spezialisierten kasachischen Medienportal <a href=\"https:\/\/eldala.kz\/\">Eldala.kz<\/a> im Mehl-Export weltweit f&#xFC;hrend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Zusammenbruch der UdSSR erlebte die Produktion einen rasanten Aufschwung. Die Zahl der M&#xFC;hlen stieg dabei von 75 im Jahr 1989 auf 2300 im Jahr 2000. In den 1990er Jahren investierten zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe in ihre eigene Verarbeitung und bauten diese aus. Vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der sowjetischen Handelswege wurden die M&#xFC;ller zu einem der wichtigsten Abnehmer f&#xFC;r den produzierten Weizen aus den n&#xF6;rdlichen Regionen, die f&#xFC;r etwa 20 Prozent der sowjetischen Getreideproduktion verantwortlich waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F&#xFC;r die landwirtschaftlichen Erzeuger f&#xFC;hrte diese Situation jedoch lange Zeit zu einem ung&#xFC;nstigen Kr&#xE4;fteverh&#xE4;ltnis. Da es keine alternativen Absatzm&#xE4;rkte gab, blieben die Ankaufspreise f&#xFC;r Weizen niedrig, was wiederum die Investitionsm&#xF6;glichkeiten der Betriebe einschr&#xE4;nkte. Ab den 2010er Jahren erholte sich der Sektor allm&#xE4;hlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2025 lag Kasachstan bei den weltweiten Mehlexporteuren auf Platz zwei hinter der T&#xFC;rkei. Seit 2010 produzieren kasachische M&#xFC;hlenbetreiber durchschnittlich zwischen drei und vier Millionen Tonnen Mehl pro Jahr. Davon werden 1,5 bis 2,5 Millionen Tonnen exportiert, haupts&#xE4;chlich nach Zentralasien und Afghanistan. Der afghanische Markt nimmt <a href=\"https:\/\/www.gov.kz\/org\/moa\/press\/news\/details\/1252073?lang=ru&amp;utm_\">laut dem Landwirtschaftsministerium <\/a>mehr als die H&#xE4;lfte der kasachischen Mehlexporte auf. Daneben z&#xE4;hlen Usbekistan, Kirgistan und Turkmenistan zu den wichtigsten Abnehmern.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/novastan.org\/fr\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2026\/09\/WhatsApp-Image-2026-09-08-at-09.00.41-1024x1024.jpeg\" alt=\"\" style=\"aspect-ratio:1;width:1024px;height:auto\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Getreidesilos in Novoishimskoje in der Region Nordkasachstan. Foto des Autors.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die weltweite M&#xFC;hlenindustrie verbraucht zwischen 20 und 30 Prozent der in Kasachstan geernteten Getreidemenge. Der Gro&#xDF;teil des Weizens wird in den n&#xF6;rdlichen Regionen Aqmola, Qostanai und in Nordkasachstan angebaut.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein regionales Gebiet im Umbruch<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die steigende Mehlproduktion in Usbekistan stellt heute eine der gr&#xF6;&#xDF;ten Herausforderungen f&#xFC;r die kasachischen M&#xFC;ller dar. Seit dem Amtsantritt des usbekischen Pr&#xE4;sidenten Shavkat Mirziyoyev im Jahr 2016 hat die vorangetriebene Liberalisierung der Wirtschaft laut <a href=\"https:\/\/www.world-grain.com\/\">World Grain<\/a> zur raschen Entwicklung des Sektors beigetragen. Usbekistan exportierte 2025 <a href=\"https:\/\/www.apk-inform.com\/uk\">rund 1,6 Millionen Tonnen Mehl<\/a>, haupts&#xE4;chlich nach Afghanistan.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/fr\/newsletter\/newsletter-agriculture-tachkent-fait-du-pied-aux-entreprises-francaises\/\">Taschkent wirbt um franz&#xF6;sische Unternehmen<\/a><\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Expansion beruht zum Gro&#xDF;teil auf aus Kasachstan importiertem Weizen. Usbekistan bleibt mit j&#xE4;hrlich rund vier Millionen Tonnen Importen der <a href=\"https:\/\/t.me\/Karabanov_Eugeniy\/676\">wichtigste Absatzmarkt f&#xFC;r kasachisches Getreide<\/a>. Diese Entwicklung f&#xFC;hrt kasachische Erzeuger in eine paradoxe Situation: Ein wachsender Anteil des heimischen Weizens wird in unverarbeiteter Form exportiert und anschlie&#xDF;end im benachbarten Usbekistan verarbeitet. Auf dem afghanischen Markt konkurriert der Weizen dann direkt mit kasachischem Mehl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig ist Afghanistan auch bestrebt, seine Verarbeitungskapazit&#xE4;ten durch den Bau neuer M&#xFC;hleninfrastrukturen auszubauen. Parallel steigert das Land seine Importe von Weizen aus Kasachstan. Diese politische Entwicklung zur eigenen Ern&#xE4;hrungssouver&#xE4;nit&#xE4;t in Usbekistan und Afghanistan f&#xFC;hrt somit dazu, dass die Absatzm&#xE4;rkte f&#xFC;r kasachisches Mehl zur&#xFC;ckgehen. Gleichzeitig werden die Exporte von Rohgetreide mit geringerer Wertsch&#xF6;pfung gef&#xF6;rdert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wettbewerb innerhalb der nationalen Agrarindustrie<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch interne Entwicklungen in Kasachstan versch&#xE4;rfen die Schwierigkeiten f&#xFC;r den Sektor. Im Jahr 2025 erleichterten Subventionen f&#xFC;r den Getreidetransport zu bestimmten Exportm&#xE4;rkten den Absatz von kasachischem Weizen in weiter entfernte Zielgebiete. F&#xFC;r die M&#xFC;ller trugen diese Ma&#xDF;nahmen jedoch dazu bei, das Wettrennen um den Zugang zu g&#xFC;nstigem Rohstoff auf dem Binnenmarkt zu versch&#xE4;rfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Finanzielle F&#xF6;rderma&#xDF;nahmen sind Teil der Bem&#xFC;hungen der Beh&#xF6;rden, neue Absatzm&#xE4;rkte f&#xFC;r das kasachische Getreide zu erschlie&#xDF;en. Mit der Neuordnung globaler Lieferketten seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine stehen insbesondere China, der Nahe Osten und der afrikanische Kontinent im Fokus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um wettbewerbsf&#xE4;hig zu bleiben, haben kasachische M&#xFC;hlenbetreiber versucht, Weizen aus Russland einzukaufen, wo Weizen unter Umst&#xE4;nden g&#xFC;nstiger ist. 2024 soll der Preisunterschied <a href=\"https:\/\/www.azattyqasia.org\/a\/32687212.html\">laut Azattyq Asia<\/a>&#xA0;bis zu 20 Prozent betragen haben. Dieser Vorteil f&#xFC;r die M&#xFC;hlen stellt gleichzeitig ein Risiko f&#xFC;r die einheimischen Getreideerzeuger dar: Mehr g&#xFC;nstiger russischer Weizen &#xFC;bt einen Abw&#xE4;rtsdruck auf den Binnenmarkt aus.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/novastan.org\/fr\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2026\/09\/robin-farine-kazakhstanaise-samarcande-02-1-498x1024.jpg\" alt=\"\" style=\"aspect-ratio:0.486328125;width:498px;height:auto\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Mehls&#xE4;cke, die auf dem Basar von Samarkand zum Verkauf angeboten werden und die Aufschrift &#x201E;Hergestellt aus Weizen aus Nordkasachstan&#x201C; in russischer Sprache tragen. Foto des Autors.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da Kasachstan zudem selbst &#xFC;ber umfangreiche Weizenvorr&#xE4;te verf&#xFC;gt, haben die Beh&#xF6;rden die Einfuhren russischen Weizens schrittweise beschr&#xE4;nkt und schlie&#xDF;lich verboten. Dadurch sollen die Preise gest&#xFC;tzt und Absatzm&#xE4;rkte f&#xFC;r die heimische Produktion gesichert werden. In dieser Politik zeigen sich die teilweise widerspr&#xFC;chlichen Interessen zwischen Getreideerzeugern und Verarbeitern deutlich. <a href=\"https:\/\/eldala.kz\/dannye\/dosye\/563-gan-evgenij-albertovich\">Evgeni Gan<\/a>, Vorsitzender des Rates des Verbands der Getreideverarbeiter Kasachstans, pl&#xE4;diert daher weiterhin f&#xFC;r eine Lockerung der Beschr&#xE4;nkungen f&#xFC;r russische Importe, um die Wettbewerbsf&#xE4;higkeit der M&#xFC;ller aus den Exportm&#xE4;rkten zu sichern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2026 trat eine neue Steuerreform in Kraft, die <a href=\"https:\/\/www.grainunion.kz\/ru\/article\/4218\">eine weitere Komponente hinzuf&#xFC;gte<\/a>: Das neue Steuergesetzbuch hat die Regeln f&#xFC;r die Erstattung der Mehrwertsteuer auf landwirtschaftliche Exporte ge&#xE4;ndert. Die Beh&#xF6;rden haben jedoch klargestellt, dass Produkte, die aus der Verarbeitung landwirtschaftlicher Rohstoffe hervorgehen (darunter Mehl), weiterhin Anspruch auf eine vollst&#xE4;ndige Mehrwertsteuerr&#xFC;ckerstattung haben, sofern die steuerrechtlichen Vorschriften eingehalten werden. Die Bestimmungen f&#xFC;r den Export landwirtschaftlicher Rohstoffe waren 2026 Gegenstand intensiver Diskussionen zwischen der kasachischen Regierung und den Berufsverb&#xE4;nden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Regierung sah einen Vorteil im Erhalt der verarbeitenden Industrie, um mehr Wertsch&#xF6;pfung im Inland zu generieren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Auf dem Weg zu neuen Priorit&#xE4;ten?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W&#xE4;hrend Usbekistan und Afghanistan ihre eigenen Kapazit&#xE4;ten zur Mehlproduktion ausbauen, scheint Kasachstan die Verarbeitungsformen seines Getreides weiter diversifizieren zu wollen. Seit 2022 verzeichnen insbesondere die <a href=\"https:\/\/www.gov.kz\/org\/moa\/press\/news\/details\/1252073?lang=ru&amp;utm_\">Exporte von Getreideprodukten f&#xFC;r Futterzwecke<\/a> nach China einen starken Anstieg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig k&#xFC;ndigt die Regierung Projekte zur &#x201E;tiefgreifenden Verarbeitung&#x201C; von Getreide an. Diese betreffen insbesondere die Herstellung von St&#xE4;rke, Lysin, Aminos&#xE4;uren, Threonin oder Glutamin f&#xFC;r die weltweite Lebensmittelindustrie. Gemeinsam mit internationalen Investoren sollen die Projekte j&#xE4;hrlich mindestens f&#xFC;nf Millionen Tonnen Getreide verarbeiten und k&#xF6;nnten den kasachischen Agrar- und Industriekomplex direkter in technologisch anspruchsvollere Wertsch&#xF6;pfungsketten einbinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die steuerpolitische F&#xF6;rderung von Verarbeitungserzeugnissen hat ein klares Ziel: Anstatt ausschlie&#xDF;lich Getreide oder Mehl zu exportieren, versuchen die Beh&#xF6;rden, Produktionszweige zu f&#xF6;rdern, die im Inland einen h&#xF6;heren Mehrwert schaffen k&#xF6;nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ver&#xE4;nderungen in der kasachischen M&#xFC;hlenindustrie zeugen somit von einer umfassenderen Neugestaltung der regionalen Ern&#xE4;hrungssysteme. Der Ausbau der Verarbeitungskapazit&#xE4;ten in Usbekistan und Afghanistan, die Erschlie&#xDF;ung neuer Absatzm&#xE4;rkte in China sowie der Wettbewerb zwischen Erzeugern und Verarbeitern in Kasachstan gestalten die Getreidekreisl&#xE4;ufe in Zentralasien nach und nach neu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf lokaler Ebene ver&#xE4;ndern diese Entwicklungen auch die auf Getreide spezialisierten l&#xE4;ndlichen Gebiete im Norden Kasachstans: Der Ausbau der Industrie, eine Diversifizierung der Anbaukulturen und neue Formen der Nutzung von Ackerland gehen einher mit der zunehmenden Einbindung der Region in die gro&#xDF;en eurasischen Agrar- und Lebensmittelstr&#xF6;me. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Robin Leterrier ist Doktorand am Institut fran&#xE7;ais de g&#xE9;opolitique (Universit&#xE4;t Paris 8) und Autor f&#xFC;r Novastan.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><strong>Robin Leterrier f&#xFC;r Novastan<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><strong>&#xDC;bersetzt aus dem Franz&#xF6;sischen von Leonie Stoffels<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch die wachsende Konkurrenz der usbekischen Mehlproduktion und dem beschr&#xE4;nkten Zugang zu russischem Weizen steht die kasachische M&#xFC;hlenindustrie seit mehreren Jahren zunehmend unter Druck. 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