{"id":440,"date":"2016-08-24T12:00:00","date_gmt":"2016-08-24T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=440"},"modified":"2017-04-06T19:08:03","modified_gmt":"2017-04-06T17:08:03","slug":"die-bucharischen-juden-wie-kamen-sie-nach-zentralasien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/die-bucharischen-juden-wie-kamen-sie-nach-zentralasien\/","title":{"rendered":"Die bucharischen Juden \u2013 wie kamen sie nach Zentralasien?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Die Juden von Buchara geh&#xF6;ren zu den r&#xE4;tselhaftesten Einwohnern der Stadt im S&#xFC;den Usbekistans. Obwohl sie seit mehreren Jahrhunderten in Buchara leben, kennen nur wenige in der Region die Gemeinde. <\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Die von Novastan &#xFC;bersetzte Reportage von &#x201E;The Open Asia&#x201C; entdeckt eine der Synagogen von Buchara, die seit &#xFC;ber 400 Jahren die Gl&#xE4;ubigen im alten Stadtviertel empf&#xE4;ngt.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Obwohl scheinbar alle in Zentralasien lebenden Juden als bucharische Juden bezeichnet werden, stammen sie nicht ausschlie&#xDF;lich aus Buchara. Die Angeh&#xF6;rigen dieser Religion leben seit Jahrhunderten auch in anderen St&#xE4;dten der Region, sie werden aber traditionell als &#x201E;bucharisch&#x201C; bezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Historiker haben dazu verschiedene Vermutungen aufgestellt: einige verbinden das Auftreten dieser Bezeichnung mit Eroberer Timur, welcher nach seiner Einnahme Bucharas mehrere hundert j&#xFC;dische Familien nach Samarkand umsiedeln lie&#xDF; und die neue Gemeinde als &#x201E;Juden von Buchara&#x201C; bezeichnete. Andere nehmen an, dass bei der Eingliederung des heutigen Zentralasiens in das russische Reich die russischen Herrscher eine Bezeichnung suchten, um die einheimischen von den russischen Juden zu unterscheiden. Da sich die wichtigste j&#xFC;dische Gemeinde in Buchara befand, wurden schlie&#xDF;lich alle zentralasiatischen Juden &#x201E;bucharisch&#x201C; genannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Der Weg nach Zentralasien<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Verschiedene Erkl&#xE4;rungen gibt es auch f&#xFC;r die Ankunft der Juden in Zentralasien. Einige Wissenschaftlicher best&#xE4;tigen, dass diese durch die Seidenstra&#xDF;e stattfand: die Juden kamen mit Handelskarawanen in die Region, fanden Arbeit und blieben. Einer anderen Hypothese zufolge kamen die Juden zu Zeiten des Ach&#xE4;menidenreichs (zwischen dem 5. und dem 3. Jh. v. Chr.), um Gesch&#xE4;fte zu machen. Schlie&#xDF;lich findet eine dritte Version Erw&#xE4;hnung: im 7. Jh. wurden auf dem Territorium des heutigen Iran die Sassaniden besiegt und zahlreiche Fl&#xFC;chtlinge, unter ihnen die Repr&#xE4;sentanten der j&#xFC;dischen Bev&#xF6;lkerung, kamen nach Zentralasien. Sicher ist jedoch, dass es schon seit langem Juden in Zentralasien gibt. Der erste schriftliche Beweis ihrer Pr&#xE4;senz stammt aus dem 13. Jh. und die &#xE4;lteste Synagoge, von Arch&#xE4;ologen in Turkmenistan gefunden, aus dem 3. Jh. n. Chr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">W&#xE4;hrend ihrer langen Geschichte haben sich die Juden in die lokalen Gemeinschaften integriert, sodass es heute kaum m&#xF6;glich ist, die bucharischen Juden von Tadschiken oder Usbeken zu unterscheiden. Nach mehreren hundert Jahren des Zusammenlebens &#xE4;hneln sie nicht nur der &#xF6;rtlichen Bev&#xF6;lkerung, sondern sprechen auch die jeweiligen Sprachen und haben sich der Kultur und Lebensweise ihrer Umgebung angepasst. Dennoch fand keine vollst&#xE4;ndige Assimilation statt: die Juden praktizieren ihre Religion, sie heiraten selten Einheimische und besitzen bis heute eine eigene Weltanschauung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">F&#xFC;r das Recht, ihre Identit&#xE4;t zu wahren, hat die j&#xFC;dische Bev&#xF6;lkerung einen hohen Preis gezahlt. Entbehrungsreiche Jahre voller Schwierigkeiten, die es zu &#xFC;berleben galt, sind im Ged&#xE4;chtnis der Gemeinschaft verankert. Dennoch scheinen sie heute keinen Zorn zu f&#xFC;hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Eine kleine Synagoge mit einer gro&#xDF;en Geschichte<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Obgleich es einmal um die 30 Synagogen in Buchara gab, sind nur zwei davon in der Altstadt erhalten geblieben. In den 1970ern begann die massive Auswanderung der Juden aus der Sowjetunion, insbesondere aus Zentralasien, und ihre Synagogen wurden geschlossen. Die j&#xFC;dische Gemeinde in Buchara ist daher signifikant geschrumpft: von einmal ca. 35.000 Mitgliedern auf ungef&#xE4;hr 420 Personen heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1298\/107444288_948314fbbf_b.jpeg\" alt=\"Synagoge Buchara Rabbi Usbekistan\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Von den Juden, die w&#xE4;hrend der sowjetischen Periode hierher kamen, waren 250 bucharische Juden und der Rest Russen. Aber die bucharischen Juden lebten hier seit hunderten von Jahren&#x201C;, erkl&#xE4;rt uns der W&#xE4;rter einer der Synagogen in Buchara. Diese Synagoge ist &#xFC;ber 400 Jahre alt und befindet sich nahe des architektonischen Komplexes Labi Hovuz, im Herzen des alten Bucharas.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Synagoge ist inmitten der verflochtenen Gassen von Buchara nicht sofort erkennbar. Fr&#xFC;her lebten hier ausschlie&#xDF;lich Juden. Heute leben Usbeken und Tadschiken in den hohen H&#xE4;usern mit den wei&#xDF;en W&#xE4;nden und den kleinen Innenh&#xF6;fen. Nichtsdestotrotz beginnen die Juden jeden Freitagabend die Feier des Sabbat mit ihrem traditionellen Gottesdienst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Gottesdienst darf besucht, aber unter keinen Umst&#xE4;nden gefilmt werden. Der Sohn des Rabbis, Don Sianov, erkl&#xE4;rt, dass die hier stattfindenden Rituale sich kaum von den in Israel praktizierten unterscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Doch das war nicht immer so. Ende des 18. Jh. kam der marokkanische Rabbi Joseph Maman Maaravi nach Buchara. Er nahm am Gottesdienst teil und stellte fest, dass er sich stark von denen der europ&#xE4;ischen Juden unterschied und die letzten zwei B&#xFC;cher der Thora fehlten. Die bucharischen Juden hatten Teile ihre Religion und ihre Kultur verloren &#x2013; der Rabbi entschied, diese wieder einzuf&#xFC;hren. Bis heute finden die religi&#xF6;sen Zeremonien in Buchara nach seinen Vorgaben statt, sodass Juden aus Israel oder den USA, die sich einmal pro Woche in die Synagogen von Buchara begeben, fast keinen Unterschied erkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Um ihre Kultur nicht zu verlieren, wurde 1994 gleich neben der Synagoge eine spezielle Schule er&#xF6;ffnet. Hier werden vier Sprachen gelehrt: Usbekisch, Englisch, Russisch und Hebr&#xE4;isch, au&#xDF;erdem werden die Geschichte Usbekistans und Israels unterrichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Fremde unter sich &#x2013; diskriminiert&#xA0;vor dem Gesetz<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Juden weltweit widerfuhren tragische Schicksale, und die bucharischen Juden stellen keine Ausnahme dar. &#x201E;Die Juden von Buchara leben unter gro&#xDF;er Unterdr&#xFC;ckung und werden von allen verachtet&#x201C;, notiert Armini Vamberi, ein ungarischer Reisender, der Zentralasien Mitte des 19. Jh. durchquert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1298\/img_5027.jpeg\" alt=\"Fu&#xDF;g&#xE4;nger in Buchara\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Gesetze, welche f&#xFC;r die j&#xFC;dische Bev&#xF6;lkerung von Buchara galten und von den lokalen Autorit&#xE4;ten eingef&#xFC;hrt wurden, sind erschreckend. So zahlten Juden eine Steuer f&#xFC;r die &#x201E;Erhaltung&#x201C; ihres eigenen Lebens und das Recht, ihre Religion zu praktizieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Juden hat kein Recht, in Buchara zu Pferd zu reiten, nur auf Eseln. Selbst dann mussten sie, falls sich vor ihnen ein Muslim befand, absteigen und sich verbeugen, andernfalls drohten harte Pr&#xFC;gelstrafen wegen Beleidigung. Es war ihnen verboten, Seide zu tragen oder ein Tuch um ihr Hemd zu binden, wie es die lokale Bev&#xF6;lkerung tat; sie durften lediglich ein Seil umbinden. Ihnen war ebenso untersagt, den traditionellen Turban zu tragen. Stattdessen mussten sie Schapkas aus Pelz tragen, sodass Muslime sie schon von weitem als Angeh&#xF6;rige eines anderen Glaubens erkennen konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Erzwungene Konvertierung zum Islam<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">All diese Einschr&#xE4;nkungen waren jedoch geringf&#xFC;gig im Vergleich zu den konstanten Versuchen, die Konvertierung zum Islam zu erzwingen, oft mit gewaltt&#xE4;tigen Mitteln. Falls es zur Konvertierung kam, wurden den neu Konvertierten der abf&#xE4;llige Beiname &#x201E;Tschala&#x201C; gegeben, was auf Russisch so viel bedeutet wie &#x201E;zwischen den beiden&#x201C;. Trotz der Konvertierung wandelte sich das Leben der Betroffenen zum Schlechteren, da die Muslime die Tschalas nicht anerkannten, sie aber ebenso von den Juden abgelehnt wurden. Die Tschalas lebten daher getrennt von ihrer alten Gemeinschaft in speziell f&#xFC;r sie reservierten Vierteln um den j&#xFC;dischen Vierteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Oft erkannten die Juden den Islam an mit dem Ziel, die Steuern f&#xFC;r die Praktizierung ihrer Religion zu vermeiden&#x201C;, erkl&#xE4;rt Don Sianov. In Buchara lebten drei Kategorien von Juden: die Cohens, die gutsituierten Juden, die Levis, die Mittelklasse, sowie die Yisrael, die Armen. Die Merheit der Tschalas entstammten der dritten Gruppe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die erzwungene Konvertierung zum Islam war daher oft nicht aussagekr&#xE4;ftig. Der Sohn des Rabbis wei&#xDF;, dass vor Pessach die Tschalas zur Synagoge kamen und dort nach Azyma fragten, dem traditionellen Brot dieses Feiertags, um sich anl&#xE4;sslich des Festes wieder als Juden zu f&#xFC;hlen. Als das Emirat von Buchara wiederkam, sind auch die Tschalas in gro&#xDF;en Zahlen zum Judentum zur&#xFC;ckgekehrt und heute gibt es praktisch keine Tschalas mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Bucharische Juden als Botschafter der zentralasiatischen Kultur<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Heute attackiert niemand mehr die j&#xFC;dische Gemeinde in Buchara. Sie stellt einen integralen Teil der Stadt dar und jeder Reiseleiter berichtet von ihrer komplexen Geschichte und erw&#xE4;hnt den wichtigen Beitrag, den die Juden zur Entwicklung der Kultur und des Handwerks in ganz Zentralasien geleistet haben. Deshalb tragen die bucharischen Juden die Kultur ihrer Region auch weit &#xFC;ber die Grenzen Zentralasiens hinaus: seit einigen Jahren findet in New York ein Festival klassischer Musik unter dem Titel &#x201C;Chachmakoma&#x201C; statt. In den USA wurde au&#xDF;erdem eine Tanzschule er&#xF6;ffnet, welche die traditionellen T&#xE4;nze der L&#xE4;nder Zentralasiens unterrichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Don Sianov erkl&#xE4;rt, warum dies in keiner Weise eine Ausnahme darstellt. Die Juden haben ihre Aufgaben &#xFC;ber Jahrhunderte erf&#xFC;llt &#x2013; waren sie einst die besten Schneider und &#xC4;rzte von Buchara, sind sie heute gro&#xDF;e Kenner der alten Kultur der Region. Und ohne sie w&#xE4;re Buchara nicht, wie es heute ist: reich, flei&#xDF;ig und sehr geduldig.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em><strong>Lilia Gaisina&#x2028;<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em><strong>Aus dem Franz&#xF6;sischen von Luisa Podsadny<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&#xA0;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Juden von Buchara geh&#xF6;ren zu den r&#xE4;tselhaftesten Einwohnern der Stadt im S&#xFC;den Usbekistans. Obgleich sie seit Jahrhunderten in Buchara leben, ist ihre Gemeinde nur wenigen bekannt.<\/p>\n","protected":false},"author":399,"featured_media":441,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[1343,1198,1289],"coauthors":[1797,1246],"class_list":["post-440","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-usbekistan","tag-buchara","tag-kultur","tag-usbekistan"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/440","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/399"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=440"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/440\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/441"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=440"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=440"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=440"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=440"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}