{"id":43988,"date":"2026-02-05T14:35:30","date_gmt":"2026-02-05T13:35:30","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=43988"},"modified":"2026-02-05T17:30:05","modified_gmt":"2026-02-05T16:30:05","slug":"eine-stimme-ohne-grenzen-ein-kasachischer-tenor-in-der-europaeischen-tradition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/eine-stimme-ohne-grenzen-ein-kasachischer-tenor-in-der-europaeischen-tradition\/","title":{"rendered":"Eine Stimme ohne Grenzen: ein kasachischer Tenor in der europ\u00e4ischen Tradition"},"content":{"rendered":"<p>Der f&#xFC;hrende Solist der &#x201E;Astana Opera&#x201C; Medet Chotabayev, ist Tenor, dessen beruflicher Werdegang die kasachische Gesangsschule, die italienische Operntradition und die Erfahrung gro&#xDF;er internationaler Theater verbindet. Im Interview spricht er nicht nur &#xFC;ber seine pers&#xF6;nliche Biografie, sondern auch &#xFC;ber die Unterschiede zwischen den Opernsystemen Europas und Kasachstans, die Rolle der B&#xFC;hne bei der Entwicklung eines S&#xE4;ngers und dar&#xFC;ber, wie kasachstanische K&#xFC;nstler:innen heute au&#xDF;erhalb ihres Landes klingen und wahrgenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Artikel ist Teil der Interviewreihe <\/em><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/tag\/kasachische-musizierende-auf-den-spuren-des-europaeischen-erbes\/\"><em>Kasachische Musizierende: auf den Spuren des europ&#xE4;ischen Erbes<\/em><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Medet Chotabayev ist Absolvent des Musikcolleges in Seme&#x131;, des Konservatoriums in Almaty und der Internationalen Gesangsakademie, die nach Renata Tebaldi und Mario del Monaco aus Italien benannt wurde.&#xA0; F&#xFC;r die St&#xE4;rkung der kulturellen Beziehungen zwischen Kasachstan und Italien erhielt Chotabayev die h&#xF6;chste italienische Auszeichnung f&#xFC;r Ausl&#xE4;nder:innen &#x2013; den &#x201E;Orden des Sterns von Italien&#x201C;. Au&#xDF;erdem wurde ihm f&#xFC;r seinen Beitrag zur Entwicklung der Kultur und Kunst des Landes der staatliche Titel &#x201E;Verdiente Pers&#xF6;nlichkeit Kasachstans&#x201C; verliehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nurgul Adambayeva f&#xFC;r Novastan: Medet, erz&#xE4;hlen Sie uns etwas &#xFC;ber den Beginn Ihrer k&#xFC;nstlerischen Laufbahn: Wie sind Sie zur Musik, zur Oper gekommen? War das eine bewusste Entscheidung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Chotabayev: Ich besuchte bis zur 9. Klasse eine normale Mittelschule und in meiner Familie gab es keine professionellen Musiker:innen. Meine Mutter arbeitete in einem Fleischverarbeitungsbetrieb, mein Vater in einem Maschinenbauwerk. Aber meine Mutter war von Natur aus sehr musikalisch: Sie sang im Chor und spielte nach Geh&#xF6;r Klavier, ohne Noten zu kennen. Ich glaube, diese innere Musikalit&#xE4;t habe ich von ihr geerbt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"flex flex-col md:flex-row justify-evenly items-center bg-yellow-100 my-20 p-10 space-y-10 subscribe\">\n\t<div class=\"container flex flex-col lg:flex-row justify-between\">\n\t\t<div class=\"flex flex-col w-full lg:w-3\/5 pb-4\">\n\t\t\t<h2 class=\"text-3xl text-secondary font-bold mb-4 text-[#749D02]\">\n\t\t\t\t\t\t\t\tUnterst&#xFC;tzt Novastan &#x2013; das europ&#xE4;ische Zentralasien-Magazin \n\t\t\t<\/h2>\n\t\t\t\tAls vereinsgetragene, unabh&#xE4;ngige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen &#x2013; und von eurer Unterst&#xFC;tzung! \n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<div class=\"flex flex-col w-full lg:w-2\/5 justify-items-center justify-center pb-4\">\n\t\t\t<div class=\"rounded-md bg-accent-500 px-10 py-5 text-center w-72 mx-auto\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<a class=\"block rounded bg-white p-2 mt-4 font-bold\" href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/spenden\/\">Novastan unterst&#xFC;tzen<\/a>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Ich habe seit meiner Kindheit gesungen, aber nicht auf der B&#xFC;hne, sondern einfach zu Hause, auf der Stra&#xDF;e, im Dorf. Im Sommer wurde ich aufs Land geschickt. Dort sangen alle &#x2013; Hirt:innen, Verwandte, Nachbar:innen. Aber niemand h&#xE4;tte gedacht, dass ich das sp&#xE4;ter einmal professionell machen w&#xFC;rde, nicht einmal ich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/panorama\/die-orgel-zwischen-zwei-welten-eine-kasachische-geschichte-eines-europaeischen-instruments\/\"><strong>Die Orgel zwischen zwei Welten: eine kasachische Geschichte eines europ&#xE4;ischen Instruments<\/strong><\/a><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Schule war ich ein durchschnittlicher Sch&#xFC;ler. Ich wurde nicht in die zehnte Klasse aufgenommen und musste mich dringend entscheiden, wie es weitergehen sollte. Ein Freund schlug mir vor, zum Gesangsunterricht zu gehen &#x2013; einfach um zu sehen, ob ich singen kann. Dort erfuhr ich zum ersten Mal, dass es eine Musikhochschule gibt, an der man auch ohne Grundkenntnisse studieren kann. Meine Entscheidung, an diese Hochschule zu gehen, war f&#xFC;r meine ganze Familie eine gro&#xDF;e &#xDC;berraschung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie verlief die Aufnahmepr&#xFC;fung am Musikcollege in Semipalatinsk (heute <\/strong><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Semei\"><strong>Seme<\/strong><strong>&#x131;<\/strong><\/a><strong>)?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Fast schon anekdotisch. Ich hatte den Tag der Aufnahmepr&#xFC;fung vergessen und war auf&#x2018;s Land gefahren. Ich kam in letzter Minute an, hatte nicht einmal Zeit, mich umzuziehen &#x2013; ich ging in Jogginghose und Flip-Flops hin! Ich kannte nur ein paar Schlager, was f&#xFC;r die Aufnahme an einer Musikhochschule nicht besonders seri&#xF6;s wirkte. Die anderen Bewerber:innen und die Kommission konnten sich kaum das Lachen verkneifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich wusste, dass ich um jeden Preis an diese Hochschule kommen musste. Als das Vorsingen begann, gab ich mein Bestes &#x2013; und die Lehrer:innen h&#xF6;rten meine Stimme. Und so wurde ich angenommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das hei&#xDF;t, Ihre musikalische Laufbahn begann erst nach der 9. Klasse, im Alter von 15 Jahren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja. Und gerade im Musikcollege begann meine Laufbahn in der Oper. Obwohl ich anfangs dachte, dass ich mich v&#xF6;llig falsch entschieden hatte: Ich mochte keine Oper und wollte Popmusik singen. Aber ich wollte das College nicht abbrechen &#x2013; schlie&#xDF;lich hatte ich selbst diesen Weg gew&#xE4;hlt und wollte beweisen, dass meine Entscheidung richtig war.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, der gr&#xF6;&#xDF;te Verdienst geb&#xFC;hrt meinem Lehrer &#x2013; Nurlan Kusherov. Dieser P&#xE4;dagoge hat die Gabe, in Menschen Selbstvertrauen zu wecken. Unter seinen Sch&#xFC;ler:innen sind viele Preistr&#xE4;ger:innen nationaler Wettbewerbe und Solisten:innen staatlicher Theater. Nurlan Kusherov unterrichtet bis heute erfolgreich am selben Musikcollege in Seme&#x131;.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits im zweiten Ausbildungsjahr belegte ich den zweiten Platz bei einem landesweiten Wettbewerb. Da wurde mir klar: Das ist kein Zufall.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Konnten Sie anschlie&#xDF;end problemlos ins Konservatorium in Almaty aufgenommen werden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, Preistr&#xE4;ger:innen von Wettbewerben wurden damals automatisch aufgenommen. Aber ich habe es geschafft, meine Unterlagen einen Tag zu sp&#xE4;t einzureichen. Und dann geschah etwas Unglaubliches: Ich kam zu Beken Zhilisbayev <em>[sowjetischer und kasachstanischer S&#xE4;nger, Tr&#xE4;ger des Titels &#x201E;Volksk&#xFC;nstler der Kasachischen SSR&#x201C;, Anm. d. Autorin]<\/em>&#x2013; einer Legende der kasachstanischen Gesangsschule. Er kannte mich nicht, aber er glaubte an mich und fuhr mich pers&#xF6;nlich zu dem Konservatorium. Dank ihm wurde ich aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben auch in Italien studiert. Erz&#xE4;hlen Sie uns, wie Sie dorthin gekommen sind?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bereits w&#xE4;hrend meines Studiums am Konservatorium in Almaty trat ich h&#xE4;ufig auf, nahm an Konzerten teil, und schlie&#xDF;lich schickte mich der &#x201E;Degdar&#x201C;-Fonds <em>[kasachstanischer humanit&#xE4;rer Fonds, der sich f&#xFC;r wohlt&#xE4;tige und kulturelle Bildungsaktivit&#xE4;ten einsetzt, gegr&#xFC;ndet 2001, Anm. d. Aut.] <\/em>f&#xFC;r ein zweij&#xE4;hriges Studium nach Italien. Ich habe mein Studium dort und in Almaty kombiniert, bin zum Ablegen der Pr&#xFC;fungen nach Kasachstan gekommen und dann wieder nach Italien zur&#xFC;ckgefahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lernte bei Mario Melani <em>[ein herausragender italienischer Solist und weltbekannter P&#xE4;dagoge mit einer Opernbaritonstimme, Anm. d. Autorin]<\/em>. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits ein &#xE4;lterer Mann, ein echter Maestro der alten Schule. So tauchte ich in eine andere Gesangstradition ein. Mit mir studierten Studenten:innen aus Korea, Armenien, Georgien, Russland, der Ukraine &#x2013; aus der ganzen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu diesem Zeitpunkt war ich einer der ersten aus Kasachstan an dieser Akademie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie war diese Erfahrung und was war w&#xE4;hrend Ihrer Ausbildung in Europa am schwierigsten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht der Gesang an sich. Das Schwierigste war, mich in die Tradition und Sprache einzufinden: den Stil, die Aussprache, die Gewohnheiten der italienischen Schule zu verstehen &#x2013; Dinge, die man nicht nur aus den Noten lernen kann. In Italien stie&#xDF; ich auf die Tradition der Auff&#xFC;hrung: <em>&#x201E;So wird historisch gesungen&#x201C;<\/em>, auch wenn es in den Noten formal anders steht. Daran musste ich mich erst gew&#xF6;hnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/panorama\/die-harfe-findet-ihre-stimme-wie-eine-petersburger-harfenistin-das-klangbild-der-astana-opera-praegt\/\"><strong>Die Harfe findet ihre Stimme: Wie eine Petersburger Harfenistin das Klangbild der &#x201E;Astana Opera&#x201C; pr&#xE4;gt<\/strong><\/a><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich konnte weder Englisch noch Italienisch. Vor der Abreise versuchte ich sogar, mich davor zu dr&#xFC;cken: Ich hatte Angst &#x2013; meine erste Auslandsreise, gleich f&#xFC;r zwei Jahre. Aber ich bin gefahren. Und nach einem halben Jahr sprach ich Italienisch. Ich ging in Abendschulen f&#xFC;r Ausl&#xE4;nder:innen, lernte unterwegs zur Akademie Vokabeln und wandte sie sofort im Alltag an. Als sich mir die Sprache &#x201E;&#xF6;ffnete&#x201C;, war es, als h&#xE4;tte sich mir eine zweite Welt er&#xF6;ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort habe ich verstanden, dass die italienische Sprache f&#xFC;r Operns&#xE4;nger:innen Teil seines oder ihres Instruments ist, fast wie die Stimme. Englisch ist nat&#xFC;rlich auch wichtig, aber eher als &#x201E;gesch&#xE4;ftliches&#x201C; Kommunikationsmittel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie unterschied sich Ihre Ausbildung an der italienischen Akademie von der Ausbildung am Konservatorium in Kasachstan?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unser Konservatorium bot ein breites Spektrum: Solfeggio, Harmonie, Polyphonie, Musikgeschichte, Musikliteratur, Schauspielkunst &#x2013; all das war Teil der Ausbildung.<\/p>\n\n\n\n<p>In Italien gibt es sowohl Konservatorien als auch Akademien, und das Ausbildungssystem ist etwas anders aufgebaut. F&#xFC;r mich war entscheidend, dass es an der italienischen Akademie jeden Tag nur Gesangsunterricht gab und fast keine allgemeinen, breit gef&#xE4;cherten musiktheoretischen Themen. Vollst&#xE4;ndige Konzentration auf das Fachgebiet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einige Musiker:innen haben den Unterschied zwischen der strengen postsowjetischen Ausbildung und der liberaleren europ&#xE4;ischen Musikausbildung hervorgehoben. Haben Sie das auch so empfunden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, das habe ich nicht empfunden. Bei mir verlief alles schrittweise: Das Musikcollege in Seme&#x131; bildete meine Stimme aus, das Konservatorium in Almaty entwickelte sie weiter, Italien vermittelte mir die Sprache, den Stil und das Umfeld von Wettbewerben. M&#xF6;glicherweise sind solche Unterschiede bei Instrumentalist:innen st&#xE4;rker sp&#xFC;rbar, aber in meiner Gesangskarriere kann ich nicht sagen, dass dies entscheidend war.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was hat Ihnen Ihrer Meinung nach die Ausbildung in Kasachstan gebracht? Vor allem, als Sie sich unter internationalen S&#xE4;ngern:innen an einer europ&#xE4;ischen Schule befanden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Italien sagte man mir direkt: <em>&#x201E;Sie sind stimmlich sehr gut ausgebildet.&#x201C;<\/em> Ich habe an Konzerten teilgenommen, bei denen S&#xE4;nger:innen nationale Werke auff&#xFC;hrten, und auch kasachische Lieder &#x2013; von Aba&#x131; <em>[kasachischer Dichter, Denker, Aufkl&#xE4;rer, &#xDC;bersetzer und Komponist des 19. Jahrhunderts, Anm. d. Autorin]<\/em> &#x2013; habe ich dort gesungen. Und daran, wie ich aufgenommen wurde, habe ich verstanden: Die Grundlage, die ich in Kasachstan erhalten habe, war stark.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In Kasachstan wird oft angenommen, dass ein ausl&#xE4;ndisches Diplom automatisch T&#xFC;ren &#xF6;ffnet. Haben Sie das gesp&#xFC;rt, als Sie nach Hause zur&#xFC;ckgekehrt sind?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube nicht, dass es nur daran liegt. In der Musik h&#xF6;rt man trotzdem, wie jemand singt. Wenn es gef&#xE4;llt, h&#xF6;rt man zu. Wenn nicht, hilft kein Diplom. Bei mir hat sich vieles einfach so ergeben, wie es sich ergeben hat: Meine Aufgabe war es, p&#xFC;nktlich zu arbeiten und zu singen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie verlief Ihr Weg nach dem Abschluss der Akademie und des Konservatoriums?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst war ich im Theater in der Position eines &#x201E;Handlangers&#x201D;. Das ist ein normaler Start f&#xFC;r junge S&#xE4;nger:innen &#x2013; so steigt man ins Theaterleben ein. Dann wurde ich Praktikant, und erst nach einiger Zeit wurde ich Solist am staatlichen Opern- und Balletttheater in Almaty.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2013 begann die Auswahl f&#xFC;r das neue Theater &#x201E;Astana Opera&#x201C; auf Wettbewerbsbasis. Ich kam nach Astana, um &#x201E;mein Gl&#xFC;ck zu versuchen&#x201C; &#x2013; und seit 2013 lebe und arbeite ich hier. Damals war ich allein, aber jetzt trete ich gemeinsam mit meiner Frau Galina Cheplakova auf &#x2013; sie ist ebenfalls Solistin unseres Theaters, stammt aber aus <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ufa_(Stadt)\">Ufa<\/a>, Baschkortostan [Republik innerhalb Russlands, Anm. d. Autorin].<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/panorama\/steppenwolf-mit-floete-wie-yerzhan-kushanov-die-pariser-eliteschule-eroberte\/\"><strong>&#x201E;Steppenwolf&#x201C; mit Fl&#xF6;te: Wie Yerzhan Kushanov die Pariser Eliteschule eroberte<\/strong><\/a><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch sie hat eine Vorliebe f&#xFC;r kasachische Musik entwickelt: Sie singt nun ebenfalls kasachische Lieder bei Konzerten, zum Beispiel eine Partie in der Nationaloper &#x201E;Qys Jibek&#x201C; [lyrisches kasachisches Epos, benannt nach seiner Heldin, &#xFC;bersetzt &#x201E;Seidenm&#xE4;dchen&#x201C;; Drama &#xFC;ber die Liebe von Jibek und T&#xF6;legen, oft als &#x201E;kasachisches Romeo und Julia&#x201C; bezeichnet, Anm. d. Aut.], nachdem sie an ihrer Aussprache gearbeitet hat &#x2013; unser Publikum hat sie sehr herzlich aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sind Sie mit kasachischem Repertoire in Europa aufgetreten? Wie wird es dort vom Publikum aufgenommen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das europ&#xE4;ische Publikum reagiert sehr positiv auf kasachische Musik, weil sie neu und unerwartet komplex ist: Viele kasachische Lieder sind hinsichtlich ihrer Dramatik und vokalen Komplexit&#xE4;t mit Opernarien vergleichbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe zum Beispiel an Tourneen mit dem Folkloreensemble &#x201E;Turan&#x201C; teilgenommen [Ensemble, das traditionelle kasachische Musik mit modernen Kl&#xE4;ngen verbindet, gegr&#xFC;ndet 2008, Anm. d. Autorin]. Wir waren in der Schweiz, in Frankreich, Italien und anderen europ&#xE4;ischen L&#xE4;ndern. Ich habe sowohl Weltklassiker als auch kasachische Werke gesungen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sp&#xFC;ren Sie &#xFC;berhaupt einen Unterschied zwischen dem europ&#xE4;ischen und dem kasachischen Publikum?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Italien wird die Oper als Teil der Alltagskultur geliebt. Sogar bei der Passkontrolle wurde ich interessiert gefragt: <em>&#x201E;Sind Sie Tenor? Welche Arien singen Sie?&#x201C;<\/em> Der Grenzbeamte kannte sich sehr gut mit dem Opernrepertoire aus, weil sein Gro&#xDF;vater ebenfalls Tenor war. Das ist Teil des kulturellen Codes in Italien.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in Kasachstan w&#xE4;chst das Interesse: In Astana habe ich gesehen, wie sich der Saal im Laufe der Jahre allm&#xE4;hlich immer mehr f&#xFC;llte. In Almaty ist das Publikum anspruchsvoller und &#x201E;h&#xF6;render&#x201C;, dort ist die Tradition des st&#xE4;ndigen Konzertlebens st&#xE4;rker ausgepr&#xE4;gt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Unterschiede haben Sie bei Ihrer Arbeit im Ausland im Vergleich zu Ihren Erfahrungen in Kasachstan festgestellt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Europa gibt es ein anderes Arbeitsmodell: Theater arbeiten auf Vertragsbasis. Solist:innen kommen aus aller Welt f&#xFC;r eine bestimmte Produktion &#x2013; f&#xFC;nf bis sieben Vorstellungen &#x2013; und reisen dann wieder ab. Das Theater beginnt sofort mit den Vorbereitungen f&#xFC;r die n&#xE4;chste Oper mit einer neuen Besetzung. Bei uns gibt es ein Repertoire-System: eine feste Truppe, ein monatliches Gehalt, Stabilit&#xE4;t f&#xFC;r den Operns&#xE4;nger:innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber egal, woher man kommt &#x2013; es gibt immer etwas, wonach man streben kann. Im Operngesang gibt es keine Grenzen. Ich bin 44 Jahre alt und zweifle immer noch (an mir), arbeite an meiner Technik, achte auf meine Stimme. Die Stimme ist ein Instrument: Wenn sie krank wird, kann die Vorstellung ausfallen. Deshalb ist es eine Kunst, st&#xE4;ndig an sich selbst zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben mit europ&#xE4;ischen Dirigent:innen zusammengearbeitet. Was hat Sie bei der Zusammenarbeit mit ihnen am meisten beeindruckt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gab einen Fall beim Verdi-Wettbewerb in der italienischen Stadt Busseto. Nach dem Vorsingen wurde mir die Wahl angeboten: entweder weiter am Wettbewerb teilzunehmen oder sofort an der Inszenierung der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Luisa_Miller\">Oper &#x201E;Luisa Miller&#x201C;<\/a> mit Gastspielen in Italien mitzuwirken. Ich entschied mich f&#xFC;r die Inszenierung. Wir arbeiteten mit Meister:innen aus der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Teatro_alla_Scala\">La Scala<\/a>, mit Leo Nucci.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/der-klang-der-realitaet-eine-geigerin-aus-kasachstan-zwischen-heimischer-schule-und-europaeischem-massstab\/\"><strong>Der Klang der Realit&#xE4;t: Eine Geigerin aus Kasachstan zwischen heimischer Schule und europ&#xE4;ischem Ma&#xDF;stab<\/strong><\/a><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und bei einer Probe sagte mir der Dirigent: <em>&#x201E;Kazako, schau mich nicht an &#x2013; ich folge dir.&#x201C;<\/em> F&#xFC;r einen S&#xE4;nger:in ist das ein &#xE4;u&#xDF;erst seltener Moment. Das Orchester folgte dem Atem des Solisten. In diesem Moment glaubte ich wirklich an mich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Haben Sie ein &#xE4;hnliches Gef&#xFC;hl bei kasachstanischen Dirigenten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Gef&#xFC;hl kommt eher selten vor. Aber ja, zum Beispiel bei Alan Buribayev. Er ist ein sehr einf&#xFC;hlsamer Dirigent, mit dem man gut zusammenarbeiten kann. Wenn der Dirigent mit dem S&#xE4;nger, der S&#xE4;ngerin &#x201E;atmet&#x201C;, entfaltet sich die Stimme auf andere Weise.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kommen viele junge S&#xE4;nger:innen zur Oper, w&#xE4;hlen sie diesen Beruf in Kasachstan?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja. In Kasachstan gibt es viele talentierte junge Stimmen. Sehr viele. Wenn man heute die sozialen Netzwerke &#xF6;ffnet, tauchen st&#xE4;ndig neue Namen, neue S&#xE4;nger:innen auf, nicht nur bei uns, sondern weltweit. K&#xFC;rzlich war ich bei einem Konzert junger K&#xFC;nstler:innen in Almaty &#x2013; alle waren stimmgewaltig, alle waren gut.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es gibt also keinen Mangel an S&#xE4;ngerinnen und S&#xE4;ngern?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist unterschiedlich. Manchmal fehlen bestimmte Stimmen &#x2013; zum Beispiel dramatische Ten&#xF6;re oder B&#xE4;sse. Aber insgesamt ist das Potenzial vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was fehlt Ihrer Meinung nach Kasachstan bei der Entwicklung der Opernkunst?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An Repertoire und Auftrittsh&#xE4;ufigkeit. Ein Operns&#xE4;nger w&#xE4;chst auf der B&#xFC;hne, in seiner Rolle. Wenn man nur ein- oder zweimal im Jahr singt, entwickelt man sich nicht weiter. Man muss neue St&#xFC;cke inszenieren, das Repertoire erweitern, insbesondere die Weltklassiker. Wir haben die Stimmen &#x2013; sie brauchen nur eine B&#xFC;hne.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie sieht das Repertoire der &#x201E;Astana Opera&#x201C; heute aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt die kasachische Oper &#x2013; und die muss unbedingt weiterentwickelt werden. Es gibt italienische und russische Klassiker: Verdi, Puccini, Tschajkowskij. Wir m&#xFC;ssen beide Wege gehen: die nationale Oper bewahren und gleichzeitig Teil der internationalen Opernwelt sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gibt es bei uns eine voreingenommene Haltung: Wenn man kein Solist ist, bedeutet das, dass man &#x201E;noch nicht weit genug ist&#x201C;?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nicht ganz richtig. Auf der ganzen Welt gibt es verschiedene Wege. Manche beginnen im Chor und werden sp&#xE4;ter Solisten:innen. Andere wiederum wechseln mit der Zeit in den Chor. Alles h&#xE4;ngt vom Alter, der Stimmlage und der Bereitschaft ab. Wir veranstalten regelm&#xE4;&#xDF;ig Vorsingen &#x2013; und wenn die Stimme gefragt ist, bekommt der K&#xFC;nstler, die K&#xFC;nstlerin die Chance, Solist zu werden, wenn er oder sie das m&#xF6;chte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gibt es Ihrer Meinung nach eine besondere &#x201E;kasachstanische&#x201D; vokale Identit&#xE4;t?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich w&#xFC;rde sagen: Wir unterscheiden uns oft durch unsere Klangfarbe. Ich habe schon oft geh&#xF6;rt: <em>&#x201E;Wenn man die Augen schlie&#xDF;t, klingt es, als w&#xFC;rde ein Italiener singen.&#x201C;<\/em> Und dann noch die sprachliche Flexibilit&#xE4;t. Sprachen fallen uns leicht, oft ohne Akzent. Das ist ein gro&#xDF;er Vorteil.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr&#xFC;her, wenn ich neue Leute kennenlernte, versuchten sie zu &#x201E;erraten&#x201C;: China? Korea? Japan? Am Ende sagte ich dann: Kasachstan. Und dann kamen die Fragen &#x2013; wo liegt das, ich zeigte es auf der Karte. Das ist heute nicht mehr so. Heute kennt man sowohl Kasachstan als auch Astana. Das ist vor allem dem Sport und der Kultur zu verdanken, darunter auch der Musik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und wie definieren Sie pers&#xF6;nlich Ihre k&#xFC;nstlerische Identit&#xE4;t?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin ein kasachstanischer Operns&#xE4;nger. Ich bin hier geboren. Ich liebe die B&#xFC;hne, das Publikum, die Oper. Mein Leben besteht aus Proben, Rollen, Auff&#xFC;hrungen. Sogar meine Kinder singen zu Hause schon meine Arien. Ich wei&#xDF; noch nicht, was sie einmal werden, aber das wird ihre Entscheidung sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Das Interview f&#xFC;hrte Nurgul Adambayeva f&#xFC;r Novastan<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der f&#xFC;hrende Solist der &#x201E;Astana Opera&#x201C; Medet Chotabayev, ist Tenor, dessen beruflicher Werdegang die kasachische Gesangsschule, die italienische Operntradition und die Erfahrung gro&#xDF;er internationaler Theater verbindet. Im Interview spricht er nicht nur &#xFC;ber seine pers&#xF6;nliche Biografie, sondern auch &#xFC;ber die Unterschiede zwischen den Opernsystemen Europas und Kasachstans, die Rolle der B&#xFC;hne bei der Entwicklung eines [&#x2026;]<\/p>\n","protected":false},"author":266,"featured_media":43989,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4357,4],"tags":[3442,5797,744,1477,2495],"coauthors":[1401],"class_list":["post-43988","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesellschaft-und-kultur","category-kasachstan","tag-italien","tag-kasachische-musizierende-auf-den-spuren-des-europaeischen-erbes","tag-kultur","tag-musik","tag-oper"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43988","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/266"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43988"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43988\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":43994,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43988\/revisions\/43994"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/43989"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43988"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43988"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43988"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=43988"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}