{"id":43883,"date":"2026-01-22T17:46:03","date_gmt":"2026-01-22T16:46:03","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=43883"},"modified":"2026-01-30T15:55:49","modified_gmt":"2026-01-30T14:55:49","slug":"der-klang-der-realitaet-eine-geigerin-aus-kasachstan-zwischen-heimischer-schule-und-europaeischem-massstab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/panorama\/der-klang-der-realitaet-eine-geigerin-aus-kasachstan-zwischen-heimischer-schule-und-europaeischem-massstab\/","title":{"rendered":"Der Klang der Realit\u00e4t: Eine Geigerin aus Kasachstan zwischen heimischer Schule und europ\u00e4ischem Ma\u00dfstab"},"content":{"rendered":"<p>Kalamkas Zhumabayeva ist eine Geigerin der kasachstanischen Schule und eine der bekanntesten Musikerinnen ihrer Generation in Kasachstan. Als Preistr&#xE4;gerin nationaler und internationaler Wettbewerbe wurde sie 2016&#x2013;2017 vom weltber&#xFC;hmten Dirigenten Valery Gergiev an das Mariinsky-Theater eingeladen. Heute ist Zhumabayeva Solistin des Symphonieorchesters &#x201E;Astana Opera&#x201C; und erste Geige des Orchesters &#x201E;Astana Ballet&#x201C;. Sie kann auf Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit V. Gergiev, Ch. Dutoit, Z. Mehta und anderen renommierten Dirigenten der Welt zur&#xFC;ckgreifen. Im Interview verr&#xE4;t Kalamkas, wie eine professionelle Musikerin in einem Land ohne jahrhundertealte akademische Tradition ausgebildet wird und warum kasachstanische K&#xFC;nstler und K&#xFC;nstlerinnen oft das Gef&#xFC;hl haben, dass es ihre Mission ist, eine ganze Kultur zu repr&#xE4;sentieren und nicht nur sich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Artikel ist Teil der Interviewreihe&#xA0;<a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/tag\/kasachische-musizierende-auf-den-spuren-des-europaeischen-erbes\/\">Kasachische Musizierende: auf den Spuren des europ&#xE4;ischen Erbes<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nurgul Adambayeva<\/strong> <strong>f&#xFC;r Novastan: Kalamkas, erz&#xE4;hlen Sie uns von Ihrem kreativen Werdegang, wie Sie zur Musik gekommen sind und warum Sie sich damals f&#xFC;r die Violine entschieden haben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zhumabayeva: <\/strong>Mein Weg zur Musik war nicht meine eigene Entscheidung. Wir sind zu dritt in der Familie und wurden alle in die Musikschule geschickt: meine &#xE4;ltere Schwester zum Klavierunterricht, meine mittlere Schwester zum Geigenunterricht. F&#xFC;r mich war urspr&#xFC;nglich die Fl&#xF6;te vorgesehen &#x2013; einfach, um f&#xFC;r Abwechslung in der Familie zu sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nach einem Jahr wurde ein Platz in der Violinklasse frei, und die Lehrerin bestand darauf, dass ich dorthin wechseln sollte. Warum, wei&#xDF; ich nicht, ich habe sie nicht gefragt. Musik war weder f&#xFC;r mich noch f&#xFC;r meine Schwestern eine bewusste Entscheidung &#x2013; man gab uns einfach ein Instrument, und wir &#xFC;bten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie w&#xFC;rden Sie die Geigenschule in Kasachstan zu Ihrer Ausbildungszeit und heute beschreiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Unterschied ist enorm. Er h&#xE4;ngt nicht nur mit den Lehrer:innen zusammen, sondern auch mit dem ver&#xE4;nderten Charakter der Kinder. Die neue Generation ist anders: in ihrem Verhalten, in ihrer Einstellung zu Disziplin und Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr&#xFC;her war alles streng. Manchmal &#xFC;bertrieben streng &#x2013; aber die Ergebnisse waren offensichtlich. Heute ist die Situation anders: Die Gesellschaft insgesamt ist auf schnelles Geld ausgerichtet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/steppenwolf-mit-floete-wie-yerzhan-kushanov-die-pariser-eliteschule-eroberte\/\">&#x201E;Steppenwolf&#x201C; mit Fl&#xF6;te: Wie Yerzhan Kushanov die Pariser Eliteschule eroberte<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Musik ist jedoch niemals schnell. Hier kann man den Prozess nicht beschleunigen. Es ist wie beim Haarwachstum: Das nat&#xFC;rliche Tempo ist vorgegeben. Deshalb ist es heute schwieriger, sich mit Musik zu besch&#xE4;ftigen, und diejenigen, die damit weitermachen, verdienen Respekt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie unterscheidet sich Ihrer Meinung nach die europ&#xE4;ische Schule von dem, was in Kasachstan gelehrt wird?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Einstellung zum Sch&#xFC;ler und die Beziehung zum Beruf. Bei uns ist nicht immer klar, ob es die Entscheidung des Kindes selbst ist. In Europa liegt der Fokus in erster Linie darauf, was es will und was es bereit ist, zu entwickeln. Dort wird ein breites Profil gesch&#xE4;tzt: Wenn ein Kind ein bisschen Musiker:in, ein bisschen Sportler:in, ein bisschen K&#xFC;nstler:in ist, erweitert das seine M&#xF6;glichkeiten und erh&#xF6;ht die Chance, an einer guten Universit&#xE4;t angenommen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die postsowjetische Schule vermittelte eine solide Grundlage, aber in Europa ist die Einstellung zum eigenen Beruf bewusster: Dort wissen Menschen, was sie wollen, und haben die M&#xF6;glichkeit, dies zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Rolle spielen kasachische P&#xE4;dagog:innen im Vergleich zu ausl&#xE4;ndischen Meister:innen f&#xFC;r Ihre Entwicklung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Viele kasachische P&#xE4;dagog:innen haben mich beeinflusst. Aber besonders meine Kolleg:innen im Orchester. Die Arbeit im Orchester bedeutet t&#xE4;gliche N&#xE4;he: drei bis vier Stunden am Tag zusammen. Man lernt von seinen Nachbar:innen &#x2013; indem man beobachtet, zuh&#xF6;rt und ihre Einstellung zur Arbeit &#xFC;bernimmt. Das ist eine riesige, wenn auch informelle Schule.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben viel mit ausl&#xE4;ndischen Maestros zusammengearbeitet. Was haben Sie daraus gelernt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jede Erfahrung ist v&#xF6;llig anders. Es ist sehr schwierig, sie zu vergleichen, aber jeder von ihnen ist zweifellos ein Meister seines Fachs.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter ber&#xFC;hmten Dirigent:innen habe ich am meisten mit Valery Gergiev zusammengearbeitet: auf seinem Gebiet, in seinem System und in seinem Rahmen &#x2013; im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mariinski-Theater\">Marijnskij-Theater<\/a> in Sankt-Petersburg. Genauer gesagt habe ich nicht gelernt, sondern zugeh&#xF6;rt, zugesehen und mich dadurch bereichert. Dort herrschen eine ganz andere Schule, ein anderes Umfeld, ein sch&#xF6;ner Klang und eine andere Einstellung zur Arbeit vor. Gergiev spricht fast nie, aber ein Blick gen&#xFC;gt, um alles zu verstehen. Seine Pausen sind eine Kunst f&#xFC;r sich. Ich erinnere mich, dass bei einem Konzert die Pause nach dem Ende der Auff&#xFC;hrung so lange dauerte, dass niemand im Saal zu atmen wagte. Es war ein k&#xF6;rperliches Gef&#xFC;hl der Pr&#xE4;senz einer enormen Kraft bei all seiner Wortkargheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider kenne ich Charles Dutoit <em>[international renommierter Schweizer Dirigent, Anm. der Aut.] <\/em>nicht sehr gut. Wir haben mit ihm in Indien eine Woche lang zusammengearbeitet &#x2013; er war wie wir zu Gast dort. Aber ich war nat&#xFC;rlich total begeistert von ihm. Er ist ein gro&#xDF;artiger Meister mit einer ansteckenden Energie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kann man solche Maestros mit kasachischen Dirigenten vergleichen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir hatten fr&#xFC;her echte Meister:innen und Legend:innen &#x2013; Tolepbergen Abdrashev, Fuat Mansurov und Timur Mynbayev. Das sind monumentale Pers&#xF6;nlichkeiten, S&#xE4;ulen der kasachischen Dirigentenkunst. Sie sind nicht mehr unter uns, aber ihr Einfluss ist grundlegend.<\/p>\n\n\n\n<p>Dirigieren ist nicht nur Technik. Es ist innere Kraft, Verantwortung und die F&#xE4;higkeit, andere zu f&#xFC;hren. Fr&#xFC;her gab es solche Menschen. Heute gibt es sie bei uns praktisch nicht mehr. Und das Problem liegt wiederum in der Einstellung zu ihrer Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und wenn wir &#xFC;ber Geiger:innen sprechen: Gibt es in Kasachstan Musiker:innen, deren Niveau mit dem europ&#xE4;ischer Musiker:innen vergleichbar ist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, die gibt es. Aber sie m&#xFC;ssen nicht nur um ihren Beruf k&#xE4;mpfen, sondern auch gegen das System: die Wirtschaft, den Mangel an kreativer Freiheit, das fehlende Umfeld. Ein:e Musiker:in muss st&#xE4;ndig dar&#xFC;ber nachdenken, wie er &#xFC;berleben kann, statt sich auf seine musikalische Entwicklung zu konzentrieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gutes Beispiel ist Yerzhan Kulibayev. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit: Musikschule in Almaty, dann Moskau, dann Spanien. Seine Eltern haben buchst&#xE4;blich alles in ihn investiert: Umz&#xFC;ge, Leben zwischen verschiedenen L&#xE4;ndern, volle Konzentration auf den Unterricht. Jetzt lebt er in Spanien und ist ein gro&#xDF;artiger Geiger.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/panorama\/die-orgel-zwischen-zwei-welten-eine-kasachische-geschichte-eines-europaeischen-instruments\/\">Die Orgel zwischen zwei Welten: eine kasachische Geschichte eines europ&#xE4;ischen Instruments<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Beispiel ist Meruert Karmenova. Als Teenagerin ging sie nach Russland, dann ans Moskauer Konservatorium, dann nach Belgien. An ihrem Beispiel sieht man, wie das System funktioniert, wenn ein Kind rechtzeitig in ein starkes Umfeld gebracht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>In all diesen Geschichten spielen Eltern, die zu radikalen Entscheidungen bereit sind, eine Schl&#xFC;sselrolle. Das ist eine enorme Aufgabe f&#xFC;r die Familie. Leider hat nicht jeder und jede die daf&#xFC;r notwendigen Ressourcen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das hei&#xDF;t, man kann in Kasachstan studieren, aber f&#xFC;r ernsthaftes Wachstum muss man trotzdem wegziehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist oft der Fall. Nicht, weil es hier &#x201E;nichts gibt&#x201D;, sondern weil man eine Mischung braucht: die postsowjetische Schule, plus die russische Tradition, plus die europ&#xE4;ische &#x201E;Weitsicht&#x201D;, das Umfeld. Derzeit gibt es in Europa einen Vektor, in Russland einen anderen, und die Verbindung ergibt ein Ganzes.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was fehlt Ihrer Meinung nach den kasachischen Geiger:innen am meisten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weitblick und ein lebendiges kulturelles Umfeld.<\/p>\n\n\n\n<p>In Moskau werden jeden Tag Konzerte und Festivals veranstaltet, die besten Orchester und weltbekanntesten Namen sind zu Gast. Allein schon beim Anblick der Plakate versp&#xFC;rt man eine innere Begeisterung und Neuorientierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei uns sind die Plakate leider oft immer dieselben: Hans Zimmer, Neujahrshits, t&#xFC;rkische Serien in Orchesterarrangements. Das hat auch seine Daseinsberechtigung, aber es gibt fast kein &#x201E;anderes Extrem&#x201C; &#x2013; ein anspruchsvolles symphonisches und kammermusikalisches Repertoire oder regelm&#xE4;&#xDF;ige Gastspiele gro&#xDF;er Orchester.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schwierig, ein ernsthaftes klassisches Konzert zu organisieren, es ist kaum rentabel, und das Publikum bleibt aus. Es ist ein Teufelskreis.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Liegt das Hauptproblem in der Nachfrage der &#xD6;ffentlichkeit oder im Mangel an Kulturpolitik &#x201E;von oben&#x201C;?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An beidem.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es eine klare Position von oben g&#xE4;be, Aufmerksamkeit f&#xFC;r Kultur als strategischen Bereich, w&#xFC;rden die Menschen mitziehen. Sport steht im Fokus: Der Sieger ist sofort sichtbar &#x2013; schneller, h&#xF6;her, st&#xE4;rker. In der Musik ist alles komplizierter, aber nicht weniger wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anschauliches Beispiel ist die Geschichte von Dimash Qudaibergen <em>[international bekannter kasachischer S&#xE4;nger mit au&#xDF;ergew&#xF6;hnlichem Stimmumfang, Anm. der Aut.]<\/em>. Solange er hier studierte und Wettbewerbe gewann, fand er kaum Beachtung. Als er in China bekannt wurde, war er pl&#xF6;tzlich &#x201E;unser Held&#x201C;. Das Gleiche gilt f&#xFC;r die Bildung: Wenn im Lebenslauf &#x201E;Wiener Konservatorium&#x201D; steht, sind alle automatisch begeistert, ohne zu wissen, dass es in Wien ein Dutzend private &#x201E;Konservatorien&#x201D; mit drei R&#xE4;umen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mentalit&#xE4;t ist derzeit so: Wenn es &#x201E;von dort&#x201D; kommt, ist es besser, wenn es &#x201E;lokal&#x201D; ist, ist die Einstellung vorsichtig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ver&#xE4;ndert sich das Interesse an klassischer Musik innerhalb des Landes?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Allm&#xE4;hlich &#x2013; ja.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp&#xFC;re das am Theater. In diesem Jahr gab es zum Beispiel eine unglaubliche Nachfrage nach &#x201E;Der Nussknacker&#x201C; &#x2013; es gab einfach keine Karten mehr. Fr&#xFC;her war das seltener der Fall. Ballett ist f&#xFC;r den Zuschauer leichter: Es ist visuell, dynamisch. Oper ist schwieriger: Drei bis vier Stunden Musik sind eine ernsthafte Herausforderung f&#xFC;r die Aufmerksamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich haben hier gerade die Orchester, die popul&#xE4;re Musik und Soundtracks spielen, eine positive Rolle gespielt: Die Menschen sehen ein gro&#xDF;es Orchester, echte Instrumente, sp&#xFC;ren die Gr&#xF6;&#xDF;e. F&#xFC;r viele ist dies der erste Kontakt mit &#x201E;Orchesterklang&#x201D;. Dadurch kommen einige auch zur klassischen Musik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie f&#xFC;hlt sich die Geige, ein klassisches europ&#xE4;isches Instrument, vor dem Hintergrund des aktuellen Interesses an nationalen Instrumenten an?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Geige war und wird immer da sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Kind bat mich meine Gro&#xDF;mutter, kasachische Lieder zu spielen, aber ich lernte Viotti und Paganini. Es schien mir unvereinbar, etwas Kasachisches auf der Geige zu spielen. Jetzt denke ich anders dar&#xFC;ber: Jede Melodie kann organisch f&#xFC;r ein Instrument umgeschrieben werden. Das ist wichtig f&#xFC;r die Popularisierung der Musik im Allgemeinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei gibt es Dinge, mit denen es sinnlos ist, zu konkurrieren. Dombra, Kobyz <em>[nationale kasachische Instrumente, Anm. der Aut.]<\/em>, Volksorchester &#x2013; das ist ein Code, der den Menschen innewohnt. Das Volksorchester wird immer ein Publikumsliebling sein. Die Geige geh&#xF6;rt zu einer anderen Kulturschicht, aber sie ist auch hier, und wir lernen, diese Welten zu verbinden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche europ&#xE4;ischen Kompositionen gefallen dem kasachischen Publikum am besten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#xDC;berall funktionieren dieselben &#x201E;Ikonen&#x201D;. F&#xFC;r die Orgel ist es Bach, die ber&#xFC;hmte Toccata. F&#xFC;r die Violine sind es Vivaldis &#x201E;Die vier Jahreszeiten&#x201D;. Die Menschen kennen vielleicht nicht die Titel, aber sie erkennen sie aus der Werbung, aus Filmen und Serien wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann die komplizierteste Symphonie spielen, aber wenn man am Ende etwas wie Vivaldi oder Bach spielt, ist die Reaktion immer besonders. Das Publikum liebt und erwartet das.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie wird kasachische Musik im Ausland wahrgenommen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Immer mit gro&#xDF;em Interesse.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m&#xF6;chte ein konkretes Beispiel nennen. Der franz&#xF6;sische Dirigent Christophe Mangou hat lange mit dem kasachstanischen Konservatorium in Almaty zusammengearbeitet. Man gab ihm die &#x201E;Steppenlegende&#x201D; des Komponisten Tles Kazhgaliyev (in unserem Repertoire ist dies ein Meisterwerk). Er verliebte sich in diese Musik, nahm sie in sein Programm auf und tourte damit durch Europa. Die Aufnahme seiner Auff&#xFC;hrung ist meiner Meinung nach bis heute die beste.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Link zum Auftritt:<\/strong> <a href=\"https:\/\/youtu.be\/pqVJx8O1P4o?si=VQu_yF_eypwlggSm\">Christophe Mangou (conductor, France) The Student Symphony Orchestra of Kazakh Conservatory (Almaty) September, 2006<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen der Projekte &#x201E;Musik der V&#xF6;lker der Welt&#x201C; wird sie als kasachische Musik mit charakteristischen Elementen aufgef&#xFC;hrt &#x2013; bis hin zum Wiehern der Pferde in den Blasinstrumenten. Das Publikum ist begeistert.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn ein Volksorchester oder ein Ensemble kasachischer Instrumente auftritt und beispielsweise die Ouvert&#xFC;re zu &#x201E;Carmen&#x201D; auf der Dombra und dem Kobyz spielt, ist die Reaktion immer explosiv. Die Volksmusiker:innen sind auf Tournee fast immer ein Hit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Unterscheidet sich die Reaktion des Publikums auf Ihre Auftritte in Kasachstan und im Ausland?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Ausland sind die Menschen in der Regel sehr wohlwollend: Selbst wenn etwas nicht perfekt gelaufen ist, sagen sie trotzdem &#x201E;das war gro&#xDF;artig&#x201D;. Das ist sehr unterst&#xFC;tzend.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause zu spielen ist schwieriger. Man wei&#xDF;, dass Kolleg:innen, Musiker:innen aus dem Orchester, im Saal sitzen. Morgen trifft man sie bei der Probe wieder, und es ist wichtig, jedes Mal so zu spielen, dass man sich nicht sch&#xE4;men muss. Die Verantwortung ist gerade wegen der langfristigen Beziehungen gr&#xF6;&#xDF;er.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Angesichts Ihrer Erfahrung in internationalen Orchestern, worin unterscheiden sich Ihrer Meinung nach kasachische Musiker:innen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Viele Jahre lang bin ich nach Indien gereist und habe im Symphonieorchester mitgewirkt, dessen Musikdirektor Marat Bisengaliev ist <em>[Marat Bisengaliev &#x2013; kasachstanischer Violinvirtuose und Dirigent, Anm. der Aut.]<\/em>. Dort spielen Musiker:innen aus verschiedenen L&#xE4;ndern, darunter Europ&#xE4;er:innen und Kasachstani.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem solchen Umfeld wird das nationale Selbstbewusstsein gesch&#xE4;rft: Man m&#xF6;chte, dass man nicht nur nach seiner pers&#xF6;nlichen Leistung beurteilt wird, sondern auch nach der seines Landes. Damit niemand denkt: <em>&#x201E;Was will er denn, er kommt ja aus einer weit entfernten Republik.&#x201C;<\/em> Das ist ein innerer &#x201E;Ehrenkodex&#x201C;, der einen dazu zwingt, das Niveau hochzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuf&#xE4;llige Personen werden generell nicht in internationale Projekte aufgenommen. Dort gibt es ein strenges Auswahlverfahren. Am Ende kommen sehr disziplinierte, gut ausgebildete und kultivierte Interpret:innen &#x2013; die &#x201E;Cr&#xE8;me de la Cr&#xE8;me&#x201C;, die alles durch harte Arbeit erreicht haben. Und die Kasachstani stehen ihnen in nichts nach. Jeder, der in einem solchen Orchester spielt, arbeitet an der Grenze seiner M&#xF6;glichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie spielen nicht nur im Orchester, sondern f&#xFC;hren auch einen Video-Podcast &#xFC;ber Musiker:innen. Wie kam es zu dieser Idee?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der B&#xFC;hne sieht das Publikum eine gro&#xDF;e &#x201E;Masse&#x201C; von Orchestermusiker:innen, den Dirigent:innen als Figur und m&#xF6;glicherweise den Solist:innen. Der Rest ist Hintergrund. Aber jede dieser &#x201E;Figuren&#x201C; hat ihre eigene Biografie, ihre eigene Schule, ihre eigenen Entscheidungen und Opfer. Der Podcast entstand aus dem Wunsch heraus, diesen Geschichten und den Musiker:innen selbst eine Stimme zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nochaus einem weiteren Grund &#x2013; um das Klischee zu zerst&#xF6;ren, dass ein Orchester etwas f&#xFC;r diejenigen ist, die es nicht geschafft haben, Solist:in zu werden. Das ist nicht wahr. In einem Orchester braucht man andere F&#xE4;higkeiten: seine Nachbar:innen h&#xF6;ren, im Team arbeiten, den gemeinsamen Zusammenhalt bewahren. Das ist keine &#x201E;zweite Wahl&#x201C;, sondern ein anderer Beruf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum ist Ihrer Meinung nach im postsowjetischen Raum der Kult &#x201E;man muss Solist:in sein&#x201C; so stark?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weil bei uns die Arbeit im Orchester historisch gesehen als Ersatzoption angesehen wird: &#x201E;Wenn du es nicht schaffst, gehst du ins Orchester.&#x201C; In Europa ist das anders: Dort gibt es von Anfang an zwei gleichberechtigte Wege &#x2013; man lernt entweder als Solist:in oder als Orchestermusiker:in. Und wenn sich jemand f&#xFC;r das Orchester entscheidet, ist das eine bewusste Entscheidung und kein Statusverlust. Bei uns ist nach wie vor die Vorstellung stark verbreitet, dass Erfolg nur in gro&#xDF;en Lettern auf dem Plakat zu finden ist. Das muss sich &#xE4;ndern, sonst entwerten wir die Arbeit ganzer Ensembles.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie w&#xFC;rden Sie Ihre k&#xFC;nstlerische Identit&#xE4;t beschreiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin eindeutig eine kasachstanische Musikerin. Eine Geigerin aus einer kasachstanischen Schule, mit kasachstanischer Erfahrung, die im internationalen Kontext arbeitet &#x2013; aber eben als Kasachstanerin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Das Interview f&#xFC;hrte Nurgul Adambayeva f&#xFC;r Novastan<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kalamkas Zhumabayeva ist eine Geigerin der kasachstanischen Schule und eine der bekanntesten Musikerinnen ihrer Generation in Kasachstan. Als Preistr&#xE4;gerin nationaler und internationaler Wettbewerbe wurde sie 2016&#x2013;2017 vom weltber&#xFC;hmten Dirigenten Valery Gergiev an das Mariinsky-Theater eingeladen. Heute ist Zhumabayeva Solistin des Symphonieorchesters &#x201E;Astana Opera&#x201C; und erste Geige des Orchesters &#x201E;Astana Ballet&#x201C;. 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