{"id":41273,"date":"2025-01-17T10:49:56","date_gmt":"2025-01-17T09:49:56","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=41273"},"modified":"2025-01-17T11:39:48","modified_gmt":"2025-01-17T10:39:48","slug":"interview-ueber-den-stellenwert-des-persischen-in-usbekistan-mit-dem-forscher-richard-foltz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/interview-ueber-den-stellenwert-des-persischen-in-usbekistan-mit-dem-forscher-richard-foltz\/","title":{"rendered":"Interview \u00fcber den Stellenwert des Persischen in Usbekistan mit dem Forscher Richard Foltz"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Usbekistan leben zahlreiche Tadschik:innen. Die ethnischen und sprachlichen Zugeh&#xF6;rigkeiten scheinen jedoch von allen Seiten unterschiedlich ausgelegt zu werden. Novastan sprach &#xFC;ber dieses Thema mit dem Forscher Richard Foltz.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl viele in Usbekistan Persisch sprechen, wird die Sprache nur selten mit der Geschichte Usbekistans in Verbindung gebracht. Stattdessen gilt das Persische als kulturelles Erbe des Nachbarslandes Tadschikistan. Novastan sprach mit dem kanadischen Wissenschaftler und Schriftsteller <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Richard_Foltz\">Richard Foltz<\/a> &#xFC;ber die Geschichte und Zukunft der persischen Sprache in Usbekistan. Der Autor beschreibt einen steinigen Weg zwischen Reformen, L&#xFC;gen und Pragmatismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Buch &#x201E;<em><em>Les Tadjiks : persanophones d&#x2019;Afghanistan, d&#x2019;Ouzb&#xE9;kistan et du Tadjikistan<\/em>&#x201C;<\/em> behandelt die Sprache und Geschichte der Tadschik:innen, darunter der persischsprachigen Bev&#xF6;lkerungsteile aus Afghanistan, Usbekistan und Tadschikistan und ist seit April letzten Jahres auf Franz&#xF6;sisch im Hermann-Verlag <a href=\"https:\/\/www.editions-hermann.fr\/livre\/les-tadjiks-richard-foltz\">erh&#xE4;ltlich<\/a>. [Es handelt sich um eine &#xDC;bersetzung aus dem englischen Original <em>&#x201E;A History of the Tajiks&#x201C;&#x2013; <\/em>Anm. d. &#xDC;.].<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Novastan: Wenn wir auf vergangene Zeiten blicken, wie haben sich Ihrer Meinung nach die Reformen der Sowjetzeit auf die Verbreitung der persischen Sprache in Usbekistan ausgewirkt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Richard Foltz:<\/strong> Der Gro&#xDF;teil des persischsprachigen Gebietes, einschlie&#xDF;lich <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Buxoro\">Buchara<\/a>&#xA0; und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Samarqand\">Samarkand<\/a>, wurde Usbekistan zugeschlagen. Diese Gebiete sind auch heute noch persischsprachig. Allerdings gilt Usbekistan heutzutage offiziell als eine turksprachige Republik. Die Zuteilung der persischsprachigen Gebiete zu Usbekistan wurde von tadschikischen Nationalist:innen und Intellektuellen als bewusste Enthauptung der tadschikischen Kultur und Zivilisation durch das bolschewistische Regime empfunden. Meiner Meinung nach stimmt das bis zu einem gewissen Grad. Das Ziel der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bolschewismus\">Bolschewiki<\/a> war es, die traditionelle Zivilisation auszul&#xF6;schen und durch eine neue, sowjetische Zivilisation zu ersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tadschik:innen waren w&#xE4;hrend tausend Jahren die H&#xFC;ter der islamischen Zivilisation; der Bildung, der Seminare, der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Madrasa\">Madrasas<\/a> (islamische Schulen, Anm. d. &#xDC;.), aber auch der Literatur, der B&#xFC;rokratie und der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sufismus\">Sufi-Bruderschaften<\/a> (eine Str&#xF6;mung, die sich esoterische und mystische Praktiken zu eigen macht, Anm. d. &#xDC;.). Fast alles, was zur islamischen Hochkultur geh&#xF6;rte, war in tadschikischen H&#xE4;nden. Als Nation repr&#xE4;sentierten sie f&#xFC;r die Bolschewiki die obsolet gewordene Vergangenheit, die es zu ersetzen galt.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die islamische Zivilisation in Zentralasien jedoch tief verwurzelt ist, war das Unterfangen nicht einfach umzusetzen, w&#xE4;hrend die Turkv&#xF6;lker in den Augen der Bolschewiki leichter nach ihren Vorstellungen zu formen waren. Sie sahen in ihnen ein leeres Blatt Papier, auf das sie die bevorzugte Identit&#xE4;t schreiben konnten. So wurde die usbekische Identit&#xE4;t von den Bolschewiki konstruiert. Das Wort &#x201E;Usbeke&#x201C; gab es schon seit Jahrhunderten, aber es bezog sich auf einen Stamm und bezeichnete weder eine Sprache noch eine Kultur oder gar ein Volk.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"flex flex-col md:flex-row justify-evenly items-center bg-yellow-100 my-20 p-10 space-y-10 subscribe\">\n\t<div class=\"container flex flex-col lg:flex-row justify-between\">\n\t\t<div class=\"flex flex-col w-full lg:w-3\/5 pb-4\">\n\t\t\t<h2 class=\"text-3xl text-secondary font-bold mb-4 text-[#749D02]\">\n\t\t\t\t\t\t\t\tUnterst&#xFC;tzt Novastan &#x2013; das europ&#xE4;ische Zentralasien-Magazin \n\t\t\t<\/h2>\n\t\t\t\tAls vereinsgetragene, unabh&#xE4;ngige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen &#x2013; und von eurer Unterst&#xFC;tzung! \n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<div class=\"flex flex-col w-full lg:w-2\/5 justify-items-center justify-center pb-4\">\n\t\t\t<div class=\"rounded-md bg-accent-500 px-10 py-5 text-center w-72 mx-auto\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<a class=\"block rounded bg-white p-2 mt-4 font-bold\" href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/spenden\/\">Novastan unterst&#xFC;tzen<\/a>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Der Name wurde von den Bolschewiki willk&#xFC;rlich auf die urbanisierten Turksprachen angewandt, obwohl es damals etwas komplizierter war, denn die st&#xE4;dtische Bev&#xF6;lkerung Zentralasiens war gr&#xF6;&#xDF;tenteils zweisprachig. Die Menschen dr&#xFC;ckten sich sowohl auf Persisch als auch in Turksprachen aus. In den ersten Revolutionsjahren durchschauten die zentralasiatischen Eliten die Mentalit&#xE4;t der Bolschewiki, und da sie zweisprachig waren, entschieden sich die meisten f&#xFC;r diejenige Identit&#xE4;t, die ihnen im neuen System mehr Vorteile brachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nicht alle. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sadriddin_Ainij\">Sadriddin Ainij<\/a> ist wohl die bekannteste Person, die sich f&#xFC;r die tadschikische Identit&#xE4;t entschieden hatte. Die meisten aber, wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fayzulla_Xo%CA%BBjayev\">Fayzulla Xo&#x2BB;jayev<\/a> und andere, entschieden sich daf&#xFC;r, sich als usbekisch zu identifizieren, was einfach war, weil sie ohnehin zweisprachig waren. Dasselbe gilt heutzutage auch f&#xFC;r die junge Generation in Buchara. Dort sprechen 90 Prozent der Bev&#xF6;lkerung zu Hause Tadschikisch, lernen aber von klein auf in der Schule Usbekisch, sodass sie komplett zweisprachig sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/zentralasien-und-europa\/joo-yup-lee-the-turkic-peoples-in-world-history-routledge-2024\/\">Turkv&#xF6;lker in der Weltgeschichte<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da sie keinen Vorteil darin sahen, sich als Tadschik:innen zu identifizieren, bezeichneten sie sich schlichtweg als Usbek:innen. Die bolschewistische Politik brachte so individuelle Entscheidungen hervor. Sie stellten die Bev&#xF6;lkerung vor die Wahl und nahmen diese zur Kenntnis. Von da an war man entweder das eine oder das andere. Zuvor basierte Identit&#xE4;t in Zentralasien nicht auf der Sprache, ganz und gar nicht. Sie basierte auf anderen Dingen, auf dem Beruf, der sozialen Klasse, der Religion, &#x2026;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es folgte der Zerfall der Sowjetunion und die Pr&#xE4;sidentschaft von <\/strong><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Islom_Karimov\"><strong>Islom Karimov<\/strong><\/a><strong>. War das Ihrer Meinung nach ein Versuch, Nation-Building zu betreiben, und dabei die persische Sprache zu ignorieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sagen wir, das Positive an der Sowjetzeit war, dass die Sprachfrage etwas an Bedeutung verlor, weil sowieso jede:r Russisch lernen musste. Was in der Gesellschaft als wichtig betrachtet wurde, fand auf Russisch statt, und die Muttersprache trat in den Hintergrund, da die B&#xFC;rger:innen nach und nach sowjetisch werden sollten. Das f&#xFC;hrte dazu, dass man zumindest in der Grundschule das Recht hatte, in seiner eigenen Muttersprache unterrichtet zu werden. In Usbekistan gab es damals &#xFC;ber 500 tadschikische Grundschulen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch gab es Zeitungen und Fernsehen in tadschikischer Sprache. Ja, es bestand ein Plan, den sowjetischen Menschen zu formen, aber das war ein Zukunftsprojekt. So erhielt jede Nation ihre Kinematografie, ihr Theater, ihre Literatur, und das wurde staatlich unterst&#xFC;tzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/panorama\/der-fall-von-buchara-und-das-schicksal-der-tadschikinnen-war-es-eine-revolution\/\">Der Fall von Buchara und das Schicksal der Tadschik:innen: War es eine Revolution?<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dies endete mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. F&#xFC;r die unabh&#xE4;ngig gewordenen Nationen entstand eine neue Relevanz f&#xFC;r die Frage nach der nationalen Identit&#xE4;t. Zwischen Tadschikistan und Usbekistan, und das war schon in den 1980er Jahren sichtbar, gab es eine Art Wiederaufleben der nationalen Identit&#xE4;t. Die Tadschik:innen begannen, sich auf die iranische Identit&#xE4;t zu st&#xFC;tzen, auf das Erbe der Literatur, der Musik, auf alles, was iranisch war. Die usbekischen Eliten beunruhigte dies, weil sie historisch nichts Vergleichbares zu bieten hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ging mit der Forderung nach Wiederherstellung der mehrheitlich tadschikischen Gebiete Usbekistans einher. Manche wollten sie an Tadschikistan angeschlossen sehen, insbesondere Buchara und Samarkand, was f&#xFC;r die usbekischen Eliten inakzeptabel war. Im Zuge der Unabh&#xE4;ngigkeitsbewegungen wurde dies eine regelrechte Bedrohung f&#xFC;r Usbekistan, das alles daran setzte, solche Bestrebungen zu beseitigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein gerechtfertigtes Unterfangen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus usbekischer Sicht schon. Das, was wir als tadschikisches Gebiet sehen k&#xF6;nnen, war nie das Kernland der tadschikischen Zivilisation. Weder w&#xE4;hrend noch nach der Sowjetzeit gelang es den Eliten, eine nationale Identit&#xE4;t aufzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gilt f&#xFC;r die meisten Intellektuellen. F&#xFC;r die einfachen Leute ist Identit&#xE4;t ohnehin eher regional gepr&#xE4;gt. Im heutigen Tadschikistan spricht jede:r Tadschikisch, weil es in der Schule gelehrt wird, aber die Regierung hat es v&#xF6;llig vers&#xE4;umt, eine nationale Identit&#xE4;t im ganzen Land aufzubauen. Die Menschen identifizieren sich nach wie vor &#xFC;ber ihre Region, der B&#xFC;rgerkrieg hatte diese Spaltung zus&#xE4;tzlich verst&#xE4;rkt. Die Menschen erinnern sich und haben sich noch nicht davon erholt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mit der Pr&#xE4;sidentschaft von <\/strong><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Shavkat_Mirziyoyev\"><strong>Shavkat Mirziyoyev<\/strong><\/a><strong> hat sich das etwas ver&#xE4;ndert. Sie haben eine gr&#xF6;&#xDF;ere Passivit&#xE4;t des usbekischen Staates gegen&#xFC;ber dem Persischen beschrieben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ich sage nicht, dass Shavkat Mirziyoyev pro-tadschikisch ist, aber er ist toleranter als Islom Karimov, der selbst zu jenen Tadschik:innen geh&#xF6;rte, die sich aus politischen Gr&#xFC;nden als Usbek:innen identifizierten. Er war ein Waisenkind, von dem man nicht viel wei&#xDF;, au&#xDF;er dass er aus Samarkand stammte und seine Muttersprache mit ziemlicher Sicherheit Tadschikisch war. Vor allen Dingen war er ein Politiker, der im sowjetischen System mit seiner absolut stalinistischen und totalit&#xE4;ren Mentalit&#xE4;t ausgebildet worden war.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/politik-und-wirtschaft\/von-teheran-nach-duschanbe-tadschikistan-und-iran-verstaerken-bilaterale-zusammenarbeit\/\">Von Teheran nach Duschanbe: Tadschikistan und Iran verst&#xE4;rken bilaterale Zusammenarbeit<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Tadschik:innen sind &#xFC;berall zu finden, in weiten Teilen des Landes bilden sie sogar Mehrheiten, wie beispielsweise im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ferghanatal\">Ferghanatal<\/a> oder im S&#xFC;den auf der Seite von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Termiz\">Termiz<\/a>. Als ich 1994-1995 in Usbekistan lebte, hatten die Menschen Angst davor, sich als Tadschik:innen zu bezeichnen. Wenn man jemanden fragte, antwortete er: &#x201E;Ich bin Usbeke&#x201C;. Wenn man ihn dann fragte, ob er Tadschikisch sprechen k&#xF6;nne, antwortete er z&#xF6;gerlich mit &#x201E;ja&#x201C; und gab dann nach und nach leise zu, dass er Tadschike sei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und dieses Z&#xF6;gern wurde durch die harten Repressionen verursacht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja&#x2026; Die Repressionen waren ernst zu nehmen. Menschen verloren ihren Job oder wurden von s&#xE4;mtlichen Diensten ausgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jetzt ist das nicht mehr der Fall, au&#xDF;er f&#xFC;r einige Aktivist:innen, vor allem in Samarkand. Die persischsprachigen Usbek:innen f&#xFC;hlen sich mit ihrer doppelten Identit&#xE4;t als tadschikischsprachige Usbek:innen wohl, weil es unter Shavkat Mirziyoyev keinen Preis f&#xFC;r eine Identifikation als Tadschik:in zu zahlen gibt. Es bietet aber auch keine Vorteile.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem die Jugend sieht darin keinen Vorteil mehr. Interessant ist, dass es heute zehnmal weniger tadschikische Schulen gibt als vor der Unabh&#xE4;ngigkeit. Nicht die Regierung schlie&#xDF;t sie, sondern die Eltern sagen, sie wollen nicht, dass ihre Kinder auf Tadschikisch unterrichtet werden, weil sie sp&#xE4;ter keine Arbeit f&#xE4;nden. Lieber sollen sie auf Usbekisch ausgebildet werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Usbekistan hat mehrere persischsprachige Nachbarn in der Region, sogar &#xFC;ber Tadschikistan hinaus. Glauben Sie, dass die iranisch-usbekischen Beziehungen eine Rolle f&#xFC;r die Lockerungen gegen&#xFC;ber dem Persischen in Usbekistan spielen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Iran hat seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion versucht, sich eine wichtige Rolle in der Region zu verschaffen, aber das hat nicht besonders gut funktioniert. Denn erstens ist der Iran eine schiitische Islamische Republik, w&#xE4;hrend die Usbek:innen und Tadschik:innen gr&#xF6;&#xDF;tenteils Sunnit:innen sind. In Buchara gibt es viele Schiit:innen iranischer Herkunft, die im 19. Jahrhundert eingewandert sind und sich rund um die Stadt angesiedelt haben. Die Tadschik:innen in Buchara aber weigern sich, sie zu heiraten, und ziehen es vor, sunnitische Usbek:innen zu heiraten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/politik-und-wirtschaft\/irans-initiativen-in-usbekistan-ein-spiegel-seiner-beziehungen-zu-zentralasien\/\">Irans Initiativen in Usbekistan: ein Spiegel seiner Beziehungen zu Zentralasien<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und dann hat der Iran in Usbekistan iranische Kulturzentren eingerichtet, die religi&#xF6;se Zentren sind. H&#xE4;tte sich die iranische Regierung daf&#xFC;r entschieden, stattdessen ihre gemeinsame Kultur wie Literatur oder Musik zu f&#xF6;rdern, h&#xE4;tte das viel besser funktioniert. F&#xFC;r einen persischsprachigen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion ist dies jedoch nicht sehr attraktiv.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schlie&#xDF;lich, wenn man Kasachstan als Beispiel nimmt, wo die Frage nach Kasachisch und Russisch in der Gesellschaft vielleicht pr&#xE4;senter ist, beschreiben Sie in Usbekistan einen gr&#xF6;&#xDF;eren Pragmatismus&#x2026; Ist die Sprache weniger wichtig?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Usbekistan ist die usbekische Sprache von Bedeutung. Viel mehr als das Kasachische in Kasachstan, wo das Russische noch sehr pr&#xE4;sent ist. In Usbekistan wird es von den &#xE4;lteren Menschen gesprochen. Die jungen Leute interessieren sich nicht daf&#xFC;r, sie lernen entweder Englisch oder Chinesisch. Chinesisch interessiert, und das aus gutem Grund, denn China ist ein interessantes Modell. Im Gegensatz zu Iran, Afghanistan oder Russland.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und versucht nicht auch Tadschikistan, Einfluss auf die persischsprachige Bev&#xF6;lkerung zu nehmen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist dazu nicht in der Lage. Die Tadschik:innen leben in Usbekistan viel besser als in Tadschikistan, wo das Leben fast unm&#xF6;glich ist. Attraktivit&#xE4;t entsteht durch Erfolg. Es ist China, das jetzt den Erfolg in dieser Region repr&#xE4;sentiert, und es ist China, das f&#xFC;r all diese L&#xE4;nder die Hauptrolle spielen wird, das ist sogar schon der Fall.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst in Afghanistan sind die Chinesen dabei, eine Stra&#xDF;e durch den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wachankorridor\">Wachankorridor<\/a> zu bauen. Das ist eine sehr isolierte Region, die mit dieser Stra&#xDF;e und der sich &#xF6;ffnenden Grenze bald nicht mehr isoliert sein wird. Alles ver&#xE4;ndert sich, China wird die F&#xFC;hrungsrolle &#xFC;bernehmen und das ist unvermeidlich. Es gibt nichts, was Russland oder die USA tun k&#xF6;nnen, um dies zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Um auf einen eher kulturellen als politischen Aspekt zur&#xFC;ckzukommen: Beeinflusst das Persische weiterhin die usbekische Kultur, sei es durch die Kunst oder die Religion?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht wirklich, denn alles Persischsprachige in der historischen Kultur der Region wurde neu interpretiert. Erstens ist dies eine zukunftsorientierte Gesellschaft, es gibt nur sehr wenige Menschen, die sich f&#xFC;r die Vergangenheit interessieren. Und was die Menschen &#xFC;ber die Vergangenheit wissen, sind oft L&#xFC;gen, die f&#xFC;r die Konstruktion der nationalen Identit&#xE4;t fabriziert werden &#x2013; und das ist in allen L&#xE4;ndern so.<\/p>\n\n\n\n<p>Man macht mit der Geschichte, was man will, um eine nationale Identit&#xE4;t zu konstruieren. In Aserbaidschan ist es noch schlimmer: In Baku gibt es im Stadtzentrum ein nationales Museum f&#xFC;r aserbaidschanische Literatur. Ein sehr sch&#xF6;nes Museum, in dem alle gro&#xDF;en Dichter der Vergangenheit gepriesen werden, ohne zu erw&#xE4;hnen, dass alle diese Dichter, fast ausnahmslos, auf Persisch schrieben. Wer dieses Museum besucht, geht mit dem Eindruck nach Hause, dass diese Leute alle in der Turksprache schrieben, was aber nicht der Fall war.<\/p>\n\n\n\n<p>In Usbekistan ist es &#xE4;hnlich. Ich war in den 1990er Jahren als Doktorand in Usbekistan. Dort arbeitete ich am Orientalischen Institut. Eines Tages kam ein Bote aus dem B&#xFC;ro des Pr&#xE4;sidenten mit einem Brief an die Historiker, in dem stand, dass der Pr&#xE4;sident der Republik erkl&#xE4;rt habe, dass <a href=\"https:\/\/unibe365-my.sharepoint.com\/personal\/berenika_zeller_unibe_ch\/Documents\/Persisch_Usbekistan_Artikel24122024.docx?web=1\">Amir Timur<\/a> (oftmals Tamerlan genannt, Anm. d. &#xDC;.) der Vater der usbekischen Nation sei. Es war also an ihnen, den Historiker:innen, eine Fassung der Geschichte zu konstruieren, die es erm&#xF6;glichte, in der Schule zu lehren, dass die usbekische Nation von ihm gegr&#xFC;ndet worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Forscher:innen zerbrachen sich den Kopf, weil in den Texten aus Tamerlans Zeit alle sagen, dass die Usbeken die niedrigsten aller Menschen sind, und Tamerlan hatte nur Verachtung f&#xFC;r sie &#xFC;brig. Ich glaube, er dreht sich im Grab um. Aber so ist es nun einmal und die Menschen wissen es nicht. Die Intellektuellen in Usbekistan hingegen wissen es, aber sie kommen nicht zu Wort oder schweigen meistens, weil sie ihre Arbeit nicht verlieren wollen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/wie-vor-100-jahren-die-bolschewiki-das-emirat-von-buxoro-und-das-khanat-von-xiva-zerstoerten\/\">Wie vor 100 Jahren die Bolschewiki das Emirat von Buchara und das Khanat von Xiva zerst&#xF6;rten<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich habe ich nur in der Stadt Samarkand so etwas wie eine tadschikische Nationalbewegung gesehen, und zwar auch unter jungen Leuten. Ich wei&#xDF; nicht, ob sich daraus in Zukunft Ver&#xE4;nderungen ergeben werden. Denn die iranische Identit&#xE4;t hat sich vor allem auf die Poesie konzentriert, und die klassische persische Poesie ist f&#xFC;r junge Usbek:innen nicht zug&#xE4;nglich, auch nicht f&#xFC;r diejenigen, die sich daf&#xFC;r interessieren k&#xF6;nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem, weil sie [das Persische &#x2013; Anm. d. &#xDC;.] zwar sprechen, [die Schrift &#x2013; Anm. d. &#xDC;.] aber nicht lesen k&#xF6;nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das stimmt, das Alphabet wurde ge&#xE4;ndert. In Tadschikistan ist all diese Literatur in kyrillischer Schrift. Au&#xDF;erdem d&#xFC;rfen keine B&#xFC;cher aus Tadschikistan importiert werden, auch jetzt nicht, wo die Grenzen offen sind. Ich habe nachgefragt, ob es verboten ist. Man antwortete mir, nein, es sei nicht formell verboten, aber es geh&#xF6;re zu den Dingen, von denen man wei&#xDF;, dass man sie nicht tun sollte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/choresm-und-buchara-die-zweigeteilte-geschichte-der-juedinnen-zentralasiens\/\">Choresm und Buchara: Die zweigeteilte Geschichte der J&#xFC;dInnen Zentralasiens<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Usbekistan interessiert vor allem die Volksmusik. Es gibt viele bekannte zeitgen&#xF6;ssische persischsprachige Musiker:innen. Diese werden auch von nicht-persischsprachigen Menschen gesch&#xE4;tzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es wird viel &#xFC;ber diese persisch- und usbekischsprachige Bev&#xF6;lkerung gesprochen. Aber was ist mit den Usbek:innen, die kein Persisch sprechen? Wie nehmen sie die Pr&#xE4;senz der Persischsprachigen, ihrer Kultur und ihrer Identit&#xE4;t wahr? Sie schildern fast so etwas wie ein Schwinden des Persischen infolge von Pragmatismus, mangelnden beruflichen M&#xF6;glichkeiten, aber nicht aus Feindseligkeit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ich w&#xFC;rde sagen, dass es eine Kombination aus Gleichg&#xFC;ltigkeit und Ignoranz ist. Wie ich bereits sagte, lernen Usbek:innen, die nur Usbekisch sprechen, eine konstruierte Geschichte, in der alles, was sich auf die iranische Zivilisation bezieht, als zur Turk-Zivilisation geh&#xF6;rig ausgewiesen wird. F&#xFC;r sie waren alle gro&#xDF;en Pers&#xF6;nlichkeiten turksprachig. Wie kann man R&#xFC;cksicht auf das Persische oder auf die Persischsprachigen nehmen, wenn man die Geschichte so lernt?<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichg&#xFC;ltig, da keine Bedrohung mehr von den persischsprachigen Menschen ausgeht, seit den Repressionen unter der Pr&#xE4;sidentschaft von Islom Karimov. Schlie&#xDF;lich ist die Lage in Tadschikistan so hoffnungslos, dass niemand daran glaubt, dass das Land in der Region Einfluss haben k&#xF6;nnte. Die Usbek:innen haben allen Grund, stolz und gl&#xFC;cklich zu sein, und die Tadschik:innen in Usbekistan sind durchaus froh, dass sie zu Usbekistan zugeh&#xF6;rig sind und nicht zu Tadschikistan.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kennen Sie im Land Institutionen, Universit&#xE4;ten und Akteure, die versuchen, die persische Kultur wiederzubeleben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt sechs Abteilungen f&#xFC;r tadschikische Studien an den Universit&#xE4;ten in Usbekistan, aber es gibt nur sehr wenige Studierende, weil Absolvent:innen mit einem Abschluss in tadschikischen Studien nichts anfangen k&#xF6;nnen. In Samarkand gibt es ein paar Dutzend Studierende, w&#xE4;hrend es in Buchara vor zwei Jahren 16 Studierende gab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In einem Ihrer Artikel haben Sie die Entwicklung des persischen Dialekts in Usbekistan beschrieben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, weil es keinen literarischen Standard mehr gibt, da die Menschen nicht mehr lesen. Es gibt nichts, um die Divergenz zu verhindern. In Buchara ist die tadschikische Sprache sehr t&#xFC;rkisiert, sie ist sehr schwer zu verstehen. Man bewegt sich auf eine neue Sprache zu, die nicht mit den anderen Dialekten des Persischen zu verstehen ist. Ich sehe keine Anzeichen daf&#xFC;r, dass das Persische ausstirbt, sondern eher daf&#xFC;r, dass es divergiert und eine andere Sprache entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Kanadier, der in einem zweisprachigen Land lebt, kann ich mir nur w&#xFC;nschen, dass die usbekische Regierung eines Tages beschlie&#xDF;t, Persisch zur zweiten offiziellen Landessprache zu ernennen. Ich denke, sie h&#xE4;tten nichts zu verlieren, wenn sie das tun w&#xFC;rden, sondern viel zu gewinnen. Aber das ist nur ein Traum, sie werden es nicht tun, da ein gro&#xDF;er Mentalit&#xE4;tswandel vonn&#xF6;ten w&#xE4;re.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was hindert sie daran?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Erbe der sowjetischen Mentalit&#xE4;t. Vielleicht werden sich die Dinge &#xE4;ndern, wenn eine neue Generation ans Ruder kommt. Man m&#xFC;sste die historischen L&#xFC;gen zugeben, die in Usbekistan seit fast einem Jahrhundert gelehrt werden, was nicht unm&#xF6;glich ist. Ich f&#xE4;nde es sehr gut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Helmand Gardezi, Redakteur f&#xFC;r Novastan<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>&#xDC;bersetzt aus dem <a href=\"https:\/\/novastan.org\/fr\/societe-et-culture\/quelle-place-pour-le-persan-ouzbekistan\/\">Franz&#xF6;sischen<\/a> von Berenika Zeller<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background\"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len: Schaut mal vorbei bei <a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>, <a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company\/novastan\/\">Linkedin<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. 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Stattdessen gilt das Persische als kulturelles Erbe des [&#x2026;]<\/p>\n","protected":false},"author":216,"featured_media":41274,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4357,5],"tags":[1343,1284,5446,1340,1294],"coauthors":[1147],"class_list":["post-41273","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesellschaft-und-kultur","category-usbekistan","tag-buchara","tag-iran","tag-persisch","tag-samarkand","tag-tadschikistan"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41273","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/216"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=41273"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41273\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":41279,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41273\/revisions\/41279"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/41274"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=41273"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=41273"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=41273"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=41273"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}