{"id":39118,"date":"2024-05-01T15:52:22","date_gmt":"2024-05-01T13:52:22","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=39118"},"modified":"2024-05-01T21:19:17","modified_gmt":"2024-05-01T19:19:17","slug":"das-ewige-thema-ein-gespraech-mit-der-kasachischen-schriftstellerin-roza-muqanova","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/gesellschaft-und-kultur\/das-ewige-thema-ein-gespraech-mit-der-kasachischen-schriftstellerin-roza-muqanova\/","title":{"rendered":"\u201eDas Ewige Thema\u201c \u2013 Ein Gespr\u00e4ch mit der kasachischen Schriftstellerin Roza Muqanova"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Schriftstellerin Roza Muqanova hat eine der pr&#xE4;gnantesten &#x2013; und erfolgreichsten &#x2013; Geschichten &#xFC;ber die Folgen der Atomwaffentests im heutigen Kasachstan geschrieben. Im Interview erz&#xE4;hlt sie von den Hintergr&#xFC;nden und davon, was sie mit dem St&#xFC;ck erreichen m&#xF6;chte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie schreibt man &#xFC;ber das Desaster, ohne beim Lesenden nur Schmerz und Verzweiflung auszul&#xF6;sen? Wie kann man in einer zerbombten Landschaft Sch&#xF6;nheit und Ruhe finden? All diese Fragen beantwortet die Kurzgeschichte &#x201E;M&#xE4;&#xF1;ilik bala be&#x131;ne&#x201D;, zu Deutsch etwa: &#x201E;Das ewig-kindliche Gesicht&#x201C;, der kasachischen Autorin Roza Muqanova, die sie in den Jahren 1988-1989 geschrieben hat. Darin schreibt sie mit poetischer Kraft von der jungen, etwa 16-j&#xE4;hrigen L&#xE4;&#x131;l&#xE4;, die ein &#x201E;ewiges Kind&#x201C; geblieben ist, also &#xFC;ber eine junge Frau, deren K&#xF6;rper in jungen Jahren aufgeh&#xF6;rt hat zu wachsen &#x2013; eine Folge der sowjetischen Atomwaffentests in Kasachstan.<\/p>\n\n\n\n<p>Ewig von der Zukunft getrennt, von ihren Mitmenschen missverstanden, fl&#xFC;chtet das junge M&#xE4;dchen jeden Abend hinaus in die Steppe, in die Schlucht zwischen den Bergausl&#xE4;ufen, um sich heimlich mit dem einzigen Wesen zu treffen, das sie versteht und das sie liebt: Mit dem Mond &#x2013; oder besser: Mit der M&#xF6;ndin, denn obgleich die kasachische Sprache nicht gendert, wird die M&#xF6;ndin nicht nur klar weiblich, sondern sogar m&#xFC;tterlich beschrieben. Eines Nachts, als L&#xE4;&#x131;l&#xE4; krank im Bett liegt, zeigt sich die m&#xFC;tterliche M&#xF6;ndin, deren Mondstrahlen die Schlucht und die Ebenen nach dem &#x201E;ewigen Kind&#x201C; absucht:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Die Strahlen der M&#xF6;ndin, die in die tiefe Schlucht fallen, leuchten heller als je zuvor. Sie schweifen &#xFC;ber die Erde auf der Suche nach L&#xE4;&#x131;l&#xE4;, dem M&#xE4;dchen mit dem verweinten Gesicht. Sie suchen und fragen nicht nur das Wasser des Dorfes Qarauyl, sondern auch die Erde und die Berge, seufzend, mit m&#xFC;tterlicher Stimme: &#x201E;Wohin bist du verschwunden? Warum bist du heute nicht in der tiefen Schlucht?&#x201C; Und es scheint, als ob sie, in der Schlucht schwebend, mit innig-warmen Handfl&#xE4;chen, ihre H&#xE4;nde ausbreiten.&#x201C;<\/em> <\/p>\n\n\n\n<div class=\"flex flex-col md:flex-row justify-evenly items-center bg-yellow-100 my-20 p-10 space-y-10 subscribe\">\n\t<div class=\"container flex flex-col lg:flex-row justify-between\">\n\t\t<div class=\"flex flex-col w-full lg:w-3\/5 pb-4\">\n\t\t\t<h2 class=\"text-3xl text-secondary font-bold mb-4 text-[#749D02]\">\n\t\t\t\t\t\t\t\tUnterst&#xFC;tzt Novastan &#x2013; das europ&#xE4;ische Zentralasien-Magazin \n\t\t\t<\/h2>\n\t\t\t\tAls vereinsgetragene, unabh&#xE4;ngige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen &#x2013; und von eurer Unterst&#xFC;tzung! \n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<div class=\"flex flex-col w-full lg:w-2\/5 justify-items-center justify-center pb-4\">\n\t\t\t<div class=\"rounded-md bg-accent-500 px-10 py-5 text-center w-72 mx-auto\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<a class=\"block rounded bg-white p-2 mt-4 font-bold\" href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/spenden\/\">Novastan unterst&#xFC;tzen<\/a>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Obwohl L&#xE4;&#x131;l&#xE4; am Ende der Geschichte stirbt, wirkt die poetische Stimme der Erz&#xE4;hlerin dennoch tr&#xF6;stend. Auch deshalb sticht diese Kurzgeschichte in der Flut an literarischen Produktionen rund um Atomwaffentests und nukleare Katastrophen hervor. Denn wir sehen die Welt durch L&#xE4;&#x131;l&#xE4;s Augen, f&#xFC;hlen mit ihr und erkennen in ihr eine wundersch&#xF6;ne Seele, die uns vergessen l&#xE4;sst, dass ihr K&#xF6;rper der eines Kindes ist, mit alten, viel zu alten H&#xE4;nden. Die Kurzgeschichte zeigt die Trauer und den stillen Kummer der Bev&#xF6;lkerung Kasachstans, die in unmittelbarer N&#xE4;he des sowjetischen Atomwaffentestgebiets <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan\/\">Semipalatinsk<\/a> lebte, lebt und &#xFC;berlebt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/politologin-togjan-qasenova-solange-es-atomwaffen-gibt-werden-wir-alle-deren-geiseln-sein\/\">Politologin Togjan Qasenova: &#x201E;Solange es Atomwaffen gibt, werden wir alle deren Geiseln sein&#x201C;<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frau Muqanova ist eine bewundernswerte Person, ihr Drama basierend auf dieser Kurzgeschichte wird seit 1996 auf kasachstanischen B&#xFC;hnen aufgef&#xFC;hrt, und dennoch ist sie nahbar geblieben. Nicht nur in pers&#xF6;nlichen Gespr&#xE4;chen, sondern auch sp&#xE4;ter in einem umf&#xE4;nglichen schriftlichen Interview beantwortet sie unz&#xE4;hlige Fragen. Die relevantesten und interessantesten Ausschnitte dieses Interviews sind f&#xFC;r alle von Bedeutung, die sich f&#xFC;r Literatur, Zentralasien und die Fragen nach Ethik, Umwelt und den Problemen nuklearer Zerst&#xF6;rung interessieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verena Zabel: Wie haben Sie die Sowjetzeit erlebt und was denken Sie heute dar&#xFC;ber?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Roza Muqanova:<\/strong> Ich habe selbst im Sowjetsystem gelebt und habe sowohl meine Kindheit, als auch meine Schulzeit gl&#xFC;cklich verbracht. Danach wollte ich studieren. Als Studentin habe ich dann begonnen, gewisse Hindernisse zu bemerken. Mir fiel auf, dass die Freiheit meines Volkes begrenzt war, dass es nicht seine eigene Geschichte schrieb und dass die Macht der Ideologie bis zu einem gewissen Grade immer siegte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies alles &#xE4;nderte sich allm&#xE4;hlich mit der Unabh&#xE4;ngigkeit. Literatur, Teile unserer Geschichte, Werke und Forschungen wichtiger kasachischer Pers&#xF6;nlichkeiten, die fr&#xFC;her zensiert oder komplett verboten wurden, wurden nach und nach ver&#xF6;ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie hat sich die Unabh&#xE4;ngigkeit Kasachstans auf Ihre Arbeit ausgewirkt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ohne die kasachstanische Unabh&#xE4;ngigkeit w&#xE4;re es mir unm&#xF6;glich gewesen, meine Kurzgeschichte &#x201E;M&#xE4;&#xF1;ilik bala be&#x131;ne&#x201D; zu ver&#xF6;ffentlichen. Durch diese Kurzgeschichte wollte ich das Schicksal meines Volkes erz&#xE4;hlen. Ich wollte &#xFC;ber das Unrecht schreiben, dass nicht nur dem M&#xE4;dchen L&#xE4;&#x131;l&#xE4;, sondern uns allen zugef&#xFC;gt wurde. Ich wollte durch die Darstellung von L&#xE4;&#x131;l&#xE4;s Seele aufzeigen, dass sie ein Opfer des politischen Systems war, und dass dieses System ihre Zukunft als Mensch zerst&#xF6;rt hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie selbst wurden unweit vom Atomwaffentestgel&#xE4;nde geboren. Was sagten die Leute damals dazu?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ich wurde in Semipalatinsk (heute Seme&#x131;, Anm. d. Red.) geboren. Dort wurden &#xFC;ber 40 Jahre lang <a href=\"https:\/\/taz.de\/Atomwaffentests-in-Kasachstan\/!vn5994537\/\">Atomtests durchgef&#xFC;hrt<\/a>. Die Menschen, die dort lebten, wurden nicht umgesiedelt. Sie wussten auch nicht, was wirklich vor sich ging. Es wurde geheimgehalten, dass es sich um Atombomben handelte und dass diese sehr gef&#xE4;hrlich f&#xFC;r die menschliche Gesundheit sind. In ihrem Inneren haben die Menschen das alles gesp&#xFC;rt, und die Gebildeten unter ihnen haben auch verstanden, dass es an den Atombomben lag.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan\/\">Semipalatinsker Testgel&#xE4;nde: Das atomare Erbe der Sowjetunion in Kasachstan<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da aber die Kasachen ein Volk waren, das politische Verfolgung, Hunger und Unterdr&#xFC;ckung erlebt hatte, wagte es niemand, dieses Thema anzusprechen oder etwas dagegen zu tun. Erst 1988-89 begann man, offen dar&#xFC;ber zu sprechen, dass Land und Wasser vergiftet wurden, dass immer weniger Menschen geboren wurden, dass Krankheiten zunahmen und Menschen ungew&#xF6;hnlich fr&#xFC;h starben. F&#xFC;r die Kasachen war diese katastrophale Zeit wie eine Sturzflut, die alles erfasste.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie haben die Menschen auf die Kurzgeschichte und das Drama reagiert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Kurzgeschichte kam bei den Menschen sehr gut an. Ein Theaterdirektor hat mir sogar vorgeschlagen, die Kurzgeschichte f&#xFC;r die B&#xFC;hne umzuschreiben. Auch das Drama kam dann bei der Premiere sehr gut an. Doch das Publikum, das zur Auff&#xFC;hrung kam, tat mir auch sehr leid, weil alle so ger&#xFC;hrt waren, dass sie weinten. Danach wurde das Drama eines der beliebtesten Theaterst&#xFC;cke &#xFC;berhaupt. Etwa 20 Jahre lang spielten wir vor ausverkauftem Haus. Die Leute wurden nicht satt, es zu sehen und die Nachfrage war sehr gro&#xDF;.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp&#xE4;ter wurde es aus dem Theaterrepertoire gestrichen, es hie&#xDF;, das B&#xFC;hnenbild sei veraltet. Ich erinnere mich noch daran, dass damals junge Studierende im staatlichen Fernsehen auftraten, um ihre Unzufriedenheit mit der Theaterleitung auszudr&#xFC;cken. Diese jungen Menschen wollten, dass das St&#xFC;ck wieder in das Repertoire aufgenommen wird. Das waren f&#xFC;r mich sehr interessante Neuigkeiten. Das Drama war so beliebt, dass es sp&#xE4;ter sogar verfilmt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Drama wird immer noch aufgef&#xFC;hrt. Inzwischen aber als ein inklusives Theater, in dem die Rolle von L&#xE4;<\/strong><strong>&#x131;l&#xE4; nicht einfach von einem &#x201E;gesunden&#x201C; jungen M&#xE4;dchen gespielt wird, sondern von einer Schauspielerin, die genauso wie L&#xE4;&#x131;l&#xE4; auch, den K&#xF6;rper eines Kindes hat. Wie hat das Publikum darauf reagiert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Publikum hat reagiert wie immer: Obwohl L&#xE4;&#x131;l&#xE4; eine Behinderte ist, sagen sie, dass L&#xE4;&#x131;l&#xE4; sch&#xF6;n ist, dass ihre Seele rein und engelhaft ist und daf&#xFC;r lieben sie L&#xE4;&#x131;l&#xE4;. Sie sympathisieren mit L&#xE4;&#x131;l&#xE4;s Traurigkeit. Als w&#xFC;rden sie alles zusammen mit L&#xE4;&#x131;l&#xE4; erleben, beschuldigen sie das politische System, sind von den korrupten Menschen angewidert und verfluchen die katastrophale Waffe, die L&#xE4;&#x131;l&#xE4;s Tod verursacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>L&#xE4;<\/strong><strong>&#x131;l&#xE4; verr&#xE4;t ihre Geheimnisse nicht dem Himmel oder der Nacht. Sie spricht auch nicht mit sich selbst, sondern mit dem Mond. Was ist so besonders an dem Mond?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Mond ist rein, makellos, sieht milchig wei&#xDF; aus. L&#xE4;&#x131;l&#xE4; ist auf der Erde, w&#xE4;hrend der Mond sich im Weltraum befindet, doch sie sehen sich. L&#xE4;&#x131;l&#xE4; kann ihre Geheimnisse nicht den Dorfbewohner:innen verraten, denn f&#xFC;r sie ist L&#xE4;&#x131;l&#xE4; nur ein Kr&#xFC;ppel, eine invalide Person. Sie k&#xF6;nnen L&#xE4;&#x131;l&#xE4;s Seele, ihre Tr&#xE4;ume und Sorgen nicht verstehen. L&#xE4;&#x131;l&#xE4; musste jemanden finden, der sie verstehen und ihr Leiden teilen kann. Deshalb hat sie den Mond gefunden. Das ist L&#xE4;&#x131;l&#xE4;s Wahl!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Drama unterscheidet sich etwas von der Kurzgeschichte. Zum einen dadurch, dass neue Charaktere hinzugef&#xFC;gt wurden, zum anderen dass bestehende Charaktere erweitert wurden. In der Kurzgeschichte trifft<\/strong> <strong>L&#xE4;<\/strong><strong>&#x131;l&#xE4; auf ihre Jugendliebe Qumar, der zu einem sch&#xF6;nen, jungen Mann herangewachsen ist. Er tanzt mit L&#xE4;&#x131;l&#xE4; und ist freundlich zu ihr. Er behandelte sie so, als sei sie ein normales M&#xE4;dchen. Doch im Drama zeigt sich sp&#xE4;ter Qumars dunkle Seite darin, dass er L&#xE4;&#x131;l&#xE4;s Freundschaft und Vertrauen f&#xFC;r Geld verkauft. Warum haben Sie diese Szene hinzugef&#xFC;gt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Um die Kurzgeschichte in das Genre der Dramaturgie umzuwandeln, wollte ich den Konflikt versch&#xE4;rfen und eine Kulmination des Konfliktes erreichen. Au&#xDF;erdem wollte ich die Jugend vor der moralischen Gefahr, die die Werte von Reichtum und Geld mit sich bringen, besch&#xFC;tzen. Die ersten Jahre der Unabh&#xE4;ngigkeit waren sehr schwer f&#xFC;r die Menschen. Die Lebensbedingungen waren sehr schwer. Diese Realit&#xE4;ten des wirklichen Lebens wollte ich in dem Drama auch darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im Drama gibt es auch noch einen weiteren Charakter, der in der Kurzgeschichte gar nicht vorkommt, die verr&#xFC;ckte &#x15E;&#xF6;ki&#x15F;. Warum haben Sie sie hinzugef&#xFC;gt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich noch ein Kind war, gab es in unserem Dorf eine alte verr&#xFC;ckte Frau namens Me&#xF1;ta&#x131;. Sogar im Sommer hat sie Winterklamotten getragen. Die Kinder haben sie gejagt und verspottet, wenn sie die Stra&#xDF;e entlang ging. Meine Oma hat dieser alten Frau immer warmes Essen, Tee und S&#xFC;&#xDF;igkeiten gegeben. Sie hat ihr auch Brot und Irim&#x15F;ik (kasachischer K&#xE4;se, Anm. d. Red.) mitgegeben. Dann hat Me&#xF1;ta&#x131; wie ein gesunder Mensch geredet und mit meiner Oma viel gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/umwelt-und-technologie\/das-erbe-von-taboschar-ueber-den-uranabbau-in-tadschikistan-und-seine-folgen\/\">Das Erbe von Taboschar &#x2013; &#xDC;ber den Uranabbau in Tadschikistan und seine Folgen<\/a><\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meine Oma erz&#xE4;hlte mir, dass Me&#xF1;ta&#x131; gar nicht verr&#xFC;ckt sei. Ihr Vater war fr&#xFC;her nicht nur ein reicher Mann, sondern auch ein Landkreisvertreter (rus. Wolostnoj, politisch-administratives Amt im Russischen Reich, Anm. d. Red.). Zur Zeit der Beschlagnahmungskampagne (eine Enteignungskampagne der Bolschewiki gegen die sogenannte Bourgeoisie, Anm. d. Red.) wurde ihr Vater festgenommen und daraufhin wurde sie mental krank. Sie war die Tochter eines bekannten Wolostnoj, so erz&#xE4;hlte es meine Oma. Ich habe &#x15E;&#xF6;ki&#x15F; in Anlehnung an diese Me&#xF1;ta&#x131; geschrieben. Obwohl &#x15E;&#xF6;ki&#x15F; verr&#xFC;ckt aussieht, ist sie eigentlich gesund, so wie Me&#xF1;ta&#x131;. Weil ihr Kind unter den Folgen der Atomwaffentests gelitten hat, ist sie auch mental krank geworden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Haben sie andere literarische Texte &#xFC;ber Semipalatinsk oder allgemein &#xFC;ber Atomwaffentests gelesen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mir Fotoausstellungen &#xFC;ber das Atomwaffentestgel&#xE4;nde Semipalatinsk angeschaut, ich habe auch Artikel und Recherchen dar&#xFC;ber gelesen. Allerdings hatte ich vor meinem eigenen keine anderen literarischen Werke zu diesem Thema gelesen. In der Wirklichkeit ist es aber so, dass die Menschen ihr Schicksal nicht durch Artikel besser kennen lernen, sondern durch Kunstwerke, Literatur, Kino und Theater.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/leben-und-sterben-in-batbakkarinsk\/\">Leben und Sterben in Batbakkarinsk<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ihre Kurzgeschichte unterscheidet sich von anderen Romanen oder gar Dokumentarfilmen, die meistens die Explosionen selbst detailliert beschreiben, oder auch Aufnahmen davon zeigen. Ihr Fokus liegt nicht in der Darstellung der Explosionen selbst. Warum haben Sie sich daf&#xFC;r entschieden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Zeigen der Explosion, war es vor allem meine Aufgabe, die Ursachen und Wirkungen aufzuzeigen und das Problem selbst auf eine Ebene zu heben, in der es die gesamte Menschheit betrifft. Ich wollte dies dem <em>menschlichen<\/em> Bewusstsein nicht nur als Information oder als Artikel, sondern eben als Kunstwerk, als literarisches Werk vermitteln. Ich habe geschrieben, weil nicht nur mein Land, sondern die ganze Welt, die unter Krieg leidet, L&#xE4;&#x131;l&#xE4;s Trauer, ihre Trag&#xF6;die sehen und dar&#xFC;ber nachdenken soll. Ich denke, dass der Mensch keine Gewalt gegen die Erde oder gegen die Menschheit anwenden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was ist die Bedeutung der Kunst bei solch einem politischen Thema wie Atomwaffentests?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Atomtests wurden nicht nur in unserem Land, sondern auf der ganzen Welt durchgef&#xFC;hrt. Doch auch wenn Informationen dazu in den Nachrichten gezeigt werden, handelt es sich dort doch nur um eine Momentinformation. Das verschwindet sehr schnell wieder aus dem Bewusstsein der Menschen. Doch wenn es in der Sprache der <em>Literatur<\/em>, des <em>Theaters<\/em>, des <em>Kinos<\/em>, des <em>Balletts<\/em>, der <em>Oper<\/em>, oder der <em>Musik<\/em> Ausdruck findet, so wird es zu einem <em>ewigen<\/em> Thema f&#xFC;r die Menschheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn mit unseren Herzen und Seelen verstehen wir, welche Auswirkungen Kriegswaffen auf die Menschheit haben, dass sie die Vernichtung aller Menschen auf der Erde bedeuten k&#xF6;nnten. Wir werden daf&#xFC;r <em>k&#xE4;mpfen<\/em>, dass dies niemals passiert. F&#xFC;r mich als Autorin und Dramaturgin war das notwendig. Ich musste meinen inneren Widerstand durch meine Feder zum Ausdruck bringen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vielen Dank f&#xFC;r das Interview!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Interview und &#xDC;bersetzung aus dem Kasachischen<br>Verena Zabel, M.A.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine englische &#xDC;bersetzung von Roza Muqanovas Kurzgeschichte kann in der frei zug&#xE4;nglichen <a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/sites\/default\/files\/media\/documents\/Kazakh_Prose_Book_PRINT-no-crops-1.pdf\">Anthologie kasachischer Prosa<\/a> gefunden werden (S. 561-570). Die kasachische Originalversion kann <a href=\"https:\/\/kazneb.kz\/kk\/bookView\/view?brId=1177990&amp;simple=true\">hier<\/a> gefunden werden (S. 119-127).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background\"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len: Schaut mal vorbei bei <a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>, <a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company\/novastan\/\">Linkedin<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. 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