{"id":33560,"date":"2023-06-29T20:00:00","date_gmt":"2023-06-29T18:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=33560"},"modified":"2023-09-06T14:11:25","modified_gmt":"2023-09-06T12:11:25","slug":"ich-wuerde-luegen-wenn-ich-sagen-wuerde-dass-ich-mir-eine-atomwaffenfreie-welt-vorstellen-kann-ein-interview-mit-togjan-qasenova","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/umwelt-und-technologie\/ich-wuerde-luegen-wenn-ich-sagen-wuerde-dass-ich-mir-eine-atomwaffenfreie-welt-vorstellen-kann-ein-interview-mit-togjan-qasenova\/","title":{"rendered":"\u201eIch w\u00fcrde l\u00fcgen, wenn ich sagen w\u00fcrde, dass ich mir eine atomwaffenfreie Welt vorstellen kann\u201c &#8211; ein Interview mit Togjan Qasenova"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat Kasachstan mit dem viertgr&#xF6;&#xDF;ten Nuklearwaffenarsenal und wenig Macht &#xFC;ber das eigene nukleare Schicksal hinterlassen. In ihrem Buch <em>&#x201E;Atomic Steppe: How Kazakhstan gave up the bomb&#x201C;<\/em> rekonstruiert Nuklearexpertin Togjan Qasenova die 40-j&#xE4;hrige Geschichte von Atomtests in der kasachstanischen Steppe &#x2013; und erz&#xE4;hlt, wie das frisch unabh&#xE4;ngige Land atomwaffenfrei wurde.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Novastan hat mit Qasenova &#xFC;ber ihr Buch gesprochen, dem schwierigen Erbe der Sowjetunion, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nursultan_Nasarbajew\">Nursultan Nazarbaevs<\/a> Rolle im Abschalten des <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan\/\">Semipalatinsker Polygons<\/a> und was Russlands Drohung Atomwaffen in der Ukraine zu benutzen f&#xFC;r Kasachstan bedeuten k&#xF6;nnte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Novastan: Atomtests und ihre Geschichte sind ein hochsensibles Thema und es ist offensichtlich schwierig Informationen dar&#xFC;ber zu finden, da die meisten Archive immer noch geschlossen sind. Wie haben Sie an Ihrem Buch gearbeitet?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Togjan Qasenova<\/strong>: Ich sammelte Informationen durch Archivrecherchen und durch das Befragen von Zeitzeugen (welche die von mir beschriebenen Ereignisse miterlebt hatten). Ich hatte keine Probleme mit Archiven in Kasachstan oder den Vereinigten Staaten. Das Pr&#xE4;sidentenarchiv in Almaty war das hilfreichste. Es gibt auch ein wunderbares Archiv in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Semei\">Seme&#x131;<\/a> (ehemals Semepalatinsk) &#x2013; das Zentrum f&#xFC;r die Dokumentation der modernen Geschichte. Diese Archive stehen f&#xFC;r Forschende offen, und ich konnte sie problemlos nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedoch stie&#xDF; ich an Grenzen. Zwar konnte ich alles lesen, was freigegeben und f&#xFC;r Forschende zug&#xE4;nglich war, jedoch war erkennbar, dass bestimmte Dokumententeile fehlten. So konnte ich zum Beispiel nichts aus den 1970er-Jahren finden. Ich hatte Dokumente &#xFC;ber die 60er-Jahre, einige Dokumente &#xFC;ber die 80er-Jahre aber dar&#xFC;ber hinaus nichts &#xFC;ber die 70er-Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan\/\"><strong>Semipalatinsker Testgel&#xE4;nde: Das atomare Erbe der Sowjetunion in Kasachstan<\/strong><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>In den USA sind die Pr&#xE4;sidentenarchive hervorragend, dennoch gibt es auch einige Einschr&#xE4;nkungen. Die meisten US-Regierungsdokumente werden nach etwa 25 Jahren verf&#xFC;gbar. Da mich die 90er-Jahre interessierten, war bereits viel verf&#xFC;gbar. Es funktioniert mittels dem &#x201A;declassification-review&#x2018; System &#x2013; du stellst eine Anfrage (um &#x201A;classified documents&#x2018; einzusehen) und deine Anfrage wird an die relevante Agentur weitergeleitet, welche dann entscheidet, ob das angefragte Dokument freigeben werden kann. Es dauert Jahre, aber es funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p>In Russland hatte ich keine Probleme mit der Arbeit mit regul&#xE4;ren Archiven, aber die Archive, die f&#xFC;r mich am wichtigsten waren, wie das Atomenergieministerium (MINATOM) oder das Verteidigungsministerium, sind f&#xFC;r Forschende nicht zug&#xE4;nglich. Ich habe formelle Anfragen gestellt, aber sie wurden alle abgelehnt. Kurzum, ich habe mit dem gearbeitet, was in den Archiven vorhanden war, aber ich werde die Erste sein, die sagt, dass es viele schwarze L&#xF6;cher gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hoffe, dass wir &#xFC;ber die Zeit mehr und mehr herausfinden werden. Ich habe ehemalige politische Entscheidungstr&#xE4;ger:innen und Diplomaten in Entscheidungspositionen interviewt, aber f&#xFC;r mich war es noch wichtiger, Menschen aus der Gegend von Seme&#x131; zu befragen. Das war herausfordernd, aber auf eine andere Art und Weise. Es war emotional und ethisch schwierig, weil es sich um pers&#xF6;nliche Familiengeschichten handelte, und es war sehr wichtig, die Menschen nicht nur als Opfer darzustellen. Ich wollte ihre Resilienz und Liebe zur Heimat zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beim Lesen Ihres Buches wurde ich das Gef&#xFC;hl nicht los, dass die ersten Versuche in v&#xF6;lliger Dunkelheit durchgef&#xFC;hrt wurden. Heutzutage ist es schwer zu glauben, dass jemand so r&#xFC;cksichtslos sein konnte. Nach Hiroshima waren bereits einige Jahre vergangen, sodass die Wissenschaftler zumindest einige Daten &#xFC;ber die Auswirkungen von Atomexplosionen auf das menschliche Leben h&#xE4;tten haben m&#xFC;ssen. Ich frage mich also, ob diese Opfer vors&#xE4;tzlich und kaltherzig gebracht wurden. Waren den Projektleitern die menschlichen Opfer egal, oder war es eher diese Banalit&#xE4;t des B&#xF6;sen, dass die Leute &#x201E;nur ihre Arbeit machen wollten&#x201C;?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben v&#xF6;llig recht, dass die ersten Tests, wie Sie beschrieben haben, in v&#xF6;lliger Dunkelheit durchgef&#xFC;hrt wurden &#x2013; in einem Informationsvakuum. Die Zivilbev&#xF6;lkerung wurde nicht informiert, und niemand nahm R&#xFC;cksicht auf die lokale Bev&#xF6;lkerung. Ich kann nicht f&#xFC;r [die Projektleiter] sprechen, ich kann nicht in ihre K&#xF6;pfe schauen, aber so sehe ich das, was geschehen ist. Sowjetische milit&#xE4;rische F&#xFC;hrer hatten es eilig gleichauf mit den Vereinigten Staaten zu bleiben. Hiroshima und Nagasaki waren bereits passiert, also war es klar, dass Atomexplosionen umfangreichen Schaden anrichteten. Offensichtlich verstanden sowjetische Planer, dass es schlecht war, aber vielleicht verstanden sie nicht die Details.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-primary-800-color has-accent-500-background-color has-text-color has-background\">A<strong>ls vereinsgetragene, <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/unser-projekt\/\">unabh&#xE4;ngige<\/a> Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen &#x2013; und von eurer Unterst&#xFC;tzung! Durch jede noch so kleine <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/spenden\/\">Spende<\/a> helft ihr uns, weiter ein realit&#xE4;tsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke nicht, dass sie die Folgen langfristigem Ausgesetztsein von niedrigen Dosen ionisierender Strahlung verstanden haben. Ich denke aber nicht, dass sie mit dem Ziel herangingen &#x201E;Lasst uns testen, wie die Waffen auf Menschen wirken&#x201C;. Es war mehr eine Art &#x201E;Wir brauchen Atomwaffen und uns ist die Bev&#xF6;lkerung egal. Wir akzeptieren den Kollateralschaden, aber wir wissen noch nicht genau, wie gro&#xDF; der Schaden sein wird.&#x201C; Ich denke, diese Nuancierung ist wichtig, insbesondere f&#xFC;r den Diskurs in Kasachstan. Ich wehre mich dagegen, es so darzustellen, als sei der Standort gew&#xE4;hlt worden, weil man mit ethnischen Minderheiten oder [insbesondere] mit Kasachen experimentieren wollte. Ich denke, es war eher ein Mangel an &#xDC;berlegung, ein Mangel an Sorgfalt und eine v&#xF6;llige Ablehnung der Tatsache, dass die lokalen Gemeinschaften darunter leiden w&#xFC;rden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber mit der Zeit konnten die sch&#xE4;dlichen Auswirkungen nicht ignoriert werden, und an dem Punkt h&#xE4;tte es eine ethische Frage der Verantwortung werden sollen, aber den sowjetischen milit&#xE4;rischen F&#xFC;hrern war es egal. F&#xFC;r milit&#xE4;rische Zwecke beobachteten sie die Gesundheit der Bev&#xF6;lkerung, um zu verstehen, wie Atomwaffen sich auf Menschen auswirkten. W&#xE4;hrend sie Daten f&#xFC;r die milit&#xE4;rische Forschung sammelten, gab es die Menschen vor Ort keinerlei medizinische Versorgung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und der allererste Test wurde bei regnerischem und windigem Wetter durchgef&#xFC;hrt, wodurch die radioaktive Kontaminierung meilenweit um das Testgel&#xE4;nde herum verstreut wurde &#x2013; so als ob man sich gar keine Gedanken &#xFC;ber die ganze Operation gemacht h&#xE4;tte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie h&#xE4;tten auf besseres Wetter warten k&#xF6;nnen. Es gibt etwas, was ich in dem Buch nicht erw&#xE4;hne, weil ich es nicht beweisen kann, aber generell glaubt man, dass das Milit&#xE4;r oft darauf wartete, bis der Wind in die Steppe blies, anstatt in Richtung der milit&#xE4;rischen Siedlungen. Ich m&#xF6;chte keine inkorrekten Informationen weitergeben. In der offiziellen milit&#xE4;rischen Beschreibung klang es so, als w&#xFC;rde [der Wind] in Richtung der unbewohnten Steppe wehen. Spricht man aber mit den Einheimischen der Region, gibt es den weitverbreiteten Glauben, dass das Milit&#xE4;r darauf wartete, dass der Wind nicht in Richtung ihrer Siedlungen blies. Dabei waren ihnen andere Richtungen egal. Aber beweisen konnte ich das nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein weiterer seltsamer, unlogischer Punkt f&#xFC;r mich war, dass es bei all der Geheimhaltung um das Polygon, bei all den Versuchen, die Informationen zu unterdr&#xFC;cken, einige gro&#xDF;e Sicherheitsl&#xFC;cken gab, auf die nicht reagiert wurde, und die nicht einmal vorhergesehen wurden. Wie Sie erw&#xE4;hnten, war die Region Semipalatinsk der Hauptlieferant von Fleisch, sie verkauften Fleischprodukte in der gesamten Sowjetunion, und dann wurde das Fleisch irgendwann radioaktiv, weil das Vieh mit kontaminiertem Gras gef&#xFC;ttert worden war. Wie h&#xE4;lt man das geheim? Wie konnte dieses Szenario nicht bedacht werden, als geplant wurde das Polygon zu bauen? Und selbst wenn es zu dem Zeitpunkt der Planung nicht ersichtlich war, wie kann man, wenn man argumentieren kann, dass die Region isoliert ist und es keine gro&#xDF;en St&#xE4;dte in der N&#xE4;he gibt, das Risiko nicht anerkennen und die Tests fortsetzen, wenn es bereits passiert ist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ein guter Punkt und es l&#xE4;sst mich denken, dass kein sowjetisches Leben besonders viel Wert hatte, aber manches Leben noch weniger wertvoll war. Der Standort wurde aus praktischen Gr&#xFC;nden gew&#xE4;hlt. F&#xFC;r die sowjetischen Milit&#xE4;rplaner war es logisch: Der Standort war abgelegen (sie sagten sogar er w&#xE4;re unbewohnt, was ganz und gar nicht stimmt) und es gab einen Zugang zu den Konstruktionsmaterialien. F&#xFC;r sie war es also eine rationale Entscheidung. Aber Sie haben recht. Es w&#xE4;re schwierig radioaktive Kontamination zu kontrollieren, sie in einer bestimmten Region zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/umwelt-und-technologie\/das-erbe-von-taboschar-ueber-den-uranabbau-in-tadschikistan-und-seine-folgen\/\">Das Erbe von Taboschar &#x2013; &#xDC;ber den Uranabbau in Tadschikistan und seine Folgen<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde Ihnen ein weiteres anschauliches Beispiel geben. Nach einem der Tests kam es zu einer erheblichen radioaktiven Verseuchung. Die sowjetischen Milit&#xE4;rbeh&#xF6;rden wussten, dass das Getreide aus der Region stark kontaminiert war. Was haben Sie also gemacht? Sie stellten sicher, dass das Getreide innerhalb der Sowjet Union verteilt wurde und nicht exportiert wurde. Es war ihnen wichtiger, dass die internationale Gemeinschaft das Getreide nicht bekam und so herausfand, dass es radioaktiv verseucht war. Das ihre eigene Bev&#xF6;lkerung dieses Getreide konsumierte, war ihnen egal.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Punkt, den ich in meinem Buch erw&#xE4;hne, ist, dass die Beh&#xF6;rden w&#xE4;hrend der st&#xE4;rkeren Tests den Menschen rieten, nach drau&#xDF;en zu gehen, was keinen Sinn machte. Ich denke, sie wollten nicht, dass Menschen sich durch splitterndes Glas verletzten, wenn sie im Haus blieben. F&#xFC;r sowjetische Beh&#xF6;rden war es besser, wenn Menschen sich drau&#xDF;en aufhielten, damit sichtbare Verletzungen vermieden werden konnten. Offensichtlich war die Bev&#xF6;lkerung einer h&#xF6;heren Dosis ausgesetzt, weil sie sich im Freien aufhielten, aber das war den Beh&#xF6;rden egal.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m&#xF6;chte die Sowjetunion nicht als ein b&#xF6;ses Imperium darstellen, aber ich denke, dass ein v&#xF6;lliger Mangel an Respekt vor menschlichem Leben ziemlich offensichtlich ist. Und einige Leben, in diesem Fall das Leben der Menschen in der Region Semipalatinsk, wurden noch weniger geachtet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Polygon wurde 1991 geschlossen und ich w&#xFC;rde Sie gerne zu der Rolle Nazarbaevs in diesem Prozess befragen. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass er zum Ende hin ein wenig z&#xF6;gerlich wurde &#x2013; er unterst&#xFC;tzte stets die Nevada-Semipalatinsk-Bewegung, sprach &#xFC;ber die Sch&#xE4;dlichkeit des Polygons, dr&#xE4;ngte zum Handeln und hielt diese Rede dar&#xFC;ber, dass er nicht genug Informationen &#xFC;ber die Konsequenzen hatte. Aber am Ende des Ganzen, als es nur noch darum ging, das Dekret zur Schlie&#xDF;ung des Polygons zu unterzeichnen, brauchte er eine ganze Weile, um das zu tun. Ist das nur mein Eindruck, und in Wirklichkeit war er einfach ein viel besch&#xE4;ftigter Mensch, der keine Zeit hatte, oder war er nicht bereit, diesen gro&#xDF;en Schritt zu tun?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe nicht viele Details, weil es nur einen Bericht zu diesem Tag gibt (an dem das Dekret unterschrieben wurde). Wenn wir uns Nazarbaevs Briefe an Gorbatschow &#xFC;ber den Zeitraum von 1989 bis 1999 anschauen, stellt man einen ver&#xE4;nderten Ton fest. Ich wei&#xDF; nicht, ob Sie es im Buch gelesen haben &#x2013; Nazarbaev war wie jeder andere sowjetische, von Moskau eingesetzte Funktion&#xE4;r vom &#x201E;Zentrum&#x201C; abh&#xE4;ngig. Zu Beginn, Anfang des Jahres 1989 stellte Nazarbaev sicher, dass die Anfragen aus Almaty in sowjetisch-b&#xFC;rokratischer Manier kamen. Die Ersuche der kasachstanischen Regierung klangen zaghaft. &#x201E;Da gibt es dieses Nevada-Semipalatinsk und sie protestieren gegen die Tests, und wir sind der Meinung, dass wir alles getan haben, was wir als Republik tun konnten&#x201C;.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen 1991 wurde seine Sprache deutlich. Ich denke, er war bereit das Polygon zu schlie&#xDF;en. Was den konkreten Tag betrifft, so sollten wir uns daran erinnern, dass er nur wenige Tage nach dem versuchten Staatsstreich in Moskau lag. Viele andere Dinge gingen vonstatten: Vielleicht war die Nevada-Semipalatinsk-Bewegung entschlossener und dr&#xE4;ngender, vielleicht war das politische Establishment in Kasachstan am Ende seiner Kr&#xE4;fte. Ich glaube, Nazarbaev war bereit. Ich habe zwar nicht ausreichend Informationen, was den genauen Tag betrifft, aber ich glaube, dass es wahrscheinlich symbolischer Natur war, dass sie daf&#xFC;r sorgen wollten, dass der Beschluss (zur Schlie&#xDF;ung des Polygons) am 29. August unterzeichnet wurde, an dem Tag des ersten sowjetischen Atomtests.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier m&#xF6;chte ich etwas betonen. Sehr oft wird in Kasachstan ein sehr personalisiertes und auf Nazarbaev fokussiertes Narrativ gezeichnet. Ich denke, dass es besonders bei der Schlie&#xDF;ung des Polygons wichtig ist, der Nevada-Semipalatinsk-Bewegung und all den Menschen, die sich daf&#xFC;r eingesetzt haben, Anerkennung zu zollen. Es ist wichtig, die Geschichte zu erz&#xE4;hlen und allen Akteur:innen Anerkennung zu zollen. Die kasachstanische Gesellschaft und das Establishment haben auf verschiedenen Ebenen zusammengearbeitet, es ist also nicht die Geschichte von nur einer Person, die einen Beschluss unterschrieben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>&#xA0;<strong>In dem Buch hatte ich das Gef&#xFC;hl, es handelte sich um eine Graswurzelbewegung, der sich Nazarbaev im allerletzten Moment anschloss, als er erkannte, dass er es nicht einfach aussitzen und abwarten konnte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es war definitiv eine Graswurzelbewegung. Diese Tausenden Menschen, die aus eigenen aufrichtigen Gr&#xFC;nden protestierten, aber ich denke, dass die Bewegung auch f&#xFC;r das politische Establishment vorteilhaft war. Die Anti-Atomkraft-Bewegung und die kasachstanische Regierung waren nicht v&#xF6;llig voneinander getrennt. Zum Beispiel beschreibe ich in dem Buch, wie Teilnehmer:nnen von internationalen M&#xE4;rschen willkommen gehei&#xDF;en wurden, sie mit Essen versorgt und wie ihnen bei der Unterbringung geholfen wurde und wie die lokalen Beh&#xF6;rden sie unterst&#xFC;tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei wurde mir klar, dass es, wie wir es auf Russisch nennen w&#xFC;rden &#x201E;administrative Ressourcen&#x201C; gab. Proteste und Kundgebungen wurden nicht verboten, sondern von den lokalen Beh&#xF6;rden unterst&#xFC;tzt. Und das ist etwas, was wir immer noch nicht im Detail wissen, aber ich w&#xFC;rde die Bewegung nicht von der Regierung trennen, weil ich denke, dass alle Teile der kasachstanischen Gesellschaft &#x2013; das politische Establishment und die B&#xFC;rger:innen &#x2013; zusammengearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Betroffenen von Atomtest erhalten eine regelm&#xE4;&#xDF;ige Entsch&#xE4;digung vom Staat. Jedoch beschreiben Sie auch eine Situation mit kasachstanischen Soldaten, die im Polygon neben den russischen Soldaten stationiert waren, und diese Ex-Soldaten sind von diesen Zahlungen ausgeschlossen, obwohl sie der Strahlung ebenfalls ausgesetzt waren. Das ist eine Frage, wer die Verantwortung f&#xFC;r die Atomtests tr&#xE4;gt. Es war ein sowjetisches Programm. Wenn es um n&#xFC;tzliche Dinge aus der Sowjetunion ging, wollte Russland sie erben. Zum Beispiel hat Russland den Sitz der Sowjetunion im UN-Sicherheitsrat &#xFC;bernommen. Aber wenn es um die Auswirkungen des sowjetischen Atomtestprogramms und seine Folgen f&#xFC;r die Menschen rund um das Polygon geht, dann hei&#xDF;t es pl&#xF6;tzlich: &#x201E;Das wurde von der Regierung eines Landes gemacht, das es nicht mehr gibt.&#x201C;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, dass Russland als Erblasser des sowjetischen Atomwaffenarsenals die Verantwortung f&#xFC;r das gesamte sowjetische Atomprogramm tr&#xE4;gt, und es w&#xE4;re logisch, wenn Atomsoldaten und Veteranen des sowjetischen Atomprogramms unter die russische Gesetzgebung zur Unterst&#xFC;tzung von &#x201E;Atomsoldaten&#x201C; fallen w&#xFC;rden, aber diese Gesetzgebung gilt nur f&#xFC;r B&#xFC;rger Russlands.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kasachstanische Gesetz zur Unterst&#xFC;tzung der Opfer sowjetischer Atomtests wurde 1992 verabschiedet. Der Schwerpunkt lag auf der Zivilbev&#xF6;lkerung und das Narrativ ging eher in die Richtung von &#x201E;das sowjetische Milit&#xE4;r gegen die ans&#xE4;ssige Bev&#xF6;lkerung&#x201C;. Das Gesetz galt nicht f&#xFC;r &#x201E;Atomsoldaten&#x201C;. Einige der Geschichten sind herzzerrei&#xDF;end. Viele dieser Soldaten sind nicht mehr am Leben. Es gab eine Vereinigung der kasachstanischen Atomwaffenveteranen, und ich wei&#xDF; nicht einmal, ob heute noch jemand von ihnen lebt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lassen Sie uns dar&#xFC;ber reden, wie Kasachstan &#x201E;die Bombe&#x201C; tats&#xE4;chlich aufgeben hat. Kasachstan hat das <\/strong><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Budapester_Memorandum\"><strong>Budapester Memorandum<\/strong><\/a><strong> unterschrieben, welches zugesichert hat, dass Russland, Belarus, Kasachstan oder die Ukraine nicht bedrohen wird mit Atomwaffen im Austausch f&#xFC;r deren Denuklearisierung und dass es die Souver&#xE4;nit&#xE4;t und territoriale Integrit&#xE4;t anerkennen w&#xFC;rde. Was bedeutet das f&#xFC;r Kasachstan in der aktuellen Situation?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kasachstan und die Ukraine haben Sicherheitsgarantien im Gegenzug f&#xFC;r die Aufgaben ihrer Atomwaffen bekommen. F&#xFC;r Kasachstan und die Ukraine war der Erhalt von Sicherheitsgarantien seitens der Atomm&#xE4;chte von grundlegender Bedeutung f&#xFC;r ihre Entscheidung, und sie investierten viel M&#xFC;he in die Verhandlungen in dieser Angelegenheit. Kasachstan unterzeichnete ein wichtiges bilaterales Dokument mit den USA &#x2013; die Charta der demokratischen Partnerschaft zwischen den USA und Kasachstan, in der Washington seine Sicherheitsgarantien f&#xFC;r Kasachstan bekr&#xE4;ftigte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Budapester Memorandum, das Sie erw&#xE4;hnten, verpflichtete die drei Atomm&#xE4;chte zu genau dem: der Achtung der territorialen Integrit&#xE4;t und Souver&#xE4;nit&#xE4;t. Die Staats- und Regierungschefs Russlands, der Vereinigten Staaten und des Vereinigten K&#xF6;nigreichs haben das Memorandum unterzeichnet, sodass es viel Gewicht haben sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wenn man sich den Wortlaut ansieht, gibt es keinen Durchsetzungsmechanismus. Es gibt kein &#x201E;Was passiert, wenn &#x2026;&#x201C;. Ich glaube, in der Ukraine bedauert man jetzt, dass nicht klargestellt wurde, was passiert, wenn eine der Parteien ihre eigenen Versprechen nicht einh&#xE4;lt. [&#x2026;]<\/p>\n\n\n\n<p>Russlands Versto&#xDF; gegen die UN-Charta und seine Verpflichtungen aus dem Budapester Memorandum wird langfristige Folgen haben, denn je mehr L&#xE4;nder ihre Versprechen nicht einhalten, desto schwieriger wird es an sie zu glauben, was sehr beunruhigend ist. Es ist f&#xFC;r Kasachstan von Bedeutung, weil wir das gleiche Dokument unterzeichnet haben und Kasachstan die gleichen Versprechen erhalten hat. Was jetzt geschieht, beunruhigt uns alle mehr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nach dem Zerfall der Sowjetunion landeten die neuen Republiken in einer Patt-Situation. Sie d&#xFC;rfen kein Nuklearstaat sein, aber Sie bekommen auch keine Sicherheitsgarantien, wenn Sie versprechen, keine Bombe zu bauen. Das scheint nicht fair zu sein.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die globale nukleare Ordnung ist ungerecht und unfair. Es gibt Nuklear-Habende und Nuklear-Nicht-Habende. In den 1960er-Jahren besa&#xDF;en f&#xFC;nf L&#xE4;nder Atomwaffen und wollten diesen Zustand einfrieren. Im Rahmen des Vertrags &#xFC;ber die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NVV) schlossen sie ein Abkommen: F&#xFC;nf L&#xE4;nder wurden als Atomm&#xE4;chte anerkannt und versprachen, irgendwann abzur&#xFC;sten, und andere L&#xE4;nder erkl&#xE4;rten sich bereit, im Gegenzug f&#xFC;r den Zugang zu friedlicher Kerntechnik keine Kernwaffen zu entwickeln. Warum wird es als Norm angesehen, dass f&#xFC;nf L&#xE4;nder Atomwaffen besitzen? Warum ist es f&#xFC;r sie irgendwie akzeptabel, Atomwaffen zu behalten, ohne dass es Anzeichen f&#xFC;r eine Abr&#xFC;stung gibt, w&#xE4;hrend alle anderen vor der Wahl stehen: Entweder man ist ein Nicht-Atomwaffenstaat oder ein Pariastaat?<\/p>\n\n\n\n<p>Der NVV spiegelt die globale Weltordnung wider, aber die globale Weltordnung hat sich ver&#xE4;ndert, nicht wahr? L&#xE4;nder wie Brasilien, Indien und andere Nationen des globalen S&#xFC;dens haben ihren Platz in der Welthierarchie und die Art der Macht, die sie aus&#xFC;ben, infrage gestellt, und deshalb denke ich, dass sich auch die globale nukleare Ordnung &#xE4;ndern muss. Die L&#xE4;nder werden diese ungerechte Ordnung nicht stillschweigend hinnehmen; es wird zu Ver&#xE4;nderungen kommen. Das ist der Kern dessen, womit wir es im Moment im Nuklearbereich zu tun haben. Wir haben es mit einem grunds&#xE4;tzlich ungerechten System zu tun, aber gleichzeitig m&#xFC;ssen wir die Normen aufrechterhalten und diese Normen f&#xF6;rdern, weil sonst das Chaos ausbricht. Das ist das Spannungsfeld, in dem wir uns befinden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hat sich der NVV ver&#xE4;ndert, nach dem die Sowjetunion zerfallen ist? Was passiert, wenn eine Atommacht zerf&#xE4;llt und ein Dutzend neuer Staaten auftaucht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das war exakt der Verhandlungspunkt zwischen den sowjetischen Atomstaaten (Belarus, Kasachstan und der Ukraine) und den Vereinigten Staaten und der internationalen Gemeinschaft f&#xFC;r mehr als 2 Jahre. Belarus, Ukraine und Kasachstan haben ein politisches Dokument unterzeichnet, in welchem sie versprochen haben, dem NVV als Nicht-Atomstaaten beizutreten. Von Beginn an war es Kasachstan, Belarus und der Ukraine nicht m&#xF6;glich ihre Atomwaffen zu behalten, wenn sie einen Paria-Status innerhalb der internationalen Gemeinschaft vermeiden wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Neue Staaten konnten dem NVV nur als Nichtkernwaffenstaaten beitreten. Gleichzeitig waren die sowjetischen Atomwaffen nicht &#x201E;automatisch&#x201C; russisch. F&#xFC;r den Bau dieser Waffen wurden Ressourcen aus Kasachstan und der Ukraine verwendet. Au&#xDF;erdem geh&#xF6;rte das Eigentum, das zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Sowjetunion auf dem Gebiet jedes neuen unabh&#xE4;ngigen Staates verblieben war, den einzelnen Republiken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/panorama\/warum-die-udssr-massenhaft-menschen-nach-kasachstan-deportierte\/\"><strong>Warum die UdSSR massenhaft Menschen nach Kasachstan deportierte<\/strong><\/a><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nichts sollte unhinterfragt geschehen, alles erfordert Verhandlungen. Die Ukraine hinterfragt heute, warum Russland den sowjetischen Sitz im UN-Sicherheitsrat geerbt hat, warum Russland die sowjetischen Atomwaffen behalten durfte und so weiter. In der Geschichte gab es keinen Pr&#xE4;zedenzfall, bei dem eine Atommacht zerfiel und mehrere unabh&#xE4;ngige Staaten Teile des Atomwaffenarsenals erhielten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie beschreiben eine Situation, in der das gerade unabh&#xE4;ngig gewordene Kasachstan &#xFC;ber das viertgr&#xF6;&#xDF;te Atomwaffenarsenal der Welt verf&#xFC;gt, ohne dass es in der Lage w&#xE4;re, es einzusetzen oder seinen Nachbarn mit dem roten Knopf daran zu hindern, es in seinem Namen einzusetzen. Es ist nur nat&#xFC;rlich diese Waffen schnellstm&#xF6;glich loswerden zu wollen, aber was ich in ihrem Buch bemerkt habe, ist das Russland scheinbar kein Interesse an diesen Waffen oder den nuklearen Rohstoffen w&#xE4;hrend der Verhandlungen hatte. Wieso? Und warum waren haupts&#xE4;chlich die USA an diesen Verhandlungen beteiligt und nicht andere Atomm&#xE4;chte? Waren diese auch nicht interessiert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gab einen Unterschied. Russland und die USA waren sich einig, dass Russland der alleinige Erbe aller sowjetischen Waffen sein sollte. Russland war nicht daran interessiert, dass Belarus, die Ukraine oder Kasachstan Atomwaffen behalten. Es ist nicht so, dass Russland diese Waffen brauchte, denn wie Sie wissen, besa&#xDF; es Tausende davon. Au&#xDF;erdem wurde im Rahmen des amerikanisch-russischen R&#xFC;stungskontrollprozesses die Zahl der Sprengk&#xF6;pfe schrittweise reduziert. Viele der nach Russland zur&#xFC;ckverlegten Sprengk&#xF6;pfe mussten ohnehin demontiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>F&#xFC;r Russland war es jedoch wichtig, als Erbe des sowjetischen Atomwaffenarsenals angesehen zu werden, und auch wenn eine solche Pr&#xE4;misse nicht standardm&#xE4;&#xDF;ig akzeptiert werden sollte, so war dies doch das Selbstverst&#xE4;ndnis Russlands. Die russische F&#xFC;hrung glaubte, dass es nach der Sowjetunion nur eine einzige Atommacht geben k&#xF6;nne und dass dies Russland sein sollte. Politisch war Russland auf derselben Linie wie die USA. Washington wollte nicht, dass eine andere ehemalige Sowjetrepublik zu einer neuen Atommacht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bezug auf das Kernmaterial vertrat Moskau einen anderen Standpunkt. Russland brauchte dieses zus&#xE4;tzliche Material nicht, weil es Kopfschmerzen bereitete. Sie hatten mehr als genug und der Transport von Kernmaterial &#xFC;ber die Grenzen hinweg war ein komplizierter und sehr teurer Prozess. Die USA waren der f&#xFC;hrende Verhandlungspartner im gesamten kasachstanischen Denuklearisierungsprozess, weil sie die Macht hatten und weil sie im Gegenzug etwas zu bieten hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schwerpunkt meines Buches liegt auf den USA, weil sie die internationale Gemeinschaft vertraten; die USA waren die am st&#xE4;rksten involvierte Partei in all dem. Aber auch andere M&#xE4;chte halfen mit. Es gab verschiedene multilaterale Programme, insbesondere im Bereich der nuklearen Sicherheit, aber die Rolle und das Engagement der Vereinigten Staaten ist mit keinem anderen Land vergleichbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie hat die amerikanische &#xD6;ffentlichkeit dieses Engagement wahrgenommen? Sie erw&#xE4;hnen diese riesige Operation, das <\/strong><a href=\"https:\/\/warontherocks.com\/2022\/04\/project-sapphire-how-to-keep-600-tons-of-kazakh-highly-enriched-uranium-safe\/\"><strong>Projekt Sapphire<\/strong><\/a><strong>, bei dem Kernmaterial, das sich in einer unbewachten Nuklearanlage in Kasachstan befand, auf amerikanischen Boden transportiert wurde, um sicherzustellen, dass es nicht in die falschen H&#xE4;nde ger&#xE4;t. Eine Operation dieses Ausma&#xDF;es kann man nicht verheimlichen; ich kann mir vorstellen, dass nicht jeder &#xFC;ber dieses Nuklearmaterial gl&#xFC;cklich war.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als die politischen Entscheidungstr&#xE4;gerInnen in den Vereinigten Staaten dar&#xFC;ber diskutierten, was mit dem hochangereicherten kasachstanischen Uran geschehen sollte, wollten einige Beamte, dass Russland es zur&#xFC;cknimmt, und zwar genau aus dem von Ihnen genannten Grund. Sie sorgten sich um die Umweltorganisationen, aber mir ist nicht bekannt, dass es Proteste oder einen &#xF6;ffentlichen Aufschrei als Reaktion auf diese spezielle Operation gegeben h&#xE4;tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Apropos Geheimhaltung: Jemand in den US-Medien erfuhr von der Operation, bevor das Material die Oak-Ridge-Anlage in den Vereinigten Staaten erreichte. Das Wei&#xDF;e Haus bat die Presse, die Geschichte f&#xFC;r 24 Stunden zur&#xFC;ckzuhalten, und die Journalist:iInnen kamen dem nach. Die Geschichte wurde in den US-Zeitungen ver&#xF6;ffentlicht, sobald das Material in der Anlage ankam, aber soweit ich wei&#xDF;, gab es kein gro&#xDF;es Aufsehen in der &#xD6;ffentlichkeit. Ich m&#xF6;chte noch einmal betonen, dass es sich nicht um Atomm&#xFC;ll, sondern um Nuklearmaterial handelte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kasachstan hat zwei Atomm&#xE4;chte als Nachbarn, und eine von ihnen f&#xFC;hrt gerade einen milit&#xE4;rischen Angriff durch. Die USA unterst&#xFC;tzen die Ukraine in diesem Krieg. Sind wir auf dem Weg zu einem neuen Wettr&#xFC;sten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Russland und die Vereinigten Staaten verf&#xFC;gen &#xFC;ber mehr als genug Atomwaffen, um den Planeten um ein Vielfaches zu vernichten. Nicht, dass wir die Zahlen ignorieren sollten, aber in existenzieller Hinsicht haben diese beiden L&#xE4;nder so viel, dass sie keinen milit&#xE4;rischen oder strategischen Anreiz haben, ihre Arsenale zu vergr&#xF6;&#xDF;ern. Ganz einfach, weil sie bereits &#xFC;ber eine Overkill-Kapazit&#xE4;t verf&#xFC;gen.<\/p>\n\n\n\n<p>Derzeit gibt es noch ein R&#xFC;stungskontrollabkommen zwischen den USA und Russland, das die Anzahl der Sprengk&#xF6;pfe in bestimmten Grenzen h&#xE4;lt. Ich glaube nicht, dass die USA oder Russland versuchen werden, ihr Arsenal quantitativ zu vergr&#xF6;&#xDF;ern, aber es ist eine andere Frage, was sie qualitativ tun k&#xF6;nnen. Es ist zu erwarten, dass Forderungen nach einer weiteren Modernisierung der Atomwaffenarsenale laut werden, was ebenfalls eine schlechte Nachricht f&#xFC;r die internationale Gemeinschaft ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/politik-und-wirtschaft\/kasachstans-dilemma-wie-koennen-ethnische-und-staatsbuergerliche-identitaetsmodelle-in-einklang-gebracht-werden\/\"><strong>Kasachstans Dilemma: Wie k&#xF6;nnen ethnische und staatsb&#xFC;rgerliche Identit&#xE4;tsmodelle in Einklang gebracht werden?<\/strong><\/a><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das grundlegende Problem ist die Instabilit&#xE4;t des internationalen Systems. Ein gro&#xDF;er Konflikt, an dem ein Land mit Atomwaffen beteiligt ist, birgt viele Risiken. Wir k&#xF6;nnen die Folgen dessen, was jetzt geschieht, nicht absch&#xE4;tzen, und das ist das Be&#xE4;ngstigende daran: Wir wissen, dass es Folgen geben wird, aber wir kennen weder ihr Ausma&#xDF; noch ihre Richtung. Das unterstreicht nur den Wahnsinn: Solange es Atomwaffen gibt, besteht die Gefahr, dass ein konventioneller Konflikt zu einem Atomkrieg eskaliert. Das ist die grundlegende Gefahr, mit der wir st&#xE4;ndig konfrontiert sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ist es wahrscheinlich, dass alle L&#xE4;nder in naher Zukunft atomwaffenfrei sein werden? Werden wir das noch erleben k&#xF6;nnen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#xA0;<em>(Lange Pause)<\/em> Irgendwann in der Zukunft &#x2013; ja. Sonst w&#xE4;re ich nicht in dem Beruf, in dem ich jetzt bin. Der Bogen der Geschichte spannt sich global gesehen in die richtige Richtung, trotz dessen, was ich gerade &#xFC;ber den aktuellen Krieg gesagt habe. Es ist beeindruckend, dass sich vor Kurzem die Mehrheit der L&#xE4;nder zusammengefunden hat und den Vertrag &#xFC;ber das Verbot von Atomwaffen unterzeichnet hat und dass immer mehr Nationen in der Diskussion &#xFC;ber nukleare Fragen wieder eine Rolle spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr&#xFC;her hie&#xDF; es eher: &#x201E;Wir sind Atomm&#xE4;chte, und wir entscheiden [die Angelegenheit] unter uns, und ihr habt kein Mitspracherecht, und es interessiert niemanden, was ihr sagt.&#x201C; Die Dynamik hat sich ge&#xE4;ndert. Aber ich w&#xFC;rde l&#xFC;gen, wenn ich sagen w&#xFC;rde, dass ich eine Welt ohne Atomwaffen erleben werde. Es wird nicht meine Generation sein.&#xA0;&#xA0;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dieses Interview wurde aus Gr&#xFC;nden der Klarheit &#xFC;berarbeitet.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Interview f&#xFC;hrte Anna Wilhelmi, Redakteurin f&#xFC;r Novastan English<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aus dem <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/en\/kazakhstan\/i-would-be-lying-if-i-said-ill-see-a-nuclear-free-world-an-interview-with-togzhan-kassenova\/\"><strong>Englischen<\/strong><\/a><strong> von Karina Rudi<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background\"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len: Schaut mal vorbei bei <a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>, <a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company\/novastan\/\">Linkedin<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. F&#xFC;r Zentralasien direkt in eurer Mailbox k&#xF6;nnt ihr euch auch zu unserem <a href=\"http:\/\/eepurl.com\/O0Qub\">w&#xF6;chentlichen Newsletter anmelden<\/a>.<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat Kasachstan mit dem viertgr&#xF6;&#xDF;ten Nuklearwaffenarsenal und wenig Macht &#xFC;ber das eigene nukleare Schicksal hinterlassen. In ihrem Buch &#x201E;Atomic Steppe: How Kazakhstan gave up the bomb&#x201C; rekonstruiert Nuklearexpertin Togjan Qasenova die 40-j&#xE4;hrige Geschichte von Atomtests in der kasachstanischen Steppe &#x2013; und erz&#xE4;hlt, wie das frisch unabh&#xE4;ngige Land atomwaffenfrei wurde. 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