{"id":33284,"date":"2023-05-24T17:51:47","date_gmt":"2023-05-24T15:51:47","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=33284"},"modified":"2023-09-06T13:45:36","modified_gmt":"2023-09-06T11:45:36","slug":"warum-die-udssr-massenhaft-menschen-nach-kasachstan-deportierte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/panorama\/warum-die-udssr-massenhaft-menschen-nach-kasachstan-deportierte\/","title":{"rendered":"Warum die UdSSR massenhaft Menschen nach Kasachstan deportierte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Oft h&#xF6;rt man, Kasachstan sei &#x201E;ein multinationales Land, in dem mehr als 130 ethnische Gruppen in Frieden und Harmonie zusammenleben&#x201C;. Alle Schulkinder haben diesen Satz geh&#xF6;rt. Und zum gr&#xF6;&#xDF;ten Teil stimmt es nat&#xFC;rlich. Hinter der modernen Multiethnizit&#xE4;t verbirgt sich jedoch eine Geschichte von Massendeportationen voller Leid und zerst&#xF6;rter Leben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der UdSSR unter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Josef_Stalin\">Josif Stalin<\/a> war der einfache Mann &#x2013; mit seinen einfachen Freuden, seinem einfachen Leben und seinem einfachen Wunsch, ein ruhiges, friedliches Leben zu f&#xFC;hren &#x2013; nur eine Einheit in den Regierungsakten. Dem allm&#xE4;chtigen Staat war es egal, wie sehr sich dieser Mensch an seine Heimat gew&#xF6;hnt hatte, wie viele Vorfahren er auf dem n&#xE4;chsten Friedhof begraben hatte und wie viel M&#xFC;he seine Eltern in den Bau eines Hauses investiert hatten. Mit einem Federstrich wurden ganze Nationen all dessen beraubt und Tausende von Kilometern in &#x201E;unerschlossene&#x201C; Gebiete deportiert. Viele von ihnen landeten in Kasachstan.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie die Deportationen begannen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Deportationen sind politische Repressionen, die gewaltsame Vertreibung gro&#xDF;er Menschengruppen auf Anweisung &#x201E;von oben&#x201C; sowie deren Trennung von ihrem gewohnten Lebensraum. Solche Repressionen finden immer au&#xDF;ergerichtlich statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon im Russischen Zarenreich gab es Deportation ganzer V&#xF6;lker. Bei der Eroberung des Kaukasus beispielsweise wurden die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tscherkessen\">Tscherkess:innen<\/a> zwangsweise in das Osmanische Reich umgesiedelt. Dieses Ereignis wird auch V&#xF6;lkermord an den Tscherkess:innen genannt. Auch w&#xE4;hrend des Ersten Weltkriegs nahmen Deportationen ein erhebliches Ausma&#xDF; an. Damals wurden Einwanderer:innen aus Deutschland, &#xD6;sterreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich, deren Loyalit&#xE4;t von der zaristischen F&#xFC;hrung angezweifelt wurde, in entfernte Regionen des Landes deportiert. Die Deutschen litten zahlenm&#xE4;&#xDF;ig am st&#xE4;rksten unter solchen Ma&#xDF;nahmen (etwa 330.000 Menschen), aber auch &#xD6;sterreicher:innen, Ungar:innen, Pol:innen und J&#xFC;d:innen waren betroffen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Sowjetunion begannen 1930 die ersten wirklichen Massendeportationen, die zu einem wichtigen Bestandteil der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Entkulakisierung#:~:text=Die%20Entkulakisierung%20(russisch%20%D1%80%D0%B0%D1%81%D0%BA%D1%83%D0%BB%D0%B0%D1%87%D0%B8%D0%B2%D0%B0%D0%BD%D0%B8%D0%B5%20raskulatschiwanije,1933%20gegen%20sogenannte%20Kulaken%20richtete.\">Entkulakisierung <\/a>wurden. Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kulak\">Kulak:innen<\/a> &#x2013; wohlhabende B&#xE4;uer:innen &#x2013; wurden ihres gesamten Eigentums beraubt, woraufhin sie zur &#x201E;Entwicklung&#x201C; der d&#xFC;nn besiedelten und industriell weniger entwickelten Regionen des Landes geschickt wurden. Formell beraubte niemand solche &#x201E;Sondersiedler:innen&#x201C; ihrer Freiheit, aber in der Praxis wurde ihnen das Wahlrecht entzogen und es wurde ihnen verboten, das Gebiet der &#x201E;Sondersiedlungen&#x201C; zu verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kasachstan wurde nicht zuf&#xE4;llig als Ziel der Deportationen gew&#xE4;hlt. Die nomadische Bev&#xF6;lkerung empfand ihre Steppen als nat&#xFC;rlichen Lebensraum, in dem die vern&#xFC;nftigste Existenzweise die nomadische Viehzucht war. F&#xFC;r die sowjetische F&#xFC;hrung war die Steppe jedoch ein leerer Raum, der mit Inhalt gef&#xFC;llt, rationalisiert und unterworfen werden musste. Die Deportierten &#x2013; zuerst Kulak:innen, dann verschiedene V&#xF6;lker &#x2013; waren f&#xFC;r diesen Zweck bestens geeignet. Auf Kosten ihrer Arbeitskraft wurden Hunderte neuer Felder gepfl&#xFC;gt und die Landwirtschaft in den Deportationsgebieten entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt wurden mehr als zwei Millionen B&#xE4;uer:innen im Rahmen der Entkulakisierung unterdr&#xFC;ckt. Viele von ihnen starben auf dem Weg zu ihren neuen Wohnorten, den Rest erwartete Zwangsarbeit unter schrecklichen Lebensbedingungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitte der 1930er Jahre ging die UdSSR vor dem Hintergrund wachsender Spannungen in der Welt erstmals zu ethnischen Deportationen &#xFC;ber. Im Rahmen dieser Politik wurden die in den Grenzregionen lebenden V&#xF6;lker zwangsumgesiedelt: Finn:innen, Deutsche und Pol:innen im Westen, Kurd:innen und iranische J&#xFC;d:innen im S&#xFC;den, Koreaner:innen im Osten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-primary-800-color has-accent-500-background-color has-text-color has-background\">A<strong>ls vereinsgetragene, <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/unser-projekt\/\">unabh&#xE4;ngige<\/a> Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen &#x2013; und von eurer Unterst&#xFC;tzung! Durch jede noch so kleine <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/spenden\/\">Spende<\/a> helft ihr uns, weiter ein realit&#xE4;tsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sowjetische F&#xFC;hrung &#x201E;bearbeitete&#x201C; die Grenzen im [umgekehrten, Anm. d. Red.] Uhrzeigersinn: Zuerst vertrieb sie die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ingermanland\">ingrischen<\/a> Finn:innen aus <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karelien\">Karelien<\/a> und dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oblast_Leningrad\">Leningrader Gebiet<\/a>, zog dann &#xFC;ber die Westgrenze in den Kaukasus und nach Zentralasien und erreichte ganz am Ende die Regionen des Fernen Ostens. Dort fand die erste totale Deportation statt: Zehntausende Sowjet-Koreaner:innen wurden gezwungen, nach Kasachstan zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pavel_Polian\">Pawel Polian<\/a>, einer der wichtigsten Erforscher von Deportationen, weist in seinen Werken darauf hin, dass insgesamt 10 V&#xF6;lker total deportiert wurden: Koreaner:innen, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karatschaier\">Karatschaier:innen<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kalm&#xFC;cken\">Kalm&#xFC;ck:innen<\/a>, Deutsche, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Inguschen\">Ingusch:innen<\/a>, Tschetschen:innen, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Balkaren\">Balkar:innen<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Krimtataren\">Krimtatar:innen<\/a>, Finn:innen und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mescheten\">Ahiska-T&#xFC;rk:innen<\/a>. Die Gesamtzahl der Deportierten belief sich auf mehr als zwei Millionen Menschen. Die Gr&#xF6;&#xDF;e des von ihnen vor der Deportation bewohnten Territoriums (150.000 Quadratkilometer) ist vergleichbar mit der Fl&#xE4;che von Bangladesch. Den vertriebenen V&#xF6;lkern wurde auch die nationale Autonomie entzogen, sofern diese vor der Umsiedlung bestand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten dieser Deportationen fanden w&#xE4;hrend des Zweiten Weltkriegs statt und wurden von den Beh&#xF6;rden als Kampf gegen angebliche &#x201E;Spion:innen&#x201C; und &#x201E;Mitt&#xE4;ter:innen der Nazis&#x201C; dargestellt. Ganze Nationen wurden nur deshalb gewaltsam von ihrem Land vertrieben, weil einige ihrer Vertreter:innen mit dem Dritten Reich kollaborierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dutzende ethnischer Gruppen waren zumindest in Teilen von Repressionen betroffen. Ihre Deportation war zwar nicht vollst&#xE4;ndig &#x2013; aber Tausende Menschen mussten dennoch <em>&#x201E;f&#xFC;r immer ohne das Recht, an ihre fr&#xFC;heren Wohnorte zur&#xFC;ckzukehren&#x201C;<\/em>, &#xFC;ber weite Strecken umziehen. Gleichzeitig warteten im neuen Mutterland in den meisten F&#xE4;llen Sondersiedlungen auf sie: hastig gebaute D&#xF6;rfer mit widrigen Lebensbedingungen, t&#xE4;glicher Meldung beim <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Innenministerium_der_UdSSR\">NKWD<\/a> und strafrechtliche Sanktionen f&#xFC;r den Versuch der &#x201E;unerlaubten Ausreise&#x201C;.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie die Deportationen ethnisch wurden<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die ersten der totalen Deportationen begannen mit einem Dekret des Rates der Volkskommissare der UdSSR und des Zentralkomitees der KPdSU (b): <em>&#x201E;Um das Eindringen japanischer Spionage in das fern&#xF6;stliche Territorium zu verhindern&#x201C;<\/em>, wurden 172.000 Koreaner:innen aus den Gebieten des Fernen Ostens nach Kasachstan und Usbekistan umgesiedelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Distanz, die die von der Repression Betroffenen &#xFC;berwinden mussten &#x2013; mehr als 6.000 Kilometer &#x2013; entspricht etwa der Entfernung von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Almaty\">Almaty<\/a> nach Paris. Sie wurden im Herbst in G&#xFC;terwagen transportiert, die hastig f&#xFC;r die Unterbringung von Menschen umgebaut wurden, wobei in jedem Waggon 5-6 Familien untergebracht wurden. Die Reise dauerte etwa einen Monat &#x2013; und bei ihrer Ankunft erwartete sie ein grausamer Winter, den sie in Unterst&#xE4;nden verbringen mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Korea selbst stand zu diesem Zeitpunkt unter japanischer Besatzung: Viele Koreaner:innen flohen w&#xE4;hrend des B&#xFC;rgerkriegs in die UdSSR. Infolgedessen wurden die Koreaner:innen aus Angst, japanische Spione k&#xF6;nnten unter ihnen sein, deportiert. Gleichzeitig wurden koreanische Kommunist:innen und Intellektuelle massenhaft unterdr&#xFC;ckt &#x2013; insgesamt wurden mehr als 2.500 Menschen festgenommen oder hingerichtet. Interessanterweise hatte das Japanische Kaiserreich kurz davor begonnen, Koreaner:innen von der Grenze zur UdSSR weg zu deportieren: Japan bef&#xFC;rchtete, dass sich unter ihnen sowjetische Spione befinden k&#xF6;nnten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/gesellschaft-und-kultur\/liebe-gaeste-wie-fuehlen-sich-die-koreaner-in-kasachstan\/\">&#x201E;Liebe G&#xE4;ste&#x201C; &#x2013; Wie f&#xFC;hlen sich die Koreaner in Kasachstan?<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die Zwangsumsiedlung von Koreaner:innen die erste vollst&#xE4;ndige Deportation war, waren ethnische Deportationen zu diesem Zeitpunkt im Allgemeinen bereits zur Norm geworden: Seit 1935 hatte die sowjetische F&#xFC;hrung ihre Grenzen aktiv von <em>&#x201E;unzuverl&#xE4;ssigen Elementen&#x201C; &#x201E;ges&#xE4;ubert&#x201C;<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Eine unvermeidliche Katastrophe ereignete sich im November 1937. Eines Morgens wachen wir auf und unser Haus und unser Dorf sind von Soldaten mit Gewehren umzingelt. [&#x2026;] Die Soldaten sagen etwas, und die Erwachsenen weinen aus irgendeinem Grund. Dann wurde mir etwas klar. Menschen in schwarzen &#x201E;Lederjacken&#x201C; brachten die Botschaft in unser Haus, alle in der gleichen schwarzen Kleidung: &#x201E;Sie haben einen Tag Zeit, um sich f&#xFC;r den Umzug an einen anderen Wohnort bereit zu machen.&#x201C; Ohne Anklage, ohne Untersuchung und Prozess, nur weil wir als Kurden geboren sind.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Nehmt nur das N&#xF6;tigste mit. Morgen werdet ihr auf Waggons verladen und weggeschickt.&#x201C; Bis jetzt erinnern sich unsere &#xE4;lteren Verwandten an dieses Wort &#x2013; &#x201E;verladen&#x201C;. Als ob es nicht um Menschen ginge, sondern um irgendwelche Dinge, M&#xFC;ll. Wo, in welchem &#x200B;&#x200B;Teil der Welt, hat uns niemand erkl&#xE4;rt. Oder was n&#xFC;tzlich sein k&#xF6;nnte, um sich unter den neuen Bedingungen einzuleben insbesondere angesichts des Winters.&#x201C;<\/em> So erz&#xE4;hlt Nadir Nadirov, Vorsitzender des Verbandes der Kurd:innen, &#xFC;ber die Deportation nach Kasachstan.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Polen 1940 zwischen der UdSSR und dem Dritten Reich aufgeteilt wurde, wurden seine &#xF6;stlichen Gebiete &#x2013; der moderne Westen der Ukraine und Belarus &#x2013; an die Sowjetunion abgetreten. Auch die mehr als 300.000 dort lebenden Pol:innen waren Repressionen ausgesetzt: Sie wurden nach Sibirien, in den Ural sowie nach Kasachstan und Usbekistan zwangsumgesiedelt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Lebensumst&#xE4;nde der Deportierten<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Siedler:innen wurden unter unhygienischen Bedingungen transportiert &#x2013; in umgebauten G&#xFC;terwaggons. Alte Menschen und Kinder konnten die beschwerliche Reise, die oft wochenlang dauerte, nicht ertragen. Die Leichen der Toten wurden manchmal einfach aus den Z&#xFC;gen geworfen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Am Bahnhof Ulukhanly wurden wir wie Vieh in G&#xFC;terwagen gestopft, sie sagten uns nicht, wohin sie fuhren. Eine riesige Menschenmenge aus allen D&#xF6;rfern, es gab Schreie, Kindergeschrei. Es f&#xFC;hlte sich an, als w&#xFC;rden wir weggebracht, um get&#xF6;tet zu werden. Polizei und Milit&#xE4;r wurden gerufen, um die Ordnung wiederherzustellen. Der Zug pfiff, bewegte sich vorw&#xE4;rts ins Unbekannte. Unterwegs starb der j&#xFC;ngere Bruder, durfte nicht wie ein Mensch begraben werden &#x2013; die Zeit reichte nicht. Der Zug muss weiterfahren. An der n&#xE4;chsten Station wurde die Leiche den einfachen Menschen &#xFC;berlassen&#x201C;<\/em>, berichtet Zahra hala Nagieva, die aus dem Kaukasus vertrieben wurde, &#xFC;ber die Reise.<\/p>\n\n\n\n<p>Die unterdr&#xFC;ckten Menschen, die in ihrer Heimat eigene H&#xE4;user und Haushalte hatten, waren nach der Umsiedlung gezwungen, sich an neuen Orten niederzulassen &#x2013; teilweise unter v&#xF6;llig anderen klimatischen Bedingungen Tausende von Kilometern von ihren Heimatorten entfernt. Gleichzeitig waren die Lebensbedingungen unglaublich hart und entsprachen nicht den in den Dokumenten festgehaltenen Versprechungen &#x201E;alles zu erstatten&#x201C;: Dies bekannten sogar sowjetische Beamte.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders hart war es f&#xFC;r die V&#xF6;lker, die in der kalten Jahreszeit deportiert wurden &#x2013; Hunderte Koreaner:innen zum Beispiel konnten den ersten Winter nicht &#xFC;berleben. Am h&#xE4;ufigsten starben &#xE4;ltere Menschen und kleine Kinder.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/schwierige-vergangenheit-die-gedenkstaette-karlag-und-die-menschen-dahinter\/\">&#x201E;Schwierige Vergangenheit&#x201C;: Die Gedenkst&#xE4;tte Karlag und die Menschen dahinter<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Die erste Gruppe der Umsiedler &#x2013; 5000 Haushalte &#x2013; traf im Juni vor Ort ein. Zu diesem Zeitpunkt war [&#x2026;] noch kein einziges Haus vorbereitet worden. Die Siedler wurden in Zelten untergebracht, teilweise in den H&#xE4;usern der umliegenden Bev&#xF6;lkerung, und ein erheblicher Teil blieb im Freien&#x201C;<\/em>, schildern lokale Beamte gegen&#xFC;ber NKWD-Chef <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nikolai_Iwanowitsch_Jeschow\">Nikolaj Jeschow<\/a> die Situation der umgesiedelten Deutschen und Pol:innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun&#xE4;chst mussten die Deportierten dort wohnen, wo es eben ging: in Unterst&#xE4;nden, Zelten, Baracken oder bei Anwohner:innen. <em>&#x201E;258 Zelte und Baracken mit einer Kapazit&#xE4;t von 20.000 Menschen wurden aus Leningrad zur vor&#xFC;bergehenden Unterbringung von Migranten an Umsiedlungsorten verbracht. Au&#xDF;erdem wurden 2000 Personen vor Ort verf&#xFC;gbaren Zelten zugeteilt&#x201C;<\/em>, hei&#xDF;t es einem Bericht des Leiters des Gulag, in dem es um die Unterbringung von &#x201E;Siedler:innen&#x201C; aus der Westukraine geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Erste Berichte an die oberste F&#xFC;hrung berichteten &#xFC;ber die Einrichtung von Krankenstationen und anderen &#xF6;ffentlichen Einrichtungen. Aber die Realit&#xE4;t war ganz anders als in den Regierungsdokumenten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Die sanit&#xE4;re Versorgung der Deportierten war sowohl auf dem Weg als auch in den Ansiedlungsorten unzureichend. Dies f&#xFC;hrte zu einer Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten (Masern, Ruhr, oder Scharlach etc.) und einer hohen Sterblichkeit, insbesondere unter den Kindern. So starben am 1. September 382 Menschen, haupts&#xE4;chlich Kinder, und mehr als 400 Kinder sind krank&#x201C;<\/em>, hei&#xDF;t es in einem Bericht lokaler Beamter wenige Monate nach der Deportation der Deutschen und Polen. Es dauerte viele Monate, bis der Staat, manchmal unter Einsatz der Arbeitskraft von Deportierten, Wohnungen f&#xFC;r sie baute und Krankenh&#xE4;user und Schulen einrichtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sondersiedlungen wurden zun&#xE4;chst dort errichtet, wo laut Beh&#xF6;rden Arbeitskr&#xE4;ftemangel herrschte. Die Deportierten sollten im Holzeinschlag arbeiten, Bodensch&#xE4;tze erschlie&#xDF;en, die Fischerei entwickeln oder zuvor ungenutztes Land landwirtschaftlich erschlie&#xDF;en.<\/p>\n\n\n\n<p>Von allen deportierten V&#xF6;lkern hatten im administrativen Sinne nur die Koreaner:innen &#x201E;Gl&#xFC;ck&#x201C;: Sie waren nicht in den Sondersiedlungen des NKWD registriert und konnten problemlos in h&#xF6;here und weiterf&#xFC;hrende Fachbildungseinrichtungen in Kasachstan und Usbekistan aufgenommen werden. Auch die Mitgliedschaft in Partei und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Komsomol\">Komsomol<\/a> stand ihnen offen. Aber auch sie konnten sich ohne die Erlaubnis des NKWD nicht frei bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere V&#xF6;lker &#x2013; darunter auch jene, deren Deportationen bereits w&#xE4;hrend des Krieges begannen &#x2013; wurden zu &#x201E;Sondersiedlern&#x201C; und mussten sich t&#xE4;glich bei der Kommandantur melden. Unter Androhung strafrechtlicher Verfolgung wurde ihnen verboten, das Siedlungsgebiet ohne Erlaubnis des Kommandanten zu verlassen. Sie hatten auch keine P&#xE4;sse.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die aus Sicht der Regierung gef&#xE4;hrlichsten Deportierten &#x2013; und es war damals nicht schwer, diesen Status zu erlangen &#x2013; wartete ein noch h&#xE4;rteres Schicksal. Sie wurden in Arbeitslager geschickt, die heute oft unter den Namen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gulag\">Gulag<\/a> firmieren (tats&#xE4;chlich war das der Name ihrer Hauptverwaltung).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pole Leon Krenicki erinnerte sich, wie sein Landsmann Kazik &#x17B;ygad&#x142;o an die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kolyma\">Kolyma<\/a> [das Kolyma-Gebiet war ber&#xFC;chtigt f&#xFC;r seine Lager, Anm. d. Red.] gebracht wurde, weil er in einem privaten Gespr&#xE4;ch seiner Emp&#xF6;rung &#xFC;ber die hohe Milit&#xE4;rsteuer von 1941 Ausdruck verliehen hatte. <em>&#x201E;Er arbeitete von fr&#xFC;h bis sp&#xE4;t, kehrte zur&#xFC;ck. Ein Bote des Kommandanten kam zu ihm mit dem Befehl, sich anzumelden und zur Arbeit zu gehen. Worauf Kazik bemerkte, dass er Hunger hatte. &#x201E;Und was hast du in dem Topf auf dem Herd&#x201C;, folgte die Frage. &#x201E;Soll Stalin das essen!&#x201C; [&#x2026;] Kazik wurde zu einer weiteren Haftstrafe verdonnert&#x201C;<\/em>, berichtet der Sondersiedler &#xFC;ber das Schicksal seines Landsmanns.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf offizieller Ebene wurde Angeh&#xF6;rigen der deportierten V&#xF6;lker &#xFC;berall mit Misstrauen begegnet, sie f&#xFC;hlten sich als Menschen zweiter Klasse. Viele versuchten, ihren Namen zu &#xE4;ndern, um sich als &#x201E;vertrauensw&#xFC;rdigere&#x201C; Person auszugeben: Russ:innen, Ukrainer:innen oder Belaruss:innen. Dies galt insbesondere f&#xFC;r die w&#xE4;hrend des Krieges deportierten &#x201E;Verr&#xE4;ter-V&#xF6;lker&#x201C;, aber auch die Deportierten der Vorkriegszeit waren von den &#x201E;internationalen&#x201C; sowjetischen Beh&#xF6;rden mit Vorurteilen konfrontiert.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Abends ging ich in den Flugverein, ich wollte Pilot werden. Aber am Ende der Schulzeit wurde mir gesagt, dass ich meine Zeit verschwende, sie w&#xFC;rden mich nicht in der Flugschule aufnehmen. Ich musste mich von diesem Traum verabschieden, obwohl ich mich bereits auf Trainingsfl&#xFC;ge vorbereitete. Meine Klassenkameraden, zwei Russen und ein Ukrainer, haben [die Zulassung] bekommen. Das war mein erster Schlag ins Gesicht. Es sollten noch mehr kommen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich, im Herzen immer noch ein Junge, nahm mit Tr&#xE4;nen in den Augen die Unterlagen und rannte zum Landwirtschaftlichen Institut der Fakult&#xE4;t f&#xFC;r Forstwirtschaft. Man sagte, wenn ich die Pr&#xFC;fungen gut bestehe, nehmen sie mich an. Ich habe sechs Pr&#xFC;fungen bestanden, vier mit &#x201E;Sehr gut&#x201C; und zwei mit &#x201E;Gut&#x201C;. Sie fingen an, diejenigen aufzurufen, die angenommen wurden, und ich konnte meinen Augen und Ohren nicht trauen: Sie rufen bereits Bewerber mit &#x201E;Befriedigend&#x201C; auf, aber mich nicht. Ich gehe [&#x2026;] zum Direktor der Universit&#xE4;t, und man sagt mir, dass ich nicht durchgekommen bin&#x201C;, <\/em>erz&#xE4;hlt der Pole Eduard Lubcza&#x144;ski, der als Kind aus der Westukraine nach Kasachstan umgesiedelt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Einfache Kasach:innen, die in den Umsiedlungsgebieten lebten, waren gastfreundlicher. <em>&#x201E;Allein im Bezirk Kellerow bauten Sondersiedler aus <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Podolien\"><em>Podolien<\/em><\/a><em> und <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolhynien\"><em>Wolhynien<\/em><\/a><em> 16 D&#xF6;rfer. Die Kasachen aus den Nachbard&#xF6;rfern empfingen uns ruhig. Sie verstanden, dass es keine Eindringlinge waren &#x2013; M&#xE4;rtyrer, die unter Eskorte ankamen und gewaltsam in einem fremden Land festgehalten wurden&#x201C;<\/em>, bemerkte Lubcza&#x144;ski. Die Einheimischen sympathisierten mit den Deportierten und versuchten ihnen so gut wie m&#xF6;glich zu helfen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Im strengen Winter brachten sie uns kleine Kinder mit Mutter ins Gebiet von Aktjubinsk [heute <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aqt&#xF6;be\"><em>Aqt&#xF3;be<\/em><\/a><em>, Anm.d. Red.]. Selbst wenn wir in Karren fuhren, weinte meine Mutter dar&#xFC;ber, wo wir gelandet waren: Schnee ringsum, einsame kasachische Wagen. Wir wurden bei einem Kasachen untergebracht, der auf einer Staatsfarm arbeitete. Er machte Feuer, stellte den Kessel auf, brachte uns Brot, Mehl, saure Sahne, Beh&#xE4;lter. Er sah, in welchem &#x200B;&#x200B;Zustand wir waren: Eine Frau mit kleinen Kindern. Er k&#xFC;mmerte sich um uns, half immer. Die kasachischen Nachbarn besuchten uns jeden Tag, brachten Airan. Gott gebe, dass sie sich im Jenseits wohlf&#xFC;hlen&#x201C;<\/em>, erz&#xE4;hlt eine zwangsumgesiedelte Deutsche.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Zun&#xE4;chst halfen Einheimische &#x2013; Kasach:innen, die haupts&#xE4;chlich in der Viehzucht t&#xE4;tig waren. Sie teilten mit den G&#xE4;sten, was sie konnten, jeder Haushalt, in dem geschlachtet wurde lud diejenigen zum <\/em><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Dastarkh&#x101;n\"><em>Dastarhan<\/em><\/a><em> ein, die ihren heimischen Herd verloren hatten. Als Zeichen der Dankbarkeit meldeten sich Armenier im ersten Fr&#xFC;hling freiwillig, um in einem fremden Land einen Bew&#xE4;sserungsgraben [&#x2026;] f&#xFC;r zuk&#xFC;nftige Gem&#xFC;seg&#xE4;rten zu ziehen. Sie pflanzten Mais, Kartoffeln, R&#xFC;ben&#x201C;<\/em>, erz&#xE4;hlte ein Armenier, der aus einem Dorf an der Grenze zum Iran umgesiedelt wurde.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Deportationen w&#xE4;hrend des Krieges<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Sechs Monate nach der Besetzung Moldaus und der baltischen L&#xE4;nder begann die UdSSR 1941 mit einer S&#xE4;uberung von &#x201E;Konterrevolution&#xE4;ren und Nationalisten&#x201C;: ehemalige Parteimitglieder, Polizisten, Grundbesitzer, hochrangige Beamte und Offiziere. Die Opfer selbst wurden in den meisten F&#xE4;llen f&#xFC;r mehrere Jahre in Arbeitslager geschickt. Ihre Familienangeh&#xF6;rigen wurden in abgelegene Regionen des Landes, einschlie&#xDF;lich Kasachstan, deportiert. Man ging davon aus, dass die Lagerh&#xE4;ftlinge nach ihrer Entlassung wieder mit ihren deportierten Angeh&#xF6;rigen zusammenkommen w&#xFC;rden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Deportation erfolgte im Juni &#x2013; buchst&#xE4;blich wenige Tage vor dem Einmarsch der Nazis. Auch die Westgebiete der Ukraine und von Belarus wurden einer zus&#xE4;tzlichen &#x201E;S&#xE4;uberung&#x201C; unterzogen: Dort wurde besonders auf Mitglieder nationalistischer Organisationen geachtet. Diese Deportationen waren nicht vollst&#xE4;ndig abgeschlossen, als der Zweite Weltkrieg begann. Einige Z&#xFC;ge mit Deportierten wurden sogar von den Deutschen bombardiert. W&#xE4;hrend des Krieges fanden fast alle Totaldeportationen statt: Ihnen unterlagen die sogenannten &#x201E;bestraften V&#xF6;lker&#x201C;.<\/p>\n\n\n\n<p>Der offizielle Grund f&#xFC;r die Zwangsmigration war entweder Vergeltung f&#xFC;r &#x201E;Verrat&#x201C; oder dessen Verhinderung. Ganze V&#xF6;lker, vollwertige Sowjetb&#xFC;rger:innen, wurden Tausende von Kilometern von ihrer Heimat zwangsumgesiedelt, nur weil sie einer Nationalit&#xE4;t angeh&#xF6;rten, mit der ein Krieg gef&#xFC;hrt wird oder gef&#xFC;hrt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Kriegsjahr wurden die Sowjetdeutschen total deportiert. Ihre Familien lebten fast 200 Jahre &#x2013; seit der Herrschaft von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Katharina_II.\">Katharina II.<\/a> &#x2013; im Land. Von Zwangsumsiedlungen waren fast eine Million Deutsche betroffen: zwei Drittel ihrer Gesamtzahl in der UdSSR. Deportiert wurden auch Finn:innen und teilweise w&#xE4;hrend des R&#xFC;ckzugs der Roten Armee Italiener:innen, Griech:innen, Krimtatar:innen und Rum&#xE4;n:innen. Die Deutschen wurden teilweise mehrfach umgesiedelt: Wenn sich herausstellte, dass sie sich beim letzten Mal &#x201E;nicht weit genug&#x201C; bewegt hatten und die Front bereits wieder n&#xE4;her r&#xFC;ckte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Deportationen wurden hastig und unter Geheimhaltung durchgef&#xFC;hrt. Die Menschen wurden gezwungen, fast ihr gesamtes Eigentum aufzugeben. Rinder wurden Kollektivb&#xE4;uer:innen gegen Quittung und mit dem Versprechen abgenommen, am neuen Ort Ersatz zu bekommen. Aber dieses Versprechen wurde &#x2013; wie auch viele andere &#x2013; nie erf&#xFC;llt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/langer-weg-nach-hause-wie-kasachstan-fur-sowjetische-deutsche-ein-zuhause-wurde\/\">Langer Weg nach Hause &#x2013; Wie Kasachstan ein Zuhause f&#xFC;r sowjetische Deutsche wurde<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Tats&#xE4;chlich wurde fast das gesamte Eigentum der &#x201E;Umsiedler:innen&#x201C; beschlagnahmt: Am neuen Ort mussten sie ihr Leben von Grund auf neu beginnen. Wie schon w&#xE4;hrend der Deportationen der Vorkriegszeit wurden sie in G&#xFC;terwaggons transportiert. Den Menschen mangelte es oft an Nahrung und Wasser, viele starben an verschiedenen Krankheiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele &#x201E;Sondersiedler&#x201C; &#x2013; sowohl alte als auch neue &#x2013; wurden w&#xE4;hrend des Zweiten Weltkriegs in die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arbeitsarmee\">&#x201E;Arbeitsarmee&#x201C;<\/a> mobilisiert. Der Staat betrachtete die Deportierten als billige und mobile Arbeitskr&#xE4;fte: Sie wurden in verschiedene Betriebe und Baustellen verlegt, wo sie in eingez&#xE4;unten Zonen mit bewaffneten Wachen und unter totaler Kontrolle die schwierigsten und anstrengendsten Arbeiten verrichteten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sowjetdeutschen waren hiervon besonders betroffen: Mehr als eine halbe Million M&#xE4;nner und ein Viertel der Frauen durchliefen die &#x201E;Arbeitsarmee&#x201C;. Ihre Kinder blieben damals entweder in der Obhut von Verwandten oder wurden in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kolchos\">Kolchosen<\/a> verbracht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Es gab strengen Frost. Sie brachten uns in eine Baracke in einer mit Stacheldraht umz&#xE4;unten Zone. Sie sagten, dass dort vor uns Gefangene waren. Zweifellos wurden wir selbst zu Gefangenen: T&#xFC;rme an den Ecken des Zauns mit bewaffneten Wachen, ein Checkpoint mit strenger Kontrolle bei Ein- und Ausgang. Bei Verlassen des Territoriums drohten neun Jahre Lager in Sibirien. F&#xFC;r die ganze gro&#xDF;e Baracke gab es nur einen Eisenofen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir schliefen in dreist&#xF6;ckigen Kojen aus ungehobelten Brettern. Sie ern&#xE4;hrten uns schlecht: Sie gaben Kohlreste &#x2013; Mehl in Wasser gemischt. Wir trugen Holzschuhe: Die Sohle war aus Holz und die Oberseite bestand aus Autoreifen oder Sackleinen. Die Arbeit war hart. Wir bauten eine Schmalspurbahn, arbeiteten in allen Bereichen, [&#x2026;] am Bau einer &#xD6;lpipeline. Die Frauen trugen Erde, die M&#xE4;nner gruben Gr&#xE4;ben f&#xFC;r die &#xD6;lpipeline&#x201C;<\/em>, berichtet Ivan Minich, der in die Arbeitsarmee mobilisiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Totale Deportationen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>1943 gelang es der UdSSR, den Kriegsverlauf zu ihren Gunsten zu wenden. Sie begann nach und nach mit der Befreiung der von den Nazis besetzten Gebiete. Damals begannen die Totaldeportationen, die als Akt der kollektiven Vergeltung f&#xFC;r die &#x201E;Verbrechen&#x201C; dienten, die nach Ansicht der Beh&#xF6;rden von Angeh&#xF6;rigen einer bestimmten Nationalit&#xE4;t gegen den Sowjetstaat begangen wurden. Solche Deportationen beinhalteten die gewaltsame Umsiedlung aller Vertreter:innen dieser Ethnie an einen neuen Ort.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat&#xFC;rlich war eine solche kollektive Verantwortung unfair: Mehr als 60 Millionen Sowjetb&#xFC;rger:innen, die in den besetzten Gebieten lebten, waren gezwungen, auf die eine oder andere Weise Kontakt zu den Besatzern aufzunehmen &#x2013; und mindestens eine Million von ihnen, unabh&#xE4;ngig von der Nation, taten dies sehr aktiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig stellten sich viele Vertreter:innen der &#x201E;bestraften&#x201C; V&#xF6;lker aktiv gegen das Dritte Reich: So k&#xE4;mpften beispielsweise 137.000 Krimtataren in der Roten Armee, von denen 57.000 in Schlachten starben. 46.000 Ahiska-T&#xFC;rken gingen an die Front, 26.000 von ihnen starben dort. Bei den Ahiska-T&#xFC;rk:innen lag die Sterblichkeitsrate nach offiziellen Angaben bei etwa 12 Prozent. Nach inoffiziellen Angaben k&#xF6;nnte sie bei einem Drittel aller Deportierten liegen. Sie mussten zwei bis drei Wochen lang reisen und wurden mitten im Winter nach Zentralasien gebracht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wer sp&#xE4;ter die Chance auf Rehabilitierung erhielt<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Nach dem Krieg wurden die Deportationen fortgesetzt. Sie richteten sich gegen Nationalist:innen aus den besetzten baltischen L&#xE4;ndern sowie gegen Mitglieder der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Organisation_Ukrainischer_Nationalisten\">Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN)<\/a>. Auch deren Angeh&#xF6;rige wurden vertrieben. Viele Armenier:innen wurden auf &#xE4;hnliche Weise unterdr&#xFC;ckt &#x2013; ihnen wurde vorgeworfen, mit Nationalist:innen der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Armenische_Revolution&#xE4;re_F&#xF6;deration\">Daschnaktsutyun<\/a>-Partei zusammenzuarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast zehn Jahre nach Kriegsende war die Situation der &#x201E;Sondersiedler:innen&#x201C; die gleiche: Sie arbeiteten in unerschlossenen Gebieten, wurden t&#xE4;glich bei der Kommandantur registriert und waren Voreingenommenheit und Diskriminierung durch die Beh&#xF6;rden ausgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Tod Stalins und der Entlarvung des Personenkults durch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nikita_Sergejewitsch_Chruschtschow\">Nikita Chruschtschow<\/a> begann sich die Position der &#x201E;Sondersiedler:innen&#x201C; zu mildern. Doch die Regierung handelte langsam und inkonsequent. Im Jahr 1954 wurden die gesetzlichen Beschr&#xE4;nkungen f&#xFC;r die Deportierten aufgehoben. Dies erm&#xF6;glichte ihnen, sich gemeinsam im Land zu bewegen, beispielsweise f&#xFC;r Gesch&#xE4;ftsreisen. Gleichzeitig wurde festgelegt, dass sie weiterhin nur dort leben durften, wohin sie deportiert worden waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es dauerte jedoch einige Zeit, bis die regionalen Beh&#xF6;rden dieser Anordnung nachkamen. Im Jahr 1955 beklagte sich das Kulturministerium der Kasachischen SSR dar&#xFC;ber, dass <em>&#x201E;viele regionale Abteilungen und regionale Kulturabteilungen, Leiter von Unternehmen, Kollektivwirtschaften und Staatswirtschaften noch nicht verstanden haben, dass Sondersiedler alle Rechte der B&#xFC;rger der UdSSR haben [&#x2026;], und diese weiterhin als Menschen &#x201E;zweiten Klasse&#x201C; betrachten.&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/gesellschaft-und-kultur\/die-diaspora-der-ahiska-tuerkinnen-in-kirgistan\/\">Die Diaspora der Ahiska-T&#xFC;rk:innen in Kirgistan<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig ist auch, dass die Dokumente nicht als Rehabilitierung oder Eingest&#xE4;ndnis von Fehlern formuliert wurden. Die Beh&#xF6;rden stellten lediglich fest, dass das alte Kontrollregime <em>&#x201E;nicht mehr erforderlich&#x201C;<\/em> sei. Als die nationale Autonomie der Tschetschen:innen und Ingusch:innen 1957 wiederhergestellt wurde, wurde sie als <em>&#x201E;Schaffung von Bedingungen f&#xFC;r die Entwicklung&#x201C;<\/em> beider V&#xF6;lker dargestellt. &#xC4;hnliches galt f&#xFC;r die Karatschaier:innen und Kalm&#xFC;ck:innen: Sie erhielten ihre nationale Autonomie zur&#xFC;ck und konnten zur&#xFC;ckkehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutsche, Krimtatar:innen und Ahiska-T&#xFC;rk:innen mussten auch darauf lange warten. 1972 wurde die Beschr&#xE4;nkung aufgehoben, die den Deutschen die R&#xFC;ckkehr in ihre Heimat untersagte. Offizielle Aussagen zur Rehabilitierung gab es jedoch nicht. Bis zum Zusammenbruch der UdSSR k&#xE4;mpften die Krimtatar:innen f&#xFC;r das Recht auf R&#xFC;ckkehr auf ihre Heimathalbinsel. Alle Nationen wurden erst 1989 offiziell rehabilitiert.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Besonders bittere Erinnerungen f&#xFC;hren uns zur&#xFC;ck in die tragischen Jahre der Repressionen Stalins. Gesetzlosigkeit und Willk&#xFC;r gingen an keiner Republik, an keinem Volk vorbei. Massenverhaftungen, Lagerm&#xE4;rtyrertum, mittellose Frauen, alte Menschen und Kinder in den Umsiedlungsgebieten st&#xF6;ren weiterhin unser Gewissen und verletzen unser moralisches Empfinden. Das kann man nicht vergessen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Oberste Sowjet der UdSSR verk&#xFC;ndet die vollst&#xE4;ndige politische Rehabilitierung dieser V&#xF6;lker und verurteilt bedingungslos die Praxis der Zwangsumsiedlung als schweres Verbrechen, das im Widerspruch zum Wesen des sozialistischen Systems, den Grunds&#xE4;tzen der Demokratie und der Legalit&#xE4;t steht&#x201C;<\/em>, hei&#xDF;t es in der Erkl&#xE4;rung der genannten sowjetischen Beh&#xF6;rde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Der Artikel entstand im Rahmen des Projekts <\/em><\/strong><a href=\"https:\/\/www.n-ost.org\/134-decolonising-journalism\"><strong><em>Decolonising Journalism<\/em><\/strong><\/a><strong><em> des Journalistennetzwerks n-ost in Zusammenarbeit mit dem JX Fund und mit Unterst&#xFC;tzung der Bundesbeauftragten f&#xFC;r Kultur und Medien.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nikita Shamsutdinov f&#xFC;r Masa-Media<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aus dem <\/strong><a href=\"https:\/\/masa.media\/ru\/site\/akt-priema-i-sdachi-pereselyaemykh-semey-zachem-sssr-massovo-deportiroval-narody-v-kazakhstan\"><strong>Russischen<\/strong><\/a><strong> von Robin Roth<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background\"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len: Schaut mal vorbei bei <a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>, <a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company\/novastan\/\">Linkedin<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. F&#xFC;r Zentralasien direkt in eurer Mailbox k&#xF6;nnt ihr euch auch zu unserem <a href=\"http:\/\/eepurl.com\/O0Qub\">w&#xF6;chentlichen Newsletter anmelden<\/a>.<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oft h&#xF6;rt man, Kasachstan sei &#x201E;ein multinationales Land, in dem mehr als 130 ethnische Gruppen in Frieden und Harmonie zusammenleben&#x201C;. Alle Schulkinder haben diesen Satz geh&#xF6;rt. Und zum gr&#xF6;&#xDF;ten Teil stimmt es nat&#xFC;rlich. Hinter der modernen Multiethnizit&#xE4;t verbirgt sich jedoch eine Geschichte von Massendeportationen voller Leid und zerst&#xF6;rter Leben. In der UdSSR unter Josif Stalin [&#x2026;]<\/p>\n","protected":false},"author":403,"featured_media":33285,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4,4359],"tags":[3530,1413,1233,2402,1644],"coauthors":[4960],"class_list":["post-33284","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kasachstan","category-panorama","tag-deportation","tag-geschichte","tag-sowjetunion","tag-stalin","tag-udssr"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33284","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/403"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33284"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33284\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35008,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33284\/revisions\/35008"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/33285"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33284"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33284"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33284"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=33284"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}